Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band.
Chapter 1
Nach Amerika! Ein Volksbuch
Zweiter Band von Friedrich Gerstäcker. Illustrirt von Carl Reinhardt. Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang’sche Sort-Buchhandlung
1855
INHALT DES ERSTEN BANDES.
Die Seestadt. Der Weserkahn. Das Schiff. In See. Die Passagiere. Leben an Bord. Leben an Bord. Die Entdeckung. Land.
Capitel 1.
DIE SEESTADT.
Am 29. August Abends zehn Uhr rasselten zwei Droschken durch die engen, noch ziemlich belebten Straßen Bremens, und hielten, dicht hintereinander, vor dem offenen Thorweg des »Hannoverschen Hauses« aus dem ein paar geschäftige Kellner sprangen, die Neuangekommenen in Empfang zu nehmen.
»Um wie viel Uhr fährt morgen früh die Haidschnucke ab?« frug ein ältlicher Herr, der in einen weiten Mantel gewickelt hastig aus dem ersten Wagen stieg, indeß aus dem anderen ein paar Damenhüte schauten, als ob sie noch unschlüssig wären hier auszusteigen oder weiter zu fahren.
»Haidschnucke?« sagte der Oberkellner etwas verblüfft den Fremden und dann den ebenfalls herzugekommenen Hausknecht anschauend — »Haidschnucke?«
»Weet ick nich« erwiederte dieser, kurz angebunden, und fing an, ohne weiter zu fragen die verschiedenen, vorn auf dem Bock aufgehäuften Koffer und Hutschachteln von diesem herunter zu ziehen.
»Das Schiff Haidschnucke, Capitain Siebelt, nach New-Orleans bestimmt,« erklärte der Fremde — ein alter Bekannter von uns, Professor Lobenstein — dem Kellner indeß; »der Abgang war auf morgen früh bestimmt, und ich wollte schon gestern hier sein, bin aber um einen Tag aufgehalten worden.«
»Ach Sie meinen ein Seeschiff,« sagte der Kellner beruhigend, »da brauchen Sie keine Angst zu haben; die gehen selten so pünktlich — befehlen Sie zwei oder drei Zimmer?«
»Ja selten so pünktlich,« wiederholte der Professor ungeduldig — »darauf kann ich mich nicht einlassen — He! — Sie da — wo laufen Sie denn mit den Sachen hin? lassen Sie mir das erst Alles einmal auf der Hausflur stehn, bis Sie weiteren Bescheid bekommen. Wo wohnt denn wohl der Rheder der Haidschnucke?«
»Der Rheder der Haidschnucke?« wandte sich der Oberkellner wieder fragend an den Hausknecht — »wer hat denn die Haidschnucke eigentlich?«
»Weet ick nich« sagte der Hausknecht wieder wie vorher kurz angebunden.
»Ferdinand Hessburg« kam ihm der Professor hierbei zu Hülfe, »die Firma heißt, glaub’ ich, Hessburg und Sohn.«
»Ach ich weiß schon« erwiederte der zweite Kellner jetzt — das Geschäft ist in der Seemannsstraße, aber Hessburgs wohnen am Wall.«
»Kann ich Jemand bekommen der mich dorthin begleitet?« frug der Professor.
»Es ist zehn Uhr vorbei« sagte der zweite Kellner, achselzuckend.
»Ich _muß_ Jemanden aus dem Geschäft noch diesen Abend sprechen« beharrte aber der Professor in der einmal gefaßten Furcht, daß er die Abfahrt des Schiffs versäume, »können Sie nur Jemand von hier mitgeben, so mögen meine Damen so lange in das Gastzimmer gehn und sich ein wenig restauriren. Ist es dann nöthig, so nehmen wir nachher Extrapost und fahren nach Bremer Hafen hinaus.«
Die Damen waren indeß ausgestiegen, und die verschiedenen Collis in dem Gastzimmer, an dessen Abendtafel es ziemlich lebhaft herging, neben dem Ofen aufgethürmt worden zu augenblicklicher Weiterbeförderung, falls diese nöthig werden sollte, bereit zu sein. Der Professor Lobenstein aber ging raschen Schrittes, mit dem einsylbigen Hausknecht als Führer, die Straßen entlang, dem bezeichneten Stadtviertel zu, bis Jahn, wie der Hausknecht hieß, vor einem sehr eleganten Hause Halt machte und dort auch, ohne weiter ein Wort zu sagen, mit solcher Gewalt an dem Messinggriff der Klingel riß, daß das ganze Haus von dem so plötzlich geweckten Geläute wiederschallte.
»Aber um Gottes Willen« rief der etwas rücksichtsvolle Fremde erschreckt.
»Dat sollen se woll ’hört hebben« meinte aber Jahn ruhig und schob seine Hände, wie vollständig mit sich zufrieden in die Taschen, während drinnen im Haus ängstlich bestürzte Stimmen laut wurden, und Leute hin und wieder liefen. Oben in der ersten Etage öffnete sich aber auch gleich darauf ein Fenster, und eine ziemlich ärgerliche Baßstimme frug herunter wer da wäre, und wo es brenne?
»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung« sagte aber der Professor, unwillkürlich in der Dunkelheit seinen Hut abnehmend, »mein Führer hier hat so entsetzlich an der Klingel gerissen.«
»Zu wem wollen Sie?« frug der Baß oben, die Entschuldigung unten kurz abschneidend — »hier wohnt kein Doktor.«
»Habe ich das Vergnügen mit Herrn Hessburg zu sprechen?« frug aber der Professor zurück.
»Mein Name ist Hessburg,« sagte der Baß.
»Dann sind Sie wohl so freundlich mir zu sagen, um welche Tageszeit die Haidschnucke morgen segelt« sagte der Professor, froh endlich an den rechten Mann gekommen zu sein, »und ob ich noch zur rechten Zeit komme, wenn ich jetzt Extrapost nehme und die Nacht durch nach Bremerhafen fahre — ich habe mich um einen Tag verspätigt und möchte das Schiff nicht versäumen.«
»Extrapost nehmen?« frug die Stimme oben erstaunt; »morgen früh um sechs und Mittags um elf geht ja ein Dampfboot nach Bremerhafen, warum wollen Sie denn nicht mit dem fahren?«
»Aber komme ich dann noch zur rechten Zeit?«
Die Stimme oben murmelte etwas, das der Professor unten nicht verstehen konnte — »sind Sie ein Passagier der Haidschnucke?« sagte es dann wieder lauter.
»Aufzuwarten — Professor Lobenstein aus Heilingen.«
»Ah — bitte um Entschuldigung Herr Professor, daß ich Sie habe so lange da unten stehen lassen. Marie machen Sie einmal unten die Thüre auf.«
»Bitte, bitte« rief aber der Professor — »ich will Sie keineswegs mitten in der Nacht belästigen — also komme ich noch früh genug wenn ich morgen um sechs Uhr mit dem ersten Boot abfahre?«
»Die Haidschnucke wird wohl kaum vor Abend in See gehn — der Wind ist noch nicht ganz günstig« sagte der Baß oben — »wenn Sie um 11 Uhr fahren haben Sie vollkommen Zeit — das Schiff liegt vor Brake und wird morgen früh noch einige verspätete Fracht an Bord nehmen.«
»Vor Brake?« wiederholte der Professor, mit der Geographie der Weser noch nicht so weit bekannt.
»Der Hafen diesseit Bremerhafen« sagte der Baß — »die Leute auf dem Dampfboot kennen den Ort und das Schiff —«
»Ich bin Ihnen sehr verbunden —«
»Bitte Herr Professor — Sie werden entschuldigen —«
»Bitte sehr — ich habe um Entschuldigung zu bitten —, Sie in so später Nachtzeit noch gestört und belästigt zu haben.«
»Oh — war mir sehr angenehm Ihre werthe Be —« das übrige verschwamm in einem dumpfen, unverständlichen Murmeln, unter dem sich das Fenster oben langsam wieder schloß, und der Professor bedeutete seinen Führer, ihn so rasch als möglich, zu dem Hotel zurückzubringen.
Lobensteins hatten dort indessen, so gut das in dem ziemlich besetzten Speisesaal eben gehen wollte, einen der Ecktische in Besitz und Platz daran genommen, und sich Thee und Butterbrod geben lassen, auf eine mögliche Nachtfahrt mit Extrapost wenigstens in etwas vorbereitet zu sein. Die beiden jüngsten Kinder, Carl und Gretchen mußten dabei im Schlaf in die Stube getragen und konnten kaum munter erhalten werden, noch etwas zu sich nehmen, und legten sich dann mit den Köpfchen, Carl auf den Tisch und Gretchen in Mutters Schooß — weiter zu schlafen.
Der Aufenthalt in dem großen, heißen Saale, mit den vielen Menschen, dem lauten Reden und Lachen und dem fast undurchdringlichen Tabacksqualm, die ganze fremde Umgebung dazu mit dem unbestimmten Gefühl das Schiff, mit dem ihre sämmtlichen Sachen befördert worden, am Ende gar schon versäumt zu haben, auch das übernächtige einer späten Fahrt, auf der mit bleierner, peinlicher Schwere der kaum überstandene Abschied aus der Heimath lag, das Alles vereinigte sich sie niederzudrücken und ernst und traurig zu stimmen, und das einfache Abendbrod wurde still und schweigend verzehrt. Jedes war mit seinen eigenen Gedanken viel zu sehr beschäftigt sich dem Andern mitzutheilen.
Nur Eduard, Professor Lobensteins ältester Sohn, der einzige vielleicht von der ganzen Familie, der sich wirklich auf die Reise freute und gern das regelmäßige, ihm entsetzlich langweilig vorkommende Schulwesen verlassen hatte, einem anderen, freieren Lebensberuf zu folgen, gab sich in dem Reiz der Neuheit, der die Jugend über so Manches hinwegsetzt, den fremdartigen Eindrücken selbst mit einigem Behagen hin. Die Rücklehne seines Stuhles gegen die Wand lehnend, überschaute er die bunten, sich vor ihm wie auf einem aus der Erde heraufbeschworenen Theater bewegenden Gruppen, und lauschte den sich fast sämmtlich um Amerika und die Reise drehenden Gesprächen der ihm nächsten Gäste und Fremden, bis sein Blick endlich auf einen kleinen Mann fiel, der ihnen gerade gegenüber und das Gesicht ihnen zugewendet, seinen Platz genommen hatte, und sie auf das aufmerksamste zu betrachten schien.
Der Fremde saß verkehrt auf seinem Stuhl, die Arme auf die Lehne desselben und sein Kinn wieder auf diese stützend, und schien sich in der That von der übrigen Gesellschaft ganz zurückgezogen oder abgewandt zu haben, und die neuangekommene Familie auf das Genauste zu betrachten.
Es schien übrigens, wie er _so_ da saß, ein kleines schmächtiges Männchen von vielleicht vierzig bis vierundvierzig Jahren, mit grauer runder Mütze und schwarzem vorn fast spitz zulaufendem Schild, grauem Frack, grauer Hose, grauer Weste, grauem Halstuch und grauen Zeugstiefeln, in der linken Hand, lang zusammengefaltet, ein paar graue Zwirnhandschuh. Die kleinen lebhaften Augen funkelten dabei scharf und forschend unter dem spitzen ziemlich tief niedergezogenen Mützenschilde vor, und hafteten so lang und so forschend erst auf dem jungen Mann, dann auf der Mutter und auf den Töchtern, bis er Eduards Auge ebenfalls auf sich zog und dann, als ob er fühle daß sein Betragen vielleicht auffällig wäre, sich weiter mit seinem Stuhl zurückzog und sich mehr seitwärts setzte. Seine Blicke schweiften aber dennoch fortwährend, und wie fast unwillkürlich, nach dem Tische hinüber, an welchem die fremden Damen saßen, und hafteten dann hauptsächlich — Eduard, als er erst einmal aufmerksam wurde, konnte das deutlich erkennen — auf seiner Mutter.
Die Frau Professorin war jedoch viel zu sehr mit ihren Kindern und der Sorge um ihr Gepäck beschäftigt, den kleinen grauen Mann auch nur zu bemerken, viel weniger denn zu finden daß sie selber von ihm so scharf beobachtet wurden, bis sie Eduard endlich darauf aufmerksam machte und sie frug, ob sie den Fremden vielleicht schon früher einmal gesehen habe. So wie sie aber zu dem hinüber sah, stand er, wie verlegen, von seinem Sitze auf, zog die Mütze vorn womöglich noch weiter herunter, steckte dann beide Hände hinten in seine Fracktaschen, und verließ, leise vor sich hin pfeifend, das Zimmer.
»Sie, Kellner!« rief aber jetzt Eduard, den der Mann an zu interessiren fing, einem der um sie beschäftigten aber ebenfalls ziemlich schläfrig aussehenden Kellner zu — »kennen Sie den Herrn der da eben hinausging?«
»Eben hinausging?« sagte der Kellner, einen faulen Blick nach der Thür werfend — »ich habe nicht darauf geachtet.«
»Der mit der grauen Mütze und dem grauen Rock.«
»Ach — die Nachtigall?« sagte der Kellner, und ein breites, etwas dummes Lächeln zog ihn den Mund fast von einem Ohre bis zum andern.
»Die Nachtigall?« wiederholte Eduard etwas verdutzt.
»Nun Sie meinen doch den kleinen grauen Mann mit dem spitzen Mützenschilde?« lachte der Kellner.
»Ja wohl, denselben.«
»Nun ja, das ist ein sonderbarer Kautz, der schon acht Tage bei uns wohnt. Er heißt Schultze und will mit der Haidschnucke nach Amerika.«
»Mit der Haidschnucke? — mit der wollen ja auch wir fort« — rief Eduard rasch — »also segelt sie noch nicht morgen in aller Früh?«
»Ich glaube nicht« sagte der Kellner, »sonst wäre die Nachtigall doch schon längst nach Bremerhafen hinauf — auf wann war sie denn angezeigt?«
»Auf morgen früh — bestimmt.«
»Ah da haben Sie noch Zeit genug,« gähnte der Kellner — »_unter_ acht Tagen gehn Sie dann gewiß noch nicht in See.«
»_Acht_ Tage?« rief Eduard erschreckt — »das wäre eine schöne Geschichte wenn wir hier noch acht Tage im Wirthshaus liegen sollten.«
»Lieber Gott« meinte der Kellner, eine Parthie abgegessener Teller von einem der Nachbartische aufnehmend und damit fortgehend — »die Auswanderer liegen hier manchmal vier und sechs Wochen, ehe ihr Schiff segelt.«
»Das wären traurige Aussichten« sagte Anna, die nicht weit von Eduard saß, und des Kellners Bemerkung gehört hatte — »da hätten wir uns freilich die letzten Tage in Heilingen nicht so entsetzlich abzuhetzen brauchen.«
»Was weiß der Kellner davon« tröstete sie aber Eduard; »apropos, der kleine graue Mann, der uns da gerade gegenübersaß und Mutter immer so anstarrte, geht auch mit der Haidschnucke nach New-Orleans?«
»Um Verzeihung,« fiel hier ein anderer Fremder, der an einem benachbarten Tisch saß, ein, sich im Stuhl etwas zurückbiegend — »habe ich recht gehört und gehen Sie wirklich mit der Haidschnucke nach New-Orleans?«
»Allerdings« erwiederte ihm Eduard — »wir haben unsere Passage auf dem Schiff genommen.«
»Ah, das ist mir doch ungemein angenehm« erwiederte der Fremde sich rasch vollständig gegen die Damen herumdrehend; »da bin ich so frei mich Ihnen als künftigen Reisegefährten gehorsamst vorzustellen.«
Die Damen verbeugten sich leicht gegen den sich selber Einführenden, und Frau Professor Lobenstein wollte ihn eben fragen ob er etwas Bestimmtes über die Abfahrt des Schiffes wisse, er ließ sie aber gar nicht zu Worte kommen, und fuhr rasch, seinen Stuhl jetzt vollständig zu ihrem Tische rückend, fort:
»Ist mir doch wirklich sehr angenehm; wunderbares Zusammentreffen das, ebenfalls, eh? — wie sich die Leute doch so auf der Welt finden; kommen hier in _einem_ Gasthaus, an _einem_ Tisch zusammen und sind, unbewußt, im Begriff eine so ungeheure Reise mit einander zu machen und die Gefahren des Oceans zu theilen. Liegt ungeheuer viel Poesie in dem Gedanken.«
Der gesprächige Fremde machte hier zum ersten Mal eine Pause, indem er seine ziemlich geleerte Weinflasche und sein Glas von dem Tisch an dem er vorher gesessen, herüber nahm, und vor sich hinstellte, und sein Glas dabei wieder füllte und mit einer Verbeugung gegen die Damen trank.
Es war ein Mann ziemlich hoch in den Dreißigen, sehr sorgfältig angezogen, mit einem großen Siegelring an dem Zeigefinger der rechten und drei oder vier anderen Ringen an dem kleinen Finger der linken Hand. Er trug sein Haar dabei _à la malconte_, vollkommen kurz abgeschnitten, und wie es schien dem Bart zu Liebe, dem er desto volleres und unbeschränkteres Wachsthum gestattete. Die Tuchnadel, die seine schwarzseidene, kunstgerecht gefaltete Cravatte zusammenhielt, war ein kleiner goldener Bacchus auf einem Faß, der einen, wahrscheinlich unächten Diamant als Glas in die Höhe hielt und sein ziemlich starkes Uhrgehänge bestand aus einer Unmasse kleiner goldener oder vergoldeter Werkzeuge, Hammer, Korkzieher, Pistolen, Flaschen, Musikinstrumente &c. &c. Sein Gesicht machte dabei gerade keinen angenehmen Eindruck; die Stirn war sehr niedrig und etwas zurückgehend, mit einer ziemlich tiefen Falte queer darüber hinziehend, und die kleinen blauen Augen flogen unruhig umher, während er sprach, indeß der Zug um den Mund eine merkwürdig stark ausgeprägte Zuversichtlichkeit, wie vielleicht auch Eigenliebe verrieth; dennoch ließ sich ein gutmüthiger Ausdruck darin nicht verkennen, und das ganze Gesicht war entschuldigt, sobald man erfuhr, daß es einem Weinreisenden gehörte.
»Und können Sie uns vielleicht genau die Abfahrt des Schiffs sagen?« frug die Frau Professorin endlich, die erste mögliche Pause benutzend; »es hieß daß es schon morgen früh in See gehen sollte.«
»Wind und Wetter _permitting_ wie die Engländer sagen« lächelte der Weinreisende, sehr zufrieden dadurch zugleich seine nautischen wie auch sonstigen Kenntnisse der englischen Sprache gezeigt zu haben.
»Was heißt das?« sagte die Frau Professorin, etwas verlegen.
»Ah, daß ein Schiff nicht segeln kann, wenn der Wind nicht günstig ist,« lächelte der Weinreisende nach den beiden jungen Damen hinüber. »Uebrigens wird die Haidschnucke keineswegs vor morgen Abend in See gehn« setzte er beruhigend hinzu; »ich bin mit dem Capitain sehr eng befreundet — wir haben schon manche Flasche zusammen ausgestochen, und er hat mich versichert daß er morgen Abend um sechs Uhr, mit eintretender Ebbe, seinen Anker lichten und seine Segel spannen würde. Sie wissen wohl, gnädige Frau — »Segel gespannt und den Anker gelichtet,« wie wir Seeleute singen.«
»Also vor morgen _Abend_ nicht? oh das ist mir _sehr_ lieb« sagte die Frau beruhigt; »dann brauchen wir auch nicht die Nacht durchzureisen und ich kann die Kinder zu Bett bringen, sobald der Vater zurückkommt. Sie wissen es doch ganz gewiß?«
»_Parole d’honneur_!« sagte der Weinreisende, sich, mit der rechten Hand und den Siegelring auf dem Herzen, verbeugend. »Uebrigens« fuhr er lebhafter fort, »wird, nach Goethe, wie bekannt, durch zweier Zeugen Mund, überall die Wahrheit kund, und hier an dem Tisch sitzt noch ein Reisegefährte von uns, der ebenfalls seine Passage auf der Haidschnucke genommen hat und erst wahrscheinlich morgen früh um elf Uhr mit dem zweiten Dampfboot nach Brake fahren wird, an Bord zu gehn — Herr Mehlmeier, dürfte ich Sie bitten sich einen Augenblick hierherüber zu bemühen und — Sie erlauben mir doch daß ich ihnen Herrn Mehlmeier vorstellen darf?«
»Wird uns sehr angenehm sein« sagte die Frau Professorin etwas verlegen; es war ihr eben _nicht_ angenehm, in der Abwesenheit ihres Mannes mit so vielen fremden Menschen hier zu verkehren.
Herr Mehlmeier, der indessen still und regungslos, und ohne auch nur den Kopf nach jemand Anderem umzuwenden, vor seinem wieder und wieder gefüllten Glas Bier gesessen hatte, war bei dem Ruf seines Namens aufgesprungen, als ob ihn was mit einer Stecknadel an irgend einem empfindlichen Theil gestochen hätte. Es war eine große, fast übermäßig starke Gestalt, die des Herrn Mehlmeier, mit einem vollen runden gutmüthigen Gesicht, sehr breiten Schultern und stattlichem, etwas bauchigem Körper, Marie aber sowohl wie Eduard, und selbst Anna konnten sich kaum eines Lächelns erwehren, als er den Mund öffnete, und mit einer ganz feinen weichen, fast weiblichen Stimme ausrief:
»Was befehlen Sie Herr Steinert?«
»Ach lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Herr Steinert — »ich wollte mir vor allen Dingen die Freiheit nehmen, Sie den Damen hier, die wir so glücklich sind künftige Reisegefährtinnen von uns zu nennen, nach aller Form vorzustellen — Herr Christian Mehlmeier von Schmalkalden — und — aber ich weiß wahrhaftig Ihren eigenen Namen noch nicht, meine Damen —«
»Die Familie des Professor Lobenstein aus Heilingen« nahm hier Eduard das Wort, der sich jetzt besonders für den dicken Mann mit der feinen Stimme interessirte.
»Professor Lobenstein?« rief Herr Steinert, rasch nach dem jungen Mann herumfahrend — »Familie des Professor Lobenstein — _corpo di Bacho!_ da sind wir ja alte Bekannte — habe das Vergnügen schon früher gehabt mit Ihrem Herrn Vater in einer sehr angenehmen Geschäftsverbindung zu stehn — ich machte in Weinen für das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt am Main — und der Herr Professor machten ebenfalls die Reise mit.«
»Wir erwarten ihn jeden Augenblick« sagte die Frau Professorin, sich dabei ungeduldig nach der Thüre umsehend, denn die Bekanntschaft des Herrn Steinert, der mit seiner lauten Stimme schon die Aufmerksamkeit sämmtlicher übrigen Gäste auf sie gezogen hatte, fing an ihr drückend zu werden.
»Er ist eben fortgegangen sich über die genaue Abfahrt des Schiffes Gewißheit zu holen,« ergänzte Eduard.
»Ah ja, unser Schiff« rief Herr Steinert, sich plötzlich wieder der Sache erinnernd, wegen der er Herrn Mehlmeier eigentlich herbeigerufen. »Sie haben ja selber heute mit den Rhedern gesprochen, nicht wahr lieber Mehlmeier?«
»Ja wohl« sagte der dicke Mann mit seiner feinsten Stimmlage, während er dabei stark mit dem Kopf schüttelte.
»Dann ist also keine Gefahr daß wir das Schiff versäumen, wenn wir bis morgen früh hier bleiben?« frug die Frau Professorin. Herr Mehlmeier nickte ihr aber sehr bedenklich zu und sie frug rasch — »Sie glauben doch?«
»Bitte um Verzeihung — Gott bewahre« sagte der dicke Mann erschreckt. — Das Gespräch wurde aber hier durch den Professor selber unterbrochen, der in diesem Augenblick den Saal betrat und noch unter der Thür zwei Zimmer für sich und die Seinen mit den nöthigen Betten, bestellte. Der Oberkellner war ihm darin aber schon zuvorgekommen, und trotzdem daß Herr Steinert jetzt mehre Anläufe nahm ein Gespräch mit Professor Lobenstein anzuknüpfen, und sich ihm als alten Bekannten vorzustellen, hatte dieser doch zu wenig Zeit sich, außer einigen höflich gewechselten Worten, mit ihm näher einzulassen. Die Frauen waren müde und erschöpft, und das Gepäck mußte nach oben geschafft werden, wo der Professor selber seinen Thee trinken wollte; so jede weitere Unterhaltung auf den nächsten Morgen verschiebend, empfahlen sich die Neugekommenen, und verschwanden gleich darauf mit den voranleuchtenden Kellnern in den Gängen der ersten Etage.
In dem Gastzimmer des Hannöverschen Hauses begann aber jetzt erst, trotz der späten Stunde, ein reges geselliges Leben. Viele der Passagiere der Haidschnucke, wie noch mehrer anderer Schiffe deren Abreise theils auf morgen, theils auf die nächsten Tage angekündigt worden, hatten sich hier zusammengefunden und feierten unter Lachen und Singen, mit Bier oder Champagner, und lustigen fröhlichen Plänen für »da drüben,« den »letzten Tag in der Heimath« wie sie’s nannten.
»_Den letzten Tag in der Heimath_« — wie leicht, wie lustig sie das sprachen, und wie laut und fröhlich die Gläser dazu klirrten, und die Stimmen einfielen in den donnernden rauschenden Chor ihrer heimischen Lieder. Den letzten Tag in der Heimath; und für wie Viele war es der _letzte_ Tag — wie Wenige von allen denen, die jetzt jauchzend das neue fremde Leben begrüßten, und die Erinnerung in Strömen Weins verschwemmten, sollten die Heimath wirklich wiedersehn, nach der doch alle Fasern ihres Herzens zurück sich sehnten viele Jahre lang. »Der letzte Tag in der Heimath« oh es denkt sich leicht, mit all den wundertollen Bildern, die unsere Phantasie sich aufgebaut, gewissermaßen schon in Sicht — in Arms Bereich. Mit dem alten Leben abgeschlossen hinter sich, voll Ungeduld dem Augenblick entgegensehend wo sie das neue beginnen dürfen und können, ist ihnen das Vaterland nur noch das letzte Sprungbret, von dem aus sie mit keckem fröhlichem Satz einer neuen Welt in die Arme fliegen, und sie _feiern_ den Tag und die Stunde, vor deren Nahen sie Jahre lang gebebt — oh daß sie nie den Tag beweinen müßten.
Die Fröhlichkeit der Auswanderer ist aber in solchen Fällen auch selten eine ruhige, meist eine wilde, ausgelassene, wie das auch wohl kaum anders der Fall sein kann; sie _wollen_ nicht zurückdenken an das was hinter ihnen liegt, und das Nöthigste was sie dabei zu thun haben, ist die Gedanken zu betäuben, die ihnen oft dennoch ins Hirn steigen, sie mögen sie eben haben wollen oder nicht.
Eine Menge der jungen Leute waren an dem Abend noch einmal im Theater gewesen, in der fremden Stadt irgend ein altes bekanntes Stück aufführen zu sehen, und saßen jetzt bei ihrem Abendessen und Wein, und sprachen und stritten sich über die Aufführung, als ob sie nur eben deretwegen allein nach Bremen gekommen wären. Dort in der Ecke rechneten ein paar, die wahrscheinlich gemeinsame Casse mit einander hatten, und jetzt ihre gehabten und zu habenden Auslagen wohl durchsahen; die meisten aber lachten und plauderten mit einander und tranken und sangen noch, heimische Weine und Lieder bis spät in die Nacht hinein.