Part 10
Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. Und doch lebendig. Gerad' wie wenn die Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz leise reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, hat sich der Baum mit seiner Krone und mit seinen Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und die Sterne haben wie goldene Augen durchgeschaut. Und wenn auch kein Mondschein war, ganz finster ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes Licht von irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind aufgestanden ist und hat den Wald geweckt. Ganz verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. Und immer lichter ist es in der Luft geworden, bis auf einmal der Himmel ganz in Flammen war. Wie ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen, und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. So, hat der Josef sich gedacht, mag's an dem Tag gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, Fliegen, Wehen um sich her verstehen könnt', wie wenn er auch nichts anderes wär' wie ein Eichkatzel, ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm zumut gewesen. Er wär' am liebsten hingekniet und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke dir. Ich bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit da ist, werd' ich getrost wiederum in dich hinübergehen.«
Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang' zu leben hat. Jetzt aber ... in der Bangigkeit der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein Schrecken würgt ihn -- wie wird es ihm ergehen? Gibt es vielleicht doch Fegfeuer und Hölle -- wird er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber beutelt ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, seine Zähne schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt er die Finger ineinander:
»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schuld.« Und immerfort dasselbe: »Vergib uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie ein Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. Er bäumt sich auf, er fuchtelt mit den Armen in der Luft ...
* * *
Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um die Kathi Leitgeb nicht zu übertönen, die schüchtern, in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst, die Verkündigung des Engels singt:
»Hirten! Wachet auf! Hirten! Wachet auf! Eilt hinunter in das Tal, Und dann schauet in den Stall; Denn geboren ward Dort ein Kindlein zart, Das von Adams Sündenfall Euch erlöset all.«
Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der in dem Klang von unschuldigen Stimmen liegt, antwortet der Chor der Cherubim:
»Ehre sei Gott in der Höhe! Lieblicher Friede Sei aller Welt!«
... Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund beruhigt sich in einem weichen Lächeln.
Der Baum ... er liegt darunter ... die Krone wölbt sich wie das Dach von einer Kirche ... die Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz deutlich kann er nicht verstehen, was die Vögel in den Zweigen singen, er fühlt nur, wie etwas unsagbar Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines Wesens fällt ...
* * *
Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte Violinenton verzittert auf den Saiten.
Da zupft sie etwas.
»... Ja? ...«
»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi, »komm, dem fremden Mann ist schlecht.«
Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester ganz vergessen. Längst müßte er oben sein. Es ist schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie geht hinüber.
Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel. Ganz klein ist er geworden. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Verklärung liegt auf seinen Zügen.
Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er eingeschlafen.
Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue Dämmerung überkroch den Horizont. Im Hause kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall gegangen sein. Uns fröstelte.
Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer Nachtherberge überschritten hatten, wechselten wir, wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen Händedruck. Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder in seine unbekannte Zukunft.
Verlag von Paul List in Leipzig
Demnächst erscheint:
Lena Christ
Bauern
Bayerische Geschichten
Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene Vielseitigkeit des Schauens und Schilderns, heiliger Ernst und lachender Humor sind Lena Christ wie wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt sie in der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der heraus ihr das zarteste Stimmungsbild wie der derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten. Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern und Volkstum geschrieben worden ist.
Mit mehrfarbigem Umschlagbild
Verlag von Paul List in Leipzig
Verlag von Paul List in Leipzig
Ferner im Erscheinen:
H. von Mühlau
Das Glück nach der Liebe
Roman
Geheftet ca. M. 7.--, gebunden ca. M. 9.--
Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Es behandelt das heute im Vordergrund des Interesses stehende Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig so gänzlich veränderte soziale Stellung. In eigenartig fesselnder Weise gestaltet die Dichterin ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit.
Mit mehrfarbigem Umschlagbild
Verlag von Paul List in Leipzig
Verlag von Paul List in Leipzig
Ferner im Erscheinen:
E. Bonn
Die Mündung
Roman
Geheftet ca. M. 7.50, gebunden ca. M. 10.--
Robert Kohlrausch
Das große Geheimnis
Roman
Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
Mit mehrfarbigen Umschlagbildern
Verlag von Paul List in Leipzig
Von
Auguste Hauschner
erschienen früher:
Romane
Abschied -- Lehrgeld -- Kunst -- Zwischen den Zeiten -- Die Familie Lowositz -- Rudolf und Camilla (2. Teil der »Familie Lowositz«) -- Die große Pantomime -- Die Siedelung -- Der Tod des Löwen
Novellen
=Dr.= Ferenczy -- Die Unterseele -- Daatzes Hochzeit
Dialoge
Frauen unter sich (Zwölf Gespräche)
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 2: "verklammte" geändert in "verklemmte" (verklemmte Türen aufzureißen)
Seite 72: "," eingefügt (die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er) ]