Part 2
Wir in Indien leiden unter dem Konflikt zwischen dem ~Geist~ des Westens und der ~Nation~ des Westens. Die Wohltaten der westlichen Kultur werden uns von der Nation mit dem knappsten Maße zugeteilt. Sie versucht, unsere Ernährung dem Nullpunkt der Lebensfähigkeit so nah wie möglich zu halten. Was unserm Volk an Erziehung gewährt wird, ist so kärglich und armselig, daß es das Anstandsgefühl eines europäischen Menschen empören müßte. Wir haben gesehen, wie in den westlichen Ländern das Volk auf jede Weise ermutigt wird, sich zu bilden, und wie ihm jede Gelegenheit gegeben wird, sich tüchtig zu machen für den großen Wettkampf auf dem Weltmarkt, während in Indien das einzige, was die Nation für uns tut, ist, daß sie uns verhöhnt, weil wir zurückgeblieben sind. Während sie uns alle Möglichkeiten verschließt und unsere Erziehung auf das Minimum beschränkt, das eine fremde Regierung für ihre Durchführung braucht, beruhigt diese Nation ihr Gewissen damit, daß sie uns herabzusetzen sucht, indem sie geschäftig die zynische Weisheit verbreitet, daß Osten Osten und Westen Westen bleibt und die beiden nie eins werden können. Wenn wir glauben müssen, was unser westlicher Lehrer uns höhnend vorwirft, daß nach fast zwei Jahrhunderten seiner Vormundschaft Indien nicht nur unfähig geblieben ist, sich selbst zu regieren, sondern auch auf geistigem Gebiete keine Originalität hat aufweisen können -- müssen wir dies der Art der westlichen Kultur und unserer angeborenen Unfähigkeit, sie aufzunehmen, zuschreiben, oder dem berechnenden Geiz der Nation, die die Aufgabe der Europäer, den Osten zu zivilisieren, auf sich genommen hat? Daß das japanische Volk Gaben hat, die uns fehlen, geben wir gern zu, aber daß unser Geist von Natur unschöpferisch ist im Vergleich zu ihrem, dies können wir selbst denen nicht zugeben, denen zu widersprechen für uns gefährlich ist.
In Wahrheit ist nämlich der westliche Nationalismus nicht auf soziales Zusammenwirken gegründet, sondern von Anfang an und bis in seinen innersten Kern vom Geist des Kampfes und der Eroberungssucht beherrscht. Er hat die Organisation der Macht bis zur Vollkommenheit entwickelt, aber keinen geistigen Idealismus. Er hat den Geist des Raubtiers, das seine Beute haben muß. Um keinen Preis will er dulden, daß seine Jagdgründe in Kulturland umgeschaffen werden. Ja, im Grunde kämpfen diese Nationen miteinander nur um größere Ausdehnung ihres Jagdgebietes. Daher stellt sich die westliche Nation wie ein Damm auf, um den freien Strom der westlichen Kultur in das nationslose Land aufzuhalten. Weil diese Kultur eine Kultur der Macht ist, sucht sie sich abzuschließen und will ihre Quellen nicht öffnen, die sie sich zur Ausbeutung erwählt hat.
Aber trotz alledem ist doch das sittliche Gesetz das Gesetz der menschlichen Natur, und der sich abschließenden Kultur, die sich von denen nährt, denen sie ihre Wohltaten versagt, wird ihre sittliche Halbheit zum Verderben. Die Sklaverei, die sie züchtet, trocknet allmählich die Brunnen ihrer Freiheitsliebe aus. Die Hilflosigkeit, zu der sie ihre Opfer verdammt, hängt sich mit ihrer ganzen Schwere an sie, und es wird ein Tag kommen, wo all die Länder der Welt, die die Nation am Eigenleben und an der Selbsterhaltung hindert, die furchtbarste aller Lasten für sie werden und sie in den Abgrund ziehen. Wenn die Macht so weit geht, daß sie, um ungehindert ihren Weg fortzusetzen, alle Hindernisse beiseite schiebt, dann endet ihre triumphierende Siegesfahrt mit jähem Sturz. Ihr sittlicher Hemmschuh gibt mit jedem Tage, ohne daß sie es merkt, immer mehr nach, und der Pfad, auf dem sie so leicht dahinglitt, wird ihr zum Verhängnis.
Von allen Gaben der europäischen Kultur sind es nur Gesetz und Ordnung, die uns die westliche Nation mit freigebigem Maß zugeteilt hat. Während die kleine Saugflasche, in der sie uns Erziehung verabfolgt, fast leer ist und die Gesundheitspflege am Hungertuch nagt, sind Einrichtungen wie die Heeresorganisation, das Verwaltungs- und Polizeiwesen, die Geheimpolizei, das geheime Spionagesystem zu abnormer Körperfülle gediehen und machen sich in jedem Winkel unseres Landes breit. Sie sind nötig, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber ist nicht diese Ordnung ein rein negatives Gut? Sollte Ordnung nicht dazu da sein, dem Volke mehr Möglichkeiten zu schaffen, sich ungehindert zu entwickeln? Hat sie nicht die Aufgabe der Eierschale, deren Wert darin besteht, daß sie dem Küchlein und seiner Nahrung Schutz gibt, nicht darin, daß sie dem Menschen in bequemer Form eine Frühstücksspeise bietet? Bloße Verwaltung ist unfruchtbar, ist nicht schöpferisch, da sie etwas Lebloses ist. Sie ist eine Dampfwalze, die furchtbar an Gewicht und Kraft ist, auch ihren Nutzen hat, aber nichts dazu tun kann, den Boden fruchtbar zu machen. Wenn sie, nachdem sie ihr ungeheures Werk getan hat, uns die Gabe des Friedens bietet, so können wir nur leise murmeln: »Friede ist gut, aber Leben ist besser, und das ist die Gabe, die Gott uns verliehen hat.«
Andererseits fehlte es unsern früheren Regierungen an vielen Vorteilen der heutigen Regierung. Aber weil sie nicht Regierungen der Nation waren, war ihr Gewebe so lose gewoben und ließ Raum genug, daß unser eigenes Leben seine Fäden hindurchschießen und seine Muster heimlich hineinweben konnte. Sicher hatten wir in jener Zeit Dinge zu ertragen, die uns äußerst unangenehm waren. Aber wir wissen, daß, wenn wir barfuß auf Kieswegen gehen, unsere Füße sich allmählich den Launen der ungastlichen Erde anbequemen, während der kleinste Kiesel uns plagt und nicht zur Ruhe kommen läßt, sobald er in unsern Schuh dringt. Und die Regierung durch die Nation ist solch ein Schuh -- er schließt knapp an, er regelt unsere Schritte nach einem festen System und läßt unsern Füßen so gut wie keine Freiheit, sich darin einzurichten. Wenn ihr daher eure Statistiken aufweist, die die Anzahl von Kieseln, an die unsere Füße früher stießen, mit der geringen Zahl unter dem gegenwärtigen System vergleichen, so treffen diese kaum das Wesentliche. Es handelt sich nicht um die Zahl der äußeren Hindernisse, sondern um die Ohnmacht des einzelnen, sie aus dem Wege zu räumen. Diese Beschränkung der Freiheit ist ein Übel, das nicht sowohl durch seinen Umfang als durch seine Art unerträglich wird. Und wir können nicht umhin, den Widerspruch zu sehen, daß, während der ~Geist~ des Westens unter dem Banner der Freiheit dahinschreitet, die ~Nation~ des Westens ihre eisernen Ketten der Organisation schmiedet, die härtesten und unzerbrechlichsten, die je in der Menschheitsgeschichte geschmiedet wurden.
Als Indien noch nicht unter der Herrschaft der Organisation stand, waren die Möglichkeiten, daß die Zustände sich verändern könnten, groß genug, um kraftvollen und mutigen Männern das Gefühl zu geben, daß sie ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen konnten. Die Hoffnung auf das Unerwartete war immer da, und ein freieres Spiel der Einbildungskraft, sowohl auf Seiten der Regierenden als der Regierten, beeinflußte den Werdegang der Geschichte. Wir standen nicht vor einer Zukunft, die wie eine kalte weiße Mauer von Granitblöcken der Auswirkung und Ausbreitung unserer Kräfte sich entgegenstellte, wobei das Hoffnungslose darin liegt, daß diese Kräfte infolge des künstlichen Lähmungsverfahrens an der Wurzel absterben. Denn jeder einzelne Mensch in dem nationslosen Lande ist vollständig in der Gewalt einer ganzen Nation, deren nie ermüdender Wachsamkeit -- da es die Wachsamkeit einer Maschine ist -- die Möglichkeit menschlicher Nachsicht und Unterscheidung fehlt. Bei dem geringsten Druck auf ihren Knopf wird das Ungeheuer ganz Auge, und kein einziger in der unendlichen Menge der von ihr Beherrschten kann ihrem scheußlich starrenden Aufpasserblick ausweichen. Und sobald nur ein klein wenig an der Schraube gedreht wird, fühlt die ganze große Bevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, wie ihr Griff sie fester umklammert und ihnen den Atem raubt, und kein Entweichen ist möglich, weder im eigenen Lande noch selbst in irgendein fremdes Land.
Dieser beständige ungeheure mechanische Druck des Leblosen auf das Lebendige ist es, worunter die heutige Welt stöhnt. Nicht nur die unterworfenen Rassen, sondern ihr selbst, die ihr glaubt frei zu sein, opfert täglich eure Freiheit und Menschheit dem Götzen Nationalismus und lebt in der dumpfen, vergifteten Atmosphäre von Mißtrauen, Gier und Angst, die sich über die ganze Welt erstreckt.
Ich habe in Japan gesehen, wie das ganze Volk sich freiwillig geistig zurechtstutzen und seine Freiheit beschneiden läßt von einer Regierung, die durch allerlei erziehliche Maßnahmen ihre Gedanken regelt, ihre Gefühle künstlich erzeugt, argwöhnisch aufpaßt, wenn sie Miene machen, sich geistigen Dingen zuzuwenden, und sie auf engem Pfade nicht zu ihrem wahren Ziele führt, sondern dahin, wo sie sie nach ihrem Rezept zu einer gleichförmigen Masse zusammenschweißen kann. Und das Volk fügt sich freudig und stolz in diese allgemeine geistige Sklaverei, weil es den krankhaften Wunsch hat, auch so eine Kraftmaschine, die man Nation nennt, zu werden und es andern Maschinen an Kollektiveigennutz gleichzutun.
Wenn man so einen neu bekehrten Fanatiker des Nationalismus nach der Weisheit seines Strebens fragt, so antwortet er: »Solange Nationen in dieser Welt so um sich greifen, haben wir nicht mehr das Recht, unser höheres Menschentum frei zu entwickeln. Wir brauchen alle unsere Kräfte, um dem Übel zu widerstehen, und das tun wir am besten, wenn wir es uns selbst im höchsten Grade zu eigen machen. Denn die einzige Verbrüderung, die in der modernen Welt möglich ist, ist die Spießgesellenschaft des Banditentums.« Die Stiftung des Bruderbundes zwischen Japan und Rußland, die jüngst mit so viel Jubel in Japan gefeiert wurde, hatte ihren Grund nicht in dem plötzlichen Wiederaufleben des christlichen oder buddhistischen Geistes, sondern sie gründete sich auf etwas, was nach den modernen Glaubenssätzen sicherer und zuverlässiger ist, auf gegenseitige Bedrohung.
Man muß zugeben, daß dies das wahre Bild der Welt der Nation ist, und die einzige Lehre, die die Völker der Erde daraus ziehen können, ist, daß sie alle physischen, geistigen und sittlichen Kräfte anstrengen sollten, einander in dem großen Ringkampf um die Macht zu Boden zu werfen. In den alten Zeiten richtete Sparta sein ganzes Augenmerk darauf, wie es mächtig werden könnte; es gelang ihm dadurch, daß es seine Menschheit verstümmelte, und es starb an der Amputation.
Aber es ist für uns kein Trost, zu wissen, daß das Verkümmern der menschlichen Natur, unter dem die heutige Zeit leidet, sich nicht auf die unterworfenen Völker beschränkt, daß das Übel bei den Völkern, die sich frei glauben, noch schlimmer ist, weil es nicht als solches erkannt und ihm freiwillig Raum gegeben wird. Wenn ihr eure höheren Lebensgüter um Gewinn und Macht verschachert, so ist es eure freie Wahl, und meinetwegen steht da und freut euch über euer wachsendes Gedeihen, während eure Seele Schiffbruch leidet. Aber werdet ihr nie Rechenschaft ablegen müssen dafür, daß ihr die selbstsüchtigen Triebe in ganzen Völkern auf den höchsten Grad entwickelt und organisiert und dies gut nennt? Ich frage euch, gibt es in der ganzen Menschheitsgeschichte, selbst in ihren dunkelsten Perioden, etwas so Ungeheuerliches wie diese Untat der Nation, die ihre Pranken tief in das nackte Fleisch der Welt schlägt, und deren einzige Sorge ist, daß sie nur keinen Augenblick den Griff lockert?
Ihr Völker des Westens, die ihr dieses Ungeheuer ausgebrütet habt, könnt ihr euch die trostlose Verzweiflung derer vorstellen, die diesem abstrakten Gespenst des organisierenden Menschen zum Opfer gefallen sind? Könnt ihr euch an die Stelle der Völker versetzen, die zum ewigen Verlust ihrer Menschheit verdammt scheinen, die nicht nur beständig in ihrer Menschheit gekränkt werden, sondern Loblieder anstimmen müssen auf die Güte eines mechanischen Apparats, der die Rolle ihrer Vorsehung spielt?
Habt ihr nicht gesehen, daß, seit es eine Nation gibt, die ganze Welt vor ihr wie vor einer Spukgestalt zittert? Wo es nur eine dunkle Ecke gibt, da hat man Angst vor ihrer heimlichen Bosheit, und wo sie ihre Augen nicht zu fürchten brauchen, da haben die Menschen beständig Angst vor ihrem Rücken. Jedes Geräusch eines Trittes, jeder Laut in der Nachbarschaft läßt alle vor Schrecken zusammenfahren. Und diese Angst ruft alles Böse in der Menschennatur wach. Sie bewirkt es, daß er sich seiner Unmenschlichkeit fast nicht mehr schämt. Auf kluge Lügen tut er sich etwas zugute. Feierliche Gelübde werden ihm gerade durch ihre Feierlichkeit zur lächerlichen Farce. Die Nation mit all ihrer Ausstaffierung von Macht und Erfolg, mit ihren Fahnen und frommen Hymnen, ihren gotteslästerlichen Gebeten in den Kirchen und den prahlerischen Donnerworten ihrer patriotischen Großsprecherei, kann doch die Tatsache nicht verbergen, daß die Nation selbst das größte Übel für die Nation ist, daß alle ihre Vorsichtsmaßregeln gegen sie gerichtet sind und daß die Geburt jeder neuen Nation in der Welt in ihr die Furcht vor einer neuen Gefahr erweckt. Ihr einziger Wunsch ist, sich die Schwäche der übrigen Welt zunutze zu machen, wie einige Insektenarten, die den Opfern, in deren wehrlosem Fleisch sie ihre Brut großziehen, nur gerade so viel Leben lassen, daß sie genießbar und nahrhaft sind. Daher ist sie immer bereit, ihre giftige Flüssigkeit in die Lebensorgane der andern Völker zu flößen, die nicht Nationen und daher wehrlos sind. Aus diesem Grunde hat die Nation von jeher ihre reichste Weide in Asien gehabt. Das große China, mit seinem Reichtum an alter Weisheit und sozialer Ethik, mit seiner Erziehung zu Fleiß und Selbstbeherrschung, ist wie ein Walfisch, der die Beutegier im Herzen der Nation erweckt. Schon sitzen in seinem bebenden Fleisch die Harpunen, die die nie ihr Ziel verfehlende Nation, die Tochter der modernen Wissenschaft und des Egoismus, nach ihm schleuderte. Sein kläglicher Versuch, seine alten Traditionen von Menschlichkeit und seine sozialen Ideale abzuschütteln und den letzten Rest seiner erschöpften Kräfte darauf zu verwenden, sich für die moderne Welt tüchtig zu machen, wird bei jedem Schritt von der Nation vereitelt. Diese zieht die Schlinge seiner finanziellen Verpflichtungen immer fester um seinen Leib und versucht, ihn aufs Trockene zu ziehen und in Stücke zu zerlegen, um dann hinzugehen und öffentlich Dankgottesdienst zu halten, weil Gott verhindert hat, daß neben dem einen großen Übel ein zweites aufkomme und es gefährde. Und für alles dies erhebt die Nation Anspruch auf den Dank der Geschichte und auf das Recht, die Welt in alle Ewigkeit auszubeuten, und läßt von einem Ende der Welt bis zum andern Loblieder auf sich singen als auf das Salz der Erde, die Zierde der Menschheit, den Segen Gottes, den er mit aller Gewalt den Nationslosen auf die nackten Schädel schleudert.
Ich weiß, welchen Rat ihr uns gebt. Ihr werdet sagen: Schließt euch selbst zu einer Nation zusammen und widersetzt euch den Übergriffen der »Nation«. Aber ist das der rechte Rat? Der Rat, den der Mensch dem Menschen gibt? Warum sollte dies notwendig sein? Ich würde euch gern glauben, wenn ihr sagtet: »Werdet besser, gerechter, wahrer in eurem Verhältnis zu den Menschen, zügelt eure Gier, macht euer Leben gesund durch größere Einfachheit und zeigt mehr, daß ihr an das Göttliche im Menschen glaubt.« Aber dürft ihr sagen, daß nicht die Seele, sondern die Maschine das Wertvollste für uns ist und daß das Heil des Menschen davon abhängt, daß er es in der Kunst, sich dem Rhythmus des toten Räderwerks anzupassen, zur Vollkommenheit bringt? Daß Maschine gegen Maschine, Nation gegen Nation kämpfen muß in einem endlosen Stiergefecht?
Ihr sagt, daß diese Maschinen ein Übereinkommen treffen werden zu gegenseitigem Schutz, das sich auf ihre Furcht voreinander gründet. Aber wo bleibt bei diesem Bündnis von Dampfkesseln die Seele, die Seele, die ihr Gewissen und ihren Gott hat? Und was soll aus dem großen Teil der Welt werden, den anzugreifen keine Furcht euch zurückhalten kann? Die einzige Sicherheit, die jene nationslosen Länder jetzt haben gegen die Zügellosigkeit von Schmiede, Hammer und Schraubenzieher, ergibt sich aus der gegenseitigen Eifersucht der Mächte. Aber wenn sie aus zahlreichen Einzelmaschinen sich zu einer organisierten Herdeneinheit verbinden, um gemeinsam auf den Gebieten des Handels und der Politik ihre Gier noch besser stillen zu können, welche leiseste Hoffnung, sich zu retten, bleibt dann jenen andern, die gelebt und gelitten, geliebt und angebetet, in tiefem Sinnen und friedlicher Arbeit ihre Tage verbracht haben, und deren einziges Verbrechen es war, daß sie sich nicht organisierten?
»Aber«, sagt ihr, »das macht nichts, was nicht widerstandsfähig ist, muß zugrunde gehen, das ist Naturgesetz. Dann müssen sie eben sterben.«
»Nein,« sage ich, »um eurer selbst willen sollen sie leben und werden sie leben.« Es ist sehr kühn von mir, dies in unserer Zeit zu sagen, aber ich behaupte, daß die Welt des Menschen eine sittliche Welt ist, nicht weil wir übereingekommen sind, es blindlings zu glauben, sondern weil es wirklich so ist und weil es gefährlich für uns ist, diese Wahrheit nicht zu sehen. Und das sittliche Gesetz im Menschen kann nicht auf verschiedenen Gebieten verschiedene Geltung haben. Ihr könnt nicht daheim strenge Strafen auf seine Übertretung setzen und es draußen für euch so dehnen, daß es sich euren ungezügelten Begierden anpaßt.
Habt ihr diese Wahrheit nicht schon jetzt erkannt, wo dieser grausame Krieg seine Klauen in die Eingeweide Europas geschlagen hat? Wo seine angehäuften Schätze in Rauch aufgehen und seine Menschheit auf den Schlachtfeldern in Stücke zerrissen wird? Ihr fragt erstaunt: Was hat Europa getan, daß es dies verdient hätte? Die Antwort ist, daß der Westen systematisch seine sittliche Natur versteinert hat, um eine solide Grundlage zu haben, auf der diese abstrakten Ungetüme die größte Wirksamkeit entfalten können. Er hat die ganze Zeit den persönlichen Menschen darben lassen, damit der Berufsmensch gedeihe.
Der einfache und natürliche Mensch des mittelalterlichen Europas mit all seinen heftigen Leidenschaften und Begierden versuchte, eine Versöhnung zu finden in dem Kampf zwischen Fleisch und Geist. In der ganzen stürmischen Zeit seiner kraftvollen Jugend haben die weltlichen und geistlichen Mächte gleichzeitig auf den europäischen Menschen eingewirkt und ihn zu einer vollen sittlichen Persönlichkeit gebildet. Europa verdankt alle seine menschliche Größe jener Zeit der Zucht, der Zucht des noch unverkümmerten Menschen.
Dann kam das Zeitalter des Intellekts, der Wissenschaft. Wir wissen alle, daß der Intellekt etwas Unpersönliches ist. Unser Leben und unser Herz sind eins mit uns, aber unser Geist kann vom persönlichen Menschen losgelöst werden, und nur dann kann er frei schweifen in der Welt der Gedanken. Unser Intellekt ist wie ein Asket, der keine Kleider trägt, keine Nahrung zu sich nimmt, keinen Schlaf kennt, keine Wünsche hat, nicht Liebe noch Haß noch Mitleid mit menschlichen Unzulänglichkeiten fühlt, der, unberührt durch alle Wechselfälle des Lebens, nur seinen Gedanken nachhängt. Er gräbt bis an die Wurzeln der Dinge, weil er kein persönliches Gefühl für die Dinge selbst hat. Der Grammatiker geht durch alle Poesie ungehindert zu den Wurzeln der Wörter, denn er sucht nicht lebendige Wirklichkeit, sondern Gesetz. Wenn er das Gesetz gefunden hat, kann er die Leute lehren die Worte zu meistern. Dies ist eine Kraft, eine Kraft, die ihren besondern Nutzen hat und einem besondern Bedürfnis des Menschen entspricht.
Die lebendige Wirklichkeit aber ist die Harmonie, die die einzelnen Teile eines Dinges zu einem Ganzen verbindet. Löst ihr dies Band, so fliegen alle Teile auseinander, bekämpfen einander und haben den Sinn ihres Daseins verloren. Die nach Macht begierig sind, suchen sich die sich bekämpfenden Urelemente zu unterwerfen und sie gewaltsam durch enge Kanäle so zu leiten, daß sie den besonderen Bedürfnissen der Menschheit dienstbar werden.
Es ist etwas Großes um diese Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse. Sie gibt ihm Freiheit innerhalb der physischen Welt. Sie gibt ihm Herrschaft über Raum und Zeit. Er kann in kürzerer Zeit etwas ausrichten und mit mehr Vorteil einen großem Raum einnehmen. Daher kann er leicht die überholen, die in einer Welt von langsamerem Tempo und weniger ausgenutztem Raum leben.
Dies Anwachsen der Macht geschieht in immer schnellerem Tempo. Und weil sie etwas vom Menschen Losgelöstes ist, wird sie bald die ganze Menschheit überholen. Der sittliche Mensch bleibt hinter ihr zurück, weil er seinen Blick auf die Dinge selbst und nicht nur auf das unpersönliche und abstrakte Gesetz der Dinge richtet.
So ist der Mensch, wenn seine geistige und körperliche Kraft sich weit über seine sittliche Kraft hinaus entwickelt, wie eine Giraffenkarikatur, deren Kopf plötzlich meilenweit über ihren übrigen Körper hinaus emporgeschossen und kaum noch in Verbindung mit ihm ist. Dieser gierige Kopf mit seinem gewaltigen Gebiß hat alle Gipfel der Bäume abgefressen, aber die Nahrung gelangt zu spät in die Verdauungsorgane, so daß das Herz an Blutmangel leidet. Aber der Westen selbst scheint in glücklicher Unwissenheit über diese Disharmonie in seiner Natur zu leben. Die erstaunliche Größe seines materiellen Erfolgs nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und er wünscht sich Glück zu seinem Wachstum. Der Optimismus seiner Logik berechnet sein zunehmendes Gedeihen nach der Ausbreitung seines Eisenbahnnetzes und sieht noch unendliche Möglichkeiten. Er ist oberflächlich genug zu denken, daß alle Morgen dem Heute gleichen und ihm nur vierundzwanzig Stunden hinzufügen. Er fürchtet die Kluft nicht, die sich mit jedem Tag weiter öffnet zwischen seinen sich füllenden Vorratshäusern und der hungernden Menschheit. Seine Logik weiß nicht, daß tief unter den endlosen Schichten von Reichtum und Behagen Erdbeben sich vorbereiten, die das Gleichgewicht in der sittlichen Welt wiederherstellen sollen, und daß eines Tages der gähnende Abgrund geistiger Leere den ganzen aufgehäuften Reichtum dieser staubgeborenen Dinge verschlingen wird.
Der Mensch in seiner Ganzheit ist nicht mächtig, sondern vollkommen. Wenn ihr ihn daher zu einer bloßen Kraft machen wollt, so müßt ihr seine Seele soviel wie möglich beschneiden. Wenn wir ganze Menschen sind, so können wir nicht einander an die Kehle fahren; unsere sozialen Instinkte, die Traditionen unserer sittlichen Ideale hindern uns daran. Wenn man mich dazu bringen will, daß ich menschliche Wesen hinschlachte, so muß man die Ganzheit meines Menschentums durch etwas zerstören, das meinen Willen tötet, mein Denken lähmt, meine Bewegungen mechanisiert, und dann wird aus der Auflösung der vollen menschlichen Persönlichkeit jene Abstraktion hervorgehn, jene zerstörende Kraft, die nichts mehr mit wahrer Menschlichkeit zu tun hat, und die daher leicht brutal wird. Nehmt den Menschen heraus aus seiner natürlichen Umgebung, aus seinem reichen Gemeinschaftsleben mit seinen sozialen Pflichten und all seiner Fülle von Liebe und Schönheit, und nichts ist mehr da, was seine Ganzheit zusammenhält, ihr könnt ihn stückweise in das Räderwerk eurer großen Maschine einfügen, die dazu dient, in riesigem Maßstabe Reichtümer zu erzeugen. Macht einen Baum zu einem Holzblock, und er wird euch Feuer geben, aber nicht lebendige Blüten und Früchte.