Part 2
Darum, als zum vierten Male Weihnachten heranrückte, erhielt der alte Graumann eines schönen Tages von den Anstaltsdamen einen Brief, worin ihm höflichst für die liebevolle Gesinnung gedankt wurde, die er ihren Schützlingen bisher erwiesen hatte, in dem ihm aber zugleich zu erwägen gegeben wurde, ob er in Zukunft seine Geschenke nicht lieber vor der Bescherung einsenden wollte, damit sie von den Damen vertheilt würden. Die ethisch-erzieherische Methode, nach der er seine Gaben vertheilte, wäre ja den Erwachsenen durchaus einleuchtend und auch dankenswerth, aber er würde sich ja wohl selbst sagen, daß Kinder noch nicht fähig wären, eine Methode, die solche Selbstüberwindung forderte und so harte Proben auferlegte, gebührend zu würdigen, und darum möchte es vielleicht besser sein -- der alte Regierungsrath hatte verstanden; seit dem Tage hat man ihn in der Anstalt nie wieder gesehen.
»Die Damen hätten es anders einrichten sollen,« hörte man später den Weinhändler Kurzer sagen, »hätten den Herrn Regierungsrath nicht so zu ärgern brauchen; denn geärgert hat er sich schmählich.«
Der Weinhändler Kurzer war nämlich der Mann, der einen Weinkeller unweit des Marktes besaß, einen Keller mit schönen Spitzbogengewölben. Und in dem Keller erschien an jedem Nachmittag, pünktlich wie nach der Uhr, zu einer Zeit, wo sonst Niemand anwesend war, der alte Graumann, um einen kräftigen Schluck zu trinken.
Ob es die Gesellschaft des Herrn Kurzer war, die ihn lockte? Oder das Spitzbogengewölbe? Man erzählte sich, daß es noch etwas Anderes war, und das war wieder einmal solch' eine Schrulle des tollen alten Mannes. In dem Keller nämlich, in einer Ecke, von Staub bedeckt, stand eine aus Thon geformte Figur, ein Weib auf einem Löwen reitend. Halb und halb erinnerte das Ding an Dannecker's Ariadne; es war eine noch ganz unfertige Arbeit, offenbar von Händen angefertigt, die sich zum ersten Male an so etwas versucht hatten; noch unfrei in der Erfindung, noch ungeschickt in der Gestaltung. Trotzdem -- wer es für der Mühe werth gehalten hätte, das sonderbare Gebilde näher anzusehen, würde vielleicht entdeckt haben, daß sich in all' dem Unfertigen etwas regte, das dermaleinst hätte fertig werden können. Aber es hielt es Niemand für der Mühe werth -- ausgenommen Einen -- den alten Graumann. Er, so hieß es, war geradezu verliebt in die Stümperei. Es knüpfte sich auch eine Legende an die Figur: in der alten Stadt war vor Jahren ein junger Bursche gewesen, der Sohn armer, achtbarer Eltern. Sein Vater war Actuar am Gericht gewesen, und durch Fleiß, der nicht einen Tag aussetzte, durch darbende Sparsamkeit, die sich nicht einen guten Tag gönnte, hatte er es durchgesetzt, daß sein Sohn so viel gelernt hatte, daß er auch Unterbeamter werden konnte, Unterbeamter an der Regierung. Und für das Alles hatte ihm der Schlingel übel gelohnt; er that als Beamter nicht gut. Nicht, daß er getrunken hätte oder eigentlich liederlich gewesen wäre, aber er hatte den Kopf voller Flausen. Zum Künstler, hatte er behauptet, wäre er geboren; ein Bildhauer steckte in ihm, das fühle er, und das sollte hervorkommen.
Natürlich war er fürchterlich ausgelacht worden, und der alte Vater empfand schier tödtlich den Schimpf, den ihm der Sohn bereitete. Denn boshaft, wie die Menschen nun einmal sind, versäumten sie nie, wenn sie des alten Actuars ansichtig wurden, ihn zu fragen, wie es seinem Sohne, »dem Bildhauer«, ginge, ob er Fortschritte machte, und was dergleichen Scherze mehr waren. Und während alle anderen vernünftigen Leute der Stadt es als ihre Pflicht erkannten, dem jungen Menschen zur Vernunft zu reden, war Einer, der das Gegentheil that, der ihn in seinen Abgeschmacktheiten durch Zureden bestärkte. Das war unrecht von dem Einen, und dieser Eine war Niemand anders als der Herr Regierungsrath Graumann. Man erzählte sich, daß er dem jungen Menschen die Erlaubniß gegeben habe, ihn zu besuchen; daß dieser oft Stunden lang bei ihm verweilte, daß der Regierungsrath ihm seine Bilder zeigte, sich mit ihm über seine Pläne unterhielt, ihn sogar mit Geld unterstützte. Lauter Dinge, die aller Vernunft und gesellschaftlichen Ordnung doch geradezu ins Gesicht schlugen. Und natürlich hatte es denn auch zu keinem guten Ende geführt. Eines schönen Tages war der »Bildhauer« verschwunden gewesen, fort von der Regierung, aus der Stadt, und fort von seinen Eltern. Einfach durchgebrannt; Niemand wußte, wohin. Niemand wußte es und hat es je erfahren. Denn seit dem Tage blieb er verschollen, und kein Mensch hatte je wieder von ihm gehört. Ob vielleicht der alte Graumann? Möglich -- aber der sagte nichts.
Bei dem Weinhändler Kurzer nun hatte »der Michelangelo der Ukermark«, wie ihn einer von den Regierungsreferendaren, ein junger, besonders geistreicher Mann, betitelt hatte, eine Rechnung. Er hatte dort manchmal ein Glas Wein, und mehr als eins, getrunken, aber keins bezahlt. Wahrscheinlich war es auch wieder dieser alte Sünder, der alte Graumann, gewesen, der den Herrn Kurzer zu so sträflicher Nachsicht veranlaßt hatte. Wenige Tage dann, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwand, hatte er dem Weinhändler seine Löwenreiterin gebracht, gewissermaßen als Bezahlung. »Vielleicht würde er sie später einmal verwerthen können,« hatte er gemeint. Bis jetzt war es freilich nicht geschehen.
»Wird auch wohl so bald nicht kommen,« meinte mit resignirtem Schmunzeln der Herr Kurzer, wenn das Gespräch darauf kam.
Am Nachmittag des besagten Weihnachtsabends war also der alte Graumann im Weinkeller erschienen. Statt einer halben Flasche, die er für gewöhnlich trank, hatte er sich sogleich eine ganze bestellt, eine ganze Flasche schweren Burgunder. Ueberhaupt war er dem Herrn Kurzer ganz besonders aufgeregt erschienen.
»Gehen Sie denn heute Abend nicht zur Bescherung ins Stift?« hatte Herr Kurzer gefragt; darauf aber war der Herr Regierungsrath gleich sacksiedegrob geworden.
»Soll ich in ein Haus gehen, wo man mich 'rausschmeißt?« Und dann hatte er die Geschichte mit dem Briefe erzählt. Furchtbar schien ihn die Geschichte aufgeregt zu haben. So wie an dem Tage hatte Herr Kurzer ihn noch niemals gesehen. Eine ganze Weile hatte er sich schweigend mit seinem Burgunder unterhalten, dann war er mit einem Mal aufgestanden, hatte die Figur aus der Ecke geholt und sie, ohne ein Wort zu sagen, mitten auf den Tisch gestellt.
»Ganz staubig ist das Ding gewesen,« berichtete Herr Kurzer, »so daß ich es erst habe abklopfen müssen.«
Alsdann hatte der Alte davor gesessen und kein Wort gesprochen und immerfort das Ding angeschaut -- immerfort, »eigentlich nicht anders als wie ein Verrückter,« hatte Herr Kurzer gemeint. Und dann hatte es angefangen, in seinem Gesicht zu arbeiten. »Sie wissen ja, wenn er so mit sich Unterhaltung macht;« diesmal aber hatte es ausgesehen, als ob er sich mit der Löwenreiterin unterhielte oder vielmehr mit dem, der die Löwenreiterin gemacht hatte. Immerfort in die Luft hätte er vor sich hin gesprochen; lauter sonderbares Zeug. Herr Kurzer, der mit ihm am Tische saß, hatte Einiges davon verstehen können.
»Dir haben sie es auch nicht gegönnt! Darum bist Du um die Ecke gegangen. Und nun bist Du zum Teufel. Daß so etwas hier hat geboren werden können, in dem Nest! Wie sie ihm das Herz abgefressen haben, immerfort, bis er nicht mehr gekonnt hat, nicht mehr ausgehalten hat! Nun ist er zum Teufel. Sie haben ihn auf dem Gewissen. Haben ihm das Herz abgefressen. Mit ihrem ewigen dummen Gelache und Gehöhn. Mit dem sie sich so klug vorgekommen sind, die Dummköpfe, die gottserbärmlichen, die Strohköpfe, die Banausen!«
Was er dann weiter sagte, hatte Herr Kurzer nicht verstehen können, weil es ein dumpfes Murren gewesen war. Dann aber hatte er wieder ein Glas hinunter getrunken, mit der flachen Hand, wie es seine Gewohnheit war, sich den Mund gewischt und dann plötzlich mit der Faust auf den Tisch geschlagen, daß Flasche und Gläser geklirrt hatten und die thönerne Figur, als sei die Seele ihres Verfertigers für einen Augenblick in sie zurückgekehrt, einen dumpfen Klang von sich gegeben hatte. Zu Herrn Kurzer hatte er sich herum gewandt »mit ein paar Augen, daß ich doch gleich denke, der Teufel selber guckt mich an.« -- »Nicht gegönnt haben sie's ihm,« hatte er Herrn Kurzer angeschrieen, »das ist der Kern von dem ganzen Pudel! Neid ist die ganze Geschichte gewesen. Nicht vertragen haben sie's können, daß da mitten unter ihnen so Einer gekommen ist, der was Anderes gewesen ist als sie, mehr gekonnt hat als sie! Ist ein Liederjahn -- hat's geheißen; ist nicht wahr, er war kein Liederjahn. Kartoffeln sind sie gewesen, Alle mit einander, und er war eine -- eine -- was soll ich sagen -- mitten unter den Kartoffeln eine Ananas.«
»Das ist sehr gut,« hatte Herr Kurzer rasch eingeschoben, indem er einen verunglückten Versuch machte, der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben. Einen sehr verunglückten, denn der Herr Regierungsrath hatte ihn angesehen -- noch schrecklicher als vorhin.
»Gut nennen Sie das?«
»Ich meinte nur, was Sie da eben gesagt haben, von den Kartoffeln und der Ananas,« beeilte sich Herr Kurzer zu seiner Entschuldigung anzubringen.
Darauf aber hatte der alte Graumann lange Zeit gar nichts gesagt, sondern schweigend das Haupt in die Hand gestützt wie Jemand, der ganz in sich und seine Gedanken hinein kriecht. Endlich war er wieder heraus gekommen und hatte die Hand auf Herrn Kurzer's Arm gelegt.
»Herr Kurzer,« hatte er gesagt, »kennen Sie die Geschichte von dem Apostel Johannes, der sich, als er ein alter Mann geworden war, immer in die Kirche tragen ließ und immer nur ein Wort und nichts als das sagte: >Kinder, liebt Euch unter einander?<«
Herr Kurzer glaubte sich zu erinnern, daß er so etwas einmal gehört hätte.
»Mein lieber Herr Kurzer, sehen Sie, das war ein alter Mann, und ich bin auch ein alter Mann. Der hatte das Leben erfahren, sehen Sie, und wußte, was er sagte, und hatte recht. Einmal wird die Zeit kommen, da werden auch Sie sagen: der alte Graumann hat doch recht gehabt. Sehen Sie, mein lieber Herr Kurzer, da sind nun unsere Prediger. Alle Sonntage, die Gott werden läßt, klettert das auf die Kanzel und sabbert den Leuten eine Stunde lang was vor und nachher, wenn's zu Ende ist, gehen die Leute hinaus und sind genau so klug wie vorher. Wissen Sie, was sie thun sollten? Auf die Kanzel sollten sie steigen, ihre Bücher zu Hause lassen und den Leuten ein einziges Wort sagen, aber so, daß die Leute es hören: >Seid nicht neidisch!<«
Herr Kurzer hatte sich unwillkürlich umgesehen. So fürchterlich gebrüllt hätte der Regierungsrath, als er das sagte, daß er doch wirklich geglaubt hätte, die Vorübergehenden würden von der Straße herunter kommen, zu fragen, was da unten los sei.
Den alten Graumann aber hatten solche Befürchtungen offenbar nicht angefochten.
»So sollten sie sprechen, die Prediger,« hatte er fortgefahren; »>ich kenne Euch,< sollten sie zu den Leuten sagen, >ich kenne Euch Alle, die Ihr da vor mir sitzt; durch Eure andächtigen, scheinheiligen Gesichter sehe ich hindurch, bis in Eure schwarzen Herzen. Ja, guckt mich nur an; denn in Euren Herzen ist es finster, finster, schwarz. Ein Höllenhund sitzt in Euren Herzen, in jedem einzigen, der Neid! der Neid! Der verdammte, verfluchte Neid!<«
Bei diesen Worten, so erzählte Herr Kurzer später, war der Herr Regierungsrath aufgesprungen und im Keller auf- und abgegangen, auf und ab, so daß es ihm beinahe ungemüthlich zu Muthe geworden wäre und er gar nicht mehr gewußt hätte, was er eigentlich machen sollte. Endlich hatte er sich ermannt und noch einmal den Versuch gemacht, die Geschichte von der humoristischen Seite zu nehmen.
»Da würden die Herren Prediger ihre Kirchen wohl bald schön leer haben,« hatte er bemerkt.
Ein Geknurr war die Antwort gewesen. »Glaub' ich selber. Habe Ihnen ja den Brief gezeigt; haben es gehört, wie's Einem geht, wenn man den Menschen die Wahrheit sagt, daß sie Neidhämmel sind. Zum Hause schmeißen sie Einen 'raus. Denn sie fühlen, daß man recht hat, und weil sie's fühlen, wollen sie's nicht Wort haben. Natürlich. Wenn man unter Kranken steckt, darf man von der Krankheit nicht sprechen; ist nicht angenehm, wenn man daran erinnert wird. Denn krank sind die Menschen allesammt, und ihre Krankheit, wissen Sie, wie die heißt? Der Neid.«
»Es wird doch aber Ausnahmen geben,« hatte Herr Kurzer einzuwenden gewagt; aber ein Lachen -- »Sie wissen ja, so ein recht höhnisches, beinahe teuflisches« -- war von dem alten Graumann gekommen. »Ausnahmen« -- und damit hatte er sich wieder zu seinem Burgunder gesetzt, »wie soll's denn Ausnahmen geben, wenn die ganze Welt aufgebaut ist auf dem verfluchten Gesetz: Seid neidisch auf einander! Was einem Andern gehört, gehört nicht mir; und daß es nicht mir gehört, sondern einem Andern, das ist nicht recht, und darum ist der Andre mein Feind. Das ist die Weltordnung, diese -- diese famose, von der die Prediger von den Kanzeln erzählen. Haben Sie's einmal angesehen, wenn man Spatzen füttert? Da werfen sie einen Brocken hin -- surr, ist ein Sperling da. Noch einen Brocken -- rutsch, kommt ein zweiter. Was thut der erste? Von seinem Brocken, an dem er herum pickt, läßt er los und fährt über den zweiten her, warum? Bloß damit der andere Spatz nicht auch etwas abbekommt. Die Canaille! Wenn die Menschen so etwas sehen, lachen sie. Schämen sollten sich die Menschen, statt zu lachen, sollten sich sagen, daß sie's genau so machen wie die Spatzen, aber ganz genau! Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen? Haben Sie's gesehen, wie das Gestrüpp und das Unterholz aufwächst und sich breit macht zwischen den hohen Bäumen? Sie denken: das macht sich so von selbst, das ist eben die Natur. Jawohl ist's die Natur, aber in der Natur steckt der Teufel. Neidisch ist das Unterholz auf die hohen Bäume und möchte sie am liebsten ersticken. Würde sie auch ersticken, wenn der Mensch sich nicht darüber hermachte und das Unterholz kappte. Ja, der Mensch -- dem Gestrüpp gegenüber hat er ein Einsehen, aber wenn man ihm sagt: seht in Euch selber hinein, rodet es aus, was da drinnen bei Euch wächst, das Wucherzeug, die Wasserpest, dann schmeißen sie Einen zum Haus hinaus. Herr Kurzer, ich bin Beamter gewesen, bin lange Zeit Beamter gewesen, viel zu lange. Ich habe es zu nichts gebracht. Nicht einmal das haben sie mir gegönnt, daß sie mir den >Geheimrath< gegeben haben. Warum? Soll ich's Ihnen sagen? Weil ich ein Esel gewesen bin mein Leben lang, ein Dummkopf; weil ich auf meinem Weg immer zur Seite gesehen habe, was sich da neben mir begab, statt daß so ein tüchtiger Beamter, verstehen Sie, so ein Streber, immer mit Scheuklappen seinen Weg gehen muß, immer nur vorwärts sehen muß, vor sich hin und hinauf, damit er hübsch vorwärts kommt. -- Aber ich will Ihnen etwas sagen, Herr Kurzer: wenn sie so an mir vorbei avancirt sind, mit so einem halb mitleidigen Lächeln, weil ich immer hinter ihnen geblieben bin, bewundert habe ich sie nicht und beneidet um ihre Orden, mit denen sie klunkerten, auch nicht. Denn in meiner Dummheit bin ich klüger gewesen als sie und habe etwas gewußt, was sie Alle nicht gewußt haben, daß sie krank sind, Einer wie der Andere, neidisch, der Eine auf den Anderen, und weil ich nichts gewollt habe, bin ich nicht neidisch gewesen.«
Und nach diesen Worten war der Herr Regierungsrath wieder stumm geworden, hatte vor sich hingesehen und dann mit einer Stimme, »gerade als wenn er aus dem Grabe heraus spräche«, gesagt: »Ich habe es mir abgewöhnt.«
Was er damit hatte sagen wollen, vermochte Herr Kurzer nicht anzugeben. Es hatte so ausgesehen, als wenn sich der alte Mann an etwas erinnerte, an etwas, das vor langer Zeit einmal geschehen war, vielleicht damals, als er noch ein Kind war; denn plötzlich war er dann auf die Kinder gekommen.
»Ja, die Kinder,« hatte er wieder angefangen, »wenn man solch ein Kind ansieht -- es ist doch so etwas Schönes. Das glaubt noch an einen >lieben Gott<, weiß noch nichts von all' dem Dreck, durch den man patschen muß, wenn's nachher ins Leben geht, Streberei, Kriecherei, Heuchelei, und wie die Teufelseier alle heißen. Und sehen Sie, Herr Kurzer« -- und dabei hatte er den Arm des Herrn Kurzer zwischen seine Finger gepreßt, als wenn er ihm den Knochen zerdrücken wollte -- »sehen Sie, Herr Kurzer, neidisch ist das darum doch. So ist der Mensch! Neidisch sind solche Würmer auf einander auch schon! Schenkt man Einem was, so sieht's nicht auf das, was es bekommen hat, sondern nach dem, was das Andere gekriegt hat; und wenn ihm das schöner erscheint und besser gefällt, dann geht der Teufel in ihm los. Das, was ich nicht habe, das gerade möchte ich bekommen haben. Und da sitzt man nun vor solch einem kleinen Geschöpf, solch einem armen, kleinen Ding und sieht, wie das Gift in ihm zu kochen anfängt, und wie das Pflänzchen krank wird, weil es die Krankheit eingesogen hat und angeerbt, die aus dem Boden kommt, aus dem es wächst, der Welt, die so schön eingerichtet ist, der -- der schlechten, schändlichen, verfluchten Welt! Und über das Alles sieht man in die Zukunft hinaus, wenn das Kinderpflänzchen einmal ausgewachsen sein wird und ein Strunk geworden sein wird, ein dicker, grober, knotiger Strunk. Dann wird es gerade sein wie all' die Strünke, die vor ihm gewesen sind, so hart, daß man Andere damit todtschlagen kann. Und das Alles muß man mit ansehen und kann nichts thun, es zu ändern; denn wenn man es ändern will, dann kommen die Erwachsenen und schmeißen Einen zum Hause hinaus. Sie haben den Brief gehört, Herr Kurzer -- schmeißen Einen zum Hause hinaus!«
Ueber diesem Gespräch, berichtete Herr Kurzer, war es mittlerweile spät geworden, der Weihnachtsabend angebrochen. Durch das Kellerfenster hindurch sah man in dem gegenüberliegenden Hause bereits einen flammenden Lichterbaum. Da hinüber hatte der Herr Regierungsrath gesehen, mit einem Ausdruck im Gesicht, meinte Herr Kurzer, daß man recht gefühlt hätte, was für ein einsamer alter Mann er eigentlich war. Dann hatte er gesagt: »Sie werden nun wohl auch Ihren Keller zuschließen und bei sich zu Hause aufbauen wollen, Herr Kurzer; darum will ich nur gehen.« Und damit war er aufgestanden, und Herr Kurzer hatte ihm geholfen, den Mantel anziehen. Und als er schon den Mantel angezogen und den Hut in der Hand hatte, war er noch einmal stehen geblieben und in Gedanken versunken.
»Weil ich jetzt also den Kindern nichts mehr schenken soll,« hatte er gesagt, »will ich Ihnen etwas lassen, Herr Kurzer. Wenn Sie wollen, können Sie's wegschmeißen: Erfahrung, Herr Kurzer! Darauf, daß der Mensch Erfahrung macht, darauf kommt es an!« Und indem er so sagte, hätte der Herr Regierungsrath die Hand, darin er den Hut hielt, emporgehoben und ausgesehen -- »gradezu feierlich,« meinte Herr Kurzer.
»Man muß etwas erlebt haben, Herr Kurzer, und das, was man erlebt hat, behalten. Aber nicht im Kopf, verstehen Sie, sondern da, da drinnen im Herzen. Ein Herz muß man haben, das sich erinnern kann. Und daran eben fehlt es bei den Menschen; denn wenn man etwas aufbewahren soll, dann muß man einen Raum haben, wo man es hineinthun kann; wenn man sein Leben mit sich tragen soll im Herzen, muß man ein Herz haben, wo Platz dafür da ist. Und das eben haben die Menschen nicht, sondern ihre Herzen sind wie flache Teiche, wo ihre Strebergedanken drin herumschwimmen wie gierige Fische mit dummen Glotzaugen, die nichts Anderes denken können, als daß sie danach umhersehen, ob nicht irgendwo ein Brocken herunterfällt, den sie aufschnappen können. Nein, Herr Kurzer, nicht wie ein Teich muß das Herz des Menschen sein, sondern wie das Meer. Sind Sie schon einmal am Meere gewesen, Herr Kurzer? -- Da werden Sie gesehen haben, daß das Meer nicht die Farbe annimmt von dem Tage, der grade darüber scheint, sondern daß es seine Farbe für sich hat, und daß die Farbe immer bleibt, einen Tag wie alle. Woher erklären Sie sich denn, daß das kommt? Das will ich Ihnen sagen; es kommt daher, daß das Meer immerfort den ganzen Himmel widerspiegelt, bei Tag und bei Nacht, Sonne, Mond und Sterne, heute hell und morgen dunkel, und das Alles, was da immer von oben hinuntersieht, bleibt aufbewahrt in dem tiefen Meere, und davon bekommt das Meer seine gleichmäßige Farbe. Ist der Himmel, der darüber liegt, wie das bei uns da oben im Norden zu sein pflegt, meistens grau, so wird auch das Meer grau; ist er hell und blau, wie da unten im Süden, wird auch das Meer blau. Und so wie mit dem Meere, sehen Sie, so ist es mit den Herzen der Menschen. Denn was der Himmel für das Meer, das ist das Leben für den Menschen, das immer über ihm liegt mit seinen Erlebnissen und Erfahrungen und Schicksalen. Nicht immer nur den heutigen Tag muß man in sich hineinschlucken, sondern alle Tage müssen dem Menschen gegenwärtig sein, die er schon gelebt hat. Und nicht immer zappeln und streben muß man nach dem, was morgen etwa kommen wird, sondern erinnern muß man sich, erinnern, erinnern! Aber damit man sich erinnern kann, dazu gehört, daß man eben ein tiefes Herz hat, so tief wie das Meer. Und daran eben fehlt es bei den Menschen. Und wenn sie solche Herzen hätten, dann stände es besser um die Welt; dann würden sie eine Ahnung davon bekommen, was das eigentlich sagen will, wenn es heißt, daß vor Gott hundert Jahre sind wie ein Tag. Denn das ist ein merkwürdiges Wort, Herr Kurzer, viel merkwürdiger, als die Menschen es sich träumen lassen, die es gar nicht verstehen. Einer hat es einmal verstanden, und das ist der alte Apostel Johannes gewesen, von dem ich Ihnen gesagt habe. Als der alt geworden ist, sehen Sie, da hat Alles vor ihm gelegen, was er jemals erlebt hatte, an sich und an Anderen. Und weil er ein alter Mann geworden war, der sich tragen lassen mußte und wahrscheinlich auch nicht viel mehr sprechen konnte, hat er bei sich überlegt, wie er Alles das, was er gesehen und mitgemacht und erlebt hatte, in ein einziges Wort zusammendrücken könnte, das sie alle verständen, und da hat er kein besseres gefunden, als das, was ich Ihnen gesagt habe: >Kinder, liebet einander<. Und er hätte auch kein besseres finden können; denn damit hat er Alles gesagt, was den Menschen noth thut, und was sie heilen kann von ihrer niederträchtigen Krankheit, und es ist wirklich ein schönes Wort gewesen, ein schönes, schönes.«
Und damit hatte der Herr Regierungsrath den Hut auf den Kopf gesetzt und war hinausgegangen, und es hätte ausgesehen, meinte Herr Kurzer, als hätte er vergessen gehabt, daß Herr Kurzer oder sonst noch Jemand auf der Welt gewesen wäre.
Möglicher Weise war es bald nach dieser Unterhaltung des alten Graumann mit dem Weinhändler Kurzer, jedenfalls in einem Winter, als ich seine nähere Bekanntschaft machte.
Eine sonderbare Begebenheit bot den Anlaß dazu:
Vom Nachmittagsspaziergang zurückkehrend, ging ich den hohen Damm entlang, der die Straße der Vorstadt, in deren Zeile die Wohnung des Regierungsraths lag von tief gelegenen Wiesen auf der anderen Seite trennte. Der vorüberfließende Strom überfluthete das flache Gelände; die Wiesen bildeten das Schlittschuhlaufgebiet der Stadt. An jenem Tage lag tiefer Schnee; die Eisbahn aber war glatt gefegt und wimmelte von fahrendem Volk.
Das Haus, in welchem der alte Graumann wohnte, lag etwas von der Straßenflucht zurückgerückt; ein Vorgarten befand sich davor, und in diesem Vorgarten sah ich, indem ich näherkam, zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, damit beschäftigt, einen Schneemann zu bauen. Je lauter von der Eisbahn her das Gewirr und Gelärm vergnügter Stimmen ertönte, um so stiller ging es auf dieser Seite zu, wo die beiden Kleinen, offenbar armer Leute Kinder, emsig und wortlos ihrem Werke oblagen.