Nathan der Weise: Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen

Chapter 7

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Klosterbruder. Traut mir, Nathan! Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute, Das ich zu tun vermeine, gar zu nah Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar So ziemlich zuverlässig kennen, aber Bei weiten nicht das Gute.--War ja wohl Natürlich; wenn das Christentöchterchen Recht gut von Euch erzogen werden sollte: Daß Ihr's als Euer eigen Töchterchen Erzögt.--Das hättet Ihr mit aller Lieb' Und Treue nun getan, und müßtet so Belohnet werden? Das will mir nicht ein. Ei freilich, klüger hättet Ihr getan; Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand Als Christin auferziehen lassen: aber So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe, Wär's eines wilden Tieres Lieb' auch nur, In solchen Jahren mehr, als Christentum. Zum Christentume hat's noch immer Zeit. Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm Vor Euern Augen aufgewachsen ist, So blieb's vor Gottes Augen, was es war. Und ist denn nicht das ganze Christentum Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft Geärgert, hat mir Tränen g'nug gekostet, Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten, Daß unser Herr ja selbst ein Jude war.

Nathan. Ihr, guter Bruder, müßt mein Fürsprach sein, Wenn Haß und Gleisnerei sich gegen mich Erheben sollten,--wegen einer Tat-- Ah, wegen einer Tat!--Nur Ihr, Ihr sollt Sie wissen!--Nehmt sie aber mit ins Grab! Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht, Sie jemand andern zu erzählen. Euch Allein erzähl ich sie. Der frommen Einfalt Allein erzähl ich sie. Weil die allein Versteht, was sich der gottergebne Mensch Für Taten abgewinnen kann.

Klosterbruder. Ihr seid Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser?

Nathan. Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. Ihr wißt wohl aber nicht, daß wenig Tage Zuvor, in Gath die Christen alle Juden Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich Befunden, die in meines Bruders Hause, Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt Verbrennen müssen.

Klosterbruder. Allgerechter!

Nathan. Als Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch' Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.-- Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht; Der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworen--

Klosterbruder. Ach! Ich glaub's Euch wohl!

Nathan. Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan! Komm! übe, was du längst begriffen hast, Was sicherlich zu üben schwerer nicht, Als zu begreifen ist, wenn du nur willst. Steh auf!"--Ich stand! und rief zu Gott: ich will! Willst du nur, daß ich will!--Indem stiegt Ihr Vom Pferd, und überreichtet mir das Kind, In Euern Mantel eingehüllt.--Was Ihr Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich Vergessen. Soviel weiß ich nur; ich nahm Das Kind, trug's auf mein Lager, küßt' es, warf Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben Doch nun schon Eines wieder!

Klosterbruder. Nathan! Nathan! Ihr seid ein Christ!--Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein beßrer Christ war nie!

Nathan. Wohl uns! Denn was Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir Zum Juden!--Aber laßt uns länger nicht Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat! Und ob mich siebenfache Liebe schon Bald an dies einz'ge fremde Mädchen band, Ob der Gedanke mich schon tötet, daß Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs neue Verlieren soll:--wenn sie von meinen Händen Die Vorsicht wieder fordert,--ich gehorche!

Klosterbruder. Nun vollends!--Eben das bedacht' ich mich So viel, Euch anzuraten! Und so hat's Euch Euer guter Geist schon angeraten!

Nathan. Nur muß der erste beste mir sie nicht Entreißen wollen!

Klosterbruder. Nein, gewiß nicht!

Nathan. Wer Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich, Muß frühere zum mind'sten haben--

Klosterbruder. Freilich!

Nathan. Die ihm Natur und Blut erteilen.

Klosterbruder. So Mein ich es auch!

Nathan. Drum nennt mir nur geschwind Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm, Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt.-- Ihm will ich sie nicht vorenthalten--Sie, Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde Zu sein erschaffen und erzogen ward.-- Ich hoff, Ihr wißt von diesem Euern Herrn Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.

Klosterbruder. Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich!--Denn Ihr habt ja schon gehört, daß ich nur gar Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.

Nathan. Wißt Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts Die Mutter war?--War sie nicht eine Stauffin?

Klosterbruder. Wohl möglich!--Ja, mich dünkt.

Nathan. Hieß nicht ihr Bruder Conrad von Stauffen?--und war Tempelherr?

Klosterbruder. Wenn mich's nicht trügt. Doch halt! Da fällt mir ein, Daß ich vom sel'gen Herrn ein Büchelchen Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als Wir ihn bei Askalon verscharrten.

Nathan. Nun?

Klosterbruder. Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein Brevier.--Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch Ja wohl noch brauchen.--Ich nun freilich nicht Ich kann nicht lesen--

Nathan. Tut nichts!--Nur zur Sache.

Klosterbruder. In diesem Büchelchen stehn vorn und hinten, Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn Selbsteigner Hand, die Angehörigen Von ihm und ihr geschrieben.

Nathan. O erwünscht! Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind! Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen; Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!

Klosterbruder. Recht gern! Es ist Arabisch aber, was der Herr Hineingeschrieben. (Ab.)

Nathan. Einerlei! Nur her!-- Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten, Und einen solchen Eidam mir damit Erkaufen könnte!--Schwerlich wohl!--Nun, fall' Es aus, wie's will!--Wer mag es aber denn Gewesen sein, der bei dem Patriarchen So etwas angebracht? Das muß ich doch Zu fragen nicht vergessen.--Wenn es gar Von Daja käme?

Achter Auftritt

Daja und Nathan.

Daja (eilig und verlegen). Denkt doch, Nathan!

Nathan. Nun?

Daja. Das arme Kind erschrak wohl recht darüber! Da schickt...

Nathan. Der Patriarch?

Daja. Des Sultans Schwester, Prinzessin Sittah...

Nathan. Nicht der Patriarch?

Daja. Nein, Sittah!--Hört Ihr nicht!--Prinzessin Sittah Schickt her, und läßt sie zu sich holen?

Nathan. Wen? Läßt Recha holen?--Sittah läßt sie holen?-- Nun; wenn sie Sittah holen läßt, und nicht Der Patriarch...

Daja. Wie kommt Ihr denn auf den?

Nathan. So hast du kürzlich nichts von ihm gehört? Gewiß nicht? Auch ihm nichts gesteckt?

Daja. Ich? ihm?

Nathan. Wo sind die Boten?

Daja. Vorn.

Nathan. Ich will sie doch Aus Vorsicht selber sprechen. Komm!--Wenn nur Vom Patriarchen nichts dahintersteckt. (Ab.)

Daja. Und ich--ich fürchte ganz was anders noch. Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter So eines reichen Juden wär' auch wohl Für einen Muselmann nicht übel?--Hui, Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist!-- Getrost! Laß mich den ersten Augenblick, Den ich allein sie habe, dazu brauchen! Und der wird sein--vielleicht nun eben, wenn Ich sie begleite. So ein erster Wink Kann unterwegens wenigstens nicht schaden. Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! (Ihm nach.)

Fünfter Aufzug

Erster Auftritt

(Szene: das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit Geld getragen worden, die noch zu sehen.)

Saladin und bald darauf verschiedne Mamelucken.

Saladin (im Hereintreten). Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiß Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich Ans Schachbrett irgendwo geraten ist, Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht;-- Warum nicht meiner?--Nun, Geduld! Was gibt's?

Ein Mameluck. Erwünschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! ... Die Karawane von Kahira kommt, Ist glücklich da! mit siebenjährigem Tribut des reichen Nils.

Saladin. Brav, Ibrahim! Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote!-- Ha! endlich einmal! endlich!--Habe Dank Der guten Zeitung.

Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!)

Saladin. Was wartst du?--Geh nur wieder.

Der Mameluck. Dem Willkommnen Sonst nichts?

Saladin. Was denn noch sonst?

Der Mameluck. Dem guten Boten Kein Botenbrot?--So wär' ich ja der erste, Den Saladin mit Worten abzulehnen Doch endlich lernte?--Auch ein Ruhm!--der erste, Mit dem er knickerte.

Saladin. So nimm dir nur Dort einen Beutel.

Der Mameluck. Nein, nun nicht! Du kannst Mir sie nun alle schenken wollen.

Saladin. Trotz!-- Komm her! Da hast du zwei.--Im Ernst? er geht? Tut mir's an Edelmut zuvor?--Denn sicher Muß ihm es saurer werden, auszuschlagen, Als mir zu geben.--Ibrahim!--Was kommt Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen?-- Will Saladin als Saladin nicht sterben?-- So mußt' er auch als Saladin nicht leben.

Ein zweiter Mameluck. Nun, Sultan!...

Saladin. Wenn du mir zu melden kommst...

Zweiter Mameluck. Daß aus Ägypten der Transport nun da!

Saladin. Ich weiß schon.

Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spät!

Saladin. Warum Zu spät?--Da nimm für deinen guten Willen Der Beutel einen oder zwei.

Zweiter Mameluck. Macht drei!

Saladin. Ja, wenn du rechnen kannst!--So nimm sie nur.

Zweiter Mameluck. Es wird wohl noch ein Dritter kommen,--wenn Er anders kommen kann.

Saladin. Wie das?

Zweiter Mameluck. Je nu; Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn Sobald wir drei der Ankunft des Transports Versichert waren, sprengte jeder frisch Davon. Der Vorderste, der stürzt'; und so Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker, Die Gassen besser kennt.

Saladin. Oh, der gestürzte! Freund, der gestürzte!--Reit ihm doch entgegen.

Zweiter Mameluck. Das werd ich ja wohl tun!--Und wenn er lebt: So ist die Hälfte dieser Beutel sein. (Geht ab.)

Saladin. Sieh, welch ein guter, edler Kerl auch das!-- Wer kann sich solcher Mamelucken rühmen? Und wär' mir denn zu denken nicht erlaubt, Daß sie mein Beispiel bilden helfen?--Fort Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt Noch an ein anders zu gewöhnen!...

Ein dritter Mameluck. Sultan....

Saladin. Bist du's, der stürzte?

Dritter Mameluck. Nein. Ich melde nur,-- Daß Emir Mansor, der die Karawane Geführt, vom Pferde steigt...

Saladin. Bring ihn! geschwind!-- Da ist er ja!--

Zweiter Auftritt

Emir Mansor und Saladin.

Saladin. Willkommen, Emir! Nun, Wie ist's gegangen?--Mansor, Mansor, hast Uns lange warten lassen!

Mansor. Dieser Brief Berichtet, was dein Abulkassem erst Für Unruh' in Thebais dämpfen müssen: Eh, wir es wagen durften abzugehen. Den Zug darauf hab ich beschleuniget Soviel, wie möglich war.

Saladin. Ich glaube dir! Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich... Du tust es aber doch auch gern?... nimm frische Bedeckung nur sogleich. Du mußt sogleich Noch weiter; mußt der Gelder größern Teil Auf Libanon zum Vater bringen.

Mansor. Gern! Sehr gern!

Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht Gehört? Die Tempelherrn sind wieder rege. Sei wohl auf deiner Hut!--Komm nur! Wo hält Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst Betreiben.--Ihr! ich bin sodann bei Sittah.

Dritter Auftritt

Szene: die Palmen vor Nathans Hause, wo der Tempelherr auf- und niedergeht.

Ins Haus nun will ich einmal nicht.--Er wird Sich endlich doch wohl sehen lassen!--Man Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern!-- Will's noch erleben, daß er sich's verbittet, Vor seinem Hause mich so fleißig finden Zu lassen.--Hm!--ich bin doch aber auch Sehr ärgerlich.--Was hat mich denn nun so Erbittert gegen ihn?--Er sagte ja: Noch schlüg' er mir nichts ab. Und Saladin Hat's über sich genommen, ihn zu stimmen.-- Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?-- Wer kennt sich recht? Wie könnt' ich ihm denn sonst Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den Er sich's zu solcher Angelegenheit Gemacht, den Christen abzujagen?--Freilich; Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf!--Geschöpf? Und wessen?--Doch des Sklaven nicht, der auf Des Lebens öden Strand den Block geflößt, Und sich davongemacht? Des Künstlers doch Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke Die göttliche Gestalt sich dachte, die Er dargestellt?--Ach! Rechas wahrer Vater Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte,--bleibt In Ewigkeit der Jude.--Wenn ich mir Sie lediglich als Christendirne denke, Sie sonder alles das mir denke, was Allein ihr so ein Jude geben konnte:-- Sprich, Herz,--was wär' an ihr, das dir gefiel? Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär' es nichts Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln; Wär', was sie lächeln macht, des Reizes unwert, In den es sich auf ihrem Munde kleidet:-- Nein; selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab es ja Wohl schöner noch an Aberwitz, an Tand, An Höhnerei, an Schmeichler und an Buhler Verschwenden sehn!--Hat's da mich auch bezaubert? Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben In seinem Sonnenscheine zu verflattern?-- Ich wüßte nicht. Und bin auf den doch launisch, Der diesen höhern Wert allein ihr gab? Wie das? warum?--Wenn ich den Spott verdiente, Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm Genug, daß Saladin es glauben konnte! Wie klein ich ihm da scheinen mußte! wie Verächtlich!--Und das alles um ein Mädchen?-- Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte, Was schwerlich zu erweisen stünde?--Sieh, Da tritt er endlich, im Gespräch vertieft, Aus seinem Hause!--Ha! mit wem!--Mit ihm? Mit meinem Klosterbruder?--Ha! so weiß Er sicherlich schon alles! ist wohl gar Dem Patriarchen schon verraten!--Ha! Was hab ich Querkopf nun gestiftet!--Daß Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!-- Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu tun! Ich will hier seitwärts ihrer warten;--ob Vielleicht der Klosterbruder ihn verläßt.

Vierter Auftritt

Nathan und der Klosterbruder.

Nathan (im Näherkommen). Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!

Klosterbruder. Und Ihr desgleichen!

Nathan. Ich? von Euch? wofür? Für meinen Eigensinn, Euch aufzudrängen, Was Ihr nicht braucht?--Ja, wenn ihm Eurer nur Auch nachgegeben hätt'; Ihr mit Gewalt Nicht wolltet reicher sein, als ich.

Klosterbruder. Das Buch Gehört ja ohnedem nicht mir; gehört Ja ohnedem der Tochter; ist ja so Der Tochter ganzes väterliches Erbe. Je nu, sie hat ja Euch.--Gott gebe nur, Daß Ihr es nie bereuen dürft, so viel Für sie getan zu haben!

Nathan. Kann ich das? Das kann ich nie. Seid unbesorgt!

Klosterbruder. Nu, nu! Die Patriarchen und die Tempelherren...

Nathan. Vermögen mir des Bösen nie so viel Zu tun, daß irgend was mich reuen könnte: Geschweige, das!--Und seid Ihr denn so ganz Versichert, daß ein Tempelherr es ist, Der Euern Patriarchen hetzt?

Klosterbruder. Es kann Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hörte, Das klang darnach.

Nathan. Es ist doch aber nur Ein einziger itzt in Jerusalem. Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund. Ein junger, edler, offner Mann!

Klosterbruder. Ganz recht; Der nämliche!--Doch was man ist, und was Man sein muß in der Welt, das paßt ja wohl Nicht immer.

Nathan. Leider nicht.--So tue, wer's Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes! Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen; Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.

Klosterbruder. Viel Glücks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.

Nathan. Und habt sie nicht einmal gesehn?--Kommt ja Doch bald, doch fleißig wieder.--Wenn nur heut Der Patriarch noch nichts erfährt!--Doch was? Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.

Klosterbruder. Ich nicht. Lebt wohl! (Geht ab.)

Nathan. Vergeßt uns ja nicht, Bruder!--Gott! Daß ich nicht hier gleich unter freiem Himmel Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich Der Knoten, der so oft mir bange machte, Nun von sich selber löset!--Gott! wie leicht Mir wird, daß ich nun weiter auf der Welt Nichts zu verbergen habe! daß ich vor Den Menschen nun so frei kann wandeln, als Vor dir, der du allein den Menschen nicht Nach seinen Taten brauchst zu richten, die So selten seine Taten sind, o Gott!--

Fünfter Auftritt

Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukommt.

Tempelherr. He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!

Nathan. Wer ruft?-- Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, daß Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?

Tempelherr. Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's Nicht übel.

Nathan. Ich nicht; aber Saladin...

Tempelherr. Ihr wart nur eben fort...

Nathan. Und spracht ihn doch? Nun, so ist's gut.

Tempelherr. Er will uns aber beide Zusammen sprechen.

Nathan. Desto besser. Kommt Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm.

Tempelherr. Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer Euch da verließ?

Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht?

Tempelherr. War's nicht die gute Haut, der Laienbruder, Des sich der Patriarch so gern zum Stöber Bedient?

Nathan. Kann sein! Beim Patriarchen ist Er allerdings.

Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht übel: Die Einfalt vor der Schurkerei voraus- Zuschicken.

Nathan. Ja, die dumme;--nicht die fromme.

Tempelherr. An fromme glaubt kein Patriarch.

Nathan. Für den Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen Nichts Ungebührliches vollziehen helfen.

Tempelherr. So stellt er wenigstens sich an.--Doch hat Er Euch von mir denn nichts gesagt?

Nathan. Von Euch? Von Euch nun namentlich wohl nichts.--Er weiß Ja wohl auch schwerlich Euern Namen?

Tempelherr. Schwerlich.

Nathan. Von einem Tempelherren freilich hat Er mir gesagt...

Tempelherr. Und was?

Nathan. Womit er Euch Doch ein für allemal nicht meinen kann!

Tempelherr. Wer weiß? Laßt doch nur hören.

Nathan. Daß mich einer Bei seinem Patriarchen angeklagt...

Tempelherr. Euch angeklagt?--Das ist, mit seiner Gunst-- Erlogen.--Hört mich, Nathan!--Ich bin nicht Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen Imstande wäre. Was ich tat, das tat ich! Doch bin ich auch nicht der, der alles, was Er tat, als wohlgetan verteid'gen möchte. Was sollt' ich eines Fehls mich schämen? Hab Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern? Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem Es Menschen bringen können?--Hört mich, Nathan!-- Ich bin des Laienbruders Tempelherr, Der Euch verklagt soll haben, allerdings.-- Ihr wißt ja, was mich wurmisch machte! was Mein Blut in allen Adern sieden machte! Ich Gauch!--ich kam, so ganz mit Leib und Seel' Euch in die Arme mich zu werfen. Wie Ihr mich empfingt--wie kalt--wie lau--denn lau Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen Mir auszubeugen Ihr beflissen wart; Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet: Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn Ich soll gelassen bleiben.--Hört mich, Nathan!-- In dieser Gärung schlich mir Daja nach, Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf Das mir den Aufschluß Euers rätselhaften Betragens zu enthalten schien.

Nathan. Wie das?

Tempelherr. Hört mich nur aus!--Ich bildete mir ein, Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen So abgejagt, an einen Christen wieder Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein, Euch kurz und gut das Messer an die Kehle Zu setzen.

Nathan. Kurz und gut? und gut?--Wo steckt Das Gute?

Tempelherr. Hört mich, Nathan!--Allerdings: Ich tat nicht recht!--Ihr seid wohl gar nicht schuldig.-- Die Närrin Daja weiß nicht was sie spricht-- Ist Euch gehässig--sucht Euch nur damit In einen bösen Handel zu verwickeln-- Kann sein! kann sein!--Ich bin ein junger Laffe, Der immer nur an beiden Enden schwärmt; Bald viel zuviel, bald viel zuwenig tut-- Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.

Nathan. Wenn Ihr so mich freilich fasset--

Tempelherr. Kurz, ich ging Zum Patriarchen!--hab Euch aber nicht Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt! Ich hab ihm bloß den Fall ganz allgemein Erzählt, um seine Meinung zu vernehmen.-- Auch das hätt' unterbleiben können: ja doch!-- Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber Nur gleich zur Rede stellen?--Mußt' ich der Gefahr, so einen Vater zu verlieren, Das arme Mädchen opfern?--Nun, was tut's? Die Schurkerei des Patriarchen, die So ähnlich immer sich erhält, hat mich Des nächsten Weges wieder zu mir selbst Gebracht.--Denn hört mich, Nathan; hört mich aus!-- Gesetzt; er wüßt' auch Euern Namen: was Nun mehr, was mehr?--Er kann Euch ja das Mädchen Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer. Er kann sie doch aus Euerm Hause nur Ins Kloster schleppen.--Also--gebt sie mir! Gebt sie nur mir; und laßt ihn kommen. Ha! Er soll's wohl bleibenlassen, mir mein Weib Zu nehmen.--Gebt sie mir; geschwind!--Sie sei Nun Eure Tochter, oder sei es nicht! Sei Christin, oder Jüdin, oder keines! Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben Darum befragen. Sei, wie's sei!

Nathan. Ihr wähnt Wohl gar, daß mir die Wahrheit zu verbergen Sehr nötig?

Tempelherr. Sei, wie's sei!

Nathan. Ich hab es ja Euch--oder wem es sonst zu wissen ziemt-- Noch nicht geleugnet, daß sie eine Christin, Und nichts als meine Pflegetochter ist.-- Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt?-- Darüber brauch ich nur bei ihr mich zu Entschuldigen.

Tempelherr. Das sollt Ihr auch bei ihr Nicht brauchen.--Gönnt's ihr doch, daß sie Euch nie Mit andern Augen darf betrachten! Spart Ihr die Entdeckung doch!--Noch habt Ihr ja, Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir! Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male Euch retten kann--und will.

Nathan. Ja--konnte! konnte! Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spät.

Tempelherr. Wieso? zu spät?

Nathan. Dank sei dem Patriarchen...

Tempelherr. Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofür? Dank hätte der bei uns verdienen wollen? Wofür? wofür?

Nathan. Daß wir nun wissen, wem Sie unverwandt; nun wissen, wessen Händen Sie sicher ausgeliefert werden kann.

Tempelherr. Das dank' ihm--wer für mehr ihm danken wird!

Nathan. Aus diesen müßt Ihr sie nun auch erhalten; Und nicht aus meinen.

Tempelherr. Arme Recha! Was Dir alles zustößt, arme Recha! Was Ein Glück für andre Waisen wäre, wird Dein Unglück!--Nathan!--Und wo sind sie, diese Verwandte?

Nathan. Wo sie sind?

Tempelherr. Und wer sie sind?

Nathan. Besonders hat ein Bruder sich gefunden, Bei dem Ihr um sie werben müßt.

Tempelherr. Ein Bruder? Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat? Ein Geistlicher?--Laßt hören, was ich mir Versprechen darf.

Nathan. Ich glaube, daß er keines Von beiden--oder beides ist. Ich kenn Ihn noch nicht recht.

Tempelherr. Und sonst?

Nathan. Ein braver Mann Bei dem sich Recha gar nicht übel wird Befinden.

Tempelherr. Doch ein Christ!--Ich weiß zuzeiten Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll:-- Nehmt mir's nicht ungut, Nathan.--Wird sie nicht Die Christin spielen müssen, unter Christen? Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt, Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen, Den Ihr gesät, das Unkraut endlich nicht Ersticken?--Und das kümmert Euch so wenig? Dem ungeachtet könnt Ihr sagen--Ihr? Daß sie bei ihrem Bruder sich nicht übel Befinden werde?

Nathan. Denk ich! hoff ich!--Wenn Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat Sie Euch und mich denn nicht noch immer?--

Tempelherr. Oh! Was wird bei ihm ihr mangeln können! Wird Das Brüderchen mit Essen und mit Kleidung, Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht Ein Schwesterchen denn mehr?--Ei freilich: auch Noch einen Mann!--Nun, nun, auch den, auch den Wird ihr das Brüderchen zu seiner Zeit Schon schaffen; wie er immer nur zu finden! Der Christlichste der Beste!--Nathan, Nathan! Welch einen Engel hattet Ihr gebildet, Den Euch nun andre so verhunzen werden!

Nathan. Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe Noch immer wert genug behaupten.

Tempelherr. Sagt Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht! Denn die läßt nichts sich unterschlagen; nichts. Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen! Doch halt!--Argwohnt sie wohl bereits, was mit Ihr vorgeht?

Nathan. Möglich; ob ich schon nicht wüßte, Woher?