Nach Amerika! Ein Volksbuch. Sechster Band

Chapter 14

Chapter 143,636 wordsPublic domain

Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben sich auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gefäß mit großen, klaren Eisstücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlässig blätterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekümmert die Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz plötzlich seinen alten Reisegefährten neben sich erkannte.

»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich rasch sammelnd; »das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue Reisegefährten? -- Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da ist, für den dritten _Mann_.«

»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- »Herr Henkel oder Soldegg oder Holwich -- ich weiß nicht unter welchem Namen Sie jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen, der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.«

»Was soll das? -- was wollen Sie von mir?« sagte Henkel finster, sich aber doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend, eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehörte -- »ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst könnte ich Ihnen vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem abzufinden.«

»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig -- »wir haben ein Boot unten liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen. So viel genüge Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Tasche.«

»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- »Herr von Hopfgarten will sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet -- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und überdieß -- wer giebt Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen?« Seine rechte Hand glitt dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, unter dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: »#You are my prisoner!#«[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie:

»Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Constable, dem dieser nur durch ein jähes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber, ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen, und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so geschickt vor die Füße schleuderte, daß dieser im vollen Wurf darüber hinflog.

»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen Revolver aus seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- »jetzt bekommen wir den Burschen lebendig.« Und um den Stuhl flog er herum, zwischen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg abzuschneiden. Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel, schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden wieder auf und sprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben.

»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!«

Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, als ein scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte -- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere.

»#You are my prisoner Sir!#« schrie der Constable, den Flüchtling einholend und an der Schulter fassend.

»#Ready for hell!#«[6] stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, drehte sich einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen.

»_Den_ Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« sagte der Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- »steht bei hier, Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?«

»Alles klar, Sir!«

»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein -- die Herren mögen die Geschichte dann selber an Land ausmachen.«

Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug, barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handschuh aus seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten.

Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepäck, das dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.

»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine Bootsmann, als die Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- »dacht' es mir beinah, wie ich den Schuß hörte.«

»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen nieder, »das aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!«

Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere -- oben läutete die Glocke, die Räder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und während es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.

Capitel 9.

Das Haus im Walde.

Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben deutschen Vaterland; die Wiesen hatten sich mit frischem Grün gedeckt, im Wald rauschte und flüsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen, saftigen Blätter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke, und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.

Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme, sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben so froh durch den Äther strichen und die Störche, von den Kindern mit scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzählend, auf den Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen schritten, alte Jagdgründe zu revidiren.

Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten, lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer seiner Allmacht und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf möchte, höher und höher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen möchte auch in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die Seligkeit, die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und deren Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch so lindernd da in's Auge steigt.

Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte, ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der Menschen Herzen gießend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der, das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein scharfer Stein sie verletzt; der Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die weiße, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente.

Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen Töne nur furchtbare Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu.

Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre fast in die Knie gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbüschen verdeckt, ein kleines, einsam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte sie sich zusammen, faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere, verlassene Gebäude zu.

Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Töne sie mit furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder, warf noch einen scheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Hütte.

* * * * *

Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und der würdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit dem Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen, schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein.

»Vater -- lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, Blätter Papier hoch und jauchzend empor haltend -- »Brief von Georg ist gekommen -- Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat geheirathet und es geht ihm gut!«

Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er sich zu ihnen nieder und küßte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzählen -- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor Thränen über die Lippen -- aber es waren _Freudenthränen_.

»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste Sohn, den Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- »ich bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr seid Schwägerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!«

»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte Stirn wieder und wieder küssend.

»Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« schluchzte die Frau -- »da, lies nur selbst -- ich habe vor Thränen nicht weiter lesen können.«

Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, einem jungen Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen, und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten, und den tiefen harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an die sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Grüße und Küsse weit über das Meer herübergesandt, und ihre Herzen mit Glück und Wonne und Dank, heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte.

-- -- »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt, und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein _Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick, doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner hat mir schon für die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten, aber ich zögere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwärtig kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es eigentlich wünschte -- -- -- --«

-- »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna, die ältere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mädchen, hat ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar aus Heilingen, von dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen. Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt herüberkommen -- ich denke, wir werden ihn wohl nächstens hier sehn -- -- -- --«

-- »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh, wie mich der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn ansehe. Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich das Geschäft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so einträglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme ich mit ihr hinüber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser Aller Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren und dort unsere Tage beschließen zu können. -- -- -- --«

Unten am Brief in einer Nachschrift stand:

-- »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hieß, und von dem ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe ich nichts Näheres erfahren können. Auch seine Frau, die sich von ihm getrennt hatte, ist aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit still und fleißig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte, spurlos verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten zu können. --«

»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, seufzend die Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen aus Geldgier oder Rache, oder sonst in böser, sündhafter Leidenschaft _morden_ können, aber daß Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_ auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernünftige _Thier_ thut das ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?«

»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, seufzend mit dem Kopfe nickend -- »_was_ hätten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_ wären sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten Menschen untergebracht und versorgt.«

Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den Garten gerannt, rissen die Mützen vom Kopfe, und schauten mit den roth erhitzten, dicken, gutmüthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche saß.

»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem er von seinem Sitze aufstand und auf sie zuging.

»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten Gruß vergeßend -- »am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!«

»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, erstaunt den Platz gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, genannt zu hören -- »wer hat Euch den Unsinn weiß gemacht?«

»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus -- »Hollebens Liese und Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der »stolzen Jule« gesehn, der oben herumgeflogen ist.«

Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, daß zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade gegenüber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der, von den Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen Steffen eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß sie der Geist der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, für das wir in der sonst so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte lag auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die Kinder damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben erzählten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort.

Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, Andere aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen Mädchen selber den Bericht gehört, den sie mit bleichen Wangen und zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem Herrn Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, das sonst leicht mehr Nahrung gewann und von dem abergläubischen Volke ausgeschmückt wurde, oder sich zu überzeugen, was Wahres an der Sache sei.

Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner schloß sich ihnen unterwegs an, sie zu begleiten.

Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben dem Haus saß ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinüber, und strich dann mit seinem tief und unheimlich krächzenden »_krah -- krah_« -- von dem Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!

»Das war sie -- das war sie!« flüsterten die Frauen untereinander, indeß sie sich näher zusammendrückten, und scheu nach dem schwarzen Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt werden sie Nichts mehr finden; die ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine andere Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,« sagte Einer der Männer dann, »_ich_ wenigstens möchte nicht einmal einen von den Balken in meinem Ofen brennen.«

»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus und ein können,« flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie toll herumtanzen sehen.«

Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause selber zu.

»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, »bin aber immer nicht dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier ist -- es wundert mich gar nicht, daß sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn -- es ist fast, als ob man eine Richtstätte beträte.«

»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrückter Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen. »Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten murmeln schon miteinander, und glauben sonst, daß wir selber uns fürchten, das Haus zu betreten.«

»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, und es lag ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, »'was Lebendiges hält sich hier oben nicht auf, sonst hätte der scheue Rabe da nicht im Baum gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.«

»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem früheren Briefe der Sohn beschrieben, »und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben abholten, nicht betreten.«

Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt, der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend, die frühere Stube des »schwarzen Steffen«. Dort aber schrak er selber einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt.

»Was giebt's? -- was ist?« rief der Schultze, der den unwillkürlich ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und auf der Stelle stehen blieb, wo er gerade stand, während sich eine Anzahl Burschen aus dem Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch scheuer zurückwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten.

Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig näher zu kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den vor ihm ausgestreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie so furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_.