Mutter und Kind: Ein Gedicht in sieben Gesängen
Part 5
Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet? So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten, Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern, Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern, Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel, Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen. Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln, Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet, Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse! Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern, Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine, Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen, Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen, Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne, Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen, Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß, Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite, Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände, Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet, Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken, Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen. Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe, Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder, Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen! Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden, Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut, Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise, Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein. Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte, Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn, Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen, Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe, Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken, Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen? Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte, Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen, Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt. So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen, Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung, Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen, Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage. Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen, Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen. Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt, Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen, Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer! Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine, Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig! Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken, Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen, Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig! Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten, Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen, Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen! Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten, Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben, Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin! Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe, Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen, Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal. Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen, Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken, Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen, Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet. Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue, Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände: Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle! Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte, Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen. Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel, Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben, Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken, Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken. Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle, Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken, Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte, Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet. Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege, Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile, Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen, Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne. Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen, Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen, Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen. Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen, Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange, Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich! Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede, Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel. Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche, Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube, Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber, Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert: Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen, Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt, Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig, Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen. Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie, Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend, Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager, Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet, Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren, Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen. Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat. Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite, Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer. Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen, Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern, Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend, Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet. Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren, Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig. Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten, Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern, Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche, Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet, Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe. Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege. Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze. Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde! Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden! Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer, Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich. Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben? Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich, Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen, Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren. Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge, Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre, Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet. Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise, Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen, Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln, Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen, Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung, Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden. Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das? Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde! Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung! Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen, Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben, Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig? Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen, Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,-- Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte, Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend. Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme, Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen? Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen. Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben, Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber, Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden! Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen: Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen! Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne, Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze!
Siebenter Gesang.
Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen-- Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen, Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden, Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben, Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen. Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten, Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen. Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen. O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt, Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben, Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen, Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen, Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist, Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben, Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen, Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen. Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste, Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten, Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen. Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen, Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen, Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet: Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen, Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde, Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute, Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen, Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern. Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge, Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen, Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel, Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen, Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen, Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen, An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche! Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster, Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen, Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher, Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen! Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte? Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben, Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen, Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich, Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest, Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären. Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert, Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars, Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen, Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune, Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten, Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung, Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken, Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten, Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe, Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre, Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren, Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe, Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen! Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles, Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind, Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen! Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen, Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben, Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet, Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe. Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen, Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig, Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr, Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter. Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen, Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen, Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme: Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben! Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten, Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten, Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte: Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen, Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen? Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen, Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten: Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen, Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen! Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden. Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben: Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen! Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen, Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen, Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen, Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen, Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber, Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken! Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin, Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend, Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten. Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden, Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten, Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel, Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche, Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen, Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen, Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar, Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen, Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe, Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles, Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen, Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben! Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben, Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke, Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns, Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden, Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren, Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben! Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger, Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend, Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter, Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben, Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen, Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen. Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet, Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen, Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen: Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden! Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen, Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!