Part 11
+Fritz+: Der Zucker wird wohl ein wenig feucht sein, daß sie ihn aufsaugen kann?
~Dr.~ E.: Meinst du? Das glaube ich kaum; sie betupft ja auch Brotkrumen.
+Kurt+: Vielleicht spuckt sie den Zucker vorher an, daß er flüssig wird.
~Dr.~ E.: Bravo, Kurt! Du hast’s in der Tat getroffen. An der Spitze des dünnen Saugrohrs mündet gleichzeitig auch ein haarfeines +Speichelrohr+, durch welches je nach Belieben der Fliege -- denn das Rohr hat ein Ventil zum Öffnen und Schließen -- ein Tröpfchen Speichel vorn an der Spitze des Rüssels heraustritt.
+Fritz+: Aber wenn das auf den Zucker kommt, so wird es doch in diesen einziehen. Überhaupt weiß ich immer noch nicht, was dann die breite Tupffläche soll. Von dieser kann doch keine Flüssigkeit in das feine Saugrohr eintreten.
~Dr.~ E.: Nun, wir werden gleich sehen. -- So, da habe ich sie glücklich erwischt. Hier, Fritz, hast du meine Lupe, und jetzt betrachte einmal die Tupffläche.
+Fritz+: Ih, die ist ja auf der ganzen Fläche naß, wie mit Wasser überzogen!
~Dr.~ E.: Stimmt genau! Und der Grund hiervon ist eine höchst wunderbare Vorrichtung auf dieser Tupffläche, die wir allerdings nur mit dem Mikroskop deutlich erkennen können. Von der Mitte der beiden Polster nämlich, dort, wo das feine Saug- und Speichelrohr zwischen ihnen mündet, verlaufen über die ganze Fläche hin bis zum Rande strahlig gestellte feine +Rinnen+ mit schmalem Längsspalt. Der Speicheltropfen, der aus dem Saugrohr heraustritt, +verteilt+ sich daher sofort mittels dieser Rinnen über die ganze Fläche und haftet in feiner Schicht so fest auf derselben, daß er vom Zucker nicht aufgesogen wird. So löst sich denn der Zucker in diesem Speichel, die Lösung dringt durch die schmale Längsspalte in das +Innere der Rinnen+ und wird von diesen aus durch das in ihrem Ausstrahlungspunkt gelegene +Saugrohr+ in den Magen gesogen. Die Fliege macht sich also richtiges +Zuckerwasser+ und trinkt es dann. --
+Kurt+: Es war doch wirklich merkwürdig, wie schnell der Zucker von unserer Fliege bemerkt wurde, beinah’, als wenn sie ihn gerochen hätte.
~Dr.~ E.: Soviel ich weiß, riecht der Zucker überhaupt nicht. Und da sie ihn auch nicht gehört haben kann, so bleibt wohl nichts weiter übrig, als daß sie ihn +gesehen+ hat. Groß genug sind ja ihre Augen dazu.
+Fritz+: O, von denen habe ich schon viel gelesen. Das sind diese seltsamen +Facettenaugen+, die auf der Fläche wie lauter kleine Sechsecke aussehen. Jedes Sechseck stellt ein Auge für sich dar, so daß die Fliege viele hundert Bilder von jedem Gegenstand mit einmal sieht.
~Dr.~ E.: Es ist sehr nett von dir, Fritz, daß du diesen altberühmten Streit über das Sehen der Insekten nunmehr zum Austrag gebracht hast. Ich darf wohl annehmen, daß deine so sicher vorgetragene Behauptung auf gründlichen Untersuchungen beruht?
+Fritz+: Da habe ich also wohl eine große Dummheit gesagt?
~Dr.~ E.: Nun, das gerade nicht. Aber die ganze Frage nach den Leistungen des Facettenauges ist gerade jetzt, nachdem in den letzten Jahren sehr umfassende und sorgfältige Studien über den Bau des Insektenauges gemacht sind, so wenig entschieden, daß es mir Spaß machte, dich so klug darüber reden zu hören. Noch heute stehen sich zwei Ansichten unvermittelt gegenüber, von denen die eine, zuerst von dem berühmten Johannes Müller begründete, behauptet, daß jede Facette nur einen +einzigen Lichtpunkt+ auf die Netzhaut im Innern des Auges werfe, während die andere durch jede Facette ein +ganzes Bild+ des betreffenden Gegenstandes auf der Netzhaut entstehen läßt. Beide Ansichten lassen sich verteidigen, und ihr habt hier so recht ein Beispiel, wie die Erforschung einer Lebenserscheinung oft um so schwieriger zu werden scheint, je eingehender man dieselbe studiert hat.
+Kurt+: Aber man muß doch beurteilen können, ob die Fliege gut oder schlecht sieht.
~Dr.~ E.: Selbst das ist keine so leichte Sache. Versuche hierüber sind natürlich angestellt, und zwar in großer Zahl. Man kennt für verschiedene Insekten annähernd die Entfernungen, in welchen sie Gegenstände von bestimmter Größe und Farbe wahrnehmen, man weiß, daß sie sich manchmal irren, und daß sie bewegte Körper leichter sehen als ruhende. Ein sicheres Urteil aber darüber, mit welcher Klarheit irgendein Gegenstand den Tieren zum Bewußtsein kommt, ob scharf und deutlich, ob verschwommen und nur in groben Umrissen, das weiß zurzeit niemand zu sagen.
+Fritz+: Ist es nicht merkwürdig, daß die Fliege ihre Augen nicht bewegen kann?
~Dr.~ E.: Ja, das ist wieder ein Punkt, der beweist, wie anders das Sehen bei den Insekten eingerichtet sein muß als bei uns. Wenn +wir+ etwas genau betrachten wollen, drehen wir das Auge so, daß das Bild des Gegenstandes auf den Punkt des deutlichsten Sehens, auf den sogenannten „gelben Fleck“ in der Netzhaut fällt. Für die Insektenaugen werden wir wohl annehmen müssen, daß bei jeder der vielen Facetten eines Auges die Lichtpunkte eines Gegenstandes mit gleicher Deutlichkeit von der hinter der Facette liegenden kleinen Netzhaut aufgefangen werden. Da nun jedes Gesamtauge annähernd eine Halbkugel darstellt, so würde das Tier in der Tat nach allen Seiten hin gleich gut sehen können.
+Fritz+: Und Einrichtungen für das Nah- und Fernsehen gibt es auch nicht?
~Dr.~ E.: Die scheinen durch den höchst eigenartigen Bau der Netzhaut selbst gegeben zu sein. Zudem haben viele Insekten, und so auch unsere Stubenfliege, noch eine zweite Sorte von Augen vorn an der Stirn, die sogenannten +Punktaugen+. Von diesen behaupten einige Forscher, daß sie zur Betrachtung ganz naher Gegenstände geeignet wären. -- Doch nun wollen wir es für heute genug sein lassen. Ich denke, das wenige, was wir von unserer Hausgenossin besprechen konnten, wird schon genügt haben, um euch ein bißchen mehr Achtung vor diesem Kunstwerk der Natur einzuflößen.
Zehnter Abend.
+Fritz+: Heute habe ich aber mal ganz was Merkwürdiges gesehen, Vater!
~Dr.~ E.: Nun, was war denn das?
+Fritz+: An unserm Spiegel oben im Fremdenstübchen, aus dem ich für Mutter etwas holen sollte, saß eine tote Fliege wie festgeklebt, und ringsherum war es wie ein weißer Hauch, so daß ich noch im Scherz zu Kurt sagte: Das sieht aus, als wenn die Fliege hier ihre Seele ausgehaucht hat.
[Sidenote: Der Pilz der Stubenfliege. Sporen]
~Dr.~ E.: Wenn du das heute zum erstenmal gesehen hast, so glaube ich schon, daß es dir verwunderlich war. Häufig genug ist sonst diese Erscheinung, und wenn du darauf achten gelernt, wirst du sie in jedem Herbst bei zahllosen toten Fliegen beobachten. Die armen Tiere fallen eben in ganzen Scharen einem abscheulichen +Pilze+[19] zum Opfer.
+Kurt+: Einem Pilze? Das ist aber doch zu wunderbar!
~Dr.~ E.: Und warum scheint dir das so unglaublich?
+Kurt+: Erstens hätt’ ich nicht gedacht, daß es so kleine Pilze gibt, die in einer Fliege Platz haben; und dann wußte ich nicht, daß Pilze lebendige Tiere fressen können.
~Dr.~ E.: Was zunächst den letzten Punkt anlangt, so steht der Fall mit unserer Fliege keineswegs vereinzelt da. Alle Pilze, ohne Ausnahme, sind +Schmarotzer+, d.❰h. sie können nicht wie die übrigen Pflanzen ihre Nahrung aus der Luft und dem Erdboden allein entnehmen, sondern sie brauchen, ähnlich wie die Tiere, Stoffe aus dem +Pflanzen-+ oder +Tierreiche+, um zu leben.
+Fritz+: Aber die Schwämme im Walde wachsen doch auf dem Erdboden!
~Dr.~ E.: Das ist nur scheinbar. In Wirklichkeit ziehen auch sie nicht aus der Erde ihre Nahrung, sondern aus den faulenden und verwesenden Pflanzenteilen, die im Waldboden stecken. Eine große Zahl von Pilzen bewohnt aber +lebende+ Pflanzen, wo sie sich als mißfarbene Flecke auf den Blättern bemerklich machen, und andere wieder schmarotzen auf lebenden oder toten +Tieren+.
+Kurt+: Sind denn die großen schwarzen Flecke, die im Herbste fast auf jedem abgefallenen Ahornblatte sitzen, vielleicht auch Pilze?
~Dr.~ E.: Gewiß! Und wenn du dir die Mühe nehmen wolltest, auch die Blätter anderer Pflanzen zu betrachten, sowohl die grünen wie die abgefallenen, so würdest du fast überall Pilze entdecken, die in Form von kleinen schwarzen Pünktchen oder Strichen oder rotbraunen Näpfchen daran sitzen. Wohl die meisten unserer einheimischen Pflanzen haben ihre besonderen Pilzarten, so daß die Zahl der Pilze weit größer ist als die der Blütenpflanzen.
+Fritz+: Aber schaden denn die den Pflanzen nicht?
~Dr.~ E.: Selbstverständlich! Viele dieser Pilze gehören zu den größten Plagen der Landwirtschaft, wie der +Rost+ und +Brand+ des Getreides, das +Mutterkorn+, der Pilz der +Kartoffelkrankheit+ und zahlreiche andere.
+Kurt+: Ja, wenn das alles Pilze sind, so glaube ich schon, daß es so kleine gibt, daß sie in einer Fliege Platz haben. Ich dachte natürlich an die eßbaren Pilze im Walde. Hat denn der Pilz in der Fliege auch so einen Hut, wie die Champignons und die Steinpilze?
~Dr.~ E.: Nein, Kurt. Eine so feste, dicke Masse, wie die sogenannten Hutpilze, bilden nur wenige. Die meisten bestehen aus äußerst zarten Fäden, die man kaum mit bloßem Auge sehen kann.
+Kurt+: Ach richtig! Beim Schimmel habe ich auch schon manchmal diese feinen Fäden bemerkt.
~Dr.~ E.: Schön, ganz ähnliche, nur noch viel feinere Fäden durchziehen nun auch den ganzen Fliegenkörper und wachsen schließlich überall zwischen den Körperringen heraus, wenn die Krankheit überhand nimmt.
+Fritz+: Und was ist der weiße Hauch, der sich rings um die Fliege bildet?
~Dr.~ E.: Wenn wir diesen Hauch unter das Mikroskop legen, so erkennen wir, daß er aus lauter ganz winzigen Kügelchen besteht, die man als „+Sporen+“ bezeichnet und die gleichsam die Früchte des Pilzes sind. Wenn ihr z.❰B. einen ausgewachsenen Champignon oder Pfefferling auf weißes Papier legt und schüttelt oder eine Zeitlang liegen laßt, so findet ihr später gerade so ein aus Kügelchen bestehendes Pulver, aus dem neue Pilze werden können. Sie fallen beim Champignon von den strahligen Fächern ab, die an der Unterseite des Hutes sitzen; beim Bovist aber, der bekanntlich so stark stäubt, wenn man darauf tritt, sitzen sie im Innern und gelangen erst durch ein Loch an der Spitze nach außen.
+Kurt+: Es wundert mich aber doch, wie so ein Pilz gerade in unsere Wohnung kommt, und dort die arme Fliege überfallen konnte.
~Dr.~ E.: Das ist nicht so schwer zu verstehen, wenn man weiß, daß jene kleinen Sporen zu Milliarden in der Luft herumfliegen, und daß wir keinen Ort der Erde kennen, wo die Luft nicht solche Pilzkeime verschiedenster Art enthalten würde. Auch unsere Wohnungen sind reich genug daran, und ich bin überzeugt, daß wir aus unserem Hause mindestens ein Dutzend Pilzarten mit Leichtigkeit zusammenbringen könnten, ohne sie vorher gesäet zu haben.
+Fritz+: Ih, das möchte ich doch mal sehen, wo du die Pilze herzaubern willst.
~Dr.~ E.: Schön, Fritz, den Beweis will ich dir bald liefern. Du mußt mir nur für jede Art ein paar Tage Zeit lassen, damit die Pilze sich so entwickeln können, daß man sie erkennt, oder besser, da ihr sie selbst doch meist nicht sehen werdet, bis wir an den Wirkungen auf ihr Vorhandensein schließen müssen. Ich beginne mit den vollkommensten Pilzen, die es gibt, mit den +Hut+pilzen. Ich will hoffen, daß wir keinen im Hause haben, möglich wäre es aber immerhin.
+Fritz+: Ja, ich weiß wohl, daß man Champignons im Keller züchten kann; in unserm aber wachsen gewiß keine.
~Dr.~ E.: An den denke ich auch gar nicht. Es handelt sich um einen Hutpilz, der nur sehr selten einen Hut bildet, sondern meist als faserig-schwammige Masse auftritt, und dessen Erscheinen einem Hauswirt graue Haare machen kann.
+Fritz+: Ach, dann meinst du wohl den +Hausschwamm+[20], der die Stubendielen und Balken der Häuser zerstört?!
~Dr.~ E.: Geraten, Fritz! Das wäre also schon Pilz Nr. 1, der unten im Holzwerk des Kellers sehr wohl bei uns hausen könnte. Aber wir wollen ihn lieber gar nicht mitrechnen und nur solche zählen, die sicher da sind.
+Kurt+: Da können wir ja als Nr. 1 den +Schimmel+ nehmen.
[Sidenote: Arten der Schimmelpilze; ihre Kultur]
~Dr.~ E.: Einverstanden! Aber mit Nr. 1 kommen wir dabei nicht aus. Wir müssen mindestens drei Nummern draus machen. Glaubst du wirklich, daß es immer dieselbe Art ist, die auf all den verschiedenen Stoffen sich bildet?
+Kurt+: Aber ich kenne ihn doch nur auf dem Käse und manchmal auf dem Brot.
~Dr.~ E.: So? Warum klagt denn Mama immer, daß die eingemachten Früchte verschimmeln? Oder laß doch mal eine gekochte Kartoffel nur wenige Tage liegen; da wirst du sehen, was für ein schöner Schimmel sich drauf entwickelt hat.
+Kurt+: Kann man denn die verschiedenen Sorten so ohne weiteres unterscheiden?
~Dr.~ E.: Wenigstens manche Arten ganz gut, vorausgesetzt, daß sie Frucht tragen.
+Kurt+: Das habe ich aber noch nie gesehen!
~Dr.~ E.: Weil du dir wohl noch nie eine ordentliche Zucht oder „Kultur“ von Schimmelpilzen angelegt hast. Diese müssen natürlich auch Zeit haben zu ihrem Wachstum und wollen ebenso gepflegt sein wie unsere Zimmerpflanzen.
+Kurt+: Und wie macht man das?
~Dr.~ E.: Du brauchst die verschiedenen Stoffe, auf denen Schimmel wachsen soll, nur in einem zugedeckten Gefäß eine Zeitlang ruhig hinzustellen, dann wird schon alles nach Wunsch gehen. Schimmelpilze können den Luftzug nicht vertragen und brauchen auch eine gewisse Feuchtigkeit. Da letztere zur Genüge aus dem verschimmelnden Stoffe kommt, den du in das Glas legst, so sind alle Bedingungen für ihr Gedeihen vorhanden.
+Kurt+: Was soll ich denn verschimmeln lassen?
~Dr.~ E.: Nun, ich würde in das eine Glas ein Stück Brotkrume, in das zweite ein Stück Käse, in das dritte eine gekochte Kartoffel, in das vierte etwa eine eingemachte Pflaume legen. Nach einigen Tagen wirst du deine helle Freude daran haben, denn die Schimmelpflanzen sehen wirklich allerliebst aus, wenn sie Früchte tragen.
+Fritz+: Wie sehen denn die Früchte aus?
~Dr.~ E.: Als eigentliche Früchte müssen wir wohl, wie ich vorhin schon sagte, die winzigen Kügelchen oder Sporen betrachten. Aber diese sind auf langen Stielen zu reizenden kleinen Fruchtständen gehäuft. Bei der einen Art, dem +Kopf+schimmel[21], stecken all diese Sporen in einer kleinen kugeligen Blase, die später zerreißt; bei einer andern, dem Brot- oder +Pinsel+schimmel[22], bilden sich zierliche, kettenartige Fäden, die wie ein Pinsel von einem Punkte ausgehen, und beim +Kolben+schimmel[23] haben wir ein kugeliges Köpfchen, das wie dicht mit Perlen besetzt aussieht. Alle diese Formen können auch zusammen auf ein und demselben Stoffe vorkommen, und das Ganze gewährt dann einen reizenden Anblick.
+Fritz+: Kommt auf den Kartoffeln nicht manchmal auch ein roter Schimmel vor? Im vorigen Jahr zeigte mir Mutter mal eine Schale mit übriggebliebenen Kartoffeln, auf denen überall rote Flecke saßen.
~Dr.~ E.: Die roten Flecke, die du gesehen hast, sind allerdings durch einen Pilz[24] hervorgebracht, aber er steht auf viel niedrigerer Stufe als die Schimmelpilze und gehört zu den sogenannten +Spalt+pilzen. Es ist derselbe, der auch zuweilen auf Mehlbrei, Stärkekleister und feuchten Oblaten vorkommt und deshalb zu dem Wunderglauben an die „blutende Hostie“ geführt hat.
+Kurt+: Dann hätten wir aber immer erst vier Arten.
~Dr.~ E.: O, den letzten wollen wir gar nicht mal mitrechnen, ebenso wie ich schon eine ganze Reihe von Schimmelsorten unerwähnt gelassen habe, weil ich nicht sicher bin, ob sie gerade jetzt in unserm Hause vorhanden sind. -- Was geschieht denn, wenn ich eine angeschenkte Flasche Wein einige Tage stehen lasse?
+Fritz+: Dann bildet sich oben darauf eine weiße Haut. Ich kann mir schon denken, daß das auch ein Pilz ist.
[Sidenote: Kahmpilz. Essigpilz. Milchsäurepilz. Bakterien]
~Dr.~ E.: Ganz recht; es handelt sich dabei um Arten der vielgestaltigen Hefepilze[25], die in diesem Falle als +Kahmpilze+ bezeichnet werden. Auch wenn wir gewöhnliches Bier offen stehen lassen, erscheinen bald an dessen Oberfläche ähnliche Kahmpilze. -- Wißt ihr denn, was außerdem mit dem Bier geschehen wird?
+Kurt+: Ja, es wird sauer.
~Dr.~ E.: Und wenn man die Milch selbst nur zwei Tage stehen läßt?
+Kurt+: Die wird auch sauer. Wir essen ja im Sommer immer dicke Milch, die sauer ist.
~Dr.~ E.: Seht ihr, da haben wir schon wieder zwei Pilze[26] entdeckt, die in jedem Hause sind.
+Fritz+: Aber aus dem Sauerwerden kann man doch noch nicht schließen, daß ein Pilz da ist!
~Dr.~ E.: Freilich kann man das. Denn diese Pilze ganz allein bewirken das Sauerwerden von Milch und Bier.
+Fritz+: Aber wie geht denn das zu?
~Dr.~ E.: Ja, das ist eine eigenartige Geschichte. Die Pilze wollen doch auch leben, und so wirken sie denn in eigentümlicher Weise +zersetzend+ und umändernd auf die Stoffe ein, in denen sie sich befinden und aus denen sie ihre Nahrung ziehen. Der Essigpilz verwandelt so den Weingeist des Bieres in Essigsäure oder Essig, und der Milchsäurepilz den Zucker der Milch in Milchsäure.
+Kurt+: Es wird aber doch fast alles Essen sauer, das lange steht.
~Dr.~ E.: Allerdings. Namentlich der Milchsäurepilz ist auch nicht auf die Milch beschränkt, sondern er findet sich ebensogut in sauer gewordenen Gemüsen, im Sauerkraut, in Zuckerlösungen und so fort. Zudem gibt es noch andere Pilzarten, welche in ähnlicher Weise Säure erzeugen. Ich erwähne nur den Buttersäurepilz[27], durch den die Butter ranzig, die Salzgurke sauer und der Käse „reif“ und wohlschmeckend wird.
+Fritz+: Kann man denn alle diese Pilze wirklich sehen?
~Dr.~ E.: Mit bloßem Auge nicht, selbst wenn sie in großen Massen auftreten. Denn sie gehören zu den winzigsten Geschöpfen, die wir kennen. Man muß schon ein recht gutes Mikroskop zu Hilfe nehmen, um diese Pflänzchen überhaupt nur entdecken zu können.
+Fritz+: Dann sind es wohl gar nicht mal Fäden, wie die Schimmelpilze?
~Dr.~ E.: Im allgemeinen nicht. Die meisten von ihnen machen indes verschiedene Entwicklungsstufen durch. Bald erscheinen sie als winzige kleine Kügelchen, bald als kürzere oder längere Stäbchen, bald als unendlich feine Fädchen. Nach der Stäbchenform nennt man sie +Bazillen+ oder +Bakterien+.
+Fritz+: Ach, von denen habe ich schon viel gehört! Das sind ja dieselben, die die +ansteckenden Krankheiten+ hervorrufen.
~Dr.~ E.: Ja, diese gehören wenigstens auch dazu. Ich konnte mir denken, daß ihr schon von Kommabakterien, Typhusbazillen und so weiter gehört habt. Ich wollte sie eigentlich nicht erwähnen, da ich hoffe, daß unser Haus so ziemlich frei davon ist. Wir wollen ja nur die Pilze unserer Wohnung studieren.
+Kurt+: Aber nennen könntest du uns doch noch ein paar, Vater. Ist es denn wirklich wahr, daß alle ansteckenden Krankheiten durch solche Pilze hervorgerufen werden?
~Dr.~ E.: Soviel wir bis jetzt wissen, ja. Es scheint allerdings, als wenn die Pilze einem vollkommen gesunden Menschen in der Regel nichts anhaben können und erst die Oberhand gewinnen, wenn irgend etwas in unserm Körper nicht recht in Ordnung ist. So würde es sich z.❰B. erklären, daß die eine Person leichter am Pilze der Schwindsucht, dem sogenannten Tuberkelbazillus[28], erkrankt, als eine andere. Denn daß wir alle diese Krankheitskeime fortwährend einatmen, unterliegt keinem Zweifel; das haben die Untersuchungen des Staubes und der Luft in unsern Wohnungen und auf der Straße zur Genüge erwiesen. Außer dem Tuberkelbazillus und dem Komma- oder Cholerabazillus[29] hat man unter vielen andern mit Sicherheit nachgewiesen den Pilz der Diphtheritis[30] oder Bräune, des Milzbrandes[31], der „Rose“[32], der Pockenkrankheit[33], des Typhus[34]. -- Doch das ist ein wenig erquickliches Kapitel, wenn wir uns auch freuen müssen, daß wir wenigstens die Ursachen aller dieser verheerenden Seuchen kennen. Da wird die Wissenschaft schließlich auch Mittel und Wege finden, sie erfolgreich zu bekämpfen. Wenden wir uns lieber wieder unsern gewöhnlichen Hausbewohnern zu. Unter ihnen findet sich noch eine ganze Reihe von Bakterien, die wichtig genug sind, wenn sie auch nicht gerade dem Menschen zu Leibe gehen, wenigstens nicht bei seinen Lebzeiten.
+Fritz+: Wieso nicht bei seinen Lebzeiten?
~Dr.~ E.: Nun, im Tode sind wir dieser Sippschaft unrettbar verfallen, falls unsere körperlichen Reste nicht im Krematorium verbrannt werden.
+Fritz+: Sprichst du denn von der +Verwesung+?
[Sidenote: Fäulnisbakterien. Konserven. Desinfektion]
~Dr.~ E.: Ja, von der Verwesung, Fäulnis oder wie du es nennen willst. Es ist heute außer allem Zweifel, daß alle diese Vorgänge ganz ausschließlich durch die überall gegenwärtigen Bakterien und ähnliche Pilze hervorgerufen werden.
+Kurt+: Also wenn ein Ei faul wird, so ist ein Pilz daran schuld?
~Dr.~ E.: Zweifellos. Und ebenso, wenn unsere Äpfel und Birnen faulen, wenn Fleisch und Fische zu riechen anfangen, kurzum, wenn irgend etwas in unserer Wirtschaft „verdirbt“. Dabei handelt es sich wieder um eine ganze Reihe verschiedener Arten, so daß ich denke, wir würden damit schon das versprochene Dutzend Pilze voll bekommen.
+Kurt+: Ja, wer kann aber ahnen, daß in den Eiern auch Pilze stecken! Läßt sich denn gar nichts dagegen tun?
~Dr.~ E.: O doch. Seitdem man die Ursache der Fäulnis erkannt hat, sind gewaltige Fortschritte in der Abwehr jener ungebetenen Gäste gemacht worden. Ihr wißt es ja selbst, daß wir jetzt mitten im Winter Spargel und junge Erbsen gerade so gut und fast so billig haben können, wie sonst nur im Frühjahr.
+Fritz+: Und das Fleisch bringen sie jetzt ja wohl schon frisch aus Australien herüber!
~Dr.~ E.: Das geschieht sogar in ganzen Schiffsladungen. Natürlich müssen die Schiffe danach eingerichtet sein.
+Kurt+: Danach eingerichtet sein? Ich denke, die kleinen Pilzkeime sind überall in der Luft, so daß man sie gar nicht abwehren kann.
~Dr.~ E.: Das ist schon wahr. Aber die Bakterien haben ebensogut gewisse Bedingungen zum Leben und zum Wachsen nötig, wie andere Pflanzen. Hierzu gehört z.❰B. eine gewisse Wärme, und wenn ich daher in den Schiffen große +Eiskammern+ einbaue und das Fleisch darin unterbringe, so kann ich sicher sein, daß die etwa vorhandenen Pilzkeime in dieser eisigen Temperatur sich nicht weiter entwickeln werden.
+Fritz+: Aber bei den Spargeln und dem andern Gemüse macht man es doch nicht so.
~Dr.~ E.: Nein, da wendet man wieder eine andere Methode an. Ebensowenig wie in der Kälte können die Pilzkeime sich in übergroßer +Hitze+ entwickeln. Ich kann sogar sicher sein, daß ich bei anhaltendem Kochen alle Pilze in einem Kochtopfe zerstöre. Wenn ich dann das darin befindliche Gemüse noch ganz heiß in gereinigte Gefäße bringe und schnell verschließe, so daß keine Luft wieder dazu kommen kann, so habe ich die Pilze ausgesperrt und darf nun hoffen, daß das Gemüse unverändert bleiben wird.
+Fritz+: Und gegen die Krankheitsbakterien ist man noch immer machtlos? Es wäre doch famos, wenn man die auch so kochen oder in Eis unschädlich machen könnte!
~Dr.~ E.: Dann müßten wir schon die ganze Erde kochen oder in Eis setzen, da wir jene Krankheitserreger ja meist mit der Luft einatmen. Immerhin hat man auch hier ganz gewaltige Fortschritte in der Bekämpfung gemacht. Seitdem man weiß, daß das +Eitern+ der Wunden und ebenso die Eitervergiftung[35] vornehmlich durch Pilze[36] bewirkt wird, sucht man auf alle mögliche Weise die Wunde vor diesen Feinden durch peinlichste Sauberkeit und pilztötende Mittel zu schützen. Wo Typhus, Diphtheritis oder eine ähnliche Krankheit im Hause war, werden Decke, Wände und Fußboden des Krankenzimmers gründlich mit chemischen Mitteln gereinigt oder, wie man sagt, +desinfiziert+. Den Lungenkranken wird empfohlen, nicht auf den Fußboden, sondern nur in Näpfchen mit Wasser zu spucken, da man weiß, daß besonders die aufgetrockneten und dann in der Luft umherfliegenden Keime so gefährlich sind. Unsere Aborte werden mit Karbolpulver, Lysol und ähnlichen Desinfektionsmitteln unschädlicher gemacht, und selbst den Pilzkolonien in unserm eigenen Munde gehen wir gründlicher als früher zu Leibe.
+Kurt+: Was meinst du denn damit, Vater?
[Sidenote: Zahnpilz. Hefepilze]