Neid

Part 5

Chapter 54,099 wordsPublic domain

Daß nämlich das Bild gemalt wurde, das war ihr Werk gewesen, das hatte sie durchgesetzt, während er es eigentlich gar nicht hatte haben wollen. Wenigstens, daß auch der ältere von den beiden Jungen auf dem Bilde war, daran lag ihm nun schon gewiß gar nichts, denn --

Aber wie gesagt -- denn ihren Willen hatte sie auch; nur daß es eine ganz andere Art war als wie der seine. So eine Art warmer Südwind, bei dem die Geschöpfe aufleben, gegen einen harten, kalten Nordost, der Alles erfrieren macht.

Aber mit dem Bilde, das hatte sie durchgesetzt. Das war ihr ein Bedürfniß gewesen. So etwas liebte sie. Wie sie denn überhaupt gar nicht abstrakt war. Sondern sie hatte etwas, was er nicht hatte, wovon er keine Ahnung hatte, was er gar nicht verstand, Phantasie! Phantasie! Phantasie!

Und damals, als das Bild gemalt wurde, war überhaupt Alles noch gut. Wenigstens so ziemlich. Da saßen die beiden Brüder noch einträchtig beisammen und hatten einander lieb. Während später -- aber das ist eigentlich nicht richtig -- denn der Kleine hat den Andern immer lieb gehabt, auch später. Aber der Andere -- -- An dem Tage aber war auch der Andere dem Kleinen noch gut und hielt ihn an der Hand und sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen, sonst kann der Maler Dich nicht malen.« Und da lachte der Kleine. Und wenn er lachte, das war immer so rührend anzusehen, weil es immer aussah, als thäte ihm das Lachen eigentlich weh. Und es sah auch gar nicht bloß so aus, sondern wahrscheinlich war es wirklich so, weil der arme, kleine Junge innerlich krank war, was der Andere damals freilich noch nicht wußte. Das hat er später erst erfahren, und als er es später erfuhr, war es zu spät; da war Alles vorbei -- Alles vorbei.

An dem Tage aber, als er sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen,« da war der Kleine ganz glücklich. Denn er hörte es so gern, daß der Bruder ihn Schnudri nannte; denn das war ihm ja ein Zeichen, daß ihm der Bruder gut war. Und mehr wollte er ja gar nicht. Nur gut sollte er ihm sein; denn es war eine so zärtliche Seele in dem kleinen Jungen, eine so feine!

Und daß er an dem älteren Bruder hing, das kam vielleicht auch daher, daß er ihn bewunderte. Denn der konnte alles Mögliche, was er nicht konnte. Der war größer und stärker als er und hatte runde, rothe Backen und eine breite Brust, und er hatte schmale Backen und eine eingesunkene, kleine Brust. Wenn sie neben einander her gingen, konnte der Schnudri kaum Schritt halten mit dem Anderen und fing an zu keuchen. Und dann nahm ihn der Andere an der Hand und ging langsamer. Das heißt, das that er früher; später nicht mehr. Später, wenn er hörte, daß der Kleine neben ihm einher keuchte, that er, als hörte er es nicht, gab ihm auch nicht die Hand und ging nicht langsamer. Weil er ein Hund geworden war und schlecht, eine Canaille!

Aber das allein, daß der Bruder größer und stärker war als er, das war es nicht, was das Brüderchen an ihm bewunderte. Sondern es war noch etwas Anderes. Nämlich der Andere wußte immer sehr schöne Spiele anzugeben, die sie zusammen spielten. Immer fiel ihm was Neues ein, und das dachte er sich dann im Stillen so aus, und dem Kleinen -- das war merkwürdig -- fiel nie etwas ein. Sondern wenn sie zusammen hinaus gingen in Wald und Feld, oder auch wenn sie bei schlechtem Wetter zu Hause spielten, wartete er immer ganz still und geduldig, was der Andere heute Neues angeben würde. Und wenn der es ihm dann gesagt hatte, leuchteten ihm die Augen, und dann mit dem allergrößesten Eifer machte er sich daran, daß er das neue Spiel nur ja recht genau ausführte und so, daß der Bruder zufrieden war.

Da wurde alles Mögliche gespielt. Zum Beispiel »Kaufmann«. Dazu gingen wir am See entlang, an dem unsere Stadt lag. Und an einer Stelle des Ufers lagen eine Masse Kieselsteine. Unter denen suchten wir uns welche aus, und jeder Kieselstein bedeutete ein Geldstück: einen Silbergroschen, ein Fünfgroschen-, ein Zehngroschenstück -- damals gab's noch keine Markrechnung -- und die schönsten waren Thaler. Dann wurde gezählt bis Hundert, und wer bis dahin die schönsten Kiesel zusammen gesucht hatte, der war der reichste Kaufmann und hatte gewonnen. Und zu Hause hatten wir einen kleinen Verkaufsladen; den hielt die Mutter unter Verschluß. Da war alles Mögliche drin: Mandeln und Rosinen, Pfeffermünzkügelchen und Lakritzenstangen und Mehlweißchen, was so eine Art Pfefferkuchen war; und mit unseren Kieselsteinen kauften wir uns dann von der Mutter aus dem Laden. Denn die Mutter, die spielte mit uns, aber der Vater nicht. Sondern wenn der dazu kam, störte er uns.

Zwar für gewöhnlich ging er nur ganz rasch durch das Zimmer hindurch, um an seine Acten zu kommen. Aber einmal kam es vor, da blieb er stehen und erkundigte sich, wie das Spiel wäre, und was es für Regeln hätte. Und weil nun, wie das gewöhnlich der Fall war, der Aeltere von den Beiden mehr Kiesel gefunden hatte und also mehr kaufen konnte als der Kleine, so sagte der Vater: »Das ist ja abgeschmackt; natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus.« Und dabei griff er ohne Weiteres in den einen Kasten, wo die Rosinen und Mandeln waren, und gab dem Kleinen eine Hand voll. Darauf machte der Kleine ein ganz langes Gesicht und sah sich ganz ängstlich nach dem Bruder um, als ob er es nicht annehmen wollte, weil er fühlte, daß das doch alles Spiel zerstörte. Dann aber, wie ihn der Vater unters Kinn faßte und sagte: »Na, was besinnst Du Dich denn, Hänschen« -- denn in Wirklichkeit hieß der Schnudri Hans -- da nahm er die Rosinen und Mandeln und fing an, davon zu essen. Dabei aber sah er sich immer wieder nach dem Bruder um. Und im Augenblick, als der Vater hinaus war, lief er auf den Bruder zu und legte ihm die Arme um den Hals und sagte ihm ganz hastig ins Ohr: »Das gilt ja nicht; das weiß ich ja; ich habe auch nur ganz wenig Rosinen gegessen und will Alles gleich wieder hinein thun.« Und damit lief er auch wirklich zu dem Kasten und that Alles wieder hinein, was ihm der Vater gegeben hatte. Alsdann so blieb er an dem Kasten stehen, ganz verschüchtert, als hätte er ein Unrecht begangen, und wie er den Bruder so mitten im Zimmer stehen sah und sah, daß der Bruder mit keinem Auge zu ihm hinsah, sondern immer nur an den Boden vor sich hin, da fragte er ganz kleinlaut: »Wollen wir denn jetzt nicht weiter spielen?« Darauf aber schüttelte der andere den Kopf und sagte: »Nein! Und ich will überhaupt gar nicht mehr spielen!«

Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz still, und dann mit einem Male fing er an zu weinen, bitterlich, und lief zu der Mutter hin und steckte den Kopf in ihren Schoß und sagte: »Ich kann doch nichts dafür! Ich kann doch nichts dafür!«

Und der Andere -- der Andere -- wenn er damals gewußt hätte, der Andere, was er jetzt weiß -- daß er den Ton, mit dem es heraus kam, das: »Ich kann doch nichts dafür!« hören und wieder hören würde, ein Leben lang und auch jetzt noch, da er an die siebzig Jahre alt ist, in so mancher, mancher schlaflosen Nacht -- dann würde er gekommen sein und weiter mit ihm gespielt haben und gesagt haben: »Nein, nein, Du kleine, Du feine, Du kluge Seele, Du bist nicht schuld, und ich will Dir nicht weh thun und Dir nicht noch mehr aufladen als Dir schon zu tragen gegeben ist.« Aber weil er das Alles damals nicht wußte, kam er nicht und spielte mit ihm nicht weiter. Und auch als die Mutter ihn rief und mit den traurigen Augen ansah und sagte: »Sei doch nicht so häßlich gegen Deinen kleinen Bruder; sieh doch, wie er sich grämt« -- auch da kam er nicht, sondern schüttelte den Kopf und lief zur Stube hinaus. Wie ein Hund lief er hinaus, wie ein böser, verstockter. Denn es war ihm auch zu Muthe wie einem Hunde, der einen Fußtritt bekommen hat. Und das war das Wort, das er vorhin gehört hatte: »Natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus!« und der Ton, mit dem das Wort heraus gekommen war, der kalte, scheußliche Ton, der ihm jetzt auch noch immer wieder kommt, wenn er Nachts nicht schlafen kann, wie ein Splitter von zerhacktem Eis, mitten hinein ins Herz!

Neben dem »Kaufmannsspiel«, von dem ich gesagt habe, gab es aber noch andere: »Pascher und Grenzsoldat«, »Jagd« und »Post und Reise«, was der Schnudri sehr gern hatte, weil er dabei immer in einem kleinen Wagen gefahren wurde. Und an bestimmten Stellen, wo die »Post« an Hindernisse kam, schmiß der Wagen um; und weil das immer die nämlichen Stellen waren, wußte der Kleine schon vorher, wo er umgeschmissen werden würde, und fürchtete sich immer ein bißchen, aber er freute sich doch noch mehr und bereitete sich vor, und jedesmal gab es dann ein Gequietsche vor lauter Vergnügen.

Das schönste von allen Spielen aber war das »Matrosenspiel«, das konnten wir aber nicht alle Tage spielen, sondern immer nur, wenn der Wind wehte; und je mehr Wind, um so besser. Dann ging es in den Wald hinaus. In dem Walde stand eine alte, große Linde; und auf die kletterten wir hinauf. Die Linde, das war unser Schiff. Darum, wenn wir in die Nähe von dem Baume kamen, commandirte der Aeltere: »Alle Mann an Bord!« und dann krähte der Kleine hinter drein: »Alle Mann an Bord!« und lief, so schnell er laufen konnte, daß er an den Baum und hinauf kam. Aber das wurde ihm jedesmal etwas schwer. Denn obschon die Zweige der Linde ziemlich tief ansetzten, war es doch für den kleinen Jungen zu hoch; darum mußte ihm immer der Andere, der vorauf geklettert war und schon in der untersten Gabel stand, die Hand hinunter reichen, und an seiner Hand zog er sich dann hinauf. Alsdann so hieß es: »Matrosen in die Toppen!« und der Schnudri krähte wieder nach. Dann wurde weiter hinauf geklettert, und der Baum war jetzt unser Mast. Und wenn der Wind den Mastbaum packte und herüber beugte und hinüber, dann war das ein herrliches Vergnügen. Wenn die Aeste durch einander rauschten und aneinander schlugen, dann hieß es: »Die Taue knarren!« und: »Die Taue knarren!« wiederholte der Kleine. »Es ist ein mächtiger Sturm« -- »es ist ein mächtiger Sturm.« Dann holten wir unsere Taschentücher hervor und faßten die Zipfel zusammen und hielten sie so, daß sich der Wind hinein setzte und sie aufbauschte wie kleine Segel. »Jetzt segeln wir!« sagte der Aeltere; »jetzt segeln wir!« sagte der Kleine. »Hü -- wie das geht!« »Hü -- wie das geht!«

Und wenn wir dann eine Zeit lang gesegelt waren, ging es noch einmal den Baum hinauf, immer höher, beinahe bis in die Spitze. Da war es am schönsten. Da zweigten sich mehrere Aeste nach rechts und links, so daß eine ziemlich große Gabel entstand. Und wenn wir uns dicht zu einander drängten, konnten wir beide in der Gabel sitzen. Das war die Cajüte. Und da setzten wir uns dann hinein, und der Kleine, weil er sich immer ein bißchen fürchtete, hielt sich mit seinem einen Arm an den Aesten, mit dem anderen schlang er sich um den Bruder, ganz eng, ganz eng. Und wenn er sich so an mich drückte, dann konnte ich sein Herz an meinem Leibe schlagen fühlen; das ging immer so rasch: puck, puck, puck; beinahe als wenn es flatterte wie ein kleiner Vogel, oder als wenn es das Pendel einer Uhr gewesen wäre, die zu rasch lief, zu rasch. Aber das Alles habe ich mir erst später gesagt, als die Uhr abgelaufen war und das Pendel stand. Damals gab ich nicht Acht darauf. Damals war ich ja selbst noch ein Kind, und daran, daß ein Kind sterben könnte, daran denkt ein gesundes Kind nicht. Wenn also nun die Beiden in ihrer Cajüte saßen und der Wind sie wiegte herüber -- hinüber, herüber -- hinüber, dann nach einem Weilchen fing der Schnudri an und fragte: »Wo fahren wir denn jetzt?« Denn er wußte, daß er so fragen mußte, weil das zum Spiel gehörte. Und dann sagte der Andere: »Jetzt fahren wir an Spitzbergen vorbei nach dem Nordpol« oder: »Jetzt fahren wir nach Ostindien.« Und jedesmal wußte der Schnudri, was er darauf zu sagen und zu thun hatte, und das that er auch immer wie am Schnürchen. Wenn es hieß: »Nach Spitzbergen!« dann fing er an zu schnattern, als wenn ihn fröre, und rief: »Na ja, darum wird es ja auch so kalt! Puh! Und da kommt ja schon ein Eisbär gelaufen! Den müssen wir schießen. Puff -- da liegt er.« Dagegen, wenn es hieß, daß wir nach Indien führen, dann fing er an zu schnaufen wie vor Hitze: »Na ja,« sagte er dann, »da sehe ich ja schon die große Stadt Calcutta. Und da kommt ja auch schon der Großmogul. Guten Morgen, Herr Großmogul, wie haben Sie geschlafen?« Und jedesmal, wenn er den Großmogul begrüßte, war ihm das so komisch, daß er lachte, lachte, daß sein magerer, kleiner Körper an meinem Leibe schütterte. Und das Alles hatte sich der Aeltere ausgedacht. Immer fuhr er mit dem kleinen Bruder durch die weite Welt, immerfort erzählte er ihm, und Alles, was er erzählte, stand ihm immer ganz leibhaftig vor Augen. »Jetzt fahren wir durch den indischen Ocean,« hieß es; »der ist so blau, daß, wenn man die Hand hinein taucht, kommt sie wieder heraus, als wenn man sie in blaue Tinte gesteckt hätte. Der ist so tief -- wohl zwanzigtausend Meilen tief. Und ganz, ganz unten ist es wunderschön. Da sind große Wiesen, aber die sind nicht grün wie die hier oben, sondern ganz blau. Und auf diesen Wiesen gehen die Meermänner spazieren und auf die Jagd. Und wie man hier oben nach Hirschen und Rehen jagt, so jagen sie da unten nach Fischen. Aber natürlich nicht mit Flinten; die würden ja im Wasser nicht losgehen, sondern mit Spießen. Und die Spieße sind ganz von Gold und haben Spitzen von lauter Diamanten. Und jetzt steigen wir aus,« hieß es weiter, »und jetzt sind wir in China. Da laufen die Chinesen herum, und die sind so gelb, daß ihre Köpfe aussehen wie Citronen, und die Augen darin sind so klein wie kleine, schwarze Rosinen. Jetzt kommen wir an die große Mauer. Und auf der großen Mauer da laufen immerfort die Wächter auf und ab und lassen Niemanden heraus und Niemanden hinein, wenn er nicht die Parole weiß. Und die Parole, die heißt: >Plumpudding<.«

Und jedesmal, wenn der Schnudri das hörte, wurde er ganz schwach vor Lachen und drückte seinen Kopf und sein Gesicht an den Bruder und stöhnte zuletzt, weil er nicht mehr lachen konnte: »Oh -- oh -- oh!«

»Und weil wir die Parole gewußt haben,« erzählte der Andere weiter, »sind wir durch die große Mauer durchgekommen, und jetzt sind wir in einem Wald, der ist so groß, daß er gar kein Ende hat; so groß wie ganz Asien. Und in dem Walde sind alle Thiere, die man sich nur denken kann: Löwen und Tiger, Hirsche und Rehe, Elephanten und Giraffen, und dann noch eines, das ist das merkwürdigste von allen, ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt, das Einhorn.« Und jedesmal, wenn der Kleine von dem Einhorn hörte, machte er ganz große Augen und hörte ganz lautlos zu. Und der Andere beschrieb es ihm dann so genau, als hätte er es eben erst gesehen: »Das ist ein Thier ungefähr wie ein Pferd und ganz weiß. Aber nicht wie ein Schimmel so weiß, sondern viel weißer noch, wie es sich gar nicht beschreiben läßt. Auf der Stirn hat es ein Horn, aber nicht ein so krummes wie das Nashorn eins hat, sondern ganz grade und lang und so spitz wie eine Lanze. Von seinen vier Hufen ist der eine von Gold, der andere von Silber, der dritte ist so schwarz wie eine Steinkohle und der vierte wie einer von den blauen Steinen, wie Mama welche um den Hals trägt.« Unsere Mutter trug nämlich einen Halsschmuck von Amethysten.

Und das Alles sich auszudenken und zu erzählen, machte dem Anderen solches Vergnügen, daß er oft gar nicht aufhören konnte und es manchmal beinahe schon dunkel war, wenn sie von ihrem Baume herunter kletterten und alsdann -- was hast Du, was kannst Du -- machten, daß sie nach Hause kamen. Und mit dem Allen, was er gehört hatte, war der Kleine dann immer so voll geladen wie eine kleine Kanone, daß er es gar nicht aushielt, sondern losschießen mußte gegen irgend Jemanden. Das war dann gewöhnlich die Mutter. Auf die lief er mit ausgebreiteten Armen zu und prustete vor Lachen: »Mama, Mama, weißt Du, wie die Parole heißt, damit sie Einen durchlassen durch die große Mauer? >Plumpudding! Plumpudding!<«

Und weil die Mutter sich immer freute, wenn der Kleine vergnügt war, nahm sie ihn dann manchmal auf den Schoß und ließ sich noch mehr von ihm erzählen, und wenn sie dann hörte, was sich ihr Aeltester Alles ausgedacht hatte, schüttelte sie manchmal leise den Kopf und sah sich nach ihm um und lächelte. Das war dann jedesmal so merkwürdig anzusehen, halb traurig, halb freudig, aber Alles zusammen so sanft, so schön, so -- so -- Aber einmal wieder, als der Schnudri auf ihrem Schoße saß und ihr gerade erzählte, was er von dem Einhorn gehört hatte, da erschien der Vater auf der Schwelle von seinem Arbeitszimmer. Es hatte ihn Niemand kommen sehen, und erst als er plötzlich sagte: »Von wem hast Du denn all' das dumme Zeug?« da merkten wir, daß er da war.

Alsdann, wie der Kleine stumm wurde, wie er das immer wurde, wenn der Vater zu ihm sprach, faßte er ihn wieder unters Kinn und sagte: »Wer hat Dir denn das Alles erzählt, Hänschen?« Darauf drehte der Schnudri ganz ängstlich das Gesicht zu dem Bruder herum, und der Vater zuckte die Achseln, wie wenn er sagen wollte: »Na ja! -- Das ist doch die Abgeschmacktheit in der Potenz,« sagte er darauf zu dem Anderen, »daß Du Deinem kleinen Bruder solchen Unsinn vorerzählst! Besser, als daß Du Dich mit Einhörnern und solchem Zeug abgiebst, wäre es, wenn Du Dich mit Deinen Rechnenaufgaben beschäftigtest. Deine Censur im Rechnen und Mathematik ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«

Darin hatte er nun recht. Denn Mathematik, und was damit zusammenhing, wollte dem Jungen absolut nicht in den Kopf. Darum, als der Vater die Thür wieder hinter sich zugeworfen hatte, stand er wie vor den Kopf geschlagen da. Er schämte sich. Aber nicht darüber, daß er im Rechnen und Mathematik nichts taugte, sondern es war eine ganz andere Scham in ihm, eine viel tiefere, schlimmere. Wie ein heißes Feuer stieg sie in seinem Innern auf und ging ihm über den ganzen Leib, daß er feuerroth wurde von Kopf zu Füßen. Kein Feuer, das den Menschen erleuchtet, sondern im Gegentheil ein rauchiges, das Alles dunkel machte da drinnen. Und der Rauch, der sich damals in der Seele des Jungen entwickelte -- wenn ich überlege -- ganz hat er sich eigentlich nie wieder verzogen, bis heute, siebzig Jahre lang.

Denn das Schlimmste war, daß er eigentlich nicht sagen konnte, warum er sich schämte. Denn er war ja noch ein Kind. Zwar dem Kleinen gegenüber hieß er ja immer »der Große«. Aber er war noch nicht groß, war auch noch ein Kind.

Immer, wenn er dem kleinen Bruder erzählte von dem indischen Ocean, von dem großen Wald und dem Einhorn im Walde, war ihm das so gegenwärtig gewesen, daß er zuletzt gar nicht mehr fragte, ob es wahr sei oder nicht. Und weil das Alles so etwas ganz Anderes war als das, was er in der Schule zu lernen und zu arbeiten hatte, versteckte er es wie eine geheimnißvolle Sache, beinahe wie eine verbotene in sich. Nur dem kleinen Bruder erzählte er es, und dem band er es auf die Seele: »Du darfst Niemandem davon sagen, höchstens der Mama.«

Und nun war doch Alles an den Tag gekommen. Und im Augenblick, als es heraus kam, war auch gleich so hineingefahren worden. Alles war dummer Unsinn! Darum schämte er sich. Denn er war damals noch zu klein, um sich gegen den Verstand zur Wehr zu setzen, der ihm da gegenüber stand; er wußte damals noch nicht, daß gar nicht Alles Unsinn ist, was solch einem kalten, abstrakten Juristenverstande so erscheint.

Seine Erzählungen, das war ihm immer gewesen wie eine andere Welt, in der er sich vor seinem Vater versteckte und vor seinem Mathematiklehrer. Und nun war das Alles aufgedeckt und gab's kein Versteck mehr. Darum war der schwarze Rauch in ihm, von dem ich gesagt habe; und er grämte sich, grämte sich.

Zwar am nächsten Tage stieg er wieder mit dem kleinen Bruder auf den Baum, und als sie in der Cajüte saßen, wollte er wieder anfangen, zu erzählen. Im Augenblick aber, als er den Mund aufthat, war es ihm, als hörte er das von gestern: »Das ist ja die Abgeschmacktheit in der Potenz« -- ganz deutlich, mit dem kalten, verächtlichen, gräßlichen Ton -- und das Wort brach ihm vom Munde ab; er sah nichts mehr vom indischen Ocean und vom Wald und vom Einhorn, sondern nur noch die graue Schiefertafel zu Hause, wo er ein Exempel zu rechnen hatte. Und als der kleine Bruder ganz schüchtern fragte: »Fahren wir denn heute nicht?« sagte er kurz und wild: »Nein -- kann nicht mehr,« und stieg vom Baum hinunter, der Kleine ganz stumm hinter drein, und ging mit ihm nach Hause und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort, denn in seinem Herzen war die Verzweiflung.

Und an dem Allen -- daß das Alles so gekommen war, das hatte ihm doch eigentlich der kleine Bruder angerichtet. Zwar, wenn er gerecht gewesen wäre, hätte er sich ja sagen müssen, daß der Kleine gar nicht schuld daran war. Der Mama hatte er es erzählt, und das hatte er ihm ja selbst erlaubt, und hatte nicht gemerkt, daß der Vater hinzugekommen war. Weil er sich vor Freude gar nicht zu lassen vermochte, hatte er Alles ausgeschwatzt, aus lauter Bewunderung. Das Alles hätte er sich sagen müssen, wenn er gerecht gewesen wäre. Aber er war nicht gerecht. Er hatte vom Vater das Temperament geerbt, das böse, heftige, während der Kleine sanft war, wie die Mutter. Darum wurde Alles stumm in ihm, was da zum Guten reden wollte, und nur der Groll blieb lebendig, der finstere, verstockte. Der kleine Bruder war doch an Allem schuld. Und von dem Tage an nistete sich in seinem Herzen etwas ein, etwas Schreckliches, so eine Art von Haß gegen den kleinen Bruder.

Eine Art von Haß, mit Neid vermischt. Denn was er schon lange dunkel gefühlt hatte, das wurde ihm nun immer deutlicher: daß der Kleine dem Vater lieber war als er. Vielleicht eben, weil der Vater in ihm das nämliche Temperament spürte, wie in sich selbst, das ihm wahrscheinlich böse Stunden bereitete, von denen er Niemandem etwas sagte; während der Kleine, wie ich schon gesagt habe, ganz das sanfte, liebe Temperament von der Mutter hatte. Auch in der Schule war der Kleine ganz anders als der Andere; ein viel besseres Lern-Kind; schrieb eine viel sauberere Handschrift, rechnete viel besser, ja sogar sehr gut; brachte auch immer sehr gute Censuren nach Hause. War mit seiner Kleidung viel ordentlicher, überhaupt in Allem viel gründlicher, so daß es eigentlich gar nicht zu verwundern war, daß der Vater ihn lieber mochte als den Andern.

Aber das ist eben das Leiden in den Kindern, daß sie keine Vernunftgründe haben, um ihrem Gefühle aufzuhelfen, wenn es verwundet wird. Und darum -- wer ein Kind in seinem Gefühle verwundet, der begeht ein Verbrechen -- ein -- ein --

Und darum, weil der Junge fühlte, daß sein Vater häßlich gegen ihn war und lieblos, fing er an, seinen Vater zu hassen. Und in dem Vater auch den kleinen Bruder, den der Vater mehr liebte als ihn. Darum, wenn der Kleine mit ihm spazieren ging und mit ihm spielen wollte, sagte er bei sich: »So -- also? Zu Hause bist du schon der Verzug und Hahn im Korbe, und nun bin ich Dir gut dazu, daß ich Dir auch noch zu Gefallen sein soll?« Und dann, wenn der kleine Bruder nach seiner Hand griff und sich daran hängen wollte, zog er die Hand zurück und gab sie ihm nicht. Wenn der Kleine mit den stummen Augen zu ihm aufsah, ob er ihn nicht wieder einmal »Schnudri« nennen würde, nannte er ihn »Hans«, und wenn er wartete und lauschte, ob sie nicht wieder einmal auf den Baum und in die Cajüte steigen und durch die Welt reisen würden, biß er die Zähne auf einander und spielte nicht und erzählte ihm nichts.