Part 2
So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und breit lag sie da und erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und rasselnd durch das Gras, Murkerich strich schreiend ab und konnte eben noch eräugen, daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte. Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein.
Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel, und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg und stach ihn derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab.
»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch etwas anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend, sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen dunklen Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres Stoßes, und die Kleine legte geschmeichelt den Stecher an die Brust und dachte bei sich: »Ein reizender junger Mann, viel netter, als der alte Murrkopf von vorhin.« Und in niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes Spitzenwerk leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, sie tat nur so.
Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und warm, in den Sinken braute der Fuchs, der Mond stand über den hohen Eichen. In seliger Minnefahrt strich das Pärchen über die Schläge, zickzackte um die Überhälter, ruderte durch das Bruch, und fiel ab und zu zu kurzem Gekose an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder in langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant kichernd, wenn er ihr erzählte, welch ein herrliches Leben sie hier im schönen Ahltener Walde führen wollten, wo der Boden so tief und locker und würmerreich ist und wo Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen Reinekes Tücke und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, Roheit.
Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und krachte und rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, stürzte, nahm sich wieder auf und flatterte in das Unterholz. Murkerich war sofort bei ihr und trieb sie zur Eile an, denn er vernahm eine laute Stimme, und hörte einen Hund durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft in den gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. Noch ein Weilchen hörten sie den Hund hechelnd im Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff, und alles war ruhig.
Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. Ihr linker Lauf war von einem Hagelkorn getroffen und gebrochen. Sie zog ihn fest an den Leib und ließ sich von Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb sie so liegen und humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu wurmen, und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war der Lauf fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen festen Verband darum gebildet, so daß die Kleine schon wieder ganz gut auftreten und sich auch wieder aufschwingen konnte.
Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so weich, so milde, aber dem Pärchen war alle Lust am Strich vergangen. »Weißt Du was, Pfuitzing,« quarrte Murkerich, »ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn man immer geradeaus gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter dem Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die da sind, die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja immer wie eine Maus im Verborgenen leben und hat nichts vom Leben. Wollen wir weiter?«
Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich hinter den Wolken versteckte, da stiegen beide ganz hoch in die Luft, kreisten dreimal und strichen dann geradeaus, nach dem Lande, wo es noch nette Menschen gibt. Und da leben sie heute noch.
Krähengespräch.
Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, wenn der Barsinghausener Zug über die große Bult bei Hannover keucht, kommt ein alter Herr mit einem alten Hunde den Fußweg entlang, der sich am Rande der Eilenriede nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt der alte Herr stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen Abendhimmel und niest, und meistens niest sein Hund zur Gesellschaft mit. Dann gehen beide weiter.
Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut: »Arrr!«
Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz, schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem Ton: »Aerr!«
Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen, schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen.
Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen, die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu Hause nichts haben.
Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten, auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.
Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«
»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se. Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla, hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?«
Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin. Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht stinkiges, von Schaff hammliges.«
Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de Kärel eßchimpet. Höhöhö!«
»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, »hierr zu finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr bei uns zu Hause in Wongrowitz, wo man findett serr oft Wurrst odder Knochenn. Sind sich Pollen nicht so ängstlich mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite hannovversches.«
»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme blivst De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst hier rümmetobetteln un denn ßchimpen! Dat is de rechte Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?« fragt sie dann die Eilenriedekrähe.
»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann leiser fort, »äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich heute, die Leute, da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen und des-, na, wie heißt das olle vermuckte Wort doch, so, desinfezinieren, das wird immer dummerhaftiger. Und mit der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit muß sein, äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe, glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen lassen? I bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und roden ihn bei.«
»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll wahr is, wat ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier uff de jroße Bult kommen dhun soll! Na, dett wär 'ne scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den janzen Sport: Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber. Det wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!«
»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der Eilenriede. »Wenn ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, als die hohen Fuhren noch vor der Seelhorst standen! Was wäör däö wintertags für ein Leben; an die Tausend von uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst schmissen sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, da trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei Jäöhren immer in dem Holze vor Misburg geschläöfen, äöber da käömen die Jäger und schossen nach uns. Und seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es ist däö jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör Dohlen, äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede ist an einen ruhigen Schläöf doch nicht mehr zu denken. Noch bei nachtschläöfender Zeit läuft das Volk in 'n Holze herum und überall sind Laternen. Die Welt wird immer dümmer!«
»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt die dicke graue Pommerin, »auch bei uns wird es immer schlechter«, und die Ostpreußin stimmt bei: »Bei uns da oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so schlimm; aber weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen die Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, Thienemann heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen Ringe um die Beine mit dem Datum darauf und bittet, daß man überall Krähen totschieße und ihm die Füße einschicke, der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch kommt jeden Tag auf neue Dummheiten.«
»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei uns in Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu grroßes auf Pfahl; kommen sich Krrähen an auf zu beißen Uhu dickköpfiges, schießen sich Herren feine dann mit Gewehrre auf Krrähen, Hundsblutt gemeines niddertrrächtiges!«
»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, »up de Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der Seelhorst, da kümmt ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut de Slägerstraate, Wiegand heit dat Lork, de kruppt in'n Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle henne, und wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle up den Swindel nicht mehr rin.«
»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn hier up de Grote Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen laaten. Wenn eck man nich min Haus bi Degersen hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat se man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all ball up den Drab bringen. Mit den Snabel den Pären gegen die Oogen, wenn se öwer de Hürden wullt, dat se dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners herümmejöckeln. Meint Sei nich ook so?«
Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie weiß, daß gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist. Und dann antwortet sie einer guten Bekannten, die aus hoher Luft ihr einen rauhen Gruß herunterschreit, macht die Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von ihrem Sitz fallen, steigt in die Luft und fliegt krächzend fort.
Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, krächzen und folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, den Kirchröder Turm, den Nackenberg, die breite Wiese, Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden Abend vom November bis zum März Tausende von Krähen schlafen.
Sein letztes Lied.
Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da flog Fuchs und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.
Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte, verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen, das Wallgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom blühenden Sauerklee fort.
Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied, schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwitscherte die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh, Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges stolzestes Geflügel, der Urhahn.
Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort, wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht, wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot.
Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt. Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und Holz gehärtet.
Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum herab.
Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten, Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel, als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang seinen Harem schirmte.
Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde Einsamkeit hinaussang.
Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer, und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus.
Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte. In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die Schläfer zu gut.
So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen, und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier, wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf.
Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab, daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger zu balzen.