Nathan der Weise: Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen
Chapter 8
Tempelherr. Auch eben viel; sie soll--sie muß In beiden Fällen, was ihr Schicksal droht, Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke, Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen, Als bis ich sie die Meine nennen dürfe, Fällt weg. Ich eile...
Nathan. Bleibt! wohin?
Tempelherr. Zu ihr! Zu sehn, ob diese Mädchenseele Manns genug Wohl ist, den einzigen Entschluß zu fassen, Der ihrer würdig wäre!
Nathan. Welchen?
Tempelherr. Den: Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht Zu fragen--
Nathan. Und?
Tempelherr. Und mir zu folgen;--wenn Sie drüber eines Muselmannes Frau Auch werden müßte.
Nathan. Bleibt! Ihr trefft sie nicht. Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.
Tempelherr. Seit wenn? warum?
Nathan. Und wollt Ihr da bei ihnen Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit.
Tempelherr. Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?
Nathan. Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!
(Er führt ihn fort.)
Sechster Auftritt
(Szene: in Sittahs Harem.)
Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.
Sittah. Was freu ich mich nicht deiner, süßes Mädchen!-- Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern!-- Sei munter! sei gesprächiger! vertrauter!
Recha. Prinzessin....
Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn Mich Sittah,--deine Freundin,--deine Schwester. Nenn mich dein Mütterchen!--Ich könnte das Ja schier auch sein.--So jung! so klug! so fromm! Was du nicht alles weißt! nicht alles mußt Gelesen haben!
Recha. Ich gelesen?--Sittah, Du spottest deiner kleinen albern Schwester. Ich kann kaum lesen.
Sittah. Kannst kaum, Lügnerin!
Recha. Ein wenig meines Vaters Hand!--Ich meinte, Du sprächst von Büchern.
Sittah. Allerdings! von Büchern.
Recha. Nun, Bücher wird mir wahrlich schwer zu lesen!
Sittah. Im Ernst?
Recha. In ganzem Ernst. Mein Vater liebt Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt, Zu wenig.
Sittah. Ei, was sagst du!--Hat indes Wohl nicht sehr unrecht!--Und so manches, was Du weißt...?
Recha. Weiß ich allein aus seinem Munde Und könnte bei dem meisten dir noch sagen, Wie? wo? warum? er mich's gelehrt.
Sittah. So hängt Sich freilich alles besser an. So lernt Mit eins die ganze Seele.--
Recha. Sicher hat Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!
Sittah. Wieso?--Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil. Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund?
Recha. Sie ist so schlecht und recht; so unverkünstelt; So ganz sich selbst nur ähnlich...
Sittah. Nun?
Recha. Das sollen Die Bücher uns nur selten lassen! sagt Mein Vater.
Sittah. O was ist dein Vater für Ein Mann!
Recha. Nicht wahr?
Sittah. Wie nah er immer doch Zum Ziele trifft!
Recha. Nicht wahr?--Und diesen Vater--
Sittah. Was ist dir, Liebe?
Recha. Diesen Vater--
Sittah. Gott! Du weinst?
Recha. Und diesen Vater--Ah! es muß Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft...
(Wirft sich, von Tränen überwältiget, zu ihren Füßen.)
Sittah. Kind, was Geschieht dir? Recha?
Recha. Diesen Vater soll-- Soll ich verlieren!
Sittah. Du? verlieren? ihn? Wie das?--Sei ruhig!--Nimmermehr!--Steh auf!
Recha. Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin, Zu meiner Schwester nicht erboten haben!
Sittah. Ich bin's ja! bin's!--Steh doch nur auf! Ich muß Sonst Hilfe rufen.
Recha (die sich ermannt und aufsteht). Ah! verzeih! vergib! Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft Will alles über sie allein vermögen. Wes Sache diese bei ihr führt, der siegt!
Sittah. Nun dann?
Recha. Nein; meine Freundin, meine Schwester Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, daß mir Ein andrer Vater aufgedrungen werde!
Sittah. Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir? Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?
Recha. Wer? Meine gute böse Daja kann Das wollen,--will das können.--ja; du kennst Wohl diese gute böse Daja nicht? Nun, Gott vergeb' es ihr!--belohn' es ihr! Sie hat mir so viel Gutes,--so viel Böses Erwiesen!
Sittah. Böses dir?--So muß sie Gutes Doch wahrlich wenig haben.
Recha. Doch! recht viel, Recht viel!
Sittah. Wer ist sie?
Recha. Eine Christin, die In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so Gepflegt!--Du glaubst nicht!--Die mir eine Mutter So wenig missen lassen!--Gott vergelt' Es ihr!--Die aber mich auch so geängstet! Mich so gequält!
Sittah. Und über was? warum? Wie?
Recha. Ach! die arme Frau--ich sag dir's ja Ist eine Christin;--muß aus Liebe quälen; Ist eine von den Schwärmerinnen, die Den allgemeinen, einzig wahren Weg Nach Gott zu wissen wähnen!
Sittah. Nun versteh ich!
Recha. Und sich gedrungen fühlen, einen jeden, Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.-- Kaum können sie auch anders. Denn ist's wahr, Daß dieser Weg allein nur richtig führt: Wie sollen sie gelassen ihre Freunde Auf einem andern wandeln sehn,--der ins Verderben stürzt, ins ewige Verderben? Es müßte möglich sein, denselben Menschen Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen.-- Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen Mich über sie zu führen zwingt. Ihr Seufzen, Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen hätt' Ich gern noch länger ausgehalten; gern! Es brachte mich doch immer auf Gedanken, Die gut und nützlich. Und wem schmeichelt's doch Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer, Von wem's auch sei, gehalten fühlen, daß Er den Gedanken nicht ertragen kann, Er müss' einmal auf ewig uns entbehren!
Sittah. Sehr wahr!
Recha. Allein--allein--das geht zu weit! Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht Geduld, nicht Überlegung; nichts!
Sittah. Was? wem?
Recha. Was sie mir eben itzt entdeckt will haben.
Sittah. Entdeckt? und eben itzt?
Recha. Nur eben itzt! Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem Verfallnen Christentempel. Plötzlich stand Sie still; schien mit sich selbst zu kämpfen; blickte Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald Auf mich. Komm, sprach sie endlich, laß uns hier Durch diesen Tempel in die Richte gehn! Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift Mit Graus die wankenden Ruinen durch. Nun steht sie wieder; und ich sehe mich An den versunknen Stufen eines morschen Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da Mit heißen Tränen, mit gerungnen Händen Zu meinen Füßen stürzte...
Sittah. Gutes Kind!
Recha. Und bei der Göttlichen, die da wohl sonst So manch Gebet erhört, so manches Wunder Verrichtet habe, mich beschwor;--mit Blicken Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner Doch zu erbarmen!--Wenigstens, ihr zu Vergeben, wenn sie mir entdecken müsse, Was ihre Kirch' auf mich für Anspruch habe.
Sittah. (Unglückliche!--Es ahnte mir!)
Recha. Ich sei Aus christlichem Geblüte; sei getauft; Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!-- Gott! Gott! Er nicht mein Vater!--Sittah! Sittah! Sieh mich aufs neu' zu deinen Füßen...
Sittah. Recha! Nicht doch! steh auf!--Mein Bruder kömmt! steh auf!
Siebenter Auftritt
Saladin und die Vorigen.
Saladin. Was gibt's hier, Sittah?
Sittah. Sie ist von sich! Gott!
Saladin. Wer ist's?
Sittah. Du weißt ja...
Saladin. Unsers Nathans Tochter? Was fehlt ihr?
Sittah. Komm doch zu dir, Kind!--Der Sultan...
Recha (die sich auf den Knien zu Saladins Füßen schleppt, den Kopf zur Erde gesenkt). Ich steh nicht auf! nicht eher auf!--mag eher Des Sultans Antlitz nicht erblicken!--eher Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit Und Güte nicht in seinen Augen, nicht Auf seiner Stirn bewundern...
Saladin. Steh... steh auf!
Recha. Eh' er mir nicht verspricht...
Saladin. Komm! ich verspreche... Sei was es will!
Recha. Nicht mehr, nicht weniger, Als meinen Vater mir zu lassen; und Mich ihm!--Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Vater Zu sein verlangt;--verlangen kann. Will's auch Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut Den Vater? nur das Blut?
Saladin (der sie aufhebt). Ich merke wohl!-- Wer war so grausam denn, dir selbst--dir selbst Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist Es denn schon völlig ausgemacht? erwiesen?
Recha. Muß wohl! Denn Daja will von meiner Amm' Es haben.
Saladin. Deiner Amme!
Recha. Die es sterbend Ihr zu vertrauen sich verbunden fühlte.
Saladin. Gar sterbend!--Nicht auch faselnd schon? Und wär's Auch wahr!--Jawohl: das Blut, das Blut allein Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum Den Vater eines Tieres! gibt zum höchsten Das erste Recht, sich diesen Namen zu Erwerben!--Laß dir doch nicht bange sein! Und weißt du was? Sobald der Väter zwei Sich um dich streiten:--laß sie beide; nimm Den dritten!--Nimm dann mich zu deinem Vater!
Sittah. O tu's! o tu's!
Saladin. Ich will ein guter Vater, Recht guter Vater sein!--Doch halt! mir fällt Noch viel was Bessers bei.--Was brauchst du denn Der Väter überhaupt? Wenn sie nun sterben? Beizeiten sich nach einem umgesehn, Der mit uns um die Wette leben will! Kennst du noch keinen?...
Sittah. Mach sie nicht erröten!
Saladin. Das hab ich allerdings mir vorgesetzt. Erröten macht die Häßlichen so schön: Und sollte Schöne nicht noch schöner machen?-- Ich habe deinen Vater Nathan; und Noch einen--einen noch hierher bestellt. Errätst du ihn?--Hierher! Du wirst mir doch Erlauben, Sittah?
Sittah. Bruder!
Saladin. Daß du ja Vor ihm recht sehr errötest, liebes Mädchen!
Recha. Vor wem? erröten?...
Saladin. Kleine Heuchlerin! Nun, so erblasse lieber!--Wie du willst Und kannst!--
(Eine Sklavin tritt herein und nahet sich Sittah.)
Sie sind doch etwa nicht schon da?
Sittah (zur Sklavin). Gut! laß sie nur herein.--Sie sind es, Bruder!
Letzter Auftritt
Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen.
Saladin. Ah, meine guten lieben Freunde!--Dich, Dich, Nathan, muß ich nur vor allen Dingen Bedeuten, daß du nun, sobald du willst, Dein Geld kannst wieder holen lassen!
Nathan. Sultan!
Saladin. Nun steh ich auch zu deinen Diensten.
Nathan. Sultan!
Saladin. Die Karawan' ist da. Ich bin so reich Nun wieder, als ich lange nicht gewesen. Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Großes Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr, Ihr Handelsleute, könnt des baren Geldes Zuviel nie haben!
Nathan. Und warum zuerst Von dieser Kleinigkeit?--Ich sehe dort Ein Aug' in Tränen, das zu trocknen, mir Weit angelegner ist. (Geht auf Recha zu.) Du hast geweint? Was fehlt dir?--bist doch meine Tochter noch?
Recha. Mein Vater!...
Nathan. Wir verstehen uns. Genug!-- Sei heiter! Sei gefaßt! Wenn sonst dein Herz Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst Nur kein Verlust nicht droht!--Dein Vater ist Dir unverloren!
Recha. Keiner, keiner sonst!
Tempelherr. Sonst keiner?--Nun! so hab ich mich betrogen. Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat Man zu besitzen nie geglaubt, und nie Gewünscht.--Recht wohl! recht wohl!--Das ändert, Nathan, Das ändert alles!--Saladin, wir kamen Auf dein Geheiß. Allein, ich hatte dich Verleitet; itzt bemüh dich nur nicht weiter!
Saladin. Wie gach nun wieder, junger Mann!--Soll alles Dir denn entgegenkommen? Alles dich Erraten?
Tempelherr. Nun du hörst ja! siehst ja, Sultan!
Saladin. Ei wahrlich!--Schlimm genug, daß deiner Sache Du nicht gewisser warst!
Tempelherr. So bin ich's nun.
Saladin. Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt, Nimmt sie zurück. Was du gerettet, ist Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst wär' Der Räuber, den sein Geiz ins Feuer jagt, So gut ein Held wie du!
(Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzuführen.)
Komm, liebes Mädchen, Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn wär' Er anders; wär' er minder warm und stolz: Er hätt' es bleibenlassen, dich zu retten. Du mußt ihm eins fürs andre rechnen.--Komm! Beschäm ihn! tu, was ihm zu tun geziemte! Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an! Und wenn er dich verschmäht; dir's je vergißt, Wie ungleich mehr in diesem Schritte du Für ihn getan, als er für dich... Was hat Er denn für dich getan? Ein wenig sich Beräuchern lassen! ist was Rechts!--so hat Er meines Bruders, meines Assad, nichts! So trägt er seine Larve, nicht sein Herz. Komm, Liebe...
Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist Für deine Dankbarkeit noch immer wenig; Noch immer nichts.
Nathan. Halt Saladin! halt Sittah!
Saladin. Auch du?
Nathan. Hier hat noch einer mitzusprechen...
Saladin. Wer leugnet das?--Unstreitig, Nathan, kömmt So einem Pflegevater eine Stimme Mit zu! Die erste, wenn du willst.--Du hörst, Ich weiß der Sache ganze Lage.
Nathan. Nicht so ganz!-- Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer; Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin, Doch auch vorher zu hören bitte.
Saladin.--Wer?
Nathan. Ihr Bruder!
Saladin. Rechas Bruder?
Nathan. Ja!
Recha. Mein Bruder? So hab ich einen Bruder?
Tempelherr (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend). Wo? wo ist Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt' Ihn hier ja treffen.
Nathan. Nur Geduld!
Tempelherr (äußerst bitter). Er hat Ihr einen Vater aufgebunden:--wird Er keinen Bruder für sie finden?
Saladin. Das Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger Verdacht wär' über Assads Lippen nicht Gekommen.--Gut! fahr nur so fort!
Nathan. Verzeih Ihm!--Ich verzeih ihm gern.--Wer weiß, was wir An seiner Stell', in seinem Alter dächten! (Freundschaftlich auf ihn zugehend.) Natürlich, Ritter!--Argwohn folgt auf Mißtraun!-- Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich Gewürdigt hättet...
Tempelherr. Wie?
Nathan. Ihr seid kein Stauffen!
Tempelherr. Wer bin ich denn?
Nathan. Heißt Curd von Stauffen nicht!
Tempelherr. Wie heiß ich denn?
Nathan. Heißt Leu von Filnek.
Tempelherr. Wie?
Nathan. Ihr stutzt?
Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt das?
Nathan. Ich; der mehr, Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes Euch keiner Lüge.
Tempelherr. Nicht?
Nathan. Kann doch wohl sein, Daß jener Nam' Euch ebenfalls gebührt.
Tempelherr. Das sollt' ich meinen!--(Das hieß Gott ihn sprechen!)
Nathan. Denn Eure Mutter--die war eine Stauffin. Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen, Dem Eure Eltern Euch in Deutschland ließen, Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben, Sie wieder hierzulande kamen:--Der Hieß Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt Vielleicht Euch angenommen haben!--Seid Ihr lange schon mit ihm nun auch herüber- Gekommen? Und er lebt doch noch?
Tempelherr. Was soll Ich sagen?--Nathan!--Allerdings! So ist's! Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten Verstärkung unsers Ordens.--Aber, aber-- Was hat mit diesem allen Rechas Bruder Zu schaffen?
Nathan. Euer Vater...
Tempelherr. Wie? auch den Habt Ihr gekannt? Auch den?
Nathan. Er war mein Freund.
Tempelherr. War Euer Freund? Ist's möglich, Nathan!...
Nathan. Nannte Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher...
Tempelherr. Ihr wißt auch das?
Nathan. War einer Deutschen nur Vermählt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland Auf kurze Zeit gefolgt...
Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt Euch!--Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder...
Nathan. Seid Ihr!
Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder?
Recha. Er mein Bruder?
Sittah. Geschwister!
Saladin. Sie Geschwister!
Recha (will auf ihn zu). Ah! mein Bruder!
Tempelherr (tritt zurück). Ihr Bruder!
Recha (hält an, und wendet sich zu Nathan). Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz Weiß nichts davon!--Wir sind Betrüger! Gott!
Saladin (zum Tempelherrn). Betrüger? wie? Das denkst du? kannst du denken? Betrüger selbst! Denn alles ist erlogen An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein! So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!
Tempelherr (sich demütig ihm nahend). Mißdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan! Verkenn in einem Augenblick', in dem Du schwerlich deinen Assad je gesehen, Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.) Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! Mit vollen Händen beides!--Nein! Ihr gebt Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr! (Recha um den Hals fallend.) Ah! meine Schwester! meine Schwester!
Nathan. Blanda Von Filnek.
Tempelherr. Blanda? Blanda?--Recha nicht? Nicht Eure Recha mehr?--Gott! Ihr verstoßt Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder! Verstoßt sie meinetwegen!--Nathan! Nathan! Warum es sie entgelten lassen? sie!
Nathan. Und was?--O meine Kinder! meine Kinder! Denn meiner Tochter Bruder wär' mein Kind Nicht auch,--sobald er will? (Indem er sich ihren Umarmungen überläßt, tritt Saladin mit unruhigem Erstaunen zu seiner Schwester.)
Saladin. Was sagst du, Schwester?
Sittah. Ich bin gerührt...
Saladin. Und ich,--ich schaudere Vor einer größern Rührung fast zurück! Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.
Sittah. Wie?
Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort!
(Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.)
Hör! hör doch, Nathan! Sagtest du vorhin Nicht--?
Nathan. Was?
Saladin. Aus Deutschland sei ihr Vater nicht Gewesen; ein geborner Deutscher nicht. Was war er denn? Wo war er sonst denn her?
Nathan. Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen. Aus seinem Munde weiß ich nichts davon.
Saladin. Und war auch sonst kein Frank? kein Abendländer?
Nathan. Oh! daß er der nicht sei, gestand er wohl. Er sprach am liebsten Persisch...
Saladin. Persisch? Persisch? Was will ich mehr?--Er ist's! Er war es!
Nathan. Wer?
Saladin. Mein Bruder! ganz gewiß! Mein Assad! ganz Gewiß!
Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfällst:-- Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!
(Ihm das Brevier überreichend.)
Saladin (es begierig aufschlagend). Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!
Nathan. Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir Allein, was sie davon erfahren sollen!
Saladin (indes er darin geblättert). Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen? Ich meine Neffen--meine Kinder nicht? Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen? (Wieder laut.) Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's! Sind beide meines... deines Bruders Kinder! (Er rennt in ihre Umarmungen.)
Sittah (ihm folgend). Was hör ich!--Konnt's auch anders, anders sein!--
Saladin (zum Tempelherrn). Nun mußt du doch wohl, Trotzkopf, mußt mich lieben! (Zu Recha.) Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot? Magst wollen, oder nicht!
Sittah. Ich auch! ich auch!
Saladin (zum Tempelherrn zurück). Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!
Tempelherr. Ich deines Bluts!--So waren jene Träume, Womit man meine Kindheit wiegte, doch-- Doch mehr als Träume! (Ihm zu Füßen fallend.)
Saladin (ihn aufhebend). Seht den Bösewicht! Er wußte was davon, und konnte mich Zu seinem Mörder machen wollen! Wart!
(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing.
End of Project Gutenberg's Nathan der Weise, by Gotthold Ephraim Lessing