Nationalismus

Part 6

Chapter 63,618 wordsPublic domain

Aber während wir versuchen, uns von den Anmaßungen Europas und von unserer eigenen Verblendung zu befreien, können wir leicht in den gegenteiligen Fehler verfallen und durch ein allgemeines Mißtrauen gegen den Westen unsere Augen der Wahrheit verschließen. Wenn wir aus einer Täuschung gerissen werden, so treibt uns der Rückschlag der Enttäuschung immer genau so weit von der Wirklichkeit ab wie der erste Schwung des Wahns. Wir müssen versuchen, zu der normalen Gemütsverfassung zu kommen, wo wir deutlich die Gefahr für uns sehen und vermeiden können, ohne gegen die Ursache der Gefahr ungerecht zu sein. Wir sind immer von Natur versucht, Europa in seiner eigenen Münze heimzuzahlen und Verachtung mit Verachtung, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber das hieße wieder einen der schlimmsten Charakterzüge Europas nachahmen, der sich in seinem Betragen gegen die Völker zeigt, die es als gelbe oder rote, braune oder schwarze Rassen bezeichnet. (Hier ist übrigens ein Punkt, wo wir östlichen Völker uns ebenso schuldig bekennen müssen, da wir die Menschheit beleidigten, indem wir Menschen, die zu einem besonderen Glauben, einer besonderen Farbe oder Kaste gehörten, mit äußerster Verachtung und Grausamkeit behandelten.) Nur weil wir uns vor unserer eigenen Schwäche fürchten, die sich durch den Anblick der Macht überwältigen läßt, versuchen wir, eine andere Schwäche an ihre Stelle zu setzen, die uns blind macht gegen das, was den wahren Ruhm des Westens ausmacht. Erst wenn wir das Europa wahrhaft kennen, das groß und gut ist, können wir uns wirksam vor dem Europa bewahren, das niedrig und habgierig ist. Man wird leicht unbillig in seinem Urteil, wenn man dem menschlichen Elend gegenübersteht, -- und man wird pessimistisch in seinen Theorien, wenn das Herz leidet. Aber nur der kann an der Menschheit verzweifeln, der den Glauben an die höhere Macht verliert, die ihr wieder Kraft gibt, wenn sie am kläglichsten darniederliegt, und die aus ihren Ruinen neues Leben weckt. Wir müssen nicht verkennen, daß im Westen eine lebendige Seele ist, die einen stillen Kampf kämpft gegen die ungeheuren Organisationen, unter denen Männer, Frauen und Kinder zermalmt werden, weil ihr Mechanismus keine geistigen und menschlichen Gesetze kennt -- eine lebendige Seele, deren Gefühl sich nicht ganz abstumpfen läßt durch die gefährliche Gewohnheit, rücksichtslos gegen die Völker zu verfahren, für die ihr die natürliche Sympathie fehlt. Der Westen hätte sich nie zu der Höhe erheben können, die er erreicht hat, wenn seine Stärke nur die Stärke des wilden Tieres oder der Maschine wäre. Das Göttliche in seinem Herzen leidet bei den Wunden, die seine Hand der Welt schlägt, -- aus diesem Schmerz seiner besseren Natur fließt der geheime Balsam, der all jene Wunden heilen wird. Immer wieder hat er gegen sich selbst gekämpft und die Fesseln gelöst, die seine eigenen Hände um hilflose Glieder gelegt hatten; und wenn er ein großes Volk mit dem Schwerte zwang, das Gift, das er ihm bot, zu trinken, nur um schnöden Geldgewinn, so rüttelte er sich doch selbst auf zur Erkenntnis seiner Tat und suchte sie wieder gutzumachen. Dies zeigt, daß an scheinbar öden, unfruchtbaren Stellen verborgene Quellen von Menschlichkeit fließen. Es zeigt, daß der wahre Kern seiner Natur, der all diese Feigheit und Grausamkeit überleben kann, nicht Selbstsucht ist, sondern Ehrfurcht vor selbstlosen Idealen. Wir würden sowohl Europa als auch uns selbst unrecht tun, wenn wir sagten, es hätte den modernen Osten nur durch die bloße Schaustellung seiner Macht bestrickt. Durch den Rauch der Kanonen und durch den Staub der Märkte hat das Licht seiner sittlichen Natur hell geleuchtet und uns das Ideal sittlicher Freiheit gebracht, das tiefere Grundlagen hat als gesellschaftliche Konventionen, und dessen Wirkungsbereich die ganze Welt ist.

Der Osten hat durch seine Abneigung hindurch instinktiv gefühlt, daß er viel von Europa zu lernen hat, nicht nur in bezug auf die materiellen Mittel seiner Macht, sondern auch auf ihre inneren Quellen, die dem Geist und der sittlichen Natur des Menschen angehören. Europa hat uns gelehrt, daß wir neben den Pflichten gegen die Familie und den Stamm höhere haben gegen die Allgemeinheit; es hat uns die Heiligkeit des Gesetzes gelehrt, das die Gesellschaft unabhängig macht von der Laune des einzelnen, ihr dauernder Fortschritt und allen Menschen in allen Lebenslagen gleiches Recht sichert. Vor allem hat Europa in jahrhundertelangem Leiden und Kämpfen das Banner der Freiheit hochgehalten, der Freiheit des Gewissens, der Freiheit des Denkens und Handelns, der Freiheit für seine Ideale in der Kunst und Literatur. Und weil sich Europa unsere tiefe Achtung erworben hat, ist es so gefährlich für uns geworden da, wo es schwach und falsch ist, -- gefährlich wie Gift, das man uns in unsere beste Speise mischt. Es gibt eine Rettung für uns, auf die wir hoffen können: wir können Europa selbst als Bundesgenossen anrufen im Kampf gegen seine Verführungen und gewaltsamen Übergriffe; denn da es immer sein sittliches Ideal hochgehalten hat, an dem wir es messen und seinen Abfall ihm nachweisen können, so können wir es vor sein eigenes Gericht fordern und es beschämen, und solche Scham ist das Zeichen wahren Adelsstolzes.

Doch wir fürchten, daß das Gift wirksamer ist als die Speise, und daß das, was sich heute als Kraft äußert, nicht Zeichen von Gesundheit, sondern vom Gegenteil ist. Wir fürchten, daß das Böse, wenn es so ungeheure Formen annimmt, einen verhängnisvollen Zauber ausübt, und wenn es auch sicher durch sein abnormes Mißverhältnis das Gleichgewicht verliert, so ist doch das Unheil, das es vor seinem Sturz anrichtet, vielleicht nicht wieder gutzumachen.

Daher bitte ich euch, habt die Kraft des Glaubens und die Klarheit des Geistes einzusehen, daß der schwerfällige Bau des modernen Fortschritts, der durch die eisernen Klammern der Nützlichkeit zusammengehalten wird und auf den Rädern des Ehrgeizes rollt, nicht lange halten kann. Es werden sicher Zusammenstöße kommen, denn er muß auf den Schienen der Organisation laufen, er kann seinen Weg nicht frei wählen, und wenn er einmal entgleist, entgleist mit ihm der ganze Wagenzug. Es wird ein Tag kommen, wo er in Trümmer fallen und zu einer ernstlichen Verkehrshemmung in der Welt werden wird. Sehen wir nicht schon jetzt Anzeichen davon? Hören wir nicht eine Stimme durch den Lärm des Krieges, durch das Haßgeschrei, das Jammern der Verzweiflung, durch das Aufrühren des unsagbaren Schmutzes, der sich jahrhundertelang auf dem Boden der modernen Zivilisation angesammelt hat, eine Stimme, die unserer Seele zuruft, daß der Turm der nationalen Selbstsucht, der sich Patriotismus nennt und sein Banner des Verrats frech zum Himmel wehen läßt, ins Schwanken geraten und mit gewaltigem Krach zusammenstürzen wird, durch seine eigene Masse herabgezogen, so daß seine Fahne den Staub küßt und sein Licht erlischt? Meine Brüder, wenn die roten Flammen dieses gewaltigen Brandes prasselnd ihr Gelächter zu den Sternen schicken, setzt ihr euer Vertrauen auf die Sterne und nicht auf das vernichtende Feuer. Denn wenn dieser Brand sich verzehrt hat und erlischt und einen Aschenhaufen als Denkzeichen zurückläßt, wird das ewige Licht wieder im Osten leuchten -- im Osten, wo das Morgenlicht der Menschheitsgeschichte geboren ist. Und wer weiß, ob nicht dieser Tag schon dämmert, ob nicht am östlichen Horizont Asiens die Sonne schon aufgegangen ist? Dann begrüße ich wie die Sänger meiner Vorfahren das Morgenrot dieser östlichen Sonne, die bestimmt ist, noch einmal die ganze Welt zu erleuchten.

Ich weiß, meine Stimme ist zu schwach, sich über den Lärm dieser hastenden Zeit zu erheben, und es ist leicht für jeden Gassenbuben, mir das Wort »unpraktisch« nachzuwerfen. Es bleibt an mir kleben und läßt sich nicht abwischen und bewirkt, daß alle achtbaren Menschen über mich hinwegsehen. Ich weiß, welche Gefahr man bei der robusten Menge läuft, wenn man Idealist genannt wird, heutzutage, wo Throne ihre Würde verloren haben und Propheten ein Anachronismus geworden sind, wo das Geschrei des Marktes alle anderen Stimmen übertönt. Doch als ich eines Tages an der äußeren Häusergrenze der Stadt Jokohama stand, die von modernen Dingen strotzte, und die Sonne langsam hinabtauchen sah in euer südliches Meer, als ich es in seiner stillen Majestät daliegen sah zwischen euren mit Fichten bedeckten Hügeln, -- als ich den großen Fudschijama am goldenen Horizont verblassen sah wie einen Gott, der von seinem eigenen Glanz überwältigt wird -- da quoll die Musik der Ewigkeit herauf zu mir durch das Abendschweigen, und ich wußte, daß Himmel und Erde mit all ihrer Schönheit auf seiten der Dichter und Idealisten sind, und nicht auf seiten der Marktleute mit ihrer derben Verachtung für alles Gefühlswesen; ich wußte, daß der Mensch, nachdem er eine Zeitlang seinen göttlichen Ursprung vergessen hat, sich wieder daran erinnern wird, daß der Himmel stets in Berührung mit seiner Erde ist und sie nicht für immer den raubgierigen Wölfen unserer heutigen Zeit preisgibt.

NATIONALISMUS IN INDIEN

Indiens wahre Aufgabe liegt nicht auf dem Gebiete der Politik; sie ist sozialer Art. Und dies ist nicht nur in Indien, sondern in überwiegendem Maße bei allen Völkern der Fall. Ich glaube nicht an ein ausschließlich politisches Interesse. Im Westen hat die Politik auf die Ideale beherrschenden Einfluß gehabt, und wir Inder versuchen, eurem Beispiel zu folgen. Wir müssen bedenken, daß in Europa, wo die Völker von Anfang an ihre Rasseneinheit hatten und wo die Natur den Bewohnern nicht genug bot, um ihr Bedürfnis zu befriedigen, die Kultur ganz von selbst den Charakter politischer und kommerzieller Aggressivität annehmen mußte. Denn einerseits hatten sie keine innern Schwierigkeiten, und andererseits hatten sie es mit Nachbarn zu tun, die stark und raublustig waren. So schien ihre einzige Aufgabe zu sein, nach innen fest zusammenzuhalten und nach außen eine wachsame und feindselige Haltung zu wahren. In früheren Zeiten organisierten sie sich, um zu plündern, heute ist der Geist, der bei ihnen herrscht, derselbe -- sie organisieren, um die ganze Welt auszubeuten.

Aber seit den ersten Anfängen unserer Geschichte hat Indien beständig sein Problem vor Augen gehabt -- das Rassenproblem. Jedes Volk muß sich seiner Mission bewußt sein, und wir Inder müssen uns klarmachen, daß wir eine armselige Rolle spielen, wenn wir versuchen, Politik zu treiben, nur weil wir es noch nicht fertig gebracht haben, das zu leisten, was die Vorsehung uns aufgegeben hat.

Vor dies Problem der Rasseneinheit, das wir so viele Jahre lang zu lösen versucht haben, seid auch ihr hier in Amerika gestellt. Viele Leute in diesem Lande fragen mich, wie es mit den Kastenunterschieden in Indien sei. Aber wenn sie diese Frage an mich richten, so tun sie es gewöhnlich mit überlegener Miene. Und ich fühle mich versucht, unseren amerikanischen Kritikern dieselbe Frage zu stellen, nur mit einer kleinen Abänderung: »Was habt ihr eigentlich mit dem Indianer und dem Neger gemacht?« Denn ihnen gegenüber seid ihr über euren Kastengeist noch nicht hinausgekommen. Ihr habt gewaltsame Methoden angewandt, um andere Rassen von euch fernzuhalten, aber solange ihr hier in Amerika nicht die Frage gelöst habt, habt ihr kein Recht, Indien zu fragen.

Jedoch trotz der großen Schwierigkeit hat Indien etwas getan. Es hat versucht, die Rassen einander anzupassen, die wirklichen Unterschiede, da wo sie existieren, bestehen zu lassen und doch eine gemeinsame Basis zu finden. Diese Basis haben unsere heiligen Männer wie Nanak, Kabir, Tschaitanja und andere gefunden, die allen Rassen Indiens den einen Gott predigten.

Wenn wir die Lösung unseres Problems gefunden haben, so haben wir damit zugleich geholfen, das Weltproblem zu lösen. Denn was Indien gewesen ist, das ist die ganze Welt jetzt. Die Welt ist im Begriff, durch die technischen Erleichterungen zu einem einzigen Lande zu werden. Und der Augenblick kommt, wo ihr auch nach einer Basis für eure Einheit suchen müßt, die nicht politischer Art ist. Wenn Indien seine Aufgabe gelöst hat, so hat es dies für die ganze Menschheit getan. Es gibt überhaupt nur eine Geschichte -- die Geschichte des Menschen. Die Geschichten der Völker sind nur einzelne Kapitel dieser großen Geschichte. Und wir Inder wollen gern für eine so große Sache leiden.

Jedes Individuum hat seine Selbstliebe. Daher wird es von seinem tierischen Instinkt getrieben, nur um seines eigenen Interesses willen mit andern zu kämpfen. Aber der Mensch hat auch seine höheren Instinkte: Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Die Menschen, denen es an dieser höheren sittlichen Kraft fehlt, und die sich daher nicht mit andern zu einer Gemeinschaft verbinden können, müssen umkommen oder in einem Zustande der Erniedrigung leben. Nur die Völker haben fortgelebt und es zur Kultur gebracht, in denen dieser Gemeinschaftsgeist stark lebendig ist. So finden wir, daß vom Anfang der Geschichte an die Menschen zu wählen hatten zwischen Kampf und Gemeinschaft, Eigeninteresse und Allgemeininteresse.

In den Zeiten unserer frühen Geschichte, als die geographischen Grenzen des einzelnen Landes nur klein und die Verkehrsmöglichkeiten gering waren, hatte auch dies Problem nur verhältnismäßig geringen Umfang. Es genügte, wenn die Menschen ihr Gemeinschaftsgefühl nur innerhalb der Grenzen ihres abgesonderten Gebiets entwickelten. Zu jenen Zeiten schlossen sie sich zusammen und kämpften gegen andere. Aber es war dies sittliche Gefühl der Gemeinschaft, das die wahre Grundlage ihrer Größe wurde, auf der sich Kunst, Wissenschaft und Religion entwickeln konnten. In jenen frühen Zeiten war die wichtigste Tatsache, deren der Mensch sich bewußt sein mußte, daß er in einer engeren Rassengemeinschaft lebte. Wem diese Tatsache wahrhaft in sein sittliches Bewußtsein eingegangen war, der machte sich um die Geschichte verdient.

Die wichtigste Tatsache der heutigen Zeit ist, daß die verschiedenen Menschenrassen in nahe Berührung miteinander gekommen sind. Und wieder haben wir zwischen zwei Wegen die Wahl: die Frage ist, ob die verschiedenen Völkergruppen fortfahren sollen einander zu bekämpfen, oder ob sie versuchen sollen, eine Grundlage für Versöhnung und gegenseitige Hilfe zu finden; ob ewiger Wettstreit oder Zusammenarbeiten die Losung sein soll.

Ich bin gewiß, daß die, die mit der sittlichen Kraft der Liebe und dem Ideal einer geistigen Einheit unter den Völkern begnadet sind, die am wenigsten von Feindseligkeit den fremden Nationen gegenüber wissen und Verständnis und Mitgefühl genug haben, um sich in die Lage der andern zu versetzen, ich glaube, daß diese die Geeignetsten sein werden, ihren Platz in dem kommenden Zeitalter zu behaupten, während die, die beständig ihren angeborenen Trieb zu Kampf und Unduldsamkeit pflegen, untergehen werden. Denn dies ist das Problem, das jetzt vor uns liegt, und wir müssen unser höheres Menschentum dadurch beweisen, daß wir es auf sittlichem Wege lösen. Die riesigen Organisationen, die dazu dienen, andere anzugreifen und ihre Angriffe abzuwehren, Geld zu erringen, indem man andere beiseite stößt, diese werden uns nicht helfen. Im Gegenteil, durch ihr zermalmendes Gewicht, ihre ungeheuren Kosten und ihre ertötende Wirkung auf das lebendige Menschentum werden sie unsere Kraft in dem großzügigeren Leben einer höheren Kultur ernstlich gefährden.

Als die Nation noch in der Entwicklung begriffen war, da war die sittliche Kultur der Brüderlichkeit in geographische Grenzen eingeschlossen, weil damals jene Grenzen auch wirkliche Grenzen waren. Jetzt sind sie zu traditionellen Linien geworden, die nur in der Einbildung bestehen und den Charakter wirklicher Schranken verloren haben. So ist die Zeit gekommen, wo die sittliche Natur des Menschen in allem Ernst mit dieser wichtigen Tatsache rechnen oder sich verloren geben muß. Die erste Folge von diesem Wechsel der Umstände war, daß die niederen Leidenschaften des Menschen, Gier und wilder Haß, jäh emporschäumten. Wenn dies unbegrenzt weitergeht, wenn die Kriegsrüstungen immer weiter bis ins Phantastische und Sinnlose gesteigert werden, wenn Maschinen und Lagerhäuser mit ihrem Rauch und Schmutz und mit all ihrer Scheußlichkeit diese schöne Erde einhüllen, so wird sie in einem Weltbrand ein selbstmörderisches Ende nehmen. Daher muß der Mensch die ganze Kraft seiner Liebe und seines schauenden Geistes anstrengen, um eine neue sittliche Ordnung aufzurichten, die die ganze Menschheit umfaßt und nicht nur einzelne Nationen, die immer nur einen Bruchteil ausmachen. Der Ruf ergeht heute an jeden einzelnen, sich und seine Umgebung vorzubereiten für die Morgendämmerung einer neuen Weltperiode, wo der Mensch in der geistigen Einheit aller menschlichen Wesen seine Seele entdecken wird.

Wenn es überhaupt dem Westen beschieden ist, aus diesem Gestrüpp der tieferen Abhänge sich zu dem geistigen Gipfel der Menschheit emporzuarbeiten, so ist es, glaube ich, die besondere Mission Amerikas, diese Hoffnung Gottes und der Menschheit zu erfüllen. Ihr seid das Land der Erwartung, das über das Gegebene hinausstrebt. Europa hat seine geistigen Gewohnheiten und Konventionen. Aber Amerika hat sich bis jetzt noch nirgends festgelegt. Mir ist klar geworden, wie frei Amerika von allen Traditionen der Vergangenheit ist, und ich weiß die Neigung zum Experimentieren als ein Zeichen seiner Jugend zu schätzen. Amerikas Ruhm und Größe gründet sich mehr auf die Zukunft als auf die Vergangenheit, und wer die Gabe des Hellsehens hat, wird das Amerika der Zukunft lieben müssen.

Amerika hat die Aufgabe, dem Osten gegenüber die westliche Kultur zu rechtfertigen. Europa hat den Glauben an die Menschheit verloren und ist mißtrauisch und kränklich geworden. Amerika dagegen ist weder pessimistisch noch blasiert. Ihr wißt als Volk, daß, wenn man das Gute hat, man das Bessere und Beste suchen kann, und daß man um so mehr zu wissen strebt, je mehr man weiß. Traditionen aber und Gewohnheiten bewirken das Gegenteil. Und es gibt Gewohnheiten, die nicht nur durch träges Beharren hemmen, sondern anmaßend und aggressiv sind. Sie sind nicht bloße Mauern, sondern stachlige Distelhecken. Europa hat jahrelang diese Hecken von Gewohnheiten großgezogen, bis sie es dicht und stark und hoch eingeschlossen haben. Der Stolz auf seine Traditionen hat tief in seinem Herzen Wurzel geschlagen. Ich will nicht behaupten, daß dieser Stolz unberechtigt ist. Aber jede Art von Stolz macht schließlich blind. Wie bei allen künstlichen Reizmitteln ist seine erste Wirkung eine Erhöhung des Lebensgefühls, aber bei vermehrter Dosis wird das Bewußtsein getrübt und ein Rausch erzeugt, der es irreführt. Europas Herz hat sich allmählich verhärtet in dem Stolz auf seine Traditionen. Es kann nicht nur nicht vergessen, daß es der kultivierte Westen ist, sondern ergreift auch jede Gelegenheit, andern die Tatsache ins Gesicht zu schleudern, um sie zu demütigen. Dadurch macht es sich unfähig, sowohl dem Osten sein Bestes zu geben als auch im rechten Geiste die Weisheit aufzunehmen, die der Osten seit Jahrhunderten aufgespeichert hat.

In Amerika haben nationale Gewohnheiten und Traditionen noch nicht Zeit gehabt, ihre klammernden Wurzeln um euer Herz zu schlagen. Ihr habt beständig die Nachteile auf eurer Seite empfunden und beklagt, wenn ihr eure nomadische Ruhelosigkeit mit den festen Traditionen Europas vergleicht, jenes Europas, das das Bild seiner Größe so wirkungsvoll vom Hintergrund seiner Vergangenheit sich abheben lassen kann. Aber in dieser gegenwärtigen Übergangszeit, wo ein neues Zeitalter der Kultur seinen Trompetenruf erschallen läßt an alle Völker der Welt in eine unbegrenzte Zukunft hinein, da wird gerade diese Ungebundenheit euch befähigen, seinem Ruf zu folgen und das Ziel zu erreichen, das Europa erstrebte, aber zu dem es auf halbem Wege steckenblieb. Denn es ließ sich durch den Stolz auf seine Macht und durch die Gier nach Besitz von seiner Bahn ablenken.

Nicht nur die Freiheit der einzelnen von festen Denkgewohnheiten, sondern auch die Freiheit eurer Geschichte von allen Verwicklungen, die sie hätten beflecken können, macht euch fähig, die Bannerträger der künftigen Kultur zu sein. Alle großen Nationen Europas haben irgendwo in der Welt ihre Opfer. Dies ertötet nicht nur ihre seelische, sondern auch ihre intellektuelle Sympathie, die zum Verständnis fremder Rassen so nötig ist. Die Engländer können Indien nie wahrhaft verstehen, weil ihr Geist in bezug auf dies Land nicht frei von eigennützigem Interesse ist. Wenn man England mit Deutschland oder Frankreich vergleicht, so findet man, daß es die kleinste Anzahl von Gelehrten aufzuweisen hat, die indische Literatur und Philosophie mit einem gewissen Grad von Verständnis und Gründlichkeit studiert haben. Diese Haltung von Gleichgültigkeit und Verachtung ist natürlich, wo das Verhältnis unnormal und auf nationalen Stolz und Egoismus gegründet ist. Aber eure Geschichte ist selbstlos gewesen, und daher habt ihr Japan helfen können, als es nach westlicher Kultur verlangte; daher kann auch China in seiner gegenwärtigen so schwer wie noch nie bedrohten Lage auf euch seine beste Hoffnung setzen. Ja, ihr tragt die ganze Verantwortung für eine große Zukunft, weil ihr nicht in den Klauen einer engherzigen Vergangenheit zurückgehalten werdet. Daher muß von allen Völkern der Erde Amerika am festesten diese Zukunft ins Auge fassen; es darf seinen Blick nicht trüben lassen, und sein Glaube an die Menschheit muß jugendlich stark bleiben.

Eine Ähnlichkeit besteht zwischen Amerika und Indien: beide müssen verschiedene Rassen zu einer Einheit verschmelzen.

In meinem Lande haben wir versucht, etwas zu finden, was allen Rassen gemeinsam ist und worauf sich ihre wirkliche Einheit gründen läßt. Eine Nation, die diese Einheit auf eine rein politische oder wirtschaftliche Basis zu gründen sucht, wird finden, daß diese Basis nicht genügt. Denkende und einflußreiche Männer werden entdecken, worin diese geistige Einheit besteht, sie werden sich ihr Bild im Geiste ausmalen und es ihrem Volk verkünden.

Indien hat nie den wirklichen Sinn für Nationalismus gehabt. Obgleich man mich von klein auf gelehrt hat, daß der Götzendienst der Nation fast noch besser ist als die Ehrfurcht vor Gott und der Menschheit, so bin ich, glaube ich, doch dieser Lehre entwachsen, und ich bin überzeugt, daß meine Landsleute ihr Indien in Wahrheit dadurch gewinnen werden, daß sie gegen eine Lehre kämpfen, die ihnen sagt, ein Land stände höher als die Ideale der Menschheit.

Der gebildete Inder versucht heutzutage Lehren aus der Geschichte zu entnehmen, die den Lehren unserer Vorfahren widersprechen. Ja, der Osten versucht, sich eine Geschichte anzueignen, die gar nicht das Ergebnis seines eigenen Lebens ist. Japan zum Beispiel glaubt, dadurch mächtig zu werden, daß es europäische Methoden übernimmt, aber nachdem es sein eigenes Erbe vergeudet hat, wird es nur die geborgten Waffen der äußeren Kultur in der Hand behalten. Denn es hat sich nicht aus sich heraus entwickelt.

Europa hat seine Vergangenheit. Europas Stärke liegt daher in seiner Geschichte. Wir in Indien müssen uns klarmachen, daß wir nicht die Geschichte eines andern Volkes übernehmen können und daß wir Selbstmord begehen, wenn wir unsere eigene ersticken. Wer seinem Leben künstlich etwas Fremdes aufsetzt, der erdrückt es.

Und daher glaube ich, daß es nicht gut für Indien ist, wenn es sich mit der westlichen Kultur auf ihrem Felde zu messen sucht. Wenn wir dagegen der uns vom Schicksal gewiesenen Bahn treu bleiben, so werden uns alle Schmähungen, mit denen man uns überhäufen mag, reichlich vergütet werden.