Part 2
Auf den Rat seiner Gönnerin widmete er der Zufriedenheit jener Frauen besondere Aufmerksamkeit, die in kostbaren Toiletten nach dem Theater in Begleitung von Lebemännern aßen. Er merkte sich irgend ein Besonderes, eine Laune der Betreffenden und spielte das nächste Mal vertraut freundschaftlich darauf an. Das Luxusgeschöpf sieht sich vom ernsten Mann ernst genommen, errötet vor Vergnügen und wird seine treue Kundin. Neben dieser Kategorie und ihrem Anhang stellte er sich vor allem den Diplomaten und Staatsmännern zur Verfügung, indem er ihnen, kamen sie mit wichtigen Gesichtern von einer Sitzung, um zu einer Sitzung zu gehen, ein stilles Eckchen anwies, wo sie ungestört blieben, nicht duldete, daß ein Kellner sich näherte und sie durch ausgesuchte Leckereien der Bürde ihrer Verantwortlichkeit für Augenblicke enthob. Da er aber fühlte, es ging ihm im Umgang mit den Spitzen der politischen Abteilungen aus Unkenntnis ihres Wirkens und Wollens die nötige Sicherheit noch ab, lud er sie in ein abgelegenes Zimmer, durch dessen Wand er von seinem Kontor ihre Gespräche hören, ihre Mienen beobachten konnte. Da lernte er alsbald, durch welche Spitzfindigkeiten und Umschweife aus Eifersucht und Ehrgeiz der Handelnden strittige Fragen zwischen politischen Parteien des Vaterlandes oder den verschiedenen Nationen, aus ihrem logischen Gelenk gerissen, zu Entscheidungen wurden, die Zwischenfälle, Krisen und ein Mißtrauensvotum für das Ministerium hervorriefen. Er sah den Führern Frankreichs ihr Stirnrunzeln, das ironisch überlegene Lächeln und die knackende Handbewegung ab, die ein Ultimatum bedeutet, und hörte sich vollkommen in die inner- und außerpolitischen Strömungen hinein. Bald konnte er es wagen, dem eintretenden Minister, Attaché oder Abgeordneten eine so treffende Anmerkung zur gerade wichtigen Affaire zuzuraunen, daß der einen bedeutenden Eindruck von ihm bekam und weitergab. Aber auch die vollkommene Kenntnis des galanten und des Geschäftslebens verschaffte sich Napoleon durch seine Horchspalte, sah er verliebten Paaren, feilschenden Geldleuten mit angespannter Aufmerksamkeit zu, bis die in der Erregung aufgesperrten Kiefern sich krampften. Am erregendsten blieb es stets für ihn, verließ ein Teil des Paares für Augenblicke das Zimmer, und der Zurückbleibende, sich allein glaubend, verlor alle Haltung, wurde Mensch mit seinen Hoffnungen und Sorgen, zählte in der Brieftasche die Barschaft oder suchte durch Prüfung der zurückgebliebenen Kleidungsstücke des anderen auf dessen wirkliche Lebensumstände zu schließen. Kurz, der Wirt des Chapon fin wurde ein Kenner, der ins Unterbewußtsein der Menschheit hinabsah.
Binnen Jahresfrist lag Paris zu seinen Füßen. Er beherrschte es durch die vollkommenste Kenntnis seines Magens als ein gütiger Fürst und lächelte, als man ihn erst zaghaft und vereinzelt, dann ganz allgemein König Napoleon im Gegensatz zum Kaiser nannte. Rührung und Glück aber ergriff ihn, als Valentine das erstemal seine Hand suchte und drückte. Das war Beweis nicht nur geschäftlichen Erfolges, sondern auch des erreichten gesellschaftlichen Ansehens, da die Gefeierte einen sozial unter ihr Stehenden nicht vor aller Welt so ausgezeichnet hatte. Nun wuchs er von Tag zu Tag mehr in eine überlegen menschliche Haltung hinein, die veranlaßte, daß selbst der höchstgestellte Gast ihm die Hand gab, ihm gutgelaunt auf die Schulter klopfte.
Für den Mann der Provinz vollends ward es bei der Rückkehr in die Heimat Glanzstück des Berichts der in der Hauptstadt erlebten Abenteuer, konnte er nicht nur bemerken: Ich habe beim »König« gespeist, sondern hinzusetzen: der mich auf die Schulter schlug und fragte: »Nun, Baron, wie wär's mit einer Boule au jus tutu?«
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Als er von einem fremdländischen Herrscher das erste Ritterkreuz erhalten, dessen violette Rosette er am gleichen Abend im Knopfloch trug, forderte Valentine ihn auf, sie am nächsten Tag um fünf Uhr nachmittags aufzusuchen. Er erschien nach schlafloser Nacht, dem ruhelosesten Morgen, und fand sie im Raum auf der Erde, wo sie mit dem Hund balgte. Sie sprang hoch, steckte das entfesselte Haar auf und saß gleich in einem niedrigen Sessel so nah ihm gegenüber, daß er das vergötterte Antlitz dicht vor sich hatte, es zum erstenmal andächtig sich einprägen konnte. Sie machte keine Bewegung und ließ ihn sich vollends sattsehen. Dann gab sie die Hand, die er inbrünstig küßte. Sie war selbst einfacher Herkunft und ehrte die Tüchtigkeit, die ihm seinen außerordentlichen Platz verschafft. Umgehend nur mit Männern vornehmster Geburt, fesselte sie an ihn das Band etwa gleicher Vergangenheit; bei ihm durfte sie Gefühle voraussetzen, die ihren Freunden fremd waren. In die Erzählung der Mühsale auf dem steilen Weg zum Erfolg vertieften sie sich, sprachen mit kräftig eindeutigen Worten und genossen in vollen Zügen mit kicherndem Sichlustigmachen die Schadenfreude, die sie irgendwie für eine Welt empfanden, über die sie heute jeder auf seine Art herrschten. Napoleon kramte vor ihr seine kleinen Geheimnisse, alle Mittel aus, mit denen er sich in das Vertrauen der oberen Tausend geschlichen, erzählte von seiner durchsichtigen Kontorwand. Sein Vertrauen erwidernd, gab sie ihm die Hauptdaten ihres Aufstiegs, nannte drei, vier Männer, denen sie als Frau und Künstlerin verpflichtet war, und zeigte, alsbald vor ihm tanzend, durch welche choreographischen Einfälle sie nacheinander die Menge bezwungen hatte. Sie schwebte und bog sich ohne Ziererei vor ihm, und da sie im leichten Hausrock war, wurde er durch Zufälle von Rock- und Kleiderfall entzückt. Zum Schluß einen Csardas von hinreißendem Rhythmus stampfend, kam sie aus der entfernten Ecke des Zimmers auf den Zehen gegen ihn, bei jeder Taktsenkung das Bein wie einen bohrenden Pfeil gegen sein Antlitz streckend.
Bei seinem zweiten Besuch ward sie mit reizender Natürlichkeit seine Geliebte. Diese Frau, die den Männern bisher das Bild eines buntschimmernden Vogels von phantastischer Seltenheit hatte geben müssen, blasierter Ungeduld zu genügen, war an seinem Hals das schlichte, schlanke Mädchen aus dem Volk voll naiver Hingabe. Es bedurfte nichts Außerordentlichen von seiner Seite, die Sehnsucht der Umarmten zu stillen.
Doch blieb bei dem mannigfachen Glück, das sie einander gaben, die gassenbübische Art, mit der sie alle offizielle Welt verhöhnten, höchster Genuß. Napoleon besonders war darin unerschöpflich. Größen der Geldwelt, Sterne der Wissenschaft und Kunst stellte er blitzschnell in gedrängter Plastik hin und knickte dann mit witzigem Einfall das Pathos ihrer Geste. Berühmte politische Personen ahmte er nicht nur in Tonfall und Haltung nach, sondern auch, wie er in der Betroffenen Art mit riesigem Wortschwall durchsichtige Tatsachen in ein Chaos verwirrte. Während sie vorgebeugt aus den Kissen ihm zusah, führte er dramatische Szenen auf zwischen den Botschaftern zweier Staaten etwa, in deren Verlauf die beiden, sich über eine unsagbare Nichtigkeit unsagbar albern und aufgeblasen unterhaltend, allmählich anstelle der verbindlichsten Umgangsformen eine immer steifere Haltung, schroffere Bewegungen setzten, bis sie schließlich wie zwei schmollende Gockel hochmütig auseinanderstelzten. Er erzählte, mit welchen Torheiten und Zufällen sich das Schicksal der Gesetzesvorlagen in den verschiedenen Kommissionen, die nach den offiziellen Sitzungen bei ihm fortgetagt, meist entschieden hatte; sie gab ihm Einsicht in abertausend Spitzfindigkeiten, die die auf die Liebe gestellte Frau der Gesellschaft anwendet, sich ihre Launen und ihre Lust, am öffentlichen Leben teilzunehmen, zu erfüllen. Wie oft habe sie selbst ihre Gönner in hohen Stellungen aus Eigensinn zu unsinnigen, folgenschweren Entschlüssen bestimmt und den Reportern, die ihr das Haus einliefen, noch dazu phantastische Lügen aufgebunden! So reinigten sie sich, das Thema unaufhörlich variierend, innerlich von dem Respekt, den proletarische Herkunft ihrer Jugend auferlegt hatte, und wurden lächelnde Verächter der feinen Lebensformen und des guten Tons, den sie wie den Stil in einem Drama von Corneille oder einer Molièreschen Komödie agierten, während ihnen aus ihrer Liebe ein herzliches Wort, eine menschliche Bewegung gleichnishaft dazu immer gewärtig war.
Im Geschäft dehnte Napoleon die Herrschaft, die er über Franzosen besaß, auf die übrige Welt aus. Er hatte London, Petersburg und Wien gesehen, Verbindungen angeknüpft und befestigt, manche Anregung mit heimgenommen. Sein Haus wurde an der Themse und Donau berühmt, bei Sacher und Claridge fand man Platten »Au Chapon fin«. Es scheiterte auch sein Vormarsch an die Newa nicht wie der seines unsterblichen Namensvetters. Als der fünfzigste Geburtstag vor der Tür stand, war sein Ruhm über zwei Erdteile verbreitet, der größere Teil der zivilisierten Menschheit aß streng nach seinen Einfällen und Vorschriften. Er besaß ein fürstliches Einkommen und hatte die kluge, ihn immer anfeuernde Frau an der Seite, zu der die Beziehungen nicht legitimiert waren, die er aber leidenschaftlich und zärtlich liebte.
Da man vierzehn Tage vor seinem Fest vom Krieg mit Preußen zu sprechen begann, und die Gäste stürmischer seine Meinung wollten, blieb er lächelnd ruhig und verneinte jede Möglichkeit eines Ausbruchs von Feindseligkeiten. Er wußte aus besten Quellen, kein ernsthafter Politiker glaube wirklich an den Krieg; er war gewiß, es handle sich wieder einmal um die Prestigefrage, das sattsam bekannte Händeknacken und schmollende Gockeltum. Aber auch als die Regierung unter einem frivolen Vorwand die Schiffe hinter sich verbrannt hatte, blieb Napoleon in tiefster Seele ruhig. Er, der wußte, hohe Politik wird gemacht, um ein paar Dutzend Ehrgeizigen in jedem Land Vorwand für eine Karriere zu geben und ihren Heißhunger nach öffentlichem Bekanntsein und Sensationen, mit denen ihr Name verknüpft ist, zu befriedigen, war überzeugt, man werde unverzüglich diesen Wichtigtuern Genugtuung geben, indem man sie mit Titeln, Orden und sonstigen Auszeichnungen von überallher so reichlich fütterte, daß sie satt werden mußten. Was den Frieden bedeutete. Einen Willen der Völker stellte er nicht in Rechnung. Er hatte gelernt, es wird mit ihnen kurzerhand nach Gutdünken der Regierung verfahren. Sie sind es seit ewig gewohnt, wissen und wollen nichts anders. Sagen heute zu schwarz schwarz und morgen zu schwarz weiß. Es genügt, ihnen zuzurufen: Das Vaterland ist in Gefahr! Sie fragen niemals: Durch wen im letzten Grund? Lassen sich bewaffnen, morden jeden Beliebigen als Erbfeind, erst zögernd, dann, aus Gewohnheit, mit Überzeugung und Hochrufen. Valentine gab ihm recht. Sie verspottete alles, Regierende und Regierte. Verbreitete Erzählungen, die die Albernheit der Diplomaten in ein fabelhaftes Licht setzten, militärische Maßnahmen des Generalstabs dem Gelächter preisgaben. Beide griffen mit Wollust nach jedem Gerücht, in dem sich irgendeine großartige Dummheit manifestierte, fütterten, hätschelten es und waren vor Freude außer sich, akzeptierten es selbst diejenigen mit feierlichem Ernst, die aus ihrer übergeordneten Stellung heraus seine Sinnlosigkeit sofort hätten einsehen müssen. Mehr als der Friede gab der Krieg ihnen unablässig Gelegenheit, die blöde Einfalt der Welt auf Schritt und Tritt zu erkennen und sich über sie zu erheben. Die einfache Tatsache, daß sie durch Einsicht in politische Zusammenhänge die Lügenhaftigkeit aller Vorwände für den Krieg einsahen, gab ihnen vollkommen innere Unabhängigkeit von ihm.
So konnten sie sich, während ringsum alle Welt immer tiefer in das verwirrte Auf und Ab der Geschehnisse verstrickt wurde, auf Grund einer wirklichen Überlegenheit entschieden von den Menschen trennen. In ihre Seele trat das Bewußtsein höherer Bestimmung, das sich in den Antlitzen malte. Sie lebten jetzt und webten auf Wolken hoch über dem gemeinen Volk. Lächelten unbetroffen erhaben zu allen Unglücksfällen und Exzessen, die die Folgezeit in unaufhörlichem Aufeinander brachte. Die vollendete Katastrophe des Vaterlandes führte sie auf den höchsten Gipfel innerer Erhebung. Es lagen ringsum nicht nur die Mitbürger ihrer erkannten Weisheit, Napoleon und Valentine lagen einander und jeder sich selbst bewundernd und andächtig zu Füßen.
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Eines Tages trat auf in Paris, was man die Kommune nannte. Sie zerschlug die Spiegelscheiben des Chapon fin, zertrümmerte alles Gerät im Innern und setzte Valentine und Napoleon, jeden für sich, ins Gefängnis. Als es nach Wochen Napoleon durch einen Zufall gelang, sich zu befreien, erfuhr er, die Gefährtin seines Lebens sei, an die Wand gestellt, erschossen. Ihm fielen die Beine unter dem Leib fort, und tagelang schleppte er sich aus Gassen in Felder an Flußrändern entlang, ohne Licht und Finsternis scheiden zu können. Das erste Bewußtsein von sich empfing er durch einen Stoß vor die Brust, den ihm ein deutscher Landwehrmann gab. Doch schwand es wieder, bis eines Nachts, da er auf einer Pritsche lag, Erinnerung an Valentine ihn überfiel. Sie war rosa und wie eine tanzende Guirlande anzusehen, die sich immer enger um ihn schlang und ihm endlich die erste Träne, dann Tränenströme aus den Augen schnürte. Nun sank er hin, aufgelöst in ein unendlich weiches und warmes Weh. Lange erschütterte es seine Glieder und hüllte die Welt in feuchte Schleier. Es trat aber der Vergleich seiner elenden jetzigen Lage und alles Gewesenen hinzu und erfüllte ihn mit Haß gegen die Menschheit und den Schöpfer. Tiefer kroch er in sich hinein und häufte Anklage auf Anklage gegen die Welt. In einer dunklen Nacht stand er plötzlich vor den mit Brettern vernagelten Fenstern seines Lokals -- noch hafteten einige goldene Buchstaben des Schildes -- und in das Loch plötzlich riesengroßer Erkenntnis fiel die Summe fünfzigjährigen Lebens: ein blankes Nichts und Einsamkeit.
Trotz und Empörung stachelten ihn zu neuem Tun. Gegen die Ungunst der Verhältnisse wollte er sofort versuchen, Mittel zu neuem Anfang zu schaffen, des gleichen Abends aber legte er sich irgendwohin nieder, spürend, es leide seine Natur nicht, daß man sie um das bestehle, was ihr vor allem notwendig sei: ungestörte, hingebende Trauer um Valentine. So suchte er sich einen Platz, der ihm nur das tägliche Brot gab. Früh am Nachmittag aber schon schloß er sich in seine Kammer ein, stopfte Fenster und Schlüssellöcher, legte sich aufs Bett und begann, die Frau von den Toten heraufzudichten. Nachdem er sie zuerst bis in die kleinste Einzelheit körperlich vor sich wieder hergestellt, ging er sein Leben mit ihr vom frühesten Anbeginn an durch. Um keinen Augenblick ließ er sich betrügen, repetierte die einzelne Situation so oft, bis sie in lebendiger Wahrhaftigkeit vor ihm stand. Jene erste, da sie mit Rockrüschen und Volants wie ein Quirl über seiner Stirn die Treppe hinaufgehuscht war. Die Beine in weißseidenen Strümpfen nahmen zwei, drei Stufen auf einmal, er sieht sie im Gelenk flitzen, und da -- das aber hat er damals nicht gesehen -- erscheint blitzend am Knie die goldene Strumpfbandschnalle. Wahrhaftig, als Wirklichkeit dauerte, vor lauter Schauen und Staunen hatte sein Bewußtsein sie nicht gefaßt. Und heute erstand sie das erstemal zum Leben, beschworen durch seine unwiderstehliche Zärtlichkeit. So drang er inständig weiter in Erinnerung ein und entriß ihr, mit Hingebung und Andacht um ein Nichts und den Bruchteil einer Sekunde kämpfend, so viel Nichtgespürtes und Nichterfahrenes, daß er ein völlig neues, reicheres Leben mit der gestorbenen Freundin führte.
Als er bei jener Epoche angekommen war, in der sie ihr irdisches Leben beendet hatte, brachte er sie leicht über die Klippe des leiblichen Todes handelnd und redend in die jetzige Zeit hinüber und sah sie Stellung nehmen zu seinem augenblicklichen Dasein. Er müsse, da die Verhältnisse sich allmählich wieder zur Ordnung fügten, den sinnenden Zustand aufgeben, an äußeres Fortkommen und eine neue bedeutende Einstellung zu neuen Umständen denken.
Hatte ihm der Krieg nicht tiefere Einblicke in Fragen der Ernährung, Möglichkeiten der Rohstoffverarbeitung gegeben, als jede Situation vorher? Welche außerordentlichen Aufschlüsse hatte die zweckmäßige oder unzweckmäßige Ernährung eines Heereskörpers, der Bevölkerung einer belagerten Stadt, welche Klarheit vor allem das Befinden des eigenen Körpers nach dieser oder jener leiblichen Zumutung ihm verschafft! Das eine mindestens war zur Evidenz klargeworden: Weit über die Notdurft hatte der Mensch vor dem Krieg gegessen und getrunken. Es schien Napoleon fernerhin ein Unding, das bisher übliche Mittagsmahl von sechs oder sieben Platten, ein Abendessen von fast gleichem Umfang zu servieren. Millionen hatten größere Arbeitsleistung, höheren Schwung bei einem Stück Brot und wenigen Kartoffeln bewiesen als Generationen vorher bei einer täglichen Unzahl von Gerichten. Es schien ihm hohe Pflicht, die gewonnenen Erkenntnisse dem Publikum sofort praktisch zu demonstrieren.
Er gab Valentine vollkommen recht. Sie habe nicht nur dem eigenen Leib nie mehr als das Notwendige zugemutet, sondern sei auch Anlaß gewesen, daß er den Gästen das Leichteste und Verdaulichste geboten. Doch in viel zu viel Platten auf einmal. Von jetzt ab müsse er in zwei, drei Gerichte zusammendrängen, was der Magen zur Speisung des Organismus brauche, und ihm zugleich die volle Wollust eines reichlichen Mahles vermitteln.
Während er also die am Leben gebliebenen Gönner aufsuchte und zu seiner Unterstützung vermochte, während die so lange leer gebliebenen Räume seines alten Heimes allmählich in strahlenden Stand gesetzt wurden, unterrichtete er sich methodisch über die wissenschaftliche Zusammensetzung der verschiedenen Nahrungsmittel, über ihren Gehalt an Eiweiß, Kohlehydraten und Fett. Er machte Tabellen und Exempel über Exempel und errechnete an glückseligen Tagen eine neue ideale Speisenkarte, auf der er jeden, auch den verführerischsten Namen einer Platte, sofort durch arithmetische Zahlen ersetzen konnte; aus der man mittels zweier Speisen einen ausreichenden Nenner sämtlicher für die Ernährung wichtigen Stoffe erzielen konnte. Hatte aber anfangs Notwendigkeit, die gewollten Einheiten in ein Gericht unterzubringen, vielleicht auf dessen gastronomische Vollkommenheit gedrückt, ging jetzt auf Spaziergängen Napoleons Phantasie der erklügelten Platte von allen Seiten zu Leibe, wie ihre Schmackhaftigkeit und Anrichtung auf die höchste Höhe zu bringen sei. Und da ihm ein über das andere Mal die Hitze des Entdeckerglücks ins Gesicht stieg, fixierte er endgültig die Gerichte, mit denen er künftige Menschen aus der Schwächung durch den Krieg zu frischem Leben führen wollte.
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Der Erfolg an der wiedereröffneten Stelle war nicht so überraschend und bedeutend wie das erstemal. Schon nach wenigen Tagen stellte der Wirt fest, er hatte es mit lauter Unbekannten zu tun, die nicht Empfehlung, sondern Zufall und Laune zu ihm geführt. Der riesige Kreis seiner alten Gäste war vom Erdboden verschwunden. Doch stählte diese Erkenntnis seine Kräfte, da ihm einleuchtete, es brachten die Neulinge auf Grund liebgewordener Gewohnheiten keine Voreingenommenheit mit. So verließ er Monate die Küche nicht, wo er mit Anspannung aller Kräfte die gewonnenen Grundsätze in die Tat umsetzte. Vor allem mußte er die Köche von der Richtigkeit seiner Ansichten überzeugen, daß die nötige Herzenslust zur Arbeit ihnen nicht fehlte. Erst als unten die Wirtschaft geregelten Gang ging, betrat er die Räume des Restaurants wieder und suchte Fühlung mit den Gästen.
Vom Ton zwischen ihnen und den Kellnern ward er zuerst betroffen. Es gab keine Unterhaltung über die zu wählenden Speisen, nicht einen Scherz, kein interessiertes Hin und Wider. Kurze Kommandos flogen. Der Bedienende, geneigten Hauptes stumm, machte kehrt. Man aß schnell, ließ sich nicht mit Behaglichkeit nieder. Kaum, daß man die Kissen drückte. Zur Verdauung gab sich niemand Zeit. War der letzte Bissen genossen, fuhr der Gast in die Höhe und verschwand. Rote Köpfe, fettgeränderte Lippen, müde Scheitel, die sich in die Sofarücken lehnten, Hände, mit geschwollenen Adern aufs Gedeck gebreitet, sah Napoleon nicht mehr. Es wehte nicht der Atem einer allgemeinen glückseligen Sattheit nach Tisch und des Dankes gegen Gott und den Wirt durch den Raum. Steif und gereizt fast saß der Kauende und vermied, auch nur von sich fortzusehen. Das war nicht ein geänderter Kundenkreis, das war das Gesicht einer anderen Welt, erkannte Napoleon.
Es war klar: andere Ideale herrschten in neuen Menschen. Der Krieg hatte die Machthaber von ehemals vernichtet. Es saßen nicht mehr die Glieder alter Familien an seinen Tischen, die in oft jahrhundertelangem Ringen Ansehen und Vermögen an sich gebracht und es zu brauchen wußten; er bediente nicht mehr die dreifache Aristokratie des Adels, ererbten Reichtums und des Geistes. Hier trat eine Rasse auf, die durch den Umsturz aller Verhältnisse an die Oberfläche gespült, behend zugegriffen und in der allgemeinen Verwirrung, bei einer sentimentalen Erschlaffung der Besitzenden, sich übermäßig und skrupellos bereichert hatte. Den Sack voll Gold, saßen sie unkundig seines Verbrauchs, gierig, die Allüren der Wissenden sich anzueignen, elend und leer mit der einzigen Geste schweigender Abwehr. Stumm und in der Bewegung beherrscht, konnten sie für unterrichtet gelten. Sprachen sie, wurde ein Wirken der Glieder notwendig, klappten sie zu völliger Ohnmacht zusammen.
Nachdem er aber eingesehen, die Zurückhaltung der Gäste sei in einem Zuwenig begründet, ließ er seine beherrschte Unterwürfigkeit und ging langsam, doch eindringlich zum Angriff gegen die maskierte Gesellschaft vor. Wie ein Dieb brach er in gepanzerte Unnahbarkeit, legte ein harmloses Sätzchen als Köder vor und amüsierte sich göttlich, ließ der geschmeichelte Heraufkömmling sich aufs Eis überkommener Begriffe locken und legte eine geradezu erbarmungswürdige Blöße an den Tag. Hatte er hinter undurchdringlicher Maske jemandes Vertrauen gewonnen, ließ er den Getäuschten das eigene Selbstbewußtsein ausbreiten, das sich fast immer stützte auf alberne, mit Emphase vorgetragene Gemeinplätze über den Krieg, Heldentaten, die der Betreffende irgendwie während des Feldzugs vollbracht haben wollte; dann kamen Napoleons Einwürfe aus dem Schatz des Herkommens, Namen ausgezeichneter Menschen der Vergangenheit, bedeutender Erfindungen, irgendeiner Geistesgroßtat. Am höchsten hüpfte sein Herz vor Freude, konnte er durch einen einzigen Kulturbegriff, den er wie einen spitzen Pfeil dem Gegner in die Parade flitzte, diesen bis auf die Haut entlarven.
Nun fing des Abends im Bett ein Gekicher an, das grausamer und schonungsloser war, als jenes einstige Lachen mit Valentine über Narrheiten einzelner Zeitgenossen vor dem Krieg. Hier fand Napoleon eine ganze Welt närrisch; ihren einzigen Ehrgeiz, Geldgewinn und Beurteilung des Menschen nach seiner Eignung dazu, über das Maß abgeschmackt und kahl. Während seine Geschäfte noch gut gingen, sah er schon die Kluft sich auftun zwischen einer modernen, rein merkantilen Weltauffassung und dem eignen Universalismus. Mit Ergriffenheit spürte er, wie zum erstenmal er hier von Valentine sanft sich schied. Er wußte, auch für die schrecklich veränderte Welt hätte sie nur gutmütigen Spott gehabt, in ihm aber kam von Tag zu Tag stärkere Empörung herauf, die ihn schließlich völlig beherrschte.