Nachbarsleute

Part 3

Chapter 33,633 wordsPublic domain

»Nichts für Weiber!« war die Antwort, und da schaute nun die gute Witwe Holdenried dem über die Treppe hinab Polternden in banger, aber ungestillter Neugierde nach und faltete die Hände ineinander, wie es die Frauenzimmer in solchen Lagen tun.

»Jessas na! Also seit zwei Täg' is keine Ruh und kein Fried mehr im Haus ...«

Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister Widmann, welche durch den lauten Abstieg Mühlritters in Argwohn versetzt worden war, aus ihrer Wohnung.

»Was gibt's denn, Frau Holdenried?«

»Denken S' Ihnen nur, g'rad jetz is der Inspektor dag'wes'n und hat nach 'n Herrn Pfaffinger g'fragt ...«

»Der Mühlritter?«

»Ja, und wie der ausg'schaut hat, sag' ich Ihnen, und wie der g'fragt hat ... na ... das is grad, als wenn mein Zimmerherr kein Ruh' mehr krieg'n derf ...«

Frau Widmann kam nach oben und stand lange bei ihrer Hausgenossin und tauschte mit ihr die schlimmsten Befürchtungen aus.

Aber das war an diesem Tage das Los aller Dornsteiner, dieses Leben in Angstzuständen.

Als Anton Gumposch, den Hut tief in die Stirne gedrückt, nach Hause ging, befiel ihn ein Gedanke, der seiner Gewissenhaftigkeit und allgemeinen Fürsorge angemessen war.

Wie? Wenn er sich getäuscht hatte? Wenn der junge Mensch die Last der Verachtung als zu groß befand und im letzten Augenblicke den Forderungen der Ehre Gehör schenkte?

Mußte nicht zum wenigsten die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden?

Und wer sollte sie ins Auge fassen, wenn nicht er?

Die Verantwortung, die so mit einem Male vor ihm stand, hob beinahe alle Nachwirkungen des Frühschoppens in ihm auf, und er vermochte sich Rechenschaft zu geben über die Reihenfolge der Pflichten, die ihm bevorstehen konnten.

Einen Platz auswählen, Fuhrwerke besorgen, einen Arzt ins Vertrauen ziehen, nun natürlich ... einen Arzt um Beistand ersuchen, drei Kutschen bestellen, einen Platz aussuchen ... einen Arzt ... Da lag nun wieder einmal, wie so oft schon, alles auf seinen Schultern, die anderen redeten und ließen sich's weiter nicht kümmern, bloß er natürlich hatte die Arbeit, die Lauferei, die Sorge.

Er war zu Hause angelangt und stellte sich vor den Spiegel und sah kummervoll in das blaurote Antlitz, welches ihm mit verschwommenen Augen entgegenblickte.

»Wer dankt dir's eigentlich, Toni?« fragte er wehmütig. »Und was hast du davon? Scherereien und Ärgernis, jawohl, und zuletzt Undank ...«

Als er so fast in Schmerz versinken wollte, fiel sein Blick auf die Pistolen, die an der Wand hingen, und sogleich fand er seine Tatkraft wieder. Freilich! Pistolen brauchte man ja auch, und in ganz Dornstein war vielleicht kein gleiches Paar außer den seinen zu finden.

Er nahm sie herunter, und da sie Rost angesetzt hatten, wollte er sie sogleich zum Büchsenmacher bringen.

Vergessen war jedes lähmende Gefühl.

Er umwickelte die Waffen sorgfältig mit einer alten Zeitung und stand schon eine Viertelstunde später mit seinem Paket unterm Arm in der Werkstatt des Xaver Reindl, der einen Gewehrlauf putzte und dabei Unterhaltung pflog mit Herrn Magistratsrat Trinkl.

Gumposch setzte seine geheimnisvollste Miene auf und erregte die Neugierde des Büchsenmachers durch Nicken und Blinzeln.

Er räusperte sich, gab ausweichende Antworten, trat von einem Fuß auf den andern und zeigte so viel Ungeduld und Heimlichkeit, daß es sogar Herr Trinkl merkte und ging.

»Reindl,« sagte nun Gumposch, indes er dicht vor den Meister hintrat und ihn durchbohrend anblickte, »Reindl, können Sie schweigen?«

»Ja, was glauben S' denn, Herr Gumposch ...«

»Kein Mensch darf nichts erfahren ...«

»Aba Herr Gumposch, i bin do a Mann, der ...«

»Gut, ich verlaß mich auf Sie.«

Bei diesen Worten öffnete Gumposch sein Paket.

»A paar alte Vorderladerpistol'n?«

»Reindl, die Pistolen müssen heut noch herg'richt werden, Lauf, Piston, alles sauber geputzt.«

»Heut no?«

»Es muß unbedingt sein.«

Wieder traf ein durchbohrender Blick den Büchsenmacher.

Der musterte eine Pistole und probierte die Feder.

»Rostig san 's ... no, wenn's sei muaß ...«

»Unbedingt.«

»Aber net, daß i ...«

»Was?«

»Aber net, daß i da in a Schlamassel nei kimm.«

»Wieso denn? Ich brauch die Pistolen zum Übungsschießen. Sie haben sich um gar nichts zu kümmern.«

Der Meister drückte sein linkes Auge zu und schaute Herrn Gumposch vielsagend an.

Der nickte und wiederholte: »Zum Übungsschießen. Hab' ich was andres g'sagt?«

Seine Blicke verrieten freilich, daß hinter seinen Worten ein blutiges Geheimnis lauerte, aber es kam nichts über seine Lippen, und darum konnte Reindl sein Gewissen beschwichtigen.

»Von mir aus,« sagte er, »Sie schaffen's o -- net? Und i mach's -- net? Und es g'hört zu mein G'schäft -- net?«

»Ganz richtig,« entgegnete Gumposch, »und dann bleibt's dabei, ich hol' abends die Pistolen und komm' hinten herein. Adieu!«

»Adjes! Sie ... Herr Gumposch ...«

»Was?«

»Aba net, daß i in a Schlamassel einikimm?«

»Nein, sag' ich. Reden nur Sie nix drüber.«

Er ging.

Der Meister kratzte sich hinter den Ohren und schaute bedenklich vor sich hin. »Sakera! Sakera!«

»Pst! Xaverl! Is der spinnata Deifi weg?«

Reindl wandte sich hastig um. Der Herr Magistratsrat Trinkl war durch die hintere Tür eingetreten. »I bin zu deiner Alt'n eini und hab' g'wart', bis der furt is. Was hat er denn woll'n, daß er's gar so gnädi g'habt hat?«

»Ah ... nix b'sunders!«

»So?« machte Trinkl mißtrauisch und warf flinke Blicke herum.

»Zu was g'hör'n denn de Pistol'n?«

»De? Ah ... de hab i scho lang do.«

»Lüag no net a so, Mannderl! De hat der bracht. Ah, da schau her! Jetzt kam's do no so weit!«

»Was denn?« fragte der Büchsenmacher neugierig.

»De möcht'n den junga Mensch'n frei zwinga zu dera Dummheit! De Spitzbuab'nbande überananda!«

»Red do!« drängte Reindl.

»Ja ... red! Und du muaßt aa no dazua helf'n!«

»I? Zu was?«

»De Pistol'n herricht'n, gel, daß de eahna Duwäldummheit ausführ'n kinna!«

»Was denn für a Duwäl?«

»Du woaßt nix, du Schlaucherl!«

»I woaß aa nix. Mach' halt amal 's Maul auf!«

»So, woaßt d' net, daß de an Pfaffinger Schorschl o'stift'n möcht'n, er müaßt si duwelieren, weil er an Tresser a richtige Pretsch'n geb'n hot, wia 's a si g'hört. Vo dem host du no gar nix läut'n hör'n?«

Reindl pfiff durch die Zähne.

»So? Dös waar's?«

»Ja, dös waar's, und du bist der Dumm' und laßt di in de G'schicht einiziahg'n ...«

»Herrgott, wenn i nix woaß ...«

»Jetzt woaßt d' as, weil i dir's g'sagt hab. Aba wart no, da wer i glei g'holf'n hamm,« sagte Trinkl und nahm mit einem raschen Griff die Pistolen und steckte eine in die linke und eine in die rechte Tasche.

»Wart! De ko si der Hansdampf jetzt bei mir hol'n.«

»Aba Michl!«

»Wos aba? Nix aba! I bin an Amtsperson, verstand'n? Und bal i a Werkzeug siech, wo ein Verbrech'n damit beganga wer'n soll, dös konfiszier i ganz oafach ...«

»Ja, mir is gleich ...«

»Derf da scho gleich sei ... Derfst d' sogar froh sei, daß i di von dera Dummheit z'ruckg'halt'n hab. Dös waar dös wahre, wenn a Bürger aa no zu so was helfat!«

»Wenn i dir sag, daß i nix g'wißt hab!«

»Aber unwissend was hättst du eahm de Waff'n g'liefert. Wurdst scho g'schaugt hamm, Manndei, wia s' di füra zog'n hätt'n!«

»Ja no, du host jetzt de Pistol'n, und mi geht's nix mehr o, bal du sagst, daß du's von Amts weg'n gnumma host ...«

»Hab' i aa.«

»Aba, was soll i denn zu eahm sag'n, bal er kimmt?«

»Zu eahm? Zu dem Gschaftlhuaba? Sagst d' eahm, die Waffe hat der Magistrat an sich gezogen, sagst d'; und bal er a Duwäl hamm will, soll er si a Wurschtspritz'n z' leicha nehma, sagst d' eahm! Pfüat di Good!«

Und in aufrechter Haltung schritt Herr Trinkl hinaus und schritt durch die Gassen Dornsteins, anzusehen wie ein Räuberhauptmann, denn aus jeder Tasche sah drohend ein Pistolenkolben hervor.

* * * * *

Gärung in der Stadt. Die Bürgerschaft, durch einen ihrer Besten in Kenntnis gesetzt und durch Vorzeigung zweier Pistolen zur zweifelsfreien Überzeugung gebracht, daß in den Mauern Dornsteins ein hoffnungsvoller, auch wohlhabender junger Mensch zu einem lebensgefährlichen Abenteuer, ja zu einem Verbrechen gezwungen werden solle, fühlte sich bedroht und vergewaltigt und in ihrem Glauben an die Gesetzlichkeit der Zustände schwankend.

Jeder wußte über Beobachtungen zu berichten, die er in den letzten Tagen gemacht hatte. Der eine war dem Rädelsführer Gumposch, der andere dem notigen Leutnant in der Pfaffengasse begegnet, dieser hatte den Oberamtsrichter, jener den Assessor in die »Post« wandern sehen, ein dritter wußte schon, welche drohenden Reden beim Frühschoppen gehalten worden waren, und die ganze Kette der Verdachtsgründe war geschlossen durch die Entdeckungen, welche Trinkl beim Büchsenmacher zu machen so glücklich war.

Es bestand also eine Verschwörung in dieser friedlichen Stadt, angezettelt von Dienern des Staates und darauf gerichtet, das Blut eines jungen, auch wohlhabenden Menschen zu vergießen und dem Moloch der Ehre ein Opfer zu bringen.

Der Abendschoppen beim Lammwirt glich einer Volksversammlung, und Bäckermeister Schwarz konnte die ganze Zügellosigkeit seines Wesens offenbaren, ohne den geringsten Widerspruch zu finden.

Von Lohgerber Holzböck aber ging eine Anregung aus, die Besseres bezweckte als diese wütende Despektierlichkeit: die Anregung, eine Deputation nach München zu schicken, dem Abgeordneten Hiempsel den Sachverhalt vorzulegen und durch ihn den Landtag zum schleunigsten Einschreiten zu veranlassen.

Dieser Antrag fand außerordentlichen Beifall, und man ging sogleich daran, die geeigneten Männer auszusuchen.

Bäckermeister Schwarz erbot sich freiwillig, als Sprecher dieser Deputation das seinige zu tun, wurde aber von dem Vater der Idee, Herrn Bartholomäus Holzböck, darüber belehrt, daß Männer, die gewissermaßen als Gesandte der hier versammelten Bürgerschaft auftreten müßten, nur nach geheimer Abstimmung aus einer Wahlurne hervorgehen könnten, und man war eben dabei, die dazu nötigen Zettel zu verteilen, als die Tür aufging und -- Georg Pfaffinger an der Seite Hans Mühlritters eintrat. Die überraschende, sonderbare und alle bisherigen Vermutungen zerstörende Erscheinung der beiden wirkte so stark, daß sogleich betretenes Schweigen herrschte.

Man konnte in Gegenwart Mühlritters, der doch aus dem feindlichen Lager kam, nicht in der Wahl fortfahren, man konnte auch angesichts der Gelassenheit Pfaffingers nicht mehr so fest an einen Mordplan glauben, man fühlte sich behindert und unsicher und fühlte auch mit Bedauern, daß eine schönste Gelegenheit zum Spektakelmachen zu entschlüpfen schien.

Die Gegenstände der Aufmerksamkeit setzten sich in offenbarer Harmonie an einen Nebentisch, bestellten Bier und stießen wahrhaftig miteinander an. Da hielt es Trinkl nicht mehr aus!

Er bat den Jüngling, für dessen Menschenrechte er so lebhaft eingetreten war, um eine Unterredung und ging mit ihm an jenen Ort, wo solche geheimen Angelegenheiten mit Vorliebe behandelt werden, und erfuhr nun, daß nichts los sei.

Daß rein gar nichts los sei.

Keine Rede von einer Forderung, einem Duell, einem Mord.

Aber der Gumposch? Der Frühschoppen in der Post? Aber die Pistolen?

Was wußte Schorschl davon? Nichts. Was gingen ihn der damische Gumposch und seine Geschichten an? Gar nichts.

»Aba der Mühlritter? Sie wer'n do mir d' Wahrheit sag'n, Herr Pfaffinger, indem daß mir für Eahna so auftret'n!«

»Natürli sag' i Eahna d' Wahrheit, Herr Trinkl. Überhaupts.«

»Indem daß mir a Deputation auf Minka hamm schick'n woll'n!«

»I tat do Eahna nix verheimlinga, Herr Trinkl!«

»Aba was hat na da Mühlritter von Eahna woll'n?«

»Nix. Oder daß i's richtig sag', er hat mi in sei Lebensvasicherung aufgnumma ...«

»In ...?«

»In sei Boliefia ...«

»Ja ... Herrgott ... und mir strapaziern ins da oba ...«

Gewiß war es merkwürdig. Noch viel merkwürdiger, als ein Bürger wissen konnte, der den Schwur des Junker Hans nicht mit angehört hatte. Aber trotzdem -- es war so.

Sei es nun, daß Mühlritter unter der Einwirkung der starken Weine den Zweck seines Besuches vergessen, sei es, daß er sich bei allmählicher Ernüchterung auf seine eigentlichen Berufspflichten besonnen hatte, Tatsache ist, daß er Herrn Georg Pfaffinger in gewählten Worten die Vorzüge der Assekuranzgesellschaft Bolivia vor jeder anderen gleichen oder ähnlichen Unternehmung vor Augen stellte und ihn, Herrn Pfaffinger nämlich, auch bewog und überredete, seine Unterschrift zu geben, Tatsache ist ferner, daß von einer Forderung oder irgend etwas dem ähnlichen nicht die leiseste Erwähnung geschah. Mit diesen Tatsachen hatte sich, da in Dornstein nichts verborgen bleiben konnte, die gesamte Einwohnerschaft abzufinden, und sie erregten, was hier konstatiert werden soll, allgemeine Zufriedenheit.

Die größere bei dem Beamtenkörper, dessen Mitglieder jene beim Frühschoppen gefaßten Beschlüsse noch am selben Nachmittag heftig bereut hatten, die kleinere Zufriedenheit bei den Bürgern, die schon begonnen hatten, sich in aufgeregten Zuständen behaglich zu fühlen.

Ein einziger Mensch war empört über das unglaublich niedrige Niveau, auf dem sich die Gesellschaft Dornsteins nun ein für allemal zu bewegen schien: Herr Anton Gumposch.

Das Volkslied

Es erwachte damals die Freude am Volkstum, und man konnte überall recht wohl den Drang bemerken, sich von echten, kleinsten Zügen der Volksseele zu überzeugen und sie in gehaltvollen und gewundenen Sätzen wiederum zu schildern.

Neben Wortprägungen, die mit Heimat, Scholle, Erde, Erdgeruch wackere Zusammenhänge fanden, begegnete man herzig schlichten Romanen, die, als Aufgüsse über den würzigen Bodensatz Gottfried Kellerscher Getränke, Farbe und Geschmack annahmen, und begegnete auch heimatliebenden, von jeder peinlichen Tendenz abgekehrten Schulaufsätzen, welche man ehedem Feuilletons genannt hatte. In dieser wonnigen, schollenseligen Zeit bemühten sich auch Berufsmenschen, Perlen im Aktenschutte zu finden, und so nahm sich ein Rechtsanwalt namens _Doctor juris_ Anton Habergais vor, seine mitten in Land und Leute verschlagene Existenz folkloristisch zu verwerten und seltene Lieder zu sammeln. Er glaubte, daß sich ungehobene Schätze genug unter niederen Dächern befinden konnten, und er wollte sie ans Licht ziehen und mit ihrer Naivität ein heimatfrohes Publikum entzücken. Der Gedanke war kaum gefaßt und im vorhinein lieblich verbrämt, als Herr Habergais auch an seine Verwirklichung schritt und sich ein in Leder gebundenes Heft von schönem Büttenpapier kaufte.

Er stellte sich freudig vor, wie er wohl an stillen Winterabenden hier hinein Lied für Lied mit Beibehaltung der ursprünglichen Schreibweise eintragen wollte benebst Anmerkungen unter einem mit roter Tinte zu ziehenden Striche.

Nach etlichen fleißigen Monaten ließ sich dann wohl ein Büchlein daraus formen, welches den Forschern zur Erquickung, anderen aber zur Belehrung dienen mußte. Wie war nun aber das Material herbeizuschaffen?

Der ehedem solchen Zwecken gerne dienstbare Volksschullehrer hatte sich leider im Laufe der Zeiten daran gewöhnt, seine Entdeckungen selbst zu Aufsätzen, zu Heften und Büchlein zu verwerten, und war als selbstloser, höchstens im Vorworte erwähnter Mitarbeiter kaum mehr zu haben. Darum blieb nichts übrig, als unter Umgehung dieses Sammelbeckens sich geradeswegs an die Quellen zu begeben, was ja einem Rechtsanwalt immerhin möglich war.

So kam also Herr Doktor Habergais mit sich überein, von rechtsuchenden Bauern selbst Beiträge zu erbitten.

Ein in seiner Gemeinde Weidach wohlangesehener Ökonom, Jakob Hirtner, genannt Matheiser, kam in seiner Angelegenheit zu Habergais, als dessen Entschluß gerade gereift war.

Nach dem Geschäftlichen ging der Rechtsanwalt zu einem jovialen Ton über, klopfte dem Matheiser auf die Schulter und begann zu fragen.

»Hirtner, nicht wahr, bei Ihnen in Weidach wird doch häufig gesungen?«

»G'sunga?«

»Ich meine die jungen Mädchen, die zum Brunnen gehen, die Burschen auf der Landstraße -- --«

»Brunna?«

»Ja, die Mädchen, die vom Dorfbrunnen Wasser holen -- --«

»Mir hamm ja gar koan Dorfbrunna net -- --«

»Nu also, bei einer anderen Gelegenheit, nach der Arbeit, wenn der Abend sinkt -- --«

»Bei ins hat a jeda selm sein Brunna -- --«

»Ich sage Ihnen ja, die Gelegenheit, bei der es geschieht, ist ganz Nebensache. Ich denke überhaupt an den Feierabend, wenn alt und jung vor den Türen steht -- --«

»Beim Schuastahansl waar scho a Brunna bei da Straß hiebei, aba dersell hat koa Wassa it -- --«

»Ja ... ja ... lassen wir diese Brunnenfrage endgültig fallen. Ich möchte nur in Erfahrung bringen, #was# diese jungen Mädchen, verstehen Sie, Matheiser, #welche# Lieder sie singen.«

»Han?«

»Und Sie sollen mir dabei helfen, Matheiser. Sie sollen mir die Texte verschaffen.«

»Han?«

»Sie müssen mir aufschreiben oder aufschreiben lassen, Wort für Wort, was eure jungen Mädchen singen.«

»I?«

»Jawohl, und ich will Ihnen genau sagen, wie Sie das machen müssen ...«

»Ja, was woaß denn i?«

»Also, passen Sie auf! Nicht wahr, zum Beispiel, Sie hören die Anna oder die Liesel singen ...«

»Was für a Liesel?«

»Irgendeine; ich meine irgendein Mädchen, das nächstbeste Mädchen hören Sie singen ...«

»Bal i aba koane hör'?«

Herr Doktor Habergais sah mit einem gramvollen Zug im Gesichte sein Gegenüber an, und er fühlte, wie eine nervöse Abspannung, ein prickelndes Gefühl den Rücken entlang seinen Eifer vermindern wollte; aber er gab sich einen Ruck, er lächelte, er klopfte Herrn Hirtner mit der flachen Hand auf die Schulter, obwohl sich ihm die Finger krümmten, obwohl sich ihm die Hand ballen wollte. »Verstehen Sie mich wohl, Matheiser, Sie hören schon eine, oder Ihr Nachbar hört eine, oder Ihre Frau hört eine ...«

Habergais sprach jedes Wort scharf und gereizt aus. »Gut also, irgend jemand hört irgendeine« -- es klang wie ein Befehl --, »verstanden, dann gehen Sie zu ihr hin und sagen: Meine liebe Liesel ...«

Hier wollte nun Hirtner doch nicht länger schweigen.

»Was für a Liesel?«

»Herrgott, Mensch! Matheiser, will ich sagen, Liesel, Anna, Marie, ganz wurscht, wie sie heißt; Sie sagen zu ihr: Mein liebes Mädchen« -- Habergais machte hinter jedem Wort eine Pause und schrie das nachfolgende um so lauter --, »mein liebes Mädchen, du hast soeben ein Lied gesungen. Welches ist der Inhalt desselben? Sprich mir die Worte vor, oder, noch besser, schreibe sie mir auf! Das sagen Sie zu ihr! Haben Sie mich jetzt verstanden, Matheiser?«

»Na!«

Der Rechtsanwalt setzte sich und blickte zu Boden, während eine fliegende Hitzwelle von seinem Nacken über die Ohrlappen hinzog, während seine Stirnhaut pelzig wurde, bis dann ein erlösender Schweiß ausbrach.

»Sie haben mich nicht verstanden?«

Die Frage klang heiser.

»Weil Sie sag'n von an Brunna, und weil mi do koan Brunna durchaus gar it hamm ...«

»Ja, wer redet denn noch von einem Brunnen? Ja, wer redet denn noch von einem blöden Himmelherrgottsakramentsbrunnen?«

»Net?«

»Nein! Aber ich will von vorne anfangen. Setzen Sie sich einmal, Matheiser! Da, mir gegenüber -- so! Also lassen wir in drei Teufels ... also lassen wir die Mädchen ... nicht wahr, Ihre Burschen singen doch auch?«

»Bal's b'suffa san, scho ...«

»Nüchtern oder betrunken ... das ist mir jetzt ganz egal ... Matheiser ... jetzt schweifen Sie nicht mehr ab!... Belauschen Sie Ihre Burschen ...«

»Wia?«

»Hö--ren Sie ihnen zu! Hö--ren Sie den jung--en Bur--schen zu!«

»Bal's b'suffa san?«

»Wenn sie sing--en! Nicht wahr?«

»De plärr'n scho a so, daß ma's hört ...«

»Ja -- also, dann können Sie um so leichter tun, was ich meine. Hören Sie ihnen zu und schreiben Sie auf, #was# die Burschen singen ...«

»Schreib'n? Allssammete?«

»Jawohl! Ich will die Lieder sammeln. Ich will genau wissen, was für Lieder sie singen ...«

»Ja ... aba ...«

»Nichts aber. Sie können doch schreiben, nicht wahr ...? Es braucht nicht schön zu sein ... Sie schreiben einfach Wort für Wort auf, und damit Sie es lieber tun, will ich Ihnen für jedes Lied was bezahlen. Verstehen Sie mich jetzt?«

»Ja, guat! I vasteh Eahna ganz guat ...«

»Na, endlich? Und dann sind wir einig?«

»Was kriag i nacha, bal i schreib?«

»Hm ... sagen wir ... für jedes Lied ... hm ... sagen wir fünfzig Pfennige ...«

»A Fufzgerl?«

»Für jedes Lied; wenn Sie mir zum Beispiel sechs bringen, bekommen Sie drei Mark, einen Taler, Matheiser.«

»Aha, an Taler! Na bring i halt sechsi ...«

»Soviel Sie eben hören, nicht wahr? Es können mehr sein, es können weniger sein ...«

»Ja ... ja ... sechsi wern's leicht ...«

»Gut, und damit adieu, Matheiser!«

»S' Good, Herr Dokta!«

Habergais blickte dem Ökonomen nach, lange und sinnend.

Denn hier drängte sich nun auch ein Allgemeines und ein Besonderes der Betrachtung auf. Die schlichte, geradeaus zielende Art, zu denken, welche dem Volke eignet, dieses Festhalten an einer Vorstellung und diese gewisse Unbiegsamkeit der Folgerungen, welche in einer Linie auf einen Punkt hinstreben und nie nach den Seiten hin ausladen. Dieses schien ein Problem zu sein, und zwar ein beachtenswertes.

* * * * *

Tja -- ja.

Übrigens waren seitdem etwa drei Wochen ins Land gegangen, und Doktor Habergais gedachte wohl öfter seines Vorhabens und malte sich nicht ohne Behaglichkeit die literarischen Aufgaben aus, welche ihm die Wintermonate verkürzen konnten.

Er blätterte in dem Hefte aus schönem Büttenpapier und sah im Geiste die Seiten mit reinlicher Schrift gefüllt, die Titel der Lieder in zierlicher Rundschrift in die Mitte gesetzt, dann den roten Strich, und kluge landeskundige Anmerkungen und Erläuterungen darunter geschrieben.

Es konnten sehr lange, begleitende Kommentare werden, wenn man etwas Dialektforschung trieb, über Wortwerte, Wertunterschiede einzelner Dialektformen sich verbreitete, Belegstellen anführte und überhaupt wissenschaftlich verfuhr.

Ob sich der Matheiser noch an sein Versprechen erinnerte?

Es däuchte Herrn Doktor Habergais manches Mal zweifelhaft, aber dann glaubte er doch wieder, daß die Freude am leichten Verdienst den Mann anspornen könnte.

Und wirklich kam eines Vormittags Jakob Hirtner zur Türe herein und holte ein in Zeitungen gewickeltes verknittertes Schulheft aus der Tasche.

»Ha! da ist ja mein Mitarbeiter ... da ist ja der Matheiser! Na, also haben Sie Lieder gefunden?«

»Herr Dokta, i sag's glei, wia's is, schö hab i net g'schrieb'n ...«

»Macht doch nichts!«

»Und ... an Arbeit is dös! Des sell tat i fei nimma! A Markl derfat'n S' no extra zahl'n, a so hab i mi scho plagt ...«

»Darüber läßt sich reden ...«

»D' Bäurin hat aa g'sagt, daß dös koa Macha net is, sagt's, und wei ma mit da Tint'n a so umanandschmiert, sagt's ...«

»Wie viele Lieder haben Sie denn, Matheiser?«

»Sechsi, wia ma's ausg'macht ham.«

»Sechs? Bravo! Das ist schon ein Anfang!«

»Ja, san drei Markl, und oane derfat'n S' no spitz'n, weil d' Bäurin aa sagt, dössell derfat ihr nimma fürkemma ...«

»Na -- gut, Matheiser! Ich gebe Ihnen vier Mark, aber Sie versprechen mir, daß Sie auch weiter für mich sammeln, das heißt gelegentlich ein Lied aufschreiben ...«

»Na ... na! Herr Dokta, dössell konn i durchaus gar it vasprecha, und mit'n Schreib'n hon i's überhaupts it. I tua ma scho so bluati hart, daß 's höcha nimma geht ...«

»No ... no ... Matheiser, so schlimm ist das nicht. Später haben Sie vielleicht selber Freude daran ...«

»Dös glaab i gar it.«

»Da haben Sie vier Mark, und nun geben Sie mir Ihre Aufschreibungen!«

Hirtner nahm das Geld und wickelte das fettige Zeitungspapier auseinander.

»I ho's in a Heft von mein Deandl einig'schrieb'n,« bemerkte er, »müassen's scho entschuldinga, bal's it schö g'schrieb'n is ...«

»Das ist ganz nebensächlich ... nur her damit!«

Doktor Habergais nahm nicht ohne Hast das verschmierte, öl-, tinten- und fettfleckige Heft an sich und öffnete es.

Es war wirklich auf den ersten Blick zu erkennen, daß hier eine ungeübte, schwere Hand gewaltet hatte, aber das gerade verlieh dem Ganzen einen gewissen Reiz.