Part 6
So im Dunkelwerden war es mir eine grausige Lust, vom Fenster meiner Knabenkammer aus den Garibaldi dasitzen zu sehen, von Haar und Bart umfilzt, aufrecht und bewegungslos, mit geisterhaft undeutlichen Zügen, bis sein Gesicht vollständig in das Dunkel versank und nur noch die Silhouette eines sitzenden Riesen übrig blieb, hin und wieder von einer spärlichen Rauchwolke umflogen. Die vielen Kinder waren um diese Zeit nicht mehr da, von der überdachten Gartenseite her wuchs die Finsternis heran, die uraltmodisch geschweiften Giebel und krummen Dächer all der Armenhäuser standen schwarz in den noch lichten Himmel, da und dort glühte ein Fensterlein gleich einem trüben roten Auge auf, und damitten kauerte rastend der alte Abenteurer, bis ihn fröstelte, dann verschwand er still in den finsteren Torweg hinein wie in eine unzugänglich fremde Welt.
* * * * *
Der alte Garibaldi hatte zwei Söhne gehabt, junge stramme Riesen von gewaltiger Erscheinung und vom übelsten Ruf, aber beide waren eines Tages ohne Abschied verschwunden und man brachte sogleich alle in den letzten Jahren am Ort begangenen und unaufgeklärt gebliebenen Verbrechen mit ihrem Flüchtigwerden in Verbindung. Fast ein Jahr später kam Bericht aus Brasilien, daß beide nicht mehr am Leben seien. Der eine war schon unterwegs auf dem Schiff am Fieber gestorben, der andere nachher in Rio, offenbar im bittersten Elend. Zusammen mit dem dazu beauftragten Polizeidiener besuchte mein Vater den Alten, um ihm die Todesnachricht zu bringen.
»Ihren Söhnen ist's drüben nicht gut gegangen,« fing mein Vater an.
»Wo drüben denn?« fragte der Garibaldi.
»In Brasilien, 's ist ihnen nicht gut gegangen.«
»Wieso?«
»Wieso? Tot und gestorben sind sie,« schrie der Büttel, dem es nicht wohl war, bis er es herausgesagt hatte.
»So so?« machte der Garibaldi und schüttelte den Kopf. Und:
»Alle beide?« fragte er nach einer Weile.
»Ja wohl, alle beide,« sagte mein Vater.
»So so. -- So so.«
Und als jetzt mein Vater sich anschickte einen Anfang mit dem Trösten zu machen, winkte er ab und lächelte verachtungsvoll. Da ging denn mein Vater mit dem Polizeidiener wieder fort und Garibaldi machte sich wie sonst an seine Arbeit.
Am Abend dieses Tages, da jedermann die Nachricht schon wußte, saß er wieder auf seiner Staffel und alle Nachbarn schauten ihn an und alle paar Minuten rief ihn einer vom Fenster oder von der Gasse herüber an: »Mein Beileid auch, du!«
Und er sagte jedesmal »_merci_«. Da kam der Stadtpfarrer auch noch gegangen und gab ihm die Hand und sagte freundlich: »Wir wollen in Ihre Stube hinein gehen, kommen Sie!«
Aber Garibaldi schüttelte den Kopf. »'s ist gut,« sagte er, »und ich sag meinen _merci_«, und blieb sitzen, und die vielen Herumsteher drückten sich hintereinander und kicherten. Der Stadtpfarrer schien betrübt und es sah aus, wie wenn er noch einiges zu sagen hätte, aber er zog nur den Hut und grüßte wieder freundlich und ging langsam aus dem Hof und fort, und der Garibaldi blies eine große Rauchwolke hinter ihm her.
Von da an, wenn ich ihn des Abends wieder rasten sah, schien mir sein Gesicht ein wenig tiefer gefurcht und noch abwehrender und einsamer als sonst, und ich betrachtete ihn, der zwei starke Söhne im fremden Land verloren hatte, mit vermehrter Scheu.
Außer jenen untergegangenen Söhnen hatte Garibaldi noch drei verheiratete Töchter, deren älteste verwitwet war. Dies war die Lene Voßler, ein wildes und berüchtigtes Weib, groß von Wuchs und von einer seltsam ungelenken, aber längst verwilderten Schönheit. Diese war von allen seinen Kindern das einzige, das zu ihm paßte, und auch das einzige, das in Verkehr und Freundschaft mit ihm stand. Sie kam den Winter über fast jeden Abend zu ihm in seine Hinterhausstube, dort saß sie neben dem Alten, oft bis es spät wurde, und redete kaum ein Wort mit ihm, der seine kleine Pfeife im Munde hielt und ebenfalls schwieg. Ich besann mich oft genug, was die zwei wohl mit einander anstellen möchten, aber sie saßen hinter den alten großblumigen Gardinen aus Wolle und man konnte im Schimmer der schlechten Ölfunzel nur zuweilen ihre ernsten Köpfe sehen.
Und häufig kam zu diesen beiden merkwürdigen, geheimnisvollen Menschen noch eine dritte Fabelgestalt. Dies war der alte Penzler, ein gewesener und verarmter Mühlenbauer, der aus Bayern stammte und den schon seine Herkunft und sein seltenes Handwerk zu etwas besonderem machten. Seit Jahren lebte er einsam und vielbesprochen in der finsteren Hengstettergasse ein ärmliches Sonderlingsleben, drehte ewig an seinem ungeheuren Schnauzbart, redete in alttestamentlichen Wendungen und betrank sich alle paar Wochen einmal, was meistens zu Nachtskandal und schlimmen Szenen führte. Der einzige Mensch, dem er Achtung zeigte und mit dem er eine Freundschaft unterhielt, war Garibaldi. Als dessen Söhne totgesagt wurden, kam Penzler zu ihm, schlug ihm auf die Schulter und rief mit gewaltiger Trösterstimme: »So geht's, alter Prophete! Wir sind allesamt wie Gras und wie des Grases Blüte. Na, die Lausbuben haben jetzt keine Sorgen mehr.«
Winterabends kam der Mühlenbauer sehr oft zum Garibaldi und saß mit ihm und seiner Tochter, der Lene Voßler, in der niedrigen, trüb erhellten Stube, die sich allmählich ganz mit Tabaksrauch füllte. Ich schaute immer hinüber und lief manchesmal noch spät Nachts von meinem Bett ans Fenster, schaute nach ob drüben noch Licht sei und stierte das einsame rote Fenster ahnungsvoll und begierig an, bis mich fror und ich ins Bett zurück mußte.
An einem Abend, es ging schon gegen den April und man brauchte fast nimmer zu heizen, wurde meine Neugierde belohnt und das eigentliche Treiben und Wesen des Alten ward mir klarer. Es fehlte nämlich diesmal der wollene Vorhang hinter seiner Scheibe und ich sah den Garibaldi mit der Lene und dem Penzler am Tische sitzen. Es mochte neun Uhr oder später sein. Eine Blechlampe gab trübes Licht, die beiden grauhaarigen Männer bliesen Rauch aus ihren Pfeifchen und saßen still und vorgebeugt auf ihren Hockern, die Lene Voßler aber hatte über den ganzen Tisch im Viereck ein Kartenspiel ausgebreitet, ein Blatt dicht am andern. Auf diese Karten starrten alle drei. Bald nahm die Lene, bald ihr Vater eine Karte in die Hand und legte sie nachdenklich und zögernd an einen anderen Platz; der Mühlenbauer sah mit scharfem Gesichte zu, deutete mit dem Pfeifenstiel hierhin und dorthin, schnitt ernste Grimassen, schüttelte den Kopf oder zuckte mächtig mit den gewaltigen Augenbrauen, die so stark wie Schnurrbärte waren. Gesprochen wurde nichts. Über den drei gebeugten Köpfen wölkte der dichte Rauch und stieg über der Lampenflamme in einer ununterbrochenen Säule in die Höhe.
Zwei Stunden lang schaute ich zu. Penzler schnitt immer schärfere Grimassen, die Lene ordnete ihre Karten immer leidenschaftlicher und legte sie hastig aus, der alte Garibaldi aber saß mir gerade gegenüber und so oft er den Kopf erhob, floh ich in meine Stube zurück, obwohl er mich am dunklen Fenster nicht hätte sehen können. Seine Augen waren auf die Karten gerichtet und brannten in dem braunverwelkten Gesicht mit leiser Glut.
Sie taten also Karten legen und wahrsagen, und es wunderte mich nicht. Aber wer wahrsagen kann, der muß auch zaubern können. Vom Bayern, dem Penzler, wußte man ja schon immer, daß er mit Geistern umging und viele geheime Heilmittel kannte. Ich paßte auf wie ein Jagdhund und brannte vor banger Begierde. Und als die Tage wärmer und die Abende lang und mild wurden, sah ich öftere Male wie Garibaldi, sobald es zu dunkeln begann, an seinem Staffelplatz vom Penzler abgeholt wurde und mit ihm die Gasse hinab verschwand. Ich wußte genau, daß er nicht ins Wirtshaus ging, dafür hatte ihn meine Mutter oft gerühmt; daß man aber in diesen lauen, stichdunkeln Frühjahrsnächten viel Zauber treiben konnte, war gewiß.
Ich sah in meinen Gedanken die zwei alten Hexenmeister die Stadt verlassen, im finstern Walde Kräuter suchen, ein Feuer anfachen und Beschwörungen ausüben. Ich sah sie unter moosigen Felsen beim Lichte kleiner Diebslaternen Schätze aus der feuchten Erde graben. Ich sah sie Wetter machen und Krankheiten beschwören.
Ob wohl die Lene Voßler auch mitging? Nein, sie ging nicht mit. Eines Abends konnte ich der Neugier nicht widerstehen. Sobald ich den Mühlenbauer im Hof erscheinen sah, verließ ich still das Haus durchs Gartentor und schlich mich zwischen den Gärten hindurch auf die Gasse. Garibaldi und Penzler gingen miteinander straßabwärts. Der eine hatte etwas unter dem Arm, was wie ein aufgerollter langer Strick aussah, der andere trug eine Art Kachel oder Kanne. Ich folgte ihnen mit großem Herzklopfen die Gasse hinunter, über den Balkensteg und bis auf den Brühel, wo das letzte Haus der Stadt, ein alter Gasthof steht und wo der Weg sich teilt. Es führt von dort aus ein Sträßlein eben den Fluß entlang, das andere stark ansteigend bergan in den Wald hinein.
Weiter wagte ich nicht hinterher zu gehen, der Gasthof war schon geschlossen, ringsum brannte keine Laterne, von der Stadt hörte man nichts mehr als vielleicht ein fernes Wagenrollen; vor mir lag kirchenstill der Brühel mit seinen riesigen Linden und Kastanien und durch die alten Kronen stöhnte der feuchte, stürmische Frühlingswind. Und die beiden dunklen Männer, die unter den hohen Bäumen auf einmal klein erschienen, wandelten in die schwarze Stille hinein, gleichmäßig im Schritt und ohne miteinander zu reden, ihre Geräte tragend. Ich sah sie schwer und stille schreiten, der Nacht entgegen, mitten in das sich auftuende Reich der Finsternis und der schrecklichen Wunder, wo sie heimisch waren.
Mir wurde todesangst, als der Penzler einmal hinter sich schaute; ich blieb am Brühel stehen und sah nur noch, daß die beiden den Talweg flußabwärts einschlugen. Dann lief ich im Galopp zurück, kam ungesehen wieder durch die Hintertüre ins Haus und als ich dann geborgen im Bette lag, konnte ich noch lang nicht einschlafen, weil mein Herz vom schnellen Laufen und vor Angst nicht aufhören wollte gewaltig zu schlagen.
* * * * *
Von da an wagte ich dem Garibaldi kaum mehr zu begegnen und wich ihm und dem Penzler auf der Straße ängstlich aus. Und daran tat ich wohl, denn es zeigte sich nicht allzu lange darauf, daß sie gefährliche Wege gegangen seien.
An einem Morgen im Sommer -- ich hatte Ferien -- sprach es sich in der Stadt herum, es sei zu Nacht ein Unglück passiert. Nach einer Stunde erfuhr man, der Mühlenbauer Penzler sei in aller Gottesfrühe tot aus dem Wasser gezogen worden und liege drunten im Gutleuthaus. Alles strömte in großer Aufregung und Neugierde dorthin. Auf den steinernen Korridor des Gutleuthauses waren ein paar Bündel leinene Säcke und darüber eine rote Wolldecke gelegt, darauf lag halb entkleidet eine Gestalt, das war der Mühlenbauer. Aus der Nähe betrachten durfte man ihn nicht, ein Landjäger stand dabei, und mir war es recht, denn das Grausen hätte mich umgebracht.
Der Garibaldi war auch da, ging aber bald wieder weg und hatte sein gleichmütiges Gesicht aufgesetzt, so als gehe die Geschichte ihn nichts an. Als er wegging und die vielen Leute immer noch neugierig herumstanden und die Mäuler offen hatten, lächelte er auf seine stille, verächtliche Art. Und der Penzler war sein einziger Freund gewesen.
Wahrscheinlich war er nachts dabei gewesen, als der andere ins Wasser fiel. Warum hatte er dann nicht sogleich Leute geholt?
-- Oder war der Bayer vielleicht mit seinem Wissen und durch seine Schuld ertrunken? Hatten sie Streit gehabt, vielleicht bei der Teilung eines Schatzes?
* * * * *
Man hörte auf von dem Unglück zu reden. Garibaldi tat wie immer seine Arbeit in der Stadt herum und rastete bei gutem Wetter jeden Abend auf der Treppenstaffel über unserem Hof, wo die Kinder lärmten. Der dem Zauberwesen zum Opfer gefallene Mühlenbauer fand keinen Nachfolger. Garibaldis Gesicht wurde je älter desto undurchschaulicher und ich, der einen Teil seiner Geheimnisse kannte, sah hinter seiner gleichmütigen Stirn und hinter seinem ruhig überlegenen Blick eine Welt von dunklen Schicksalen träumen.
Im folgenden Herbst geschah es, daß ihm bei der Arbeit die hohe Leiter eines Gipsers auf die Schulter fiel und ihn beinah erschlagen hätte. Er lag vier Wochen krank im Spittel. Als er von dort wiederkam, war in seinem Wesen eine gewisse Veränderung wahrzunehmen. Er lebte wie sonst, tat seine Arbeit und sprach womöglich noch weniger als früher, aber er hatte jetzt die Gewohnheit, leise mit sich selber zu reden und zuweilen zu lachen, wie wenn ihm alte lustige Geschichten einfielen. An stillen Abenden, wenn die Kinder gerade anderswo tobten oder einem Kunstreiterwagen oder Kamelführer oder Orgelmann nachliefen, hörte man ihn im Höfchen ohne Unterlaß murmeln. Auch saß er nie mehr lange Zeit auf seinem Steine still, sondern ging öfters unruhig auf und ab, was zusammen mit dem Murmeln und Kichern etwas Unheimliches hatte.
Ich fühlte damals zum ersten Mal Mitleid mit dem alten Hexenmeister, ohne ihn aber deswegen weniger zu fürchten. Sein neuerliches Gebaren schien mir bald auf Gewissensbisse, bald auf neue schlimme Unternehmungen zu deuten.
»Der Garibaldi will auch anfangen altwerden,« sagte einmal meine Mutter beim Nachtessen. Ich verstand das im Augenblick nicht, denn ich hatte ihn nie anders als grau und alt gesehen. Aber ich vergaß das Wörtlein nicht und merkte nach und nach selber, daß Garibaldi wirklich jetzt erst zu altern begann.
Noch einmal machte er von sich reden. Eines Abends war, nach langem Ausbleiben, seine Tochter Lene wieder einmal zu ihm gekommen. Sie waren in der Stube beieinander und ich glaube, die Lene wollte auswandern. Darüber kamen sie in Streit, bis das Weib mit der Faust auf den Tisch schlug und ihm Schimpfworte sagte. Da hub der alte Mann seine Tochter, so groß und stark sie war, jämmerlich zu hauen an und warf sie die Stiege hinunter, daß das Geländer krachte und das Weib nur mit Mühe und Schmerzen davonhinken konnte.
Von da an blieb Garibaldi ganz einsam und nun brach das Alter plötzlich vollends über ihn herein. Die Pfeife begann ihm im Munde zu wackeln und häufig auszugehen, die Selbstgespräche nahmen kein Ende, die Arbeit wurde ihm sauer. Schließlich gab er sie auf und war fast über Nacht zu einem gebückten und zittrigen Kerlchen geworden.
Für mich hörte er darum nicht auf wichtig und rätselhaft zu sein. Ich fürchtete ihn mehr als je und konnte es doch nicht lassen, ihm halbe Stunden lang vom sicheren Fenster aus zuzuschauen. Beim Rauchen stützte er jetzt den Ellenbogen aufs Knie und hielt die Pfeife mit der Hand fest, aber auch die war zittrig und hatte keine Kräfte mehr.
Die Tage waren noch kühl und im Walde lag noch ein wenig Schnee, da war eines Tages der Garibaldi gestorben.
Mein Vater bürstete seinen Schwarzen und ging zur Leiche. Ich durfte nicht im Zug gehen (wenn man das Dutzend Nachbarn einen Zug heißen will), aber ich stieg auf die Kirchhofmauer und hörte zu und erfuhr dabei zum ersten Mal, daß der Tote nicht Garibaldi, sondern Schorsch Großjohann geheißen hatte, was mich in lange Zweifel stürzte, denn fragen mochte ich niemand.
Nachher sagte mein Vater zur Mutter: »Unser Garibaldi war doch ein sonderbarer Mensch, fast unheimlich; weiß Gott, wie er so geworden ist.«
Darüber hätte ich nun mancherlei mitteilen können. Aber ich behielt alles für mich -- das Wahrsagen, das Zaubern, die Nachtgänge flußabwärts und das, was ich über den Tod des bayerischen Mühlenbauers vermutete.
Walter Kömpff
Die Leute von Gerbersau, die da auf den Straßen laufen, unter ihren Ladentüren stehen, ihr Handwerk und Geschäft besorgen und fast alle so zufrieden sind, obwohl sie beständig über die schlechten Zeiten zu klagen haben, alle diese Leute haben den Walter Kömpff noch gut gekannt. Sie sind mit ihm in die Schule gegangen, sie sind mit ihm Soldat gewesen, sie haben Geschäfte mit ihm gehabt und früher oft abends ein Bier mit ihm getrunken. Und dann machte er plötzlich so viel von sich reden, eine Zeitlang!
Aber alle diese Leute sprechen nimmer von ihm und haben ihn vergessen. Es gab eine Zeit, da hätte man meinen sollen, sie würden von Walter Kömpff noch als weißhaarige Großväter zu reden haben und mit keinem auswärtigen Geschäftsfreund über den Marktplatz gehen können, ohne ihm das vormals Kömpffsche Haus zu zeigen und ihm nachher im Adler oder Hirschen die Geschichte dazu zu erzählen, der Länge und Breite nach.
Und wenn auch gar nichts zu verwundern und zu erzählen gewesen wäre, wie war es möglich, diesen Mann so ganz zu vergessen? Hätte noch vor zehn Jahren irgend ein Gerbersauer sich den Marktplatz vorstellen können ohne den Kömpffschen Laden und das Schild darüber und den mit seinem Namen bemalten grauen Pritschenwagen und ohne ihn selber, wie er unter der Tür stand oder über den Platz schritt oder auf dem grünen Feierabendbänklein saß? Oder hätte jemand sich einen Jahrmarkt denken können, ohne daß er in seiner Ladentüre stand und die vielen Dutzende von auswärtigen Bekannten begrüßte?
Beispielsweise gesprochen, stelle man sich jetzt einmal den jüngeren Giebenrath vor, den Tuchhändler! Nicht wahr, da läuft er gaßauf, gaßab, ruft hier »Guten Morgen!« und dort »Grüß Gott!«, langt da an den Hut und macht dort ein Kompliment, und dann geht er in sein Haus, und man weiß, da ist er jetzt drin und verkauft Tuch, und überm Laden steht mit Gold auf Schwarz sein Name. Es ist niemand in der Stadt, der ihn nicht kennt und der nicht weiß, wie er spricht und wie er lacht und was er im Winter für einen Mantel hat und mit wem er verwandt ist und was er für Geschäfte macht und daß er zu den Demokraten gehört. Also, wieder beispielsweise, der jüngere Giebenrath stirbt jetzt -- oder, um niemand weh zu tun, sagen wir, er geht weg, vielleicht nach Stuttgart oder nach Pforzheim.
Ja, wenn ich das nur sage, da lachen sie alle und winken mir mit dem ganzen Arm ab: »Wo denkst hin! Der bleibt, wo er ist! Der und wegziehen!«
Also gut, aber vielleicht zieht er doch weg, und niemand begreift's, und man schüttelt den Kopf, und sein Firmenschild wird heruntergenommen und die Kinder sehen zu. Am Morgen vermißt ihn der Friseur und am Abend der Ankerwirt und untertags vermißt ihn da einer und dort einer in der Stadt, und seine Nachbarn mögen gar nimmer ans Fenster, weil er doch nimmer vorbeikommt und hereingrüßt und einen kleinen Spaß macht, oder wenn er's eilig hatte, konnte man ihm nachsehen und sich besinnen, wohin's ihm denn so eilig pressierte. Und ich würde dann sagen: Ihr Leute, sei's um eine kleine Weile, so redet kein Mensch mehr vom jüngeren Giebenrath, außer er hätte Schulden. -- Ja, da würde man wieder abwinken und lachen und den Kopf schütteln und mich heimschicken!
Und doch ist es mit dem Kömpff um kein Haar anders gewesen. Kaum daß man jetzt seinen Namen noch etwa einmal hört. Nun, ich erzähle, wie es mir damit gegangen ist.
Wie es die jungen Leute im Brauch haben, war ich auf der Wanderschaft, und wohin ich kam, schien mir's kein schlechtes Leben in der Fremde; ich kam mir extra gescheit vor und wollte gar nicht begreifen, wieso man eigentlich gerade immer in Gerbersau leben müsse. Da war zum Beispiel Cannstatt, ein wohlhabender Ort, und dann Tübingen, auch nicht übel, und dann Basel und Zürich, und wiederum München, alles angenehme Plätze, wo auch Leute wohnen und wo man so gut seine Batzen verdienen und wieder verjucken kann wie irgendwo in der Welt. Also kam mir, aus der Ferne gesehen, die Stadt Gerbersau immer kleiner und unnötiger und sogar ziemlich lächerlich vor, und ich bin länger draußen geblieben, als es der Brauch ist. Zwischenein höre ich, der Kömpff am Marktplatz fange an, sonderbare Geschichten zu machen, das und jenes. Dann hör' ich, er sei übergeschnappt, und nicht lang darauf von einem andern, er sei vortrefflich bei Verstand und überhaupt viel zu gut und edel für seinen Ort, und er werde auch wahrscheinlich fortgehen. Und so durcheinander, wenig Gutes und viel Böses, bis ich gar nichts mehr glaubte. Ich dachte: wenn ich zufällig einmal wieder besuchsweise heimkomme, will ich den und jenen darum fragen und etwas Sicheres zu erfahren suchen.
Die Zeit verging und ich war nachgerade nimmer ganz jung. Daheim dachten sie kaum mehr daran, daß ich am Ende auch wieder einmal heimkommen könnte, und ich selber dachte es am wenigsten.
Wie es gegangen ist, daß ich jetzt doch wieder in Gerbersau sitze, anfangs nicht ohne Unbehagen und Beschämung, und daß ich jetzt wieder hier so zu Hause bin wie nur je in den Bubenzeiten, das wäre eine lange Geschichte. Aber davon ist diesmal nicht die Rede. -- Also ich komme wieder heim, lasse mich begrüßen und begutachten, anschielen und auslachen, finde die alten Gassen und Winkel und einige neue dazu, und kaum habe ich nach ein paar Tagen mir die alte Mundart wieder recht angewöhnt, so frage ich rechts und links nach dem Herrn Walter Kömpff. Ich meine, jeder müsse gleich vor lauter Geschichten und Erklärungen überlaufen und herzensfroh sein, daß er einen Neuen findet, der's ihm abhört.
Aber wie ich den ersten frage: »Du, wie war's denn eigentlich damit?«, da besinnt er sich ein bißchen, klopft die Zigarre ab, zieht, bläst eine Verlegenheitswolke hinaus, und schließlich meint er: »Ja, das sind Sachen, da schwätzt jetzt kein Mensch mehr davon. Frag einmal den Köberle.« Also abends, wie ich ihn bei der Metzelsuppe im Rößle treffe, frage ich den Köberle. Er behält den Wein ein Weilchen im Mund, macht Telleraugen, schluckt dann und runzelt, so gut er kann, die glatte Stirn und sagt: »Ja, weißt du, das ist eigentlich schon recht lang her. Liebe Zeit, der Kömpff! Ja ja, ich kann mir's noch gut denken. Na, wir sehen uns ja bald einmal wieder, da reden wir dann. Am Donnerstag schenkt der Kronenwirt den ersten Neuen aus, du kommst doch auch?«
So allmählich ist das Nötigste ja auch zusammengetröpfelt. Ich wollte nun einmal alles wissen, da redete und fragte und horchte ich's so zusammen, das eine bei einem Voressen im Waldhorn, das andere bei einer Kindsleiche unterwegs zum Kirchhof, da etwas in einer Schusterwerkstatt und dort etwas im Kaufladen. Was eigentlich damals Merkwürdiges passiert sei, bekam ich denn auch allmählich heraus, aber keinerlei Schlüssel dazu, denn darum hatte sich niemand gekümmert.
Bis mir die Holderlies einfiel. Die war ja in alten Zeiten im Kömpffschen Haus Magd gewesen. Richtig lebte sie auch noch und wohnte droben in der allerobersten Vorstadt, wohin es ein schweißtreibendes Klettern ist und wo trotzdem fast lauter alte, gebrechliche Leute hausen. Wenn ich an meine Bubenzeit dachte, konnte ich mir die Lies wieder vorstellen, die schon damals nimmer auffallend jung war. Ich stieg denn in die Vorstadt hinauf, und so oft ich meinte, jetzt sei es erreicht, ging es noch ein Gäßlein und einen schmalen Gartensteig und eine böse Mauerstiege hinauf, bis ich ganz bei den letzten Häuschen war; da lag die Stadt senkrecht mit ineinander verwirrten Dächern so verschoben und seltsam unter mir, als sei sie betrunken oder ich. Dann ging es noch eine steinerne Gartentreppe, für die ich fast zu breit war, und zwei hölzerne stichdunkle Stiegen hinauf. Und dann klopfte ich und es tat eine Türe sich auf, und ich stand in einem lichten, stillen Altenstübchen und hätte nie geglaubt, daß es in unserm engen Bergtal so viel Luftraum gebe, wie ich hier über die Geranien weg vor den kleinen klaren Fenstern liegen sah.
Die Holderlies kannte mich natürlich nimmer, denn ich war in den zwanzig Jahren groß und breit geworden, und ich kannte auch sie nicht mehr, die unglaublich eingegangen und klein geworden war. Aber es gab sich schon, und wie ich nach dem langen Steigen erst wieder Atem hatte, fingen wir mit dem besten Humor von den alten Zeiten an, die für sie freilich noch lange nicht die wirklich alten waren.