Part 3
Diese systematische Entmenschlichung ist auf dem Gebiete des Handels und der Politik vor sich gegangen. Und aus den langen Geburtswehen der mechanischen Energie ist dieses vollentwickelte Ungeheuer von erstaunlicher Kraft und überraschendem Appetit hervorgegangen, das der Westen auf den Namen Nation getauft hat. Wie ich schon sagte, ist sie, weil sie eine Abstraktion ist, mit der größten Leichtigkeit dem Vollmenschen als sittlichem Wesen weit vorausgeeilt. Und da sie das Gewissen eines seelenlosen Gespenstes und die fühllose Vollkommenheit eines Automaten hat, führt sie zu Katastrophen, die die vulkanischen Ausbrüche des jungen Mondes durch ihre zerstörende Wildheit beschämen. Die Folge ist, daß das Mißtrauen von Mensch zu Mensch beständig wie Nesseln diese Kultur an allen Gliedern reizt. Jedes Land wirft sein Spionagenetz in die trüben Wasser des andern und fischt nach dessen Geheimnissen, die in den schlammigen Tiefen der Diplomatie ausgebrütet werden. Und was ist ihr geheimes Wirken anders als das lichtscheue Gewerbe der Nation: Raub, Mord, Verrat und all die scheußlichen Verbrechen, die in den tiefsten Abgründen der Verderbtheit gezeugt werden? Da jede Nation ihre eigene Geschichte von Raub und Lüge und Treulosigkeit hat, so kann im Verkehr zwischen ihnen nur Mißtrauen und Eifersucht gedeihen, und internationale sittliche Scham wird in einem Grade blutarm, daß sie ganz jämmerlich anzusehen ist. Die Nation hat auf ihrem Dudelsack frommer Entrüstung so oft die Melodie gewechselt, je nachdem der Wechsel der Zeiten und der diplomatischen Bündnisse es forderten, daß man es als amüsante Varietévorstellung im politischen Tingeltangel genießen kann.
Ich komme eben von einer Reise nach Japan zurück, wo ich diese junge Nation ermahnte, an ihren höheren Idealen der Menschlichkeit festzuhalten und nie vom Westen die organisierte Selbstsucht des Nationalismus als Religion zu übernehmen, sich nie an der Schwäche seiner Nachbarn zu weiden, nie gewissenlos den Schwachen gegenüber zu handeln, an denen man ungestraft und mit billigem Ruhm Gemeinheiten begehen kann, während man seine rechte, von Menschlichkeit strahlende Wange zum Kuß der Bewunderung denen reicht, die die Macht dazu haben, ihr einen Streich zu versetzen. Einige Zeitungen lobten meine Rede wegen ihrer poetischen Eigenschaften, während sie mit bezeichnendem Seitenblick hinzufügten, daß es die Poesie eines unterworfenen Volkes sei. Ich fühlte, daß sie recht hatten. Japan hat in einer modernen Schule gelernt, wie man mächtig wird. Es hat seine Lehrzeit beendet und will nun die Früchte seiner Ausbildung genießen. Der Westen hatte mit der Stimme seiner donnernden Kanonen vor den Toren Japans gerufen: Es werde eine Nation! Und siehe da, es ward eine Nation. Und nun, da sie da ist, warum habt ihr nicht im innersten Herzen ein reines Gefühl der Freude und sagt, daß sie gut ist? Wie kommt es, daß ich in einer englischen Zeitung eine Äußerung der Bitterkeit las, als Japan sich seiner Überlegenheit in der Kultur rühmte -- etwas, was die Engländer sowie die andern Nationen jahrhundertelang ohne zu erröten getan haben? Weil der Idealismus der Selbstsucht sich beständig mit einer Dosis von Eigenlob berauschen muß. Aber dieselben Laster, die ihnen bei sich selbst so natürlich und harmlos erscheinen, fallen ihnen unangenehm auf und empören sie, sobald sie sie an andern Nationen gewahren. Wenn ihr daher die japanische Nation, nach eurem eigenen Bilde geschaffen, auf dem Fahrwasser nationaler Prahlerei vom Stapel laufen seht, so schüttelt ihr den Kopf und sagt: »Es ist nicht gut.« Ist Japan nicht auch eine Ursache, daß man hier bei euch die Losung ausgegeben hat, sich angesichts des neuen drohenden Übels mit noch größerer Schadenskraft zu rüsten? Japan versichert, daß es sein _bushido_[1] hat, daß es Amerika gegenüber, dem es Dank schuldet, nie treulos handeln kann. Aber es wird euch schwer, ihm zu glauben, denn die Weisheit der Nation besteht nicht im Glauben an die Menschheit, sondern im absoluten Mißtrauen. Ihr sagt euch, daß ihr es nicht mit dem Japan des _bushido_, mit dem Japan der sittlichen Ideale zu tun habt, sondern mit der Abstraktion der Selbstsucht des Volkes, mit der Nation; und eine Nation kann nur der andern trauen, soweit ihre Interessen zusammengehen, oder wenigstens sich nicht entgegenstehen. Euer Instinkt sagt euch, daß das Eintreten eines neuen Volkes in die Arena der Nationalität das Übel vergrößert, das alledem widerspricht, was das Höchste im Menschen ist, und das durch seinen Erfolg beweist, daß Gewissenlosigkeit der Weg zum Gedeihen ist -- und Gutsein gut für die Schwachen, und Gott der einzig bleibende Trost der Unterworfenen.
[1] bushido, gewöhnlich mit »Ritterlichkeit« übersetzt, das ungeschriebene Gesetzbuch des japanischen Rittertums (der Samurai), überhaupt der Inbegriff der moralischen Grundsätze des japanischen Volkes.
Ja, dies ist die Logik der Nation. Und sie wird nie auf die Stimme von Recht und Wahrheit hören. Sie wird diesen Reigen sittlicher Verderbtheit fortsetzen und Stahl an Stahl, Maschine an Maschine fügen und all die holden Blumen des frommen Glaubens und der lebendigen Ideale des Menschen niedertreten.
Aber wir lassen uns zu dem Glauben verleiten, daß in unserer Zeit mehr Menschlichkeit herrsche als jemals früher. Der Grund dieser Selbsttäuschung ist, daß unsere Lebensbedürfnisse reichlicher befriedigt und unsere physischen Leiden wirksamer gelindert werden als früher. Doch dies geschieht in der Hauptsache nicht durch sittliche Opferfreudigkeit, sondern durch intellektuelle Kraft. An Umfang ist dieses Gute groß, aber es kommt nicht aus der Tiefe und geht nicht in die Tiefe. Kenntnisse und Leistungsfähigkeit sind mächtig gemessen an ihrer Wirkung nach außen, aber sie sind die Diener des Menschen, nicht der Mensch selbst. Ihr Dienst ist wie die Bedienung in einem Hotel, wo alles tadellos eingerichtet ist, aber der Wirt fehlt; es ist mehr bequem als gastlich.
Daher dürfen wir nicht vergessen, daß die systematischen Organisationen, die sich nach allen Seiten weithin ausbreiten, zwar unsere Macht stärken, aber nicht unsere Menschlichkeit. Mit der zunehmenden Macht der Nation wächst ihre Selbstanbetung und erhält das Übergewicht. Der einzelne läßt die Nation bereitwillig auf seinem Rücken reiten, und so geschieht das Naturwidrige, das so großes Unglück im Gefolge hat, daß der Mensch mit allen Opfern einen Gott verehrt, der sittlich viel tiefer steht als er selbst. Dies hätte nie geschehen können, wenn der Gott so wirklich wäre, wie der Mensch selbst.
Laßt mich hierzu eine treffende Erläuterung geben. In einigen Teilen Indiens wird es der Witwe als besonderer Akt der Frömmigkeit auferlegt, sich alle vierzehn Tage einen ganzen Tag lang des Essens und Trinkens gänzlich zu enthalten. Dies führt oft zu sinnloser und unmenschlicher Grausamkeit. Und doch sind die Menschen von Natur nicht in dem Maße grausam. Aber da diese Frömmigkeit nichts als ein toter Begriff ist, so tötet sie das sittliche Gefühl des Menschen vollständig, ebenso wie ein Mensch, der sonst kein Tier unnötig quälen würde, doch einer großen Menge unschuldiger Geschöpfe furchtbare Leiden verursacht, wenn er sein Gefühl mit der Idee »Sport« betäubt hat. Weil diese Ideen Erzeugnisse des Intellekts, logische Klassifikationen sind, können sie den persönlichen Menschen so leicht in ihren Nebel einhüllen.
Und die Idee der Nation ist eins der wirksamsten Betäubungsmittel, die der Mensch erfunden hat. Unter dem Einfluß seiner Dünste kann ein ganzes Volk sein systematisches Programm krassester Selbstsucht ausführen, ohne sich im geringsten seiner sittlichen Verderbtheit bewußt zu werden -- ja, es wird gefährlich gereizt, wenn man es darauf hinweist.
Aber kann dies in alle Ewigkeit so fortgehen, daß das sittliche Gefühl des Menschen immer mehr abstumpft? Wird es sich nicht irgendeinmal rächen? Wird diese riesige Organisationsmaschine in dieser Welt nicht eines Tages auf eine Schranke stoßen, die ihre rasende Fahrt aufhält und sie zertrümmert? Glaubt ihr denn wirklich, daß man das Böse auf die Dauer dadurch in Schach halten kann, daß man es zu überbieten sucht, und daß kluge Beratung den Teufel in dem Käfig der »gegenseitigen Vereinbarungen« festhalten kann, in dem man ihn provisorisch untergebracht hat?
Dieser Krieg der europäischen Nationen ist ein Vergeltungskrieg. Der Mensch als solcher muß sich mit allen Kräften dagegen wehren, daß tote Dinge an Stelle des Herzens treten und Systeme und Staatskunst an Stelle lebendiger Beziehung von Mensch zu Mensch. Die Zeit ist gekommen, wo um der ganzen schmählich mißhandelten Menschheit willen Europa am eigenen Leibe die furchtbare Sinnwidrigkeit dessen, was man Nation nennt, in ihrem ganzen Umfange spüren muß.
Die Nation ist lange auf Kosten der verstümmelten Menschlichkeit gediehen. Die Menschen, die vollkommensten Geschöpfe Gottes, gingen aus dieser nationalen Fabrik zu großen Scharen als Krieg und Geld machende Drahtpuppen hervor, lächerlich eitel auf die erbärmliche Vollkommenheit ihres Mechanismus. Die menschliche Gesellschaft wurde immer mehr zu einem Marionettentheater von Politikern, Soldaten, Fabrikanten und Bureaukraten, die durch großartig funktionierende Drahteinrichtungen hin- und herbewegt werden.
Aber die ganze Brut der Selbstsucht: Haß und Gier, Furcht und Heuchelei, Argwohn und Tyrannei, ist auf die Dauer nicht lebensfähig. Diese Ungeheuer wachsen zu einer Riesengröße an, aber das Ebenmaß fehlt ihnen. Und der Leib dieser Nation, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Stahl und Dampf und Amtsgebäuden besteht, kann zu einer immer phantastischeren Ungeheuerlichkeit anschwellen, bis endlich die Mißgestalt ihren ganzen Umfang nicht mehr zusammenhalten kann -- sie wird anfangen zu krachen und zu bersten, keuchend giftige Dämpfe und Feuer auszuspeien, und wir hören im Donner der Kanonen ihr Todesröcheln. In diesem Kriege hat der Todeskampf der Nation angefangen. Ihr ganzer Mechanismus ist plötzlich toll geworden und hat einen Furientanz begonnen, indem er seine eigenen Glieder zerschmettert und in den Staub wirft. Es ist der fünfte Akt der Tragödie des falschen Scheins.
Die irgendwelchen Glauben an die Menschheit haben, können nur sehnlichst hoffen, daß die Tyrannei der Nation nicht ihre frühere Gestalt unversehrt zurückerhält: ihre Zähne und Klauen, ihre weitreichenden Eisenarme und ihre ungeheure innere Hohlheit, wo alles Magen ist und kein Herz; sie müssen hoffen, daß der Mensch aus dem Nebelmeer von Abstraktionen, das ihn einhüllte, zur Freiheit der Persönlichkeit neu geboren wird.
Dieser furchtbare Krieg hat den Schleier gehoben, und der Westen steht Antlitz in Antlitz seiner Schöpfung gegenüber, der er seine Seele geopfert hat. Jetzt muß er wissen, was das für eine Schöpfung ist.
Er hat nie geahnt, wie in seiner sittlichen Natur ein Prozeß von langsamem und unmerklichem Absterben und Verwesen vor sich ging, der sich bald in skeptizistischen Lehren kund gab, bald und noch öfter und anscheinend harmloser, aber darum gefährlicher, in der Ahnungslosigkeit von all der Verstümmelung und Schmach, die er einem großen Teil der Menschheit zugefügt hat. Jetzt muß er die Wahrheit durch eigene Erfahrung lernen.
Und dann werden unter seinen eigenen Kindern solche aufstehen, die sich aus der Knechtschaft der gegenwärtigen Illusion befreien, aus dieser Verderbtheit einer Verbrüderung, die auf Selbstsucht gegründet ist. Sie werden erkennen, daß sie Gottes Kinder sind und nicht Sklaven einer Maschinerie, die Seelen in Ware verwandelt und das Leben in Fächer einteilt, die mit ihren eisernen Klauen der Welt das Herz ausreißt und nicht weiß, was sie getan hat.
Und wir Nationslosen, deren Haupt bis in den Staub gebeugt ist, wir wollen uns sagen, daß dieser Staub heiliger ist als die Ziegelsteine, aus denen die Macht ihr stolzes Schloß aufrichtet. Denn dieser Staub ist fruchtbar an Leben und Schönheit und Erhabenheit. Wir wollen Gott danken, daß es unser Los war, in Schweigen die Nacht der Trübsal und Verzweiflung hindurch zu wachen, den Hohn der Stolzen und die Last des Gewaltigen zu tragen, daß wir in all dem Leiden, obgleich unser Herz von Zweifeln und Furcht bebte, dem blinden Glauben an das Heil durch die Maschine widerstanden und festhielten an unserem Vertrauen auf Gott und die menschliche Seele. Und wir hegen doch noch die Hoffnung, daß, wenn die Macht beschämt von ihrem Thron herabsteigt und der Liebe Platz macht, wenn der Morgen kommt, wo die blutigen Spuren, die die Nation zurückließ, als sie durch die Menschheit hinschritt, hinweggewaschen werden, man uns ruft, auf daß wir unser heiliges Gefäß mit Weihwasser bringen, um die menschliche Geschichte wieder zu reinigen und den zertretenen Staub der Jahrhunderte wieder mit Fruchtbarkeit zu segnen.
NATIONALISMUS IN JAPAN
Die schlimmste Form der Knechtschaft ist es, wenn wir der Verzagtheit anheimfallen, denn sie raubt uns den Glauben an uns selbst und damit jede Hoffnung auf Befreiung. Man hat uns wiederholt und mit einem gewissen Recht gesagt, daß Asien in der Vergangenheit lebt -- es ist wie ein reiches Mausoleum, das alle seine Pracht entfaltet, um die Toten unsterblich zu machen. Man hat von Asien gesagt, daß es niemals den Pfad des Fortschritts beschreiten könne, weil es nicht anders könne als den Blick nach rückwärts richten. Wir nahmen diesen Vorwurf hin und hielten ihn schließlich für berechtigt. Ich weiß, daß in Indien eine große Anzahl unserer Gebildeten die Demütigung, die in diesem Vorwurf liegt, nicht ertragen kann und nun ihre ganze Fähigkeit zum Selbstbetrug aufbietet, um ihn in ein Lob zu verwandeln und damit zu prahlen. Aber Prahlerei ist nur Schamgefühl unter falscher Maske, sie glaubt nicht wirklich an sich.
Als die Dinge so standen und wir Bewohner Asiens uns in den Glauben hinein hypnotisierten, daß es immer so bleiben müsse und auf keine Weise anders werden könne, erwachte plötzlich Japan aus seinem Schlummer, holte mit Riesenschritten die müßig verträumten Jahrhunderte nach und stand bald mit seinen Leistungen in der vordersten Reihe seiner modernen Zeitgenossen. Dies hat den Zauber gebrochen, in dem wir jahrhundertelang gebannt lagen, als wir glaubten, unser Los sei nun einmal das Los bestimmter Völker unter bestimmten Himmelsstrichen. Wir hatten vergessen, daß in Asien einst große Königreiche gegründet wurden, daß Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Literatur bei uns blühten und alle großen Religionen hier ihre Wiege hatten. Man kann daher nicht sagen, daß in dem Boden und Klima Asiens irgend etwas ist, was geistige Untätigkeit erzeugt oder im Menschen den Trieb zum Fortschritt verkümmern läßt. Jahrhundertelang haben wir in Asien die Fackel der Kultur hochgehalten, als der Westen noch im Dunkel schlummerte und dies kann doch nicht das Zeichen von geistiger Schwerfälligkeit und engem Horizont sein.
Dann kam eine Zeit, wo das Dunkel der Nacht sich auf alle Länder des Ostens legte. Der Strom der Zeit schien plötzlich stillzustehen, und Asien hörte auf, neue Nahrung zu sich zu nehmen; es fing an, sich von seiner Vergangenheit, das heißt in Wahrheit, von sich selbst zu nähren. Es lag in Totenstille da, und die Stimme, die einst ewige Wahrheiten mit lautem Ruf verkündet und viele Menschenalter hindurch das Menschenleben rein gehalten hatte, wie der Ozean von Luft die Erde umspült und reinigt, -- diese Stimme war verstummt.
Aber das Leben braucht auch seinen Schlaf, seine Perioden der Untätigkeit, wo seine Bewegungen aufhören, wo es keine neue Nahrung zu sich nimmt und von den Vorräten seiner Vergangenheit lebt. Dann wird es hilflos, seine Muskeln erschlaffen, und es ist leicht, es wegen seiner Stumpfheit zu verhöhnen. Im Rhythmus des Lebens sind diese Pausen nötig, damit das Leben sich erneuern kann. Ein tatenvolles Leben verausgabt sich beständig, verbrennt all sein Öl. Diese Verschwendung kann nicht unbegrenzt weitergehen, sondern immer muß ihr eine Zeit der Passivität folgen, wo keine Kräfte mehr verbraucht und keine Abenteuer mehr unternommen werden dürfen, wo Ruhe erste Pflicht ist, damit die Lebenskraft allmählich wieder wachsen kann.
Unser Geist neigt von Natur zur Sparsamkeit, er liebt es, Gewohnheiten anzunehmen und sich auf ausgefahrenen Gleisen zu bewegen, die ihm die Mühe sparen, bei jedem Schritt nachzudenken. Fertig übernommene Ideale machen den Geist träge. Er fürchtet, seinen Besitz zu verlieren, im Ringen nach neuem Erwerb. Er versucht, ihn sich zu sichern, indem er ihn in einer Festung von Gewohnheiten verschließt. Aber dies heißt in Wahrheit, sich den vollen Genuß seines Besitzes unmöglich machen. Es ist Geiz. Die lebendigen Ideale dürfen nicht die Berührung mit dem wachsenden, wechselnden Leben verlieren. Nicht innerhalb sie sorglich hütender Schranken sind sie wahrhaft frei, sondern draußen auf der Landstraße des Lebens mit all ihren Abenteuern und Möglichkeiten neuer Erfahrungen.
Eines Morgens blickte die ganze Welt in Staunen auf: Japan hatte in der Nacht die Mauern seiner alten Gewohnheiten durchbrochen und trat triumphierend daraus hervor. Es war in einer so unglaublich kurzen Zeit geschehen, wie das Wechseln eines Gewandes, nicht wie das langsame Errichten eines neuen Baues. Das neue Japan zeigte zugleich das zuversichtliche Kraftbewußtsein des reifen Alters und die Frische und unendliche Möglichkeitsfülle neu erwachten Lebens. Man fürchtete damals, daß es sich nur um eine plötzliche Laune der Geschichte handelte, um ein kindisches Spiel der Zeit, eine Seifenblase, zwar vollkommen in ihrer Rundung und Farbenschönheit, doch innen hohl und ohne Gehalt. Aber Japan hat endgültig gezeigt, daß die plötzliche Offenbarung seiner Macht nicht ein kurzlebiges Wunder war, eine zufällige und vorübergehende Erscheinung im Zeitenstrom, aus der dunklen Tiefe heraufgeschleudert, um im nächsten Augenblick mit den Fluten hinweggerissen zu werden ins Meer der Vergessenheit.
Denn Japan ist alt und modern zugleich. Es hat sein Erbe alter östlicher Kultur, jener Kultur, die dem Menschen zur Pflicht macht, wahren Reichtum und wahre Kraft in sich selbst, in seiner Seele zu suchen, jener Kultur, die ihm inneren Halt gibt gegenüber Verlust und Gefahr, die ihn opferwillig macht, ohne daß er an das denkt, was es ihn kostet, oder auf Lohn hofft, die ihn lehrt, dem Tod zu trotzen und sich den unzähligen Verpflichtungen zu unterwerfen, die er als Glied der Gesellschaft seinen Mitmenschen gegenüber hat. Es besitzt das Erbe jener Kultur, die uns in allen endlichen Dingen die Vision des Unendlichen gegeben hat, durch die wir erkannt haben, daß das Weltall von Leben und Seele durchtränkt ist, daß es nicht eine ungeheure Maschine ist, die einst vom Teufel Zufall zum Vorschein gebracht oder von einem teleologischen Gott geschaffen wurde, der in einem fernen Himmel lebt. Mit einem Wort, das moderne Japan ist aus dem uralten Osten entsprossen wie die Lotusblume, die sich leicht und anmutig in der Luft wiegt und doch fest und tief in dem Boden wurzelt, dem sie entsprungen.
Und Japan, dies Kind des alten Ostens, hat doch keck nach allen Gaben des modernen Zeitalters gegriffen. Es hat seinen kühnen Geist gezeigt, indem es die Schranken der Gewohnheit durchbrach, welche Trägheit nach und nach aufgerichtet hatte; seine eigene Tüchtigkeit und Wachsamkeit sollten hinfort seine Sicherheit und sein Schutz sein. So ist es in Berührung gekommen mit dem Leben der Zeit und hat mit bewundernswertem Eifer und erstaunlicher Begabung die Verpflichtungen der modernen Zivilisation auf sich genommen.
Dies ist es, was dem übrigen Osten Mut gemacht hat. Wir haben erkannt, daß Leben und Kraft in uns ist, es gilt nur, die trockene Rinde abzuwerfen und nackt hineinzutauchen in den verjüngenden Strom der Zeit. Wir haben erkannt, daß seine Zuflucht zu toten Dingen nehmen Tod bedeutet, und daß nur der lebt, der das ganze volle Wagnis des Lebens auf sich nimmt.
Ich meinesteils kann nicht glauben, daß Japan das geworden ist, was es ist, dadurch, daß es dem Westen nachahmte. Wir können Leben nicht nachahmen, Kraft nicht lange heucheln, ja, bloßes Nachahmen tötet die Kraft, die da ist. Denn es fesselt unsere wahre Natur und hemmt uns überall. Es ist, als ob wir über unsere Knochen die Haut eines andern Menschen zögen und so zwischen beiden einen ewigen Kampf schüfen.
Die Wahrheit ist, daß die Wissenschaft nicht zur Natur des Menschen gehört; sie ist nur etwas Erlerntes und durch Schulung Erworbenes. Wenn ihr die Gesetze der äußeren Natur kennt, so ändert das noch nichts an eurer menschlichen Natur. Wissen könnt ihr von andern borgen, aber nicht Gaben des Gemüts.
Aber in der ersten Zeit unserer Ausbildung, wo wir noch nichts weiter tun als nachmachen, können wir noch nicht zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem, zwischen Übertragbarem und Nichtübertragbarem unterscheiden. Es ist wie mit dem Glauben des primitiven Geistes an die Zauberkraft zufälliger äußerer Formen, in denen sich ihm eine Wahrheit kundgibt. Wir fürchten, etwas Wertvolles und Wirksames zurückzulassen, wenn wir nicht die Schale mit dem Kern verschlucken. Aber während unsere Gier immer das Ganze sich aneignen will, verleiben unsere Leben schaffenden Organe die nährenden Stoffe dem Körper ein, und dies ist die rechte Art, wie ein lebendiger Organismus von den Dingen Besitz nimmt. Wo Leben ist, da behauptet es sich sicher dadurch, daß es das auswählt, was es zu seiner Erhaltung braucht, und das Schädliche zurückweist. Der lebendige Organismus wächst nicht in seine Nahrung hinein, sondern seine Nahrung wächst in ihn hinein. Und nur so kann er stark werden, nicht indem er sie nur in sich anhäuft oder indem er sich selbst aufgibt.
Japan hat seine Nahrung vom Westen eingeführt, aber nicht seine Lebensorgane. Japan kann nicht ganz in der wissenschaftlichen Ausstaffierung, die es vom Westen bekommen hat, untertauchen und zu einer bloßen übernommenen Maschine werden. Es hat seine eigene Seele, die sich vor allen andern Bedürfnissen geltend machen muß. Daß sie dies kann und daß Japan es versteht, die neuen Errungenschaften sich in rechter Weise zu eigen zu machen, das beweisen reichlich die Zeichen kräftiger Gesundheit, die wir an ihm wahrnehmen. Und ich hoffe aufrichtig, daß Japan über dem Stolz auf seine modernen Errungenschaften nie den Glauben an seine Seele verlieren wird, denn schon jener Stolz ist eine Demütigung und führt am Ende zu Armut und Schwäche. Es ist der Stolz des Gecken, der größeren Wert auf seine Kopfbedeckung legt als auf den Kopf selbst.
Die ganze Welt wartet, um zu sehen, was dieses große Volk des Ostens nun anfangen wird mit den Möglichkeiten und Verpflichtungen, die es aus den Händen der modernen Zeit empfangen hat. Ist es nur eine Nachbildung des Westens, so werden die großen Erwartungen, die es erweckt hat, unerfüllt bleiben. Denn es sind ernste Fragen, die die westliche Zivilisation aufgeworfen und noch nicht ganz gelöst hat. Der Konflikt zwischen Staat und Individuum, Arbeit und Kapital, Mann und Frau; der Konflikt zwischen materieller Gewinnsucht und Bedürfnis nach geistigem Leben, zwischen der organisierten Selbstsucht der Völker und den höheren Idealen der Menschlichkeit, und all die schlimmen Konflikte, die sich ergeben aus dem Gegensatz zwischen den riesigen Organisationen des Handels und des Staates und den natürlichen Instinkten des Menschen, die nach Einfachheit, Schönheit und Muße rufen -- dies alles soll in Harmonie gebracht werden auf einem Wege, den noch niemand ahnt.