Part 4
Die entsetzliche Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden Pfeile vor sich hinschoß, kann nicht größer gewesen sein, als der Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein großes Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander, entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und Böcklein folgten, so daß die den Gipfel hinan und hinunter rennenden, springenden, stolpernden, stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben, wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges, als der heiteren musischen Höhe glich.
Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eignes Schicksal machte mir bange. Ich fürchtete die Rückkehr der Herde.
Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt, daß, um auch die letzten Reste der verhaßten Menschlichkeit in mir auszutilgen, ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und den Händen der Gatten übergeben werden solle. Dagegen sträubten sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig, wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer Atmosphäre so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge in den Sternen geschrieben.
Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher, dicker Mann, dem ein Dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blaß und aufgedunsen und äußerst verdrießlich aus. Schon sein Ansehen und der völlig gleichgültige Blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde mich gelehrt haben, von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte ihn zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, ließ ihn niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu. Der Herr ließ nämlich alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprächig war.
Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, daß der gelbe Dicke ein reicher, vom Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam und eine Stunde von Harlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten, und gewisse Vorboten der Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die südlichen Länder verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit, bis in den Reichswald bei Cleve zu reisen. Der Arzt erklärte aber dagegen, er sei mißverstanden worden, und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber anfangs, so weit sein Naturell dies zuließ, in einige Verzweiflung geraten, jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger Altniederländer war, und seinem Patienten mit größter Fassung Todestag, ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste, genötigt gewesen, sich zu fügen und an die Reise zu denken, die er in südöstlicher Richtung vornehmen mußte, da er südlich auf der Karte die verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.
Um dies zu verstehen, muß gesagt werden, was ich aus den Gesprächen heraushörte, daß nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu erfüllen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise äußerst zuwider war, so haßte er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen hätte geben können. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten, maß daran die Meilen, fand, daß ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg gekommen.
Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz aufzurichten, mit dem Ausrufe: Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück.
Gottlob, sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein Landhaus ein wenig erheitert fühlte, und ich will, wenn wir nach Hause gekommen sind, ein Lusthaus anbauen und das soll heißen: Vreugde en Rast. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, möchte auch meine Wassersucht so überhandnehmen, daß alle Teiche von Seeland bedroht wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern kommt, wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die unnatürliche blaue Farbe nicht los wird.
Es kann nicht überall Altniederland sein, versetzte der Diener und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife; es muß auch solche nichtsnutzige Striche Landes geben.
Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte, fuhr Mynheer van Streef fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so verdrießlich blieb, wie früher, was für eine andere Gegend ist das! Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zicht und auf der andern Seite Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth, und mitten inne liegt Welgelegen. Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen gepflasterten Hofe, vom Muschelhäuschen, von der Voliere, von den Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend wild wachsen -- aber, Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den Kanal, über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese dahinter, in der denn doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so groß wie ein Maulwurfshügel ist, und den Hintergrund von zwölf Windmühlen im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den andern Tag nebelt oder regnet es, so daß die Entbehrung das Glück, um sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn es helles Wetter ist, bescheiden, mäßig und grau. Wie wird dir denn, Sebulon, wenn du an alles das denkst?
Abscheulich wird mir zu Mute, rief Sebulon und warf zornig seine Pfeife an den Boden, daß sie zerbrach. Hole der böse Feind diese verdammten griechischen Wüsten!
Ereifre dich nicht, Sebulon, sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem Mundhängen. Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt wenigstens jemanden dabei, auf daß der Eifer einen Nutzen habe. Mache mir jetzt Tee, das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu sein, wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich, Wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der Elektra unseres großen Vondel lesen. Er nahm ein Buch aus der Tasche, schlug es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der Vondelschen Elektra:
+O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh, In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh, Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer haeckte, Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte. Dit'st woud van Jö zelf, dat dolgeprickelt dier. Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier, En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde+ ...
Ja, ja, unterbrach sich Mynheer van Streef, das ist denn freilich etwas griechischer als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft. Er summte sacht in seinem Vondel weiter.
Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr überall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer angezündet, Wasser aus der Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen Tee aufgeschüttet. Als das unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte er seinem Herrn eine Tasse.
Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum Munde, wie er in allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete, die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er bedächtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte: Sebulon, noch eine. -- Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen bekamen während des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: Sebulon, noch eine. -- Sebulon reichte ihm zitternd und eine große Unruhe in seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van Streef beinahe hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.
Ach, Mynheer! rief der Diener besorgt, was ist Euch widerfahren? Sonst braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht es wie mit Extrapost in den Magen.
Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach langem Schweigen: Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser, als der auf meinem Landhause Welgelegen, eine Stunde von Amsterdam.
Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: O wehe mir, wehe. Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll geworden: sein Tee schmeckt ihm dahaußen besser als daheim; er lobt die Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven und Altniederland.
Sebulon, erhitze dich nicht, sagte der Herr gleichgültig und freundlich. Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weißt du, was Schwärmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von Franzosen, und der Bull von Engländer oft befindet, und der deutsche Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die Sache sollte aber zur Probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Ich liefere die Probe. Ich schwärme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem Tee muß etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer geworden, denn ich muß es noch einmal sagen: er schmeckt wahrhaftig besser, als der auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen.
Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, daß aller Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise seines Uebels sei, daß die Wassersucht durch die Schwärmerei eine Stopfung erhalten habe. Der alte Schwärmer stand auf und schickte sich zum Rückwege an, Sebulon packte das Teegerät zusammen. Mynheer van Streef sah sich um und sagte: Ich möchte wohl ein Angedenken an diesen ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde, in welcher mir der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die hiesige Schwärmerei. -- Was sollen wir mitnehmen? versetzte Sebulon noch immer ziemlich kleinlaut, wir können doch nicht die Boompges (er meinte die Lorbeeren) oder die großen Klinker (er meinte die Klippen) einpacken. -- In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem Felsen den schwärmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor und rief: Was für eine Kreatur ist das? Der schwärmerische Holländer besah mich und sagte dann langsam: Wirf dem Vieh einen Strick um den Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schöne Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer de Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf Java vorkommt.
Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muß ich bekennen, daß die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime, düstere Ahnung mir zuflüsterte, daß die Schwärmerei des Holländers mir drückend werden könne. -- Ich ließ mir das Fangseil geduldig um den Hals schlingen und verließ mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt, und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her führte, den Berg, auf welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit Wasser der Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause Welgelegen.
Am Fuße des Berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso verdrießlich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebenere Gegenden gekommen waren, zu Wagen fort, das heißt Herr und Diener saßen im Wagen, und ich lief nebenher -- Ihr mögt mir es glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber wahr muß wahr bleiben -- ich habe die paar hundert Meilen zu Fuß zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke des Adriatischen Meers, die wir auf einer slawonischen Schebecke durchschritten. Ja, neben holländischen Schwärmern läßt sich schon zu Fuß fortkommen!
Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die Herrschaft von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich wurde behandelt wie eine Kolonie, für mein Futter mußte ich selbst sorgen, auf der slawonischen Schebecke bekam ich, Gott verdamme mich, nichts zu genießen, als den Duft von Hyazinthenzwiebeln, die Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich! denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die meisten Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So zum Beispiel habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude[1] nicht zu sehen bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging.
[1] Tagungspalais der deutschen Bundesversammlung, die sich in den wichtigsten Fragen für inkompetent erklärte.
Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein. Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwölf Windmühlen, endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen Fenstervorhängen, mit dem buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere aus vergoldetem Draht und mit dem grünen, eingezäunten Flecke, auf welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazieren gingen, vergoß Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon: O Welgelegen! weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte: Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef. In der Pforte standen sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle weiß und rund und sauber gekleidet, daß sie glänzten. Sie machten einen Knicks, küßten ihrem Herrn die Hand und sagten: Viel Glück und Heil zur Rückkunft, Mynheer. Ihren Kreis trennte ein kleiner Mann, roten Antlitzes, aber ganz weiß und ehrwürdig eingepudert, schüttelte dem Heimkehrenden die Hand und sprach: Ich habe davon erfahren, daß Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur angeschlagen habe. -- Doktor, ich schwärmte auf dem Helikon, danach wurde mir besser und ich bin völlig hergestellt, versetzte der Patient. Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte kaltblütig: Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als da Ihr abreistet, Ihr müßt deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst sterbt Ihr dann und dann. Er nannte den Todestag.
Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei kennen gelernt hatte, was holländische Wut heißen wolle. Denn das Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern schwollen an, daß sie Baumwurzeln glichen, und er goß über den Doktor eine solche Flut von Scheltreden aus, daß ich über den Reichtum der Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen mußte. Der Doktor seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, daß er sich in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, daß sie auf Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, daß sie auf die erste schimpfe, die vierte auf die dritte, daß sie auf die zweite schimpfe, die fünfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt, die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen. Es erinnerte mich dieses verwickelte Schimpfgemälde durchaus an den gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur.
Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere schrien in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiß, ob nicht noch Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich in der Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre. Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus ~einem~ Munde riefen Doktor, Patient und sechs Nordholländerinnen: Die fünfte Schuite! -- Kommt aber heute zwei Minuten zu spät, setzte Mynheer van Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. -- Er ging freundlich in sein Landhaus; der Doktor bestieg besänftigt die Schuite nach Amsterdam.
So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Harlem diese niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern, wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muß, daß ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold- und Silberfasanen ein, das heißt ich kam nicht zu diesem Gefieder unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer van Streef selbst bei den Tieren holländische Neigungen voraussetzte. Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Kräuter, wie am Helikon, fraß mich endlich einmal in Muße wieder satt, und verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus übergroßer Ermüdung von dem langen großen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam ich sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich nachzudenken.
Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäfte zurückgezogen hat, gründlich kennen lernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart unter den Fenstern des Lusthäuschens, welches durch den Hof von dem Haupthause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern etwa vier Fuß hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem Lusthäuschen vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite aber waren sie stets geschlossen und auch verhängt bis auf eine kleine, zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Öffnung.
Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmäßig in sein Lusthaus gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem Kamelott und eine rote Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem Teegeräte folgte ihm die erste Magd, denn zu Hause ließ er sich nur von den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war nur auf der Reise zum Diener erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich, wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er langsam den Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten Zeitabschnitten wechselsweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit nichts vor, denn er war der Meinung, daß jedes Geschäft für sich betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte schickte er sich zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbillets, die er in der roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke bekanntlich gleichlauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen pflegten die zwölfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte einen höflichen Gruß von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und die Anfrage ihrer Herren: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Ueberlegung jeden Tag dasselbe: daß die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zicht und der Vrouw Elizabeth entsendet mit höflichem Gruße von Mynheer van Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hätten und sich befänden?
Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des zurückkehrenden Sebulon entgegen genommen. Darauf ging Mynheer van Streef in das Haupthaus, kam angekleidet zurück in den Hof, stellte sich vor die Voliere und demnächst vor jeden Abschlag der Menagerie, sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume Zeitlang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt und sagte, so oft er schüttelte: Unvernünftige Tiere! -- Dieses tat er jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur während dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über.
Waren die Allocutionen an die Voliere und Menagerie geendigt, so ging er wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und kehrte, abermals eine Mappe unter dem Arme, jetzt aber eine grüne, sechs Uhr abends in das Lusthaus zurück. Er trank nunmehr seinen dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen Mappe verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef klappte gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verließ hierauf das Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zurück. Sobald es dunkel war, schloß Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen allgemach -- ein Zeichen, daß Herr und Dienerschaft in ihren Betten von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.