Part 11
„Sie müssen sich über die Zeit freuen, die sie gelebt haben,“ sagte der wilde Rosenstrauch.
„Wir wollen erst mal sehen, was daraus wird,“ sagte der Holunderstrauch. „Ich habe Schlimmeres durchgemacht und bin doch immer wieder durchgekommen.“
„Gott sei Dank! es geht zu Ende,“ sagte die zunächst stehende Pappel.
„Gott sei Dank! ... Gott sei Dank! ... Gott sei Dank!“ rauschte es die Allee entlang.
Am nächsten Vormittag kam der Förster. Er hatte bloß eine Axt bei sich, denn er dachte, er brauche nur ein paar Schläge zu tun, um mit dem alten, verfaulten Weidenstumpf fertig zu werden. Doch gerade, als er zuhauen wollte, gewahrte er den Johannisbeerstrauch oben im Wipfel. Der hatte große, reife Beeren. Er streckte die Hand aus, pflückte eine davon und aß sie.
„Das ist ja merkwürdig,“ sagte er. „Genau dieselben Beeren, wie im Garten auf dem Herrenhof. Der liebe Gott mag wissen, wie die hierher gekommen sind.“
„Förster! Förster!“
Der Sohn des Gutsherrn kam die Allee entlang gelaufen. Er wollte zusehen, wie die alte Weide gefällt wurde. Der Förster erzählte ihm von dem Johannisbeerstrauch, pflückte eine Beere und gab sie ihm.
„Heb mich in die Höhe; ich will mir selbst Beeren pflücken,“ sagte der Junge.
Da hob ihn der Förster hinauf. Mit beiden Händen ergriff der Junge die Weidenzweige dort oben und packte so hart zu, daß sie zerbrachen.
Dann umfaßte er die dünne Rinde des Baumes, die so verwittert war, daß er ein großes Stück in jeder Hand behielt. Aber dann klatschte er vor Verwunderung und Freude in die Hände und rief laut aus:
„Förster! Förster! Hier oben ist ein ganzer Garten! Hier stehen die herrlichsten Erdbeeren neben dem Johannisbeerbusch ... und hier steht ein kleiner Vogelbeerbaum ... und eine kleine, liebliche Eiche ... und Unkraut ist auch hier ... fünf gelbe Löwenzahn ... und ein Gerstenhalm, Förster ... Nein, wie schön das ist, wie schön das ist! Das muß meine Schwester sehen ... und Vater ...“
„Spute dich und iß die Erdbeeren auf,“ sagte der Förster. „Denn nun soll der Baumstumpf umgehauen werden, und dann ist es aus mit der ganzen Herrlichkeit!“
„Setz’ mich nieder!“ sagte der Junge zappelnd. Und als er auf der Erde stand, rief er:
„Du wagst es nicht, den Baum umzuhauen! Hörst du ... du wagst es nicht!“
„Das wage ich doch wohl,“ sagte lachend der Förster. „Du hast es ja selber gehört, daß der Herr es mir befohlen hat.“
„Dann laufe ich und hole den Vater,“ sagte der Junge. „Und du wagst nicht, den Baum anzurühren, bis ich zurück bin. Tust du es trotzdem, so kannst du mir glauben, daß ich mich an dir rächen werde, wenn ich selber einmal Gutsherr werde.“
Damit lief er durch die Allee. Der Förster setzte sich an den Graben und wartete; denn das schien ihm das Klügste zu sein.
„Die Herrenlaune hat den Burschen gepackt,“ sagte er.
„Was habe +ich+ gesagt?“ rief der Holunderstrauch. „Ihr solltet stets auf die hören, die Bescheid wissen.“
„Die Spannung, in der man sich befindet!“ sagte der Weidenbaum. „Wenn ich nur nicht vor lauter Angst in Stücke zerfalle. Der Junge hat mich schon ordentlich angepackt; und Gott weiß, daß ich nicht mehr sehr widerstandsfähig bin.“
„Jetzt mußt du aushalten, bis wir sehen, was daraus wird,“ sagte der wilde Rosenbusch. „Ich habe noch nie etwas so Spannendes erlebt.“
„Ich auch nicht,“ bestätigte die Eiche. „Aber es kann kein gutes Ende nehmen, wenn man erst einmal hohl ist.“
Dann kam der Junge mit dem Gutsherrn. Der kleine Bursche zeigte und erzählte. Der Förster rollte einen Stein herzu, so daß der Gutsherr sich darauf stellen und in den Wipfel des Weidenbaums gucken konnte.
„Nein, so etwas habe ich denn doch noch nicht gesehen!“ sagte er. „Das ist ja wirklich wahr ... da oben ist ein ganzer Garten. Und meine eigenen Erdbeeren, glaub’ ich ...“
Er pflückte eine Beere und aß sie.
„Hm!“ sagte er. „Gewiß, das ist der richtige Geschmack. Beinahe kommen sie mir noch leckerer vor als die zu Hause.“
„Soll der Baum denn nun umgehauen werden, Vater?“ fragte der Junge.
„Ganz gewiß nicht!“ entschied der Gutsherr. „Das wäre eine Sünde und Schande. Es ist ja der merkwürdigste Baum, den ich auf dem ganzen Gut habe. Sorgen Sie dafür, daß oben ein Tonnenband darum gelegt wird, Förster! Und dann stellen Sie ein Staket darum auf, damit die Kühe sich nicht daran reiben und ihm Schaden antun! Den schönen alten Weidenbaum wollen wir uns so lange wie möglich zu erhalten suchen. Er macht mir wirklich Freude.“
An dem Tage war er nun einmal in dieser Laune.
Es wurde oben ein eisernes Band um den Stamm des Weidenbaums gelegt, und unten wurde ein Staket angebracht. So oft der Gutsherr mit Gästen durch die Allee fuhr, ließ er den Wagen vor dem Weidenbaum halten.
„Ja ... die Allee ist sehr nett,“ sagte er. „Doch es sind ja bloß ganz gewöhnliche Pappeln. Aber hier will ich Ihnen etwas ganz Merkwürdiges zeigen ... Ja, es sieht aus wie ein alter Weidenstumpf, aber kommen Sie bloß mal hierher ...“
Einer nach dem andern stieg dann aus dem Wagen aus, und sie traten auf den Stein und bewunderten den Garten im Wipfel des Weidenbaums.
„Hätte ich nicht das Eisenband, so würde ich bersten,“ sagte der Weidenbaum. „So viel Ehre und Glück für einen so elenden Krüppel wie mich! Denkt einmal .... der Gutsherr ist heraufgestiegen und hat Erdbeeren bei mir verzehrt! Und all die fremden Gäste auf dem Gut bekommen mich zu sehen.“
„Unglaublich,“ sagte die Eiche. „Es ist ja genau so, als ob ein Preis auf das Hohlwerden gesetzt wäre.“
„Es ist ein Märchen,“ sagte der wilde Rosenstrauch. „Ich will es jedem Vogel erzählen, der sich auf mir niederläßt, damit er es der ganzen Welt verkünden kann.“
„Es ist so gekommen, wie ich gesagt habe,“ meinte der Holunderstrauch.
Doch die Schwarzamsel erklärte: „Wenn man die Sache bei Licht besieht, so bin ich es sozusagen gewesen, der das Märchen in Szene gesetzt hat. Aber ich habe, offen gestanden, mehr von den +alten+ Zeiten gehalten. Da hatte man seine Ruhe hier oben. Jetzt riskiert man jeden Augenblick, daß dieser oder jener den Kopf heraufsteckt und sagt: ‚Nä!‘ und ‚Ah!‘ und ‚Oh!‘“
„In meinem ganzen Leben ist mir so etwas noch nicht vorgekommen,“ sagte die nächste Pappel. „Habt ihr gehört, was der Gutsherr von seinen stolzen, vornehmen Pappeln gesagt hat? Von uns, die wir am Wege Posten gestanden haben Sommer und Winter, Jahr für Jahr? ... Ganz gewöhnliche Pappeln hat er uns genannt. Und nun dieser widerwärtige, simple Weidenbaum ... der alte, verfaulte Stumpf ... mit dem wir noch obendrein verwandt sind ... Uh!“
„Uh ... uh ... uh!“ rauschte es die Allee entlang.
* * * * *
An einem Wintertage kam ein Sturm auf, so daß in allen Bäumen des Waldes ein donnerndes Krachen laut wurde; und alle die stolzen Pappeln bogen sich wie Schilfrohr. Der Schnee stob hernieder, so daß Himmel und Erde ineinander übergingen.
„Jetzt kann ich nicht mehr,“ stöhnte der alte Weidenbaum.
Da zerbrach er, ganz unten an der Wurzel. Das Eisenband, das er um den Kopf gehabt hatte, flog rasselnd auf den festgefrorenen Weg hinab. Das Staket stürzte um. Den Garten dort oben verstreute der Wind nach allen Seiten ... Der Johannisbeerbusch und die Erdbeere, die Vogelbeere und die kleine Eiche, die Löwenzahnpflanzen und das Veilchen ... alles wurde weggemäht; und niemand weiß, was daraus geworden ist.
Und unten lag der Regenwurm und wand und krümmte sich.
„Das übersteh’ ich nicht,“ seufzte er. „Sie mögen mich in zwei ... und in drei Stücke zerhauen. Aber dies ist schlimmer. Die Erde ist hart wie Eisen; kein Loch ist da, in das man hineinkriechen könnte. Und der Frost beißt mich in die Haut. Lebt alle wohl, jetzt sterbe ich!“
Im Frühjahr wurde der Weidenstumpf ausgerodet. Doch der Gutsherr gab den Befehl, daß kein neuer Baum an der Stelle gepflanzt werden dürfe. So oft er vorbeifuhr, erzählte er denen, die bei ihm waren, von dem merkwürdigen alten Weidenbaum, der in seinem hohlen Kopfe einen ganzen Garten getragen hatte.
Und der wilde Rosenstrauch erzählte es den Vögeln, die es über die ganze Welt hin verkündeten. Die Eiche lernte es nie begreifen; und der Holunderstrauch sagte, er habe es sich von Anfang an gedacht. Die Schwarzamsel wurde in einer Dohne eingefangen und gegessen.
Aber die Pappeln stehen noch heut in der Allee und rauschen, vornehm und beleidigt.
Fünf Großmächte.
Katharine machte die Stube zurecht.
Sie öffnete die Fenster, sprengte Wasser auf den Fußboden und fegte. Sie klopfte das Sofa und die Lehnstühle aus, so daß der Staub in dicken Wolken umherstob. Und dann nahm sie das Staubtuch und machte die Runde damit. Jedes Stuhlbein und jedes Buch auf dem Regal bekamen etwas ab.
Als alles in Ordnung war, schloß sie die Fenster und ging aus dem Zimmer.
In diesem Augenblick fiel ein höchst unbedeutender Geselle aus der Luft herab. Auf die Ecke des blanken Mahagonitisches fiel er. Er war so, daß man nie hätte daran denken können, ihn mit bloßem Auge zu entdecken. Betrachtete man ihn durch ein Vergrößerungsglas, dann glich er einem Komma.
So +klein+ er aber war, so zäh war er auch.
Auf der Stelle, auf der er gefallen war, blieb er liegen, ohne sich zu rühren; er gab keinen Laut von sich und sah aus, als ob ihn alles um ihn herum nichts anginge. Wäre ein Wind gekommen, so wäre er weggeweht worden. Aber es kam kein Wind, und so blieb er liegen und spielte sich auf.
Bald darauf kam noch einer angepurzelt und legte sich neben ihn.
Er war genau so verschwindend klein wie der erste und genau so zäh anzuschauen. Aber durch das Vergrößerungsglas konnte man sehen, daß er an dem einen Ende dicker war als an dem andern, so daß er einer kleinen Keule glich.
„Ergebenster Diener,“ rief der erste.
„Ergebenster Diener,“ antwortete der zweite.
Dann schwiegen sie ein Weilchen. Durch den Tonfall hatten beide sich als vornehme Leute zu erkennen gegeben; und darum wußten sie, daß das übrige sich von selber ergeben mußte.
„Hier ist es gehörig trocken,“ begann nun der zweite.
„Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ erwiderte der erste. „Es ist hier so trocken, daß ich bald sterben muß, falls nicht eine Änderung zum Nassen hin eintritt.“
„Es tut mir außerordentlich leid, das zu hören.“
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Es ist mir eine Ehre, in so guter Gesellschaft zu sterben.“
„Sie sind zu liebenswürdig,“ sagte der zweite. „Vielleicht darf ich mich vorstellen, da kein anderer da ist, der es tun könnte. Mein Name ist +Diphtheriebazillus+.“
„Freut mich außerordentlich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen,“ entgegnete der erste. „Ihr Name ist mir selbstverständlich längst bekannt. Vielleicht kennen Sie auch den meinen. Ich bin der +Cholerabazillus+.“
„Ach, Sie sind der berühmte Cholerabazillus!“
„Berühmt hin, berühmt her. -- Aber wer kommt denn da?“
Es kam noch so ein Gesell aus der Luft herabgepurzelt, der sich neben die beiden legte. Er hatte dieselbe Größe wie die andern, war jedoch steif wie ein Pflock. Er sah so zäh aus, daß sie sofort seine Familienzugehörigkeit erkannten.
„Wir sprechen soeben davon, daß es hier sehr trocken ist,“ sagte der Cholerabazillus und verbeugte sich.
„Sie haben gewiß recht,“ fiel der neue ein. „Aber das macht mir nichts aus. Ich kann mich auf dem Trocknen zurechtfinden, solange es sein muß. Mein Name ist +Tuberkelbazillus+, zu dienen.“
„Freut mich außerordentlich. Ich bin der Cholerabazillus. Und der Herr dort ist der Diphtheriebazillus.“
„Ah. Da kann ich ja wenigstens auf ein behagliches Plauderstündchen rechnen, während ich hier müßig sitze.“
„Wir sprachen soeben von der Berühmtheit des Cholerabazillus,“ sagte der Diphtheriebazillus.
„Es ist kein Wort darüber zu verlieren,“ unterbrach ihn der Cholerabazillus. „Mit mir ist es abwärts gegangen, seitdem ich entdeckt wurde.“
„Ach ja,“ fiel der Diphtheriebazillus ein. „Mir ist es ebenso ergangen.“
„Mir auch,“ seufzte der Tuberkelbazillus.
„Diese verfluchten Vergrößerungsgläser sind schuld daran,“ rief der Cholerabazillus. „Die elenden Menschen machen einen ausfindig, mag man noch so gut versteckt sein. Und dann bekämpfen sie einen bis aufs äußerste.“
„Man muß sich wehren,“ sagte der Diphtheriebazillus. „Wenn man gut aufpaßt, kann man sich schon durchschlagen. Es kommt nur darauf an, daß man sich ganz still verhält; und wenn man dann Kameraden genug hat, so macht man sich über die Menschen her und erwürgt sie.“
„Ich mache gern alles in Ruhe ab,“ begann der Tuberkelbazillus. „Ich finde, es hat keine so fürchterliche Eile. Man logiert sich ein, macht es sich gemütlich und breitet sich aus, und dann geht alles von selbst, ohne viel Lärm.“
„Das Ruhige liegt mir nicht,“ berichtete der Cholerabazillus. „Ich falle am liebsten wie ein Gewitter über die Menschen her. In alten Zeiten war ich eine +Macht+. Da war ich für die Menschen etwas Grauenerregendes, Rätselhaftes. Sie hielten mich für eine Strafe Gottes für ihre Sünden und ließen mich wüten, so toll ich wollte. Ich habe sie totgeschlagen wie die Fliegen, und sie blieben unbegraben liegen. Sie betranken sich gottsjämmerlich, so daß ich um so leichteres Spiel mit ihnen hatte. Ich verbarg mich in ihren Kehrichthaufen, die allerorten umherlagen; und wenn sie glaubten, daß es vorbei mit mir sei, so war ich im nächsten Frühjahr doch wieder da und verheerte das Land. Ich habe einmal einem Krieg Einhalt geboten, weil ich alle Soldaten totschlug.“
„Ich weiß, ich weiß ...,“ sagte der Diphtheriebazillus.
„Sie haben eine glorreiche Geschichte,“ rief der Tuberkelbazillus. „Ich bin, wie gesagt, immer mehr fürs Ruhige gewesen, habe aber darum doch dies und jenes ausgerichtet. Ich habe mich in den Familien von Geschlecht zu Geschlecht gehalten und hab’ es mir da recht gemütlich gemacht. Aber ich kann ja nicht leugnen, daß die guten Tage jetzt zur Neige gehen. Überall bauen sie Sanatorien und legen mir auf jede erdenkliche Weise Hindernisse in den Weg.“
„Ja, es sieht schlimm aus,“ bestätigte der Cholerabazillus. „Jetzt passen sie viel zu gut auf, daß es überall sauber ist. Wenn ich mich in einem Menschen einlogiert habe, stecken sie ihn in ein Hospital und sperren ihn von der ganzen Welt ab, so daß ich nicht weiterkommen kann. Hab’ ich drüben auf der andern Erdhälfte gut Fuß gefaßt, so erzählt es den Leuten hier sofort ihr verfluchter Telegraph. Und dann wird es in ihren widerwärtigen Zeitungen abgedruckt, und am Tage darauf weiß man in der ganzen Welt, wo die Cholera ist.“
„Ja, es ist traurig,“ sagte der Tuberkelbazillus.
Und auch der Diphtheriebazillus stimmte mit ein: „Es geht abwärts.“
Eine Weile hingen sie ihren betrüblichen Gedanken nach. Dann sagte der Cholerabazillus:
„Am allermeisten ärgert es mich, daß wir gerade so armseligen Geschöpfen wie den Menschen unterliegen sollen.“
„Viel Staat ist nicht mit ihnen zu machen.“
„Weiß Gott nicht!“
„Es ist ja unzweifelhaft, daß wir Bazillen die vollkommensten Wesen sind, die auf Erden leben,“ fuhr der Cholerabazillus fort. „Alle diese sogenannten höheren Tiere und Pflanzen sind ganz lächerlich, wenn man näher zuschaut. Sie bilden sich und andern ein, daß sie es außerordentlich weit gebracht hätten, und in Wirklichkeit vergeuden sie drei Viertel ihres Lebens mit Narrenspossen.“
„Je größer sie sind, desto lächerlicher sind sie.“
„Der Mensch ist am lächerlichsten von ihnen allen!“
„Ja, nicht wahr,“ fuhr der Cholerabazillus fort. „Betrachten Sie zum Beispiel einmal die Fortpflanzung! Ich weiß nicht, wie es bei den Herren ist; aber ich vermute, Sie benehmen sich wie ich und andere verständige Leute.“
„Ich teile mich.“
„Ich auch.“
„Selbstverständlich,“ sagte der Cholerabazillus, sich verbeugend. „Ich habe Ihnen keinen Augenblick etwas anderes zugetraut. Man wächst und geht mitten entzwei. Man wächst weiter und geht wieder mitten entzwei, und so bis ins Unendliche. Im Laufe eines Tages sind Millionen aus einem von uns geworden. Aber die Menschen können eine so einfache und natürliche Geschichte selbstverständlich nicht mitmachen. Bei ihnen sind zwei nötig zum Kinderkriegen.“
„Unbegreiflich!“
„Sinnlos!“
„Und was sind das für Junge, die auf so unnatürliche Weise entstehen?“ rief der Cholerabazillus. „Erstens vergeht fürchterlich viel Zeit, bevor sie kommen. Dann sind sie zunächst die jämmerlichsten Dinger, die man sich denken kann, und ganz außerstande, allein fertig zu werden. Sie müssen in einem Nest aufbewahrt, genährt, gehegt, gepflegt und erzogen werden. Die Menschen bekommen jedesmal nur ein Junges. Sind es zwei, so kommt es in die Zeitung. Und ebenso merkwürdig wie bei ihrer Geburt geht es auch bei ihrem Tode zu. Wenn ein Mensch stirbt, wird fast noch mehr Wesens daraus gemacht als bei seiner Geburt. Sie weinen und jammern und stecken ihn mit viel Allotria in die Erde ... Ja, vielleicht ist es lächerlich von mir, Sie mit allen diesen Bemerkungen zu belästigen. Aber ich bin wohl der Älteste von uns und kenne die Menschen aus und ein. Namentlich habe ich an außerordentlich vielen ihrer Begräbnisse teilgenommen. Ha ha ha!“
„Hi hi hi!“
„Ho ho ho!“
„Da sind +wir+ doch bessere Wesen,“ fuhr der Cholerabazillus fort. „Wenn wir sterben, dann sterben wir eben. Wir sind weg, verschwinden ohne viel Gewäsch und Begräbnislärm. Ich kann mich da selber als Beispiel anführen. Es ist mir unmöglich, länger als drei Tage auf dem Trockenen zu leben. Heute ist mein dritter Tag. Nun kommt es darauf an, ob Katharine morgen mit einem trocknen oder nassen Wischtuch ins Zimmer tritt ... das bedeutet für mich Tod oder Leben. Aber weine ich deswegen? Versammle ich meine Familie um mein Lager?“
„Sie haben vollkommen recht,“ bestätigte der Tuberkelbazillus.
„Mir aus der Seele gesprochen,“ stimmte auch der Diphtheriebazillus zu.
„Nein, die guten Menschen sind recht armselige Geschöpfe,“ sagte der Cholerabazillus. „Denken Sie doch daran, wie lange Zeit man gebraucht hat, um uns zu entdecken. Jahrtausendelang haben sie sich mit den gleichgültigsten Dingen beschäftigt. Sie haben Krieg mit Löwen und Tigern geführt, mit Schlangen, Krokodilen und andern unbedeutenden Wesen; und als sie sie bezwungen hatten, hielten sie sich für die Herren der Erde und für die Krone der Schöpfung. Über uns wußten sie nicht Bescheid. Ihre ausgezeichneten Augen konnten uns nicht sehen. Ihre klugen Gedanken konnten uns nicht erraten. Ihre scharfen Waffen konnten uns nicht treffen.“
„Aber nun kennen sie uns,“ warf der Diphtheriebazillus ein.
„Ach ja,“ seufzte der Tuberkelbazillus.
„Ja, nun kennen sie uns leider,“ sagte der Cholerabazillus.
Während alle drei so ihren melancholischen Gedanken nachhingen, purzelten zwei neue Bürschchen aus der Luft herab und legten sich nicht weit von ihnen nieder.
Sie waren nicht größer als die drei, die schon da waren. Aber der eine war so dick wie eine kleine Tonne und der andere so dünn, daß es kaum zu verstehen war, daß er existieren konnte; und außerdem war er gewunden wie ein Korkzieher.
„Gott mag wissen, was das für Gestalten sind,“ sagte der Cholerabazillus leise zu seinen Kameraden.
„Ich habe sie noch nie gesehen,“ flüsterte der Diphtheriebazillus. Und der Tuberkelbazillus sagte das gleiche.
„Wir wollen ihnen ein bißchen auf den Zahn fühlen,“ schlug nun der Cholerabazillus vor.
Er verbeugte sich vor den beiden Ankömmlingen, und sie grüßten höflich wieder.
„Darf ich fragen ... sind die Herren zäh?“
„Na ... gewiß,“ rief der Dicke und rollte lustig herum.
„Ich kann unglaublich viel aushalten,“ sagte der Korkzieherartige und drehte sich wild im Kreise.
„Freut mich außerordentlich,“ erwiderte der Cholerabazillus. „Und wenn Sie sich vermehren, teilen Sie sich dann? In vier ... acht ... sechzehn Stücke?“
„In viel, viel mehr,“ rief der Dicke.
„Wofür halten Sie uns?“ fragte der Korkzieherartige.
„Ich halte Sie für Bazillen, meine Herren,“ sagte der Cholerabazillus und verbeugte sich wieder. „Und ich heiße Sie in unsrer Mitte willkommen. Mein Name ist Cholerabazillus. Der steife Herr dort ist der Diphtheriebazillus ... der keulenförmige der Tuberkelbazillus.“
„Guten Tag, guten Tag,“ sagte der Dicke. „Ich hoffe, es wird gemütlich werden. Mein Name ist +Gärungsbazillus+. Dieser Herr hier, dem ich in der Luft begegnet bin, ist der +Fäulnisbazillus+.“
„Ehrt mich sehr,“ sagte der Korkzieherartige. „Aber gemütlich bin ich nicht.“
„Wir sprachen soeben von den Menschen,“ berichtete der Cholerabazillus.
Da wälzte sich der Gärungsbazillus vor Freude und Wohlgefallen um seine Achse: „Ach, die lieben, lieben Menschen! Etwas Besonderes ist ja nicht an ihnen, aber sie sind wirklich nett zu mir! Sie sind meine allerbesten Freunde.“
„Leider kann ich mich keiner vornehmen Verbindungen rühmen,“ bemerkte der Tuberkelbazillus mit steifer Gebärde.
„Auch ich nicht,“ sagte der Diphtheriebazillus.
Und der Cholerabazillus erklärte: „Ihre Bemerkung verletzt uns. Wir haben soeben festgestellt, daß die Menschen unsre ärgsten Feinde sind.“
„Was soll die Feindschaft?“ entgegnete der Gärungsbazillus. „Wir wollen gemütlich sein. Sie können wirklich nicht verlangen, daß ich den Menschen zürnen soll, da sie doch so unvergleichlich gut zu mir sind. Sie züchten mich geradezu. Freilich haben sie sehr lange Zeit gebraucht, um mich zu entdecken. Aber niemand kann ja gegen seine Natur handeln; und man muß sich mit dem Verstande begnügen, den einem der liebe Gott gegeben hat. Als sie mich dann endlich gewahrten, da ging es im Ernst los, das dürfen Sie mir glauben. Jetzt können sie mich gar nicht mehr entbehren. Ich spiele die erste Geige in ihren Molkereien und Brauereien.“
Der Cholerabazillus, der Tuberkelbazillus und der Diphtheriebazillus sahen einander an.
„So!“ rief der Diphtheriebazillus. „Sie sollten also der einzige von allen Bazillen sein, den die Menschen lieben?“
„Auch mir kommt es so vor, als ob bei der Geschichte nicht alles stimmte,“ sagte der Tuberkelbazillus.
Und der Cholerabazillus meinte, die Äußerungen des fremden Herrn seien eines Bazillus gänzlich unwürdig.
„Ich bezweifle, daß der Herr wirklich ein Bazillus ist,“ sagte der Diphtheriebazillus.
„Mir ist er gleich verdächtig vorgekommen,“ sagte der Tuberkelbazillus.
„Er ist zu dick,“ erklärte der Cholerabazillus. „Er platzt fast vor Hochmut.“
„Platze ich, so werden zwei aus mir,“ sagte der Gärungsbazillus munter. „Zwei dicke. Es tut mir leid, daß die Herren böse auf mich sind. Aber ich kann wahrhaftig nichts daran ändern. Glücklicherweise ist meine Lebensführung derartig, daß die Menschen mich nötig haben. Ich gebe zu, daß mir das eine Sonderstellung unter den Kollegen verleiht; aber ich versichere Ihnen, daß ich mein Bazillenleben in völliger Übereinstimmung mit meiner Natur führe, ohne mich im geringsten nach den Menschen zu richten. Darum geht es mir gut. Ich rate den Herren, es ebenso zu machen; dann werden Sie sich viel besser fühlen. Wenn der hochgeehrte Cholerabazillus, der ausgezeichnete Diphtheriebazillus und der vortreffliche Tuberkelbazillus etwas gemütlicher sein möchten, so würden Sie sehen, wie Sie zu Ehren und Würden kämen.“
Da rückten die drei Bazillen, die zuerst gekommen waren, näher zusammen und sahen sehr gekränkt aus. Keiner von ihnen antwortete. Der Gärungsbazillus rollte herum, so rund er war, und lachte seelenvergnügt.
Dann verbeugte sich der Cholerabazillus vor dem Korkzieherartigen und sagte:
„Ich wünsche, +Ihre+ Ansicht zu hören, mein Herr. Sie sind zusammen mit dem dicken Herrn dort gekommen. Aber Sie sehen aus wie ein Mann, der den nötigen Ernst besitzt.“
„Das will ich meinen,“ antwortete der Fäulnisbazillus.
„Vielleicht werden Sie uns nun die Ehre erweisen, sich über die Menschenfrage zu äußern?“ fragte der Cholerabazillus.
Der Fäulnisbazillus wand sich in außerordentlich gleichgültiger und überlegener Weise:
„Ja, was ist denn Besonderes an den Menschen? Soweit ich sehe, sind sie nicht anders als alle die andern. Tiere, Pflanzen und Menschen ... das alles ist für mich ein und dasselbe. Ich stehe über all dem. Ich bin der Fäulnisbazillus. Ich bin eine Großmacht.“