Part 14
Es kam dazu, daß Hürlin allzulange eine Wirtshausexistenz geführt hatte. Alte Gewohnheiten, auch wenn sie Laster sind, legt ein Grauhaariger nicht ohne Schaden ab. Die Einsamkeit und die Händel mit Heller halfen mit, ihn vollends still zu machen, und wenn ein alter Blagueur und Schreier einmal still wird, so ist das schon der halbe Weg zum Kirchhof.
Es ist unerquicklich anzusehen, wie ein in Nichtigkeiten, Prahlerei und Selbstsucht alt gewordener Lebenskünstler geringer Art, statt in dem ihm zukommenden Stil etwa bei einer Schlägerei oder bei einem nächtlichen Heimwandel von der Kneipe hinzufallen und zu verschwinden, aufs letzte noch trübsinnig wird und als Pfuscher auf dem ihm zeitlebens fremd gewesenen Gebiet des Sentimentalen endigt. Allein da das tägliche Leben doch unbestreitbar ein gewaltiger Dichter ist und also keine sinnlose Willkür üben kann, bleibt einem nichts übrig als zuzuschauen, sich zu verwundern und sich das beste dabei zu denken. Und schließlich hat das ja auch seine Tragik und Schönheit, wenn solch ein lebenslang verwahrlostes und roh gebliebenes und vergewaltigtes Gemüt ganz am Ende noch rebelliert und sein Recht haben will, mit ungelenken Flügelschlägen taumelt und sich, da ihm nichts anderes bleibt, wenigstens noch an Schwermut und Klage ersättigen will.
Es war vielerlei, was jetzt an dieser rüden und übel erzogenen Seele zu rütteln und zu nagen kam, und es zeigte sich, daß sie ungeachtet ihrer früheren Starrheit und Selbstherrlichkeit recht wenig befestigt war. Der Hausvater war der erste, der seinen Zustand erkannte. Zum Stadtpfarrer, als dieser einmal seinen Besuch machte, sagte er achselzuckend: »Der Hürlin kann einem schier leid tun. Seit er so drunten ist, zwing ich ihn ja zu keiner Arbeit mehr, aber was hilft's, das sitzt bei ihm anderwärts. Er sinniert und studiert zu viel, und wenn ich diese Sorte nicht kennen täte, würd ich sagen, 's ist das schlechte Gewissen und geschieht ihm recht. Aber weit gefehlt! Es frißt ihn von innen, das ist's, und das hält einer in dem Alter nicht lang aus, wir werden's sehen.« Auf das hin saß der Stadtpfarrer ein paarmal beim Fabrikanten auf seiner Stube neben dem grünen Spatzenkäfig des Holdria und sprach mit ihm vom Leben und Sterben und versuchte irgend ein Licht in seine Finsternis zu bringen, aber vergebens. Hürlin hörte zu oder hörte nicht zu, nickte oder brummte, sprach aber nichts und wurde immer fahriger und wunderlicher. Von den Witzen des Finkenbein tat ihm zuzeiten einer gut, dann lachte er leis und trocken, schlug auf den Tisch und nickte billigend, um gleich darauf wieder in sich hinein auf die verworrenen Stimmen zu horchen, die ihn beschäftigten und quälten, und die er nicht verstand.
Nach außen zeigte er nur ein stilleres und weinerlich gewordenes Wesen und jedermann ging mit ihm um wie sonst. Nur dem Schwachsinnigen, wenn er eben nicht ohne Verstand gewesen wäre, hätte ein Licht über Hürlins Zustand und Verfall aufgehen können und zugleich ein Grauen. Denn dieser ewig freundliche und friedfertige Holdria war des Fabrikanten Gesellschafter und Freund geworden. Sie hockten zusammen vor dem Holzkäfig, streckten dem fetten Spatzen die Finger hinein und ließen sich picken, lehnten morgens bei dem jetzt langsam herankommenden Winterwetter am leicht geheizten Ofen und sahen einander so verständnisvoll in die Augen, als wären sie zwei Weise und nicht zwei arme hoffnungslose Narren gewesen. Man sieht manchmal, daß zwei gemeinsam eingesperrte Waldestiere einander so anblicken -- je nachdem man will und gestimmt ist, kann man ihren Blick stumpfsinnig, drollig oder erschreckend seelenvoll finden.
Was am heftigsten an Hürlin zehrte, das war die auf Hellers Anstiften im Sternen erfahrene Demütigung und Schande. An dem Wirtstisch, wo er lange Zeiten fast täglich gesessen war, wo er seine letzten Heller hatte liegen lassen, wo er ein guter Gast, Hausfreund und Wortführer gewesen war, da hatten Wirt und Gäste ruhig und mit Gelächter zugesehen, wie er hinausgeworfen wurde. Er hatte es an den eigenen Knochen erfahren und spüren müssen, daß er nimmer dorthin gehöre, nimmer mitzähle, daß er vergessen und ausgestrichen war und keinen Schatten von Recht mehr besaß.
Für jeden anderen bösen Streich hätte er gewiß an Heller bei der ersten Gelegenheit Rache genommen. Aber diesmal brachte er nicht einmal die gewohnten Schimpfworte, die ihm so locker in der Gurgel saßen, heraus. Was sollte er ihm sagen? Der Seiler war ja ganz im Recht. Wenn er noch der alte Kerl und noch irgend etwas wert wäre, hätte man nicht gewagt ihn im Sternen an die Luft zu setzen. Er war fertig und konnte einpacken.
Und nun schaute er vorwärts, die ihm bestimmte schmale und gerade Straße, an ungezählten Reihen von leeren, dunklen, toten Tagen vorbei dem Sterben entgegen, an das er bald fast mit Sehnsucht, bald mit zornigem Grausen dachte. Da war alles festgesetzt, angenagelt und vorgeschrieben, selbstverständlich und unerbittlich. Da war nicht die Möglichkeit, eine Bilanz und ein Papierchen zu fälschen, sich in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln oder in Gottes Namen sich durch Bankrott und Zuchthaus auf Umwegen wieder ins Leben hineinzuschleichen. Denn er war jetzt keine Firma und kein Name mehr, sondern lediglich ein mürber alter Mensch, vor dem der Abgrund des Unendlichen sich grauenhaft geöffnet hatte und dem der dürre Rippenmann still und grinsend den Rückzug versperrte. Und wenn der Fabrikant auf vielerlei Umstände und Lebenslagen eingerichtet war und sich in sie zu finden wußte, so war er doch auf diese nicht eingerichtet und wußte sich nicht in sie zu finden, sondern bald schlug er ungebärdig abwehrend mit schwachen Greisenarmen um sich, bald steckte er den Kopf in die Hände, machte die Augen zu und zitterte in Angst vor der unentrinnbaren Faust, die er beständig seinem Nacken nahe fühlte.
Der gute Finkenbein, da er allmählich ahnte, daß es bei dem Fabrikanten erheblich spuke, gab ihm nicht selten ein ermunterndes Wort oder klopfte ihm mit gutmütig tröstendem Lachen auf die Schulter.
»Du, Oberkommerzienrat, studier nicht so viel, du bist allweg gescheit genug, hast so viel reiche und gescheite Leut seinerzeit eingeseift, oder nicht? -- Nicht brummen, Herr Millionär, 's ist nicht bös gemeint. Ist das ein Spritzigtun -- Mann Gottes, denk' doch an den heiligen Vers über deiner Bettlade.«
Und er breitete mit pastoraler Würde die Arme aus wie zum Segnen und sprach mit Salbung: »Kindlein, liebet euch untereinander!«
»Oder paß auf, wir fangen jetzt eine Sparkasse an und wenn sie voll ist, kaufen wir der Stadt ihren schäbigen Spittel ab und tun das Schild raus und machen die alte Sonne wieder auf, daß Öl in die kranke Maschine kommt. Was meinst?«
»Fünftausend Mark wenn wir hätten --« fing Hürlin zu rechnen an, aber da lachten die anderen; er brach ab, seufzte und fiel in sein Brüten und Stieren zurück.
Während es vollends Winter wurde, sah man ihn stiller und ruheloser werden. Er hatte die Gewohnheit angenommen, tagaus tagein in der Stube hin und wieder zu traben, einmal grimmig, einmal angstvoll, ein andermal lauernd und tückisch. Sonst aber störte er niemand. Der Holdria leistete ihm häufig Gesellschaft, schloß sich in gleichem Tritt seinen Dauerläufen durchs Zimmer an und beantwortete nach Kräften die Blicke, Gestikulationen und Seufzer des unruhigen Wanderers, der beständig vor dem bösen Geiste auf der Flucht war, den er doch in sich trug. Wenn er sein Leben lang schwindelhafte Rollen geliebt und mit wechselndem Glücke gespielt hatte, so war er nun dazu verurteilt, ein verzweifelt trauriges Ende mit seinen hanswurstmäßigen Manieren durchspielen zu müssen. Er spielte denn auch miserabel und lächerlich genug, aber wenigstens war die Rolle echt und der frühere Poseur trat nun zum ersten Mal und nicht zu seinem Vorteil ohne Maske auf. Die Ahnung des Ewigen und der Durst nach dem Unaussprechlichen, der auch dieser Seele eingeboren und ein ganzes Leben lang vergessen und vernachlässigt worden war, fand nun, da er überquoll, nach keiner Seite hin seinen Ausdruck und gebärdete sich in Grimassen, Bewegungen und Tönen seltsamster Art absurd und lächerlich genug. Aber er war doch eine echte Kraft, und dieses sich selber nicht verstehende Sterbenwollen war gewiß seit Jahrzehnten die erste großartige und im höheren Sinn vernünftige Regung dieser geringen Seele.
Zu den Sprüngen und Kapriolen des aus dem Geleise Gekommenen gehörte es, daß er neuerdings mehrmals am Tage unter seine Bettstatt kroch, das alte Sonnenschild hervorholte und einen sehnsüchtig närrischen Kultus damit trieb, indem er es bald feierlich vor sich hertrug wie ein heiliges Schaustück, bald vor sich aufpflanzte und mit verzückten Augen betrachtete, bald wütend mit Fäusten schlug, um es dann sogleich wieder sorglich zu wiegen, zu liebkosen und endlich an seinen verborgenen Ort zurück zu bringen. Als er diese symbolischen Possen anfing, verlor er seinen Rest von Kredit bei den Sonnenbrüdern und wurde gleich seinem Freunde Holdria als völliger Narr behandelt und besprochen. Namentlich der Seiler sah ihn mit unverhohlener Verachtung an, hänselte und demütigte ihn wo er konnte und ärgerte sich, daß Hürlin das kaum zu merken schien.
Einmal nahm er ihm sein Sonnenschild und versteckte es in einer anderen Stube. Als Hürlin es holen wollte und nicht fand, irrte er eine Zeit im Haus umher, dann suchte er wiederholt am alten Orte danach, dann bedrohte er der Reihe nach alle Hausgenossen, den Stricker nicht ausgenommen, mit machtlos wütenden Reden und Lufthieben, und als alles das nichts half, setzte er sich an den Tisch, legte den Kopf in die Hände und brach in ein jammervolles Heulen aus, das eine halbe Stunde dauerte. Das war dem mitleidigen Finkenbein zu viel. Er gab dem zu Tod erschreckenden Seiler einen mächtigen Fausthieb und zwang ihn, das versteckte Kleinod sogleich herbeizubringen.
Der zähe Fabrikant hätte trotz seiner fast weiß gewordenen Haare noch manche Jahre leben können. Aber der Wille zum Sterben, der wenn auch unverstanden in ihm arbeitete, fand bald einen Ausweg und machte der unschönen tragischen Komödie ein erwünschtes Ende. In einer Dezembernacht konnte der alte Mann zufällig nicht schlafen. Im Bett aufsitzend gab er sich seinen öden Gedanken hin, stierte über die dunklen Wände hin und kam sich verlassener vor als je. In Langeweile, Angst und Trostlosigkeit stand er schließlich auf, ohne recht zu wissen was er tue, nestelte seinen hanfenen Hosenträger los und hängte sich damit geräuschlos an der Türangel auf. So fand ihn am Morgen der Holdria und der auf des Narren ängstliches Geschrei herübergekommene Hausvater. Das Gesicht war ein wenig bläulicher geworden, sonst war wenig daran zu entstellen gewesen.
Schrecken und Überraschung waren nicht klein, aber von sehr kurzer Dauer. Nur der Schwachsinnige flennte leise in seinen Kaffeetopf hinein, alle anderen wußten oder fühlten, daß dieses Ende des Fabrikanten nicht zur unrechten Zeit gekommen war, und daß es weder zur Klage noch zur Entrüstung hinreichende Veranlassung biete. Auch hatte ihn ja niemand lieb gehabt.
Natürlich stürzten sich auch ein paar Winkelredakteure auf den interessanten Fall und teilten in ihren Schundblättlein den Lesern nebst den nötigen moralischen Posthaltern die Tatsache mit, daß der einst nicht unbekannte Bankrotteur Karl Hürlin nunmehr verdientermaßen im Armenhaus als Selbstmörder geendet habe.
* * * * *
Wie seinerzeit der Finkenbein als vierter Gast in den Spittel gekommen war, hatte man in der Stadt einige Klagen darüber vernommen, daß das kaum gegründete Asyl sich so ungehörig rasch bevölkere. Nun war schon einer von den Überzähligen verschwunden. Und wenn es wahr ist, daß die Armenhäusler meistens merkwürdig gedeihen und zu hohen Jahren kommen, so ist es doch ebenso wahr, daß selten ein Loch bleibt wie es ist, sondern um sich fressen muß. So ging es auch hier; in der kaum erblühten Lumpenkolonie war nun einmal der Schwund ausgebrochen und wirkte weiter.
Zunächst schien freilich der Fabrikant vergessen und sonst alles beim alten zu sein. Lukas Heller führte, soweit Finkenbein es zuließ, das große Wort, machte dem Stricker das Leben sauer und wußte von seinem bißchen Arbeit noch die Hälfte dem willigen Holdria aufzuhalsen. So fühlte er sich sehr wohl und heiter, begann sich im Neste warm zu sitzen und beschloß, unter so behaglichen Umständen sich keine Sorgen zu machen und jedenfalls noch reichliche Jahre in diesem Wohlleben zu verweilen, der Gemeinde zum Ärger und sich zum Pläsier. Er war nun, nach Hürlins Tode, der älteste von den Sonnenbrüdern, fühlte sich ganz heimisch und hatte nie in seinem Leben sich so im Einklang mit seiner Umgebung und Lebensstellung befunden, deren ob auch ärmliche, doch sturmsichere Ruhe und Trägheit ihm Zeit ließ, sich zu dehnen und zu fühlen und sich als ein achtungswerter und nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft, der Stadt und des Weltganzen vorzukommen. Ihm war es seelenwohl dabei, den Umtrieb hinter sich und vor sich die Aussicht in träge, sorgenlose Jahre zu haben.
Anders erging es dem Finkenbein. Das ideale Bild, das seine lebhafte Phantasie sich einst vom Leben eines Sonnenbruders erdacht und herrlich ausgemalt hatte, war ganz anders gewesen als was er in Wirklichkeit hier gefunden und gesehen hatte. Zwar blieb er dem Ansehen nach ganz der alte Leichtfuß und Spaßmacher, genoß freudig das gute Bett, den warmen Ofen und die solide, reichliche Kost und schien keinen Mangel zu empfinden. Er brachte auch immer wieder von geheimnisvollen Ausflügen in die Stadt ein paar Nickel für Schnaps und Tabak mit, an welchen Gütern er den Seiler ohne Geiz teilhaben ließ. Auch fehlte es ihm selten an einem Zeitvertreib, da er gaßauf gaßab jedes Gesicht kannte und wohlgelitten war, so daß er in jedem Torgang und vor jeder Ladentüre, auf Brücke und Steg, neben Lastfuhren und Schiebkarren her, sowie im Sternen, im Leuen und im scharfen Eck jederzeit mit jedermann sich des Plauderns erfreuen konnte.
Trotzdem aber war ihm nicht recht wohl in seiner Haut. Denn einmal waren Heller und Holdria als tägliche Kameraden von geringem Wert für ihn, der mit flotteren und ergiebigeren Leuten umgehen konnte, und dann drückte ihn je länger je mehr die Regelmäßigkeit dieses Lebens, das für Aufstehen, Essen, Arbeiten und Zubettgehen feste Stunden vorschrieb. Schließlich, und das war die Hauptsache, war dies Leben zu gut und zu bequem für ihn. Er war gewohnt, Hungertage mit Schlemmertagen zu wechseln, bald auf Linnen und bald auf Stroh zu schlafen, bald bewundert und bald angeschnauzt zu werden. Er war gewohnt, nach Belieben umherzustreifen, die Polizei zu fürchten, kleine Geschäfte und Streiche an der Kunkel zu haben und von jedem lieben Tag etwas Neues zu erwarten. Diese Freiheit, Armut, Beweglichkeit und beständige Spannung fehlte ihm hier vollkommen und bald sah er ein, daß der mit vielen Listen und Schikanen ermöglichte Eintritt in den Spittel nicht, wie er gemeint hatte, sein Meisterstück, sondern ein dummer Streich mit betrüblichen und lebenslangen Folgen gewesen war.
Freilich, wenn es in dieser Hinsicht dem Finkenbein wenig anders erging als vorher dem Fabrikanten, so war er in allem übrigen dessen fertiges Gegenteil. Vor allem ließ er den Kopf nicht hängen wie jener und ließ die Gedanken nicht ewig auf demselben leeren Felde der Trauer und Ungenüge grasen, sondern hielt sich munter, ließ die Zukunft möglichst außer Augen und tändelte sich leichtfüßig von einem Tag in den andern. Er gewann dem Stricker, dem Simpel, dem Seiler Heller, dem fetten Sperling und der ganzen Sachlage nach Möglichkeit die fidele Seite ab und hatte aus seinem früheren Leben die bequeme Virtuosengewohnheit herübergebracht, niemals über die gegenwärtige Lage hinaus Pläne zu machen und Wünsche und Hoffnungen zu verankern. Damit gelang es ihm auch jetzt noch, da er doch für allezeit versorgt und versichert war, das Leben der Vöglein und Fliegen zu führen, und das tat nicht ihm allein, sondern dem ganzen Hause gut, dessen tägliches Leben durch ihn einen Hauch von Freisinn und zierlicher Heiterkeit bekam. Den konnte es freilich nötig brauchen, denn zur Erheiterung und Verschönerung der gleichförmigen Tage hatten Sauberle und Heller aus eigenen Mitteln ungefähr so wenig wie der gute Wasserkopf Holdria beizusteuern.
Es liefen also die Tage und Wochen so leidlich hin, und wenn es nicht immer fröhlich herging, gab es doch auch keine Händel und Ärgernisse. Der Hausvater schaffte und sorgte sich müd und mager, der Seiler genoß eifersüchtig sein billiges Wohlsein, der Finkenbein drückte ein Auge zu und hielt sich an der Oberfläche, der Holdria blühte in ewigem Seelenfrieden und nahm an Liebenswürdigkeit, gutem Appetit und Beleibtheit täglich zu. Das Idyll wäre fertig gewesen. Allein es ging inmitten dieses nahrhaften Friedens der hagere Geist des toten Fabrikanten um. Das Loch mußte um sich fressen.
Und so geschah es an einem Mittwoch im Februar, daß Lukas Heller morgens eine Arbeit im Holzstall zu tun hatte, und da er noch immer nicht anders als ruckweise und mit langen Pausen fleißig sein konnte, kam er in Schweiß, ruhte unter der Türe aus und bekam Husten und Kopfweh. Zu Mittag aß er kaum die Hälfte wie sonst, nachmittags blieb er beim Ofen und zankte, hustete und fluchte gewaltig, und abends legte er sich schon um acht ins Bett. Am andern Morgen holte man den Doktor. Diesmal aß Heller um Mittag gar nichts, etwas später ging das Fieber los, in der Nacht mußten der Finkenbein und der Hausvater abwechselnd bei ihm wachen. Tags darauf starb der Seiler, widerwillig, neidisch und keineswegs geduldig und lärmlos, und die Stadt war wieder einen Kostgänger los geworden, was niemand zu Verdruß gereichte.
Sie sollte es aber bald noch besser bekommen. Es brach nämlich im März ein ungewöhnlich frühes Sommerwetter und Wachstum an. Die großen Berge und die kleinen Straßengräben wurden grün und jung, die Straße war von plötzlich aufgetauchten Hühnern, Enten und Handwerksburschen fröhlich bevölkert und durch die Lüfte stürzten sich mit freudigem Schwunge große und kleine Vögel.
Dem Finkenbein war es in der zunehmenden Vereinsamung und Stille des Hauses immer enger und bänglicher ums Herz geworden. Die beiden Sterbefälle schienen ihm bedenklich und er kam sich immer mehr wie einer vor, der auf einem untersinkenden Schiffe als Letzter am Leben blieb. Nun roch und lugte er stündlich zum Fenster hinaus in die Wärme und milde Frühjahrsbläue hinein. Es gärte ihm in allen Gliedern und sein jung gebliebenes Herz, da es den lieben Frühling witterte, gedachte alter Zeiten und begann zu überlegen, ob nicht auch ihm bei diesem allgemeinen Quellen, Sprossen und Wohlergehen vielleicht ein Lenz beschieden sei.
Eines Tages brachte er aus der Stadt nicht nur ein Päcklein Tabak und einige neueste Neuigkeiten, sondern auch in einem schäbig alten Wachstüchlein zwei neue Papiere mit, welche zwar schöne Schnörkel und feierliche blaue Amtsstempel trugen, aber nicht vom Rathaus geholt waren. Wie sollte auch ein so alter und kühner Landfahrer und Türklinkenputzer die zarte und geheimnisvolle Kunst nicht verstehen, auf sauber geschriebene Papiere beliebige alte oder neue Stempel zu übertragen. Nicht jeder kann und weiß es, und es gehören feine Finger und eine gute Übung dazu, von einem frischen Ei die dünne innere Haut zu lösen und makellos auszubreiten, die Stempel eines alten Heimatscheins und Wanderpasses darauf abzudrücken und reinlich von der feuchten Haut aufs neue Papier zu übertragen.
Und wieder eines Tages war Stefan Finkenbein ohne Sang und Klang aus Stadt und Gegend verschwunden. Er hatte auf die Reise seinen hohen, steifen Straubingerhut mitgenommen und seine in völliger Auflösung begriffene alte Wollenkappe als einziges Andenken zurückgelassen. Die Behörde stellte eine kleine vorsichtige Untersuchung an. Da man aber bald gerüchtweise vernahm, er sei in einem benachbarten Oberamt lebendig und vergnügt in einer beliebten Kundenherberge erblickt worden, und da man kein Interesse daran hatte, ihn ohne Not zurückzuholen, seinem etwaigen Glücke im Weg zu stehen und ihn auf Stadtkosten weiter zu füttern, wurde auf fernere Nachforschungen klug verzichtet und man ließ den losen Vogel mit den besten Wünschen fliegen wohin er mochte. Es kam auch nach sechs Wochen eine Postkarte von ihm aus dem Bayrischen, worin er dem Stricker schrieb: »Geehrter Herr Sauberle, ich bin in Bayern. Es ist hier ziemlich kälter. Wissen Sie was? Nehmen Sie den Holdria und seinen Spatz und lassen sie für Geld sehen. Wir können dann mitnander drauf reisen. Wir hängen dann dem Hürlin selig sein Schild raus. Ihr getreuer Stefan Finkenbein, Turmspitzenvergolder.«
Vielleicht hätte in dem fast geleerten Neste das Verhängnis noch weiter gewütet, aber der dermalige letzte Sonnenbruder Holdria war allzu schuldlos und allzu seßhaft. Es sind seit Hellers Tode und Finkenbeins Auszug fünfzehn Jahre vergangen und der Blöde haust noch immer feist und rotbackig in der ehemaligen Sonne. Er ist zuerst eine Zeitlang allein geblieben. Die zahlreichen Aspiranten hielten sich eine gute Weile bescheiden und ängstlich zurück, denn der schauervolle Tod des Fabrikanten, das schnelle Wegsterben des zähen Seilers und die Flucht Finkenbeins hatten sich zur allbekannten Moritat gestaltet und umgaben etwa ein halbes Jahr lang den Wohnsitz des Blödsinnigen mit blutrünstigen Sagen und Schreckensgeschichten. Allein nach dieser Zeit trieb die Not und die Trägheit wieder manche Gäste in die alte Sonne hinauf und der Holdria ist von da an nie mehr allein dort gesessen. Kuriose und langweilige Brüder hat er kommen, mitessen und sterben sehen und ist zurzeit der Senior einer Hausgenossenschaft von sieben Kumpanen, den Hausvater nicht mitgerechnet. An warmen, angenehmen Tagen sieht man sie häufig vollzählig am Rain des Bergsträßleins hocken, kleine Stummelpfeifen rauchen und mit verwitterten Gesichtern und verschiedenartigen Gefühlen auf die inzwischen talauf und talabwärts etwas größer gewordene Stadt hinunterblicken.
Ende
Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.
Werke von Hermann Hesse (S. Fischer, Verlag, Berlin)
Peter Camenzind
Roman. 50. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark.
Es ist ein köstliches lebensstarkes Buch, eines von den Büchern, die, nachdem wir sie gelesen, eine stille Gewalt über unsere Seele üben. Diese Schöpfung von Hesse ist so reich und meist auch von so reifer Kunst, daß sie dem Besten, was seine Landsleute Keller und Meyer geschaffen haben, an die Seite gestellt werden darf.
(Der Tag, Berlin)
Ein Buch für die Verträumten im Lande. Von allerlei Liebe und Freundschaft, von sonderbaren Menschen, von schneeweißen Wolken, die am kornblauen Himmel stehen, und von den Schatten der Bäume wird erzählt. Die Beichte einer Jugend, böser Bangigkeiten voll und arm an schmalen Freuden, durchaus nicht immer gewandt, aber immer in Worten, die von einer köstlichen Innigkeit und Innerlichkeit überleuchtet sind: Abendröte der Seele, duftende Keuschheiten.
(Tagesbote aus Mähren und Schlesien, Brünn)
Unterm Rad
Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
Hier ist etwas Freies, Unkünstliches, Naturgewachsenes. Immer wenn ich ein Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, daß sich über mir der blaue Himmel wölbt, daß Bäume ringsum grünen und frische Luft weht.
(Die Zeit, Wien)
Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geläuterter noch als der »Camenzind«, von einer tüchtigen Männlichkeit durchweht, eine Wohltat für den, der ihn liest, treuherzig, überzeugend, von lebhaftem, heißem Natursinn kündend, frei von ästhetischer Kränkelei -- ein klares Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman.
(Münchener Neueste Nachrichten)