Nach Amerika! Ein Volksbuch. Sechster Band
Chapter 8
Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wäre, besonders _solche_ Hausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nicht _fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe.
Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als _Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin betreten.
Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December festgesetzt worden -- die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das »deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter, rege Besorgnisse.
Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten, suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das, vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran, und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war Franzes _erstes_ Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu kündigen.
»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit das Haus verlaßt. Heute ist der erste December -- am ersten Januar könnt Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen; wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier -- verstanden?«
»Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#,« sagte Jimmy, der dabei wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann -- die Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.«
»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander behelfen.«
»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schöne Wirthschaft hier anrichten, Mr. Hamann _junior_.«
»Jes, Jimmy -- denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer.
»Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel« -- knurrte der Barkeeper finster und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her -- »_Du_ wirst noch Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe. _Was_, weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.«
»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten, etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt.
»Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend -- »was trinkt Ihr?«
»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er; besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.«
»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert habt;« lachte Jimmy.
»Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas, und an der Levée verkaufen sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen halben.«
»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, »aber was führt _Euch_ gerade _heute_ Morgen her?«
»Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy?« frug Messerschmidt.
»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut, wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand.
»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr könnt mir wohl sagen, wie's mit dem _Alten_ steht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.«
»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte heute an die junge Firma angewiesen.«
»Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,« brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen durch, »wenn aber der Alte ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann man nicht sprechen?«
»Ertheilt Niemand Audienz.«
»Und wo ist der Junge?«
Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem über die Schulter gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus.
»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?«
»Wenn's sein _muß_, ja,« sagte dieser.
»Apropos Jimmy --«
»Nun? -- was giebt's noch?«
»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --«
»Nun? -- kein Geld?«
»Kein Geld?« -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte, so weit er sie bringen konnte -- »oh Jimmy, wenn wir Beide das nur hätten, was in den zwei grünen Koffern steckt -- nachher könnten wir zufrieden sein.«
»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy gleichgültig.
»Das Große nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht hätte Amerikanisches Gold für Dänisches geben müssen -- und das Säckchen voll, was da drin stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die Menschen müssen ein heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein _Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen, um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist. -- Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne brauchen.«
»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte Jimmy.
Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thür aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat.
»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte Messerschmidt in seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen thun.«
»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend.
»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte Spielen, was ich schon so oft verschworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte sogar, wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen, das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel zahlen --«
»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz.
»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt -- »Sie haben da ganz kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger Mädchen in's Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu bezahlen, mit in der Küche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb gar nicht zu entschuldigen --« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- »das versteht sich von selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine von denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen, das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so könnten wir das ja am nächsten _Geschäfte_ abrechnen.«
»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus hier zu fordern haben?« sagte Franz ruhig.
»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.«
»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?«
»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen früh vielleicht --«
»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach ihn Franz ziemlich kalt und trocken, »daß von jetzt an jede Geschäftsverbindung zwischen uns aufgehört hat --«
»Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --«
»Entschuldigen Sie, mein Name ist für _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat heute die Führung dieses Hauses in meine Hände gelegt, und ich ersuche Sie, alle weiteren Bemühungen für mich zu unterlassen.«
»Hoho« -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich hoch dabei aufrichtend -- »weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der Alte richtig den dummen Streich, gemacht?«
»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --«
»Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --«
»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, »würde auch sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie hinauszuwerfen.«
»Herr Hamann!« rief der Agent drohend.
»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen in's Auge sehend.
»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange Protektion dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_ daran verhindern kann.«
»Sie werden zu spät zu Ihrem #Lunch#[4] kommen,« sagte Franz ziemlich bedeutungsvoll auf die Thür zeigend.
»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,« rief Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden mir dafür Rede stehn müssen, Herr Hamann.«
»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem #Luncheon# kommen,« sagte der junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend und mit einer ungeduldigen, nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend.
»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nächsten Augenblick voll und breit gegen die Gestalten zweier anderer Männer an, die eben im Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer hinaufzusteigen.
»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein Gleichgewicht bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt nachsehend, »der hat's verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?«
Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch herum und verließ das Zimmer.
»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den früheren »Boarder« erkennend -- »wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit keinem Auge mehr gesehn.«
»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« sagte der Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog, und mit den Achseln zuckte, »komme gerade von Milwaukie herunter, die »balsamische Luft« des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann, der da zur Thür hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?«
»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen,« lachte Jimmy ausweichend -- »soll ich Gläser aufsetzen?«
»Hm, ja -- aber nicht hierher,« sagte Meier -- »gebt uns ein paar Glas rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Eßzimmer an den kleinen Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht, schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.«
»Ich auch,« sagte Jimmy.
»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte Flasche noch stecken haben.«
Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch dicht am Fenster und der nächsten Wand, Platz nahmen.
»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« frug hier Meier seinen Gefährten -- »wir sind hier ungestört.«
»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug der Andere, eine kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und darüber unstät umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst aber in anständiger behäbiger Tracht.
»Meiner _Frau_?« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr auf die? _lebt_ sie denn noch?«
»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz -- auch eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer Schaale -- »sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.«
»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie _war_« -- brummte Meier, »hol' der Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?«
»Zu Schiff fort.«
»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend.
»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der Andere.
»Nach _Deutschland_ zurück; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.«
»Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der Mann mürrisch -- »sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch Ordentliches an sich; trug auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir nur verdammt elend vor.«
»Und hat sie _Euch_ gesehn?«
»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,« sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorüber auf's Schiff, das etwa eine halbe Stunde später seine Taue einholte und, von einem Dampfer in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.«
»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend.
»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt _Ihr_, daß ich fort will?«
»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln den Barkeeper über sein Glas ansehend, »nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum Marschiren eingerenkt.«
»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, »möchte hier nicht länger _abgemalt_ sein.«
»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier -- »aber was ist im Wind? -- Skandal im Haus?«
»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der Thür -- »_moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushälterin _endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_ das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt man ein Gesangbuch.«
»_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, den Rest seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper zu neuer Füllung hinreichend.
»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise -- »der Alte muß oben einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.«
»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig vor sich niedersehend -- »wer das nicht weiß, glaubt's kaum -- das geht meist Alles wieder d'rauf.«
»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung bezweifelt zu sehn; _ich_ weiß was da _hinauf_ gekommen ist, und daß Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_ liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.«
»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier -- »mein Kamerad ist auch fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wäre, wir haben Durst.«
»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück in die Bar gehend, während die beiden Männer bedeutsame Blicke mitsammen wechselten.
»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise und rasch.
»Vielleicht -- vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit dem Kopf schüttelnd -- »nur um Alles in der Welt vorsichtig.«
»Nu versteht sich; aber _der_ weiß Hausgelegenheit --«
»Pst -- er kommt.«
»Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken,« sagte Jimmy, mit den frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus ableckend, »der ist famos.«
»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr fort gingt,« sagte Meier -- »wo kriegt denn der Esel von Wirth auch gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft von innen und außen.«
»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig nippend.
»Und das Haus und die Wirthschaft --«
»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.«
»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend, »ist noch Platz hier im Haus für uns Beide?«
»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die Höhe ziehend -- »so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit der Einwanderung.«
»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der Alte dazwischen -- »je hübscher sie's drüben in Deutschland treiben, desto mehr Leute glauben, daß sie so ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen Kelterfaß -- je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht wieder frisch nachgießen.«
»Und das _Beste_ läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen Humor die Beiden betrachtend.
»Wenn man _uns drei_ hier ansieht,« bestätigte Pelz, »sollte man's beinah glauben.«
»#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte,« meinte Jimmy in einem breiten Schmunzeln.
»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?« nahm Meier die vorige Frage wieder auf.
»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wäre, wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, ja, da wäre Platz _gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es könnte Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.«
»Hm so? und erst seit heute Morgen?«
»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben worden,« sagte Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.«
»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart haben,« sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, »wenn _wir_ das hätten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an sein Ende zu füttern, so viel weiß ich.«
»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an seinen Fingern begann, »aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.«
»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, »die Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und _ich_ möcht' es nicht auf einmal fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumführen.«
»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy.
»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere Fähigkeiten so nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« meinte Meier, nach kurzer Pause -- »ich wüßte eine famose Beschäftigung für Euch.«
»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig.
»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte Meier ausweichend, »wenn's nur einen Platz für uns im Hause gäbe.«
»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, sich die Sache ein wenig überlegend -- »Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in _einem_ Bett zu schlafen?«
»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier.
»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?«
»Total.«
»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines Käfterchen mit einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber wo ist Euer Gepäck?«
»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir eingezogen?«
»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit dem dazu gelegten Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines Kämmerchen an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck hinaufzuschaffen, und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken, mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das Gespräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht, und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten.
Capitel 6.
Kapellmeister Eltrich.
Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann, jedenfalls dringende Geschäfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken.
Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten standen überall zusammen, Geschäfte wurden entrirt und abgeschlossen, Aufträge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und ordneten die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, die draußen an der Levée durch Tausende von Händen aufgehäuft, und zugleich wieder durch andere fortgeführt wurden, ohne sich anscheinend zu vermindern oder zu vermehren.