Nebel der Andromeda Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen

Part 5

Chapter 53,373 wordsPublic domain

Der unerhörten Überschätzung verstandesgemäßen, technischen Könnens jener wilden Zeit entsprach eine unwirkliche, phantastische und barbarische Ethik:

Der große Irrtum der Menschen jener Drom-Epoche, der viele Jahrtausende angehalten hat, daß nämlich sich im Körper die Seele als besonderes Lebewesen, als eine Art Einwohner, aufhalten solle, führte dazu, dieser Seele übersinnliche Eigenschaften beizulegen, und ihr aus Gründen mangelnden Naturerkennens die Fiktionen von Gottheiten der verschiedensten Art vorzusetzen, vom einzigen Gotte bis zu einem ganzen Götter- oder Heiligenhimmel, oft auf das tiefsinnigste und gehaltreichste ausgedacht und mit unendlicher Liebe mystisch verklärt, um welche Gottheiten sich die Drom-Menschen dann dauernd bis aufs Blut uneinig waren.

Durch das ungeistige Wesen, das sie in ihrer Verblendung um die Gottheiten herum inszenierten, schufen sie den Begriff von Gut und Böse, und trieben durch Lehre und Beispiel sich selber gegenseitig immer von neuem unwiderstehlich zum Schlechten.

Zwar gab es auch schon in jenen Urzeiten Menschen, die den Mut besaßen, diese Gottheiten als Erzeugnisse der menschlichen Phantasie zu erkennen, als Produkte des menschlichen Bedürfnisses nach Anlehnung, Unterordnung, Unfreiheit, nach übersinnlicher Mystik oder doch als die gedachte transzendente Verlängerung einer zu kurzen sinnlichen Erkenntnis, als die bequeme Erklärung scheinbar rätselhafter Vorgänge. Aber diese wenigen Menschen wurden einerseits mit Haß und Abscheu oder wenigstens mit Geringschätzung behandelt, anderseits taten sie sich auf ihre Erkenntnis etwas Besonderes zugute, legten sich wissenschaftlich klingende Namen bei und machten ein aufdringlich großes Wesen von sich.

Daß in solch' barbarischem Getriebe die Kunst unbeirrt die herrlichsten und köstlichsten Blüten trieb, erscheint uns heute auf den ersten Blick unverständlich, erklärt sich aber aus der blutwarmen, unverbrauchten, gärenden Jugend des damaligen Menschengeschlechtes, als dessen reinste Kräfte die Künste aus dem Grunde des brodelnden Kessels gleich Gasblasen durch alles siedende Aufwallen hindurch unverletzt zur Oberfläche aufstiegen.

Auch die Wissenschaft, soweit sie sich nicht zur Sklavin der Technik machte, stand bereits inmitten vergleichsweise hoher Erkenntnisse. Von dem Lebenswichtigsten allerdings, vom Menschen, wußte sie wenig.

Überhaupt kam der Mensch in dieser sonderbarsten und aufregendsten Zeit, die der Drom je beschieden war, am schlechtesten weg.

Die immer mehr wachsende Überfüllung des Planeten, die sich höchst unzweckmäßigerweise auf einigen ihrer Gebiete einstellte, während andere frei blieben, schuf von selbst die Notwendigkeit der Einteilung und Organisation der sich drängenden Menschheit.

Von jeher hatte in jenen Urzeiten eine merkwürdige Doppelschichtung bestanden, deren Lagerungen sich in unregelmäßigen Perioden veränderten.

Auf der einen Seite war dies die über die ganze Drom hinweggehende wagerechte Schichtung in eine dünne obere Lage und eine dichte untere Lage. Die obere Lage bestand aus den Besitzenden, die untere aus den Besitzlosen. Geistiges hatte damit nichts zu tun. Es handelte sich lediglich um das Materielle.

Dem stand auf der andern Seite die senkrechte Schichtung gegenüber. Sie teilte die Menschheit nach dem Ursprungsorte ihrer Sprachen und Stämme und der geographischen Lage ihrer Wohnsitze in allerhand größere oder kleinere Gemeinschaften, die sich »Nationen« nannten, meist untereinander bitter verfeindet waren, und sich, wenn es irgend anging, auf das heftigste und in jeder Art bekriegten. Die Kriege pflegten dann die Grenzen der senkrechten Schichtungen über ihre ursprüngliche sprachliche und geographische Lage mehr oder weniger weit hin und her zu schieben, welche Verschiebungen immer neuen Anlaß zu weiteren Kriegen gaben. Oft gar nahmen diese Verschiebungen einen solchen Umfang an, daß eine der Nationen das Gebiet der andern ganz bedeckte.

Gelegentlich einigte man sich in der Menschheit dahin, daß die Kriege von nun an aufhören, und alle einen großen Freundschaftsbund schließen sollten. Diese Einigung pflegte aber nur den Mächtigeren der senkrechten Schichtungen zugute zu kommen, und zwar auch nur so lange, als diese sich untereinander vertragen, ein Zustand, der selten lange anhielt.

Auch die große wagerechte Doppelschichtung der Besitzenden und Besitzlosen änderte oftmals ihre Lage zueinander. Dieser Wechsel war stets von Kämpfen begleitet, die den Kriegen der Nationen an Furchtbarkeit nicht nachstanden.

Die dichtere Lage der wagerechten Schichtung, die Besitzlosen, strebte zudem dauernd danach, das System der senkrechten Schichtung in Nationen überhaupt aufzuheben, weil dieses System ihrem Streben, die Oberhand zu gewinnen, entgegenstand. Wenn tatsächlich die spätere und längere Geschichte der Drom-Menschheit eine solche senkrechte Schichtung der Nationen nicht mehr aufweist, und lediglich die Dichtkunst in Prosa und Vers die schönen Ursprachen jener Epochen auf uns überbracht hat, so ist das aber nicht als ein Erfolg der Schicht der Besitzlosen anzusprechen, sondern lediglich die Wirkung der großen _Geisteszeit_, die einsetzte, als mit dem Ende der Elektrizitätszeit die Drom-Geschichte einen Gipfelpunkt von goldener und blutroter Strahlung erreicht hatte, wie er nicht höher und machtvoller, aber auch nicht wilder und furchtbarer gedacht werden kann.

Ein gewaltiger, himmelragender Weltberg muß jener Gipfel gewesen sein, umlagert von den großen, immer gärenden und wechselnden Menschheitsorganisationen.

Das Einzelstudium der Geschichte jener Drom-Zeit weist, wie mich Worde lehrte, Organisationsformen der mannigfaltigsten Art auf.

Am verbreitetsten war gegen das Ende jener unseligen Zeit die sogenannte Republik, in welcher Einrichtung stets eine (meist nur geringe) Mehrheit der Minderheit die Gesetze vorschrieb, und in der es zuzugehen pflegte, wie auf einer jener schnell rotierenden Drehscheiben, wie man sie früher zur Volksbelustigung auf den Jahrmärkten vorführte. Auf ihnen hält sich immer, um nicht abgeschleudert zu werden, einer am andern fest. Nur einigen wenigen aber gelingt es, in der Mitte der Scheibe so lange festzusitzen, bis sie der Zug eines anderen, gleichfalls zur Mitte Strebenden aus dem Gleichgewicht bringt und der tangentialen Wirkung der Rotationskraft aussetzt.

Diese sogenannten Republiken gab es in allen Formaten und Spielarten. Stets aber mußte ein erheblicher Teil der Menschheit dem Willen des andern Teils untertan sein, obwohl das Wort »Untertan« als in hohem Maße beleidigend galt.

Auch Republiken mit schön drapierten Herrschern waren darunter. Diese letzteren band man in der Mitte der Drehscheiben an für sie eingeschraubten goldenen Ringen bewegungslos fest.

Zeitweilig hatte sich auch eine ganz besondere Organisationsform aufgetan, die leugnete eine Republik zu sein und von sich behauptete, die Lösung der großen Menschheitsfrage bringen zu können.

In der Theorie war sie, das muß man ihr noch heute, nach langen Jahrtausenden, zugestehen, schon vergleichsweise recht unbarbarisch ausgedacht. Keiner sollte darin mehr bedeuten, mehr besitzen und mehr Gewalt haben als der andere. Alle die trennenden und aufregenden Schichtungen, sowohl die wagerechten in Besitzende und Besitzlose, wie die senkrechten in Nationen, sollten damals schon, wie es heute ist, aufgehoben werden.

Aber es blieb bei der Theorie, denn die Voraussetzung für ihre praktische Durchführung, die _Vergeistigung der Menschheit_, war in jenem Menschheitszustande der Barbarei noch nicht erfüllt.

Die Versuche zur Errichtung solcher Gemeinschaften waren begreiflicherweise dazu verurteilt, am Materiellen kleben zu bleiben, und erreichten nur, daß das Individuum sich wie in einem gewaltigen, alles nivellierenden Schafstalle vorkam, in dem keiner sich wohl fühlte, jeder unfreier war als zuvor, und daß sich neben und vor die reinen und gutgläubigen Gründer und Führer Unberufene, Eitle, Macht- und Blutdürstige drängten, die der Menschheit das Leben zur Hölle machten. Die Hauptsache aber, der oberhalb des geknebelten Individuums thronende »Staat«, ohne den die ungeistige Menschheit jener Barbarenzeit eben nicht bestehen konnte, blieb, wie sehr die Schöpfer der Organisation dies auch bestritten, unter anderem Namen nach wie vor am Leben.

Am wohlsten scheint sich nach den erhaltenen Inschriften und schriftlichen Überlieferungen die Menschheit noch in jenen seltenen Ausnahmefällen befunden zu haben, wo ein durch ungewöhnliche Gaben vor seinen Mitmenschen ausgezeichneter Einzelner, getragen von dem Vertrauen aller, diktatorisch an der Spitze der Organisation stand.

Aber auch die geringe Zahl dieser Einzelnen, von denen die Geschichte weiß, Führer im Geiste, blutgeborene Könige aus den Geschlechtern der Urzeit, oder geistesgeborene Söhne des Volkes, hatten unter dem Barbarismus und dem niedrigen Kulturniveau ihrer Umwelt schwer zu leiden.

Im ganzen betrachtet, bedeutete jede Änderung der Organisationsform, so hoch auch sie von ihren Anhängern als die endliche Erfüllung der ersehnten Freiheit gepriesen wurde und welcher Art sie auch gewesen sein mochte, nichts als günstigenfalls einen Gewinn für die Gesellschaft auf Kosten des Individuums.

Ich drang im Laufe unserer Abende in Worde, mich wissen zu lassen, wie sich die Dromgeschichte nach dem Versinken jener gewaltigen Elektrizitätsepoche gestaltet habe.

Es wurde dem alten Gelehrten nicht leicht, sich mir verständlich zu machen. Meine Welt, unsere irdische Menschenwelt, war gegen jene der Drom, das hatte ich inzwischen begriffen, um zahlreiche Jahrtausende in der Entwickelung zurück, mir aber mangelte die Erfahrung jenes gewaltigen Zeitunterschiedes.

Wiederholtes Geschehen gibt gleich addierten Zahlen eine Summe. Dies wiederholte Geschehen findet im Rahmen der organischen Welt seinen reichsten und letzten Ausdruck in der Vererbung. Da aber das höchste Organ die menschliche Psyche ist, entstanden in der Entwickelung ungezählter Zeiträume, so klingt in unserm Bewußtsein die Psyche aller hinter uns versunkenen Jahrtausende mit.

Mir aber fehlten in der meinen eine Anzahl von Jahrtausenden, und zwar gerade die letzten.

Der alte Gelehrte befand sich also mir gegenüber in einer Lage, als ob etwa auf unserer Erde jemand einen vielleicht aus der Steinzeit wieder auferstandenen Mann, dem man unsere Sprache, soweit er sie zu begreifen vermag, notdürftig beigebracht hat, die Entwickelung der letzten Jahrtausende erklären will.

Es gelang aber doch Wordes feinem psychologischen Verständnis, sich in mein primitives Denkvermögen hineinzufinden und mir den weiteren Verlauf der Dinge auf der Drom einigermaßen begreiflich zu machen.

Alle diese Menschheitsorganisationen, fuhr er fort, haben also nur eines erreicht: ihren eigenen Aufbau und Zerfall. Dem _einzelnen Menschen_ gaben sie wenig oder nichts. Im Gegenteil: je stärker und machtvoller die Organisation als solche dastand, um so weniger bedeutete darin der einzelne Mensch, auf dessen Erhaltung, Freiheit, Wohlbefinden es jedoch letzten Endes ja allein hätte ankommen sollen.

Es hält heute schwer, sich eine Vorstellung von einer Welt zu machen, in der die Nahrungs- und Ordnungsorganisationen _oberhalb_ der einzelnen Individuen standen, in der die Organe dieser Organisationen, deren Versammlungen, Kommissionen, ja deren einzelne Beamtete berechtigt und sogar verpflichtet waren, über den Menschen zu bestimmen, Regeln für sein Verhalten aufzustellen, ihm Befehle zukommen zu lassen, ihm Verbote zu erteilen, wie wir es unsern Haustieren gegenüber zu tun pflegen.

Aber nicht nur diese wirtschaftlichen Verbände, Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft oder wie immer sie sich nannten, übten eine Gewalt über den einzelnen Menschen aus, auch merkwürdige, irreale Begriffe der verschiedensten Art hatte sich die Menschheit im Laufe der Jahrtausende ihres Urzustandes selber ausgedacht, von denen sie sich in jedem ihrer Schritte quälend beeinflussen ließ.

Religion, Sitte, Moral und wie sonst sie diese selbstgeschaffenen Begriffe nannten, die gleich unsichtbaren, nur in der naiven Phantasie jener Menschen vorhandenen Gespenstern ihre Geißeln über ihnen schwangen, sie mehr und mehr von der Natur und dem Selbstverständlichen fortführten, ihre psychischen Qualitäten von Jahrhundert zu Jahrhundert verschlechterten und unermeßliches Elend über die Menschheit brachten.

Es ist -- um nur eines davon zu nennen -- für uns heute unbegreiflich, welch' ungeheuerliches, fürchterliches, dumm-geheimnisvolles Getue jene Menschheit mit dem reinsten und schönsten Dinge des Lebens, der Erotik anstellte! Die alte Geschichte lehrt, daß auf keinem Gebiete menschlicher Beziehungen mehr Unheil angestiftet wurde, als gerade hier. Mehr noch als in allen anderen Angelegenheiten ihres Lebens machten sich jene Menschen hier selber zu den armseligsten Sklaven. In unbegreiflicher Selbstqual verkümmerten sie sich künstlich den schönsten Ausdruck der Freiheit und des Lebens, den ihnen die Natur verliehen hat.

Es muß eine armselige, enge und dunkle Zeit gewesen sein inmitten aller ihrer Wunderwerke eines einseitig und künstlich hochgetriebenen Verstandes!

Das Höchste und Wertvollste an uns, unser Ich, die köstliche Freiheit, das zu tun oder geschehen zu lassen, wozu uns unser Wunsch und unser Wille treibt, von dieser Freiheit des Ich war in der Finsternis jener frühen Tage des Menschengeschlechtes nichts zu finden.

Der lange Weg vom behaarten Menschentiere, das in den Schachtelhalmwäldern nach Nahrung suchte, zum heutigen geistigen Menschentume führte durch eine gewaltige, öde Wüste, in der lediglich die Kunst Oasen einer allerdings köstlichen Erfrischung schuf.

Wie lange doch hat es gedauert, bis man sich dazu verstand, alle die unzähligen, phantastischen Selbstbeschränkungen über Bord zu werfen, zu lernen auf den eigenen Füßen seines eigenen Ich zu stehen und als einziges Gesetz anzuerkennen:

»Sei frei wie der Adler über den Bergen, aber nicht auf Kosten eines deiner Mitmenschen, deren jedem dein Handeln zu allen Stunden Vorbild sein soll.«

Um aber endlich die arme gemarterte und gefesselte Menschheit aus dem Dunkel der Sklaverei ins Licht der wahren Freiheit zu führen, bedurfte es erst der größten Umwälzung aller Zeiten: der _Vergeistigung_.

Wer diese höchste Tat vollbrachte, wer das große Menschenrätsel endlich löste, diese Frage ist schwer zu beantworten.

Schon in der vor-elektrischen Maschinenzeit begann jene Wissenschaft aufzukeimen, die man damals Psychologie nannte, eine unbegreiflicherweise gering geschätzte Wissenschaft, der man gerne die »Wissenschaftlichkeit« absprach, und die man zeitweilig sogar als »materialistisch« mit Haß verfolgte.

Die Erkenntnis nämlich, daß die Wahrheit, das »Ding an sich«, dem Menschen bis in Ewigkeit verschlossen bleiben wird, daß er seiner Umwelt gegenüber niemals aus der Menschenperspektive herauszutreten vermag, daß alles Denken und scheinbare Wissen nichts ist, denn eine Vorstellung, diese Erkenntnis führte zu dem innigen Wunsche, wenigstens diese Vorstellung zu bessern, zu veredeln, zu vergeistigen. Das Organ aber der Vorstellung ist die Psyche. Ziel und letzte Forderung menschlichen Strebens also ward die Beherrschung der Funktionen unserer Psyche.

Schon inmitten des fürchterlichen Getriebes der Elektrizitätszeit war von einigen wenigen gelehrten und zugleich einsichtsvollen Männern dieser Erkenntniskeim sorgfältig gehütet und gepflegt worden.

Man entdeckte dann in der Großhirnrinde den Sitz der Funktion des bewußten Willens.

In jahrhundertelangem stillen Denken und lautlosem Experimentieren gelang es dem immer größer werdenden Kreise der psychologischen Forscher, denen auch die Biologen und die übrigen Naturwissenschaftler eifrig dienten, als erste Erkenntnisstufe die Funktion dieses Willens derartig klar zu erfassen und in seinen einzelnen Elementen bloßzulegen, daß es darauf nur noch eines weiteren Schrittes bedurfte, um ihn seinem Besitzer, dem Menschen, als Instrument in die Hand zu geben, dessen er sich wie seiner übrigen Organe, Augen und Ohren, Geruch und Geschmack, ja wie seiner Glieder, nun willkürlich bedienen konnte.

Denn so unglaubwürdig es klingen mag, bis dahin hatte der Mensch seinen Willen zwar besessen und sich seiner auch in gewissem Umfange bedient, aber fast ausschließlich zu äußeren Handlungen. Im Innern lag die ungeheure Kraft des Willens brach.

Die Kenntnis der Funktion des inneren Willens nun endigte die Elektrizitätszeit, deren gewaltige Evolution die gesamte Drom-Menschheit zu armseligen Sklaven gemacht hatte.

Ihm trat der Überwinder entgegen, der einzelne Mensch, _das Ich des Menschen_. In herrschend erhobener Hand schwang er das unbesiegbare Schwert seines inneren Willens.

Nachdem der Mensch sich dergestalt auf sich selbst besonnen und sich von der Materie zum Geiste gewandt hatte, war die erste grundlegende Umformung, deren der neuerkannte Wille sich annahm, die Regelung der Zeugung:

Das frei gewordene Weib ward unabhängig vom blinden Zufall. Der Wille des Weibes bestimmte, ob der Akt der Zeugung, dem sie sich nun frei hinzugeben vermochte, mit der Schaffung eines Menschen enden solle oder nicht, und der Wille des Weibes bestimmte das Geschlecht des von ihm gewollten Kindes.

Ein ungeheurer Rückgang der Geburten war die Folge. Mutter wurde nur das Weib, das den innern Beruf dazu verspürte. Die Zahl der Kinder richtete sich nach der Fähigkeit der Mutter, sie zu erhalten.

Nachdem der Mensch ein Ich geworden und das hastende Gedränge der Überfüllung einer bequemen, weitläufigen Ruhe und inneren Sicherheit Platz gemacht hatte, wurde das Weib auch von dem Manne frei, und erst damit die wahre Mutter ihrer freien Kinder. Wo das Seelenband zerriß, hielt nichts mehr die Mutter beim Vater. Sie ward frei von ihm und er von ihr. Nur der freie Wille bestimmte fortan das Verhältnis der Geschlechter untereinander.

Das schönste Geschenk der Natur war von den Fesseln gelöst, die menschliche Beschränktheit ihm angelegt hatte: der freie Liebesgenuß!

Eine weitere Befreiung brachte der Instrument gewordene Wille: der Mensch ward Herr der Krankheiten.

Wohl vermochte er nicht dem Tode als dem Beschließer des Alters zu gebieten, wohl konnte er nicht verhindern, daß eine schwere Wunde entstand, wenn eine unachtsame Sense das Bein traf, aber von dem gewaltigen Heer der inneren Krankheiten verlor der größte Teil seine Kraft.

Schon die Urmenschheit kannte den psychischen Einfluß auf die inneren Erkrankungen, aber sie wußte ihn nicht zu meistern. Ratlos stand sie vor Tatsachen, wie solchen, daß nach einem schweren Schiffbruche alle geretteten Kranken der Besatzung, auch die mit heftigem Fieber behafteten, gesund waren und sich erst entsannen, überhaupt krank gewesen zu sein, als die Erregung des Unglücksfalles schwand. Man sah nicht, daß hier, noch unbewußt, der innere Wille die Krankheit beendet hatte.

Kranksein ward ein Zustand, der von nun an nicht mehr periodisch durch alle Menschenleben zog und in der addierenden Wirkung auf die Reihe der sich folgenden Geschlechter die Menschenkörper verkümmerte und die Psyche auf das ungünstigste beeinflußte. Von einem gesunden Vater gezeugt, von einer gesunden Mutter geboren, im Besitze eines alle seine inneren Vorgänge beherrschenden Willens, blieb der Mensch frei von hemmender Krankheit und nahm zu an Größe und Schönheit des Leibes. --

Eine neue Menschheit erstand, Abscheu und Grauen war in ihr vor allem Künstlichen, vor alle dem barbarischen Werke ungeistig hochgezüchteten und überschärften Verstandes, aber auch vor den entsetzlichen Menschenhäufungen, die man »Städte« genannt hatte, und die in Wahrheit die Brutstätten aller Ungeistigkeit gewesen waren.

Keiner der fabelhaften Fähigkeiten der Vorzeit mehr bedurfte es, die Menschen in ihren Bedürfnissen zu erhalten. Die Frucht des Feldes und des Gartens genügte zu ihrer Ernährung.

Das Wort »Freiheit«, mit dem die früheren Jahrtausende sich vergeblich heiser geschrien hatten in brünstigem Verlangen, verlor sein Gewicht, nachdem es geworden war wie die Luft: keiner kann ohne sie leben, aber keiner ruft nach ihr, denn sie erfüllt den Raum.

Niemand war des anderen Herr oder Knecht. Nur ein Herr noch galt unter der Sonne: Ich!

Das Verhältnis der Menschen untereinander begann sich ganz natürlich nach Neigung und Fähigkeiten zu regeln.

Wer das Bedürfnis verspürte, als freier Mann oder als freies Weib in Sold zu stehen, oder wer nicht die Fähigkeiten fühlte, auf eigenen Füßen in der Welt zu leben, trat in eines anderen Dienst, ohne daß der andere Gewalt über ihn erlangte.

Die großen Menschheitsorganisationen, die Schichtungen, die wagerechten der Besitzenden und Besitzlosen sowohl wie die senkrechten der Völker, lösten sich ineinander auf.

Die Menschen, weit auseinander hausend, schlossen sich zu freiwilligen Wohnkreisen zusammen. Männer und Frauen fanden sich, die gemeinsamen wirtschaftlichen Dinge, wie Produktionsaustausch, Post, Hygiene und ähnliche Notwendigkeiten zu besorgen. Die Wissenschaft schuf sich selbst ihre eigenen Institutionen.

Niemals wieder aber bekam die Organisation Gewalt über irgendeinen der Einzelmenschen. Sie hing nicht mehr über den Köpfen der Organisierten, sondern lag unter ihren Sohlen.

Morgenröte war aufgegangen am Menschheitshimmel. --

Aber noch stand nicht die Sonne letzten Friedens am Himmel. Noch immer gab es Ruhestörer. Wenn auch ihre Zahl gering war, so bedurfte es doch noch der Gesetze und ihrer Güter. Noch fehlten zwei Stufen zum vollen Werke der Menschheits-Vergeistigung.

Jahrtausende des Suchens, Forschens und Erkennens lagen wieder zwischen jeder dieser Stufen.

Die erste war die _Erkenntnis der Psyche des anderen_.

Die Arbeit begann mit der Bloßlegung der Funktionen des Denkens, welch' letzterer Beschäftigung man bisher wohl mit intensivster Hingabe, aber doch ohne irgendeine Kenntnis ihrer Elemente obgelegen hatte.

Nachdem aber der Organismus der Denktätigkeit wissenschaftlich erkannt war, gab man dem Menschen die Fähigkeit in die Hand, zwar noch nicht sein eigenes Denken planmäßig zu erkennen und zu kontrollieren, aber das jedes anderen Menschen bis in die letzten Zellenregungen zu beobachten.

Embryonale Anfänge zu solchem Erkennen anderer Menschen waren ja auch schon den Alten bekannt gewesen. Liebesleute, Freundespaare, Mutter und Kind und ähnliche Menschenverbindungen, zwischen denen eine tiefe Sympathie -- welches Wort für einen unbekannten Begriff man einsetzte -- bestand, glaubten sich in vielen Dingen zu verstehen, ohne miteinander zu sprechen. Von zwei Künstlern des Altertums erzählt man, daß sie den Abend miteinander schweigend verbrachten und sich dann unter gegenseitigen Worten des Dankes für die schöne Unterhaltung verabschiedeten.

Aber erst die wissenschaftliche Aufdeckung der Psyche ermöglichte es, jedes beliebigen Menschen psychische Regungen zu erkennen, auf den man sich einstellt.

Welche Wirkungen diese Fähigkeit, die im Laufe der Zeiten Gemeingut der gesamten Menschheit wurde, ausübte, liegt auf der Hand: die Lüge und die Falschheit, die bösen Geister vieler Jahrtausende, schwanden aus der Welt.

Da keiner dem andern mehr etwas verbergen konnte, so verkümmerte die Neigung der Menschen zu Verstellung und Entstellung, die nach dem Verlöschen der Religionen ohnehin schon erheblich an Verbreitung eingebüßt hatte, vollkommen. Nur bei Kindern, die ja die Phasen der Menschheitsentwickelung im einzelnen Individuum erkennen lassen, findet man noch Spuren davon.

An die Stelle der Lüge trat das Schweigen.

Von einem Weisen aus der alten Geschichte hat sich das Wort erhalten: »Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.«

Es war eine Freude geworden, mit Menschen zu leben.

Über die letzte Stufe der Menschheitsvergeistigung sprach Worde noch nicht. Ich war ihm noch nicht reif genug.