Nebel der Andromeda Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen
Part 7
Diese Schriftsprache ist eine Synthese von Buchstaben- und Zeichenschrift. Konkrete Dinge werden wesentlich in Buchstabenschrift gegeben, abstrakte dagegen, Haupt- wie Zeitwörter, in Zeichenschrift, und zwar dergestalt, daß man in einer geistvollen und inhaltsreichen Weise die Zeichen der einzelnen Grundelemente zu neuen Gruppenzeichen, die dann die auszudrückenden Begriffe ergeben, vereinigt.
So kann man sich, um ein Beispiel zu geben, das gesprochene Wort »Liebe« auf die mannigfaltigste Weise geschrieben denken, je nach der seelischen oder vielleicht auch rein körperlichen Art der bestimmten »Liebe«, von der die Rede sein soll:
Will man etwa von der ersten keuschen Liebe eines knabenhaften Jünglings zu einem noch halb kindlichen Mädchen sprechen, so vereinigt man in gewisser Weise, je nach Geschmack, Phantasie und Absicht, vielleicht die Zeichen für Knospe, Herz, Sonnenaufgang und Liebessehnsucht zu einem neuen synthetischen Zeichen. Oder aber man will eine rein erotische, ohne seelische Beteiligung stattfindende, lediglich geschlechtliche Liebe ausdrücken, so finden sich Zeichen mehr anatomischer Genesis zu einem Gesamtbegriff zusammen.
Man sieht, daß diese Art des Schreibens sich stark der kollektivistischen Denk- und Ausdrucksmethode der Drom-Menschen nähert.
Aber so sehr mir auch die Beschäftigung mit dieser Schrift Freude bereitete, und je mehr ich darin fortschritt, Irids Interesse neigte sich immer mehr und mehr dem Primitiven zu.
Der innere seelische Grund hierzu lag natürlich letzten Endes in ihrer Liebe zu mir, die alles, was mit mir zusammenhing, in besonders günstigem Lichte erscheinen ließ.
Aber es schien mir doch, als ob auch eine gewisse, schon im Untergrunde, ihr selbst nicht bewußt, vorhanden gewesene Übersättigung durch die Leidenschaft für mich nur geweckt worden wäre.
Ich hatte ähnliche Beobachtungen mehr genereller Art von Rückfall in die Neigung zum Primitiven als Folge der Übersättigung schon auf meiner Erde gemacht.
Eines Umstandes will ich noch Erwähnung tun, der sehr wesentlich dazu beitrug, Irid mir seelisch zu nähern. Das war die Beschäftigung mit der Kunst, für die wir beide eine gleich tiefe Neigung empfanden.
Es hatte sich die merkwürdige Tatsache ergeben, daß in diesen Bezirken menschlicher Geistesbetätigung der Unterschied unserer Betrachtungsarten keineswegs so groß war, als es nach der Differenz unseres Gattungsalters hätte vermutet werden müssen.
Je länger nämlich ich auf der Drom lebte, um so mehr war ich zu der Erkenntnis gelangt, daß die allgemeine Vergeistigung der Kunst nicht zum Gewinn gereicht hatte.
Es schien mir vielmehr unwiderleglich, daß die Menschheitsjugend, der ja auch ich angehörte, mit ihrer ursprünglichen, barbarischen Frische und Naivität der Kunst einen weit fruchtbareren Boden bereitet hatte, als das vergeistigte Alter es vermochte.
Das Wesen der Vergeistigung ist Trennung von der Materie. Für die Kunst bedeutet das Loslösung von der empirischen Natur.
Ich will nun keineswegs bestreiten, daß die Kunst der Drom in ihrer Naturbefreiung nicht auch Bedeutendes und Großes geleistet habe. Ich sah, um nur eines zu erwähnen, auf öffentlichen Plätzen gigantische, buntfarbige Glasflüsse, hochragend gleich Kathedralen, deren Eindruck zu dem Gewaltigsten gehört, das man sich zu denken vermag. Man setzte sie, um Taten des Geistes, die der Menschheit Dienste geleistet hatten, zu ehren.
Aber doch hat die Scheu, sich wieder dem Vorbilde der Natur zu nähern, im Laufe der letzten Zeitepoche geradezu zu einem Sterben der Kunst geführt.
Die Malerei, nicht mehr imstande Landschaften, Bildnisse oder andere gegenständliche Dinge der Erfahrungswelt zu gestalten, erschöpfte sich in immer neuen abstrakten Farben- und Linienkompositionen von derartig vergeistigtem Wesen, daß zuletzt eine glatte Fläche von einfarbigem Blau, Rot, Gelb, Grün oder Weiß dem ermüdeten Auge eine Wohltat dünkte.
Als dann gar die Erkenntnis aufkam, daß der Regenbogen der Atmosphäre an abstrakter Farbengebung jegliches Menschenwerk weit hinter sich läßt, war das Ende der Tafelmalerei erreicht.
Der Maler kehrte zurück zur Urform seiner Kunst: Er bestrich die Häuser und die Geräte mit schönen Farben, und versah sie, in abgeklärtem Geschmacke, mit knappen, einprägsamen Zieraten.
Dem Plastiker, dem sein Schönstes, das Spiel mit dem Menschen- und Tierleibe, genommen war, fand keinen vollen Ersatz im Errichten abstrakter, phantastischer Formengebilde oder im Erfinden schöner, edler Proportionen. Auch seine Kunst senkte sich dem Abend zu.
Die Genügsamkeit, die weise Selbstbeschränkung und die dünne Verbreitung der alternden Menschheit nahm auch dem Architekten die jugendliche Freude am Werke seines Geistes. Allerdings gehörten die kleinen Häuser und die einfachen Gebäude der Manufakturen, an denen fast ausschließlich er seine Kunst betätigen konnte, in dem rhythmischen Gleichmaß ihrer Verhältnisse zu dem Wohltuendsten, das ich je gesehen habe.
Am meisten hatte an ursprünglicher Frische und Gestaltungskraft die Dichtkunst eingebüßt.
Die Formung des nur Geistigen widerstrebt der Dichtkunst. Die Abneigung gegen die Gestaltung der menschlichen Beziehungen hatte zu einer nur aphoristisch-philosophischen Dichtart geführt, die zwar tiefer und letzter Weisheit voll war, aber dennoch nicht einmal den Anspruch des Erstmaligen erheben konnte, denn schon aus den Uranfängen der überlieferten Literatur sind philosophische Dichtwerke höchster und letzter Potenz auf uns gekommen, die niemals überboten werden konnten.
Die Schauspielkunst, die all' ihr Lebensblut aus der Menschengestaltung sog, war schon längst nicht mehr. Schon die Vergeistigung der Materie, des Körperlichen, hatte ihr schweres, unheilbares Siechtum gebracht. Als aber gar die Lüge und die Verstellung aus der Welt schieden, deren edle und schöne Seite sie ihr Leben lang den sonst nur gemein und bösartig betrogenen Menschen gezeigt hatte, legte auch sie sich aufs Sterbelager.
Die _Musik_ aber lebte über Raum und Zeit!
In ihren edelsten Formen schon von jeher frei von der Materie, schwebte sie körperlos und ohne Beziehung zu Körpern durch den Raum als der Schöpfung erster, letzter und reinster Ausdruck.
Musik war, als der Urmensch im Dreitakt an den hohlen Baum schlug, als das Krescendo des Trommelwirbels der Wilden an den Nerven riß, Musik war, als die Trompeten der Barbaren schmetterten auf den Schlachtfeldern, als die Pauken und Posaunen dröhnten über dem lodernden Katafalk des Helden. Musik war, als die armen kleinen Kantoren auf den wurmstichigen Orgelbänken ihren Gott lobten in vierstimmigen Sätzen von solch' himmlischer Seligkeit, daß der Gott klein ward vor der Größe der bescheidenen Musikanten.
Der erste Strahl des Lichtes, das die Welt durchfloß, war Rhythmus seiner Wellen. Harmonie ist der Donnergang des Kosmos. Rhythmus und Harmonie sind die Musik der Welten. Musik war im Anbeginn und Musik wird sein von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Je mehr Irid in mir aufging, je mehr sich ihre Seele in die meine verkroch und ihr Leib von dem meinen lebte, um so mehr schloß sie sich von der Außenwelt ab. Sogar ihre Dienerin Okk wollte sie entlassen, und nahm nur auf mein nachdrückliches Abraten davon Abstand.
Dabei wurden ihr Körper, ihr Antlitz, der Ausdruck ihrer Augen immer herrlicher und lockender.
Seit sie Muttergefühle zu verspüren glaubte, schien sie neu zur Welt gekommen. Ihre Stimme, die wie Silber geklungen hatte, war die einer geheimnisvoll läutenden Glocke geworden. Ihre Schritte, jede ihrer Bewegungen waren Verheißungen, und ein Duft von sinnlichem, blühendem, schwellendem Leben ging aus von ihrem weißen Körper. Ich atmete Seligkeiten.
Unsere Wünsche kannten keine Steigerung mehr. --
Nicht daß ihr Vater sie wegen ihrer Sinnesänderung getadelt hätte. Dazu war der Begriff der persönlichen Freiheit zu tief eingewurzelt in jener Welt.
Aber er verstand zum ersten Male seine Tochter nicht mehr, und da diese jetzt in einer andern Welt lebte, so verstärkte sich das Mißverstehen von Tag zu Tag.
Unsere Besuche beim alten Worde wurden seltener, und auch er entschloß sich nicht mehr so leicht als früher in unser Haus zu kommen.
Und noch ein Anderes ereignete sich: Vasen Ott stellte sich wieder ein.
Vasen Ott, von dem ich, da auch ich ihn bisher nur aus den Erzählungen meiner Freunde kannte, noch nicht berichtet habe, war eine Erscheinung aus Irids Leben vor meiner Zeit. Ein großer Mensch von schlanker Gestalt und mit tiefdunkeln, träumerischen Augen.
Er hatte gleichfalls den Ehrgeiz gehabt, Kinderlehrer zu werden, konnte aber die Qualifikation dazu nicht erwerben, und war in die Laufbahn der Beamteten des Wohnkreises übergetreten, zu welcher Tätigkeit seine Eigenschaften ausreichten. Seit einiger Zeit stand er an der Spitze der Beamteten und galt als umsichtiger und zuverlässiger Verwalter der allgemeinen und öffentlichen Angelegenheiten.
Er kannte Irid von Jahren gemeinsamen Studiums her und liebte sie seit langem. In der Zahl der Männer, die um sie geworden hatten, war er derjenige gewesen, der ihre Sympathien am meisten besaß. Mehrere Male glaubte sie dicht davor gewesen zu sein, seinem stillen, wortlosen Verlangen nachzugeben. Aber immer hatten sie jene Gedanken, von denen ich jetzt wußte, abgehalten, ihm ihre Liebe zuzuwenden.
Vasen Ott zog sich schließlich enttäuscht von ihr zurück, und eine andere Frau wurde dann später die Seine. Die beiderseitige Liebe hatte aber nicht länger als zwei Jahre vorgehalten und, jetzt, da er wieder allein lebte, wandte sich sein Begehren abermals Irid zu.
Er begann mit Besuchen bei Worde, der, als einer der Ältesten des Wohnkreises, ohnehin in öffentlichen Geschäften mit ihm, als dem ersten Angestellten, manches zu tun hatte.
Von Worde erst erfuhr Vasen Ott über das merkwürdige Auftreten des vom Himmel gefallenen Wilden in Irids Hause.
Da die Barbaren-Erfindung der Zeitungen seit undenklichen Zeiten nicht mehr bestand, und man sich auch sonst grundsätzlich niemals unaufgefordert um die Angelegenheiten seiner Mitmenschen kümmerte, so war es, was nach irdischen Begriffen unwahrscheinlich erscheinen müßte, durchaus möglich, daß ich jahrelang hätte bei Irid wohnen können, ohne daß Leute, die mich nicht persönlich kennenlernten, überhaupt etwas von mir erfuhren. Irgendeine Registrierung der Einwohner, anders als lediglich nach der Kopfzahl, stand den Angestellten der Wohnkreise nicht zu.
Vasen Ott erfuhr von Worde, da es ja zwischen jenen Menschen keine Geheimnisse gibt, daß Irid von dem Wilden ein Kind erwarte.
Weit davon entfernt, Irid, deren vollkommenste Freiheit ihm ebenso heilig war, wie die jedes anderen seiner Mitmenschen, dieserhalb zu zürnen, erschrak er doch heftig und beschloß, um ihr Schicksal, zumal in seelischer Hinsicht, besorgt, sie aufzusuchen.
Eines Nachmittags trat er bei uns ein. Irid empfing ihn mit freundlicher Begrüßung und stellte mich als ihren Gefährten vor.
Vasen Ott, der schon wußte, daß man sich mit mir lediglich in der Kindersprache verständigen könne, fragte Irid vorsichtig, ob es möglich sei, den Wilden jetzt zu entfernen. Er wolle mit ihr allein sprechen.
Irid wurde rot, aber bat mich, der ich ihre kurze Unterhaltung nur halb verstanden hatte, sie mit dem Gaste allein zu lassen. Dabei küßte sie mich. Ich ging hinaus.
Nach einiger Zeit sah ich von einem Fenster aus den schönen Mann davongehen und zwar bewegte er sich mit in diesem Lande des gemessenen Benehmens ungewöhnlich hastigen Schritten. In der Gartenpforte drehte er sich noch einmal nach dem Hause um, und in seinen vorher so stillen Rehaugen war ein ungewöhnliches Leben.
Da hörte ich schon Irids Schritte draußen. Ich eilte ihr entgegen, und zu meinem ernsten Erstaunen warf sie sich, wie ein Kind weinend und schluchzend, an meine Schulter.
Ohne daß sie ein Wort sagte, wußte ich, der Mann habe sie beleidigt. Meine schnelle Frage bestätigte es mir.
Ein ganz irdischer, höchst ungeistiger Zorn stieg in mir auf. Daß der unverschämte Kerl die Entfernung des »Wilden« verlangt hatte, war schon, nicht so sehr meinetwegen als Irids halber, die ihn als ihren Gefährten vorgestellt hatte, ein starkes Stück gewesen. Es hatte mich schon einige Mühe gekostet, davon Abstand zu nehmen, den feinen jungen Herren kurzerhand vor die Tür zu befördern.
Jetzt aber kochte es in mir einigermaßen über. Ich stürzte, die erschrockene Irid verlassend, hinauf, ergriff in der Tür meinen dort hängenden derben Wanderstock, rief meinen Freund Turu, den Hund, und dann liefen wir beide den Weg entlang, auf dem dieser traumäugige Heilige davongegangen war.
Schon auf dem Waldwege bekam ich ihn in Sicht. Ich hetzte Turu, der, glücklich über die wilde Jagd, bellend an mir hochsprang, hinter ihm her.
Der kluge Hund, der ohnehin der Unterredung der beiden beigewohnt und gewiß gefühlt hatte, daß Irid den Mann nicht im Guten entließ, fegte nun mit wütenden Sätzen vor mir her.
Vasen Ott, die wilde Jagd hinter sich herkommen hörend, blieb gravitätisch stehen.
Der große Hund sprang ihm mit bösem Geheul an der Schulter hoch, und stand, ihm seinen Hundeatem ins Gesicht blasend, bis ich heran war.
Dann tat ich, was mir mein Zorn gebot, nämlich den vergeistigten Herren ganz irdisch und barbarisch zu verprügeln, bei welcher seinen Instinkten angenehmen Beschäftigung Turu sich durch Vernichtung eines sehr wichtigen Teiles der Vasen Ottschen Kleidung beteiligte.
Ein Heldenstück ist diese Tat allerdings, trotzdem der Mann mir an Größe mindestens glich, auch einen Handstock trug, nicht gewesen, denn einmal war er überrumpelt worden, vor allem aber ist unter den geistigen Menschen jener Welt jegliche Gewalt, und sei es auch nur im Spiel der Kinder, in solchem Maße verpönt, daß man auf Erden schon einen kompletten Menschen totschlagen muß, um sich ein solches Maß von Mißbilligung zuzuziehen, wie die alternde Menschheit der Drom sie dem zuteil werden ließe, der es unternähme, einen Menschen im Zorn auch nur am Rockkragen zu fassen.
Vasen Ott, der Traumäugige, hatte also nicht die geringste Übung in solchen Lebenslagen, und konnte gewiß auch, trotz Turus aggressiven Benehmens, eine derartige Handlungsweise von mir nicht vermutet haben.
Aber da es sich ja für mich keineswegs darum gehandelt hatte, in ritterlichem Kampfe meine Kräfte mit dem Störenfriede zu messen, sondern vielmehr ausschließlich ihn für die Beleidigung, die er Irid zugefügt hatte, zu züchtigen, so kehrte ich befriedigt und im angenehmen Bewußtsein des erreichten Zweckes mit Turu nach Hause zurück.
Als ich Irid berichtete, was sich zugetragen hatte, war diese anfangs namenlos entsetzt, fand sich aber doch überraschend schnell in die Situation.
Für meine Handlungsweise an sich konnte sie zwar das volle, irdische Verständnis kaum ganz aufbringen, aber was ich tat, war in ihren Augen gut, und trotz aller Vergeistigung durch Jahrtausende alte Kultur, die uns trennte, schien doch ein Fünkchen jenes menschlichen Urgefühls der Rache für erlittene Unbill in ihr verblieben zu sein, das sich jetzt mit Genugtuung meldete.
Da Vasen Ott ein öffentlicher Angestellter war und sogar als deren erster auch nur vorübergehend schwer zu ersetzen, so konnte es nicht verborgen bleiben, als er arg verbläut einige Tage seiner Tätigkeit fern sein mußte.
Nun gibt es auf der Drom keine Gesetze mehr, die den einzelnen zu treffen vermöchten. Es war also nicht möglich, mich nach irdischen Begriffen für meine Tat zu strafen.
Dafür aber pflegte in den überaus seltenen Fällen, da ein Mensch einem anderen Ungemach zugefügt hatte, und dieser vor den Ältesten des Wohnkreises Klage erhob, ein alter Gebrauch angewandt zu werden: die öffentliche Bekanntmachung der Tat und des Namens des Täters in den Versammlungen der Einwohner. Eine andere Folge trat nicht ein.
Aber schon diese zwangsweise Preisgabe des Namens an die öffentliche Beurteilung wird als ein demütigend tiefer Eingriff in die persönliche Freiheit empfunden. Da sonst niemals, auch nicht in Gedanken, ein Mensch über einen anderen irgend ein tadelndes Urteil fällt, in diesem besonderen Falle aber Alle zur Kritik aufgefordert werden, so ist das eine Ungeheuerlichkeit.
Man kann sich, aufgewachsen in den unzähligen und nie endenden Beschränkungen des unfreien Menschen unserer Erde, schwer eine Vorstellung von dem Wesen vollkommenster, auch gedanklicher, Freiheit machen, das jener Menschheit so viel späterer Jahrtausende zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden ist. --
In der nächsten Versammlung der Kreisinsassen ward mein Name und meine Tat bekanntgegeben. Seit mehreren Jahrzehnten war Derartiges nicht mehr erfolgt.
Worde, wie berichtet, selber einer der Ältesten des Kreises, war, obwohl natürlich der Name seiner Tochter nicht genannt wurde, tief betrübt, mehr aber über den Ausbruch tierischer Wildheit des Geliebten seiner Tochter als über die kränkende Strafe.
Für Irid war dieses Ereignis nur der Anlaß, sich noch mehr als bisher von der Außenwelt abzuschließen und sich ganz auf mich zurückzuziehen.
In das hohe Glück unserer zweisamen Tage aber mischte sich drückend das Bewußtsein des Dualismus in Irids Seele.
Sie stand zwischen zwei Welten. Ihre Vergangenheit, die unendliche Reihe ihrer Vorfahren, die Erbschaft von Jahrtausenden, hielt sie fest in der Welt ihrer Geburt. Ihr inneres Wollen aber, ihr warmes Sehnen, ihr ganzes starkes Ich, das als die höchste Macht und das einzige Gesetz zu betrachten sie mit ihrer gesamten Mitwelt gewohnt war, zog sie zu der jungen, barbarischen Menschheitsstufe des geliebten Mannes.
Dazu kam noch, daß ihr schöner Lehrerberuf sie in ernste seelische Verlegenheiten brachte, seit sie innerlich dem Barbarismus zuneigte.
Die größte Sorge aber bereitete ihr der Knabe, den sie in nicht mehr dreiviertel Jahren zu gebären hoffte.
Empfangen in einer Stunde heißester Wildheit, so meinte sie jetzt, gezeugt von einem Vater von, wie sie wähnte, urmenschlich quellender Jugendkraft, mußte die Zwiespältigkeit des Gefühls, wie es jetzt sie erfüllte, in ihm dereinst zur Tat erstehen, und statt eines Erneuerers der alternden Menschheit müsse er, wie sie nun in Stunden seelischer Depression vermeinte, an ihr zum Verbrecher werden. --
Eines Abends, nachdem sie den Tag nachdenklich verbracht hatte, veranlaßte sie mich, mit ihr an den See hinunter zu gehen.
An der Stelle, wo wir voreinander gekniet hatten bei meiner Ankunft, hatte ich eine Bank errichtet.
Hier ließen wir uns nieder, und Irid begann mit dringenden Worten die Forderung an mich zu richten, in meine Welt zurückzukehren und sie mit mir zu nehmen, auf daß sie dort ihres Knaben genesen, ihn unter Menschen seines eigenen Blutes aufziehen und mit mir leben könne im Rhythmus und in den Gedanken meiner Welt.
Ich hielt ihr die Gefahren der furchtbaren kosmischen Reise entgegen, die Unsicherheit der Ankunft, und die Möglichkeit, daß dort drüben vielleicht bittere Enttäuschungen ihrer warten möchten.
Sie aber blieb fest in ihren Bitten. Was ihr Wohlbefinden in jener Welt beträfe, so könne es nirgends größer sein als da, wo ich wäre, und wenn wir unser Ziel nicht erreichen sollten, im Äther zerstöben oder an Weltkörpern zerschellten, so würde es uns gemeinsam treffen und ein schöner Tod sein, denn mit ihren Haaren wolle sie uns aneinander fesseln. --
An diesem Abend beschlossen wir von dannen zu gehen, sobald sich der Tag meiner Ankunft gejährt habe.
Noch etwa eine Woche hatten wir vor uns. Irid nutzte sie, um in der Stille ihre Angelegenheiten zu ordnen. Unter heißen Tränen schrieb sie einen Abschiedsbrief an den geliebten Vater. Auch ich fügte Worte des innigsten Dankes hinzu.
Die letzten Tage, nachdem sie alles erledigt hatte, lebte sie wie in einer Art von Ekstase. Ihre Augen leuchteten in innerer Glut, ihre Füße schienen, wenn sie schritt, kaum den Boden zu berühren, und ihr Mund, der so mitteilsam gewordene, war wieder verstummt und flüsterte nur noch meinen Namen. --
Am Abend vor der Nacht unsres Fortgehens trat sie nackt in mein Zimmer. Wie ein goldschimmernder Mantel lag ihr Haar um das Weiß ihres herrlichen, makellosen Körpers.
Gleich einer Priesterin breitete sie die Arme aus, und ihre Augen waren wie die Verheißung des Paradieses.
Ich kniete vor ihr und küßte ihren Leib.
Als die Nacht halb vorüber war, schritten wir, noch trunken von Wollust, nackt hinunter zum See, wo ich ein Lager bereitet hatte.
Irid flocht ihr Haar in schwere Zöpfe. Wir legten uns nieder, verbanden uns durch Irids Zöpfe, umschlangen uns fest und blickten, all' unser Inneres auf den einen Gedanken unsres Ziels richtend, hinauf zu dem winzigen Nebel, in dem meine Erde kreiste.
Gleich einem einzigen Körper und einem einzigen Gedanken lagen wir ineinander gefügt in einer nie gefühlten Fülle sinnlichen Vergehens.
Als der Himmel sich rötete, war mir, als ob mein Körper sich zu erleichtern begänne. Fester umschlangen meine Arme den zitternden Leib meines jungen Weibes, dessen Mund im Paroxysmus den meinen suchte.
Das Klingen, Harfenschwirren hub an, ein tiefer Orgelton erfüllte die Luft, und als die ersten Sonnenstrahlen über den Wald huschten, war die Verbindung mit dem Lager gelöst:
Ich schwebte frei empor und -- durch die Wollust der Ekstase hindurch fühlte ich die Freude über den Erfolg -- Irid blieb fest in meinen Armen.
Ihr Atem floß heiß über mein Gesicht. In allem Brausen der beginnenden Transfiguration vernahm ich deutlich das süße Wimmern ihres Mundes, wie sie meinen Namen stammelte. Dann schwand mir das Bewußtsein.
Auch heute, lange einsame Jahre nach den Ereignissen, deren Schilderung ich hier qualvoll niederschreibe, Jahre, da kein Tag versank, an dem nicht diese Stunden mir nahe waren, auch heute noch muß ich mich zwingen, den tiefen Schmerz meiner Seele zu bannen, um in sachlicher Folge zu berichten, was nun geschah:
Als mein Bewußtsein zurückkehrte, war das erste, dessen ich gewahr wurde, ein furchtbarer körperlicher Schmerz. Aber ich fühlte dennoch, daß Irid noch in meinen Armen war. Ich vermochte die Augen aufzuschlagen und sah uns auf felsigem Untergrunde halb im Wasser liegen. Irids Augen waren geschlossen. Mich deuchte, daß ihr Mund, wie im Traume, lächelte.
Einige Menschen umstanden uns, und ich hörte Stimmen. Dann schwanden mir wieder die Sinne. --
Zum anderen Male erwachte ich im Helldunkel eines engen Raumes. Beizender Rauch zog mir in die Nase. Wieder fühlte ich schwere Schmerzen in Kopf und Gliedern.
Vor mir saß ein altes Weib mit schwarzem, strähnigem Haar und rotgelben, faltigen Zügen. Alte, verbrauchte Decken waren über mich gelegt.
Das Weib sprang, da sie mich die Augen öffnen sah, hoch, kreischte, anscheinend freudig erregt, auf, und begann eilig mir irgendwelche Nahrung einzuflößen. Bei dieser Prozedur fiel ich wieder in Ohnmacht.
Als ich abermals erwachte, war Nacht umher. Ich vermochte vor Schmerzen kaum meine Gedanken zu sammeln, griff aber doch um mich, um Irid zu fassen. Ich fand sie nicht und rief ihren Namen. Ein Stöhnen nur mag es gewesen sein.
Jemand in meiner Nähe rührte sich, und eine grunzende Männerstimme ließ sich vernehmen. Dann wieder erlöste mich die barmherzige Bewußtlosigkeit.
So bin ich tagelang zwischen Leben und Gestorbensein hin und her gezogen worden, bis eines Morgens mein Zustand sich so weit gebessert hatte, daß mir nicht sofort nach dem Erwachen wieder die Sinne schwanden.
Ich stellte fest, daß ich in einer armseligen Hütte lag. Um mich war eine Familie von rotbraunen, halb nackten Menschen kaum mittelgroßer Gestalt, die sich hilfsbereit um mich bemühten.
Von Irid war nichts zu sehen. Ich begann nach ihr zu fragen. Man schien mich nicht zu verstehen.
Ich wurde in meiner Angst unruhig. Ich rief laut Irids Namen.
Man gebot mir, durch Zeichen, zu schweigen und ruhig zu liegen.