Nachtgespräche

Part 1

Chapter 13,542 wordsPublic domain

Die Bücherlese

Nachtgespräche

von

A. Hauschner

Verlag Paul List -- Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

=Copyright 1919 by Paul List, Leipzig=

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig

Nachtgespräche

Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach Wien. Der graue Tag war vorzeitig in die Nacht hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten Bäume, die rechts und links den Zug umsäumten, fiel durch die trüben Scheiben ein unsicheres Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige gepfercht, ohne Rücksicht auf die Vorrechte, die sie ihrem Fahrschein dankten. Neben der Dame der Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen den Bänken, auf den Gängen drängte sich die Menge in unerwünschter wahlloser Gemeinsamkeit. Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, schleppte eben die Maschine ihre schwere Fracht über eine kleine Steigung. Oben angelangt, wollte sie die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung sich bäumte, aufklirrend nach rückwärts warf. Grell schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie sie Rauch und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. Sie stand still. Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung bekundete sich in der eingekeilten Menschenmasse. Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es einigen geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. Wer konnte, kletterte hinunter, von oben wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die Unruhe hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten kamen, Aufklärung verbreitend: Fahrtunterbrechung. Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug entgleist.

Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des Bahnkörpers, Aufreißen der Schienen, begegneten dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin mußte die Mitteilung zu denken geben: es stehe jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. Der Zug werde auf ein totes Gleis verschoben, wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.

Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender an, die einem schlechten Nachtquartier den Vorzug stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und dichter Menschennähe gaben.

Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf dem hartgefrorenen Bahnsteigboden. Soweit das Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern kräftig genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. Nur hier und da gegen das Massiv der Nacht ein Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen vorüberflöge. Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts abbiegenden Feldweg ein. Wortkarg marschierten wir, die erstarrten Finger von der Last des Handgepäcks zerschnitten.

»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, unscheinbar, der Giebel saß auf dem Erdgeschoß wie eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei umherlaufenden Hund zu einer wütenden Begrüßung. Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu. Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen die Verhandlungen mit dem Besitzer, der, unwirsch, eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang mit seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl der Brotschnitten berechnen, die zu beschaffen wären, um so vielen Eßwerkzeugen zu genügen. Erst die Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer, den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den langsam ausgehöhlten Widerstand. Das Fremdenzimmer wurde aufgeschlossen, der Bauch des Kachelofens mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch kleine elektrische Laternen, den Taschen einiger der Reisenden entnommen, das Dunkel notdürftig aufgehellt.

Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen wir wenig während unserer emsigen Geschäftigkeit. Erst als der Tisch, in das mittlerweile angewärmte Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit freiwilligen Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, bemächtigte sich unserer, die wir uns um ihn gesellten, trotz der Verschiedenheit der Elemente, das Gefühl einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem wir uns gelobten: keiner soll den Namen des anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, wir können in diesem Dämmerlicht kaum unsere Züge unterscheiden. Laßt uns auch nicht wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen wir für eine Nacht der Wirklichkeit.

So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns Sicherheit und Wunsch, etwas von uns auszusagen. Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte zu ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den Erzählungen, mit denen wir die Stunden der Gefangenschaft verkürzten?

Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste meines Lebens. In der Gesellschaft von Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und dem Anbruch eines neuen Morgens, wie durch offene Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken und sie auf dem Wege einer inneren Erschütterung begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein Gedächtnis machte, habe ich in den nächsten Wochen aus der Erinnerung, Form und Zusammenhang gegeben. So ist dieses Buch entstanden.

Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, einen Vierschrötigen mit nachlässiger Haltung. Er sagte lächelnd:

»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein Prager. Da hat man sich sein Lebtag mit seinen lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, und es ist immer allerhand passiert. Ich hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst noch miterlebt, ehe ich auf immer weg bin aus meiner Vaterstadt.«

Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander und schlug ein Blatt aus der Geschichte seines Landes vor uns auf.

Panik

Eine Prager Geschichte

Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu. Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten sie weiter.

In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es war ja auch kaum glaublich: die =česka spořitelna=, die große, reiche Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da noch andere Sicherheiten -- bei der Kirche! -- als bei diesen Hunden, den verfluchten Deutschen ...

Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen. Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte, um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch, um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn Überfluß in der Wüste ihrer Not.

Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte: »Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon beinah' leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem Geld von armen Leuten!

Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind Millionen draufgegangen.

Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen. Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus erreichen, zu dem alle hindrängen.

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Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel, wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.

Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!« »Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille. Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit.

Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.

Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung. Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.

Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß. Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie, von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und müssen warten.

Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.

Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt.

Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen. Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal sich für sie dahinter vorbereite.

Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen. Und muß warten, als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen.

Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und Gerüchte.

»Hör' ich, sind die Kassen leer.«

»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich berühmen, stehen nur auf dem Papier.«

»Alles haben sie verspekuliert.«

»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«

»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind dreißig Millionen draufgegangen.«

»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten hat man aufgeholfen. Deutschen Studenten hat man Geld geschenkt und große Häuser.«

»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben diese Schweinehunde sich gemästet!«

»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht gehört. Wo das ihnen von Kaiser Franz geschenkt ist, daß es armem Volk zugute kommt!«

Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach und nach verstärkt, hallt durch die Straßen. Die Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten. Allerlei Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen Würsten, Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen Fischen. Und durch die Kette der Berittenen kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen Röcken, unrasiert und ungewaschen, manche noch im Schlafrock mit Pantoffeln. Wie Geier, die Beute wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich an die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre Aufregung und Angst; flüstern ihnen zu, daß die Sachen schlecht stehen; daß sogar die deutschen Einleger schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß sämtliche Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; daß sich heute nacht einer von den Direktoren erschossen hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von Tür zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen sich die Büchel zeigen, schütteln bedauernd die Köpfe, weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf zu kriegen sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe erbötig, die wertlosen Dokumente für ein Geringes einzulösen.

Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter wollenen Hauben, um die fetten Hängebrüste buntkarierte Umschlagtücher, machen sich an junge Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für Stellungen zu werben, deren Vorteile sie lockend schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, um zur Tanzmusik zu gehen und sich zu unterhalten.

Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem Pflaster auf und ab, lauern dem Mannsvolk auf; wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden kennenlernen will ...

Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten umwogt das Gebäude, das grau und düster, mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein Fels, den der Gischt der Brandung nicht erreicht.

Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet, ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden.

Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln.

Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung. Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber, die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken, sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur fürchterlichen Spannung.

Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere, die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch vergessen.

Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt, sie nicht verschütte.

Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will, zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder.

Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen.

Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei.

Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine Falle locken wolle.

Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu beleben.

Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen. Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.

Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten. Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre fieberhafte Angst.

Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott, das Elend.