Nebel der Andromeda Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen

Part 6

Chapter 63,679 wordsPublic domain

In den Monaten dieser ersten Erkenntnisse, während derer unser äußeres Leben seinen unverändert ruhigen Gang weiter lief, änderte sich in meinen Verhältnissen zu Irid nichts, als daß meine Leidenschaft für das schöne und merkwürdige Mädchen immer mehr wuchs und damit die Qual des innigen Zusammenseins mit ihr.

Sie mied jeden Verkehr außerhalb des Hauses und wußte auch den ganzen Sommer über ihre wenigen Bekannten von sich ferne zu halten, so daß nur die stumme Dienerin Okk, der Hund Turu und des Vormittags die Kinder um uns waren. Selten kamen Geschäftsleute, Männer und Frauen, des Hausstandes wegen, oder Eltern der Kinder. Ihnen blieb ich fern.

Mit den Kindern aber befreundete ich mich immer mehr.

Sie waren Geist von meinem Geiste. Mit ihnen sprach ich die gleiche Sprache und dachte ich die gleichen Gedanken.

Ich glaube zwar, daß sie manches Mal über mich spotteten, wie Kinder ja geistig Armen mitleidslos entgegenzutreten pflegen, aber sie betrachteten mich doch als ihren Freund, mit dem sich gut schwatzen und spielen ließ.

Ich hatte mir in einem Kellerraume des Hauses eine kleine Werkstatt eingerichtet, wo ich mit Material, das mir Irids Vater gütig lächelnd beschaffte, allerhand technische Basteleien veranstaltete. Es tat meinem angestrengten Geiste wohl, einige Stunden des Tages, während derer ich mich manuell beschäftigte, ausruhen zu können.

Ich baute kleine elektrische Apparate einfacher Art, wie primitive Hausklingeln und ähnliches. Mein größtes Werk aber war eine Dampfmaschine, deren Hauptbestandteil ein mehrere Liter fassender Kessel bildete, der eigentlich Destillationszwecken der Apotheken dienen sollte. Im Anschluß an diese Leistung wagte ich mich gar an einen kleinen Dynamo.

Die Arbeit machte mir Freude, und auch den Kindern bereiteten meine Erzeugnisse viel Spaß, während Worde und Irid sie belustigt als nichts anderes betrachteten, denn als kindliche Spielereien, trotzdem ihnen der Mechanismus meiner gut laufenden kleinen Maschinerien durchaus unbekannt war und ihr Interesse hätte erregen müssen.

Irid blieb zu mir nicht nur stets gleichmäßig freundlich, gütig und warmherzig, sondern ließ mich auch zu meiner Tortur stets weiterhin fühlen, daß ich ihr körperlich sehr sympathisch sei.

Sie lebte nach wie vor auf das engste mit mir, ließ mit Wohlgefallen meine Liebkosungen geschehen und erwiderte sie wohl gar. Gelegentlich küßte sie mich in Gegenwart ihres Vaters oder der Dienerin. Die vollkommene Freiheit der Drom-Menschen untereinander läßt nicht einmal den Gedanken aufkommen, über irgend etwas, das der andere tut, abfällig zu urteilen. Nur sich selbst gegenüber bestehen sie auf strengster Kritik. Auf meiner Erde hatte ich das Gegenteil beobachtet.

Trotz Irids zärtlicher Freundschaft aber war, wie man begreifen wird, mein Leben mit ihr ein höchst unvollkommenes. Nie gehörte sie mir ganz, wie sie überhaupt noch keinem Manne gehört hatte.

Sie erklärte mir, daß sie sich erst mit dem Manne vereinigen würde, mit dem sie ein Kind zu zeugen gedächte.

Sie glaube bestimmt, daß das aus einer allerersten Liebesvereinigung hervorgegangene Kind höhere Lebensqualitäten besitze, als ein anderes. Die Auswahl des Mannes zu dieser Zeugung hielte sie für die wichtigste Aufgabe ihres Lebens.

Mir ward bei diesen sachlichen Auseinandersetzungen des jungen, gleich einer reifen Traube schwellenden und vor Sinnenbegierde bebenden Weibes unheimlich zumute. Sollte ich hier standhalten, mich namenlos quälen lassen in meiner fast tollen Liebessehnsucht, und dabei, wartend bis eines Tages jener andere käme, der Irid in seine Arme nehmen durfte, gleich einem verzogenen Haustiere leben?

Ich war oft sehr verzweifelt und verwünschte das Los, das mich in diese paradiesische Hölle gebracht hatte.

Ich beschloß, meine bewährte, irdische, ungeistige Willenskraft wieder zu üben, um mich zu gegebener Zeit von diesem Planeten fortzuheben.

Der Gedanke aber, Irid für immer verlassen zu müssen, bereitete mir viel Qual, und ich fühlte mich fürs erste noch nicht bewogen, ihn auszuführen, zumal ich noch nicht das Letzte über die Geschichte der Drom-Menschheit erfahren hatte.

Dies sollte erst im Beginne des Winters, der mit köstlichem Schneefalle eingesetzt hatte, geschehen.

Eines Abends, als wir beim Weine am Kaminfeuer saßen, fand Worde die Anknüpfung an den abgerissenen Faden seines Berichtes.

Die dritte Stufe der großen Evolution der Psyche, begann der alte Gelehrte, die alleine erst die Menschen unserer Drom endgültig zu dem machte, was sie heute sind, brachte zugleich die Erfüllung eines uralten Wunsches der Menschheit, eines Wunsches, der fast so alt ist als sie selbst.

Die Überlieferung der Urgeschichte berichtet von einem mystischen Hause, das die Menschen zu Ehren ihrer alten Götter errichtet hatten, und über dessen Eingange das Wort gestanden habe: »_Erkenne dich selbst!_«

Aber ebenso stark, wie sich die Sehnsucht nach dieser letzten Erkenntnis regte, ebenso schwer war die Ausführung.

Wie sollte der Mensch sich selber erkennen, nachdem er noch nicht einmal die Vorstufen der Erkenntnis des Willens und der Erkenntnis der Psyche anderer erklommen hatte? Dann erst bedurfte es jahrhundertelanger Arbeit der nach Zahl der Mitarbeiter und Qualität des Denkens immer gewaltiger angewachsenen Wissenschaft, um das schwerste aller Rätsel zu lösen.

Atom für Atom wurde in unendlicher Mühe die Wahrheit zutage gefördert, bis endlich das so heiß und innig Ersehnte offen dalag.

Der gedankliche Apparat der Psyche war bis in seine letzten geistigen Fasern bloßgelegt, wie man einst das Großhirn seziert hatte. Man konnte nun die Schlüsse ziehen, und die Anwendung der Menschheit applizieren.

Die Fähigkeit des Selbsterkennens ist in den letzten Zeitepochen derartig ausgebildet und zum angeborenen, allgemeinen Besitztum der geistig nur halbwegs höher Organisierten geworden, daß nur noch Kinder und Halbidioten sich nicht in demselben Umfange selber zu erkennen vermögen, wie man in die Psyche seines Nebenmenschen schaut.

So wie ich weiß, was in diesem Augenblicke in deinen und Irids letzten Gedanken vorgeht, so weiß ich -- den Alten möchte das wunderbar erscheinen -- wie es in meinem eigenen Innern ausschaut.

Ja, es bedarf nur einer gewissen geringen Anstrengung der besonderen Funktion meines Hirns, um mich rein körperlich, physisch, außer mir selber zu sehen und zu hören.

So sehe ich jetzt hier, mir gegenüber, den alten Worde auf einem Stuhle sitzen, mit einigen Handbewegungen über längst selbstverständlich gewordene Dinge sprechen, und allmählich müde werden. Auf dein Wohl, alter Zwillingsbruder! Du sollst noch einige Jahre leben, dann aber fröhlich schlafen gehen!

Der Alte schmunzelte belustigt und stieß gleichsam mit sich selber an. Irid und ich mußten, so unheimlich auch mich die Angelegenheit anmutete, lachen. Wir nahmen unsere Gläser und ein allgemeines, ganz irdisches und heimatliches Anklingen ertönte.

Ich fragte Irid, ob auch sie sich so außerhalb ihrer selbst zu sehen vermöchte. Sie erklärte mir lachend, daß schon die Kinder das mit der Sprache ganz von selber lernen. Nur die Tiere nicht. Turu, der Hund, kann sich nicht selbst erkennen.

»Und -- -- --?« warf ich leise ein. »Und nicht mein Freund Markus.«

Dabei nahm sie meinen Kopf in ihre Hände und küßte mich lachend.

Worde aber schenkte neuen Wein ein, legte sich behaglich zurück und fuhr fort zu berichten:

Während die Menschheit früherer Zeitepochen sich vom Tier lediglich durch die sogenannte Vernunft unterschied, hat sie durch die Vergeistigung vermöge der Beherrschung der Funktionen des inneren Willens, der Erkenntnis anderer und endlich der Erkenntnis ihrer selbst einen solchen Grad von Erhebung über jenen Urzustand erlangt, daß es schwer hält an eine noch weitere Entwickelung zu glauben.

Und doch steht uns ohne Zweifel eine solche noch bevor. Denn, wenn auch scheinbar all' unser ganzes Wesen mehr und mehr von der Materie unabhängig geworden ist, so hat doch eines sich durch alle Zeiten und Wandlungen unverändert erhalten: der Zeugungstrieb. In ihm sind wir noch dem Tiere gleich, so sehr wir auch diese Urkraft schon differenziert zu haben glauben.

Aber schon jetzt ist die Wissenschaft zu bemerkenswerten Feststellungen über die Elemente dieses ersten, letzten und stärksten Antriebes zum Leben gekommen, so daß für künftige Jahrhunderte auch hier Entdeckungen bevorzustehen scheinen, die geeignet sein konnten, die Vergeistigung auch auf die geheimnisvollen Bezirke der Erotik auszudehnen.

Wenn es dann zum Gemeingut aller geworden sein wird, die Geschlechtsliebe, vom Körperlichen getrennt, nur im Seelischen zu erleben, dann ist die breite Treppe zum Katafalk der Menschheit erstiegen.

Die alte Drom aber wird bei der Totenfeier keine Tränen weinen. Sie hat einst Jahrmillionen die Sonne umkreist, ohne daß Menschen auf ihrer Rinde nisteten. Sie wird dann weitere Jahrmillionen ohne diese Mitfahrer ihre Kreise ziehen, bis einmal das Feuer der Sonne erloschen ist, und damit im Sonnenbereiche auch der letzte Rest von organischem Leben, oder, bis die Katastrophe eines kosmischen Zusammenstoßes ein schnelles Ende macht.

Ob nach der Menschheit andere organische Wesen als kleine Dromgötter auf ihrer Kruste schmarotzen werden, ob dies vielleicht schon vor der Menschenepoche der Fall war, wir können es nicht wissen.

Was heißt überhaupt »wissen«? Es heißt nur »annehmen«, »glauben«. Die Wahrheit erfahren wir ja nie, eben weil wir, auch in unserer größten zeitlichen Gesamtheit, nichts sind als aus Gnaden für ein Viertelstündchen Mitgenommene auf der Reise über jene lange Weltenstraße, die von der Unendlichkeit über das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit hinüberführt zur Ewigkeit.

Geschlecht folgt auf Geschlecht, so lange noch ein Grashalm wächst. Das Menschengeschlecht ist nur eines von vielen.

Es heißt da wenig, ein alter Mensch sein oder ein junger. Es heißt da, Markus, ebenso wenig, einer alten Epoche entstammen oder einer jungen.

Wir, Irid und ich, wir sind alte Menschen. Unsere Zeit ist der Abend.

Wir sind vor dir, der du im Morgen stehst, voraus kraft der Erbschaft der Jahrtausende, die das Alter unserer Planetenmenschheit von dem der deinen trennt.

Die ungeistige Zeit des Barbarismus, jene kochende, gärende, glühende, vernichtende, selbstsüchtige und genußgeile Zeit der Maschinen, der Elektrizität und aller der uns Alten lächerlich und spielerisch erscheinenden Undinge ist verklungen.

Aber das war der Morgen! Es war die vollsaftige, heißblütige, gläubige, sehnende und irrende _Jugend der Menschheit_!

Sollen wir uns freuen, daß schon Abend ist? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß wir uns nicht überheben sollen! Jedes Ding steht für sich. Jeder Mensch steht für sich. Jede Zeit steht für sich. Ist das Alter mehr als die Jugend?

Markus, die Jugend soll leben! Markus der Barbar, Markus der Wilde soll leben!

Worde hob lächelnd sein Glas. Irid aber sah mir in die Augen, und ich wußte, daß sie mein sein würde.

Arm in Arm, wie immer, waren Irid und ich durch die weiße Nacht nach Hause gegangen.

Zum ersten Male seit ich bei ihr lebte, begann das Gefühl jener Inferiorität, das bisher wie eine Mauer zwischen meiner und ihrer Seele gestanden hatte, zu weichen.

Die Gedanken des Alten hatten mir einen Teil meines Selbstgefühls wiedergegeben. Es stieg in mir auf, daß ich die psychische Überlegenheit Irids, die sie ja nur der Erbschaft ihrer langen Ahnenreihe verdankte, zu hoch eingeschätzt habe, und ich ward mir wieder eines bewußt, das mich früher nie verlassen hatte: meiner Mannheit.

Irids Gedanken schienen einen ähnlichen Pfad zu wandeln. Mir war, als schritte nicht mehr die Herrin neben mir, die meinen Arm nur als Stütze brauchte und mich als ungefährliches Spielzeug, vielmehr hing ein junges Weib schwer an mir: Sie ließ sich führen statt mich zu leiten.

Als wir in unserm Hause anlangten, fanden wir die Halle noch warm. Ich warf einige Scheite in die verglimmende Glut, und Irid blies sie an. Es war keine Verabredung, daß wir, unserer Gewohnheit entgegen, nach der Rückkehr vom Hause des Vaters noch nicht unsere Schlafzimmer aufsuchten.

Wir entledigten uns unserer Oberkleider und setzten uns nebeneinander nieder.

Meine tastende Hand fühlte, wie das Herz des Mädchens laut schlug. Meine Finger umspannten die tief atmende junge Brust und mein Mund suchte den ihren.

Zum ersten Male wich sie mir aus, nahm meine Hände in die ihren und sagte: »Höre, Markus!«

Sie nannte selten meinen Namen, dessen Aussprache ihr fremd war. Ich aber hörte kein Wort lieber von ihr.

Und nun begann sie zu sprechen. Lebhafter, wortreicher als sonst floß ihre Sprache, und der Ton klang anders denn bisher.

Anders auch war ihre Haltung. Es deuchte mich, als sähe sie zu mir empor, und in ihren Worten war Respekt, ja etwas wie eine ferne Furcht.

Sie begann von der Zeit zu erzählen, da ich noch nicht bei ihr gewesen war.

Sie sei von Männern viel besucht worden. Da ihr ja nichts verborgen blieb, so habe sie auch gewußt, daß alle diese Männer sie begehrten.

Oft habe sie eine heiße Lust gehabt, dem Begehren, zumal des einen, nachzugeben. Es sei ihr unendlich schwer geworden zu widerstehen. Und doch habe sie die Kraft aufgebracht, ihrem Vorsatze, sich erst mit dem Manne zu vereinigen, der der Vater ihres einzigen Kindes werden solle, treu zu bleiben.

Es hatte ihr aber keiner genügen können.

Alle seien sie weise, ruhig, schweigsam, von letzter Selbstzucht gewesen, gleich jeglichen Menschen ihrer Welt und gleich ihr selbst. Sie wußte, sie hätte mit jedem von ihnen einen schönen, harmonischen und ruhigen Menschen gezeugt.

Ein starkes inneres Gefühl, wohl atavistischer Herkunft, jedoch drängte sie zu anderem. Das Bewußtsein von der alternden Menschheit war in ihr, und ein heftiges Sehnen nach Jugend stieg in ihr auf.

Sie konnte sich keine Rechenschaft darüber abgeben, welch' einer Jugend dies Sehnen galt, denn die Männer, die schweigend um sie warben, waren jung, stark und schön, aber im Gefühl war es vorhanden, und so schritt sie ihre Pfade mit sehnenden Sinnen und suchte den Mann der Jugend, dem allein sie ihre reiche Liebe schenken wollte.

Im vergangenen Frühsommer, nach der Schlaflosigkeit erotisch-heißer Stunden, war sie in der schwindenden Nacht hinuntergeschritten zum See. Dort hatte sie sich niedergesetzt, und ihr Blick war zu den Sternen hinaufgegangen und fand in jener Spirale feinen Nebels die andere Welt.

In der heißen Phantasie der glühenden, liebesehnenden Erregung sah sie dort einen andern Planeten mit Männern von ungebändigt junger Kraft, Männern von Blut und Feuer, laut, lärmend, fordernd, gebietend, Männern, die statt schweigenden Mitfühlens die Geißel schwangen über dem sich widersetzenden Weibe.

Eine erotische Ekstase sei über sie gekommen. Sie habe einen bestimmten Mann gesehen, nackt, barbarisch, sie begehrend. Alle ihre Kraft, all ihr Denken und Wollen und all ihr sinnliches Fühlen habe sich in wonnevoller Konzentration auf ihn gerichtet.

In diesem paroxystischen Zustande habe sie lange Zeit verharrt. Er habe auch angehalten, als das Licht der Sterne verlosch; und wie sie fühlte, daß die Sonne sich erhob hinter ihr, habe sie gewußt, daß jetzt der Mann kommen müsse.

Mit ausgebreiteten Armen, einer Trunkenen gleich, sei sie dem See zugeschritten, und als der Mann dem Wasser entstieg, nackt, wie ihre innere Glut ihn gesehen hatte, wäre die Kraft in ihr zusammengebrochen, und fassungslos, zum ersten Male in ihrem Leben, sei sie in die Knie gesunken.

Nie bisher hatte sie über den Tag meiner Ankunft gesprochen. Stets war sie abgebogen, wenn etwa einmal die Rede darauf kommen wollte in unsern knappen Gesprächen. Jetzt flossen ihre Worte mir zu, gleich einem lange eingedämmten Strome.

Sie habe mich geliebt, schon ehe sie mich sah. Ihr Wunsch, ihr eigener Wille hätte mich ihr zugetragen. Ihre erotische Kraft habe mich geboren. Ich sei ihr Geschöpf. Aber gerade dieses Bewußtsein wieder habe sich wie ein kalter Ring um ihre Leidenschaft gelegt.

Dann, als sie sah, daß mir alle die selbstverständlichen Eigenschaften mangelten, die in ihren Augen den Menschen vom höheren Tiere schieden, als sie sah, daß ich schwatzhaft war und spielerisch gleich den Kindern, eitel und ohne Selbstzucht gleich den Tieren, daß ich Torheiten sprach und töricht handelte, ohne es zu bemerken, daß sie die stärksten Gedanken haben konnte vor mir, ohne daß ich eine Spur davon empfand, vor allem aber als sie sah, wie ich wie ein Haustier um sie war, abhängig von ihren Gedanken und ohne Freiheit vor ihr und vor mir selbst, als sie alles dieses sah und fühlte, sei der Zweifel in ihr aufgestiegen an mir, an der köstlichen Vision jenes Morgens und an ihr selbst.

Wohl glaube sie mich zu lieben. Wohl zögen sie ihre Sinne zu mir -- nie habe sie mir das verborgen -- aber nicht vermöchte sie es sich mit mir zu vereinigen.

Erschöpft und mit Tränen in den Augen erhob sie sich, wehrte meinen Worten und wehrte mir, ihr zu folgen.

Ich aber wußte, daß sie noch in dieser Stunde mein sein würde.

Im hohen Triumphe dieses Gefühls reckte ich mich und genoß das erste Kraftbewußtsein unter diesen Menschen.

Was bedeutete mir jetzt noch Überlegenheit des Geistes! Was überhaupt Vergeistigung! Was bedeutete das vor der Kraft meiner Arme und vor meinem Willen zum Besitze!

Ich liebe dieses Weib, und packe ich sie mit meinen Armen, dann soll sie mein sein durch Himmel und Hölle, durch Leben und Tod!

Ich habe mich düpieren lassen von den Jahrtausenden! Was sind Jahrtausende?! Der alte, weise Worde hat es gesagt: Ein Viertelstündchen auf der großen Weltenreise. Was bedeutet eine Viertelstunde früher oder später?! Der Augenblick ist alles!

Ich sprang die Treppe hinauf. Ich riß den Vorhang zur Seite von Irids Schlafzimmer.

Fast entkleidet stand sie vor mir in ihrer herrlichen Jungfräulichkeit.

Abwehrend hob sie die Arme. Ich sprang ins Zimmer.

Sie floh in eine Ecke. Mit angstvoller Stimme, wie ich sie bisher nie gehört hatte, rief sie: »Ich fürchte mich!« Ihre Lippen zitterten.

Ich sprang auf sie zu. Ich griff hart mit beiden Händen nach ihrem Leibe. Der letzte Rest der Kleidung blieb in Fetzen zwischen meinen Fingern.

Da schrie sie wie in Todesangst laut auf: »Markus!«

Der Schrei vergellte in der Einsamkeit der Winternacht.

Mit meinen Händen hob ich sie jäh empor, hoch über meinen Kopf.

Das Schreien und Sträuben ihrer starken Jugend war umsonst: in ihrem Bette lag sie in meinen Armen.

Keine Mauer mehr gab es nun zwischen Markus und Irid!

Ein schwaches Weib wand sich wimmernd in der höchsten Stunde ihres Lebens unter meiner Kraft.

Als die Wintersonne aufstieg über dem Schnee, erwachte ich aus tiefem Traum. In meinen Armen schlief Irid.

Ihr reiches, blondes Haar lag wirr über dem zerstörten Bett, aber ihre Brust atmete ruhig.

Als sie unter meiner leisen Liebkosung die Augen aufschlug, fiel ein unendlich rührender Blick süßer, ergebener Weiblichkeit auf mich, und ihre Lippen flüsterten meinen Namen. --

Über jedes menschliche Begreifen reiche und köstliche Monate folgten dieser Nacht.

Jeder beginnende Tag ward uns zum Ereignis, und jede neue Nacht bescherte uns neue Kostbarkeiten.

Unsere Liebe ward uns zu einem Borne, den auszuschöpfen uns nie verliehen zu sein deuchte.

Alles was die Welt an Großem und Schönem geschaffen und besessen in den Jahrtausenden, schien uns winzig gegen die überquellende Fülle unserer immer wachsenden Leidenschaft.

Ein Hauch dieses süßen Mundes war mir mehr als alle Weisheit des alternden Menschengeschlechtes, inmitten dessen ich lebte als eine neu aufgesprossene Jugend.

Die Frucht, die unserem Bunde entsprießen sollte, dünkte uns der Keim zu einem Rinascimento der Menschheit. --

Seit jener ersten Nacht war Irids geistige Überlegenheit gewichen. Der Stärkere war jetzt ich. Was ihr bisher an mir barbarisch geschienen hatte, ward ihr nur lieb und wert.

Ihre Sprache floß von Tag zu Tag leichter. Es machte ihr Freude, zu sprechen. Immer mehr schwand die angeborene Neigung zum nur inneren Verarbeiten ihrer Gedanken.

Ich begann, sie meine eigene Sprache zu lehren. Sie begriff sie überraschend schnell, und bald redeten wir ein lustiges Kauderwelsch ihrer hochentwickelten Gedankensprache, von der ich ja nur weniges beherrschte, und meiner primitiven Wortsprache, in die sie sich mit Inbrunst immer tiefer hineinlebte.

Auch meine einfache Art zu denken begann ihr geläufig zu werden. Sie vergaß es bald, ihre Gedanken zu Begriffskomplexen zusammenzuballen, und erlernte die einfache Urform des logischen Denkens ihrer Vorfahren mit seiner übersichtlichen Gliederung in Ursache und Wirkung.

Ich fand, daß es offenbar leicht fällt, in der Erbreihe rückwärts schreitend, zu den primitiven Gewohnheiten einer längst versunkenen Vergangenheit zurückzukehren, während es unendlich viel schwerer ist, einen Sprung nach vorwärts zu machen.

Mein Verhältnis zu Irid hatte sich dergestalt geändert, daß nicht mehr ich zu ihr, das Körperliche zum Vergeistigten, hinaufschritt, sondern sie zu mir hinab, in halb unbewußter Preisgabe ihrer überlegenen Fähigkeiten.

Daß diese reziproken Bewegungen in gewissem Umfange auch einen Ausgleich unserer persönlichen Qualitäten verursachten, war für uns beide ein Gewinn, und das allmählich aufkommende Bewußtsein dessen ein hohes Glück. --

In eigenartiger Weise veränderte sich Irids Fähigkeit als Kinderlehrerin durch ihr Verhältnis zu mir.

Ich stellte fest, daß durch ihr Fortschreiten in der primitiven Denkart und der einfachen Logik meiner Urwelt ihre Fähigkeit, sich den Kindern mitzuteilen und von diesen verstanden zu werden, immer mehr wuchs: sie ward selber ein Kind, »redete wie ein Kind und hatte kindliche Anschläge.«

Es war eine Freude, zu sehen, wie sie sich immer mehr den Kindern seelisch näherte und diese zu ihr heranwuchsen, und wie in seltener Weise Lehrer und Schüler sich zu einem Gemeinsamen zusammenschlossen.

Aber gerade der Kinderunterricht sollte für Irid den ersten Anlaß zu Kummer geben: Es begann sich herauszustellen, daß sie nicht mehr das Interesse und vor allem auch nicht die psychische Kraft aufzubringen vermochte, die Kinder fernerhin in derselben vergeistigten Weise und in denselben Dingen zu unterrichten, die Zeit und Umwelt von ihr forderten.

Auch in ihrem Verhältnis zum Vater, der bisher allem mit tiefem Verständnis gefolgt war, begann sich manches zu trüben. Ihr Bedürfnis nach Mitteilung gegen ihn war geringer geworden, dagegen hatte, was dem Alten unendlich banal vorkommen mußte, sich ein Hang zur mündlichen Aussprache, in seinem Sinne zur Schwatzhaftigkeit, eingestellt.

Ferner -- es mochte wohl der Ausfluß einer Art von bösem Gewissen sein -- bemühte sie sich, ihr Herabsteigen zu mir vor ihrem Vater zu verbergen, welcher Rückfall in die barbarische Gewohnheit der Verstellung diesen auf das schmerzlichste bewegte.

Das Bedenklichste aber war, daß Irid nicht nur die Freiheit ihres eigenen Denkens aufgegeben hatte und sich als einen Teil von mir fühlte, in demselben Maße meine Hörige, als vor unserer Vereinigung ich der ihre gewesen war, sondern vor allem, daß sie auch aufhörte, diese persönliche Freiheit als das unter allen Umständen allein menschenwürdige zu betrachten.

Sie stand nicht an, zu erklären, daß der barbarische Zustand der Urzeiten, in welchem das Weib im geliebten Manne zu einer köstlichen zweisamen Einheit von Seele und Leib ganz aufzugehen vermöchte, das Höhere und Edlere sei.

Irid war zur Barbarin geworden!

Als mir das Verständnis aufging für die Konflikte, die sich mit unbedingter Notwendigkeit hieraus ergeben mußten, war es schon zu spät. Im übrigen hätte ich doch nicht vermocht ein Naturereignis aufzuhalten.

Ich bemühte mich nun wie in der ersten Zeit unseres Beieinanderseins, mich Irids früherem Denken und Sprechen wieder zu nähern. Ich drang darauf, daß sie meine Unterrichtung in ihrer Sprache mit größerer Intensität betriebe. Ich fand auch große Freude daran, mich in der schweren Schriftsprache ihrer späten Welt unterrichten zu lassen.