Nebel der Andromeda Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen
Part 2
Der Mann, von dessen Anwesenheit die Behörden übrigens erst erfuhren, als dieser schon mit der Bevölkerung ganz zusammengewachsen war, erklärte dann auf dringendes Befragen, nur seinen Namen sagen, über alles andere aber, solange er lebe, nie einem Menschen Auskunft geben zu wollen. Dabei war er bis heute geblieben.
Im übrigen hatte er zugesagt, die Gesetze des Landes zwar befolgen, sie aber nicht anerkennen zu wollen, da er außerhalb seiner selbst keinerlei Gesetz oder Überordnung irgendwelcher Art als bestehend ansähe. Er betrachte sich als den Mittelpunkt seiner Welt.
Man hielt ihn damals für geistesgestört, wenn auch gutgeartet, und sah das vermeintliche Leiden als Folge seiner rätselhaften Vergangenheit an, eine Ansicht, an der man in Porto Cabello noch heute festzuhalten schien, die der Kapitän aber nicht zu der seinen zu machen vermochte.
Als der Kapitän von der Einladung des seltsamen Mannes erzählte, war man allerseits verwundert. Es hatte zwar nie an Wissensdurstigen gefehlt, die immer und immer wieder versucht hatten, sich auf alle Art dem Sonderling zu nähern, um sein Vertrauen zu gewinnen, und dann vielleicht das Geheimnis zu enträtseln, aber auch die taktvollsten Anbahnungsversuche hatte er stets sofort als solche erkannt und ihnen die bündige Erklärung entgegengesetzt, er hege den Wunsch, ganz für sich allein zu leben. --
Es kostete den Kapitän nach diesen Eröffnungen einige Überwindung, seinem dringenden Wunsche, den Einsamen wiederzusehen, nachzugeben, aber die Überlegung, daß die Einladung ja, wenn auch nicht sehr nachdrücklich, so doch ganz freiwillig erfolgt war, und daß er sich im übrigen ja sofort wieder entfernen könne, sobald er etwa die Empfindung habe, dem Manne lästig zu fallen, veranlaßte ihn doch, an einem der nächsten Tage abermals den Weg das Flußtal hinauf zu machen. --
Der Einsiedler war, als der Kapitän anlangte, gerade dabei, etwa zehn oder zwölf Indianerkindern Unterricht zu erteilen. Gegen das Sträuben des Gastes bestand er darauf, seine Beschäftigung abzubrechen und erklärte überdies, daß es des Sonnenbrandes wegen unmöglich sei, vor Abend wieder in die Ebene hinabzusteigen.
Als die Kinder sich entfernt hatten, begrüßte er den Ankömmling noch einmal herzlich, aber doch mit einiger im Kontrast zu seiner sonstigen Sicherheit stehenden Befangenheit. Des Umganges mit Menschen seiner Bildungsstufe seit vielen Jahren entwöhnt, bedurfte es für ihn offenbar einiger Übung, sich wieder zurecht zu finden.
Der Kapitän rechnet den Tag, den er mit dem weltflüchtigen Manne dort oben verlebte, zu den reichsten und eindruckvollsten seines Lebens. Von Stunde zu Stunde gewann er den Ernsten, Rätselhaften lieber, der in seiner körperlichen Größe und Schönheit und vermöge seiner starken, wenn auch zurückhaltenden Suggestivkraft in der Tat dem Bilde zu gleichen schien, das man sich von einem Heiligen machen könnte.
Die Unterhaltungen drehten sich ausschließlich um Kunst, Literatur und Naturwissenschaften. In den beiden ersten Gebieten fragte der Wirt viel, als wolle er sich belehren lassen, obwohl er erheblich über das Mittelmaß europäischer Durchschnittsbildung hinaus unterrichtet war. Mindestens zeigte er, auch wo ihm fachliches Wissen etwa mangelte, einen sicheren Instinkt, und vermochte klar das Echte vom Gemachten zu unterscheiden.
In naturwissenschaftlichen Dingen aber, die er von einem hohen philosophischen Standpunkte aus behandelte, war er uneingeschränkt der Führer der Unterhaltung. Dem Gaste dünkte es ein seltener Gewinn, ihm da zuzuhören. Die Erscheinungen der organischen Welt waren dem Einsiedler nur das Material, aus welchem er seine Gedanken über Vergangenheit und Zukunft aufbaute.
Von der Technik hielt er nichts. Die riesenhafte Entwicklung der technischen Welt, von der er sehr wohl zu wissen schien, und die er übrigens einen Anfang nannte, interessierte ihn nur insofern, als sie naturwissenschaftliche Entdeckungen betraf. Die sinnvolle Anwendung aber dieser Entdeckungen schätzte er nicht als einen Gewinn für die Menschheit ein. Er sagte darüber etwa: Was nütze es, daß man heute in fünf Tagen von Paris nach New York fahren könne. Der Konkurrent kann es gleichfalls. Es dient letzten Endes nur der Übervölkerung, auf welche soziologische Erscheinung er überhaupt schlecht zu sprechen war. Und was nütze es, daß man bei strahlendem Lichte sitze? Kant habe bei einer Öllampe geschrieben, Shakespeare, Rembrandt und Cervantes wohl gar bei einem Kienspan, und Homer sei vielleicht gleich ihm, dem Einsiedler, mit Beginn der Dunkelheit zu Bett gegangen.
Die Technik der Nachrichtenübermittlung, die seit seiner europäischen Jugendzeit gewaltige Fortschritte gemacht hatte, verachtete er tief, und erklärte sie für einen der schlimmsten Feinde der Menschheit.
Es gäbe für ihn, so führte er aus, außerhalb der philosophischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis nur ein einziges Gebiet, auf dem unser Zeitalter Fortschritte gemacht habe: die Gesundheitslehre. Und auch hier wäre nur ein Anfang.
Alles dies äußerte er aber keineswegs mit Anmaßung, sondern in Form und Inhalt bescheiden, und lediglich als Resultat seines Denkens.
Als das Gespräch einmal auf das Gebiet psychologischer Forschungen kam, lenkte er merkwürdig schnell ab. Ebenso vor kosmischen und astronomischen Fragen, für die der Gast als Seemann eine besondere Vorliebe hegte. Auffallend war dabei der Umstand, daß gerade auf diesen drei Gebieten eine besonders große Zahl von Büchern, und zwar ausschließlich gut und mit Sachkenntnis ausgewählte, vorhanden war.
Als der Gast sich nach reichem Tage am Abend verabschieden wollte, erklärte der Wirt, ihn bis zum Talausgang begleiten zu wollen. Es sei schwer, in der Dunkelheit den Weg zu finden.
So schritten die beiden noch stundenlang in die sinkende Nacht hinein. Obwohl dabei des schmalen beschwerlichen Pfades und der zahlreichen lärmenden Wasserfälle und Stromschnellen wegen nur wenig gesprochen wurde, so schien es dem Kapitän doch, als ob gerade die zweisame stumme Wanderung nach dem im geistigen Austausche verbrachten Tage das Hin- und Herfließen des sympathisierenden Fluidums zwischen ihm und seinem neuen sonderbaren Freunde merkbar verstärke.
* * * * *
Der Kapitän besuchte von nun an im Verlaufe seiner westindischen Kreuzfahrten, während derer die Umstände ihn noch mehrere Male veranlaßten, den Hafen von Porto Cabello anzulaufen, den Santo Desnudo, sooft er konnte.
Diese Besuche gehörten zu den schönsten Freuden seiner mittelamerikanischen Lebensepoche. Es bildete sich ein Verhältnis zwischen den ungleichen Männern heraus, dem das Kriterium wirklicher Freundschaft innewohnte, insofern als jeder der beiden Beteiligten im Geben und Empfangen gleich innige Freude empfand.
Niemals aber ward auch nur mit einem Worte das persönliche Schicksal des Einsamen erwähnt.
In der letzten Stunde aber, da der Kapitän, im Begriffe, nach Europa zurückzukehren, Abschied nahm, begann der Einsame in kurzen allgemeinen Sätzen von einem gewaltigen Erlebnis seiner Vergangenheit zu sprechen, dessen Inhalt er zu Papier gebracht habe. Die Niederschrift wolle er dem scheidenden Freunde als Vermächtnis überantworten.
Er übergab ihm dabei ein versiegeltes Bündel. Die Siegel waren mit einem groben, offenbar selbst geschnittenen Petschaft hergestellt.
An die Übergabe knüpfte er die Bitte, das Bündel nicht zu öffnen, bis die Nachricht seines Todes, für deren Übermittlung er Sorge tragen würde, bei dem Freunde eingetroffen sei. Dann aber könne dieser, wenn er es für richtig halte, den Inhalt der Öffentlichkeit preisgeben.
Vor einiger Zeit nun erhielt der Kapitän auf Umwegen ein amtliches Schreiben des jetzigen Konsuls aus Porto Cabello, in welchem dieser von dem Ableben eines gewissen Markus Geander Nachricht gibt. Der Verstorbene habe in dem Amtsbezirke des Konsulates gewohnt und sei an jener epidemischen Krankheit, die kürzlich die ganze Erde überzog, zugrunde gegangen. In seinem Nachlasse habe sich die Bitte an das Konsulat um Übermittlung dieser Nachricht gefunden.
Und somit läßt der Kapitän das Vermächtnis des einsamen Freundes hinausgehen, des merkwürdigen Mannes, der einen Blick in die Geheimnisse der Zukunft tat und dafür mit ewiger Traurigkeit bezahlen mußte.
Das Vermächtnis des Santo Desnudo.
In Einsamkeit und Schweigen versinken meine Tage.
Wenn aber der Tod die Qual des Lebens von mir genommen haben wird, dann soll der Mund des Mannes nicht mehr stumm bleiben, der einen doppelten Himmel sah, den Himmel des ewigen Kosmos und den Himmel der ewigen Liebe.
Darum schreibe ich in der Stille meiner Abende diese Blätter, deren Inhalt doch nicht mehr sein kann, als ein armseliger Faden durch den Reichtum des wundersamen Labyrinthes meines Erlebens.
Mein Bericht nennt nie gehörte Geschehnisse. Wer aber an seiner Wahrheit zweifeln sollte, den frage ich gleich Pilatus: Was ist Wahrheit?
Du armer, winziger Mensch, du dürftiges Glied einer kleinen Menschheit, die in den Jahrmillionen des Erdenlebens für wenige hundert Jahrtausende haften darf an diesem eifrig kreisenden und in all seiner Wichtigtuerei nichts bedeutenden Mitläufer einer jener Sonnen, denen das Weltall ist wie den Tropfen der Ozean, du weniger als mikrokosmisches Wesen, wie darfst du dich ermessen zu fragen, was Wahrheit sei!
Alle Erkenntnis ist dir nur eine Vorstellung. Aus Vorstellungen baust du das Kartenhaus deines Wissens. Vorgestellt vor die Wahrheit, gleich einem bemalten Wandschirme, bleibt stets das Bild, wie es allein deinen beschränkten Erkenntnisorganen zu erscheinen vermag. Nur das Bild auf dem Wandschirme siehst du.
Ereifere dich darum nicht zu sehr. Beschaue das Bild. Irgend etwas daran ähnelt immer der Wahrheit, die für alle Ewigkeit dahinter verborgen bleibt.
Ich entsinne mich deutlich, schon in meiner frühesten Jugend einen angeborenen Respekt vor dem Willen des Menschen empfunden zu haben.
Als der bedeutendste und jedenfalls wesentlichste Mensch erschien mir mein Vater, und ich glaubte fest, daß alles geschehen könne, was er wolle. Er brauche nur zu wollen, dann gäbe es keine Hindernisse. In der Tat hatte ich oft genug Gelegenheit, festzustellen, daß von seinem Willen das ganze Erdenrund meiner Kinderwelt beherrscht wurde.
Meine Mutter nannte mich eigensinnig. Heute weiß ich, daß dieser Eigensinn nichts anderes gewesen ist, als embryonale Willenskraft. Ich wage es heute allen Müttern zu raten, sich des Eigensinns ihrer Buben zu freuen. Die Güte des Himmels, die ja dafür sorgt, daß immer nur wenigen Auserwählten ein Besonderes beschieden sei, wird diese Buben vor solch' ungewöhnlichen Folgen der Willenskraft bewahren, wie sie mir zuteil geworden sind.
Später, nachdem ich meine Studien beendet und die Nase in die Welt gesteckt hatte, ward ich mir mehr und mehr der Bedeutung der Willenskraft bewußt. Ich begann mich, auch außer meiner selbst, mit ihr planmäßig wissenschaftlich zu beschäftigen.
Dabei kam ich auf außergewöhnliche Wege: der Okkultismus, die Xenologie, winkte mit gefährlichen Lockungen. Doch blieb ich mit den Füßen auf dem Boden, und stellte fest, daß die greifbaren Beweise mancher scheinbar übersinnlichen Kräfte und Erscheinungen nichts sind als das Resultat eines auf einem ganz bestimmten Wege geführten, ungewöhnlichen Willens. Die unerhörten Dinge, die etwa über indische Fakire glaubhaft berichtet werden, erklärten sich mir auf diese Weise.
Überhaupt begann ich immer mehr und mehr zu erkennen, daß zu allen Zeiten und in allen Lebensbezirken gewisse erstaunliche Geschehnisse, die sich auf Erden zutragen und zugetragen haben, der Ausfluß entweder der Willenskraft oder ihres Erlahmens zu sein pflegen.
Die Menschheitsgeschichte bekam unter dieser Betrachtungsweise für mich ein eigenes, persönliches Aussehen. Ich sah willensstarke und willensschwache Völker. Ich sah das Wachsen und das Erlahmen der Willenskraft. Ich sah Werden und Vergehen. Ich skizzierte den Plan zu einer Geschichte der Menschheit als Subjekt und Objekt der Willenskraft.
Und dann erstand mir Giordano Bruno, der scholastischer Wertung des trockenen Intellekts die Kraft des Willens entgegenhielt gleich einer lodernden Fackel.
Giordano Bruno! Herrlichstes Menschentum in seiner gloriosen Synthese von Verstand und Geist, von Wissen und Ahnen, von physikalischem Denken und geniehafter Intuition! Hand in Hand mit jenem Lionardo aus Vinci schreitest du lächelnd durch die Haine der Ewigkeit. In weiter Ferne verglimmt das Feuer des Scheiterhaufens, auf dem man deinen armen Leib vernichtete, im ersten Jahre des Jahrhunderts, in welchem sie einen Shakespeare begruben, und selig zu preisende Mütter einem Rembrandt van Rhyn und einem Johann Sebastian Bach das Leben gaben. --
Um der Wahrheit willen aber muß ich berichten, daß mich bei meinen Beobachtungen über die Willenskraft bald nicht mehr so sehr die ethische Betrachtungsweise, die allein Giordano Brunos würdig gewesen wäre, anzog, als vielmehr die ungewöhnlichen Erscheinungen des physischen Willens. Ich dachte nicht etwa daran, meine Erkenntnisse zu nutzen, um das Niveau meines eigenen Ich zu heben, oder um meine Seelenkraft zu stärken für den Betrieb des Lebens, sondern ich beobachtete wissenschaftlich an mir selbst die Tatsache, daß die geübte Willenskraft imstande ist, rein physisch die unerhörtesten Leistungen zu vollbringen, ja, daß sie es sogar vermag, die scheinbar granitenen Fundamentsätze der Physik zu zerbrechen.
Der erste Versuch, der mir gelang, war folgender: Neben meinem Papier lag der Bleistift. Ich hielt die geöffnete Hand in einigem Abstande senkrecht über ihn, betrachtete ihn scharf und konzentrierte meine ganze, schon sehr geschulte Kraft auf die Forderung, daß der Bleistift sich in meine Hand bewegen solle. Nach einer gewissen Zeit erhob sich dieser in der Tat und flog, entgegen den Regeln der Schwerkraft, fast blitzartig gegen meine Handfläche. Allerdings, da ich zu überrascht war, um die Finger sofort zu schließen, fiel er gleich wieder auf den Tisch zurück. Erst später gelang es mir, ihn festzuhalten.
Ähnliche Experimente glückten mir immer mehr und mehr, so daß ich in meiner Vermutung vom Vorhandensein einer großen, außerhalb aller physikalischen Grenzen liegenden, für unsere Erkenntnis neuen Kraft immer mehr bestärkt wurde, einer Kraft, die lediglich durch ein für unsere Sinne unfaßbares geistiges Fluidum wirkt, und die in seinen Dienst zu zwingen der Mensch dadurch vermag, daß er sich gewissermaßen in die Schwingungen dieses geistigen Fluidums einschaltet, und zwar vermittels einer uns noch unbekannten Gehirnfunktion, die erregt werden kann, wenn der Wille aufs äußerste angestrengt wird. Diese Anstrengung, in Schwingungen umgesetzt, muß in einem bestimmten Augenblicke der Wellenlänge der unbekannten neuen Kraft gleichkommen. In diesem bestimmten Augenblicke ist die Einschaltung vollzogen und die Kraft steht im Dienste des Eingeschalteten.
Welche Zeitspanne ich jedesmal gebrauchte, um mit Hilfe meiner Willenskraft jenen Zustand zu erreichen, vermag ich nicht zu sagen, da die allergeringste Ablenkung von der Konzentration, wie etwa ein Blick auf die Uhr, das Gelingen des Experimentes unmöglich machte.
Von kleinen Versuchen ging ich allmählich zu größeren und schwierigeren über: Ich zwang andere Menschen, nach meinem Willen ungewöhnliche Handlungen zu verrichten, über die sie sich, ohne die Ursache zu ahnen, selber wunderten. Ich erreichte es, schwerere Gegenstände, wie etwa Möbelstücke, lediglich vermöge meines Willens vom Flecke zu bewegen. Ich ließ einen großen Hund sich in die Höhe heben, so daß er höchst verwundert und ängstlich winselnd haushoch in der Luft schwebte.
Ja, es gelang mir sogar, mich selber, der ich im Garten lag, so hoch zum Schweben zu bringen, daß meine Hände die Äste einer Linde erreichen konnten. Die Schwerkraft bot mir keine Hindernisse mehr. Mein Wille hatte sie überwunden!
Ich hielt diese Versuche und Beobachtungen streng geheim vor jedermann, und zwar einmal, weil ich fürchtete, daß mich fürs erste das Mitwissen anderer noch an der nötigen Willenszusammenfassung hindern würde, ferner aber auch des Entschlusses halber, erst dann damit hervorzutreten, wenn ich die Elemente meiner Entdeckungen wissenschaftlich ergründet haben würde und, gegen jeden Zweifel gewaffnet, fest in der Hand hielte. --
Ich muß gestehen, daß mich die Jahre dieser geheimen Tätigkeit nicht glücklich gemacht haben, wenn ich auch, meinem Ehrgeize nachgebend, hohe Hoffnungen auf die Zukunft setzte. Meine Nervenverfassung litt ungemein unter den häufigen Willensüberanstrengungen. Trotzdem ich mich des Besitzes außergewöhnlicher Körperkräfte erfreute, ward ich krank, ohne allerdings meine Umgebung dies wissen zu lassen.
Da in gleichem Schritte mit der Überanstrengung der Nerven auch die Forderungen meiner Sinne wuchsen, so fand ich mich oft dazu verführt, mittels der mir innewohnenden merkwürdigen Kraft auf Frauen zu wirken um sie für mich zu gewinnen.
Dieser letzte Umstand trug mir zwar manche vorübergehend glückliche Stunde ein, aber auch eine Fülle von Unbequemlichkeiten und ernsten Verlegenheiten, zumal wenn ich, was sich einige Male einstellte, seelisch beteiligt war.
In solchem Falle ward mir meine geheime Kraft zum Ekel. Mein Mannesstolz mußte erwarten, daß ich um meiner selbst willen geliebt wurde, das Bewußtsein aber, daß vielleicht nur mein eigener Wille die geliebte Frau in meine Arme führte, fraß als böser, giftiger Zweifel in mir und vergällte mir das wenige Glück, dessen ich genießen durfte.
Zwar glaube ich heute, daß einige Frauen mich redlich liebten, aber gerade die eine -- Erna Maria -- der meine heiße Leidenschaftlichkeit sich zuwandte, entzog sich mir kühl, als ich -- um die Echtheit ihrer Gefühle auf die Probe zu stellen -- einmal nur einige Stunden lang meine geheime Kraft ihr gegenüber unterdrückte.
Tief enttäuscht, körperlich und seelisch elender denn je, floh ich hinauf in die hohen Berge, zu einem alten Freunde, dem Förster.
Er wohnt im Tal. Aber hoch oben, an der Grenze der Vegetation, steht seine Diensthütte, mit Herd und Bett leidlich behaglich hergerichtet. Neben der Hauswand gurgelt aus einer Röhre ein kleiner Brunnen.
Eines Morgens stieg ich dort hinauf, wo nur Gemsen meine Nachbarn wurden, und gelegentlich ein neugieriger Hirsch mein Besucher. --
Die Tage auf dem Berge blieben sonnig und warm, und die Nächte sternenklar und lind. In der dritten Nacht erwachte ich aus irgendeinem bösen Traume in Schweiß gebadet und stellte fest, daß die Luft in meiner Hütte drückend, und daß es besser sei, im Freien zu liegen. Also nahm ich Matratze, Kissen und Decke, und bettete mich auf einem moosbewachsenen Felsvorsprung oberhalb meines Häuschens.
Dies Lager empfand ich in solchem Maße köstlich, daß ich nicht wieder zu schlafen vermochte. Ich lag regungslos ausgestreckt und meine Gedanken ballten sich zu plastischer Figürlichkeit. Das Rauschen der Föhren unter mir, das Gurgeln des Brunnens und all das melodische Geräusch der Bergeinsamkeit unter dem unbeschreiblich klaren, glitzernden Sternenhimmel wirkten auf mich mit fast zauberhafter Kraft.
Das Bild des deutschen Hirtenknaben Nikolaus von Cues trat vor meine empfangsbereite Seele. Im Purpur des Kardinals zu Rom stand er vor mir. Zweitausend Jahre nach Aristarchs Tode rief er in die geistige Enge des Mittelalters das Wort vom gewaltigsten Begriffe aller Zeiten: Unendlichkeit!
Und Giordano Bruno aus Nola zertrümmerte mit kühnem Schlage die letzte der gläsernen Sphären, die noch die Planetenharmonie des Kopernikus umgab, jenen Überrest des gigantischen Irrtums ptolomäischen Denkens, und stieß der Menschheit die Tore auf, hinter denen der Kusaner den freien Ausblick auf die Unendlichkeit verhießen hatte.
Nie im Leben hatte ich das Wesen der Unendlichkeit in solcher alles überwältigenden Größe gefühlt, wie in dieser köstlichen Bergnacht.
Ich sah das unübersehbare Firmament schimmernder Lichtpunkte über mir, und wußte, daß es ein Gewebe ist aus Sonnen, und wohl jeder einzelne Stern der Mittelpunkt eines gewaltigen Planetensystems, ähnlich dem, in welchem die Erde kreist.
Und da ich, versunken in dem göttlichen Gefühl des Zusammenfließens von Ewigkeit und Unendlichkeit, mich dem Kosmos nahe zu wähnen begann, erkannten meine geübten Augen an jener dunkeln Stelle des Himmels die winzige Spirale des Nebelschleiers im Sternbilde der Andromeda, und ein leises Erschauern zitterte durch meinen gemarterten Körper: das Schweben einer andern Welt!
Einer Welt, der die Fülle der Sonnen, die als Sternenzelt, als Milchstraße den Himmel unserer Erde bedeckt, nichts anderes gilt, als ein zarter, kaum erkennbarer Nebelhauch.
O irdische Erde, armes Sandkorn am Strande der Unendlichkeit, die kleinste Welle spült dich hinweg und läßt dich versinken im Ozean des Alls! Wer es vermöchte, dich zu verlassen und sich aufzuschwingen durch die Rätselhaftigkeiten des Äthers, zu jenen über jedes Begreifen fernen Bezirken, von wo die ganze getürmte körperliche Furchtbarkeit eines neuen Kosmos als nur ein winziges Wolkenflöckchen herüberdämmert!
Eine Nacht lang lag ich starr ausgestreckt, und meine Seele senkte sich tief in diesen schauervollen Wunsch.
Alles Körperliche fiel von mir ab. Ferne Melodien erklangen, und stundenlang lag mein zitternder Leib in der Wollust einer einzigen großen Empfängnis.
Meine Augen wichen nicht von jenem weltenfernen weißen Hauch, dem Andromeda ihren Namen gab. Ein anderer Perseus, war alles, was ich an Sehnsucht aufzubringen vermochte, und alle die Regungen der geheimnisvollen Kraft, die mir dienstbar geworden war, auf jene himmlische Andromeda gerichtet.
Meine Augenlider erstarrten im Krampf des Zwanges zum Geöffnetsein, und die ungeheure Konzentration meiner Seele ließ mich nicht erkennen, daß der Morgen dämmerte hinter den östlichen Bergnachbarn, und der erste Strahl der Sonne emporzuckte über den Felskuppen.
Da fühlte ich, wie aus der Ferne, mehr ahnungsvoll als körperlich, eine fremdartige Veränderung meines Zustandes: eine unbegreifliche Leichtigkeit kam über mich. Leib und Glieder schienen körperlos geworden, in luftiger Form zerflossen, zum Geistigen gewandelt.
Mir war, als schwebe ich frei über meinem Lager. Deutlich fühlte ich, wie ich mich mit langsam wachsender Geschwindigkeit zu heben begann. Ein frischer Luftzug strich über meine Wangen und Hände, ein leises Summen in meinen Ohren wuchs an zu mächtigem Brausen, und in einer heroischen Symphonie von Geigenklingen, Harfenschwirren, Orgelton und hohen Knabenchören, und in einem unbeschreiblich köstlichen Gefühle von Seligkeit schwanden mir die Sinne.
Mein Erwachen war schreckartig.
Kaltes Wasser schlug mir über dem Kopfe zusammen, drang in Mund und Nase und ließ meinen sich öffnenden Augen nichts als blaugrün-gläserne Undurchdringlichkeit.
Ich breitete die Arme aus, um nicht tiefer zu sinken, und fühlte, daß ich wieder stieg. Meine Glieder begannen zu arbeiten.
Ich sah deutlich den Wasserspiegel über mir, und ehe mir der Atem ausging, tauchte ich aus der Flut auf.
Als meine Augen frei wurden, sah ich, daß ich in einem klaren See von mäßiger Größe schwamm.
Um die nahen Ufer standen mächtige dunkle Laubbäume. Unweit der Stelle aber, an der ich auftauchte, war das Walddunkel gelichtet. Eine hellgrüne Wiese breitete sich ansteigend aus. In deren Mitte, in einiger Entfernung vom Wasser, stand ein kleines weißes Haus von kubischer Form mit einem lichtblauen Dache.
Dieser Wiese strebte ich zu. Die Arme zum Schwimmen breitend und die Beine von mir stoßend fühlte ich eine überraschende Kraft. Ein Gefühl von Jugend und Stärke war in mir, als sei eine Erneuerung des Fleisches vorgegangen.
Mein Geist aber widersetzte sich der körperlichen Umwelt. Ich fühlte nicht die Möglichkeit, über meine Lage und meinen Zustand nachzudenken. Den kleinen Ausschnitt des Weltbildes, das mich umgab, vermochte ich nicht mit meinem Denkvermögen in Einklang zu bringen.