Part 8
Am Ende des letzten Schuljahrs hatte die Mutter eine Unterredung mit dem Söhnlein, wobei sie zu erkunden suchte, ob er auch wirklich entschlossen und ohne Widerstreben damit einverstanden sei, nun Kaufmann zu werden. Sie traute ihm eher Neigung zu weiteren Schul- und Studienjahren zu. Aber der Jüngling hatte gar nichts einzuwenden und nahm es für recht und selbstverständlich hin, daß er jetzt ein Ladenlehrling werde. So sehr sie im Grunde darüber erfreut sein mußte und auch war, kam es ihr doch fast wie eine Art von Enttäuschung vor. Doch überwog das Gefühl der Beruhigung in ihr und sie sah Walters weiterer Zukunft ohne große Sorgen entgegen. Zwar gab es noch einen ganz unerwarteten Widerstand und ziemlich herben Streit, indem der Junge sich hartnäckig weigerte, seine Lehrzeit im eignen Hause unter Herrn Leipolt abzudienen, was das einfachste und für ihn auch weitaus das leichteste gewesen wäre und bei Mutter und Vormund längst für selbstverständlich gegolten hatte. Doch war das nur eine leichte Trübung. Die Mutter fühlte nicht ungern in diesem festen Widerstand etwas von ihrer eignen Art, sie gab am Ende nach und es wurde in einem andern Kaufhaus eine Lehrstelle für den Knaben gefunden.
Walter begann seine neue Tätigkeit mit dem üblichen Stolz und Eifer, wußte täglich viel davon zu erzählen und gewöhnte sich schon in der ersten Zeit einige bei den Gerbersauer Geschäftsleuten übliche Redensarten und Gesten an, die ihm vom Vater her im Blut lagen und zu denen die Mutter freundlich lächelte. Allein dieser fröhliche Anfang dauerte nicht sehr lange.
Schon nach kurzer Zeit wurde der Lehrling, der anfangs nur geringe Handlangerdienste tun oder zusehen durfte, zum Bedienen und Verkaufen am Ladentisch herangezogen, was ihn zunächst sehr froh und stolz machte, bald aber in einen schweren Konflikt führte. Kaum hatte er nämlich ein paarmal selbständig einige Kunden bedient, so deutete sein Lehrherr ihm an, er möge vorsichtiger mit der Wage umgehen. Walter war sich keines Versäumnisses bewußt und bat um eine genauere Anweisung.
»Ja, weißt du denn das nicht schon von deinem Vater her?« fragte der Kaufmann.
»Was denn? Nein, ich weiß nichts,« sagte Walter verwundert.
Nun zeigte ihm der Prinzipal, wie man beim Zuwägen von Salz, Kaffee, Zucker und dergleichen durch ein nachdrückliches letztes Zuschütten die Wage scheinbar zugunsten des Käufers niederdrücken müsse, indessen tatsächlich noch etwas am Gewicht fehle. Das sei schon deshalb notwendig, da man zum Beispiel am Zucker ohnehin fast nichts verdiene. Auch merke es ja niemand.
Walter war ganz bestürzt.
»Aber das ist ja unrecht,« sagte er schüchtern.
Der Kaufmann belehrte ihn eindringlich, aber er hörte kaum zu, so überwältigend war ihm die Sache gekommen. Und plötzlich fiel ihm die vorige Frage des Prinzipals wieder ein. Mit rotem Kopf unterbrach er zornig dessen Rede und rief: »Und mein Vater hat das nie getan, ganz gewiß nicht.«
Der Herr war unangenehm erstaunt, unterdrückte aber klüglich eine heftige Zurechtweisung und sagte mit Achselzucken: »Das weiß ich besser, du Naseweis. Es gibt keinen vernünftigen Laden, wo man das nicht tut.«
Der Junge war aber schon an der Tür und hörte nicht mehr auf den Mann, der ihn scheltend und drohend zurückrief, sondern ging im hellen Zorn und Schmerz nach Hause, wo er durch sein Erlebnis und seine Klagen die Mutter in nicht geringe Bestürzung und Verlegenheit brachte. Sie wußte, mit welcher gewissenhaften Ehrerbietung er seinen Lehrherrn betrachtet hatte und wie sehr es seiner Art widerstrebte, Auffallendes zu tun und Szenen zu machen. Aber sie verstand Walter diesmal sehr gut und freute sich trotz aller augenblicklichen Sorge, daß sein empfindliches Gewissen stärker als Gewohnheit und Rücksicht gewesen war. Sie suchte nun zunächst selbst den Kaufmann auf und sprach beruhigend mit ihm, obwohl es ihr sauer wurde; dann mußte der Vormund zu Rate gezogen werden, dem nun wieder Walters Auflehnung und Entrüstung unbegreiflich war und der durchaus nicht verstand, daß ihm die Mutter auch noch recht gebe. Auch er ging zum Prinzipal und sprach mit ihm. Dann schlug er der Mutter vor, den Jungen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, was auch geschah. Doch war dieser auch nach drei und nach vier und nach acht Tagen nicht zu bewegen, wieder in jenen Laden zu gehen. Und wenn wirklich jeder Kaufmann es nötig habe, zu betrügen, sagte er, so wolle er auch keiner werden.
Nun hatte der Vormund in einem etwas weiter talaufwärts gelegenen Städtchen einen Bekannten, der ein kleines Ladengeschäft betrieb und für einen Frömmler und Stundenbruder galt, als welchen auch er ihn gering geschätzt hatte. Diesem schrieb er in seiner Ratlosigkeit, und der Mann antwortete in Bälde, er halte zwar sonst keinen Lehrling, sei aber bereit, Walter einmal versuchsweise bei sich aufzunehmen. So ungern die Mutter den Jungen jetzt schon von Hause weggab, konnte sie doch nichts Ernstliches einwenden, und so wurde Walter nach Deltingen gebracht und jenem Kaufmann übergeben.
Der hieß Leckle und wurde in der Stadt »der Schlotzer« geheißen, weil er in nachdenklichen Augenblicken seine Gedanken und Entschlüsse aus dem linken Daumen zu saugen pflegte. Davon abgesehen, war er zwar wirklich sehr fromm und Mitglied einer kleinen Sekte, aber darum kein schlechterer Kaufmann. Er machte sogar in seinem Lädchen vorzügliche Geschäfte und stand trotz seinem stets schäbigen Äußeren im Geruch eines sehr wohlhabenden Mannes. Er nahm Walter ganz zu sich ins Haus, und dieser fuhr dabei nicht übel; denn war der Schlotzer etwas knapp und krittlig, so war Frau Leckle eine sanfte Seele voll unnötigen Mitleids und suchte, soweit es in der Stille geschehen konnte, den Lehrling durch Trostworte und Tätscheln und gute Bissen nach Kräften zu verwöhnen. Vielleicht hätte er das lieber abgewiesen, aber dazu war er zu jung, auch machte ihn in der ersten Zeit das Heimweh schmiegsam und dankbar für ihre Zärtlichkeiten.
Im Leckleschen Laden ging es zwar genau und sparsam zu, aber nicht auf Kosten der Kunden, denen Zucker und Kaffee gut und vollwichtig zugewogen wurden. Walter Kömpff begann daran zu glauben, daß man auch als Kaufmann ehrlich sein und bleiben könne, und da es ihm an Geschick zu seinem Beruf nicht fehlte, kam er rasch vorwärts und war selten einem Verweis seines strengen Lehrpatrons ausgesetzt. Doch war die Kaufmannschaft nicht das einzige, was er in Deltingen zu lernen bekam. Der Schlotzer nahm ihn fleißig in die »Stunden« mit, die manchmal sogar in seinem Hause stattfanden. Da saßen Bauern, Schneider, Bäcker, Schuster beisammen, bald mit, bald ohne Weiber, und suchten den Hunger ihres Geistes und ihrer Gemüter an Gebet, Laienpredigt und gemeinschaftlicher Bibelauslegung zu stillen. Zu diesem Treiben steckt im schwarzwälderischen Volk ein starker Zug, und es sind meistens die besseren und höher angelegten Naturen, die sich ihm anschließen. Außer gelegentlichen harmlosen Unfreundlichkeiten gegen Kirche und Pfarrer ist dabei auch noch selten etwas Schlimmes herausgekommen, und das mit den Fabriken um sich greifende moderne Übel der Verflachung und Seelenlosigkeit hat am Pietismus einen kräftigen und ehrenwerten Feind. Gerade in den Fabriken gibt es manche solche Fromme, die unter Spott und Mißachtung fest bleiben und täglich zu Helden und Märtyrern werden, wovor die aufgeklärten Großmäuler und Schwindelidealisten billig Respekt haben dürften.
Daß es unter diesen wacker strebenden Hungrigen des Geistes nicht an seltsamen und auch närrischen Brüdern fehlt, ist natürlich und schadet der Sache nichts. Immerhin gewann der junge Walter an einigen solchen Käuzen einen zweifelhaften Eindruck. Im ganzen war er, ob ihm auch das Bibelerklären manchmal zu viel wurde, diesem Wesen von Natur nicht abgeneigt und brachte es öfters zu wirklicher Andacht. Aber er war nicht nur sehr jung, sondern auch ein Gerbersauer Kömpff; als ihm daher nach und nach auch einiges Lächerliche an der Sache aufstieß und als er immer öfter Gelegenheit hatte, andre junge Leute sich über sie lustig machen zu hören, da wurde er mißtrauisch und hielt sich möglichst zurück. Wenn es auffällig und gar lächerlich war, zu den Stundenbrüdern zu gehören, so war das nichts für ihn, dem trotz allen widerstrebenden Regungen das Verharren im Üblichen und bürgerlich Hergebrachten ein unbewußtes, aber desto tieferes Bedürfnis war. Immerhin blieb von dem Stundenwesen und vom Geist des Leckleschen Hauses genug an ihm hängen.
Er hatte sich schließlich sogar so eingewöhnt, daß er nach Abschluß seiner Lehrzeit sich scheute, fortzugehen und trotz allen Mahnungen des Vormundes noch zwei volle Jahre bei dem Schlotzer blieb. Viel trug es auch zu seinem dortigen Wohlsein bei, daß er von Deltingen aus mindestens einmal im Monat für einen Sonntag heimfahren und bei der Mutter sein konnte.
Endlich nach zwei Jahren gelang es dem Vormund, ihn zu überzeugen, daß er notwendig noch ein Stück Welt und Handelschaft kennen lernen müsse, um später einmal sein eigenes Geschäft führen zu können. So ging denn Walter am Ende in die Fremde, ungern und zweifelnd, nachdem er zuvor seine Militärzeit abgedient hatte. Ohne diese rauhe Vorschule hätte er es vermutlich nicht lange im fremden Leben draußen ausgehalten. Auch so ging es ihm noch kunterbunt genug und fiel es ihm nicht leicht, sich durchzubringen. An sogenannten guten Stellen fehlte es ihm freilich nicht, da er überall mit guten Empfehlungen ankam. Aber innerlich hatte er viel zu schlucken und zu flicken, um sich oben zu halten und nicht davonzulaufen. Zwar mutete ihm niemand mehr zu, beim Wägen zu mogeln, denn er war nun meist in den Kontors großer Geschäfte tätig, aber wenn auch keine beweisbaren Unredlichkeiten geschahen, kam ihm doch der ganze Umtrieb und Wettbewerb ums Geld oft unleidlich roh und grausam und nüchtern vor, besonders da er nun keinen Umgang mehr mit Leuten von des Schlotzers Art hatte und nicht wußte, wo er die unklaren Bedürfnisse seiner Phantasie befriedigen sollte.
Trotzdem biß er sich durch, arbeitete treulich und lernte viel, und fand sich allmählich mit müde gewordener Ergebung darein, daß es nun einmal so sein müsse, daß auch sein Vater es nicht besser gehabt habe und daß alles mit Gottes Willen geschehe. Die geheime, sich selber nicht verstehende Sehnsucht nach der Freiheit eines klaren, in sich begründeten und befriedigten Lebens starb allerdings niemals ganz in ihm ab, nur wurde sie stiller und glich ganz jenem seinen, stetigen Schmerze, mit dem jeder tiefer veranlagte Mensch am Ende der Jünglingsjahre sich in die Ungenüge des Lebens findet und in dem die reifende Manneswürde oft ihre tiefsten Wurzeln stecken hat.
Seltsam war es nun, daß es wieder die größte Mühe kostete, ihn nach Gerbersau zurückzubringen. Anfänglich hatte ihn zwar in Köln, wo er damals lebte, eine Verliebtheit festgehalten. Allein das Mädchen, um das er sich Mühe gab, wollte nichts von ihm wissen und hätte wohl auch schlecht zu ihm gepaßt. Sie verlobte sich mit einem Einheimischen, und Kömpff hätte allen Grund gehabt, sich jetzt zur Mutter und in die Heimat zu flüchten, da es um seine innere Festigkeit und Lebensfreude übel bestellt war. Dennoch und obwohl er einsah, daß es sein Schade sei, das heimische Geschäft länger als nötig in fremder Pacht zu lassen, wollte er durchaus nicht heimkommen. Es war nämlich, je näher diese Notwendigkeit ihm rückte, eine wachsende und zuletzt fast verzweifelte Angst in ihn gefahren. Wenn er erst einmal im eignen Haus und Laden saß, sagte er sich, dann gab es vollends kein Entrinnen mehr. Es graute ihm davor, nun auf eigne Rechnung Geschäfte zu treiben, da er zu wissen glaubte, daß das die Leute schlecht mache. Wohl kannte er manche große und kleine Handelsleute, die durch Rechtlichkeit und edle Gesinnung ihrem Stand Ehre machten und ihm verehrte Vorbilder waren; aber das waren sämtlich kräftige, scharfe Persönlichkeiten, denen Achtung und Erfolg von selbst entgegenzukommen schienen, und soweit kannte sich Kömpff, daß er wußte, diese Kraft und Einheitlichkeit gehe ihm völlig ab.
Fast ein Jahr lang zog er die Sache hin. Dann mußte er wohl oder übel kommen, denn Leipolts schon einmal verlängerte Pachtzeit war nächstens wieder abgelaufen, und dieser Termin konnte ohne erheblichen Verlust nicht versäumt werden.
Er gehörte schon nicht mehr ganz zu den Jungen, als er gegen Wintersanfang mit seinem Koffer in der Heimat anlangte und das Haus seiner Väter in Besitz nahm. Äußerlich glich er nun fast ganz seinem Vater, wie derselbe zur Zeit seiner Verheiratung ausgesehen hatte. In Gerbersau wußte auch außer seiner Mutter niemand, wie es nun bei ihm aussah, und so nahm man ihn überall mit der ihm zukommenden freundlichen Achtung als den heimkehrenden Erben und Herrn eines respektabeln Hauses und Vermögens auf, und Kömpff fand sich leichter, als er gedacht hatte, in die Rolle eines wohlgeschätzten und ehrenwerten Jungbürgers. Die Freunde seines Vaters gönnten ihm wohlwollende Grüße und hielten darauf, daß er sich ihren Söhnen anschließe. Die ehemaligen Schulkameraden schüttelten ihm die Hand, wünschten ihm Glück und führten ihn an die Stammtische im Hirschen und im Anker ein. Überall fand er durch das Vorbild und Gedächtnis seines Vaters nicht nur einen Platz offen, sondern auch einen unausweichlichen Weg vorgezeichnet und wunderte sich nur zuweilen, daß ihm ganz dieselbe Wertschätzung wie einst dem Vater zufiel, während er fest überzeugt war, daß jener ein ganz andrer Kerl gewesen sei und sich seiner vielleicht jetzt schämen würde.
Da Herrn Leipolts Pachtzeit schon in sechs Wochen abgelaufen war, hatte Kömpff in dieser ersten Zeit vollauf zu tun, sich mit den Büchern und dem Inventar bekannt zu machen, mit Leipolt abzurechnen und sich bei Lieferanten und Kunden einzuführen. Er konnte nachrechnen, daß der Pächter sich in all den Jahren ein kleines Vermögen erworben habe, das er ihm aber gönnte denn er fand das Geschäft in guter Ordnung und leidlicher Blüte. Er saß oft nachts noch über den Büchern und war im stillen froh, gleich so viel Arbeit angetroffen zu haben, denn er vergaß darüber zunächst die tiefersitzenden Sorgen und konnte sich, ohne daß es auffiel, noch eine Zeitlang den Fragen der Mutter entziehen. Er fühlte wohl, daß für ihn wie für sie ein gründliches Aussprechen notwendig sei, und das schob er gern noch hinaus. Im übrigen begegnete er ihr mit einer ehrlichen, etwas verlegenen Zärtlichkeit, denn es war ihm plötzlich wieder klar geworden, daß sie doch der einzige Mensch in der Welt sei, der zu ihm passe und ihn verstehe und in der rechten Weise liebhabe.
Als endlich alles im Gange und der Pächter abgezogen war, als Walter die meisten Abende und auch den Tag über manche halbe Stunde bei der Mutter saß, erzählte und sich erzählen ließ, da kam ganz ungesucht und ungerufen auch die Stunde, in der Frau Kornelie sich das Herz ihres Sohnes erschloß und wieder wie zu seinen Knabenzeiten seine etwas scheue und unstete Seele offen vor sich sah. Mit wunderlichen Empfindungen fand sie ihre alte Ahnung bestätigt: ihr Sohn war, allem Anschein zum Trotz, im Herzen kein Kömpff und kein Kaufmann geworden, er stak nur, innerlich ein Kind geblieben, in der aufgenötigten Rolle und ließ sich verwundert treiben, ohne daß er lebendig mit dabei war. Er konnte rechnen, buchführen, einkaufen und verkaufen wie ein andrer, aber es war eine erlernte, unwesentliche Fertigkeit. Und nun hatte er die doppelte Angst, entweder seine Rolle schlecht zu spielen und dem väterlichen Namen Unehre zu machen, oder am Ende in ihr zu versinken und schlecht zu werden und seine Seele ans Geld zu verlieren.
* * * * *
Es kam nun eine lange Reihe von stillen Jahren. Herr Kömpff merkte allmählich, daß die ehrenvolle Aufnahme, die er in der Heimatstadt gefunden hatte, zu einem Teil auch seinem ledigen Stande galt. Daß er trotz vielen Verlockungen älter und älter wurde, ohne zu heiraten, war -- wie er selbst mit schlechtem Gewissen fühlte -- ein entschiedener Abfall von den hergebrachten Regeln der Stadt und des Hauses. Doch vermochte er nichts dawider zu tun. Auch nachdem der Schmerz um jene frühere Liebe still geworden und eingeschlafen war, ging es nicht besser. Denn nun ergriff ihn mehr und mehr eine peinliche Scheu vor allen wichtigen Entschlüssen. Er mußte fast lachen, wenn er bedachte, daß er eigentlich nun heiraten sollte. Er hatte zu sorgen genug, wie sollte er auch noch ein Familienherr und Vater werden mögen! Wie hätte er seine Frau und gar die Kinder behandeln sollen, er, der sich selber oft wie ein Knabe vorkam mit seiner Herzensunruhe und seinem mangelnden Zutrauen zu sich selber? Manchmal, wenn er am Stammtisch in der Honoratiorenstube seine Altersgenossen sah, wie sie auftraten und sich selber und einer den andern ernst nahmen, wollte es ihn wundern, ob diese wirklich alle in ihrem Innern sich so sicher und männlich gefestigt vorkamen, wie es den Anschein hatte. Und wenn das war, warum nahmen sie ihn dann ernst und warum merkten sie nicht, daß es mit ihm ganz anders stand?
Solche Fragen kamen ihm zuweilen. Aber es dachte kein Mensch daran, ihn etwa nicht für voll zu nehmen und seinem bürgerlich biederen Aussehen und Auftreten irgend zu mißtrauen. Und doch war er in vielem geradezu ein Kind. Obwohl vielleicht in sechs, acht Jahren man ihn gewiß in den Gemeinderat wählen würde, schien ihm das doch unmöglich und lächerlich und kam ihm diese Ehre immer ebenso seltsam, großartig und entlegen vor wie damals, als er noch in die Schule ging und mit Ehrerbietung und Erstaunen davon reden hörte, sein Vater käme vielleicht das nächste Jahr in den Gemeinderat -- lieber Gott! Sie hätten ihn ebensogut zum Papst machen können. Es schien ihm, als spielten alle Leute Komödie.
So hätte er das seltsame Schauspiel eines geachteten, wohlhabenden Bürgers gewährt, dem auf der Welt nichts mangelt als die Hauptsache, nämlich das Zutrauen zu sich selber. Doch sah das niemand, kein Kunde im Laden und kein Kollege und Kamerad auf dem Markt oder beim Schoppen, außer der Mutter. Diese mußte ihn freilich genau kennen, denn bei ihr saß das große Kind immer wieder, klagend, Rat haltend und fragend, und sie beruhigte ihn und beherrschte ihn, ohne es zu wollen. Die Holderlies aber nahm bescheiden daran teil. Die drei merkwürdigen Leute, wenn sie abends beisammen waren, sprachen ungewöhnliche Dinge miteinander. Sein immerfort unruhiges Gewissen trieb den Kaufmann auf neue und wieder neue Fragen und Gedanken, über die man zu Rate saß und aus der Erfahrung und aus der Bibel Aufschlüsse suchte und Anmerkungen machte. Der Mittelpunkt aller Fragen war der Übelstand, daß Herr Kömpff nicht glücklich war und es gern gewesen wäre.
Ja, wenn er eben geheiratet hätte, meinte die Lies seufzend. O nein, bewies aber der Herr, wenn er geheiratet hätte, wäre es eher noch schlimmer; er wußte viele Gründe dafür. Aber wenn er etwa studiert hätte, oder er wäre Schreiber oder ein Handwerker geworden. Da wäre es so und so gegangen. Und der Herr bewies, daß er dann wahrscheinlich erst recht im Pech wäre. Man probierte es mit dem Schreiner, Schullehrer, Pfarrer, Arzt, aber es kam auch nichts dabei heraus.
»Und wenn es auch vielleicht ganz gut gewesen wäre,« schloß er traurig, »es ist ja doch alles anders und ich bin Kaufmann wie der Vater.«
Zuweilen erzählte Frau Kornelie vom Vater. Davon hörte er immer gern. >Ja, wenn ich ein Mann wäre, wie der einer gewesen ist!< dachte er dabei und sagte es auch bisweilen. Darauf lasen sie ein Bibelkapitel oder auch irgend eine Geschichte, die man aus der Bürgervereinsbibliothek da hatte. Und die Mutter zog Schlüsse aus dem Gelesenen und sagte: »Man sieht, die wenigsten Leute treffen es im Leben gerade so, wie es gut für sie wäre. Es muß jeder genug durchmachen und leiden, auch wenn man's ihm nicht ansieht. Der liebe Gott wird es schon wissen, zu was es gut ist, und einstweilen muß man es eben auf sich nehmen und Geduld haben.«
Dazwischen trieb Walter Kömpff seinen Handel, rechnete und schrieb Briefe, erschien als ruhiger Gast an den regelmäßigen Wochenabenden, machte da und dort einen Besuch und ging in die Kirche, alles pünktlich und ordentlich, wie es das Herkommen erforderte. Im Lauf der Jahre schläferte ihn das auch ein wenig ein, doch niemals ganz; in seinem Gesicht stand immer etwas, das einem verwunderten und bekümmerten Sichbesinnen ähnlich sah.
Seiner Mutter war anfangs dies Wesen ein wenig beängstigend. Sie hatte gedacht, er würde vielleicht noch weniger zufrieden, aber mannhafter und entschiedener werden. Dafür rührte sie wieder die gläubige Zuversicht, mit der er an ihr hing und nicht müde wurde, alles mit ihr zu teilen und gemeinsam zu haben. Und wie die Zeiten dahinliefen und alles im Gleichen blieb, gewöhnte sie sich völlig daran und fand nicht viel Besonderes und Beunruhigendes mehr an seinem bekümmerten und ziellosen Wesen.
* * * * *
So stand es und so blieb es. Walter Kömpff war nun nahe an vierzig und hatte nicht geheiratet und sich wenig verändert. In der Stadt ließ man sein etwas zurückgezogenes Leben als eine Junggesellenschrulle hingehen und wußte glücklicherweise nicht, wie eigentümlich es in der großen Vorderstube seines Hauses an den stillen Abenden aussah, an denen er mit den beiden alten Frauen seine ernsten Beratungen hielt und auf die Mutter hörte wie ein Zehnjähriger. Daß in dies resignierte Leben noch eine Änderung kommen könnte, hatte er nie gedacht.
Sie kam aber plötzlich, indem Frau Kornelie, deren langsames Altern man kaum bemerkt hatte, auf einem kurzen Krankenlager vollends ganz weiß wurde, sich wieder aufraffte und wieder erkrankte, um nun schnell und still zu sterben. Am Totenbette, von dem der Herr Stadtpfarrer eben weggegangen war, standen der Sohn und die alte Magd.
»Lies, geh hinaus,« sagte Herr Kömpff.
»Ach, aber lieber Herr --!«
»Geh hinaus, sei so gut!«
Sie ging hinaus und saß ratlos in der Küche. Nach einer Stunde klopfte sie, bekam keine Antwort und ging wieder. Und wieder kam sie nach einer Stunde und klopfte vergebens. Sie klopfte noch einmal.
»Herr Kömpff! O Herr!«
»Sei still, Lies!« rief es von drinnen.
»Und mit dem Nachtessen?«
»Sei still, Lies. Iß du nur!«
»Und Sie nicht?«
»Ich nicht. Laß jetzt gut sein! Gute Nacht!«
»Ja, darf ich denn gar nimmer hinein?«
»Morgen dann, Lies.«
Sie mußte davon abstehen. Aber nach einer schlaflosen Kummernacht stand sie morgens schon um fünf Uhr wieder da.
»Herr Kömpff!«
»Ja, was ist?«
»Soll ich gleich Kaffee machen?«
»Wie du meinst.«
»Und dann, darf ich dann hinein?«
»Ja, Lies.«
Sie kochte ihr Wasser und nahm die zwei Löffel gemahlenen Kaffee und Zichorie, ließ das Wasser durchlaufen, trug Tassen auf und schenkte ein. Dann kam sie wieder.
Er schloß auf und ließ sie hereinkommen. Sie kniete ans Bett und sah die Tote an und rückte ihr die Tücher zurecht. Dann stand sie auf und sah nach dem Herrn und besann sich, wie sie ihn anreden solle. Aber wie sie ihn ansah, kannte sie ihn kaum wieder. Er war blaß und hatte ein schmales Gesicht und machte große merkwürdige Augen, als wollte er einen durch und durch schauen, was sonst gar nicht in seiner Art war.
»Sie sind gewiß nicht wohl, Herr --«
»Ich bin ganz wohl. Wir können ja jetzt Kaffee trinken.«
Das taten sie, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Aber der Lies schien es durchaus nötig, daß das große Unglück auch beredet werde, schon weil es ihr mißfiel und gefährlich vorkam, daß ihr Herr seinen ganzen Schmerz und Schrecken in sich verschloß. Also fing sie nach einigem Warten wieder an:
»Unsere liebe, arme Frau! Ja, Herr Kömpff, das ist ein schwerer Schlag für uns.«
Sie sagte erst seit gestern »Herr Kömpff« zu ihm, bisher hatte er für sie »Herr Walter« geheißen.
Er gab keine Antwort.
»Lieber Gott,« fing sie nochmals an, »und so schnell ist es gegangen, kein Mensch hat daran gedacht. Es ist ja gut für sie. Wenn sie auch noch lang hätte leiden müssen! Aber für uns ist es doch schrecklich traurig.«
»Ja, Lies.«