Nebel der Andromeda Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen

Part 3

Chapter 33,778 wordsPublic domain

Über der Wiese, unweit des weißen Häuschens, ging, strahlend im Frühglanze, die Sonne auf.

Als ich dem Ufer nahe kam, gewahrte ich, was mir die Blendung der morgendlichen Lichtflut bisher verborgen hatte, ein Bild von tiefer Einprägsamkeit.

Am Wasser stand hochaufgerichtet ein Weib. Die Sonne wob aus lichtblondem Haar eine Gloriole um sein Antlitz, und ließ durch das leichte Gewand die Silhouette des schlanken, edelgeformten Körpers erscheinen.

Das Weib breitete wie ekstatisch die Arme aus. Gleich einem lichtumflossenen Kreuz stand die Gestalt vor der Sonne.

Meine Füße fühlten jetzt Grund. In wenigen Augenblicken war ich am Strande, zitternd vor Kälte und Erregung.

Da ließ das Weib die Arme sinken, kniete nieder und senkte tief das Haupt.

Die seltsame Schönheit des Augenblicks ergriff mich tief. Ich kniete neben dem Weibe und nahm seine Hände in die meinen. Da hob es den Kopf, und es war schöner, als ich je ein Weib gesehen hatte.

Wie ich aber fühlte, daß sein Blick an mir emporglitt, sah ich, daß ich nackt war, und ich schämte mich.

Ich wandte mich ab, gab die Hände meiner Gefangenen frei und trat aufstehend hinter ihren Rücken, eine Möglichkeit suchend, mich zu verbergen.

Aber auch sie erhob sich, wandte sich zu mir und sah wortlos lange und tief in meine Augen.

Die ihrigen waren blau und dunkel zugleich, und mich deuchte, es gäbe nichts Köstlicheres auf der Welt als diese Augen.

Ich fühlte körperlich, wie ihr Blick fragend in mein Inneres drang, und empfand einen starken unbequemen Zwang.

Die tiefe Ruhe des Weibes, das dringende, wortlose Fragen und die peinliche Hilflosigkeit meiner Lage irritierten mich ungemein, und in einem aufkommenden Gefühl von Trotz stellte ich meine oft erprobte Suggestivkraft auf die Fremde ein.

Die Wirkung erhöhte meine Verlegenheit nur: Eine Weile hielt sie, meinem Blicke begegnend, stand, dann aber begann sie hell und fröhlich zu lachen und schüttelte mit einer bestimmten Gebärde nachdrücklich den Kopf.

Ich hatte keine Macht über sie. Da sie sah, daß ich hilflos und, ein zweiter Odysseus, mich körperlich schämend, abgewendet vor ihr stand, entledigte sie sich eines leichten Obergewandes, gab es mir lächelnd und half mir mit ruhigen Händen und ohne Scheu es um meine Hüften zu befestigen.

Welch ein hohes Maß von innerer Sicherheit muß dies Weib haben, dachte ich, und schickte mich an, woran mich die süße Fremdartigkeit der Lage bisher gehindert hatte, mit einigen gestammelten Worten um Vergebung zu bitten und zu fragen, was ich beginnen solle.

Das junge Weib sah mir einen Augenblick merkwürdig erschrocken in die Augen, wieder mit jenem tiefen, durchdringenden Blicke, dann legte sie ihre Fingerspitzen auf meine Lippen und deutete auf das weiße Häuschen. Schweigend schritten wir nebeneinander den sanften Abhang hinauf.

Ich wagte nicht, den Kopf zu heben, so sehr verschüchterte mich die Verlegenheit meiner Lage. Ich sah die Gräser und Blumen der Wiese im Morgentau, von meiner Begleiterin aber sah ich nur die Füße. Sie waren bloß, gleich den meinen, und so schön, als habe Praxiteles sie geformt.

Wir traten in das Häuschen ein.

Das untere Stockwerk enthielt nur einen einzigen Raum. Weiche Bastmatten bedeckten den Boden, einige niedere Ruhebetten, gleichfalls mit Bastmatten überzogen, standen an den Wänden. Nur weniges Gerät sah ich. Es erschien mir fremdartig, aber jedes einzelne war edel in der Form und offenbar von gutem Material.

Meine Gastfreundin führte mich durch den Raum. Im Hintergrunde ging eine kleine Treppe in die Höhe. Wir stiegen hinauf, wo im oberen Stockwerk einige nur mit hellen Vorhängen verschlossene Türen auf einen gemeinsamen Vorraum führten.

Sie schob den Vorhang einer der Türen beiseite und lud mich mit einer Handbewegung zum Eintreten, und mit einer anderen zum Platznehmen auf einem sauberen Bette ein.

Dann holte sie von anderer Stelle eine große wollene Decke, eine Schüssel mit köstlich ausschauenden fremdartigen Früchten, einen Teller mit feinem weißen Brot und ein Glas mit Honig. Endlich trug sie eine hohe kristallene Karaffe goldfarbigen Weines und ein schön geschliffenes Glas herein.

Das kleine Mahl richtete sie auf einem neben dem Bette stehenden niederen Tische her.

Ich saß währenddessen regungslos und sah ergriffen der Anmut ihrer Hantierungen zu. In heiterer Gelassenheit schritt sie ein und aus, einer jugendlichen Königin gleich. Alles an ihr leuchtete in Schönheit, Reinheit und Harmonie. Wie ihre über alle Begriffe vornehmen Hände die Gegenstände anfaßten, war reinster Gleichklang.

Als sie alles beieinander hatte, breitete sie beide Hände aus, machte lächelnd eine kleine Verbeugung und ging stumm hinaus. Ich war dankend aufgestanden.

In der Tür aber besann sie sich, kehrte noch einmal zurück, trat vor mich hin und sah mir abermals mit ihrem fragevollen tiefen Blicke in die Augen. Dann schüttelte sie leise den Kopf, als verstünde sie etwas nicht, und sprach ein einziges kleines Wort, das gleich einer winzigen Melodie erklang, mir aber unverständlich blieb.

Ich zuckte höflich bedauernd die Schultern. Sie lachte fröhlich, zeigte mit beiden Händen auf sich, verneigte sich ein wenig und wiederholte: »Irid«. Dann wies sie fragend mit dem Finger auf mich.

Ich verstand. Es war ihr Name. Und sie wollte den meinen wissen. Ich nannte ihn und kopierte dazu ihre Bewegungen: »Markus«.

Ich mußte das Wort noch einmal wiederholen. Dann sprach sie es mit ihrer melodienreichen Stimme lachend nach, nickte mir zu und ging, den Vorhang hinter sich schließend, hinaus. --

Nun ich allein war, begann ich mich in meiner traumhaften Lage einzurichten. Ich hüllte mich in das weite Tuch, stellte beim Betrachten der appetitlichen Mahlzeit fest, daß ich erheblichen Hunger verspüre, und griff wacker zu.

Der goldene Wein erwies sich als süß und schwer. Er tat meinem abgekühlten Körper ungemein wohl.

Ich wurde warm, lauschte den leisen Geräuschen, die gelegentlich von unten herauf tönten, und sehnte mich nach meiner Wirtin.

Irid! Fremd und sonderbar klingt dein Name. Ich muß ihn laut aussprechen. Irid. Er tönt meinem Ohre wohl.

Spräche ich deine Sprache, ich wollte dir sagen, daß ich dich liebe, Irid! Ich liebe auch deinen Namen, Irid!

Erna Maria sei vergessen und versunken!

Erna Maria? Ich tat zum ersten Male seit dem Erwachen im See, was ich längst hätte tun sollen: ich dachte nach.

Was war geschehen? Wo war ich? Vor Erna Maria war ich geflohen. Vor der Erkenntnis, daß meine Liebe diese Frau kalt ließ, sobald meine suggestive Willenskraft nicht auf sie wirkte.

Beim Förster auf dem Berge hatte ich geschlafen. Halt! Da war es: die Nebelspirale der Andromeda!

Mein Wunsch, auf einen Planeten jener Andromedawelt zu gelangen, meine gewaltige Willensanstrengung und meine Transfiguration, deren Beginn ich noch mit wachen Sinnen erlebt hatte!

Es war gelungen. Es gab keinen Zweifel: ich befand mich auf einem Planeten irgendeines Sonnensystems im Nebel der Andromeda!

Meine Gedanken begannen sich ob der Furchtbarkeit dieser Erkenntnis aufzulösen. Der süße Wein und der verwirrende Eindruck des unbeschreiblich köstlichen Empfanges -- Irid! Irid! -- taten das Ihre. Chaotisch türmten und überstürzten sich die Dinge in meinem Hirn und ich geriet in einen ekstatisch-fieberhaften Zustand, von dem eine Schilderung zu geben meiner Erinnerung heute wohl nur dürftig gelingen wird:

Ich prüfte mich ratlos und voll Unruhe, ob ich wache oder etwa träume. Ich kniff mir in die Glieder, ich sprang auf, ging umher, ich aß hastig, ich trank, ich trank sogar ziemlich viel, aber ohne Zweifel: nie bin ich mehr wach gewesen als jetzt!

Ich delirierte weiter: Zwar glaube ich meine Natur so weit zu kennen, daß ich sagen kann: ich bin wach. Aber ist nicht all unser Naturerkennen nur das Surrogat einer Erklärung?

Und dennoch: sehe ich nicht hier die Umwelt, wie ich sie schon immer sah: durch die Brille all der tausend Begriffe und Deutungen, die ich ererbt und erworben habe? Ich sehe sie wie immer: von meinem eigenen, erfahrenen Ich aus. Nur in ungewöhnlichen Formen.

Nicht etwa wie im Traume, wo ich, erlöst von dem durch unzählige Vererbungsreihen und gehäufte eigene Erfahrung pedantisch gewordenen Arbeiten meiner Psyche, die Dinge sehe, wie sie wirklich sind, bunt, reich, ungeheuer, vielgestaltig, freigemacht von den unwirklichen Zweckmäßigkeitsbegriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, losgelöst von dem willkürlichen Begriffe des Raumes!

Oder sollte ich dennoch träumen? Sollten die Regulierungs- und Hemmungsvorrichtungen meiner brav gedrillten Psyche einmal, einmal, wie im Traume, den Dingen in ihr wahres, wirkliches Gesicht schauen? So also wäre die Welt? Darauf trinke ich!

Also wäre der Satz nicht wahr, daß unser Glück von unserer Unwissenheit abhängt? Sollte ich nun wissend sein und -- wie mich deucht -- glücklich zugleich?

Sehe ich jetzt das »Ding an sich«, von dem ich glaubte, daß es immer im undurchsichtigen Dunkel bliebe?

Sind dieser köstliche, goldbraune Wein, dieses im doppelten und schönsten Sinne des Wortes himmlische Weib das »Ding an sich?« Dann will ich es preisen mit Zimbeln und Schalmeien!

Aber bin ich überhaupt mit meinen Gedanken in der Gegenwart? Wer ist solches je?!

Und was ist Gegenwart? Ach was! Ich achte sie nicht mehr, diese grobe Zerhackung alles Geschehens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Ich bin ich! Wo ich bin, sind alle drei in eins! -- Wein her! -- Schulbegriffe! Fächer eines Konferenzzimmer-Regals! Aristoteles war ein Registrator! Auf dein Wohl, Giordano Bruno aus Nola! Dieses Glas der Unendlichkeit!

Und nun kling an mit mir, Nolenser, auf den alten Aristarch, der schon Jahrhunderte vor der Geburt des Menschensohnes aus Bethlehem die Erde um die Sonne kreisen ließ, und der den Begriff der Unendlichkeit an der Wurzel packte. Wißt ihr heute, Menschen, was das heißt?! Preis und Lob sei ihm in Ewigkeit, Amen!

Man hat ihm nicht geglaubt, dem wackeren Manne aus Samos, wo auch ein heißer Wein wächst gleich diesem. Der Schwindel des Aristoteles ist durch die Jahrtausende gezogen.

Laßt uns auch auf Kopernikus anstoßen. Zwar wähnte er noch eine letzte gläserne Käseglocke über den Kosmos gestülpt, aber dennoch: Kopernikus!

Sagen Sie, Herr Kopernikus, warum sollte ich nicht auf einen Andromeda-Planeten gelangen? Bitte: warum nicht? Der Wille vermag, was er will. Daher hat er seinen Namen.

Wozu in aller Welt gibt es denn eine Atomisierung?

Entfernung? Was heißt »Entfernung«? Was heißt »Zeit«? Raum und Zeit sind von der Wirklichkeit unverbürgte Anschauungsformen! Mehr nicht! Zählen nicht mehr mit, wenn es um große Dinge geht! Ich höre da immer nur Worte.

Worte sind Rechenpfennige, gut für Kartenspiel. Große Geschäfte macht man nicht mit Rechenpfennigen. Gebt mir andere Zwischenwerte als Worte, meine Gedanken umzusetzen!

Irid, dein Wein ist reif und süß, wie der Duft deiner Brüste!

Andromeda-Nebel! Vor zwei Jahrhunderten hat dich ein wackerer Mann zuerst gesehen, der Simon Marius hieß. In einer eiskalten Nacht um Weihnachten, als ihm die Hände fast erfroren an seinem Teleskop, entdeckte er ihn, und dann schrieb er in sein Buch, er habe einen Stern gefunden, wie er noch keinen sah, der sähe aus wie eine ferne Lichtflamme hinter der Hornscheibe einer Stallaterne. Alter scharfsichtiger Simon Marius! Dein Name klingt weise! Ich will dich nicht auslachen, weil, ehe du ein Hofmathematikus wurdest, du der Musikus Mayer aus Gunzenhausen gewesen bist. Auch Astronomen sind nur Musikanten! Die Harmonie des Kosmos ist ihre Musik! Als du neun Tage vor dem großen Galilei die Jupitersmonde entdeckt hattest, holtest du deine Geige in die Fernrohr-Kuppel und hast in der stillen Nacht so schön darauf gespielt, daß, wie du endetest, vom ganzen Rund des Himmels ein leiser, ferner Applaus ertönte. Bravo, Simon Marius! _Da capo!_ Und mir hast du die Andromeda geschenkt! Den Nebelschleier der Andromeda -- --

Mein Gott, ich hätte mich ja auch auf einen andern Planeten atomisieren lassen können! Ich hatte ja die freie Wahl. Aber es muß wohl hier auf diesem Ball jemand gewesen sein, der mich anzog. Irid? Ich will mit ihr darüber sprechen.

Noch einer? Wer ist das? Ach ja, natürlich! Herr Scheiner aus Potsdam! Auch ein wackerer Astronaut dieser Herr Scheiner! Hat zuerst der Erde im Andromeda-Nebel eine andere Welt gezeigt. Eine andere Welt!

Und die Erde hat nicht gebebt bei dieser Entdeckung!

Die Erde ist dumm! Wer kennt Herrn Scheiner unter den Menschen der Erde?

Dumme Menschen! Lernen in der Schule von Kolumbus die abgeschmacktesten Eiergeschichten, aber von Scheiner, der eine andere Welt rekognosziert hat, haben sie nie gehört! Prosit, Herr Scheiner! Was ist Amerika gegen eine Welt voll Sonnen?! Wenn ich mal nach Potsdam komme -- --

Aber nein doch! Ich bin jetzt eine halbe Million Lichtjahre von Potsdam entfernt.

Wein! Mich schwindelt!

Aber was sagt da Epikur, der die feine kluge Atomlehre des Demokrit -- Aristoteles, Ruhe! -- zu Ende gedacht hat?

Dieser Epikur, der ein Erz-Epikureer war und den Wein nicht verachtete! Da trink, Epikur!

Was sagtest du doch? »Die Zeit, in der sich Atome im leeren Raume bewegen, ist unmeßbar und unfaßbar klein.« Na also! Gegen Atome sind Lichtstrahlen altersschwache Schnecken! Für Atome gibt es nur ein Schnelligkeitsmaß: der Wille! Wer sagt da noch etwas? Aristoteles? Du? Geh' raus mit deinem Sphärenschwindel!

Ich war eben atomisiert, und mein Wille hat die Atome meines Körpers in Minuten durch den Weltenraum geschleudert. Das ist doch wissenschaftlich ganz klar!

Am Zielpunkte meines Willens war die Atomisierung beendet und mein Körper setzte sich neu zusammen.

Sehr erfrischt hat mich diese Auflösung. Man sollte so etwas öfters machen! Alle Krankheitskeime sind, so darf ich wohl hoffen, dabei ebenso zum Teufel gegangen, wie meine Kleider. Sieh' da! Sogar der goldene Ring an meinem Finger mitsamt dem Stein ist fortgeschmolzen! Aber kein Haar scheint mir zu fehlen.

Dafür ist meine Haut frisch und straff, und die Nägel meiner Hände und Füße sind rosig wie die eines Mägdleins.

Irid! Irid! Nie sah ich Füße wie die deinen! Auf dein Wohl, Irid! Den letzten Tropfen dieses Weines auf dein Wohl! Ich will jetzt schlafen. Ich bin müde. Irid -- -- --

Ich mußte lange und tief geschlafen haben. Als ich erwachte, bedurfte es geraumer Zeit, bis ich mich in der Situation zurechtfand.

Es war warm geworden, und die Sonne stand schon kurz vor dem Untergehen.

Ich rieb mir die Augen. Was mochte die Uhr sein? Hatte dieser Globus überhaupt dieselbe Umlaufszeit, wie unsere Erde? Die Größe der Sonne da draußen allerdings schien der unsern gleich zu sein.

Überhaupt, welche Merkwürdigkeit: Alles, was ich bisher sah, erschien mir zwar fremd, aber doch in Form und Materie dem Irdischen durchaus ähnlich.

Vor allem Irid! Fremd und merkwürdig zwar scheint sie, aber ein Weib wie alle, die mich bisher gelockt hatten. Doch eine veredelte Blume gegen jene!

Sie mußte, während ich schlief, bei mir gewesen sein: die Reste meines Mahles waren fortgeräumt. Auch die leergetrunkene Flasche.

Der Wein ist reichlich schwer gewesen für meinen frisch atomisierten Körper, dem alle Giftstoffe entzogen waren. Trotzdem war mir sehr wohl, und ich reckte meine neugeborenen Glieder in bewußtem Kraftgefühl.

Als ich mich im Zimmer umschaute, fand ich zu meiner freudigen Überraschung Kleider und alles, dessen man sonst bedarf, um unter Menschen zu erscheinen. O kluge Irid! Oder ist ein Mann im Hause? Das wäre des Teufels!

Jedenfalls begann ich die Kleider anzulegen, eine Arbeit, die mir einige Mühe verursachte, da der Schnitt, wie ja alles in dieser neuen Welt, ungewöhnlich war.

Die Kleider zeigten eine entfernte Ähnlichkeit mit den griechischen Gewändern und waren gleich diesen buntfarbig, doch hielt ich sie für knapper anliegend. Auch glaube ich nicht, daß die Griechen Taschen in ihren Gewändern trugen.

Zuletzt blieben nur noch die Sandalen übrig, deren Anlegen mir erst nach einigen Mißerfolgen gelang.

Alles paßte glücklicherweise gut, und ich fand mich in einem Spiegel ganz stattlich und leidlich repräsentabel ausschauend.

So verließ ich denn mein Zimmer und trat zögernd auf die Treppe zu dem unteren großen Raume.

Da saß Irid an einem Fenster. Wieder schien die Sonne durch ihr lichtes, ungewöhnlich reiches Haar und schuf einen goldig-zarten Nimbus um ihren schönen Kopf.

Sie hatte ein großes Buch auf den Knien und war derartig vertieft in ihr Lesen, daß sie erst aufblickte, wie ich schon mitten im Raume stand. Solches Versunkensein eines jungen Weibes! Fast schien es, als habe sie geschlafen. Dem aber war nicht so.

Sie legte lächelnd ihr Buch beiseite, erhob sich, breitete die Hände ein wenig aus und machte eine leichte Verbeugung. Ich tat desgleichen.

Ein großer schöner Hund, der neben ihr gelegen hatte, kam auf mich zu, beschnupperte mich und sah mich mit klugen Augen an. Alles schien hier zu fragen. Irid rief ihn mit einem kurzen volltönenden Worte zu sich und lud mich zum Sitzen ein.

Und nun begann wieder dies seltsame, wortlose Fragen, das mir recht unbequem war und mich in Verlegenheit setzte. Fast schien es mir, als ob das junge Weib besondere innere Kräfte besitze, den meinen weit überlegen.

Einige Male schien sie Unbegreifliches in mir zu finden. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf.

Ich kam mir vor, wie in einem stummen Examen und wußte nicht, was alles dies zu bedeuten habe.

Dann aber stand sie auf, nahm mich bei der Hand und führte mich an einen kleinen hübsch gedeckten Tisch, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Alles Geschirr darauf war dem unsern ähnlich, nur schien es leichter und von einfachen, edelsten Formen.

Als Irid nun eine kleine Glocke in Bewegung setzte, öffnete sich bald eine Tür neben der Treppe. Ein zweites menschliches Wesen trat ein.

Gespannt betrachtete ich es. Es war ein Weib, nur wenig älter als Irid, gleichfalls groß und gut gebaut, aber starkknochiger und nicht von dem Adel der Herrin. Die Kleidung war von derselben einfachen, losen und wenig verbergenden Art, wie sie Irid trug, aber dunkler. Das schöne, gleichmäßige Gesicht und die Ruhe der Bewegungen schienen kaum einer Dienerin eigen. Sie sprach kein Wort und nahm keine Notiz von meiner Anwesenheit.

Die Dienerin trug ein Mahl auf aus schönen, aber fleischlosen Speisen, denen nicht nur ich, sondern auch Irid kräftig zusprach. Ich freute mich der Feststellung, daß dies überirdische Geschöpf einen ganz menschlichen und, wie mir schien, durchaus irdischen Hunger zeigte.

Als sie einen leichten roten Wein einschenkte und ich, ihr zutrinkend, mein Glas gegen sie hob, lächelte sie fragend. Die Gewohnheit war ihr fremd. Aber gleich verstand sie den Sinn und ahmte nach, was ich ihr vormachte. Als unsere Gläser aneinander klangen, lachte sie belustigt auf.

Nachdem das stumme, aber freundliche Mahl beendet war, erhoben wir uns. Irid nahm mich bei der Hand und führte mich in ihrem Hause umher. Der schöne Hund, den sie Turu nannte, folgte uns.

Wenn auch, wie ich schon sagte, sich nur die nötigsten Gegenstände und Geräte vorfanden, und zwar ohne allen äußeren Schmuck, so schufen doch die edeln Proportionen und die wohl erwogenen Farben aller Dinge umher eine solche Harmonie, daß schönes Behagen und tiefe Ruhe die Wirkung des Gesamtbildes war.

Die geräumige Küche und die hübsche Wohnung der Dienerin lagen mit einigen Wirtschaftsräumen in einem besonderen Häuschen hinter dem Haupthause, mit diesem durch einen kurzen gedeckten Gang verbunden.

Außerdem war noch ein zweckmäßiges Badehäuschen mit einem kleinen Schwimmbade da.

Das obere Stockwerk enthielt außer meinem Zimmer, das mir ein Gastzimmer zu sein schien, nur noch zwei Räume: Irids Schlafzimmer und, mit diesem verbunden, eine Bibliothek.

Also schlief Irid neben mir! Ohne Türen, nur durch Vorhänge getrennt. Ein befremdlicher aber anmutiger Gedanke!

Wer ist dieses junge Weib? Ist es ein Mädchen? Eine Witwe? In welcher Einsamkeit lebt sie! Ich sah nichts von Nachbarn. Nur die ewig stumme Dienerin. Das Haus stand einzeln in einem kleinen Garten am Rande der auf drei Seiten von hohem Walde umgebenen Seewiese. Eine abgeschlossene Welt. Eine Welt des Rätsels und des süßesten Wunders!

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Irid führte mich jetzt hinaus auf die Wiese und hinunter zum Waldsee. An der Stelle, auf der ich sie heute früh begrüßt hatte, hielt sie inne, lagerte sich im Grase und hieß mich desgleichen tun. Der Hund Turu war mit uns.

In der friedlichen Stille des Sommerabends lagen wir zu dritt nebeneinander, wortlos wie immer, Irid mit ihren stummen Fragen, ich voll der buntesten Gedanken und in tausend Zweifeln über meine Lage, wohl die merkwürdigste, in der sich je ein Mensch befunden hat, und Turu, der Hund, die Schnauze auf den Pfoten, behaglich träumend.

Die Gedanken jagten sich in mir. Läge nicht dies jugendschöne Weib neben mir, duftend in der reifen Sinnlichkeit ihres Körpers, Ängste hätten mich überfallen.

Ihre weißen Füße waren mir nahe, und ich konnte nicht unterlassen, mit der Hand darüber zu streicheln. Sie ließ mich gewähren, auch als ich begann die zarte Haut ihres schlanken Beines zu liebkosen.

Dann aber nahm sie meine Hände in die ihren, hielt sie lange fest, sah mir ernst in die Augen und gab sie mir zurück.

Ich fühlte, daß ich, trotz des halben Gewährenlassens und des körperlichen Naheseins, keine Berechtigung hatte, von Irid mehr zu fordern als sie freiwillig gab. Die Grenze lag einzig und allein in ihrer Hand. Sie war die Stärkere.

Ich begann eine Art Gefühl vor ihr zu bekommen, wie ein Kind vor der Mutter. Mir war, als wisse und verstehe sie alles in mir, und als leitete sie mich mit ihren überlegenen Gedanken.

Dieses Gefühl erweckte in mir, der ich unter Frauen immer der Herr gewesen war, einen Zustand der Unsicherheit und Abhängigkeit, wie er mir bisher fremd geblieben war.

Dennoch lag eine eigentümliche Süße in dem Bewußtsein, der Hörige dieser herrlichen Frau zu sein.

Als wir ein Weilchen gesessen hatten, sprach Irid einige Worte zu ihrem Hunde, der mit klugen Augen zuhörte, sich dann erhob, dem Hause zutrottete und nach einiger Zeit zurückkehrte, zu meiner Überraschung auf dem Rücken, gleich einem Sattel, eine große Decke tragend, die Irid ihm abnahm und, da die Wiese feucht zu werden begann, für uns ausbreitete. Auch der Hund bekam seinen Platz darauf.

Dies alles ereignete sich mit solcher Selbstverständlichkeit, als ob eine derartige Hilfe des Hundes das durchaus Alltägliche sei. Kein Zweifel: das Tier verstand die Sprache seiner Herrin!

Aber auch nur zu dem Hunde hatte diese bisher gesprochen, und zu mir. Mit der Dienerin war kein Wort gewechselt worden.

Rätselvolles Haus des Schweigens! Mir soll es recht sein. Ich liebe wortkarge Menschen.

Allmählich wurden die Sterne sichtbar, und ich begann darin zu suchen. Kein Sternbild war gleich dem unseres Erdenhimmels. Eine Milchstraße jedoch, ähnlich der uns von Kindheit an vertrauten, wölbte sich von Horizont zu Horizont.

Wo in dem kosmischen Gewimmel mochte meine Erdensonne sein?

Irid sah, was ich suchte. Sie verstand mein Denken. Sie wies mit dem Finger auf ein Sternbild von sechs Sternen, und bedeutete mich, es zu betrachten. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß sie mir den Ort unserer Sonne zeigte.

Nach und nach dunkelte es vollkommen, und die Sterne spiegelten sich im Waldsee. Irids Blicke hingen mit den meinen am Himmel.

Nach einem Weilchen stieß sie einen kleinen Laut aus und zeigte abermals in das Bild der sechs Sterne: Mitten darin stand jetzt die zarte Spirale eines Nebelwölkchens!

Ergriffen legte sie ihre Arme um meinen Hals und küßte meine Wangen. --

Dann gingen wir Hand in Hand die Wiese hinauf, dem Häuschen zu.

Irid brachte mich in mein Zimmer, grüßte mich stumm und freundlich, und bald hörte ich, als ich erregt auf meinem Bette saß, wie sie sich zur Ruhe legte, und wie nach einiger Zeit die ruhigen, festen Züge ihres Atems zu mir herüberdrangen.