Mutter und Kind: Ein Gedicht in sieben Gesängen

Part 4

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O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche, Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte, Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet, Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen, Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend, Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert, Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen, Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet, Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist, Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden, Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern. Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen, Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen, Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen, Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert, Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden, Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist. Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet, Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern, Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum, Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet, Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen, Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen, Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung, Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten, Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen, Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn, Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung, Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du? Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet: Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder, Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich, Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren, Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern, Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen! Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen. Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern, Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren, Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten, Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren! Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben, Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen, Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet; Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen, Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen, Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon, Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend, Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden, Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet, Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!-- Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke, Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen, Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer, Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen, Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen, Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen, Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer. Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen, Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln, Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war: Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer, War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück, Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen. Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen, Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen, Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken, Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist, Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette! Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen, Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!--

So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen, Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter, Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise! Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe. Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde, Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen, Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut, Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet, Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert, Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne, Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags, Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang. Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse, Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen, Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen, Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können, Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder. Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken, Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute, Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen, Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert. Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet, Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen. Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen, Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten, Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden, Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet, Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite, Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet: Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden, Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden. Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen, Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein, Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen. Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln, Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung. Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken, Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken, Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen, Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade, Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken, Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten! So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten, Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten, Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte, Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte, Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten. Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten, Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen, Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen, Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen, Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen, Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen. Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen, Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet, Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend, Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide, Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer, Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn, Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern. Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen, Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen, Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen, Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren, Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern, Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte, Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig, Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen, Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche, Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn So von allem zugleich, was für den traurigen Winter Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte, Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind, Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen, Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte, Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten, Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist. Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen, Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt, Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen, Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne, Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite, Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern. Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung, Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen. Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen, Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste, Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt, Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel, Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet. Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten, Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste, Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause? Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen, Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen, Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte, Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert: Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen, Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen: Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet, Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen, Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen!

Sechster Gesang.

Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis, Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren. Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift, Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen, Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden, Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird: Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern, Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung, Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde, Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde, Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich, Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet. Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar, Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet, Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen, Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern. Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre, Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert. Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva! Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung. Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter, Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen, Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet, Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel, Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert. Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert, Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen, Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen. Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien, Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege, Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen: Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern, Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen, Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern, Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs, Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig! Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände, Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen. Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!-- Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger, Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte, Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen, Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben, War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte, Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten, Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften. Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen, Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert. Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln, Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend, Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet, Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet. Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter, Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber, Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt! Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar, Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen, Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert? Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle: Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer, Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder, Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--