Part 7
Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten die Kenntnis ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben, einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt: »So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt, entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten. »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,« fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen; da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß.
Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das uns sticht?«
Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.«
So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar Sekunden lang den Atem an.
Unser aller?
Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung, so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh, Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst.
»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote. ›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach' euch keine Flausen vor. Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten.
Die Sonnenblume
»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte das Ei, das er in Händen hielt, so heftig auf den Frühstückstisch, daß seine Schale weithin splitterte, »vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier vor.«
»Woher weißt du das?«
»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? Und das sogenannte Rauchfleisch ist auch schon dürr wie Holz.«
Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten auf den Fußboden und zertrat sie.
»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«
Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um die Fleischatome einzusammeln. Als er sah, daß sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher, bereits damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich in die Tasche.
»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«
»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land ist anderswo auch schön, man muß nicht gerade im allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«
Er stand auf und reckte sich.
»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim ›Löwen‹ den Magen wieder auskurieren. Ja, sieh mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen Motiven leben. Apropos Motiv, ich habe ein wundervolles Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir heute mal mit mir an.«
Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund und ging.
Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich allein sah.
Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis der Arbeit preiszugeben, es zu pöbelhafter Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines anderen Augen gesehen haben, noch den geringsten Wert besitzen könnte. Er nahm sein Handwerkszeug und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden war.
Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer Zeit ein vereinzelt liegendes Häuschen aufgefallen, dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten ließ.
Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, dessen Zaun an eine grünversumpfte Wasserstraße grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der Schweinekoben. Nichts lebte in der Einsamkeit als die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch aufgereckt, daß ihr Stern das schwarze Schindeldach erreichte.
Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen Farben fesselte des Malers Auge. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin des Häuschens daheim zu finden.
Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen Küche herumhantierte, hatte auf alle seine Worte nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«.
Er bat. Fünf Sitzungen -- nur vier -- nur drei, er verdoppelte die Zahlung.
Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«.
Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie drängte, wies sie ihm die Tür.
»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst hol' ich die Polizei, Fie Verheest läßt nicht mit sich spaßen.«
Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das Verbot hatte das Verlangen aufgereizt. Was nur ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.
Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die Alte war daheim, er hörte das Klappen ihrer Holzschuhe.
Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das morsche Holz. Und so ein altes Weib ist leicht überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief er davon.
Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. Das Lärmen mit dem Hund, das Fluchen über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten Rosinenreis.
Als er abends heimkam und mit behaglicher Zufriedenheit seine Arbeit zeigte, einen Allerweltskanal, mit Allerweltsgeschicklichkeit breit hinuntergestrichen, fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen Freund.
Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. Alle seine Skizzen hatte er hervorgeholt, sie in selbstquälerischer Stimmung mißlungen und geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.
Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich in seine Seele. Die Sonnenblume, zu der ihn anfangs nur Form und Farbe lockte, war ihm ein Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude im grauen Einton der Alltäglichkeit.
Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, das Wiegen ihres schlanken Stengels. Ihm war, als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im Herzen nie mehr etwas leisten.
Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, während er mit Hubert den gewohnten Abendgang nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn, während er rauchend und schweigend zwischen den rauchenden, schweigenden Bauern saß. Und auf dem Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. Daß Mefrouw Verheests Eigensinn ihm die Arbeit töte.
»Fie Verheest, die verrückte Fie?«
»Du kennst sie?«
»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch Unglück menschenscheu geworden und furchtbar fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll ich mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange beim Malen zugesehen. Bei der Gelegenheit hab' ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind wir gute Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger nicht.«
Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann kam die Botschaft.
»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr Gitter.«
»Und Hubert, höre -- du besuchst mich nicht, nicht wahr?«
»Fällt mir nicht ein.«
So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls Glück noch manche Wolke.
Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei Stunden dürfe er nicht bleiben, dann müsse sie aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem Besitztum.
Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst wieder ungeschehen machen, war doppelt unausstehlich. Bei Tisch vergaß er sich so weit, das Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.
»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.«
Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser neuen Schmach für ihre Küche erfuhr, war keine Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.
So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so hastig, als es ihm seine aufmerksame Art erlaubte. Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen, nun legte er die Farbe an.
Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des Vorwurfs. Den äußerlichen; was für Töne saßen in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. Den lachenden Triumph des Lebens in dem schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle Sonne der erblühten Blume.
Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen haben über der Beschäftigung, ihr Haus zu säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie umhergehen, bürsten, plätschern und reiben.
Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, dem ein Hundebellen folgte und der Ton von Huberts Stimme.
Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott aus allen Zottelhaaren triefend, auf der reingeseiften hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen hinter ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu wehren.
»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber leid. Hier habt Ihr einen Gulden, kauft Euch Seife zu einer neuen Wäsche.«
Zu Crystoll sagte er:
»Das Tier hat gerade ein Bad genommen im Kanal und hat dich im Vorbeigehen aufgespürt.«
Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging er in den Garten, zitternd vor der Strafe, die ihn für Scotts Verbrechen treffen würde.
Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, zu waschen und zu bürsten und sah nicht auf, als Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld auf ihre Lade legte.
Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei Freunden an dem arbeitslosen Sonntag. Zum erstenmal in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends mit zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen Fies Häuschen nahte, schlug ihm das Herz, als wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.
Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß sogar vergnügter als gewöhnlich.
Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich die Augen. Er war wohl falsch gegangen. Das war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere Winkel.
Auf einmal wußte er's.
Er stürzte in die Stube.
»Wo ist die Sonnenblume?«
»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir die fremden Hunde nicht mehr das Haus versauen.«
* * * * *
Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den Tisch für sich allein gedeckt.
»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat er einen Zettel hingelegt.«
Hubert las.
»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten oder unsere Freundschaft. Ich ließ den Hund am Leben.«
»Oh du!«
Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. Er hatte, auch als das Zimmer wärmer wurde, nicht seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, die er darunter birgt. »Oh du!« Er sprang Mark Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke. »Du Mittelmaß, du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den Kern der Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche krabbelst du herum. Du wirst noch lange vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine Rolle aus der Tasche. »Willst du den letzten Willen hören von einem, den sie zur Strecke gebracht haben, der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den Boden. Hinter ihm krachte die Tür ins Schloß. Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie umdrängten mich.
Die Anderen
_Personen_:
Kyll Broß Truck Ein Mädchen Ein Kellner.
Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte Raum eines Kaffees. Alle Tische verlassen. Der _Kellner_ ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind ausgedreht. Nur an dem Tisch, an dem _Kyll_ und _Broß_ sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei Gläser, eine Aschenschale mit Zigarren- und Zigarettenstummeln gefüllt. _Kyll_, 26 Jahre, schmächtige Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr blaß. Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre schwarze Haare, nervös zuckende Lippen. _Broß_, 27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue Augen, Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen eines =Commis voyageur=.
_Broß_ (legt die ausgebrannte Zigarre auf den Aschenbecher): Also gute Nacht, Herr ... (Er sucht den Namen.)
_Kyll_ (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): Sie wollen schon fort?
_Broß_: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin die einzigen.
_Kyll_: Gottlob -- ich atme auf. Endlich sind sie weg -- die Feinde.
_Broß_ (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, Sie kennen hier keinen einzigen.
_Kyll_ (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das Gefühl, daß sie alle unsere Feinde sind, die anderen, die außer uns noch auf der Welt sind?
_Broß_ (auflachend): Nein, wirklich. So was ist mir noch nie eingefallen.
_Kyll_ (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in den Haaren wühlend, düster): Auf mir lastet der Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede Freude. Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.
_Broß_ (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit ganz ernst): Aber wieso denn? Was können Ihnen denn ganz wildfremde Leute tun?
_Kyll_ (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.) Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt, jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.
_Broß_: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und Bettelei?
_Kyll_ (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich. Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut, alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen, ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.)
_Broß_: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie sollten Brom nehmen.
_Kyll_ (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder Stunden -- im Frühling -- die Sonne scheint -- verhalten, wie wenn die Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald -- es riecht so untereinander -- nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme auseinander -- mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir auf -- ich hab' es gefunden -- endlich -- das Erhabene, das noch niemals Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte, Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink -- von all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben -- die verfluchten anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.)
_Broß_ (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.
_Kyll_ (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist notwendig wie -- Schmerzen -- Krankheit -- wie das Leben selbst. Aber man könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären. Das müßte sein -- Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen haben, der kein anderer ist.
_Broß_ (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?
_Kyll_ (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer.
_Broß_ (verletzt): Erlauben Sie --
_Kyll_ (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus dem Gesicht, daß Sie nichts im Sinn haben als Geschäftemachen -- Geldverdienen.
_Broß_ (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!
_Kyll_ (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen bin, sind Sie mir deshalb aufgefallen. Ich habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der nicht anders ist, als wie er scheint.
_Broß_ (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): Legen Sie darauf solchen Wert?
_Kyll_ (ohne auf die Unterbrechung zu achten): Wie ich noch jung war, habe ich gemeint: einen Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht für mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener geworden. Nur für Jahre habe ich mir's verlangt -- nur für Monate -- für Wochen -- Stunden. Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich suche nach einem Menschen, der nicht doppelgesichtig ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' -- ich suche. --
_Broß_ (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen mit Weibern gemacht, daß Sie so mißtrauisch geworden sind.
_Kyll_ (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, von diesem Trugbild unserer Phantasie.
_Broß_ (ordinär): Da haben Sie recht. Was Frauenzimmer heißt, lügt und betrügt.
_Kyll_: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist nur sein tragisches Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt der Mannesillusionen ist. Immer wieder -- immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an die Erfüllung seiner höchsten Sehnsucht, an das Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen. Und weiß doch -- müßte es doch wissen -- daß es in wenigen Sekunden für ihn ein anderes sein wird -- ein fremdes, das ihn belästigt.
_Broß_ (mit gemeinem Auflachen): Also -- was das betrifft ...
_Kyll_ (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, mit Tränen in den Augen): Zwei Menschen, die füreinander keine anderen waren. Das war das Paradies. Die Schlange war die andere. Das erste Wort, das Eva mit ihr gesprochen hat, war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug und Heuchelei verdammt.
_Broß_: Einfälle haben Sie, Herr ... (Er sucht nach dem Namen.)
_Kyll_ (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen fängt der Paradieseszustand wieder an. Mutter und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und lange noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das fürchterliche Anderssein dazwischen drängt.
_Broß_ (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf der Welt.
_Kyll_ (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): Es ist ihr Fluch. Und es ist gegen die Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen, dieser Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt -- wenn man an einen Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt hat und man sieht ihn plötzlich unter anderen, verwandelt, unecht, ein ganz anderer. (Verzweifelt.) Gott! _Einen_ Menschen finden, den ich achten kann! _Eine_ Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen dürfte, ohne eine Täuschung zu entschleiern.
_Broß_ (steht auf und will nach seinem Paletot langen): Sie nehmen das zu tragisch, Herr ... (Er sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine Engel.
_Kyll_ (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): Meinetwegen Teufel, Tiere. Aber sie -- sie selbst. Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie entgehen ihm nicht; warum verbergen sie ihn also?
_Broß_ (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, ablenkend): Die wenigsten Menschen denken so wie Sie.
_Kyll_ (immer wilder): Warum? Warum? Alles verfault in ihnen, alles ist vergiftet. Selbst mit sich selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden, woran sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. Sich selbst belügen sie.
_Broß_ (über Kyll hinweg nach seinem Paletot langend, ungeduldig): Gott, Sie werden das nicht ändern.
_Kyll_ (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber ich ertrag's nicht länger. Ich kann nicht länger unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich nach einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen heuchlerisches Lächeln sich zu Spott verzerren. Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt ganz hart an Broß heran, mit wild flackernden Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl auseinanderreißen, der mir gegenüber sitzt, das Herz möchte ich ihm zerfleischen, um zu wissen, was er denkt und fühlt.