Nathan der Weise: Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen

Chapter 4

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Nathan. Nur bis Ich von dem Sultan wiederkomme; bis Ich Abschied erst...

Al-Hafi. Wer überlegt, der sucht Bewegungsgründe, nicht zu dürfen. Wer Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht, Entschließen kann, der lebet andrer Sklav' Auf immer.--Wie Ihr wollt!--Lebt wohl! wie's Euch Wohl dünkt.--Mein Weg liegt dort; und Eurer da.

Nathan. Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine Berichtigen?

Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand Von meiner Kass' ist nicht des Zählens wert; Und meine Rechnung bürgt--Ihr oder Sittah. Lebt wohl! (Ab.)

Nathan (ihm nachsehend). Die bürg ich!--Wilder, guter, edler-- Wie nenn ich ihn?--Der wahre Bettler ist Doch einzig und allein der wahre König! (Von einer andern Seite ab.)

Dritter Aufzug

Erster Auftritt

(Szene: in Nathans Hause.)

Recha und Daja.

Recha. Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus? "Ich dürf' ihn jeden Augenblick erwarten?" Das klingt--nicht wahr?--als ob er noch so bald Erscheinen werde.--Wieviel Augenblicke Sind aber schon vorbei!--Ah nun: wer denkt An die verflossenen?--Ich will allein In jedem nächsten Augenblicke leben. Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.

Daja. O der verwünschten Botschaft von dem Sultan! Denn Nathan hätte sicher ohne sie Ihn gleich mit hergebracht.

Recha. Und wenn er nun Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn Nun meiner Wünsche wärmster, innigster Erfüllet ist: was dann?--was dann?

Daja. Was dann? Dann hoff ich, daß auch meiner Wünsche wärmster Soll in Erfüllung gehen.

Recha. Was wird dann In meiner Brust an dessen Stelle treten, Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen?--Nichts? Ah, ich erschrecke!...

Daja. Mein, mein Wunsch wird dann An des erfüllten Stelle treten; meiner. Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen Zu wissen, welche deiner würdig sind.

Recha. Du irrst.--Was diesen Wunsch zu deinem macht, Das nämliche verhindert, daß er meiner Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland: Und meines, meines sollte mich nicht halten? Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen, Als die ich sehn, und greifen kann, und hören, Die Meinen?

Daja. Sperre dich, soviel du willst! Des Himmels Wege sind des Himmels Wege. Und wenn es nun dein Retter selber wäre, Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in Das Land, dich zu dem Volke führen wollte, Für welche du geboren wurdest?

Recha. Daja! Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja! Du hast doch wahrlich deine sonderbaren Begriffe! "Sein, sein Gott! für den er kämpft!" Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott, Der einem Menschen eignet? der für sich Muß kämpfen lassen?--Und wie weiß Man denn, für welchen Erdkloß man geboren, Wenn man's für den nicht ist, auf welchem man Geboren?--Wenn mein Vater dich so hörte!-- Was tat er dir, mir immer nur mein Glück So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln? Was tat er dir, den Samen der Vernunft, Den er so rein in meine Seele streute, Mit deines Landes Unkraut oder Blumen So gern zu mischen?--Liebe, liebe Daja, Er will nun deine bunten Blumen nicht Auf meinem Boden!--Und ich muß dir sagen, Ich selber fühle meinen Boden, wenn Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet, So ausgezehrt durch deine Blume; fühle In ihrem Dufte, sauersüßem Dufte, Mich so betäubt, so schwindelnd!--Dein Gehirn Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen. Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel, Wie wenig fehlte, daß er mich zur Närrin Gemacht?--Noch schäm ich mich vor meinem Vater Der Posse!

Daja. Posse!--Als ob der Verstand Nur hier zu Hause wäre! Posse! Posse! Wenn ich nur reden dürfte!

Recha. Darfst du nicht? Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube Schien freilich mir das Heldenmäßigste An ihnen nie. Doch so viel tröstender War mir die Lehre, daß Ergebenheit In Gott von unserm Wähnen über Gott So ganz und gar nicht abhängt.--Liebe Daja, Das hat mein Vater uns so oft gesagt; Darüber hast du selbst mit ihm so oft Dich einverstanden: warum untergräbst Du denn allein, was du mit ihm zugleich Gebauet?--Liebe Daja, das ist kein Gespräch, womit wir unserm Freund' am besten Entgegensehn. Für mich zwar, ja! Denn mir, Mir liegt daran unendlich, ob auch er... Horch, Daja!--Kommt es nicht an unsre Türe? Wenn Er es wäre! horch!

Zweiter Auftritt

Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von außen die Türe öffnet, mit den Worten:

Nur hier herein!

Recha (fährt zusammen, faßt sich und will ihm zu Füßen fallen). Er ist's!--Mein Retter, ah!

Tempelherr. Dies zu vermeiden Erschien ich bloß so spät: und doch--

Recha. Ich will Ja zu den Füßen dieses stolzen Mannes Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne. Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig Als ihn der Wassereimer will, der bei Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen. Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der Ward nur so in die Glut hineingestoßen; Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm; Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen; Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beide Herausschmiß aus der Glut.--Was gibt es da Zu danken?--In Europa treibt der Wein Zu noch weit andern Taten.--Tempelherren, Die müssen einmal nun so handeln; müssen Wie etwas besser zugelernte Hunde, Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.

Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit über betrachtet). O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken Des Kummers und der Galle, meine Laune Dich übel anließ, warum jede Torheit, Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen? Das hieß sich zu empfindlich rächen, Daja! Doch wenn du nur von nun an besser mich Bei ihr vertreten willst.

Daja. Ich denke, Ritter Ich denke nicht, daß diese kleinen Stacheln, Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr Geschadet haben.

Recha. Wie? Ihr hattet Kummer? Und wart mit Euerm Kummer geiziger Als Euerm Leben?

Tempelherr. Gutes, holdes Kind!-- Wie ist doch meine Seele zwischen Auge Und Ohr geteilt!--Das war das Mädchen nicht, Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer Ich holte.--Denn wer hätte die gekannt, Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte Auf mich gewartet?--Zwar--verstellt--der Schreck. (Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.)

Recha. Ich aber find Euch noch den nämlichen.-- (Dergleichen; bis sie fortfährt, um ihn in seinem Anstaunen zu unterbrechen.) Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange Gewesen?--Fast dürft' ich auch fragen: wo Ihr itzo seid?

Tempelherr. Ich bin,--wo ich vielleicht Nicht sollte sein.--

Recha. Wo Ihr gewesen?--Auch Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen? Das ist nicht gut.

Tempelherr. Auf--auf--wie heißt der Berg? Auf Sinai.

Recha. Auf Sinai?--Ah schön! Nun kann ich zuverlässig doch einmal Erfahren, ob es wahr...

Tempelherr. Was? was? Ob's wahr, Daß noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses Vor Gott gestanden, als...

Recha. Nun das wohl nicht. Denn wo er stand, stand er vor Gott. Und davon Ist mir zur Gnüge schon bekannt.--Ob's wahr, Möcht' ich nur gern von Euch erfahren, daß-- Daß es bei weitem nicht so mühsam sei, Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als Herab?--Denn seht; soviel ich Berge noch Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.-- Nun, Ritter?--Was?--Ihr kehrt Euch von mir ab? Wollt mich nicht sehn?

Tempelherr. Weil ich Euch hören will.

Recha. Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, daß Ihr meiner Einfalt lächelt; daß Ihr lächelt, Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers Von diesem heiligen Berg' aller Berge Zu fragen weiß? Nicht wahr?

Tempelherr. So muß Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.-- Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeißt Das Lächeln Ihr? wie ich noch erst in Mienen, In zweifelhaften Mienen lesen will, Was ich so deutlich hör, Ihr so vernehmlich Mir sagt--verschweigt?--Ah Recha! Recha! Wie Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!"

Recha. Wer hat?--von wem?--Euch das gesagt?

Tempelherr. "Kennt sie Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt; Von Euch gesagt.

Daja. Und ich nicht etwa auch? Ich denn nicht auch?

Tempelherr. Allein wo ist er denn? Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch Beim Sultan?

Recha. Ohne Zweifel.

Tempelherr. Noch, noch da?-- O mich Vergeßlichen! Nein, nein; da ist Er schwerlich mehr.--Er wird dort unten bei Dem Kloster meiner warten; ganz gewiß. So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt! Ich geh, ich hol ihn...

Daja. Das ist meine Sache. Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzüglich.

Tempelherr. Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen; Nicht Euch. Dazu, er könnte leicht... wer weiß? ... Er könnte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit Gekommen sein.--Glaubt mir; es hat Gefahr, Wenn ich nicht geh.

Recha. Gefahr? was für Gefahr?

Tempelherr. Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.)

Dritter Auftritt

Recha und Daja.

Recha. Was ist das, Daja?-- So schnell?--Was kömmt ihm an? Was fiel ihm auf? Was jagt ihn?

Daja. Laßt nur, laßt. Ich denk, es ist Kein schlimmes Zeichen.

Recha. Zeichen? und wovon?

Daja. Daß etwas vorgeht innerhalb. Es kocht, Und soll nicht überkochen. Laßt ihn nur. Nun ist's an Euch.

Recha. Was ist an mir? Du wirst, Wie er, mir unbegreiflich.

Daja. Bald nun könnt Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.

Recha. Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.

Daja. Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?

Recha. Das bin ich; ja das bin ich...

Daja. Wenigstens Gesteht, daß Ihr Euch seiner Unruh' freut; Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt Von Ruh' genießt.

Recha. Mir völlig unbewußt! Denn was ich höchstens dir gestehen könnte, Wär', daß es mich--mich selbst befremdet, wie Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen So eine Stille plötzlich folgen können. Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton Hat mich...

Daja. Gesättigt schon?

Recha. Gesättigt, will Ich nun nicht sagen; nein--bei weitem nicht.

Daja. Den heißen Hunger nur gestillt.

Recha. Nun ja: Wenn du so willst.

Daja. Ich eben nicht.

Recha. Er wird Mir ewig wert; mir ewig werter, als Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt; Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke, Geschwinder, stärker schlägt.--Was schwatz ich? Komm, Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster, Das auf die Palmen sieht.

Daja. So ist er doch Wohl noch nicht ganz gestillt, der heiße Hunger.

Recha. Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn: Nicht ihn bloß untern Palmen.

Daja. Diese Kälte Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.

Recha. Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.

Vierter Auftritt

(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.)

Saladin und Sittah.

Saladin (im Hereintreten, gegen die Türe). Hier bringt den Juden her, sobald er kömmt. Er scheint sich eben nicht zu übereilen.

Sittah. Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich Zu finden.

Saladin. Schwester! Schwester!

Sittah. Tust du doch, Als stünde dir ein Treffen vor.

Saladin. Und das Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen. Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen; Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen. Wenn hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu? Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld, Geld einem Juden abzubangen; Geld! Zu solchen kleinen Listen wär' ich endlich Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir Zu schaffen?

Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr Verschmäht, die rächt sich, Bruder.

Saladin. Leider wahr.-- Und wenn nun dieser Jude gar der gute, Vernünft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir Ihn ehedem beschrieben?

Sittah. O nun dann! Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt Ja nur dem geizigen, besorglichen, Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht Dem weisen Manne. Dieser ist ja so Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen, Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred't; Mit welcher dreisten Stärk' entweder er Die Stricke kurz zerreißet; oder auch Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast Du obendrein.

Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiß; Ich freue mich darauf.

Sittah. So kann dich ja Auch weiter nichts verlegen machen. Denn Ist's einer aus der Menge bloß; ist's bloß Ein Jude, wie ein Jude: gegen den Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen, Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr; Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm Als Geck, als Narr.

Saladin. So muß ich ja wohl gar Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht Schlecht denke?

Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst, Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

Saladin. Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er Nicht zu beschönen wüßte!

Sittah. Zu beschönen!

Saladin. Das feine, spitze Ding, besorg ich nur, In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist: Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch, Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann; Und könnt' es freilich lieber--schlechter noch Als besser.

Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig! Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst.-- Daß uns die Männer deinesgleichen doch So gern bereden möchten, nur ihr Schwert, Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht. Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List.

Saladin. Und daß die Weiber doch so gern den Mann Zu sich herunter hätten!--Geh nur, geh!-- Ich glaube meine Lektion zu können.

Sittah. Was? ich soll gehn?

Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben?

Sittah. Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben-- Doch hier im Nebenzimmer--

Saladin. Da zu horchen? Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.-- Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kömmt!--doch daß Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.

(Indem sie sich durch eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern herein; und Saladin hat sich gesetzt.)

Fünfter Auftritt

Saladin und Nathan.

Saladin. Tritt näher, Jude!--Näher!--Nur ganz her! Nur ohne Furcht!

Nathan. Die bleibe deinem Feinde!

Saladin. Du nennst dich Nathan?

Nathan. Ja.

Saladin. Den weisen Nathan?

Nathan. Nein.

Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.

Nathan. Kann sein; das Volk!

Saladin. Du glaubst doch nicht, daß ich Verächtlich von des Volkes Stimme denke?-- Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen, Den es den Weisen nennt.

Nathan. Und wenn es ihn Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der, Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?

Saladin. Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?

Nathan. Dann freilich wär' der Eigennützigste Der Klügste. Dann wär' freilich klug und weise Nur eins.

Saladin. Ich höre dich erweisen, was Du widersprechen willst.--Des Menschen wahre Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du. Hast du zu kennen wenigstens gesucht; Hast drüber nachgedacht: das auch allein Macht schon den Weisen.

Nathan. Der sich jeder dünkt Zu sein.

Saladin. Nun der Bescheidenheit genug! Denn sie nur immerdar zu hören, wo Man trockene Vernunft erwartet, ekelt. (Er springt auf.) Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber Aufrichtig, Jud', aufrichtig!

Nathan. Sultan, ich Will sicherlich dich so bedienen, daß Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe.

Saladin. Bedienen? wie?

Nathan. Du sollst das Beste haben Von allem; sollst es um den billigsten Preis haben.

Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht Von deinen Waren?--Schachern wird mit dir Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)-- Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.

Nathan. So wirst du ohne Zweifel wissen wollen, Was ich auf meinem Wege von dem Feinde, Der allerdings sich wieder reget, etwa Bemerkt, getroffen?--Wenn ich unverhohlen...

Saladin. Auch darauf bin ich eben nicht mit dir Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel Ich nötig habe.--Kurz-,--

Nathan. Gebiete, Sultan.

Saladin. Ich heische deinen Unterricht in ganz Was anderm; ganz was anderm.--Da du nun So weise bist: so sage mir doch einmal-- Was für ein Glaube, was für ein Gesetz Hat dir am meisten eingeleuchtet?

Nathan. Sultan, Ich bin ein Jud'.

Saladin. Und ich ein Muselmann. Der Christ ist zwischen uns.--Von diesen drei Religionen kann doch eine nur Die wahre sein.--Ein Mann, wie du, bleibt da Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern. Wohlan! so teile deine Einsicht mir Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe Bestimmt,--versteht sich, im Vertrauen--wissen, Damit ich sie zu meiner mache. Wie? Du stutzest? wägst mich mit dem Auge?--Kann Wohl sein, daß ich der erste Sultan bin, Der eine solche Grille hat; die mich Doch eines Sultans eben nicht so ganz Unwürdig dünkt.--Nicht wahr?--So rede doch! Sprich!--Oder willst du einen Augenblick, Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir. (Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen; Will hören, ob ich's recht gemacht.--) Denk nach. Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück- Zukommen. (Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.)

Sechster Auftritt

Nathan allein.

Hm! hm!--wunderlich!--Wie ist Mir denn?--Was will der Sultan? was?--Ich bin Auf Geld gefaßt; und er will--Wahrheit. Wahrheit! Und will sie so,--so bar, so blank,--als ob Die Wahrheit Münze wäre!--ja, wenn noch Uralte Münze, die gewogen ward!-- Das ginge noch! Allein so neue Münze, Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht! Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude? Ich oder er?--Doch wie? Sollt' er auch wohl Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern?--Zwar, Zwar der Verdacht, daß er die Wahrheit nur Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein!-- Zu klein?--Was ist für einen Großen denn Zu klein?--Gewiß, gewiß: er stürzte mit Der Türe so ins Haus! Man pocht doch, hört Doch erst, wenn man als Freund sich naht.--Ich muß Behutsam gehn!--Und wie? wie das?--So ganz Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.-- Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen, Warum kein Muselmann?--Das war's! Das kann Mich retten!--Nicht die Kinder bloß, speist man Mit Märchen ab.--Er kommt. Er komme nur!

Siebenter Auftritt

Saladin und Nathan.

Saladin. (So ist das Feld hier rein!)--Ich komm dir doch Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande Mit deiner Überlegung.--Nun so rede! Es hört uns keine Seele.

Nathan. Möcht' auch doch Die ganze Welt uns hören.

Saladin. So gewiß Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu Verhehlen! für sie alles auf das Spiel Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!

Nathan. Ja! Ja! wann's nötig ist und nutzt.

Saladin. Von nun An darf ich hoffen, einen meiner Titel, Verbesserer der Welt und des Gesetzes, Mit Recht zu führen.

Nathan. Traun, ein schöner Titel! Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue, Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu Erzählen?

Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut Erzählt.

Nathan. Ja, gut erzählen, das ist nun Wohl eben meine Sache nicht.

Saladin. Schon wieder So stolz bescheiden?--Mach! erzähl, erzähle!

Nathan. Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten, Der einen Ring von unschätzbarem Wert Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte, Und hatte die geheime Kraft, vor Gott Und Menschen angenehm zu machen, wer In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, Daß ihn der Mann in Osten darum nie Vom Finger ließ; und die Verfügung traf, Auf ewig ihn bei seinem Hause zu Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring Von seinen Söhnen dem geliebtesten; Und setzte fest, daß dieser wiederum Den Ring von seinen Söhnen dem vermache, Der ihm der liebste sei; und stets der liebste, Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde.-- Versteh mich, Sultan.

Saladin. Ich versteh dich. Weiter!

Nathan. So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, Auf einen Vater endlich von drei Söhnen; Die alle drei ihm gleich gehorsam waren, Die alle drei er folglich gleich zu lieben Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald Der dritte,--sowie jeder sich mit ihm Allein befand, und sein ergießend Herz Die andern zwei nicht teilten,--würdiger Des Ringes; den er denn auch einem jeden Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen. Das ging nun so, solang es ging.--Allein Es kam zum Sterben, und der gute Vater Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort Verlassen, so zu kränken.--Was zu tun?-- Er sendet in geheim zu einem Künstler, Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes, Zwei andere bestellt, und weder Kosten Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich, Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt, Kann selbst der Vater seinen Musterring Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft Er seine Söhne, jeden insbesondre; Gibt jedem insbesondre seinen Segen,-- Und seinen Ring,--und stirbt.--Du hörst doch, Sultan?

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt). Ich hör, ich höre!--Komm mit deinem Märchen Nur bald zu Ende.--Wird's?

Nathan. Ich bin zu Ende. Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.-- Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht Erweislich;-- (nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet) Fast so unerweislich, als Uns itzt--der rechte Glaube.

Saladin. Wie? das soll Die Antwort sein auf meine Frage?...

Nathan. Soll Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe Mir nicht getrau zu unterscheiden, die Der Vater in der Absicht machen ließ, Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

Saladin. Die Ringe!--Spiele nicht mit mir!--Ich dächte, Daß die Religionen, die ich dir Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären. Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!

Nathan. Und nur von seiten ihrer Gründe nicht. Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? Geschrieben oder überliefert!--Und Geschichte muß doch wohl allein auf Treu Und Glauben angenommen werden?--Nicht?-- Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? Doch deren Blut wir sind? doch deren, die Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo Getäuscht zu werden uns heilsamer war?-- Wie kann ich meinen Vätern weniger Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.-- Kann ich von dir verlangen, daß du deine Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht Zu widersprechen? Oder umgekehrt. Das nämliche gilt von den Christen. Nicht?--

Saladin. (Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht. Ich muß verstummen.)

Nathan. Laß auf unsre Ring' Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter, Unmittelbar aus seines Vaters Hand Den Ring zu haben.--Wie auch wahr!--Nachdem Er von ihm lange das Versprechen schon Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu Genießen.--Wie nicht minder wahr!--Der Vater, Beteurt' jeder, könne gegen ihn Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses Von ihm, von einem solchen lieben Vater, Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder, So gern er sonst von ihnen nur das Beste Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels Bezeihen; und er wolle die Verräter Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Saladin. Und nun, der Richter?--Mich verlangt zu hören, Was du den Richter sagen lässest. Sprich!