Mutter!..

Part 11

Chapter 113,860 wordsPublic domain

Er eilte hinunter ... Es schien, als sei das Haus ausgestorben. -- -- Endlich fand er die Köchin und jagte sie hinauf. Dann kam das Hausmädchen und dann der Diener von der Apotheke zurück. Den schickte er sofort zum Arzt.

Inzwischen hatten die Mädchen sich um Anna bemüht und die Besinnungslose zu Bett gebracht.

Der Diener kam endlich zurück mit dem Doktor.

Als der Arzt sie zu untersuchen anfing, schlug sie einen Augenblick die Augen auf. Dann fiel sie in die Ohnmacht zurück.

Und nun brach das Fieber durch, das die letzten Tage schon in ihr gewühlt, das sie mit der äußersten Willensanstrengung beständig niedergekämpft hatte, um nicht zu unterliegen. Sie mußte bei Verstand bleiben, sonst war es um sie alle geschehen. Sie mußte handeln, damit sie nicht alle zugrunde gingen.

Aber sie war doch zu schwach gewesen. Nun lag sie und phantasierte, wirr und sinnlos, bald aufschreiend, dann wieder flüsternd, als ob sie ein krankes Kind besänftigen wolle.

Als der Arzt, ein alter Freund des Hauses, sich nach Willy umsah, fand er ihn im vordersten Zimmer im Dunkeln sitzen. Er suchte ihn, der gleichgültig abgestumpft dasaß, zu beruhigen, daß er noch nichts sagen könne, aber er hoffe, daß es nur ein heftiges, hoffentlich schnell vorübergehendes Fieber sei.

Er fragte, ob Doktor Braun benachrichtigt sei.

Niemand hatte an ihn gedacht, und der Doktor selbst ging zu ihm hinauf und fand ihn über seinen Zeitungen eingeschlafen. -- --

* * * * *

Es hatte Willy nicht im Hause gelitten.

Er ging in den Garten hinaus und irrte durch die verlassenen Wege.

Es war bitterlich kalt geworden, allein er fühlte die Kälte nicht. Barhäuptig, wie er war, ging er vor sich hin, ohne Gedanken, um die Rasenplätze, die Gebüsche; nur zuweilen griff seine Hand achtlos in die kahlen Zweige, an denen noch vereinzelte dürre Blätter zitterten, die er gedankenlos abriß und zu Boden warf.

Dann setzte er sich auf eine Bank, die unter einem Schutzdache an der Mauer vom Regen fast ganz verschont geblieben war, und vergrub das Gesicht in die aufgestützten Hände.

Vom Hause her drang zuweilen leises Geräusch zu ihm herüber, und durch die kahlen, schwarzen Aeste sah er die erleuchteten Fenster, und er wußte: dort hinter jenen Fenstern lag seine Mutter.

Seine Mutter!

Es war also ~doch~ so ...

Er versuchte es, sich an alte Zeiten zu erinnern, die hinter ihm lagen; aber er vermochte es nicht.

Es war wie flutender Nebel, nach dem die Hand greifen will, und der vor uns gleich wieder zerrinnt.

Nur an die eben erlebte Szene konnte er denken, und er sah immer jenen angstvollen Blick des Entsetzens auf sich gerichtet.

Und es war seine ~Mutter~! -- seine Mutter, die er über alles geliebt, die er angebetet hatte. --

Ueber den Gedanken kam er nicht hinweg.

Weshalb brach nicht alles um ihn zusammen? .. Aber es änderte sich ringsum nichts. Es blieb alles beim alten. Nur er selbst war ein anderer geworden.

Er war aufgestanden, und aufstöhnend in seinem Schmerz hatte er sich an einen Baum gelehnt, dessen feuchte glatte Rinde seine heißen Hände umklammerten.

Wie in sinnloser Wut schüttelte er jetzt den Stamm, um der Qual einen Ausweg zu schaffen, die ihn zu ersticken drohte.

Dann mußte er über sich selbst lachen.

Was wollte er denn? ..

Alles ging seinen ruhigen Gang weiter. Es war ja schon ~immer~ so gewesen, alles -- alles! Seit Jahrzehnten war alles so, immer schon gewesen, nur nicht für ~ihn~.

Er irrte wieder durch den Garten.

Am dunklen Abendhimmel jagten schwarze Wolken, als ob die graue Decke geborsten und zerrissen sei und nun einzelne Fetzen vom Winde dahin getrieben würden.

Durch eine Lücke brach der Mond.

Nur einen Augenblick. Dann verschwand er wieder.

Willy starrte zum Himmel auf. Dort hinter jener Wolke mußte er jetzt stehen.

Langsam schob sich die breite Fläche vorüber, jetzt ward der Rand heller, dann brach das Licht aufs neue durch. --

Und nun sah der Garten ganz anders aus.

Die dünnen Aeste der Bäume und das feine Gewirr der Gebüsche zeichneten sich als schwarze Striche auf dem feuchten Boden ab, und wie eine gewaltige Silhouette gegen den hellen Himmel erhob sich die Villa, in die er noch immer nicht zurückzukehren wagte.

Er stand unter einer Kastanie und blickte zu den erleuchteten Fenstern hinauf, während seine nervös unruhigen Finger die kleinen morschen Zweige eines kahlen Strauches mit fieberhafter Hast zerbrachen.

Endlich hielt es ihn nicht länger und er verließ den Garten. --

Als er in das Haus eintrat, fand er unten den Doktor, der ihm beruhigende Auskunft gab. Das Fieber schien harmloser zu sein, als er anfangs gefürchtet.

»Ich habe Ihren Vater benachrichtigt,« schloß der Doktor seine gutgemeinten Worte. »Wenn Sie selbst mal hinaufgehen wollen.«

Es durchzuckte ihn. Wie das klang: sein ~Vater~!

~Wieder~ diese Lüge, in der er sein ganzes Leben hingebracht hatte.

Was sollte er bei dem Kranken? .. Konnte er ihm ruhig gegenübertreten, jetzt, wo er ihn mit ganz anderen Augen ansah? --

Er konnte nicht länger in diesem Hause bleiben, und dabei die Angst: wenn er nach ihm verlangte, mußte er zu ihm gehen.

Und er schlich sich in sein Zimmer und holte sich Mantel und Hut. --

* * * * *

Dann irrte er durch die Nacht, mechanisch seinen Weg suchend, ohne zu wissen, wohin er sich wandte.

So wenig achtete er auf den Weg, daß er hie und da an einen Stein stieß und zu fallen drohte.

Die Berliner Straße wurde umgepflastert, er geriet einmal in den Teil, der aufgerissen war, und er stürzte auf einen Steinhaufen nieder, daß er sich die Hand blutig schrammte.

Dann kam er unter dem Stadtbahnbogen durch, wo sich gerade zwei Züge kreuzten, und er sah den roten Lichtern nach, wie sie bei der Krümmung verschwanden.

So gelangte er in den Seepark und ging am Ufer des Neuen Sees hin, auf dessen totenstillem Wasser der bleiche Mondschein so breit lag, still und friedlich, als ob es in der Welt nichts gab, was ein Menschenherz bis in die dunkelsten Tiefen erschüttern konnte.

Er blieb stehen und strich sich über die Stirn, auf der kalter Schweiß stand.

Seine ~Mutter~! ...

Seine Mutter, die er so abgöttisch verehrt hatte, die er unerreichbar für den Schmutz der Welt gehalten hatte -- sie war nicht anders als andere Frauen.

Eine Frau, die ihren Mann betrogen hatte, seinen Vater. Und nicht minder der jähe Schreck: es war ja gar nicht sein Vater! --

Er konnte diesen Gedanken nicht fassen, daß ein ~anderer~, neben dem er achtlos hingelebt hatte, mehr Recht auf ihn haben sollte als der Kranke.

Seit dem Tage, da er erfahren, daß der Professor seine Mutter einmal geliebt hatte, seitdem war eine unterdrückte Abneigung in ihm aufgestiegen, die zuweilen sich zum Haßgefühl steigerte.

Und nun sollte ~dieser~ Mann sein ~Vater~ sein!

Eine verzweiflungsvolle Wut bemächtigte sich seiner, daß er durch ~ihn~ seine Mutter für immer verloren hatte. Von seiner grenzenlosen Liebe war nichts geblieben als ein unendliches Wehgefühl, wie sie ihm einst alles gewesen war und nun all sein Glaube an sie zunichte geworden war.

So jählings überraschend war es gekommen, daß er sich noch immer nicht zu fassen vermochte, daß eine blinde Todessehnsucht ihn überkam, seiner Qual ein Ende zu machen.

Im Augenblicke fehlte ihm dazu die Energie.

Er empfand eine sinnlose Wollust, sich vorzureden, er sei wahnsinnig geworden, und alles sei eine Lüge. Aber dann wußte er wieder, daß es keine Lüge war.

Warum hatte er nicht weiter gelebt in der Lüge.

Wer hatte sie ihm geraubt? --

Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit überkam ihn, als sei er mit einem Male ganz allein auf der Welt.

Rings um ihn rührte sich nichts.

Er setzte sich auf eine feuchte Bank dicht am Seeufer und biß die Zähne aufeinander, um nicht in diese totenhafte Stille seinen Schmerz hinauszuschreien. Dann fand er endlich Tränen, und das erleichterte ihn.

Die Kälte durchschüttelte ihn, und die Feuchtigkeit drang durch seine Kleider, daß er wieder weiterging.

Das starre Entsetzen, dieser versteinernde Schmerz war von ihm gewichen, und ein fast schmeichelndes Wehgefühl war an die Stelle getreten.

So verlor er sich wieder in die Irrgänge des Tiergartens, kam zuweilen von dem schmalen Wege ab und lief gegen einen Baum, wenn der Mond von einer Wolke verschleiert war und er sich tastend weiter finden mußte.

Zuletzt hatte er jede Richtung verloren. --

Ueber eine halbe Stunde irrte er umher, dann traf er auf das Friedrich-Wilhelm-Denkmal.

Von da an hielt er sich auf dem breiten Wege.

Als er an das Brandenburger Tor kam, war er versucht, wieder umzukehren.

Dann besann er sich und blieb stehen.

Was wollte er zu Hause?! --

Er konnte heute nicht unter einem Dache mit der Mutter sein. Er hätte keinen Schlaf gefunden. Und dann hatte ihn der Arzt beruhigt, es sei ein harmloser Fieberanfall.

Er ging durch das Tor. --

Das grelle Licht tat seinen Augen weh, nachdem er so lange im tiefen Dunkel umhergeirrt war.

Von der Wache marschierte gerade die Ablösung fort. Er sah nach der Uhr. Es war elf geworden.

Wie sollte er die Nacht hinbringen.

Er entschloß sich, nach seiner Wohnung zu gehen; und langsam, dumpf brütend, ging er durch die breite Wilhelm- der Mauerstraße zu.

17.

Langsam tastete er sich die dunkle Treppe zu seiner Wohnung hinauf, mit dem Fuße gegen jede Stufe schlagend, während er sonst im tiefsten Dunkel mit unfehlbarer Sicherheit seinen Weg zu finden wußte.

Als er die Korridortür öffnete, sah er am Lichtschimmer, daß seine Wirtsleute noch wach waren.

Er vernahm Stimmengewirr, ohne daß er jedoch ein Wort verstehen konnte.

Dann suchte er im Zimmer nach Streichhölzern. Und da er sie nicht gleich fand, legte er im Dunkeln Hut und Rock ab und ließ sich in einen Sessel fallen, indem er in die Finsternis starrte, die nur von einem schmalen Streifen des Mondlichtes erhellt wurde, daß er eben den Schreibtisch und das Bücherregal erkennen konnte.

Nebenan surrten beständig lachende Stimmen, ein unbestimmtes Geräusch, das ihn erregte und ärgerte.

Und dazwischen hörte er scharf und deutlich das Ticken der kleinen Stutzuhr mit ihrem regelmäßigen Schlage.

Endlich zündete er Licht an. Allein nun schien es, als ob die Gedanken, die ihm nicht aus dem Sinn gingen, Farbe bekamen; sie traten greller hervor.

Er ging, die Hände auf dem Rücken, auf und ab, bis er vor den Spiegel kam. Er blieb stehen, um sich zu betrachten.

Wie er aussah ... Er erschrak vor sich selbst. --

Einmal blieb er vor dem Fenster stehen, dessen beide Flügel er weit geöffnet hatte, daß die feuchte kühle Nachtluft in das dumpfige Zimmer eindrang.

Er sog mit geöffnetem Munde diese schwere Nebelfeuchte ein.

Und plötzlich grundlos quoll es in ihm auf, daß er sich auf das Sofa warf und weinte, haltlos, fassungslos.

Er ertrug es nicht länger. Es war wie ein stechender körperlicher Schmerz.

Und dann, ohne zu denken, hatte er die untere Tür des Schreibtisches geöffnet und nahm einen flachen schwarzen Kasten heraus.

Am besten war es, ein Ende zu machen.

Die Mutter hatte sie ihm einst zum Geschenk gemacht. Das fiel ihm jetzt ein, als er die Waffe in die Hand nahm. Patronen lagen daneben im Kasten. Er spannte den Hahn und spielte mit dem Abzugsbügel. Das harte Knacken des aufschlagenden Hahnes durchschauerte ihn.

Es rieselte kalt durch seine Adern, prickelnd, wie ein kleines Stückchen Eis.

Dann setzte er die abgedrückte Waffe an die Stirn. Es war wie ein bohrender kalter Schmerz, etwas ungemein Beruhigendes; aber er legte sie wieder in den Kasten und verschloß ihn.

Was gewann er damit? ..

Er hatte das ungewisse Gefühl, als ob er auch nach dem Tode nicht vergessen werde, als ob er auch ~dann~ weiter dulden müßte.

Er hatte keine Mutter mehr! Nichts mehr im Leben.

Einen flüchtigen Augenblick dachte er an Mignon, dann war auch ~der~ Gedanke wieder ausgelöscht. Sie konnte ihm jetzt nichts sein.

Und mit einem Male fürchtete er sich, so allein im Zimmer zu sein. Er wußte, wenn er noch länger blieb, dann nahm er doch seine Zuflucht zur Kugel, nur um nicht mehr denken zu müssen.

Er wollte nicht unterliegen. Es war wie im Trotz, daß er sich an das Leben klammerte. --

* * * * *

Er schlich sich auf den Zehenspitzen hinaus, damit ihn die nebenan nicht hörten, die lachten und sangen und eben ein gläserklingendes Hoch ausgebracht hatten.

Aber man hörte ihn doch.

Als er sich die Treppe hinuntertasten wollte, wurde die Tür wieder geöffnet, ein breiter Lichtstrom quoll hervor. Eine Gestalt zeigte sich im Rahmen der Tür, Marta, die ihm nachrufen wollte. Allein er war schon die Treppe hinunter und die Tür schloß sich wieder. --

Er war auf der Straße. -- Ein vor dem Hause patrouillierender Schutzmann sah ihn von der Seite an. Es war Mitternacht vorbei.

Die Wolken hatten sich zerstreut, und leichteres flüchtiges Gewölk verdeckte für Augenblicke die blaßgelbe Scheibe des Mondes.

Die Straßen waren feucht. Hie und da auf dem Asphalt unregelmäßige, trocken helle Flecke.

Willy schritt der Leipziger Straße zu, am Kaiserhof vorüber, bis zur Böhmischen Kirche und nun die Friedrichstraße zurück bis zu den Linden.

In der Mitte der Allee ging er ein paarmal vom Tor bis zum Denkmal.

Er wollte sein Blut zur Ruhe zwingen. --

Als er wieder am Café Bauer vorüberkam, blieb er stehen und blickte in das grelle Licht, das ihm aus den großen Scheiben entgegenstrahlte.

Dann, wie angezogen von dem Licht, ging er hinüber.

Die Türen wurden vor ihm aufgerissen, und er trat ein. Man nahm ihm Hut und Ueberzieher ab, und in eine Ecke setzte er sich, an einen der kleinen runden Marmortische.

»Befehlen, bitte?«

Er antwortete nicht. Er hörte gar nicht, daß man ihn um etwas fragte.

»Schwarz, bitte?«

Und dann, ohne länger auf eine Antwort zu warten, brachte man ihm den Kaffee.

Er sah über diese lustig schwatzende, rauchende Menge hin, dieses Wogen der Köpfe, dieses Ein- und Ausfluten, das Hin- und Hereilen der Kellner, Rufen und Winken. Und es bereitete ihm ein grausames Vergnügen, mit seinem Weh unter all diesen gleichgültigen Menschen zu sitzen, die ihn nichts angingen, die nichts von ihm wußten noch wissen wollten.

Er hörte sie lachen und lärmen und saß selbst stumpf und reglos da, wie geistesabwesend. --

Einmal nahm ein biederer alter Herr an seinem Tische Platz und beobachtete ihn. Er hatte ihm freundlich guten Abend gewünscht, ohne daß Willy geantwortet hatte.

Und jetzt der Gedanke: wenn er diesem Herrn, den er nie gesehen hatte, vielleicht nie wiedersehen würde, seine Geschichte von heute erzählen würde? --

Das Gesicht, das der machen würde! -- Er hielt ihn dann gewiß für wahnsinnig. --

Er war nahe daran, den Gedanken, der ihn nicht wieder verließ, auszuführen, als der Herr zahlte und ging.

Nun saß er wieder allein da. --

Um ihn her wechselten die Gäste, immer neue, die ihn nicht beachteten. Er saß noch immer vor der vollen Tasse, die er nicht berührt hatte.

Dann rüttelte er sich aus seinem Brüten auf.

Er stand auf, und ein Kellner half ihm in den Rock. Dann fiel ihm ein, daß er auch noch zahlen mußte.

Wie ein Nachtwandler, ohne ein Gesicht erkennen zu können, ging er zwischen den Tischen hindurch.

Er war wie trunken, und ein paarmal geriet er in Gefahr, von einer Droschke überfahren zu werden.

Endlich wurde er durch das Umherlaufen todmüde und kehrte um. Allein er war ganz in den Nordosten der Stadt gekommen und hatte Mühe, sich wieder in bekannte Gegenden zurück zu finden.

Zu Haus legte er sich, ohne Licht anzuzünden, nieder. Allein sein Blut schlug so wild, und erst nach stundenlangem, unruhigem Herumwälzen verfiel er in einen fieberhaften, oft unterbrochenen Traumschlaf.

* * * * *

Als er erwachte, war es heller Tag.

Allein seine Gedanken waren noch nicht aufgerüttelt, und erst nach geraumer Zeit hatte er alle Erinnerungen wieder beieinander, und das jagte ihn aus seiner Schläfrigkeit.

Jählings, wie unerwartet kam ihm die Wirklichkeit.

Am liebsten wäre er liegen geblieben, um mit keinem Menschen in Berührung zu kommen.

Hätte doch sein Schlaf fortgedauert, ohne Ende, ohne Erwachen.

Wie grausam das alles aussah im fahlen Lichte des nüchternen Morgens.

Er hatte nur immer an sein Verhältnis zur Mutter gedacht.

Und Mignon? --

Sie war die Tochter Petris ... seine Schwester!

Und er hatte sie zu lieben geglaubt ...

Wenn er jetzt nachdachte, so war es nicht anders wie früher. Er liebte sie, seine Schwester.

War denn alles, alles eine Lüge?

Nichts -- nichts hatte ihm je gesagt, daß sie seine Schwester sei. Er hatte ihre Schönheit geliebt, ihre Anmut. Sie hatte in seinen Armen gelegen, und er hatte sie geküßt.

Er hatte eine Mutter und eine Geliebte verloren, um eine Schwester zu finden.

Er hatte also doch noch ein Wesen auf der Erde, das ihm nahe stand, nach dem er sich sehnte, seine Schwester! --

Aber jetzt konnte er sich noch nicht in den Gedanken finden.

Anfangs hatte er selbst nach Charlottenburg hinausgehen wollen. Dann sandte er einen Boten, um Nachricht zu erhalten.

Das Fieber hatte nicht nachgelassen, und die Mutter war noch nicht zum Bewußtsein gekommen.

Mignon war bei der Kranken und ließ ihn bitten, sobald als möglich herauszukommen. Auch sein Vater verlange nach ihm.

Und wieder dieses Wort: Sein ~Vater~! ..

Er brachte es nicht fertig, jetzt hinauszugehen, es war ihm unmöglich.

Er versuchte, seiner gewohnten Arbeit nachzugehen, um seine Gedanken abzulenken, aber er vermochte es nicht. --

* * * * *

Als er am Nachmittage in seine Wohnung kam, fand er eine Karte Mignons vor, die ihn beschwor, zu kommen.

Weshalb er gestern fortgegangen sei, weshalb er sich heute nicht sehen lasse?

Sie hatte recht.

Einmal mußte er der Mutter ja doch wieder entgegentreten. Mehrmals war er im Begriff hinzugehen, wenn er daran dachte, daß die Mutter krank und hilflos dalag.

Mochten sie denken, was sie wollten; er konnte es nicht.

So ward es Abend. --

Die Dämmerung brach ein, und es war kalt geworden. Der Frost des Morgens hatte die Feuchtigkeit aufgesogen und Eiskristalle gebildet, die nur vor der Nähe der Menschen und dem aus den Häusern strömenden warmen Dunst wegtauten.

Die Luft hing schneidend kalt, frostrein. Die grauen Wolken am Himmel waren weißem Schneegewölk gewichen.

Willy lehnte an dem warmen Ofen, während in den Ecken schon völlige Dunkelheit lag.

Er stand mit dem Rücken gegen den großmächtigen weißen Kachelofen gelehnt, der ihn so behaglich durchwärmte.

Es klopfte und schreckte ihn aus seinen Gedanken.

Er glaubte, es sei seine Wirtin, und rief achtlos: Herein! ..

Mignon stand auf der Schwelle. --

Im grauen Mantel, ein schon winterliches Barett auf dem Kopfe, aber ohne Schleier, blieb sie einen Augenblick in der Tür stehen.

»Mignon!«

Und ehe er es wehren konnte, war sie auf ihn zugeeilt und lag an seiner Brust, indem sie die Arme fest um seinen Hals kettete, daß er sich nicht freimachen konnte.

Als er ihr Gesicht sah, flüchtete der Gedanke, daß sie etwas wisse.

Als er versuchte, sich frei zu machen und sich abkehrte, fragte sie voll Bangen:

»Will! -- Was ist? ..«

Er antwortete nicht.

Sie faßte mit beiden Händen nach seiner Schulter, aber er unterbrach sie:

»Was willst Du hier?«

Und sie vergaß sich selbst und ihre Angst:

»Will, Deine Mama verlangt nach Dir.«

Er schüttelte den Kopf.

»Aber Will! Der Doktor ist in Unruhe. Ich glaube, er hat seine anfängliche Hoffnung verloren. Er sagt nichts Bestimmtes, aber ich höre es heraus, aus all seinen Worten. -- Deine ~Mutter~ ruft Dich, und Du stehst hier und bedenkst Dich? -- Nein Will, was sie uns auch Böses getan hat, ~das~ darfst Du nicht ... Will, um alles in der Welt, so ~sprich~ doch. -- Was ist denn?« --

Er suchte sich von ihr abzukehren.

»Will, Du hörst nicht auf mich. Du hast mich nicht mehr lieb!«

»Doch Mignon, doch ...«

Sie klammerte sich an ihn und bat:

»Du liebst mich nicht mehr! -- Was ist geschehen? Ich bitte Dich, sag mir ~alles~ ...«

Was sollte er ihr sagen? ... wie ihr die Wahrheit beibringen?

Und sie suchte seinen Kopf an sich zu ziehen, und jetzt, da sie fühlte, daß ihn irgend etwas ihr entfremdet hatte, fing sie an zu flehen; und in dem aufdämmernden Gefühle von einem Ereignis, das sie selbst bedrohte, suchte sie ihr Angstgefühl in Liebkosungen zu vergessen.

Sie ahnte nicht, daß sie durch ihre Leidenschaftlichkeit, der sie völlig freien Lauf ließ, ihm grausame Qualen bereitete.

Sie fühlte den Widerstand, und wie gebrochen gab sie es auf. Sie erreichte doch nichts für sich. Aber sie bat für seine Mutter.

Und gemartert von ihrer Liebe, von ihren Bitten, gab er endlich nach, nur um Ruhe zu finden, um diesen schrecklichen Zustand nicht länger ertragen zu müssen.

18.

Mit dem Sinken der Sonne war ein dichter grauer Nebel eingebrochen, der alle Gegenstände mit seinen flutenden Schleiern umhüllte, daß die Flammen der Laternen von einem breiten regenbogenfarbigen Schleier umgeben waren.

Es war frierend kalt geworden, und der Nebel schlug sich in feinen Eiskristallen auf allen Gegenständen nieder, so daß die Bäume und Sträucher des Tiergartens im weißen Reifschmucke prangten.

Willy fuhr mit Mignon nach Charlottenburg hinaus. Auf der ganzen Fahrt sprach keiner von ihnen ein Wort. Zuweilen nur griff sie nach seiner Hand, die er ihr willenlos ließ und ihr durch einen leichten Druck dankte.

Jeder von ihnen war mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt.

Als sie vor dem Garten der Sophienstraße standen, zauderte Willy einen Augenblick, als wolle er noch jetzt wieder umkehren.

Mignon ging voran, und er folgte ihr.

Er hatte sie gebeten, bei ihm zu bleiben, und sie führte ihn zu seiner Mutter. --

Frau Anna lag noch immer im Fieber. Am Nachmittage war sie eine halbe Stunde zum Bewußtsein gekommen und hatte Mignon angefleht, Willy aufzusuchen.

Gegen Abend war sie wieder besinnungslos geworden und hatte heftiger gefiebert als zuvor.

Jetzt warf sie sich unruhig.

Sie hatten die Wärterin fortgeschickt und waren allein mit der Kranken, die undeutlich im heftigsten Fieberschauer murmelte.

Mignon bat ihn, daß er näher kam.

Er empfand fast Grauen vor ihr, und erst als Mignon ihm erzählte, in welch fürchterlicher Angst die Mutter gewesen sei, daß sie sterben könne, ehe er ihr vergeben habe, ehe sie noch einmal ein Wort miteinander gesprochen hatten, -- traute er sich nach ihrer Hand zu fassen, die sie mit tastenden Fingern krampfhaft umschloß.

Er fühlte diese heiße Hand in der seinen, und nun war ihm das Recht genommen, sie noch zu verdammen.

Er kehrte sich zu Mignon um, er wollte sich der Schwester vertrauen, als der Diener kam mit der Bitte von Doktor Braun, er möge zu ihm kommen.

* * * * *

Dann riefen sie die Wärterin zurück, und er ging hinauf. --

Das Herz schlug ihm, als er zu dem Manne emporstieg, der ihm bis gestern als sein Vater gegolten hatte.

Aengstlich wartend saß der Kranke in seinem Stuhle, mit bleichem, eingefallenem Gesichte; seine mageren, durchsichtigen Finger irrten unruhig spielend auf der Decke, die über seine Knie gebreitet war.

Als Willy eintrat, flog ein Lächeln der Erlösung über das abgehärmte Gesicht, und er ließ die Hand nicht los, die ihm Willy mit rascher Ueberwindung hingestreckt hatte.

Er mußte sich neben ihn setzen, und er zog ihn an sich, während er ängstlich nach der Mutter forschte.

Ahnungslos saß der Aermste da, wie angefesselt.

Und nun fiel es Willy wie eine untilgbare Schuld auf das Gewissen.

Er hatte ihn nie besonders geliebt, sein Leben hatte einzig der Mutter gehört. Erst jetzt, wo er ihn verloren hatte, keimte eine opferwillige Kindesliebe in ihm auf, die ihn alles vergessen ließ. Der Schmerz brachte sie einander nahe, wie zwei gute Freunde.

Wie er um die Mutter bangte und sorgte.

All die verschlossene Liebe, die er je für sein Weib empfunden hatte, kam ihm auf die Lippen.

Willy saß neben ihm und mußte das mit anhören, jeden Augenblick im Begriff aufzuspringen, um hinauszustürzen, weil die Qual unerträglich ward.