Nathan der Weise: Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen

Chapter 5

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Nathan. Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel Zu lösen da bin? Oder harret ihr, Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne?-- Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen; Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden Doch das nicht können!--Nun; wen lieben zwei Von Euch am meisten?--Macht, sagt an! Ihr schweigt? Die Ringe wirken nur zurück? und nicht Nach außen? Jeder liebt sich selber nur Am meisten?--Oh, so seid ihr alle drei Betrogene Betrüger! Eure Ringe Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring Vermutlich ging verloren. Den Verlust Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater Die drei für einen machen.

Saladin. Herrlich! herrlich!

Nathan. Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt: Geht nur!--Mein Rat ist aber der: ihr nehmt Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: So glaube jeder sicher seinen Ring Den echten.--Möglich; daß der Vater nun Die Tyrannei des einen Rings nicht länger In seinem Hause dulden willen!--Und gewiß; Daß er euch alle drei geliebt, und gleich Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen, Um einen zu begünstigen.--Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in Gott Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern: So lad ich über tausend tausend Jahre Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen Als ich; und sprechen. Geht!--So sagte der Bescheidne Richter.

Saladin. Gott! Gott!

Nathan. Saladin, Wenn du dich fühlest, dieser weisere Versprochne Mann zu sein:...

Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt). Ich Staub? Ich Nichts? O Gott!

Nathan. Was ist dir, Sultan?

Saladin. Nathan, lieber Nathan!-- Die tausend tausend Jahre deines Richters Sind noch nicht um.--Sein Richterstuhl ist nicht Der meine.--Geh!--Geh!--Aber sei mein Freund.

Nathan. Und weiter hätte Saladin mir nichts Zu sagen?

Saladin. Nichts.

Nathan. Nichts?

Saladin. Gar nichts.--Und warum?

Nathan. Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht, Dir eine Bitte vorzutragen.

Saladin. Braucht's Gelegenheit zu einer Bitte?--Rede!

Nathan. Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich Des baren Gelds zuviel.--Die Zeit beginnt Bedenklich wiederum zu werden;--und Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin.-- Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht,--weil doch Ein naher Krieg des Geldes immer mehr Erfordert,--etwas brauchen könntest.

Saladin (ihm steif in die Augen sehend). Nathan!-- Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon Bei dir gewesen;--will nicht untersuchen, Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses Erbieten freierdings zu tun:...

Nathan. Ein Argwohn?

Saladin. Ich bin ihn wert.--Verzeih mir!--Denn was hilft's? Ich muß dir nur gestehen,--daß ich im Begriffe war--

Nathan. Doch nicht, das Nämliche An mich zu suchen?

Saladin. Allerdings.

Nathan. So wär' Uns beiden ja geholfen!--Daß ich aber Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken, Das macht der junge Tempelherr. Du kennst Ihn ja. Ihm hab ich eine große Post Vorher noch zu bezahlen.

Saladin. Tempelherr? Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht Mit deinem Geld auch unterstützen wollen?

Nathan. Ich spreche von dem einen nur, dem du Das Leben spartest...

Saladin. Ah! woran erinnerst Du mich!--Hab ich doch diesen Jüngling ganz Vergessen!--Kennst du ihn?--Wo ist er?

Nathan. Wie? So weißt du nicht, wieviel von deiner Gnade Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er, Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens, Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.

Saladin. Er? Hat er das?--Ha! darnach sah er aus. Das hätte traun mein Bruder auch getan, Dem er so ähnelt!--Ist er denn noch hier? So bring ihn her!--Ich habe meiner Schwester Von diesem ihren Bruder, den sie nicht Gekannt, so viel erzählet, daß ich sie Sein Ebenbild doch auch muß sehen lassen!-- Geh, hol ihn!--Wie aus einer guten Tat, Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft, Doch so viel andre gute Taten fließen! Geh, hol ihn!

Nathan (indem er Saladins Hand fahren läßt). Augenblicks! Und bei dem andern Bleibt es doch auch? (Ab.)

Saladin. Ah! daß ich meine Schwester Nicht horchen lassen!--Zu ihr! zu ihr!--Denn Wie soll ich alles das ihr nun erzählen?

(Ab von der andern Seite.)

Achter Auftritt

Die Szene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der

Tempelherr Nathans wartet.

Tempelherr (geht, mit sich selbst kämpfend, auf und ab; bis er losbricht). --Hier hält das Opfertier ermüdet still.-- Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen, Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern, Was vorgehn wird.--Genug, ich bin umsonst Geflohn! umsonst.--Und weiter konnt' ich doch Auch nichts, als fliehn!--Nun komm', was kommen soll!-- Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell Gefallen; unter den zu kommen, ich So lang und viel mich weigerte.--Sie sehn, Die ich zu sehn so wenig lüstern war, Sie sehn, und der Entschluß, sie wieder aus Den Augen nie zu lassen.--Was Entschluß? Entschluß ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt', Ich litte bloß.--Sie sehn, und das Gefühl An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein, War eins.--Bleibt eins.--Von ihr getrennt Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär' Mein Tod,--und wo wir immer nach dem Tode Noch sind, auch da mein Tod.--Ist das nun Liebe: So--liebt der Tempelritter freilich,--liebt Der Christ das Judenmädchen freilich.--Hm! Was tut's?--Ich hab in dem gelobten Lande,-- Und drum auch mir gelobt auf immerdar!-- Der Vorurteile mehr schon abgelegt.-- Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot, Der mich zu Saladins Gefangnen machte. Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wär' Mein alter?--Ist ein neuer; der von allem Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward, Was jenen band.--Und ist ein beßrer; für Den väterlichen Himmel mehr gemacht. Das spür ich ja. Denn erst mit ihm beginn Ich so zu denken, wie mein Vater hier Gedacht muß haben; wenn man Märchen nicht Von ihm mir vorgelegen.--Märchen?--doch Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie, Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr Zu straucheln laufe, wo er fiel.--Er fiel? Ich will mit Männern lieber fallen, als Mit Kindern stehn.--Sein Beispiel bürget mir Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall Liegt mir denn sonst?--An Nathans?--O an dessen Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir Noch weniger gebrechen.--Welch ein Jude!-- Und der so ganz nur Jude scheinen will! Da kömmt er; kömmt mit Hast; glüht heitre Freude. Wer kam vom Saladin je anders?--He! He, Nathan!

Neunter Auftritt

Nathan und der Tempelherr.

Nathan. Wie? seid Ihr's?

Tempelherr. Ihr habt Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten.

Nathan. So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn Zu viel verweilt.--Ah, wahrlich, Curd; der Mann Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloß sein Schatten. Doch laßt vor allen Dingen Euch geschwind Nur sagen...

Tempelherr. Was?

Nathan. Er will Euch sprechen; will, Daß ungesäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn Erst etwas anders zu verfügen habe: Und dann, so gehn wir!

Tempelherr. Nathan, Euer Haus Betret ich wieder eher nicht...

Nathan. So seid Ihr doch indes schon da gewesen? habt Indes sie doch gesprochen?--Nun?--Sagt: wie Gefällt Euch Recha?

Tempelherr. Über allen Ausdruck! Allein,--sie wiedersehn--das werd ich nie! Nie! nie!--Ihr müßtet mir zur Stelle denn Versprechen:--daß ich sie auf immer, immer-- Soll können sehn.

Nathan. Wie wollt Ihr, daß ich das Versteh?

Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend). Mein Vater!

Nathan.--Junger Mann!

Tempelherr (ihn ebenso plötzlich wieder lassend). Nicht Sohn?-- Ich bitt Euch, Nathan!--

Nathan. Lieber junger Mann!

Tempelherr. Nicht Sohn?--Ich bitt Euch, Nathan!--Ich beschwör Euch bei den ersten Banden der Natur!-- Zieht ihnen spätre Fesseln doch nicht vor!-- Begnügt Euch doch ein Mensch zu sein!--Stoßt mich Nicht von Euch!

Nathan. Lieber, lieber Freund!...

Tempelherr. Und Sohn? Sohn nicht?--Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte? Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen, Auf Euern Wink nur beide warteten?-- Ihr schweigt?

Nathan. Ihr überrascht mich, junger Ritter.

Tempelherr. Ich überrasch Euch?--überrasch Euch, Nathan, Mit Euern eigenen Gedanken?--Ihr Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?-- Ich überrasch Euch?

Nathan. Eh' ich einmal weiß, Was für ein Stauffen Euer Vater denn Gewesen ist!

Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was? In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts Als Neubegier?

Nathan. Denn seht! Ich habe selbst Wohl einen Stauffen ehedem gekannt, Der Conrad hieß.

Tempelherr. Nun,--wenn mein Vater denn Nun ebenso geheißen hätte?

Nathan. Wahrlich?

Tempelherr. Ich heiße selber ja nach meinem Vater: Curd Ist Conrad.

Nathan. Nun--so war mein Conrad doch Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war, Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermählt.

Tempelherr. O darum!

Nathan. Wie?

Tempelherr. O darum könnt' er doch Mein Vater wohl gewesen sein.

Nathan. Ihr scherzt.

Tempelherr. Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau!--Was wär's Denn nun? So was von Bastard oder Bankert! Der Schlag ist auch nicht zu verachten.--Doch Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobe. Ich will Euch Eurer wiederum entlassen. Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte! Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham Hinauf belegen. Und von da so weiter, Weiß ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.

Nathan. Ihr werdet bitter.--Doch verdien ich's?--Schlug Ich denn Euch schon was ab?--Ich will Euch ja Nur bei dem Worte nicht den Augenblick So fassen.--Weiter nichts.

Tempelherr. Gewiß?--Nichts weiter? O so vergebt!...

Nathan. Nun kommt nur, kommt!

Tempelherr. Wohin? Nein!--Mit in Euer Haus?--Das nicht! das nicht!-- Da brennt's!--Ich will Euch hier erwarten. Geht!-- Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie Schon viel zu viel...

Nathan. Ich will mich möglichst eilen.

Zehnter Auftritt

Der Tempelherr und bald darauf Daja.

Tempelherr. Schon mehr als g'nug!--Des Menschen Hirn faßt so Unendlich viel; und ist doch manchmal auch So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit So plötzlich voll!--Taugt nichts, taugt nichts; es sei Auch voll wovon es will.--Doch nur Geduld! Die Seele wirkt den aufgedunsnen Stoff Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht Und Ordnung kommen wieder.--Lieb ich denn Zum ersten Male?--Oder war, was ich Als Liebe kenne, Liebe nicht?--Ist Liebe Nur was ich itzt empfinde?...

Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen). Ritter! Ritter!

Tempelherr. Wer ruft?--Ha, Daja, Ihr?

Daja. Ich habe mich Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch Könnt' er uns sehn, wo Ihr da steht.--Drum kommt Doch näher zu mir, hinter diesen Baum.

Tempelherr. Was gibt's denn?--So geheimnisvoll?--Was ist's?

Daja. Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes. Das eine weiß nur ich; das andre wißt Nur Ihr.--Wie wär' es, wenn wir tauschten? Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch Das meine.

Tempelherr. Mit Vergnügen.--Wenn ich nur Erst weiß, was Ihr für meines achtet. Doch Das wird aus Euerm wohl erhellen.--Fangt Nur immer an.

Daja. Ei denkt doch!--Nein, Herr Ritter. Erst Ihr; ich folge.--Denn versichert, mein Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn Ich nicht zuvor das Eure habe.--Nur Geschwind!--Denn frag ich's Euch erst ab: so habt Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid Ihr los.--Doch armer Ritter!--Daß Ihr Männer Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben Zu können, auch nur glaubt!

Tempelherr. Das wir zu haben Oft selbst nicht wissen.

Daja. Kann wohl sein. Drum muß Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt Zu machen, schon die Freundschaft haben.--Sagt-- Was hieß denn das, daß Ihr so Knall und Fall Euch aus dem Staube machtet? daß Ihr uns So sitzenließet?--daß Ihr nun mit Nathan Nicht wiederkommt?--Hat Recha denn so wenig Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?-- So viel! so viel!--Lehrt Ihr des armen Vogels, Der an der Rute klebt, Geflattre mich Doch kennen!--Kurz: gesteht es mir nur gleich, Daß Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und Ich sag Euch was...

Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr Versteht Euch trefflich drauf.

Daja. Nun gebt mir nur Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch Erlassen.

Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?-- Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben!...

Daja. Scheint freilich wenig Sinn zu haben.--Doch Zuweilen ist des Sinns in einer Sache Auch mehr, als wir vermuten; und es wäre So unerhört doch nicht, daß uns der Heiland Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge Von selbst nicht leicht betreten würde.

Tempelherr. Das So feierlich?--(Und setz ich statt des Heilands Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht?--) Ihr macht Mich neubegieriger, als ich wohl sonst Zu sein gewohnt bin.

Daja. Oh! das ist das Land Der Wunder!

Tempelherr. (Nun!--des Wunderbaren. Kann Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt Drängt sich ja hier zusammen.)--Liebe Daja, Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt: Daß ich sie liebe; daß ich nicht begreife, Wie ohne sie ich leben werde; daß...

Daja. Gewiß? gewiß?--So schwört mir, Ritter, sie Zur Eurigen zu machen; sie zu retten: Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

Tempelherr. Und wie?--Wie kann ich?--Kann ich schwören, was In meiner Macht nicht steht?

Daja. In Eurer Macht Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort In Eure Macht.

Tempelherr. Daß selbst der Vater nichts Dawider hätte?

Daja. Ei, was Vater! Vater! Der Vater soll schon müssen.

Tempelherr. Müssen, Daja?-- Noch ist er unter Räuber nicht gefallen. Er muß nicht müssen.

Daja. Nun, so muß er wollen; Muß gern am Ende wollen.

Tempelherr. Muß und gern!-- Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, daß Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen Bereits versucht?

Daja. Was? und er fiel nicht ein?

Tempelherr. Er fiel mit einem Mißlaut ein, der mich-- Beleidigte.

Daja. Was sagt Ihr?--Wie? Ihr hättet Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha Ihm blicken lassen: und er wär' vor Freuden Nicht aufgesprungen? hätte frostig sich Zurückgezogen? hätte Schwierigkeiten Gemacht?

Tempelherr. So ungefähr.

Daja. So will ich denn Mich länger keinen Augenblick bedenken.

(Pause.)

Tempelherr. Und Ihr bedenkt Euch doch?

Daja. Der Mann ist sonst So gut!--Ich selber bin so viel ihm schuldig!-- Daß er doch gar nicht hören will!--Gott weiß, Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.

Tempelherr. Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut Aus dieser Ungewißheit. Seid Ihr aber Noch selber ungewiß; ob, was Ihr vorhabt, Gut oder böse, schändlich oder löblich Zu nennen:--schweigt!--Ich will vergessen, daß Ihr etwas zu verschweigen habt.

Daja. Das spornt, Anstatt zu halten. Nun; so wißt denn: Recha Ist keine Jüdin; ist--ist eine Christin.

Tempelherr (kalt). So? Wünsch Euch Glück! Hat's schwer gehalten? Laßt Euch nicht die Wehen schrecken!--Fahret ja Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern: Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt!

Daja. Wie, Ritter? Verdienet meine Nachricht diesen Spott? Daß Recha eine Christin ist: das freuet Euch, einen Christen, einen Tempelherrn, Der Ihr sie liebt, nicht mehr?

Tempelherr. Besonders, da Sie eine Christin ist von Eurer Mache.

Daja. Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten!--Nein! Den will ich sehn, der die bekehren soll! Ihr Glück ist, längst zu sein, was sie zu werden Verdorben ist.

Tempelherr. Erklärt Euch, oder--geht!

Daja. Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern Geboren; ist getauft...

Tempelherr (hastig). Und Nathan?

Daja. Nicht Ihr Vater!

Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater?--Wißt Ihr, was Ihr sagt?

Daja. Die Wahrheit, die so oft Mich blut'ge Tränen weinen machen.--Nein, Er ist ihr Vater nicht...

Tempelherr. Und hätte sie Als seine Tochter nur erzogen? hätte Das Christenkind als eine Jüdin sich Erzogen?

Daja. Ganz gewiß.

Tempelherr. Sie wüßte nicht, Was sie geboren sei?--Sie hätt' es nie Von ihm erfahren, daß sie eine Christin Geboren sei, und keine Jüdin?

Daja. Nie!

Tempelherr. Er hätt' in diesem Wahne nicht das Kind Bloß auferzogen? ließ das Mädchen noch In diesem Wahne?

Daja. Leider!

Tempelherr. Nathan--Wie? Der weise gute Nathan hätte sich Erlaubt, die Stimme der Natur so zu Verfälschen?--Die Ergießung eines Herzens So zu verrenken, die, sich selbst gelassen, Ganz andre Wege nehmen würde?--Daja, Ihr habt mir allerdings etwas vertraut-- Von Wichtigkeit,--was Folgen haben kann,-- Was mich verwirrt,--worauf ich gleich nicht weiß, Was mir zu tun.--Drum laßt mir Zeit.--Drum geht! Er kömmt hier wiederum vorbei. Er möcht' Uns überfallen. Geht!

Daja. Ich wär' des Todes!

Tempelherr. Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt Ihm nur, daß wir einander bei dem Sultan Schon finden würden.

Daja. Aber laßt Euch ja Nichts merken gegen ihn.--Das soll nur so Den letzten Druck dem Dinge geben; soll Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur Benehmen!--Wenn Ihr aber dann sie nach Europa führt: so laßt Ihr doch mich nicht Zurück?

Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht!

Vierter Aufzug

Erster Auftritt

(Szene: in den Kreuzgängen des Klosters.)

Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.

Klosterbruder. Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch! Es hat mir freilich noch von alledem Nicht viel gelingen wollen, was er mir So aufgetragen.--Warum trägt er mir Auch lauter solche Sachen auf?--Ich mag Nicht fein sein; mag nicht überreden; mag Mein Näschen nicht in alles stecken; mag Mein Händchen nicht in allem haben.--Bin Ich darum aus der Welt geschieden, ich Für mich; um mich für andre mit der Welt Noch erst recht zu verwickeln?

Tempelherr (mit Hast auf ihn zukommend). Guter Bruder! Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon Gesucht.

Klosterbruder. Mich, Herr?

Tempelherr. Ihr kennt mich schon nicht mehr?

Klosterbruder. Doch, doch! Ich glaubte nur, daß ich den Herrn In meinem Leben wieder nie zu sehn Bekommen würde. Denn ich hofft' es zu Dem lieben Gott.--Der liebe Gott, der weiß, Wie sauer mir der Antrag ward, den ich Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiß, Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bei Euch Zu finden; weiß, wie sehr ich mich gefreut, Im Innersten gefreut, daß Ihr so rund Das alles, ohne viel Bedenken, von Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt.-- Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt!

Tempelherr. Ihr wißt es schon, warum ich komme? Kaum Weiß ich es selbst.

Klosterbruder. Ihr habt's nun überlegt; Habt nun gefunden, daß der Patriarch So unrecht doch nicht hat; daß Ehr' und Geld Durch seinen Anschlag zu gewinnen; daß Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel Auch siebenmal gewesen wäre. Das, Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen, Und kommt, und tragt Euch wieder an.--Ach Gott!

Tempelherr. Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden. Deswegen komm ich nicht; deswegen will Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch, Noch denk ich über jenen Punkt, wie ich Gedacht, und wollt' um alles in der Welt Die gute Meinung nicht verlieren, deren Mich ein so grader, frommer, lieber Mann Einmal gewürdiget.--Ich komme bloß, Den Patriarchen über eine Sache Um Rat zu fragen...

Klosterbruder. Ihr den Patriarchen? Ein Ritter, einen--Pfaffen? (Sich schüchtern umsehend.)

Tempelherr. Ja;--die Sach' Ist ziemlich pfäffisch.

Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe Den Ritter nie, die Sache sei auch noch So ritterlich.

Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat, Sich zu vergehn; das unsereiner ihm Nicht sehr beneidet.--Freilich, wenn ich nur Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte: Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber Gewisse Dinge will ich lieber schlecht, Nach andrer Willen, machen; als allein Nach meinem, gut.--Zudem, ich seh nun wohl, Religion ist auch Partei; und wer Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt, Hält, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner Die Stange. Weil das einmal nun so ist: Wird's so wohl recht sein.

Klosterbruder. Dazu schweig ich lieber. Denn ich versteh den Herrn nicht recht.

Tempelherr. Und doch!-- (Laß sehn, warum mir eigentlich zu tun! Um Machtspruch oder Rat?--Um lautern, oder Gelehrten Rat?)--Ich dank Euch, Bruder; dank Euch für den guten Wink.--Was Patriarch?-- Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch Den Christen mehr im Patriarchen, als Den Patriarchen in dem Christen fragen.-- Die Sach' ist die...

Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter! Wozu?--Der Herr verkennt mich.--Wer viel weiß, Hat viel zu sorgen; und ich habe ja Mich einer Sorge nur gelobt.--O gut! Hört! seht! Dort kömmt, zu meinem Glück, er selbst. Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.

Zweiter Auftritt

Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang heraufkommt, und die Vorigen.

Tempelherr. Ich wich' ihm lieber aus.--Wär' nicht mein Mann! Ein dicker, roter, freundlicher Prälat! Und welcher Prunk!

Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn Nach Hofe sich erheben. Itzo kömmt Er nur von einem Kranken.

Tempelherr. Wie sich da Nicht Saladin wird schämen müssen!

Patriarch (indem er näherkommt, winkt dem Bruder). Hier!-- Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will Er?

Klosterbruder. Weiß nicht.

Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge zurücktreten). Nun, Herr Ritter!--Sehr erfreut, Den braven jungen Mann zu sehn!--Ei, noch So gar jung!--Nun, mit Gottes Hilfe, daraus Kann etwas werden.

Tempelherr. Mehr, ehrwürd'ger Herr, Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch, Was weniger.

Patriarch. Ich wünsche wenigstens, Daß so ein frommer Ritter lange noch Der lieben Christenheit, der Sache Gottes Zu Ehr' und Frommen blühn und grünen möge! Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein Die junge Tapferkeit dem reifen Rate Des Alters folgen will!--Womit wär' sonst Dem Herrn zu dienen?

Tempelherr. Mit dem nämlichen, Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.

Patriarch. Recht gern!--Nur ist der Rat auch anzunehmen.

Tempelherr. Doch blindlings nicht?

Patriarch. Wer sagt denn das?--Ei freilich Muß niemand die Vernunft, die Gott ihm gab, Zu brauchen unterlassen,--wo sie hin- Gehört.--Gehört sie aber überall Denn hin?--O nein!--Zum Beispiel: wenn uns Gott Durch einen seiner Engel,--ist zu sagen, Durch einen Diener seines Worts,--ein Mittel Bekannt zu machen würdiget, das Wohl Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche, Auf irgendeine ganz besondre Weise Zu fördern, zu befestigen: wer darf Sich da noch unterstehn, die Willkür des, Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft Zu untersuchen? und das ewige Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre Zu prüfen?--Doch hiervon genug.--Was ist Es denn, worüber unsern Rat für itzt Der Herr verlangt?

Tempelherr. Gesetzt, ehrwürd'ger Vater, Ein Jude hätt' ein einzig Kind,--es sei Ein Mädchen,--das er mit der größten Sorgfalt Zu allem Guten auferzogen, das Er liebe mehr als seine Seele, das Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe. Und nun würd' unsereinem hinterbracht, Dies Mädchen sei des Juden Tochter nicht; Er hab' es in der Kindheit aufgelesen, Gekauft, gestohlen,--was Ihr wollt; man wisse, Das Mädchen sei ein Christenkind, und sei Getauft; der Jude hab' es nur als Jüdin Erzogen; lass' es nur als Jüdin und Als seine Tochter so verharren:--sagt, Ehrwürd'ger Vater, was wär' hierbei wohl Zu tun?

Patriarch. Mich schaudert!--Doch zu allererst Erkläre sich der Herr, ob so ein Fall Ein Faktum oder eine Hypothes'. Das ist zu sagen: ob der Herr sich das Nur bloß so dichtet, oder ob's geschehn, Und fortfährt zu geschehn.