Nach Amerika! Ein Volksbuch. Vierter Band

Chapter 13

Chapter 133,460 wordsPublic domain

Herr von Hopfgarten, den wir auf seiner Fahrt nach Cincinnati verlassen haben, hatte sich indessen in der »Königin des Westens« wie sie ernsthaft, oder _Porkopolis_ -- wie sie der ungeheueren Masse Schweine wegen, die dort jährlich geschlachtet und verschickt werden, scherzhaft im Lande heißt, einige Wochen aufgehalten, um sich mit dem Leben und Treiben einer der inneren Städte Amerikas bekannt zu machen.

Die Lage Cincinnatis, das den Centralpunkt aller dort gelegenen deutschen Ansiedelungen bildet, ist reizend; der wunderschöne Ohio (schon von den Indianern _O-hy-o_ -- der schöne Strom genannt) bespühlt ihren Fuß und bietet ihr eine treffliche Landung, an der die größten Mississippi-Dampfer ihre Frachten ein- und ausladen können, während freundliche, jetzt schon vielfach mit Reben bepflanzte Hügel die Stadt im Rücken umschließen. Es kam ihm dabei so vor, als ob fast der dritte Theil der Einwohner Deutsche wären, und einzelne Viertel besonders schienen nur von Landsleuten bewohnt, ja auf dem trefflich bestellten Markt hörte man kaum etwas anderes als Deutsch sprechen, und besonders amüsirte es ihn dabei die Verschmelzung der Trachten, den Übergang des deutschen Bauers, der nur erst nach hartnäckigem Widerstand in _jeder_ Hinsicht den deutschen Bauer auszieht, in den Amerikaner zu beobachten.

Wunderliche Transformationen kamen da vor, nicht unähnlich denen, wie man sie überall an wilden Stämmen beobachten kann, und unser deutscher Bauer hat wirklich einige Ähnlichkeit, so sonderbar das klingen mag, mit dem Indianer. An seinen alten Sitten mit einer Zähigkeit hängend die ihres Gleichen sucht, betrachtet er Jeden der ihm daran rütteln will mistrauisch, eifersüchtig selbst -- sein Vater hat das so und so gethan und so war's gut, warum sollt's jetzt wohl anders werden -- etwa weil »Stadtmenschen mit Brillen auf, die das aus Büchern gelesen haben« -- meinen sie könnten es besser machen? _die_ hatten jedenfalls ihre Absichten, suchten ihren Vortheil dabei, das war Alles. So gehn sie auch nach Amerika, nicht etwa weil sie sich dort ein freieres, ungebundeners Schaffen versprechen, sondern weil ihnen Steuern und Abgaben im alten Vaterland zu drückend werden, und Briefe auf Briefe von dort herüberkommen, die ihnen mit goldenen Schilderungen den Mund so lange wässrig machen, bis sie eben nicht länger widerstehen können und nun auswandern. Und nicht um dort zu lernen, und sich den Sitten und Gebräuchen der neuen Heimath zu fügen, betreten sie das fremde Land, sondern fest überzeugt daß sie den Leuten dort noch zeigen müssen wie man ackert und säet. Ihre eigene Sitten, ihr eignes Ackergeräth und Handwerkszeug, so unpraktisch das sein mag, so wenig es den dortigen Bedingnissen entspricht, ändern sie auch deshalb nicht, bis nicht ihre Kinder herangewachsen und den Bettel aus dem Hause werfen, oder die Noth sie zwingt das eine oder andere zu verbessern.

So mit ihrer Kleidung; mit den langen blauen Zimmermannsröcken mit fingerbreiten Kragen, und riesigen, zwischen den Schößen zeitweilig herausfahrenden weißleinenen Taschen, mit dem ausgeschweiften Hut und den kolossalen Schuhen, und die Frauen mit ihren kurzen Röcken und weiten Ärmeln, den wunderlichen Hauben, dick wattirten, wulstigen Jacken und tausendfach gefalteten Röcken, wie lange währt das, bis sie auch nur das kleinste daran ändern, und thun sie's selbst, legen sie das und jenes ab, und dieß und das dafür an, die Art wie sie's tragen bleibt dieselbe, und der Deutsche ist im Nu herauszufinden.

Herr von Hopfgarten hatte Briefe an ein paar deutsche Kaufleute mit. Der Eine, den er zuerst besuchte, hielt einen Laden im Mainstreet, und schien durch Importiren deutscher Waaren ein ziemliches Vermögen erworben, sein Deutsch aber dabei vergessen zu haben. Er sprach nur Englisch -- wenn auch freilich mit traurigem Accent -- selbst mit seinen deutschen Dienstleuten, die sich abquälen mußten ihn nur zu verstehen -- kleidete sich ganz Amerikanisch, d.h. er coquettirte damit einen sehr feinen, aber an dem einen Ellbogen zerrissnen Rock zu tragen, besuchte den ganzen Sonntag Amerikanische Kirchen und -- kaute Taback.

»Wie er sich räuspert und wie er spuckt, Das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt.«

Das vernachlässigte, Widerliche des Amerikanischen Charakters nehmen diese Art Leute an, das aber, was seinem ganzen Wesen die innere Triebkraft giebt, das Bewußtsein seiner Freiheit, sein Nationalstolz, mit dem er sein Vaterland wachsen und gedeihen sieht, wie noch kein Beispiel die Geschichte je geliefert, das leider Gottes liegt ihnen unerreichbar fern. Sie sagen sich nicht allein los vom deutschen Vaterland -- das ist gut, das Vaterland kann sie verschmerzen und hat des Gelichters noch leider mehr als genug -- nein sie schämen sich auch Deutsche zu sein, schimpfen nicht auf das was Deutschland so niedergedrückt hat und zu Boden gehalten, sie haben das nie begriffen noch gefühlt, nein auf den deutschen Stamm, dem ihre eigene Mutter angehörte, und spreitzen sich in ihrem fremden Wesen, mit dem gewonnenen Reichthum, von dem ordentlichen Amerikaner ausgelacht, von dem wackeren Deutschen verachtet, in einem kleinen Raum herum, den ihr eigener Dunstkreis bildet, und den sie für die Welt halten.

Hopfgarten konnte sich nicht wohl bei diesen Menschen fühlen; diese vornehme Gemeinheit widerte den wackeren Mann an, und er suchte sich eine andere Schicht der Bevölkerung unter den Deutschen.

Er wurde bei einem Landsmann, der eine Apotheke in ---- _street_ hatte eingeführt und sehr freundlich aufgenommen, und lernte hier einige Doktoren, Advocaten und Geistliche kennen, aber ein steifer Ton herrschte auch in diesen Zirkeln; von einem herzlichen Verstehen war zwischen ihnen nicht die Rede. Die Doktoren waren natürlich nur solche die zur Ausführung ihrer Recepte die Patienten nach _seiner_ Apotheke schickten, die Advocaten und Pastoren »gute« Patienten von beiden, aber auch hier wurde kein freundliches Wort über die _Landsleute_ gesprochen. Alle diese Männer befanden sich noch nicht in den Verhältnissen ihren Beruf aufzugeben und von ihren Zinsen zu leben, ja Manche waren erst seit kurzer Zeit von Europa herübergekommen und suchten sich erst eine Carriere oder Stellung zu gründen. Der Apotheker _protegirte_ Manche von diesen, und war außerdem, seiner Äußerung gegen Herrn von Hopfgarten nach, _stolz_ darauf ein »Bürgerlicher« zu sein.

Hopfgarten lachte damals über diese etwas wunderliche Bemerkung, und meinte darauf, Herr Hohlziegel habe dazu wohl eben so wenig Grund, als wenn _er_ auf seinen Adel stolz sein wolle, da sie als vernünftige Männer doch wüßten wie des Menschen Handeln seinen Werth bestimme -- aber wohl konnte er sich dennoch nicht zwischen den Leuten fühlen. Es war auch dabei von Nichts die Rede als von Geschäften, und wenn ein Mann genannt wurde, mußte die Zahl seines Vermögens den Zunamen bilden -- das ganze Geschlecht wurde in _gut_ und _nicht gut_ geschieden. Selbst der Geistliche, der neu angekommen, in den nächsten Tagen eine Probepredigt zu halten hatte, damit sich dann die Gemeinde entscheiden könne ob sie ihn haben wolle oder nicht, sprach nur von dem _Effekt_ seiner Rede, von dem »Packen der Menge« und von seinem _Gehalt_.

Diese Leute verschmähten es, oder hielten es vielmehr unter ihrer Würde in ein deutsches Bierhaus zu gehn, und tranken mit kleinen Stückchen sehr trockenen, staubig schmeckenden Confekts, einen nichtswürdig saueren Amerikanischen Wein, der das Einzige zu seiner Entschuldigung hatte, daß er auf Herrn Hohlziegels eigenem Weinberg gereift war, und dieses Meinung nach, einmal ein »famoses Gewächs« werden mußte.

Hopfgarten stand eines Abends, nach einem schrecklich verlebten Nachmittag in Verzweiflung unten in der Apotheke und beschloß schon Cincinnati mit seiner prachtvoll gebauten Unterstadt, und den Holzbaraken des Canalviertels in Mismuth zu verlassen, als der Provisor, ein behäbig aussehender Mann, mit fettem Unterkinn und kleinen lebhaften Augen, seinen Hut aufsetzte, dem anderen jungen Mann in der Apotheke zurief daß er mit dem »fremden Herrn« ausgegangen sei, und diesen dann sehr zu dessen Erstaunen ohne weiteres unter den Arm nahm und hinaus auf die Straße führte.

»Wenn Ihr Magen von dem verdammten Grüneberger Ausbruch noch nicht ruinirt ist,« sagte er dabei, »und Sie noch eine halbe Stunde aufsitzen können ohne einzuschlafen, wie es die »Honoratioren« gewöhnlich machen, so denk' ich Sie zu einem guten Glas Bier zu führen, wo wir auch muntere Gesellschaft finden. Gemischtes Publicum allerdings, aber nette Kerle, und Cincinnati Bier mit Limburger Käse.«

»Oh Sie scherzen,« rief Hopfgarten rasch, »Limburger? ächter Limburger? Herr, das ist eine schwache Seite von mir.«

»Sie werden ihn _riechen_ sobald wir in's Haus kommen,« sagte Bohle, der Provisor. Überhaupt aber ziemlich schweigsamer Natur, ließ er sich auch unterwegs auf kein großes Gespräch weiter ein, sondern beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen so einsylbig als irgend möglich.

Sycamorestreet hinauf und in eine der Queerstraßen, die mit dem Strom parallel laufen, einbiegend, erreichten sie endlich ein Haus, das nicht mit dem entsetzlichen »Deutsches Coffe-Haus« wie fast alle Schnapskneipen die Überschrift tragen, versehen war, sondern wo ein weiß und blaues Schild -- ein Stückchen Heimweh des bairischen Bierbrauers -- dem durstigen Wanderer mit lakonischen aber zum Herzen sprechenden Worten kündete, daß hier ein gutes Bier verzapft werde. Es war keine Prahlerei mit dem Worte Bairisch dabei, kein Coquettiren mit der Zugabe »Amerikanisch« -- es hieß nur »gutes Bier« und ein kleines hölzernes Täfelchen was darunter hing trug, anscheinend mit dem in Stiefelwichse getauchten Finger geschrieben, die Worte:

Limburger Käse! Schweizer Käse! Rettiche!

Der Platz bedurfte weiter keiner Empfehlung, und Hopfgarten betrat mit einer gewissen Art von heimischem Wohlbehagen den kleinen niederen, schon von zahlreichen Gästen belebten Raum, wo sie kaum seinen Begleiter erkannten, als ihnen auch an einem der Tische Raum gemacht und sie freundlich eingeladen wurden sich dort niederzulassen.

»Meine Herren,« begann da Bohle seinen Gast vorzustellen, »ich bringe Ihnen hier ein Opfer der Etikette, einen Unglücklichen, den Hohlziegel mit Cincinnati-Ausbruch vergiftet und der Doktor Held außerdem aus der Haut getrieben hat vor langer Weile. Der Herr hier ist erst vor kurzer Zeit von Deutschland herübergekommen, heißt von Hopfgarten und würde Cincinnati mit der moralischen Überzeugung verlassen haben, daß es der ekelhaft langweiligste Platz unter der Sonne sei, und die Deutschen darin nicht einmal deren Scheinen verdienten. Ich habe ihn gerettet, unter den Arm genommen und bin mit ihm hierher an Land geschwommen -- bitte meine Herren, stellen Sie sich jetzt eigenhändig vor, damit unser neuer Freund weiß woran er ist, und in welch anständiger Gesellschaft er sich eigentlich befindet. -- Sie Lochhausen, fangen Sie einmal an; aber hallo hier Brand, bringen Sie uns doch Bier, zum Donnerwetter, sollen wir denn an der Quelle verschmachten. Zwei Quart Bier und einen halben Limburger Käse! also Lochhausen.«

»Ich heiße von Lochhausen,« sagte der junge Mann, der dicht neben Herrn von Hopfgarten saß, ein junger blondhaariger Bursche mit blauen treuen und doch lebendigen Augen, »und bin Zeitungsträger beim Volksblatt, wie auch Exzeitungsträger des Christlichen Apologeten, habe aber die Hoffnung, wenigstens das Versprechen der betreffenden Behörden, denen ich durch meine Familie dringend empfohlen bin, eine feste Anstellung als Straßenkehrer für Sycamore und Wallnutstreet zu bekommen.«

Hopfgarten sah seinen Führer von der Seite an, denn unwillkührlich stieg der Verdacht in ihm auf, daß man sich vielleicht auf seine Kosten amüsiren wolle, und ihn für »grün« genug halte zu glauben was man ihm eben aufbinde. Bohle, der aber etwas Ähnliches vielleicht vermuthen mochte, sagte freundlich:

»Fürchten Sie nicht, lieber Herr, daß Ihnen Einer der Leute hier eine Unwahrheit erzählt, sie würden _Alle_ über ihn herfallen; die ganze Geschichte soll Ihnen auch eigentlich nur einen Beweis liefern, wie uns das Schicksal hier zusammengewürfelt hat, und was wir treiben. Am Tag müßten Sie Gott weiß wo überall umherkriechen uns anzutreffen, Abends finden wir uns aber gewöhnlich hier von selber zusammen; nicht aus freiem Willen übrigens, sondern durch die Nothwendigkeit zu einander getrieben, einen Anhalt in uns selber gegen das praktische Leben draußen zu haben. Jetzt kommen Sie Höfner.«

»Meinen Namen haben Sie eben gehört« sagte der also Aufgerufene, mit einer leichten freundlichen Verneigung gegen den Fremden; »ich bin der Sohn des früheren Justizministers Höfner aus -- seit zwei Jahren in Amerika und im ersten halben Jahr in einer Kohlengrube in Pennsylvanien beschäftigt gewesen. Die Arbeit war mir zu hart, ich ging deshalb als Koch auf ein Dampfboot, wurde später Bäcker in Dayton und drehe jetzt Cigarren, in welchem Geschäft ich mir schmeichle ziemliche Fertigkeit erlangt zu haben.«

»Ich heiße Sorgfeld,« sagte der Dritte, »war früher Officier in Braunschweigischen Diensten, kam vor drei Jahren nach Amerika, wurde Farmer, d.h. diente anderthalb Jahr als Ackerknecht, bekam Streit mit einem Amerikanischen Advokaten in der Nachbarschaft, und flüchtete in Folge eines Duells nach Ohio, wo ich jetzt Bilderrahmen in der Spiegelfabrik von _Hoppe & brothers_ vergolde.«

Der vierte war eine etwas schwammige, eben nicht übermäßig reinliche, in einen grauen Sommerrock eingeknöpfte Gestalt mit einem dicken aufgedunsenen Gesicht, in dem aber Humor und viel Gutmüthiges lag, trug eine Brille schief auf der Nase, daß er über das eine Glas hin und unter dem anderen weg sah, und hatte eine Gewohnheit sich mit den Fingern durch das lange dünne feuchte Haar zu fahren.

»Ich heiße Müller,« sagte er, dabei still vor sich hinlächelnd, »und bin Redakteur des Volksboten -- ultra demokratischer Würgengel und Hackklotz des Christlichen Apologeten wie »Wahrheitsfreundes«[14] -- Principal jenes jungen blondhaarigen Menschen da, dem ich etwas mehr auf die Finger sehen muß, da ich nicht begreife wie er mit dem geringen Absatz meines Blattes so viel Biertrinken vereinigen kann -- habe früher in Deutschland _jura_ studirt und eine Zeitlang hier Recht verdreht, dann, als das nicht mehr gehn wollte, und die Eisenbahnspeculation begann, bei der ich mich auch in etwas betheiligen wollte, zwei Monate an der St. Louis-Bahn mit geschaufelt und gegraben, bin dann, da die Arbeit meiner Constitution nicht zusagte, hierher nach Cincinnati gekommen, wo ich eine Zeitlang für einen hiesigen Kürschner, meinen Nachbar hier, Felle zupfte, und habe nachher, einem »dringenden Bedürfniß« abzuhelfen, den »Volksboten« gegründet, an dem mich jetzt meine Zeitungsträger und Setzer ruiniren.«

»Ich bin der Kürschner Helfich,« sagte ein kleiner Mann mit einem großen Höker auf der linken Schulter, mit dem er nicht viel mehr als eben auf den Tisch hinauf reichte. »Habe hier in Amerika eine Ladung Pelze gekauft, dieselben nach Deutschland hinüber zu schaffen, litt dicht vor dem Hafen Schiffbruch, bekam, da die Assecuranzcompagnie einfach bankerott machte, nur fünf Procent, etwas über meine Einzahlung vergütet, und begann nun hier, da ich solcher Art nicht zurückkehren mochte, ein kleines Geschäft ganz von vorn; habe auch Clavierunterricht und Zeichenstunde gegeben, und werde mich im nächsten Frühjahr einer Gesellschaft anschließen, eine Reise mit der Pelzcompagnie in die Felsengebirge zu machen.«

»Ich bin Doktor Eberhard,« sagte der nächst ihm Sitzende, »meine Geschichte ist bald erzählt; vor zwei Jahren als Schiffsdoktor herübergekommen, habe ich mir die wenigen Patienten, die mir Glück oder Zufall geliefert, selber todt gemacht -- wenigstens behaupten meine Freunde so,« sagte er, als die Übrigen lachten, »und würden einen Mordscandal erhoben haben, hätte ich etwas anderes erzählt. Jetzt habe ich einen Cigarrenladen errichtet, an dem mein Freund Höfner da Mitarbeiter ist.«

»Ich habe Theologie studirt« nahm der letzte am Tisch, der neben Bohle saß, die Reihenfolge auf, »und heiße Tanne. Glaubte auch meinen Beruf hier in Amerika, nach Allem, was ich früher darüber gehört, sehr bequem fortsetzen zu können, fand aber nach Jahresfrist daß ich mich darin geirrt. Von einer Gemeinde in Pennsylvanien engagirt, wöchentlich ein Mal zu predigen und sämmtliche Festtage zu halten, wofür ich 30 Dollar monatlich bekam, war ich den Orthodoxen bald nicht orthodox, den Freisinnigen nicht freisinnig genug. Darin vereinigten sich beide Partheien, daß ich nicht für sie tauge und ich ging nach Ohio, wo ich in Columbus eine Zeitlang der deutschen Gemeinde predigte. Umtriebe, die von einem andern »Pfarrer« dort gemacht wurden, ließen mich meine dortige Stellung freiwillig aufgeben, und ich zog die ruhigere Beschäftigung eines Constablers -- quasi Nachtwächter -- in Dayton vor, wo ich gleichen Gehalt wie als Prediger bekam. Die Nachtluft sagte aber meiner Constitution nicht zu -- ich wurde dann in Covington, über dem Ohio drüben, Schullehrer, ärgerte mir da fast den Tod an den Hals und machte dann zwei Reisen als Koch auf einem Dampfboot, bis ich mich jetzt endlich als Pillenfabrikant hier zu Ruhe gesetzt habe, und jetzt ziemlich einträgliche Geschäfte, besonders nach dem Westen der Union mit blutreinigenden sogenannten Tanneschen Pillen mache.«

»So« sagte Bohle, »haben Sie nun die Güte und introduciren Sie sich ebenfalls.«

»Lieber Gott, das ist bald geschehen« lachte Hopfgarten »und ich komme mir, diesen Mannigfaltigkeiten gegenüber, hier ordentlich klein vor. Ich heiße von Hopfgarten, und reise durch die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, das Land selber kennen zu lernen und einen richtigen Begriff davon zu bekommen -- sonst bin ich hier noch weiter Nichts gewesen als -- Passagier.«

»Aller Ehren werth« rief da Müller lachend, »wenn Sie wirklich noch weiter Nichts gewesen sind; die meisten Fremden sind gewöhnlich in der ersten Zeit auch noch »Hühnchen« und werden gerupft.«

Hopfgarten lachte und meinte, das stünde ihm wohl noch bevor. Von jetzt an wurde das Gespräch allgemein; dadurch übrigens, daß sich alle selber persönlich aufgeführt und vorgestellt hatten, war ein heiterer, ungenirter Geist in das Ganze gekommen; der Fremde war ihnen nicht mehr fremd, und fühlte sich zum ersten Mal, seit er Amerika betreten hatte, wirklich wohl in einer fremden Umgebung. Die Gesellschaft bestand nur aus gebildeten Leuten, die sich schon in der Welt etwas umgesehn und ihre Kräfte versucht hatten, es herrschte ein höchst anständiger, aber vollkommen zwangloser Ton, und trotz ihren verschiedenen Beschäftigungen, die Alle vielleicht wieder in den nächsten Monaten wechselten irgend etwas anderes ihnen mehr zusagendes oder mehr einträgliches zu ergreifen, sah man daß sie einander achteten und gern hatten.

»Und es gefällt Ihnen in Amerika?« hatte Hopfgarten im Lauf der Unterhaltung gewissermaßen die Frage an die ganze Gesellschaft gerichtet; »Sie fühlen sich wohl und zufrieden hier?«

»Ich will Ihnen etwas sagen, mein lieber Herr von Hopfgarten,« nahm hier Tanne die Frage auf -- »die Antwort kann nicht einfach mit ja oder nein gegeben werden. Von gefallen oder nicht gefallen kann überhaupt nicht die Rede sein irgend einen Maasstab anzulegen, denn das richtet sich auch großentheils nicht allein nach den Ansichten des Einzelnen, sondern auch nach dem, was er in der alten Heimath zurückgelassen hat. Das Vaterland liegt uns noch _Allen_ in den Gliedern, und wird darin liegen, so lange wir einen Tropfen _menschlichen_ Blutes in uns laufen haben, und nicht solche erbärmliche nichtsnutzige Schwachköpfe -- ja ich möchte fast sagen, _Schufte_ geworden sind wie jenes Gesindel, das, ohne irgend eine Vergangenheit, ohne ein Gefühl von Liebe oder Dankbarkeit sich _schämt Deutsche_ zu sein. Eigentlich ist das übrigens nur ein Irrthum von ihnen, sie geben dem Gefühl der Schaam, die ganz richtig in ihnen besteht, nur einen falschen Namen, sie sollten sich überhaupt schämen daß sie auf der Welt sind, und reduciren das auf das Vaterland. Doch um auf unser Thema zurückzufallen -- die Galle läuft mir immer über, wenn ich auf das Gesindel zu sprechen komme -- so meine ich mit dem _Gefallen_, daß es sich besonders danach richtet, was wir im alten Vaterland zurückgelassen haben. War das viel Liebes und Gutes, dann freilich wird es Manchem schwer werden, hier in ganz anderen, fremden, ja kalten Verhältnissen -- denn Jeder sorgt hier nur für sich selbst, und Gott für uns alle -- zurecht zu finden, oder wohl zu fühlen. War das nicht der Fall, gingen wir mit leichtem Herzen fort, ist es freilich etwas anderes, und wir werden auch im Stande sein, uns hier leichter einzurichten. Es sind dann nicht zu viel alte Herzensfasern, beim Herausreißen aus dem Mutterboden darin zurückgeblieben, und die Pflanze kommt besser fort und gedeiht -- wenn ich auch gerade nicht weiß, ob ich _die_ Leute beneiden soll« -- setzte er ernster hinzu. »Überhaupt ist es mit dem _ubi bene ibi patria_ eine eigene Sache, es klingt recht gut im Lied, und singt sich ganz erträglich, ist aber doch nicht wahr -- zur Ehre des Menschengeschlechts nicht wahr, und in melancholischen Stunden, die fast jeder Staatsbürger einmal hat, und die sich bei den hiesigen Deutschen gewöhnlich am auffallendsten zur Weihnachtszeit einstellen, sing' ich die Geschichte manchmal verkehrt.«

»Also das Heimweh existirt doch auch in Amerika« sagte Hopfgarten.

»Moralischen Katzenjammer nennen sie's hier« sagte Müller, »und gebrauchen Bier und Cognac dagegen.«

»Zeitweise existirt's« fuhr Tanne fort, »aber _Amerika_ ist da nicht die Ursache, sondern die Fremde überhaupt, und so wunderlich es mir hier schon gegangen, ja so erbärmlich oft und miserabel, wär' ich der Letzte der über das Land klagte. Es ist ein großes, herrliches Reich dieß freie Amerika, von tüchtigen edlen Männern gegründet, die einen Grundstein für die Ewigkeit gelegt. Nachfolgende Generationen haben daran unverdrossen weiter gebaut, und wenn auch hie und da einmal ein Miston, durch die _vielen_ Baumeister hineingekommen, wenn auch hie und da ein wilder Schnörkel oder Knauf die massenhafte Hoheit des Ganzen unterbricht und stört, andere Stellen noch roh und unbehauen liegen und der Arbeiter harren, die _Harmonie_ des Ganzen kann's nicht stören, das wächst und steigt und breitet sich nach Nord und Süd und West ein Asyl den Bedrückten, den Nothleidenden, ein weiter Hafen für die ganze Welt.«

»Ja« sagte Hopfgarten, »das klingt nicht so übel, ist aber die alte Geschichte von der romantischen Seite aufgefaßt; mir läge daran das _Praktische_ zu hören.«

»Darin kann _ich_ Ihnen vielleicht dienen« sagte Müller, sein Glas wieder vollschenkend und austrinkend, und das geleerte Blechmaas dem Wirth um »neuen Stoff« zurückreichend. »Tanne hat die schwache Seite daß er manchmal Verse macht, und es wird ihm sogar hier nachgesagt, er hätte in Pennsylvanien einmal eine »gereimte« Predigt gehalten -- _das_ konnten die Leute nicht vertragen und er mußte fort. -- «

»Ihr reitet nur immer auf _uns_ herum« lachte Tanne -- »wenn Ihr die Geistlichen nicht hättet --