Part 4
Einer solchen aber sah die Wohnung keineswegs ähnlich; im Gegentheil. Ich hatte selten eine so zum Verweilen einladende Ausstattung gesehen, und das kam daher, daß die Wände von oben bis unten mit Bildern bedeckt waren. »Kupferstiche« hatte die Wirthschafterin in der Stadt verbreitet, aber ich erkannte, daß es keine Kupferstiche, sondern Radirungen waren, und auf Tischen und Stühlen lagen große Mappen, anscheinend mit ähnlichen, noch nicht eingerahmten Blättern gefüllt.
Der Dämmer, der im Zimmer herrschte, ließ mich zunächst nur einen allgemeinen Ueberblick gewinnen. Erst nachdem die Wirthschafterin die große Hängelampe angezündet und noch mehr Licht gebracht hatte, wurde es mir möglich, das Einzelne genauer zu erkennen. Es waren Alles Stücke von künstlerischem Werth, einige von älteren, die Mehrzahl von neueren Meistern, vorwiegend Landschaften, dann auch ganz phantastische Sachen, mit der zartesten Empfindung, mit dem feinsten Verständniß ausgewählt und zusammengestellt.
So etwas hier in der Stadt, an welcher der große, warme Strom der Kunst vorüberging in weiter, weiter Ferne, kaum vernommen und kaum gesehen! Ich war völlig verblüfft. Als ich mich umsah, stand der alte Graumann hinter mir. Er war unhörbar herangetreten; seine Augen ruhten auf mir.
»Gefallen sie Ihnen?«
»Ja,« versetzte ich; »ich hätte nie geglaubt, daß ich hier am Orte so etwas finden könnte.«
Ein grimmiges Lächeln huschte um seine Mundwinkel, als hätte er sagen wollen: »Das glaube ich«, aber er sagte nichts, sondern ließ den Blick schweigend neben dem meinigen über die Bilder wandern.
»Eine schöne Kunst,« sagte er nach einiger Zeit; »finden Sie auch?«
»Sie meinen -- das Radiren?« Er nickte.
»Eine tiefe, stille, einsame Kunst,« fuhr er, wie in Gedanken zu sich selbst sprechend, fort. »Ganz, wie ich mir immer gedacht habe, daß Kunst eigentlich sein muß. So vor seinem Brett sitzen; erst das Bild sich herbeiholen aus seiner Phantasie; dann das Bild ausführen, Strich, Strich nach Strich, so voll Andacht, voll Liebe, voll Liebe. Und darüber Alles vergessen, was da draußen vor unseren Fenstern vorbeiläuft, das ganze Menschenvolk, das da draußen umherstrampelt, in seinen Alltagsgedanken und Eintagsgedanken« -- er brach ab.
Es fiel mir ein, was man mir vom Weinkeller des Herrn Kurzer erzählt hatte und von der Figur der Löwenreiterin in dem Keller.
»Herr Regierungsrath üben die Kunst vielleicht selbst aus?« fragte ich.
Ein dumpfes Knurren, beinahe ein Fauchen war die Antwort.
»Wissen Sie nicht, daß ich Beamter gewesen bin? Beamter in Preußen und Kunst machen! Ja! Nicht wahr?« Er schlurfte mit weiten Schritten im Zimmer umher. Dann blieb er stehen. »Wenn ich nicht Beamter gewesen wäre -- aber wer's einmal ist, der wird's nicht wieder los. Einmal vielleicht« -- Abermals verstummte er, und wieder erschien der schwere, trostlose Blick, den ich schon öfters an ihm bemerkt hatte. Dann schlug er mit der Hand durch die Luft, als wenn er etwas abthun wollte, irgend eine Erinnerung.
»Sie sind Referendar?« fragte er nach einiger Zeit.
»Ich bin Referendar.«
»Wollen also auch Beamter werden.« Er zuckte mit den Achseln, er wiegte das Haupt. »Dann darf Ihnen so etwas« -- er warf die Hand nach den Bildern hin -- »eigentlich gar nicht gefallen. Liegt seitab vom Weg. Gibt's nicht, darf's nicht geben! Scheuklappen an den Kopf und vorwärts und geradeaus! Nicht rechts noch links gesehen! Vorwärts und geradeaus! Immer die Leiter 'rauf! Immer die Leiter 'rauf! Und das ein Lebenlang« -- er fing wieder an auf- und abzugehen, und seine Worte verloren sich in einem unverständlichen Gemurmel, das fast wie Grunzen klang.
Inzwischen war der Kaffee fertig geworden. Die Wirthschafterin räumte behutsam die Mappen von dem großen Tische, der in der Mitte des Zimmers stand und setzte die dampfende Kanne, Tassen und Teller auf.
»Jetzt Kaffee, Kinder, Kaffee!« rief der alte Graumann. Er nahm das kleine Mädchen unter die Arme, setzte es auf einen Stuhl und rückte den Stuhl an den Tisch. Desgleichen den Jungen. Die Wirthschafterin schenkte ihnen die Tassen voll.
»Und jetzt einstippen, Kinder!« sagte er. Er schob ihnen den Kuchenteller zu, und als er sah, daß die Kinder zu schüchtern waren zuzulangen, steckte er jedem von ihnen ein Stück Kuchen in die Hand. Nun kam die Sache in Gang. Ich stand in der dunklen Ecke des Zimmers. Plötzlich faßte mich der alte Mann beim Arm. Mit einem Blick, als sollte ich leise sein, deutete er mit dem Kopfe nach dem Tische hin, an dem die Kleinen saßen, ihren Kuchen in den Kaffee tauchten und eifrig und immer eifriger zu essen begannen. Seine Lippen bewegten sich, so leise, daß ich ihn kaum verstand: »Wie das aufthaut! Wie das 'rauskommt aus dem Boden! Wie das Mensch wird!« Als wenn er ein Wunder gewahrte, so blickte er zu den Kindern hinüber. Das kleine Mädchen hatte ausgetrunken. Noch bevor die Wirthschafterin ihm zuvorkommen konnte, war der alte Graumann heran und schenkte ihr die Tasse wieder voll. Dann setzte er sich selbst an den Tisch, den Kindern gegenüber. Das Licht der Hängelampe fiel auf sein Gesicht; sein großes, plumpes Gesicht leuchtete.
»Schmeckt es, Kinder?« fragte er. »Schmeckt es?«
Die beiden kleinen Gesichter erhoben sich zu ihm. Ein glückliches Lächeln strahlte aus ihren Augen. »Ja -- gut,« sagte der Junge mit einem Tone des gesättigten Behagens. Der alte Graumann wischte sich mit der breiten, flachen Hand über den Mund. »Und Dir? schmeckt Dir es auch?« wandte er sich an das Mädchen. »Ja, Herr Regierungsrath, sehr gut,« erwiderte die kleine, piepende Stimme.
Der alte Graumann lachte wie ein vergnügter Bär. Er sprang auf, nahm die kleinen Köpfe, einen nach dem anderen, in seine Hände und drückte sie. »Ihr Kinder!« sagte er, »Ihr Kinder!« Dann plötzlich stürzte er ans Fenster, schüttelte die geballte Faust nach der dunklen Straße zu, als stände da draußen Jemand. »Ihr Menschen,« brüllte er, »o Ihr -- Canaillen!«
Die Kinder fuhren erschrocken auf. Vom Fenster kam er zu ihnen zurück; er streichelte sie, klopfte sie auf Kopf und Rücken.
»Habt Ihr Taschen an den Röcken? Nein --. Also packen wir den Kuchen wieder in die Tüte. Gehört Euch; nehmt Ihr mit zu Vater und Mutter.« Er raffte die Ueberbleibsel des Kuchens in dem Papier zusammen und gab sie dem kleinen Mädchen in die Hand. Die Kleinen hatten sich erhoben; er stand vor ihnen.
»Nächstens kommt Ihr wieder zu mir 'rauf. Wollt Ihr wieder zu mir 'rauf kommen? Trinkt Ihr wieder Kaffee bei mir. Wollt Ihr wieder Kaffee trinken?«
Die Kinder standen und blickten stumm und rathlos zu ihm auf. Dann mit unwillkürlicher Bewegung erhob der Knabe den rechten Arm und streckte dem alten Mann die kleine Hand hin. Der alte Graumann legte die kleine Hand in die Fläche seiner rechten Hand und deckte die linke darüber, als wenn er eine Kostbarkeit in seiner Hand verschlösse. »Wir bedanken uns auch schön,« piepte das kleine Mädchen.
Der alte Graumann ließ die Hand des Knaben fahren, drückte die Köpfe der beiden Kinder an einander und sein Gesicht darauf, so daß er beide mit den Lippen berührte. »Ach,« sagte er, »ach, ach, ach.«
Er richtete sich auf und drehte sich nach mir um. »Ich muß mit ihnen hinuntergehen,« erklärte er. »Sie wissen, wegen der Mütze. Sie schenken sich eine Tasse Kaffee unterdessen ein. Nicht wahr? Kuchen ist nicht mehr da. Aber eine Cigarre vielleicht?« Er stellte die Cigarrenkiste vor mich auf den Tisch.
»Gern,« sagte ich, denn ich fühlte, daß er mich noch haben wollte.
Der Regierungsrath trat zwischen die beiden Kleinen, nahm den Jungen an der rechten, das Mädchen an der linken Hand, so zu Dreien verließen sie das Zimmer.
Ich schaute ihnen nach. Wie sie neben ihm einhertrippelten, die kleinen Geschöpfe, immer noch befangen, kaum im Klaren darüber, was sich eigentlich mit ihnen begeben hatte, und doch vertrauensvoll, weil er wie ein Schutzgeist zwischen ihnen ging, der sie vor dem Zorn ihres Vaters bewahren würde! »Der alte, böse Mann« ihr Schutzgeist! Ich hatte Zeit, dem Gedanken nachzuhängen, denn ich blieb eine Weile allein. Wie merkwürdig das Alles! Gestern noch war er mir als eine Spukgestalt erschienen und heute so nahe und so lebendig. Und indem ich dieses Mannes gedachte, dieses sonderbaren, scheinbar aus Widersprüchen zusammengesetzten, erlebte ich, was man erlebt, wenn man zum ersten Male in die Atmosphäre eines ungewöhnlichen Menschen tritt: man bekommt ein unbestimmtes, aber starkes Allgemeingefühl von seiner Persönlichkeit. Ich fühlte, indem ich seiner gedachte, eine Wärme, beinahe eine Gluth; nicht anders, als wenn ein Ofen vor mir stände, in dem unausgesetzt ein mächtiges Feuer brannte. Alles, was mir die stummen, heißen Augen angedeutet hatten, wenn ich auf dem Spaziergang an ihm vorüber schritt, bestätigte sich: ein Mensch, der über seinem Innern stand wie über einem brodelnden Kessel; darin herumwühlend in unablässigem Sinnen; Erinnerungen heraus fischend, Gedanken daraus schöpfend. Und das alles stumm, in stummer, verschlossener Brust. Bis daß eine Stunde kam, da ein Mensch ihm erschien, der ihm Vertrauen einflößte. Und da wuchs der dunkle Strom, der sein Inneres durchwogte, wuchs und schlug an die Wände der Brust, als wenn er sie sprengen und durchbrechen wollte. Wie ein dumpfer Ruf erhob es sich aus dem dunklen Strom, wie ein Hülfeschrei: »Höre mich an!«
Sollte ich ihn nicht anhören? Ja -- ich sollte, ich sollte.
Durch eine andere Thür, als durch die wir eingetreten waren, durch das Schlafzimmer, das an den Vorderraum anstieß, kam er zurück. Ein Kopfnicken begrüßte mich, als er mich rauchend am Tische sah. Dann, seiner Gewohnheit folgend, durchmaß er ein paarmal schweigend das Zimmer.
»Einmal vor Jahren,« hob er an, »als der Oberpräsident der Provinz Brandenburg eine Inspectionsreise machte und sich seine Beamten vorstellen ließ, hat er mir die Hand gegeben. Eine kolossale Ehre, nicht wahr?« Er war stehen geblieben und sah mit höhnisch zwinkernden Augen zu mir herüber. »Und vorhin, sehen Sie, als der Junge seine kleine Pfote aufhob und nach meiner Hand langte, ist mir zu Muthe gewesen, als wenn mir eine zehnmal größere Ehre angethan würde als damals, wo der Herr Oberpräsident mir seine kalte, schwammige Hand zu drücken erlaubte. Mangel an Standes- und Beamtenbewußtsein -- das haben sie mir in die Conduitenliste geschrieben, ich weiß es. Sehen Sie, die haben mich erkannt. Es ist wahr; in Preußen, wenn der Mensch Geheimrath wird, wird er bekanntlich klug. Schade, daß ich's nicht geworden bin; hätte vielleicht noch was aus mir werden können.« Unter innerlichem Lachen nahm er seine Wanderung durch die Stube wieder auf.
»Die Menschen,« begann er von Neuem, »da schreiben sie dicke Bücher, haspeln sich die Seele aus dem Leibe in parlamentarischem Geschwätz, ganze Zeitungen schreiben sie voll, wie die Noth abgeschafft und der Menschheit geholfen werden kann. Ihr Dummköpfe und flachen Herzen! Steht's nicht geschrieben auf dem Gesicht Eures Mitmenschen? Könnt Ihr's nicht lesen, was da steht, das einzige Mittel, das helfen kann und helfen würde, das Jeder brauchen könnte, wenn Ihr's nur brauchen wolltet: Fülle Deines Nebenmenschen Herz mit Glück!«
Er hatte das so laut gesagt -- »gebrüllt« würde der Weinhändler Kurzer gesagt haben --, daß ich mich unwillkürlich im Stuhle aufreckte. Mitten im Zimmer stand er, die glühenden Augen ins Leere gerichtet, den rechten Arm in unbewußter Bewegung emporgestreckt, wie ein Bußprediger der alten Zeit, mächtig, feierlich, ergreifend.
In schweigendem Staunen blickte ich auf den alten, wundersamen Mann. Langsam ließ er den Arm sinken, langsam kamen seine Augen aus der Ferne zurück, zu mir herüber.
»Langweilt Sie das Alles?« fragte er mit schwerem Ton.
»Nein,« erwiderte ich rasch, »durchaus nicht.«
Seine Augen ruhten auf mir wie eine körperliche Last, seine Brust hob sich, er trat einen Schritt auf mich zu.
»Ich muß Ihnen etwas sagen, -- Sie gefallen mir.« Dreimal, als wenn er das Wort bestätigen und bekräftigen wollte, nickte er mit dem grauen Haupte vor sich hin. »Wir sind uns manchmal auf dem Spaziergange draußen begegnet. Wenn wir uns begegnet sind, sind Sie immer anders gewesen als die Anderen. Die Anderen gehen ja fast niemals allein, immer wie die Dohlen, in ganzen Schwärmen, immer schwatzend. Wenn mir so ein Haufen begegnet, stoßen sie sich unter einander an: >da kommt der verrückte alte Kerl< und dann grinsen sie, als sollten ihnen die Gesichter auseinander klappen. Kommt zufällig mal einer allein, dann grinst er, solange wir noch weit von einander sind, und wenn er nahe 'ran ist, macht er, daß er vorbei kommt, als wenn er sich fürchtete. Sie sind manchmal an mir vorbei gegangen, nicht wie ein flacher, leerer Mensch, der auf nichts Acht gibt, denn Sie hatten mich wohl bemerkt, das habe ich gesehen. Aber Sie haben es gemacht wie ein ernster, nachdenklicher Mensch. Haben nicht gegrinst und sich auch nicht gefürchtet. >Wirst ihn nicht stören, den alten Kerl<, so sind Sie an mir vorüber gegangen, aufmerksam und still und anständig. Ich habe das wohl bemerkt. Sie haben's vielleicht nicht gedacht, aber ich habe es bemerkt. Ich weiß, was die Menschen von mir sagen. Aber es ist nur halb richtig, wie Alles immer nur halb richtig ist, was sie sagen, die Menschen, die Alles immer nur von außen ansehen. Ich bin ein Grobian, das ist wahr; aber ich will Ihnen etwas sagen, -- nur von außen, -- innerlich vielleicht nicht.«
Bei den letzten Worten hatte sich seine Stimme beinahe zum Flüstern gesenkt. Dennoch hatte ich ihn verstanden, und indem ich ihm von der Seite zusah, wie er wieder auf- und niederzugehen anfing, und indem ich an Alles dachte, was ich heute mit ihm erlebt hatte, begriff ich, was er meinte, und gab ihm schweigend Recht.
»Und heute,« fuhr er, hin und her wandelnd fort, »bei dem, was heute geschehen ist, und wie Sie dabei gewesen sind, das hat mir gefallen. Ich muß es Ihnen sagen, hat mir gefallen. Sie hatten es mit angesehen, was sich da anspann mit den beiden Kleinen, die sich ihren Schneemann gebaut hatten, und den rüden Bengeln, die ihnen das Vergnügen störten. Hundert Andere wären einfach vorüber gegangen. Natürlich. Sind ja Kinder. Alles Kinderei. Wie wird sich ein vernünftiger Mensch um so etwas kümmern. Ihr Flachköpfe! Wer von den Kindern nicht lernt, von den Erwachsenen lernt so Einer gewiß nichts. Die Erwachsenen sind ja gar keine Menschen mehr. Jeder hat einen Beruf, und der Beruf, das wird seine Natur. Eine wirkliche Natur hat so Einer gar nicht mehr. Das Kind, das ist die Menschenpflanze, wie sie aus der Erde kommt, das hat noch gar nichts Anderes als seine angeborene Natur, das ist der Mensch. Wer darin zu lesen versteht, der kann Dinge erfahren -- merkwürdige --, die er sein ganzes Leben lang nicht wieder vergißt.«
Wieder verloren sich diese letzten Worte in einem murmelnden Geflüster, und ich fing an zu bemerken, daß dieses Flüstern immer da eintrat, wo seine Worte und Gedanken sich auf ihn selbst richteten. Durch die Schlafstubenthür, die bei seinem Wiedereintreten offen geblieben war, konnte ich in das Schlafzimmer hineinsehen. Auf einem kleinen Tische an der Hinterwand, mir gerade gegenüber, hatte die Wirthschafterin, indem sie davonging, eine Lampe aufgestellt, und diese Lampe beleuchtete ein Bild, das darüber an der Wand hing. Ein Oelbild, zwei Knaben darstellend, mit runden, rothen Wangen, mit feurigen Augen der eine, der größere, mit schmalem, blassem Gesicht, mit wehmüthig bittenden Augen der andere, der kleinere. Das Bild, von dem ich gehört hatte, das ihn darstellte, den alten Graumann, wie er ausgesehen hatte als Kind. Und der Andere -- sein Bruder? Meine Augen hingen an dem Bilde. Die Dinge, »die man ein Leben lang nicht wieder vergißt« -- ob sie im Zusammenhang stehen mochten mit dem Bilde da drüben?
Ob er es bemerkt hatte, daß das Bild meine Aufmerksamkeit fesselte, -- ich weiß es nicht; jedenfalls sagte er nichts. Er setzte seine Stubenwanderung und sein Selbstgespräch fort.
»Sie haben es anders gemacht als die Andern, sind nicht vorbeigegangen, sind stehen geblieben, haben sich die Geschichte angesehen. Von meinem Fenster habe ich Alles sehen können. Das ist ein Mensch, habe ich mir gesagt, der nimmt die Kinder ernst; denn daß Sie nicht aus bloßer Neugier stehen geblieben sind, habe ich an Ihrem Gesichte bemerkt. Das muß ein Mensch sein, habe ich mir gesagt, der innerlich Zeit hat; denn wer Kindern zusehen will, muß Zeit haben. Darum kann es kein Streber sein, denn ein Streber hat nie Zeit. Das muß ein innerlich feiner Mensch sein, habe ich mir gesagt, denn wer Kinder ernst nehmen will, muß innerlich fein sein. Und das eben ist das Unglück,« -- er brach plötzlich wieder in seinen Donnerlaut aus -- »daß es so gräßlich wenig innerlich feine Menschen giebt! Wenn man so alt geworden ist wie ich, -- es ist gräßlich, wenn man zurückdenkt und sieht, wie wenig innerlich feine Menschen Einem begegnet sind auf der Welt! Alles so gar nicht da für den Nebenmenschen! Alles nur immer vor sich hinstierend auf den eigenen Weg! So roh, so ordinär, so knotig! Ja, Knoten --, das sind sie, die Menschen, alle, wie sie gebacken sind, Beamtenknoten, Geldknoten, Berufsknoten! Und am knotigsten, wenn sie sich Lackstiefel anziehen, einen Frack darüber hängen und womöglich ein paar Orden dran stecken und sich einbilden, jetzt wären sie fein. O Du Herrgott im Himmel, was für eiserne Seelen, was für erbarmungslose Gemüther laufen unter den schwarzen Fräcken und hinter den weißen Hemdenbrüsten umher! Weil sie eine Hornhaut über ihrem Inneren haben, die immer dicker wird, je weiter sie hineinkommen in das Leben! In dieses Leben, das gar kein eigentliches Leben mehr ist, sondern so eine Art von Wettlauf zwischen zwei Reihen von Schutzmännern, die Acht geben, daß Keiner dem Andern das Portemonnaie aus der Tasche holt und den Andern todtschlägt. Und unterdessen wird das da drinnen, was man die Seele nennt, die Menschenseele, was etwas so Schönes ist, wenn es aus Gottes Händen zur Erde herunter kommt, etwas so Zartes, Empfängliches und Empfindliches --, das wird nun immer härter und holziger, bis daß es zur Borke wird, zur fühllosen Borke! Da giebt's keine Augen mehr für das blasse Gesicht, das neben uns hergeht, keine Ohren mehr, wenn etwas neben uns seufzt; da wird zugegriffen, und wenn man dabei einem Andern ins Herz greift, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Griff gekommen. Da wird drauf los gegangen, und wenn man dabei einen Andern unter die Füße tritt, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Weg gekommen. Und wenn das zufällig ein Kind war, -- ja, Du mein Gott -- es ist ja so etwas Kleines; wer hat denn Zeit, auf so ein Pflänzchen zu achten. Und wenn es wirklich einen Tritt abbekommen hat, -- na, mein Gott -- wird ja nicht dran sterben, ist ja noch so jung, das wächst sich ja Alles wieder aus.«
Er war stehen geblieben.
»Und das ist eben der Irrthum! Das ist nicht wahr! Es wächst sich nicht wieder aus. Es gibt Seelen, die können Fußtritte nicht vertragen. Wenn die einmal wund geworden sind, bleiben sie wund, ihr Lebenlang; ihr Lebenlang.«
Er war an den Tisch getreten, an dem ich saß. Er stützte die Hände auf; das Licht der Lampe spiegelte sich in seinen Augen. Seine Augen gingen über mich hinweg; seine Brust arbeitete, als wühlte darinnen ein Entschluß. Wie ein Gefäß sah er aus, wie ein übervolles, aus dem der Inhalt heraus will, und auf das man den Deckel niederdrückt, weil nichts heraus soll. Ich gab keinen Laut von mir. Verstohlen, von der Seite blickte ich ihn an. Mir ahnte, daß, wenn ich ein Wort spräche, ich die Seele, die da vor mir kämpfte und rang, stören würde, zurückschrecken und wieder stumm machen würde, diese merkwürdige Seele, die hinter Borsten und Stacheln der Außenseite versteckt lag wie ein Geheimniß, weich, beinah hülflos wie ein Kind.
»Sie sind ein Mensch,« fing er wieder an, »der innerlich Zeit hat. Mit solchen Menschen kann man sprechen. Solche Menschen können zuhören. Wollen Sie zuhören?«
Er hatte mich nicht angesehen, indem er sprach.
»Wenn Sie sprechen wollen,« erwiderte ich, »gern; wirklich gern.«
Wieder, wie er vorhin gethan hatte, nickte er dreimal mit dem grauen Haupte vor sich hin. Er sah mich auch jetzt nicht an. Vom Tische trat er zurück, in die dunkle Ecke des Gemaches, hinter mich. Ob er stand, ob er sich setzte, ich weiß es nicht. Ich fühlte, daß er nicht angesehen sein wollte; ich sah mich nicht um. Und aus der dunklen Ecke hinter mir, so wie ich es hier wiedergebe, mit allen Kreuz- und Quersprüngen und Sonderbarkeiten, kam nun das, was er mir an dem Abend erzählte, der alte Graumann.
»Es waren einmal zwei Kinder. Zwei Knaben. Brüder. Geschwister. Die Kinder hatten Eltern.
Wenn man so von Eltern spricht, dann klingt das immer, als wäre das so ein Ding, gewissermaßen ein Mensch. In Wahrheit ist das ganz anders. Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich, und die Menschen sind verschieden. Sehr. Der Vater also von den Beiden war ein Beamter. Ein Jurist. Und Juristen sind noch mehr Beamte als Andere. Was ein guter Jurist sein will, das muß denken können wie ein Mathematiker, ganz unkörperlich, was man so abstrakt nennt. Und wer ein ganzes Leben lang so abstrakt denkt, wird es zuletzt selbst; und dann sieht er die Welt wie ein Schachbrett an und die Menschen darauf wie Schachfiguren, die jede ihre vorgeschriebene Gangart haben, im Uebrigen aber sich nicht unterscheiden, weil sie alle von Holz oder von Elfenbein oder von irgend einer Masse überhaupt sind. Und wenn so eine Schachfigur einen anderen Gang gehen will, als die Regel befiehlt, dann -- dann geht das einfach nicht. So eine ist abgeschmackt. Ist abgeschmackt -- es gibt ja schlimmere Worte -- aber wenn er so vom Gericht kam, die Acten unterm Arm, in seinem schwarzen Gerichtsfrack -- denn damals trugen sie ja noch Fräcke -- und unzufrieden war mit irgend etwas, dann kam das: »es ist abgeschmackt«, und das war dann jedesmal, als wenn Eis zerhackt würde, und die Eissplitter flogen umher und trafen, wohin es war, in das Gesicht, in die Augen, aber immer dahin, wo es wehe that.
Er war nämlich ein Rath am Gericht, an einem Oberlandesgericht, und ein sehr angesehener, ein Senatspräsident.
Vielleicht wäre er gern Gerichtspräsident gewesen, und es wurmte ihn heimlich, daß er's nicht war. Denn er war ehrgeizig und stolz und eigentlich furchtbar leidenschaftlich. Aber er zeigte das nicht, hatte sich immer in der Gewalt, wie wenn er immer am Tische säße als Senatspräsident, schluckte Alles in sich hinein. Und so etwas ein Leben lang. Das ist wie eine Feuersbrunst in einem Bergwerk, wo man die Schächte zubaut, damit sie erstickt. Inwendig frißt das doch weiter, und einmal, bei Gelegenheit bricht das doch heraus, und dann wird so etwas fürchterlich.
In seiner Jugend mußte er ein stattlicher Mann gewesen sein, schlank und groß; daher wird es sich erklärt haben, daß er solch' eine Frau bekommen hat, wie er sie gehabt hat. Denn die Frau -- das war eine herrliche Frau.
Ich weiß nicht -- daß heißt, ich habe es immer scheußlich gefunden, wenn Menschen von ihrer »schönen Mutter« sprechen. Ein Muttergesicht ist ganz etwas Anderes als schön, das ist heilig. Ich bin jetzt nahe an die siebzig Jahre und wenn ich denke, wie lange das her ist, daß sie nicht mehr da ist, dann ist mir, als wäre es eine Ewigkeit. Aber noch jetzt, wenn ich so einsam für mich hingehe oder des Nachts liege und nicht schlafen kann, dann sehe ich ihr Gesicht. Dann ist mir wie an dem Tage, als das Bild da gemalt wurde, von den beiden Brüdern. Das war an einem Sommertag. Und da setzte sie sich uns gegenüber, damit wir hübsch still hielten. Ihren Strohhut hatte sie an den Bändern -- denn damals banden die Frauen die Hüte noch unterm Kinn zusammen -- um den Arm gehängt und eine Häkelarbeit vorgenommen. Und immer über die Arbeit sah sie zu uns hinüber und freute sich und sah so glücklich aus wie später niemals wieder, niemals wieder.