Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band.
Chapter 10
Die glücklichste, munterste von Allen an Bord, war aber Henkels kleine liebenswürdige Frau, Clara, der, wie sie nur erst einmal die böse Seekrankheit überstanden hatte, jeder Tag einen neuen Genuß in der wundervollen Fahrt brachte, und die sich nicht satt sehen konnte an der wogenden, herrlichen See. Mit keiner Sorge dabei, die ihr Herz beengen durfte, das glücklich Weib eines innig geliebten Mannes, war ihr die ganze Reise nur eine fröhliche sonnige Lustfahrt, von der sie mit jeder Minute geizen mußte, und Niemand an Bord verstand es besser, auch der unangenehmsten Lage die heitere Seite abzugewinnen, wie gerade sie.
Die liebste Gesellschafterin dabei war ihr die fröhliche Marie, deren junges Herz sich auch leicht und rasch über Alles wegsetzen konnte, was etwa noch trüb und traurig für sie im Schoos der Zukunft verborgen lag. Anna war schon zu ernst; die Sorge um der Eltern Wohl, das Bewußtsein, was diese Alles in der Heimath aufgegeben, und manche Befürchtung die Kellmann, sie betreffend, zu Hause ausgesprochen, wollte sie nicht verlassen, und lag oft wie ein trüber Schatten auf ihrer Stirn, und auch Hedwig, die fast den Tag über immer bei ihnen war, konnte noch nicht vergeben was sie gelitten, was verloren, und mußte oft gewaltsam die ihr vielleicht unbewußt aufsteigende Thräne zurückzwingen, das Auge der fröhlichen jungen Frau nicht zu trüben, die ja Alles that, was in ihren Kräften stand, das arme Kind für das Gelittene zu entschädigen — lieber Gott, ungeschehen konnte sie ja nicht machen, was die Vergangenheit gebracht.
Henkel selber war meist ernst, zu ernst nach Clara’s Sinn, und konnte Stundenlang mit verschränkten Armen und in tiefen Gedanken das Quarterdeck begehn, wenn ihn die junge Frau nicht manchmal gewaltsam aus seinen Träumen riß, und ihn so lange quälte und neckte, bis er sich lächelnd ihrem Willen fügte. Einen besseren Gesellschafter aber hatten sie in dem kleinen munteren Herr von Hopfgarten, der, wenn er sich nur irgend von dem fast unvermeidlichen Nachmittags-Whist, wo Henkel manchmal seine Stelle einnahm, losmachen konnte, die Seele der ganzen Cajüte wurde, Gesellschaftsspiele angab und ausführte, an denen dann selbst Lobensteins und das schwärmerische Fräulein von Seebald Theil nehmen mußten, oder auch Geschichten und Anekdoten erzählte, über die sich Clara oft todtlachen wollte. Mit Thränen im Auge vor Lachen erklärte sie dabei mehrmals, es sei ihr unendlich leid, den thörichten Schritt schon gethan und sich in Deutschland mit dem mürrischen Herrn Henkel verheirathet zu haben, wäre das nicht geschehn, sie nähme keinen anderen als Herrn von Hopfgarten, denn ein besser zu einander passendes Paar gäbe es doch nicht auf der weiten Gottes Welt, und Herr von Hopfgarten betheuerte dann ebenfalls, er sei der Unglücklichste der Sterblichen, ein wahrer lebendiger Tantalus, dem sein Glück jetzt, in Gestalt der liebenswürdigsten jungen Frau, vor der Nase herumliefe, ohne daß er selbst den Arm danach ausstrecken dürfe, es fest zu halten. In komischer Verzweiflung holte er dann gewöhnlich eine Chokoladen-Pistole, von denen er mehre Dutzend an Bord haben mußte, denn sie schienen unerschöpflich, aus der Tasche, setzte sie sich vor die Stirn und ließ sie sich von Marien wegnehmen, die sie, wie sie sagte, um Unglück zu verhüten zerbrach, und den jüngeren Geschwistern zum essen gab.
Viel zu ihrer Erheiterung trug, wenn auch sehr oft absichtslos, der »Doktor« bei, wie er schlichtweg an Bord genannt wurde, dem von dem Rheder die halbe Passage erlassen worden, unterwegs etwa vorkommende Krankheiten der Passagiere zu behandeln, und dadurch die andere Hälfte, mit Hülfe der an Bord befindlichen Medicinkiste, abzuverdienen.
Doktor Hückler war eine höchst unscheinbare Persönlichkeit, die ihr Diplom nur eigentlich den Herren Heßburg und Sohn verdankte, von denen sie an Bord zum _Doktor_ gestempelt worden. Chirurg und ein armer Teufel, wünschte er nach Amerika auszuwandern, und besaß nicht die nöthigen Mittel; die Firma Heßburg und Sohn wünschte aber, des Geredes der Leute wegen, einem Schiff mit so vielen Auswanderern auch einen _Doktor_ beizugeben, ohne zugleich besondere Kosten für einen solchen zu haben. So war beiden Theilen geholfen, und da man im gewöhnlichen Lauf der Dinge annahm, daß auf der kurzen Ueberfahrt nach Amerika gerade keine schweren Krankheiten, oder doch nur sehr selten vorkommen, konnte alles das, was man ja sonst sogar dem Capitain allein überließ, auch dem Herrn Hückler anvertraut werden, der als junger Mensch den älteren Herrn Heßburg schon mehre Jahre rasirt und ihn von Hühneraugen frei gehalten hatte, wie auch im Hause des reichen Handelsherrn seines stillen demüthigen Betragens wegen sehr gern gesehen und protegirt worden war. Von inneren Krankheiten verstand Hückler allerdings wenig oder gar Nichts, alles Versäumte aber jetzt mit möglichstem Fleiß nachzuholen, machte er sich, so wie er selber die Seekrankheit überstanden, mit großem Eifer darüber her, das kleine, der Schiffs-Medicinkiste(6) beigegebene Receptbuch zu studiren, bei nöthigen Fällen wenigstens gleich die richtige _Nummer_ zu wissen und zu verabfolgen.
Den Schlüssel zur Medicinkiste behielt sich aber trotzdem der alte Capitain Siebelt vor, der erst seit kurzer Zeit »mit Auswanderern fuhr« und immer noch der festen Meinung war, er müsse das, was er in seiner Cajüte hatte, auch viel besser, oder doch eben so gut zu verabreichen verstehn, wie »so ein Doktor.« Die Passagiere überließ er ihm aber doch, eben weil es »blos Passagiere« waren, behielt sich übrigens die Behandlung seiner Leute vor.
»Herr Capitain, ich möchte Sie um den Schlüssel zur Medicinkiste bitten« sagte am Morgen des dritten Tages, als sie in den Atlantischen Ocean eingelaufen waren, der Doktor zu dem Selbstherrscher der Haidschnucke.
»Na, wat is nu all wedder?« frug »de Captein,« der nur gezwungen mit seinen Passagieren hochdeutsch sprach, und wenn er böse oder recht guter Laune war, am liebsten in das ihm weit geläufigere und natürlichere Platt zurückfiel, nur dann und wann, wenn es ihm gerade wieder einfiel ein paar hochdeutsche Worte mit einmischend.
»Einer der Leute klagt über Schmerzen in der Brust, und ich fürchte fast, daß da vielleicht ein chronisches Leiden —
»Ah papperlapapp« brummte der alte Seebär, »in de Krone sitzt’s em nich — in de fulen Knoken. Ene richtige Porschon Soalts un en reguleres Bräkmiddel ver vor un achter ut, nachens fall e woll spudig beter wern.«
Kein Protestiren half dagegen; Capitain Siebelt hatte den festen Glauben daß ein Matrose gar nicht krank werden könne, keinenfalls aber krank werden _dürfe_, so lange er sich auf die Reise »verakkordirt« hätte und daß also Alles, was die Kerle davorn von »Krone oder Bunk praalten, man blaue Dunst wäre.« Sobald sich also ein Matrose bei ihm krank meldete, bekam er als erste Dosis eine Handvoll Glaubersalz und keinen Schnaps zum Frühstück; das half schon gewöhnlich, und die Leute kamen selten das zweite Mal, wollte er dann noch immer nicht besser werden, d. h. blieb er »verstockt« dann mußte er ein Brechmittel schlucken, und zwar gleich in der Cajüte, nicht etwa die Medicin mit nach vorn nehmen, wo sie eben so sicher über Bord gegangen wäre. Das half dann jedesmal, denn die dritte Kur war Glaubersalz und Brechmittel zusammen und die hatte sich nur erst ein Einziger geholt, der war aber ein solcher »Cujon wehst«, daß er sich aus lauter »Cunterdikschen« hingelegt hatte und gestorben war.
Doktor Hückler war keiner von den Leuten, die einer praktischen Erfahrung ihr Ohr verschließen; er ließ sich überzeugen und der Capitain curirte die Leute nach wie vor auf seine eigene Hand und Manier.
Um also auf das gesellschaftliche Leben an Bord zurückzukommen, so war Hieronymus Hückler hier zum ersten Mal in einen Umgangskreis gekommen, der ihm bis dahin fern gelegen, und in dem er sich im Anfang — die Seekrankheit ganz abgerechnet, — auch nicht recht wohl fühlte. Seine Verlegenheit würde er selber auch wohl schwer, und gewiß nicht schon auf der Reise überwunden haben, wären ihm darin nicht die jungen Damen, von Herrn von Hopfgarten redlich dabei unterstützt, freundlich entgegengekommen. Diese brauchten aber Alles, was sie nur von verfügbaren Personen in ihrem Bereich fanden, zu ihrer Unterhaltung, und da sich Capitain Siebelt, so gefällig er ihnen in jeder anderen Beziehung war, auf das Hartnäckigste weigerte, einigen der gebildeten Zwischendeckspassagieren den Zutritt zu dem Quarterdeck zu gestatten, die langen Stunden an Bord zu verkürzen, so wurde Doktor Hückler aus Mangel an besserer Beschäftigung, bald das Stichblatt aller unschuldigen und fröhlichen Scherze der kleinen munteren Gesellschaft. Bei den Gesellschaftsspielen, die Herr von Hopfgarten unermüdlich und in der erfinderischesten Weise anstellte, bekam er fast alle Schläge mit dem Plumpsack und verfiel bei den Räthselspielen, bei denen er nie im Stande war auch nur das leichteste zu errathen, den unerbittlichsten, aber auch eben so geduldig und gutmüthig ertragenen Strafen.
Ein anderer Mitpassagier, der nur sehr schwer zu bewegen war sich in etwas dem _geselligen_ Leben an Bord anzuschließen, war der Coyenkamerad des Herrn von Hopfgarten, ein junger Mann von vielleicht vier- bis fünfundzwanzig Jahren, und jedenfalls aus sehr guter Familie.
»Ich bin der Baron von Benkendroff — mein Vater ist der wirkliche Geheimrath von Benkendroff« hatte er sich gleich am ersten Tage Herrn von Hopfgarten vorgestellt — »und ich reise nur zu meinem Vergnügen nach Amerika, um mich von den nichtswürdigen republikanischen Zuständen jenes Landes nach eigener Anschauung zu überzeugen. Ich _weiß_, was ich dort finde, habe auch schon in der That einige Artikel über die dortigen Verhältnisse geschrieben, aber trotzdem gehe ich doch hinüber und betrachte die Reise gewissermaßen als eine Kur, als ein Schlammbad, das ich meinem Geist auferlege, ihn von allen doch noch vielleicht darin befindlichen Scrupeln und Zweifeln vollständig zu heilen.«
Den Spielen der jungen Damen schloß er sich allerdings manchmal an, aber dann immer mit einer gewissen vornehmen _nonchalance_. Er war überzeugt, daß er ihnen dadurch eine Gefälligkeit erweise, und wußte auch in der That selber manchmal nicht, was er mit sich anfangen solle. Am liebsten noch spielte er mit Frau von Kaulitz und Herrn von Hopfgarten Whist, wobei er es liebte, mit seiner sehr weißen, fast weiblichen und reich mir Ringen besteckten Hand zu coquettiren. Außerdem sprach er nie mit den Steuerleuten, höchst selten selbst mit dem Capitain, den er wunderbarer Weise _monsieur_ nannte, und der ihn deshalb auch nicht leiden konnte, und hatte noch mit keinem Fuß die Grenze der strengabgeschiedenen Cajüte überschritten.
Capitel 6.
LEBEN AN BORD.
Es war ein schwüler Nachmittag gewesen, und die ziemlich starke günstige Brise, mit der sie bis dahin so vortrefflichen Fortgang gemacht, schwächer und schwächer geworden, bis die See, deren Wellen sich ebenfalls nach und nach beruhigten wie ein stillwogender Spiegel blank und ungebrochen lag, und den Rumpf des Schiffes mit seinen langsam schwankenden Masten treulich im Bilde wiedergab. Matt und lässig schlugen dabei die schweren Segel, von keiner Luft mehr gebläht, gegen die Takellage, füllten auf, wenn das Schiff schwerfällig nach hinten niedersetzte, und trafen dann wieder mit mattem Schlag das Tauwerk, das sie dadurch, wie auch sich selbst, mehr scheuerten und angriffen, als es der ärgste Sturm gethan haben könnte.
»Reepschläger und Segelmacher prügeln sich« sagen die Matrosen wenn bei Windstille die Segel gegen das Takelwerk schlagen, und der Seemann sieht es nicht gern. Desto willkommener ist aber gewöhnlich den Passagieren eine solche erste Ruhe, wenn sie natürlich nicht zu lang anhält, die ihnen das Meer von einer ganz neuen, noch nicht einmal geahnten Seite zeigt, und selbst den Kränksten Gelegenheit giebt sich zu erholen und auf Deck zu ergehn.
Klar und wolkenrein spannt sich der Himmel aus über der dunkelblauen, mattglänzenden Fluth, und das Auge schwindelt wenn es in die durchsichtige Tiefe niederschaut, die sich plötzlich seinem Blicke öffnet. Reges geschäftiges Leben herrscht dabei an Bord, hier schwimmt eine in schillernden Farben wunderlich gefärbte Blase auf dem Wasser und hebt und senkt sich nach eigener Willenskraft — das sogenannte »portugiesische Kriegsschiff« wie der kleine Segler heißt(7) — dort streicht die dunkle Flosse eines Fisches langsam und träge durch die Fluth, und der Ruf »ein Hai, ein Hai« lockt selbst den Untersteuermann aus seinem Morgenschlaf auf, die gefräßige Bestie, diesmal vergeblich, mit einem ausgeworfenen und an einem Haken befestigten Stück Speck zu fangen. Lässig kreist dabei die schlanke Möve hoch in der Luft, und ganze Schaaren munterer Seeschwalben, »Mutter Kareys Küchelchen,« wie sie der Seemann nennt, suchen um das Schiff herum ausgeworfene Nahrung, und tauchen ellentief unter nach den wegsinkenden Stücken Fleisch und Speck.
Und nicht den mindesten Fortgang macht das Fahrzeug dabei; das alte Kartoffelfaß, das der Koch an dem Morgen über Bord geworfen, treibt noch in kaum hundert Schritt vom Schiff, von den neugierigen Schwalben immer und immer wieder besucht, umher; Kartoffelschalen und Rübenabfälle die die Frauen ausgeschüttet, schwimmen auf dem Wasser und sinken langsam tiefer, in der Fluth buntfarbige weißschillernde Lichter mit prismatischen Farben annehmend. Wergflocken und Stückchen getheerten Segeltuches, Federn von für die Cajüte gerupften Hühnern, und Streifen Papier und Zeug sprenkeln nach allen Richtungen hin die Oberfläche, und geben den Müssigen an Bord Gelegenheit zu rathen was es sei, oder dem versinkenden mit den Augen zu folgen tief, tief hinunter, dem Abgrund zu.
Aber nicht Alle schauen müßig über Bord; hier sitzen fleißige Gruppen, ihre Wäsche waschend und sich endlich einer Arbeit fügend, der sie sich eben nicht mehr länger entziehen können; dort hängen Andere die gewaschene an den Wanten und Tauen auf und ärgern die Matrosen damit, die den Leuten nicht begreiflich machen können daß sie das »laufende Tauwerk« dazu nicht benutzen dürfen.(8) Hie und da hat auch Einer ein Buch genommen, und studirt halblaut vor sich hin die unbegreifliche Aussprache englischer Wörter nach, irgend einem trostlosen Rathgeber in Redensarten und Gesprächen, quält sich mit dem w und th, und steckt das Buch endlich wieder, so klug als vorher und nur vielleicht noch mehr verwirrt, in die Tasche.
Die Arbeiten der Matrosen gehn indessen ruhig fort, denn es ist gewöhnlich ein irriger Glaube der Leute an Land, daß die Matrosen in See, wenn das Schiff nur erst in Gang wäre, nichts weiter zu thun haben als zu segeln, daß heißt das Schiff eben ruhig laufen zu lassen. Das Segelausbessern hört nicht auf an Bord, eben so muß das Takelwerk fortwährend nachgesehn, hier wieder neu gespließt, dort umwickelt, da neu getheert werden, und wäre wirklich gar nichts anderes vorzunehmen, dann muß ein Theil der Leute, zu späterer Verwendung bei neuen Tauen, altes getheertes Werg zerzupfen, und ein anderer Schiemanns Garn daraus spinnen, so daß es den Leuten nie und nimmer an Beschäftigung fehlt. Ein Schiff in See ist der letzte müßige Platz auf der Welt, und nur die Passagiere haben das Recht darauf zu faullenzen.
Auf Deck war solcher Art Alles in seinem gewöhnlichen stillen Gang geblieben, als die Cajütspassagiere, die auf dem Quarterdeck auf- und abgingen, plötzlich ein Hindrängen der Massen nach einer Stelle sahen, und eine laute Stimme hörten, die zu den um sie Versammelten sprach. Herr von Hopfgarten, ein wenig neugierig, und keineswegs so prude wie sein »Stubenbursch« Baron von Benkendroff, gab sich alle mögliche Mühe von dem etwas höher liegenden Quarterdeck aus das, was vorn an Deck vorgehe, zu erkennen; der Sprecher stand aber gerade auf der Back des Schiffes, und die lose niederhängende Fock verhinderte ihn etwas von ihm zu erkennen. Er stieg deshalb rasch auf das Deck nieder, dem Platz zuzueilen, von wo ihm jetzt schon lautes schallendes Gelächter entgegendröhnte.
»Hurrah, Maulbeere soll leben — Zachäus vivat hoch!« jubelte eine Menge lachender Kehlen, und die Zwischendeckspassagiere drängten jetzt in so festem Keil nach vorn, daß selbst die Schiemannsscheibe außer Thätigkeit gerieth, und die Matrosen ebenfalls dem was da vorging mit schmunzelnden Gesichtern lauschten.
Der Urheber dieses plötzlichen Lärmens sowohl, wie der wilden rauschenden Fröhlichkeit war, aber wirklich niemand Anderes als Zachäus Maulbeere, der sonst so mürrische, einsylbige Patron, der jetzt, aber ebenfalls mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt, und selbst während dem Jubeln und Jauchzen der Menge, keine Miene verzog, den Mund nur, als wenn er die Pfeifenspitze darin hielt, etwas mehr zusammendrückte, und die großen buschigen Augenbrauen womöglich noch höher emporzog, als er das sonst gewohnt war zu thun.
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Capitel 6
»Aber um Gottes Willen, was geht denn hier vor?« frug Herr von Hopfgarten, auf’s Aeußerste erstaunt einen der Nächststehenden — »was macht denn der Mensch da oben?«
»Maulbeere?« sagte dieser, es war der polnische Jude der sich mit dem vergnügtesten Gesicht von der Welt nach ihm umdrehte — »Maulbeere? — Gottes Wunder er predigt, und _was_ vor a Predigt — es is a Traktement ihn zu heren, und sind’er zwa ihn zu sehn.«
Der Pole hatte allerdings recht; es _war_ der Mühe werth Maulbeere zu sehn wie er da oben, im vollen Triumph einer ihm zujauchzenden Menge, unbeweglich und fest wie ein Fels im Meer stand, und gerade so that, als ob ihn die ganze Sache auch nicht das Mindeste anginge oder kümmerte. Er trug seinen gewöhnlichen abgebleicht grünen, langschößigen Rock mit dem schmalen Kragen, die gesprenkelte Weste und die schmutzig grauen, etwas kurzen Hosen, aber den Hut hatte er neben sich auf der Back, und vor sich einen kleinen niederen Tisch stehn, der dem polnischen Juden gehörte, und auf dem ein dickes aufgeschlagenes Buch mit einer Brille, wie seine Dose lag, während er in der linken Hand — die rechte hatte er in die Seite gestemmt — sein roth- und gelbgemustertes baumwollenes Taschentuch gefaßt und zusammengedrückt hielt.
Er machte eben eine kurze Pause, zu der ihn der Jubel der überraschten und immer noch mehr herbeidrängenden Zuschauer gezwungen hatte, und schien in voller Gemüthsruhe das endliche Schweigen des stürmischen Publikums zu erwarten.
»Aber was ist denn hier los?« riefen Einzelne dazwischen, die eben erst von unten heraufpreßten, zu sehn was es gäbe; »wie kommt denn Maulbeere da oben hin — Zachäus als Prediger — hat die ganze Reise den Mund noch nicht aufgethan und fängt auf die Art an?« — »Er ist übergeschnappt« jubelten Andere — »und giebt uns jetzt die Nutznießung seines verschobenen Gehirns« — »Ruhe — laßt ihn sprechen — still da — Ruhe — Zachäus hat das Wort!« hieß es dazwischen.
Die Passagiere hatten übrigens Ursache erstaunt zu sein, denn Maulbeere, der in der That die ganze bisherige Reise über noch mit keinen drei Menschen auch nur ein Wort gewechselt, und still und mürrisch vor sich hingebrütet hatte Tage lang, war auf einmal mit dem kleinen Tisch, den er im Zwischendeck gefunden und mitgenommen, an Deck und auf die Back gestiegen, wo er, ohne weitere vorherige Warnung, ganz im Styl einer wirklichen Predigt, aber diese parodirend, mit Thema und Einleitung und citirten Sprüchen nach Capiteln und Versen, dem Schnaps (über dessen schlechtere Qualität die Zwischendeckspassagiere seit drei Tagen etwa Ursache zu haben glaubten sich zu beklagen) eine Lobrede hielt.
»Ruhe — gebt Frieden — Zachäus fahr fort!« schrieen indeß die Stimmen durcheinander, und als sich der Lärm ein klein wenig gelegt, der indeß so arg geworden war daß der Capitain an Deck kam, zu sehn was es gebe, begann Maulbeere wieder:
»Wir haben drittens gesehn daß der Schnaps auch in seinen Wirkungen das Gemüth des Menschen sänftiget, und ihm die zum Guten nöthige Kraft verleiht auf der Bahn der Gerechten zu wallen! Schnaps — geliebte Zuhörer, welcher Wohllaut liegt schon in dem einen kleinen Wort. Wie sanft und feurig zugleich durchströmt er uns die Adern, kitzelt uns den Gaumen und vertreibt die bösen Dünste. Er auch war es, der schon vor tausenden von Jahren viele jener merkwürdigen Wunder vollbracht, die eine thörichte Welt jetzt, und irrthümliche, oft böswillige Uebertragungen, anderen Wirkungen zugeschrieben haben. Schnaps ist _Geist_ — wer aber brachte den Geist über die Propheten, die mit fremden Zungen redeten und nachher in alle Welt gingen alle Völker zu lehren? — wer anders als jener heilige Geist —«
»Das ist Gotteslästerung!« schrie da eine Stimme aus der Menge — »herunter von dort Du nichtswürdiger Mensch daß Dich nicht der Arm dessen trifft, den Du verhöhnst.«
Es war der Weber aus Zurschtel, der sich mit Mühe zwischen die Menschenmasse gedrängt hatte, zu sehn was da vorgehe, und jetzt in ehrlicher Entrüstung etwas entweihen hörte, an dem seine ganze Seele mit gläubiger Ehrfurcht hing.
»Ruhe da — Frieden! laßt den Mann ausreden!« rief aber mit Donnerstimme der Gesell mit den kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt hatte — »halt’s Maul Weber bis Du gefragt wirst!«
»Nein, er hat recht, das geht nicht — das dürfen wir nicht leiden!« riefen aber jetzt auch Andere dazwischen.
»Hurrah Maulbeere soll leben! fahr fort Maulbeere, laß Dich nicht irre machen!« jubelten ihm wieder Andere zu — »fort mit den Störenfrieden, steckt sie in’s Zwischendeck hinunter.«
Der einzige Ruhige bei dem ganzen Sturm blieb Zachäus, der, ohne auch nur eine Miene zu verziehn, oder mit einer Muskel zu zucken, dem Toben geduldig zuhörte, langsam eine Prise nahm, sich schnaubte, und dann sein Taschentuch wieder wie einen Ball zusammendrehte. Sobald aber ein Augenblick Ruhe eintrat, fuhr er auch eben so unverwüstlich in seiner Predigt fort, sang, mit näselndem Ton, als er diese beendet hatte, die Litanei ab, die Worte dabei so verdrehend daß sie ein Lob des Schnapses bildeten, und schloß dann seine Predigt, unter dem wiehernden Gelächter der Passagiere, mit dem »Es sind auch noch einige Personen vorhanden, welche Willens sind in den Stand der heiligen Ehe zu treten,« wobei er eine Reihe unanständiger Namen von einem Papier ablas, und dann zum Gebet schreiten wollte, als der Steuermann von dem Capitain, bei dem sich Einzelne über den Unfug beschwert hatten, nach vorne geschickt wurde demselben zu wehren.
»Avast da!« rief er dem parodirenden Prediger auf seine derbe Art zu — »avast da mein Bursche und herunter von der Kanzel; der Unsinn hat jetzt lange genug gedauert, und die Leute da unten, die ihre Wacht zur Coye haben, wollen schlafen. Verstehst Du Hochdeutsch, oder soll ich platt mit Dir sprechen?«
»Laßt den Mann seine Rede halten, so lang’s ihm gefällt« nahm hier wieder Meier seine Parthie — »wir reden Euch auch nicht hinein wenn Ihr sprecht.«
»Wenn Du einmal gefragt wirst mein Bursch, darfst Du antworten!« rief ihm aber der Seemann keck und zornig entgegen — »wenn ich hier befehle er soll herunterkommen, so kommt er oder — ich lasse ihn holen.«
»Faßt Einen von uns hier an!« schrie aber der, über Anrede wie Ausdruck gereizte Mann — »legt Hand an Einen von uns, und seht dann was aus Euch und dem Schiff wird. Gott verdamm mich!«