Nationalismus

Part 7

Chapter 73,594 wordsPublic domain

Es gibt Lehren, die uns unterweisen und uns zu geistiger Arbeit tüchtig machen. Diese sind einfach und können mit Nutzen erworben und angewandt werden. Aber es gibt andere, die uns tiefer berühren und unsere Lebensrichtung ändern. Bevor wir sie annehmen und ihren Wert mit unserem eigenen Erbe bezahlen, müssen wir haltmachen und ernsthaft nachdenken. Es kommen in der menschlichen Geschichte zuweilen Perioden, wo gewaltige Ereignisse wie Feuerwerke uns blenden durch ihre Stärke und Schnelligkeit. Sie verlachen nicht nur die bescheidenen Lampen unseres Heims, sondern auch die ewigen Sterne. Aber laßt uns durch ihre Herausforderung nicht zu dem Wunsch gereizt werden, unsere Lampen wegzuwerfen. Laßt uns geduldig den gegenwärtigen Schimpf ertragen und bedenken, daß diese Feuerwerke wohl hellen Glanz, aber keine Dauer haben wegen ihrer großen Explosionskraft, die die Ursache ihrer Stärke, aber auch zugleich die ihres schnellen Erlöschens ist. Sie verbrauchen ein verhängnisvolles Quantum von Energie und Substanz im Verhältnis zu dem, was sie leisten und einbringen.

Jedenfalls sind unsere Ideale durch unsere eigene Geschichte entwickelt worden, und wenn wir ein Feuerwerk aus ihnen machen wollten, so würde es doch nur kläglich ausfallen, da sie aus anderem Stoff sind als eure, wie auch ihr sittliches Ziel ein anderes ist. Wenn wir den Wunsch hegen, unsere ganze Habe gegen politischen Nationalismus einzutauschen, so ist dies ebenso unsinnig, als wenn die Schweiz ihr Leben an die Erfüllung des ehrgeizigen Wunsches setzte, eine Flotte zu bauen, die es mit der englischen aufnehmen könnte. Der Fehler, den wir machen, ist der, daß wir glauben, es gäbe nur einen Weg zu menschlicher Größe -- den, den wir heute zu unserem Schmerz als breite Straße über die Welt des Westens laufen sehen und auf dem freche Anmaßung die Führerin ist.

Wir müssen die Gewißheit haben, daß eine Zukunft vor uns liegt und daß diese Zukunft die erwartet, welche reich an sittlichen Idealen sind und nicht an bloßen Dingen. Und es ist das Vorrecht des Menschen, für Früchte zu arbeiten, die er noch nicht sogleich sammeln kann, und sein Leben nicht durch den Erfolg des Augenblicks bestimmen zu lassen oder auch durch eine vorsichtige, in ihren Zielen begrenzte Vergangenheit, sondern durch eine unendliche Zukunft, die unsere höchsten Ideale in sich birgt.

Wir müssen erkennen, daß die göttliche Vorsehung selbst den Westen nach Indien führte. Und doch muß jemand kommen, der dem Westen den Osten deutet und ihm klarmacht, daß der Osten sein Teil beizusteuern hat zur Geschichte der Kultur. Indien kommt nicht als Bettler zum Westen. Und mag auch der Westen dies glauben, so rate ich doch nicht, daß wir die westliche Kultur verschmähen und uns in stolzer Unabhängigkeit absondern. Nein, laßt uns uns innerlich mit ihm tief verbinden. Wenn die Vorsehung England dazu ausersehen hat, daß es diesen Bund, diesen inneren Bund, stifte und leite, so will ich mich dem in aller Demut beugen. Ich habe einen großen Glauben an die menschliche Natur, und so glaube ich auch, daß der Westen seine wahre Mission erkennen wird. Ich spreche mit Bitterkeit von der westlichen Kultur, wenn ich sehe, wie sie das ihr Anvertraute verrät und ihrem eigenen Ziel entgegenarbeitet. Der Westen darf sich nicht zu einem Fluch für die Welt machen, indem er seine Macht zu selbstischen Zwecken braucht, sondern dadurch, daß er die Unwissenden belehrt und den Schwachen hilft, sollte er sich vor der Gefahr schützen, die dem Starken drohen kann, wenn er den Schwachen stark genug werden läßt, seinem Eindringen zu widerstehen. Auch muß er seinen Materialismus nicht als das Höchste und Letzte predigen, sondern er muß erkennen, daß er sich um die Menschheit verdient macht, wenn er den Geist von der Tyrannei der Materie befreit.

Ich wende mich nicht gegen eine Nation im besonderen, sondern gegen Nationen im allgemeinen. Was ist eine Nation?

Es ist die Erscheinung eines ganzen Volkes als organisierte Macht. Diese Organisation zielt beständig dahin, daß die Bevölkerung stark und leistungsfähig werde. Aber dies rastlose Streben nach Stärke und Leistungsfähigkeit entzieht der höheren Natur des Menschen, die ihn aufopfernd und schöpferisch machte, ihre Kraft. Seine Opferfähigkeit wird von ihrem eigentlichen, sittlichen und lebendigen Ziel abgelenkt auf ein mechanisches und lebloses, die Erhaltung dieser Organisation. Und doch fühlt er in der Erreichung dieses Zieles die ganze Genugtuung sittlicher Erhebung und wird daher der Menschheit äußerst gefährlich. Er fühlt sich in seinem Gewissen beruhigt, wenn er seine Verantwortlichkeit auf diese Maschine schieben kann, die eine Schöpfung seines Intellekts und nicht seiner ganzen sittlichen Persönlichkeit ist. So kommt es, daß das Volk, welches die Freiheit liebt, in einem großen Teil der Welt die Sklaverei fortbestehen läßt mit dem wohltuenden Gefühl des Stolzes, seine Pflicht getan zu haben. Menschen, die von Natur gerecht sind, können sowohl im Handeln wie im Denken grausam ungerecht sein und dabei das Gefühl haben, daß sie den Menschen nur zu dem verhelfen, was sie verdienen. Menschen, die sonst ehrlich sind, können, ohne zu wissen, was sie tun, andern dauernd ihr Menschenrecht auf höhere Entwicklung rauben und dabei die Beraubten schmähen, daß sie keine bessere Behandlung verdient hätten. Wir haben im täglichen Leben gesehen, wie sogar kleine Geschäfts- und Berufsorganisationen Menschen, die von Natur nicht schlecht sind, gefühllos machen, und wir können uns wohl vorstellen, welch eine Zerstörung in der sittlichen Welt angerichtet wird, wenn ganze Völker sich mit rasendem Eifer organisieren, um Macht und Reichtum zu gewinnen.

Der Nationalismus ist eine sehr schwere Gefahr. Er ist seit Jahren die Ursache von allen Leiden Indiens. Und da wir von einer Nation regiert und beherrscht werden, die in ihrer Haltung ausschließlich politisch ist, haben wir trotz des Erbes unserer Vergangenheit versucht, den Glauben in uns zu entwickeln, daß wir auch vielleicht eine politische Aufgabe haben.

Es gibt in Indien verschiedene Parteien, die ihre verschiedenen Ideale haben. Einige streben nach politischer Unabhängigkeit. Andere glauben, daß die Zeit dazu noch nicht gekommen ist, aber sie meinen, Indien sollte die Rechte der englischen Kolonien haben. Sie wollen soweit wie möglich Selbstregierung.

Als die politische Bewegung in Indien anfing, da gab es noch keinen Parteistreit wie heute. Damals gab es eine Partei, die sich Indischer Kongreß nannte. Sie hatte kein wirkliches Programm; sie wies auf einige Mißstände hin und forderte ihre Abstellung von seiten der Behörden. Sie wünschte eine größere Vertretung im Regierungsrat und mehr Freiheit in der Gemeindeverwaltung. Sie verlangte lauter Kleinigkeiten, aber sie hatte kein aufbauendes Ideal. Daher konnte ich mich für ihr Vorgehen nicht begeistern. Es war meine Überzeugung, daß das, was Indien am meisten braucht, schöpferische, aus seinem eigenen Geist geborene Arbeit ist. Und bei dieser Arbeit müssen wir alle Gefahren auf uns nehmen und selbst noch in des Verfolgers Rachen nicht aufhören, unsere uns vom Schicksal auferlegte Pflicht zu tun, und so durch Leiden und Mißerfolg bei jedem Schritt moralische Siege gewinnen. Wir müssen denen über uns zeigen, daß wir sittliche Kraft und Stärke haben, für die Wahrheit zu leiden. Haben wir aber selber nichts aufzuweisen, so können wir nur betteln. Es würde verderblich für uns sein, wenn uns die Gaben, um die wir bitten, sogleich gewährt würden, und ich habe meinen Landsleuten immer wieder gesagt, daß sie sich zusammenschließen sollen, nicht um zu betteln, sondern um Möglichkeiten zu schaffen, daß unser Geist der Selbstaufopferung sich wirksam erweisen kann.

Der Indische Kongreß verlor jedoch an Einfluß, da das Volk bald sah, wie nutzlos die Halbheit seiner politischen Bestrebungen war. Die Partei spaltete sich, und es bildeten sich die Radikalen, die die bisherige Methode des Bittens -- die leichteste Methode, sich der Verantwortlichkeit gegen sein Land zu entschlagen -- verwarfen und für absolute Freiheit des Handelns eintraten. Ihre Ideale gründeten sich auf die Geschichte des Westens. Sie hatten kein Gefühl für die besonderen Probleme Indiens. Sie erkannten die offenbare Tatsache nicht an, daß unsere Gesellschaftsordnung uns unfähig macht, es mit den fremden Völkern aufzunehmen. Denn was würde aus uns werden, wenn England irgendwie aus Indien vertrieben würde? Wir würden nur andern Nationen zum Opfer fallen. Dieselben sozialen Übel würden bestehen bleiben. Was wir in Indien erstreben müssen, ist dies: wir müssen suchen, mit den sozialen Sitten und Idealen aufzuräumen, die uns unsere Selbstachtung genommen und uns von denen, die uns beherrschen, ganz abhängig gemacht haben -- mit dem Kastensystem und mit der blinden und trägen Gewohnheit, uns auf die Autorität von Traditionen zu verlassen, die heutzutage vernunftwidrige Anachronismen geworden sind.

Ich lenke noch einmal eure Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten hin, mit denen Indien zu kämpfen gehabt hat. Sein Problem war das Weltproblem im kleinen. Indien hat eine zu große Ausdehnung und beherbergt zu verschiedene Rassen. Es sind in ihm viele Länder in einen geographischen Behälter zusammengepackt. Es ist gerade das Gegenteil von dem, was Europa in Wahrheit ist: ein einziges Land, das in viele Länder zerteilt ist. So hat Europa bei seinem Wachstum und Fortschritt den doppelten Vorteil gehabt: es hatte die Stärke der Vielheit und die Stärke der Einheit. Indien dagegen, das von Natur eine Vielheit und nur durch Zufall eine Einheit ist, hat immer unter dem losen Zusammenhang der ersteren und unter der Schwäche der letzteren gelitten. Wahre Einheit ist wie eine runde Kugel, sie rollt von selbst und trägt ihr Gewicht mit Leichtigkeit; aber Vielheit ist ein Ding mit vielen Ecken und Kanten, das man mit aller Kraft ziehen und vorwärtsstoßen muß. Es muß zu Indiens Rechtfertigung gesagt werden, daß es diese Vielheit nicht selbst geschaffen hat, es hat sie von Anfang seiner Geschichte an als eine Tatsache hinnehmen müssen. In Amerika und Australien hat Europa sich sein Problem dadurch vereinfacht, daß es die Urbevölkerung fast ganz ausrottete. Und noch heute macht sich dieser Ausrottungsgeist bei den Europäern bemerkbar, indem sie Fremde ungastlich ausschließen, sie, die selbst als Fremde kamen in die Länder, die sie nun beherrschen. Aber Indien duldete von Anfang an die Verschiedenheit der Rassen, und diesen Geist der Duldsamkeit hat es in seiner ganzen Geschichte gezeigt.

In ihm hat auch sein Kastensystem seinen letzten Grund. Denn Indien hat immer versucht, eine soziale Einheit zu entwickeln, die alle die verschiedenen Völker zusammenhielt und ihnen doch die Freiheit ließ, die bei ihnen bestehenden Unterschiede zu wahren. Das Band war so lose wie möglich, und doch so fest, wie die Umstände es gestatteten. So ist etwas wie ein sozialer Bund von Vereinigten Staaten entstanden, dessen gemeinsamer Name Hinduismus ist.

Indien hat gefühlt, daß Rassenunterschiede sein müssen und sollen, was auch ihre Nachteile sein mögen, und daß wir nie die Natur in enge, uns bequeme Grenzen zwingen können, ohne es eines Tages teuer bezahlen zu müssen. Soweit war Indien im Recht; aber es bedachte nicht, daß die Unterschiede, die die Menschen trennen, nicht wie Gebirgsgrenzen sind, die für immer bestehen, sondern fließend mit des Lebens Fluß und Lauf, Gestalt und Größe wechseln.

Indien erkannte durch seine Kasteneinteilung die Unterschiede an, aber nicht die Wandelbarkeit, die das Gesetz des Lebens ist. Indem es versuchte, Zusammenstöße zu vermeiden, stellte es unbewegliche Mauern als Schranken auf und gab so seinen zahlreichen Rassen die negative Wohltat der Ordnung und Ruhe, aber nicht die positive Möglichkeit der freien Bewegung und Ausbreitung. Es ließ die Natur gelten, wo sie Verschiedenheiten geschaffen hatte, aber hinderte sie, diese Verschiedenheiten im ewigen Spiel ihrer schöpferischen Tätigkeit neu zu wandeln. Es wurde der Buntheit des Lebens gerecht, aber es versündigte sich an seiner ewigen Bewegung. Und so entfloh ihm das Leben aus seiner Gesellschaftsordnung, und Indien betet nun statt seiner den prächtigen Käfig mit den vielen Abteilen an, wohinein es das Leben sperren wollte.

Dasselbe geschah, als Indien es versuchte, die Zusammenstöße der verschiedenen Handelsinteressen zu vermeiden. Es wies bestimmte Gewerbe und Berufe bestimmten Kasten zu. Dies hatte die Wirkung, daß der endlose Neid und Haß des Wettstreits für immer beseitigt war -- dieses Wettstreits, der soviel Grausamkeiten im Gefolge hat und die ganze Atmosphäre mit Lügen und Betrug vergiftet. Aber auch hierbei legte Indien, das Gesetz der Wandlung außer acht lassend, den ganzen Nachdruck auf das Gesetz der Vererbung und setzte so allmählich Kunst auf Kunstfertigkeit, und schöpferische Kraft auf Geschicklichkeit herab.

Was jedoch dem westlichen Beobachter entgeht, ist die Tatsache, daß Indien, als es das Kastensystem schuf, mit ganzem Ernst und im vollen Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit daran ging, das Rassenproblem so zu lösen, daß alle Reibung vermieden, und doch jeder Rasse innerhalb ihrer Grenzen Freiheit gewährt wurde. Wir wollen zugeben, daß Indien dies nicht in vollem Maße gelungen ist. Aber eines müßt ihr auch einräumen: daß der Westen, da er in bezug auf Gleichartigkeit der Rasse in einer viel günstigeren Lage ist, dem Rassenproblem nie seine Aufmerksamkeit zugewandt hat, und daß er, wenn er vor dies Problem gestellt wurde, sich leicht damit abfand, ohne eine ernsthafte Lösung zu suchen. So macht er es auch jetzt, wo er die Asiaten systematisch von den Küsten dieses Landes fernzuhalten sucht und sie ihres Rechtes beraubt, ihren Lebensunterhalt hier ehrlich zu erwerben. In den meisten eurer Kolonien laßt ihr sie nur unter der Bedingung zu, daß sie die niedern Dienste von Holzhauern und Wasserträgern auf sich nehmen. Entweder verschließt ihr den Fremden eure Türen, oder ihr würdigt sie zu Sklaven herab. Dies ist eure Art, das Problem des Rassenstreites zu lösen. Welche Vorzüge diese Art auch haben mag, ihr werdet zugeben müssen, daß sie nicht höheren sittlichen Motiven entspringt, sondern den niederen Leidenschaften der Gier und des Hasses. Ihr sagt: So ist die menschliche Natur. Indien glaubte auch, die menschliche Natur zu kennen, als es seine verschiedenen Rassen durch feste soziale Ranggrenzen voneinander absperrte. Aber wir haben durch teure Erfahrung gelernt, daß die menschliche Natur nicht das ist, was sie scheint, sondern daß ihre Wahrheit in ihren unendlichen Möglichkeiten liegt. Und wenn wir in unserer Blindheit die Menschheit wegen ihres zerlumpten Gewandes schmähen, so läßt sie diese Verkleidung fallen, und wir sehen, daß wir die Gottheit geschmäht haben. Die Erniedrigung, die wir in unserem Stolz oder Eigennutz andern antun, fällt auf unsere eigene Menschheit -- und dies ist die furchtbarste Strafe, denn wir spüren sie erst, wenn es zu spät ist.

Nicht nur in eurer Beziehung zu fremden Völkern, sondern auch in der Beziehung eurer verschiedenen Gesellschaftsklassen zueinander habt ihr keine versöhnende Harmonie zustande gebracht. Der Geist des Kampfes und Wettstreits darf ungezügelt seinen Lauf nehmen. Und da er der Sprößling von Habsucht und Machtgier ist, kann er nicht anders enden als mit gewaltsamem Tode. In Indien wurde die Herstellung von Waren unter das Gesetz sozialer Ordnung gebracht. Ihre Grundlage war Zusammenwirken, ihr Ziel vollkommene Befriedigung der sozialen Bedürfnisse. Im Westen ist Wettstreit ihre Triebkraft und Erwerb von Reichtum für die Einzelnen ihr Ziel. Aber der Einzelne ist wie die geometrische Linie, die nur eine Ausdehnung hat. Sie hat keine Breite und keine Tiefe und kann nicht irgend etwas umfassen und dauernd halten. Und daher läuft sie ewig suchend und unbefriedigt fort. Sie kann in ihrer endlosen Verlängerung andere Linien kreuzen und Verwicklungen verursachen, aber sie wird immer dünn und isoliert bleiben und das Ideal der Vollständigkeit nicht erreichen.

Bei allen unseren physischen Begierden erkennen wir eine Grenze. Wir wissen, daß, wenn wir darüber hinausgehen, es auf Kosten unserer Gesundheit geschieht. Aber hat denn diese Gier nach Reichtum und Macht nicht auch Grenzen, jenseits welcher das Reich des Todes ist? Verbrauchen die westlichen Völker bei diesen nationalen Karnevalfesten des Materialismus nicht den größten Teil ihrer Lebenskraft dabei, daß sie tote Dinge schaffen statt lebendiger Ideale? Und kann das eine wirkliche Kultur sein, die das Gesetz der sittlichen Gesundheit außer acht läßt und dadurch, daß sie unaufhaltsam materielle Stoffe in sich hineinschlingt, zu scheußlicher Aufgedunsenheit anschwillt? Im sozialen Leben sucht der Mensch seine Begierden zu zügeln und den höheren Zwecken seiner Natur zu unterwerfen. Aber im wirtschaftlichen Leben kennen unsere Begierden keine anderen Schranken als die von »Angebot und Nachfrage«, und diese können künstlich verrückt werden, so daß der Einzelne seinen ausschweifenden Gelüsten, soviel er will, sich hingeben kann. In Indien legten unsere sozialen Ideale unseren Begierden Zügel an -- vielleicht unterdrückten sie sie gänzlich --, im Westen jedoch treibt der Geist der wirtschaftlichen Organisation, der kein sittliches Ziel kennt, die Menschen zum fortwährenden Jagen nach Reichtum; aber ist dem keine heilsame Grenze gesetzt?

Die Ideale, die sich in den sozialen Einrichtungen zu verwirklichen suchen, haben ein doppeltes Ziel. Einmal sollen sie unsere Leidenschaften und Begierden zügeln und dadurch unsere harmonische Entwicklung möglich machen, und dann sollen sie uns helfen, in selbstloser Liebe für unsere Mitmenschen zu wirken. Daher ist die Gesellschaft der Ausdruck jenes sittlichen und geistigen Strebens, das zur höheren Natur des Menschen gehört.

Unsere Nahrung ist schöpferisch, sie baut unseren Körper auf; aber der Wein, der nur aufregt, ist es nicht. Unsere sozialen Ideale schaffen die menschliche Welt, aber wenn unser Geist von ihnen abgelenkt wird auf Gier nach Macht, dann leben wir in einem Zustande des Rausches und infolgedessen in einer naturwidrigen Welt, wo unsere Kraft nicht Gesundheit und unsere Freiheit nur Ungebundenheit ist. Daher kann uns die politische Freiheit keine wahre Freiheit geben, solange der Geist nicht frei ist. Ein Automobil kann mir nicht Freiheit der Bewegung geben, weil es eine bloße Maschine ist. Wenn ich selbst frei bin, so kann ich das Automobil im Dienst meiner Freiheit brauchen.

Wir dürfen in der gegenwärtigen Zeit nicht vergessen, daß die Menschen, die politische Freiheit erlangt haben, darum noch nicht frei zu sein brauchen, sie sind nur mächtig. Die Leidenschaften, die ungezügelt in ihnen wirken können, schaffen riesige Organisationen einer Sklaverei, die sich für Freiheit ausgibt. Die sich Gelderwerb als höchstes Ziel gesetzt haben, verkaufen, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, ihre Seele dem Reichtum, entweder einzelnen oder Gemeinschaften. Jene, die in ihre politische Macht verliebt sind und sich an der Ausdehnung ihrer Herrschaft über fremde Rassen weiden, liefern allmählich ihre eigene Freiheit und Menschlichkeit den Organisationen aus, die nötig sind, um andere Völker in Sklaverei zu halten. In den sogenannten freien Ländern ist die Mehrzahl des Volkes nicht frei; sie wird von der Minderheit nach einem Ziel hingetrieben, das sie nicht einmal kennt. Dies wird nur dadurch möglich, daß die Menschen die sittliche und geistige Freiheit nicht als ihr Ziel anerkennen. Sie schaffen mit ihren Leidenschaften riesige Strudel, und wenn sie von der bloßen Geschwindigkeit ihrer wirbelnden Bewegung ganz berauscht und schwindlig sind, so halten sie dies für Freiheit. Aber das Verhängnis, das ihrer wartet, ist so gewiß wie der Tod, -- denn die Wahrheit des Menschen ist sittliche Wahrheit, und seine wahre Befreiung geschieht nur im Geiste.

Die große Mehrzahl der heutigen Nationalisten in Indien ist der Meinung, daß wir mit der Entwicklung unserer sozialen und geistigen Ideale endgültig fertig sind, daß diese Arbeit des Aufbaus der Gesellschaft schon seit Jahrtausenden bei uns getan ist, und daß wir jetzt unsere ganze Schaffenskraft in politischer Richtung betätigen können. Wir denken nicht im entferntesten daran, unsere gegenwärtige Hilflosigkeit auf soziale Unzulänglichkeit zurückzuführen, denn unser Nationalismus hat den Glauben, daß dies System schon für alle Zukunft zur Vollendung gebracht wurde von unseren Vorfahren, die die übermenschliche Gabe prophetischen Schauens und die übernatürliche Kraft der Fürsorge für unendliche Zukunft hatten. Daher machen wir für alles Elend und für alle Unzulänglichkeiten die geschichtlichen Ereignisse verantwortlich, die plötzlich von außen über uns hereinbrachen. Und aus diesem Grunde glauben wir, daß es unsere einzige Aufgabe ist, ein politisches Wunder von Freiheit auf dem Flugsand sozialer Sklaverei aufzubauen. Ja, wir wollen den Strom unserer eigenen Geschichte abdämmen und aus den Quellen der Geschichte anderer Völker Macht borgen.

Die unter uns, die dem Wahn erlegen sind, daß politische Freiheit uns frei machen würde, haben die Lehre des Westens als Evangelium angenommen und ihren Glauben an die Menschheit verloren. Wir müssen bedenken, daß jede soziale Schwäche, an der wir festhalten, in der Politik zu einer Quelle von Gefahren wird. Dieselbe Passivität, die uns bei unseren sozialen Einrichtungen an toten Formen hängen läßt, wird in der Politik starre Kerkermauern um uns aufrichten. Die Engherzigkeit, die es möglich macht, daß wir einem großen Teil der Menschheit das drückende Joch der Minderwertigkeit auflegen, wird sich in der Politik als Tyrannei und Ungerechtigkeit behaupten.

Wenn unsere Nationalisten von ihren Idealen sprechen, so vergessen sie, daß bei uns dem Nationalismus die Grundlage fehlt. Dieselben Leute, die diese Ideale hochhalten, sind in ihrer sozialen Haltung die Konservativsten. Die Nationalisten sagen z. B.: »Seht die Schweiz, wo sich trotz der Rassenunterschiede die Völker zu einer Nation zusammengeschlossen haben.« Aber ihr müßt bedenken, daß sich in der Schweiz die Rassen vermischen und untereinander heiraten können, weil sie eines Stammes sind. In Indien ist dies nicht der Fall. Und wenn wir von den verschiedenen Nationalitäten Europas sprechen, so denken wir nicht daran, daß dort die Nationen nicht den physischen Widerwillen gegeneinander haben wie unsere verschiedenen Kasten. Gibt es irgendwo in der Welt ein Beispiel dafür, daß Glieder eines Volkes, die ihr Blut nicht mischen dürfen, doch ihr Blut für einander vergießen, es sei denn gezwungen oder um Sold? Und können wir jemals hoffen, daß diese moralischen Schranken, die der Vermischung unserer Rassen im Wege stehen, nicht auch ein Hindernis für unsere politische Einheit sein werden?

Auch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß unsere sozialen Beschränkungen noch immer so tyrannisch sind, daß sie die Menschen zu Feiglingen machen. Wenn mir jemand sagt, er habe ketzerische Ansichten, wage aber nicht, ihnen zu folgen, weil er sonst gesellschaftlich geächtet würde, so verzeihe ich es ihm, daß er ein unwahres Leben führt, um überhaupt leben zu können. Dieser bei uns herrschende soziale Geist, der uns dazu treibt, unseren Mitmenschen das Leben zur Last zu machen, wenn sie auch nur in der Wahl ihrer Nahrung von uns abweichen, wird sich sicher in unserer politischen Organisation behaupten und schließlich Zwangsmaschinen erzeugen, die jeden vernunftgemäßen Unterschied und damit jedes wirkliche Leben zermalmen werden. Und die Tyrannei wird die unvermeidliche Lüge und Heuchelei im politischen Leben nur noch schlimmer machen. Ist denn der bloße Name Freiheit so wertvoll, daß wir um seinetwillen unsere sittliche Freiheit opfern sollen?