Part 8
Bey diesen Worten fuhr sie ganz von ungefähr in die Tasche, und ich hörte Papier rauschen. Was konnte dies anders seyn, als ein Brief von Malchen? Ich erwartete unter Zittern und Ungeduld den Augenblick, wo sie die Hand herausziehen würde. Es geschah, aber da kam kein Brief von Malchen! Wie bitter war ich getäuscht! Meine ganze Fassung war dahin.
»Wollen Sie Soldat werden?«
Sehr gern!
»Kavallerist, oder Infanterist?«
Jetzt blieb ich stumm, und kann man rathen, weshalb? Auf einmal schoß mir der Gedanke durch die Seele, daß ein Infanterieregiment in den Vorstädten von L** stände. Was auf diesen für ein andrer folgte, wird man auf den ersten Blick sehen. Stumm war ich und blieb ich. Die Gräfin sah mich mit spähenden Blicken an.
»Infanterist? Nicht, Lemberg?«
Wenn die gnädige Gräfin befehlen!
Sie lachte hell auf.
»Also Infanterist! Ich dächte aber, Sie schickten sich besser zum Kavalleristen. Was meynen Sie?«
Nein -- ich -- würde --
»Sie haben sich aber schon als ein wahrer Ritter gezeigt! Wissen Sie wohl noch, durch Ihre Reise nach L**!«
Ich war wie verstürzt, und die scharfen Blicke der Gräfin machten mir Höllenpein.
»Doch, wie Sie wollen! Unter welches Regiment möchten Sie wohl?«
Gleichviel, unter welches! stotterte ich.
Ich mußte bey dieser Antwort eine erschreckliche Blöße geben, denn sie ward mit großem Gelächter aufgenommen.
»Unter das zu L** meynen Sie doch? Nicht, Lemberg?«
Nein -- gnä -- gnädige Gräfin --
»Also nicht nach L**. Ich glaube selbst, daß Ihnen der Ort zuwider seyn muß, weil er Sie in Arrest gebracht hat.«
Sie sagte dies mit einer studierten Ernsthaftigkeit, die mir durch Mark und Bein ging.
»Aber Sie wären doch der erstaunlichen Ritte überhoben, wenn Sie unter das Regiment nach L** gingen?«
Jedes Wort war mir ein zweyschneidiges Schwerdt. Ich siedete und kochte, fühlte aber nicht das mindeste Zucken in den Muskeln des rechten Armes. Wie theuer mußte ich die Schelle bezahlen!
»Ich habe schon gesagt, Lemberg, daß Sie selbst nicht wissen, was Sie wollen, ich muß mich schon Ihrer annehmen. Kommen Sie morgen wieder, und holen Sie sich Bescheid!«
Ich drehete mich stillschweigend um und ging. Sie rief mich zurück.
»Noch eins muß ich Ihnen sagen! Sie gelten bey Hofe für einen Anverwandten von mir, merken Sie sich das! Es hat gute Gründe, die Ihnen in die Augen fallen werden. Nun gehen Sie!«
Das Betragen der Gräfin blieb mir von Anfang bis zu Ende unbegreiflich, und das war kein Wunder, da ich sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkt ansah, den Umstand ungerechnet, daß mein Kopf und Herz in einer Lage waren, die mir durchaus nicht erlaubte, das zu erforschen, was um mich vorging. Ich wußte ja nicht einmal, wie mir eigentlich war.
Den folgenden Tag bekam ich das Patent zu einer Fähndrichsstelle unter dem Regimente zu L** und ich war wie vom Himmel gefallen.
Sogleich rannte ich zu der Gräfin, um ihr zu danken, denn es war gewiß, daß sie das alles bewirkt hatte. Aber weshalb interessierte sie sich so für mich? _Um ihrer Freundin Malchen einen Gefallen damit zu erweisen._
Diese seltsame Grille verließ mich nicht. Wie würde die Gräfin gelacht haben, wenn sie derselben auf die Spur gekommen wäre.
»Ich konnte es nicht anders machen,« hub sie mit verbißnem Lachen an: »Sie mußten nach L**. Es fehlte gerade ein Fähndrich. Wenn es Ihnen aber da nicht gefällt, so schreiben Sie es mir, ich will sorgen, daß Sie mit der Zeit an ein anderes Regiment vertauscht werden!«
Es schien, als ob ich dazu verurtheilt gewesen wäre, unter ihren Augen den Stummen zu spielen. Ich hatte mir vorgesetzt, ihr _soviel_ zu sagen, aber konnt' ich es? Drey Worte und ein Blick von ihr machten mich zum Kinde.
Beym Abschiede sagte sie zu mir: es bleibt dabey, Sie sind mein Vetter. Oder mögen Sie nicht aus meiner Verwandtschaft seyn?
»Welch ein Glück für mich, _wenn_ ichs wäre!« sagte ich, und man bewundere meinen erstaunlichen Muth.
Endlich einmal ein Wort, das sich hören läßt! erwiederte sie: Schade, daß es so sehr spät kömmt! Augenblicklich machte sie die Thür hinter mir zu.
Den folgenden Tag ging ich zum Regiment ab. Habe ich wohl nöthig, die Bewegungen zu schildern, die mich ergriffen, als ich die Thürme von L** erblickte?
Vierzehntes Kapitel.
_Schüchternheit wahrer Liebe._
Man wird es mir auf mein Wort glauben, daß ich die H** Straße sehr gut zu finden wußte. Drey bis viermal stahl ich mich täglich unter dem Erker weg, in welchem ich Malchen damals gesehen haben wollte; aber es dauerte gegen drey Wochen, eh ich das Glück hatte, sie abermals zu sehen. Und als ich sie endlich sah -- man denke sich mein Staunen -- da war es in dem Fenster eines Hauses, das ich bis jetzt keines Blickes gewürdigt hatte; es stand an dem andern Ende und auf der andern Seite der Straße. Diese seltsame Erscheinung erklärte ich mir am natürlichsten dadurch, daß die Französin eine andre Wohnung bezogen haben müßte. Denn es war unumstößlich gewiß, daß ich Malchen damals an dem andern Ende und auf der entgegengesetzten Seite der Straße, im Erker gesehen hatte. --
So viel ich auch auf dreyßig Schritte unterscheiden konnte, war Malchen, seitdem ich sie nicht gesehen hatte, ein volles, frisches, ausgewachsenes Mädchen geworden. Das war sonderbar! Als ich sie damals im Erker erblickte, war sie noch genau so groß, als sie immer gewesen war, da ich noch mit ihr spielte. Aber in den vier Wochen war sie erstaunlich gewachsen.
Auch diesmal betrug ich mich sehr albern. So lange ich weit genug von ihr entfernt war, sah ich starren Blicks nach ihr hin, als ich mich aber nahe unter ihrem Fenster befand, sah ich vor mich auf die Erde und beschleunigte meine Schritte. Ein Anderer hätte ihr wenigstens ein Kompliment gemacht.
Ich weiß nicht, wie lange ich dies Spiel getrieben haben würde, wenn nicht mein Muth durch einen Zufall gewachsen wäre. Einmal kam ich die Straße herunter und sah Malchen wieder im Fenster. Sie hatte ihr Gesicht nach der andern Seite gewandt und sah mich nicht. Ich hatte also das süße Vergnügen, ihren Haarputz von hinten zu sehen. Meine Blicke waren fest auf sie geheftet, und ließen nicht eher ab, als bis ich dicht unter ihrem Fenster war -- plötzlich drehete sie den Kopf, sah mich an, fuhr zurück und machte das Fenster zu.
Ihr Blick fuhr wie ein elektrischer Schlag durch mein ganzes Wesen. Alles tanzte vor meinen Augen, meine Füße waren mir zu leicht, und mit jedem Schritte glaubt' ich in eine Grube zu treten.
Es dauerte eine gute halbe Stunde, eh ich zu mir selbst kam, und nun war mein erster Gedanke, durch die H** Straße zurück zu gehen. Am Eingange derselben ward ich auf einmal unschlüssig und ich hätte gewiß einen andern Weg genommen, wenn sich nicht gerade einer meiner Kameraden zu mir gefunden hätte.
»Aha, Lemberg,« sagte er, »haben Sie das Terrain von L** so studirt?«
Wie so?
»Sie gehen doch durch die H** Straße um die Krone von L** zu sehen?«
Mir fing unwillkürlich das Herz an zu pochen, und ich muß roth geworden seyn.
»Habe ichs getroffen? Armer Lemberg! Sie sind nicht der einzige, dem's unterm Küraß schlägt, wenn er das Haus da (er zeigte mit dem Stocke auf das Haus, wo ich Malchen gesehen hatte) ansieht. Es war eine Zeit, wo ich selbst solch ein Narr war. Kommen Sie! _Sehen_ können Sie den Engel, aber das ist auch alles!«
Ich fühlte eine höchst unangenehme innerliche Bewegung, jener ähnlich, die der große Blumist in Holland hatte, als ihm ein Fremder versicherte, er habe eben die Blume, die er nur auf dem ganzen Erdboden _allein_ zu besitzen glaubte, schon bey einem deutschen Gärtner gesehen.
Mein Begleiter zog mich halb wider meinen Willen fort, und ein Glück für mich, daß Malchen nicht gerade aus dem Fenster sah, ich wäre sonst unter ihren Augen umgekehrt, und hätte dem Offizier die lächerlichste Blöße gegeben. Wir kamen näher, ich wagte einen Blick, sie stand am Fenster, begegnete mir mit ihren Augen, und, sollte man es denken! ich war bäurisch genug, einige Schritte vorbeyzugehen, ehe es mir einfiel, den Hut zu ziehen. Ich that es endlich, aber ohne hinter mich zu sehen, und sie war so nachsichtsvoll, das Fenster aufzureißen und mir zu danken. Mein Begleiter versicherte mich, sie habe gerufen: wie kommen Sie hieher, Herr von Lemberg? Ich hatte nichts gehört, glaubte es ihm auch nicht.
Mein Kamerad erkundigte sich, woher unsere Bekanntschaft rührte, und ich erzählte ihm, in einer Art von Verzückung, daß ich sie schon lange kennte und mit ihr erzogen wäre.
»Sie sind zu beneiden, Lemberg!« sagte er: »Aber warum besuchen Sie das schöne Mädchen nicht? Oder ist es schon geschehen?«
Ich versetzte ganz gleichgültig, daß ich ihr bey Gelegenheit meine Aufwartung machen würde.
»Bey Gelegenheit? Auf der Stelle sollten Sie es thun! Sie hat, auf meine Ehre, gerufen!«
Mit diesen Worten verließ er mich.
Von diesem Tage an besuchte ich die H** Straße mit leichterm Herzen, und hatte sogar den Muth, Malchen von der Seite anzusehen, wenn ich sie grüßte. Aber hinauf zu gehen und mit ihr zu sprechen? Es hätte eines Riesenarmes bedurft, um mich in das Haus zu schieben.
Funfzehntes Kapitel.
_Eine Hiobspost._
Dies Unwesen trieb ich gegen vier Wochen, ohne mich nur einen Schritt näher an sie zu wagen, und doch war ich unbeschreiblich glücklich.
»Wissen Sie wohl, Lemberg« -- sagte der vorhin erwähnte Officier auf der Wachparade zu mir: »aber, was sollten Sie's nicht wissen! Fräulein von Lehmniz ist Braut!«
Ein Donnerschlag! Ich versicherte ihm mit zitternder Stimme: das wüßte ich nicht.
»Freylich muß ihr ein reicher Graf lieber seyn, als ein Fähndrich,« fuhr er fort: »aber lassen Sie sich kein graues Haar darüber wachsen. Sie sind nicht der erste, dem es so geht!«
Ich stieß mit meinem Rohre große Löcher in den Sand.
»Kennen Sie den Bräutigam?«
Ich schüttelte mit aufeinander gebissenen Zähnen den Kopf.
»Graf Waller!«
Wild und wüthend fuhr ich auf.
»Sehen Sie, da steht er, der dumme, ausgetrocknete, süße Narr! Nur ein paar Schritte näher, so können Sie ihn riechen!«
Ich warf den Kopf herum, mit einer Bewegung, die meinem Gesellschafter sehr lächerlich seyn mußte.
»So sehen Sie ihn doch nur wenigstens an. Sie müssen sich doch an seinen Anblick gewöhnen. Er bleibt mit seiner Braut in L**.«
Ich war wie auf der Folter, faßte aber doch endlich Muth und sah den Grafen an. Er stand mit einem Offizier Hand in Hand.
»Wie kann man sich aber mit solch einem elenden Menschen abgeben?« sagte ich, mit der ganzen Wuth, die sich mir aufs Herz geworfen hatte: »Ein Soldat, und solch ein Windbeutel! Dem Lieutenant Rahm kann ich nie wieder gut werden, weil er ein vertrauter Freund von ihm ist!«
Bravo, bravo! rief mein Gesellschafter lachend: Sie werden beredt! Immer geben Sie von sich, was Sie auf dem Herzen haben, das wird Ihnen gute Dienste thun. -- Wissen Sie, wie man hier die beyden Leute nennt? _Damon und Pythias_. Solch eine Freundschaft ist unerhört! Sie wohnen auf Einer Stube, schlafen in Einem Bette, halten sich Ein Mädchen, kurz, einer ist des andern Schatten. Das ist bekannt, und Sie haben sie gewiß selbst mehr als hundertmal gesehn!
»Kann seyn, aber es ist mir nicht aufgefallen!«
Und nun fällts Ihnen so stark auf, daß Sie kochen? Ich sehe, wo es Ihnen fehlt, lieber Lemberg, aber ich sage Ihnen, die Lehmniz straft sich selbst. Vielleicht ist sie auch von ihren Eltern -- dazu -- gezwungen worden. -- Aber, mein Gott, das müssen Sie ja alles wissen?
»Ich weiß nichts!«
Nun, so begreife ich Sie nicht. Sie müssen mir sagen, wie Sie mit ihr stehen. Gleich auf der Stelle, ich lasse nicht nach.
Ich war also gezwungen zu beichten. Ich erzählte ihm, daß ich zwar mit ihr erzogen wäre; daß ich sie aber in vier Jahren nicht gesehen habe: kurz, gestand ihm alles, was man weiß.
Nun denn, nahm er das Wort, denn haben Sie auch keine Ansprüche auf sie, und es ist Ihre eigne Schuld, wenn sie einem Andern die Hand giebt. Sonderbarer Mensch! Wie können Sie vermuthen, daß es einem Mädchen genug seyn wird, wenn Sie sich täglich zwey- oder dreymal unter ihrem Fenster wegstehlen, und sie höchstens grüßen? Wie kann sie glauben daß Sie etwas für sie empfinden, wenn Sie nicht zu ihr kommen, da Ihnen der Zutritt unverwehrt ist? Lieber, lieber Lemberg, sich selbst haben Sie es zuzuschreiben, wenn Sie unglücklich sind. Nun ist es zu spät. In acht Tagen ist Hochzeit! Muth gefaßt und vergessen -- weiter ist kein Weg übrig!
Sechzehntes Kapitel.
_Ein Quiproquo._
Es wäre vergeblich, den damaligen Zustand meines Herzens zu schildern. Ich erinnere mich, acht Tage hindurch keinen einzigen hellen und dauernden Gedanken gehabt zu haben. Eine Menge von Bildern schwebte meiner Phantasie vorüber, alle mit Blut und Mord gezeichnet; aber meine Raserey kam nicht zum Ausbruch, so gewaltsam auch der Stoß war, den sie die letzten Tage vor Malchens Hochzeit erhielt. Gräfin Waller kam aus D** und ließ mich freundlichst zur Hochzeit bitten. Herr und Frau von Lehmniz kamen und verkündigten mir die Vermählung ihrer Tochter unter Jubel und Freude. Fräulein Louise wollte mich zu ihrem Tänzer in Beschlag nehmen. Graf von Waller erschien mit seinem Busenfreunde Rahm und freuete sich, meine Bekanntschaft zu machen -- Unerträglich, unerträglich! Ich wußte nicht, wo ich war! Ich kannte mich selbst nicht!
Die ganze Stadt war voll von dieser Vermählung. »Ja,« hieß es, »er ist freylich Graf, soll auch sehr reich seyn -- aber« -- den Nachsatz sagte sich der Bürger ins Ohr, und der Soldat lachte und sagte öffentlich: Armer Graf, wie wirds in der Brautnacht aussehen?
Indessen ging die Hochzeit vor sich. Ich blieb im Bette und mußte das Fieber haben. Je dichter ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden mir die Bilder von Malchen und dem Grafen Waller. Ich nahm mir fest vor, in vier Wochen nicht aus dem Bette aufzustehen, aber wie sehr fiel mir schon ein halber Tag zur Last! Gegen Abend vermehrte sich meine Unruhe. Ich wollte dies thun, wollte das thun, und that nichts. Endlich beschloß ich, mich zu verkleiden, und mich unter die Zuschauer zu mischen, um -- ja, wenn ich auch gewußt hätte, was ich da thun wollte. Ich nahm die Uniform meines Kerls, zog sie an und hin. Alles war um und um erleuchtet, alles zeigte Glanz und Freude. Das Souper war in einem Gartenhause, ausserhalb der Stadt, welches der Graf seiner neuen Gemahlin gemiethet hatte, und der Garten, der dazu gehörte, war aufs prächtigste erleuchtet. Aber eben der Glanz und die Fröhlichkeit sagten mir nicht zu. Ich ging zurück, wie ich gekommen war, und beschloß, mich tief in mein Bette zu vergraben. Ich zog mich aus -- plötzlich ward ich wieder anderes Sinnes. So kämpfte ich zwischen Wollen und Nichtwollen bis gegen zwey Uhr in der Nacht. Endlich widerstand ich nicht länger. Ich warf einen großen Mantel, wie sie damals allgemein getragen wurden, über den Schlafrock, und ging nach dem Gartenhause zurück.
Alles war still; die Gesellschaft schien auseinander gegangen zu seyn und die Lampen im Garten waren meist erloschen. Die schauerliche Dunkelheit hielt mich. Ich ging dreymal um das Haus, die Augen in düsterer Verzweifelung auf ein Zimmer geheftet, wo ein dürftiges Licht zu brennen schien. Auf einmal erlosch auch dieses, und die Ideen, die mir dieser Umstand erweckte, raubten mir Verstand und Bewußtseyn.
Und indem ich zum viertenmal so dicht im Mantel verhüllt, um das Haus schlich, öfnete sich die Thür. Es kam eine Mannsperson hinter mir her gesprungen und hielt mich. »Nun ists Zeit, Rahm, flüsterte sie, mach' alles, wie wirs verabredet haben!«
Ich stutzte und erstarrte. Der Mann führte mich mit zitternder Hand zum Hause, und ich folgte, ohne einen Laut von mir geben zu können. »Wo -- wo, will das hinaus?« dachte ich und fühlte einen erschütternden Frost in allen Gliedern.
Wir stiegen mit äußerster Behutsamkeit die Hälfte einer Treppe hinan. Hier nahm mir der Graf den Mantel ab und sagte: die erste Thüre rechts, du kannst nicht fehlen! Er schien eben so sehr aus aller Fassung zu seyn als ich, und schob mich die Treppe hinauf. Ich verhielt mich ganz leidend; auch nicht der kleinste Laut kam über meine Lippen.
Aber wie ward mir, als ich die Treppe vollends hinantappte, da plötzlich eine Thür aufging, ein sanfter, warmer Hauch mich anwehete, eine weiche glühende Hand meine Rechte ergriff und mich nach sich zog! Ich wäre mitgegangen und wenn sich die Hölle mit allen ihren Schrecknissen vor mir aufgethan hätte!
Moriz.
Viertes Buch.
Erstes Kapitel.
_Extasen._
Sie drückte mich an ihren wallenden Busen und sprach mit dem ganzen Zauber der weiblichen Lippe, wenn sie von Mitleid überfließt, zu mir: ist Ihnen wieder wohl, lieber Graf?
Der süße Ton ihrer Stimme durchdrang mein Innerstes, und ein heftiges Zittern, das mich wie Fieberschauer erschütterte, war die Folge dieser Anrede.
Und hätte ich auch reden wollen, ich hätte es nicht gekonnt. Alle meine Empfindungen blieben nur halb empfunden, so Schlag auf Schlag durchkreutzte eine die andre, unterdrückte sie, und war von einer andern unterdrückt. Es war ein Zustand der Betäubung, wo ich vor lauter Gefühlen nichts fühlte, wo keines derselben dauernd genug war und Gewalt genug hatte, das eiserne Band meiner Zunge zu lösen.
»Sie antworten mir nicht?« sagte sie im Tone der Aengstlichkeit -- »Ich will -- ach! -- ich muß rufen!«
Das Wort _rufen_ erweckte mich wie aus einem tiefen Schlafe. Das Bewußtseyn meiner ganzen jetzigen Lage flog meiner Seele vorüber und schnell folgte die That dem Gedanken: ich umschloß sie mit dem ganzen gewaltigen Feuer der Liebe.
Und indem ich sie an mein lautpochendes Herz drückte, fühlte ich, wie ihr rechter Arm, der um meinen Nacken lag, drey- viermal zuckte, als wenn man plötzlich erschrickt, und daß dieser Arm in der nächsten Sekunde darauf, sanft auf meiner Schulter liegen blieb.
Sie sagte noch ein paar Worte, die ich nicht verstand, ließ mich rasch los und that einen kurzen Schritt zurück. Nur ihre Linke hatte ich noch, und diese drückte ich an mein Herz, als ob ich sie in meine Brust hätte hineindrücken wollen.
»Ums Himmelswillen, sind Sies, oder« --
Die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Das »_oder_« war der Hauch eines sanften Flüsterns, welches die Stelle des Lautes einnimmt, in dem Momente, wo die Seele fühlt, daß die Zunge im Begrif ist entweder unschickliche oder beleidigende Dinge zu sagen: sie verwandelt mit der Schnelligkeit eines Blitzstrahls den Hauch, der einen lauten Ton geben sollte, in jenes Flüstern, das kaum hörbar über die Lippen säuselt.
In dem Augenblicke, wo ihre Seele den ersten Gedanken mit dem zweyten verdrung, trat sie mir auch wieder näher, drückte sie auch meine Hand wieder feuriger. Ich umschloß sie von neuem, sie mich -- und so in eins, so innig verschlungen, brennende Wange an brennende Wange fest geheftet, beyde nur einen Herzschlag fühlend, beyde fast eins -- sanken wir, in unnennbare Wonne aufgelöst, zurück. Ohne Bewußtseyn, lebendigtodt, und doch voll Kraft, fühllos, und doch bis aufs innerste Mark bewegt, brannte und fror ich, starb und erwacht' ich wechselsweise, bis endlich meine ganze Lebenskraft in einen Hauch zusammen schoß, und sich in einen Seufzer auflöste, der kaum stark genug war, den süßen Namen _Malchen_ über meine bebende Lippen zu drängen. Mein Kopf glitt langsam von ihrem Busen herab, und ihre Rechte schob mich mit einem sanften Druck auf die Seite.
Zweytes Kapitel.
_Muth und Stärke._
Plötzlich sprang die Thür auf und Rahm stürzte mit Wallern herein. Malchen drückte das halb geschlossene Auge ganz zu, und blieb ohne Bewegung auf dem Bette liegen. Aber ich stand vor ihr, beyde Arme fest an den Leib gedrückt, alle ihre Muskeln so straff angespannt, als ich Eichbäume hätte entwurzeln wollen. Mein starrer Blick schoß von Waller auf Rahm, von Rahm auf Waller, und nur zuweilen von der Seite auf Malchen, die ich hülflos liegen ließ, mit dem wilden Gedanken, der Kampf zwischen uns dreyen werde sie zeitig genug aufschrecken.
Rahm trat ein paar Schritte näher, hob das Licht auf, das er in der Hand hielt, und sah mir ins Gesicht. Stumm und sprachlos vor Erstaunen und Wuth, setzte er das Licht auf den Tisch und hielt sich mit beyden Händen fest an demselben. Der Tisch zitterte und krachte, bald stärker, bald schwächer, so wie ein innerer gewaltiger Sturm Rahmen ergriff und erschütterte.
Waller ging todtenblaß und auf den Zehen um ihn herum. Bey jedem Schritte, den er that, knickten die Gelenke des Fußes, worauf er trat, hörbar. »_O, mein armes Weib!_« sagte er endlich, indem er den Kopf furchtsam nach dem Bette hinstreckte und sich mit beyden Händen fest an Rahmen hielt. Je näher sein Kopf auf mich zu kam, desto weiter rückte ihm meine festgeballte Faust entgegen. »Eher soll sie ewig schlafen, als durch _dich_ erweckt werden!« dies war der einzige helle Gedanke, dessen ich mich während dieser wechselseitigen Pantomime erinnere.
Mit dem einen Auge hütete ich den Grafen, mit dem andern seinen Freund. Bey der kleinsten Bewegung, die dieser machte, spannten sich meine Muskeln unwillkührlich straffer an, und auf meine Füße trat ich so fest, als wollte ich mich in den Boden tief hineinpflanzen, um unerschütterlich zu stehen, wenn man mich angriffe.
Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser stummen Stellung blieben. Malchen regte sich endlich wieder, hüllte sich aber in eben dem Augenblicke mit einem: _Ach Gott, was wird das werden!_ ins Kopfküssen. Ich konnte nur einen kleinen, flüchtigen Seitenblick auf sie, von Rahmen abmüßigen, aber durch alle meine Glieder schoß eine betäubende Hitze, die aus der Besorgniß entstand, sie möchte sich noch einmal regen und rufen; ich fühlte, daß mich der klagende Ton ihrer Stimme rührte, und auf einige Momente muthlos machte, darum wünschte ich, sie nicht mehr zu hören.
»_O, helfen Sie doch!_« rief der Graf, und sein Zittern erschütterte Rahmen, an den er sich immer noch fest hielt, und der Tisch, auf welchen sich dieser mit beyden flachen Händen gestützt hatte, zitterte und krachte. Rahm sah eine Zeitlang stumm vor sich hin, sodann schlug er die Augen auf und sah sich im Zimmer um, als ob er etwas suchte. Meine Blicke folgten den seinigen überall hin; wo sie ruhten, ruheten die meinigen; wandte er sie aber auf Malchen, so stellte ich mich ihnen entgegen -- auch sehen sollte er mein Malchen nicht, auch nicht sehen! -- Und angreifen? darauf stand Tod und Verderben.
Endlich verweilte sein Blick in der einen Ecke des Zimmers ein paar Augenblicke, und ich bemerkte, daß dort ein Degen stand. Sollte ich ihm zuvorkommen, und den Degen für mich nehmen? -- Nein, durchaus nein! Denn unterdessen hätte sich der Graf dem Bette nähern können. Ich stand immer noch, wie in den Boden gewurzelt. Rahm riß sich von Wallern los, sprang nach dem Degen und faßte ihn, und plötzlich sah ich um mich und über mich, wie wenn der Boden unter mir einstürzte, und ich nun noch, um nicht zu versinken, mit verzweifelnder Aengstlichkeit nach etwas suchte, woran ich mich halten könnte. Die Schnelligkeit, womit ich dies that, leidet keine Vergleichung, und eben so wenig die gewaltsame Bewegung, die mich während dieser unsäglich kurzen Momente ergriff. Aber indem ich so nach Rettung um mich blickte, bemerkte ich ein Pistol neben mir über dem Bette. Sehen, fassen und spannen war eins!
»Sie ist geladen, um Gottes willen!« rief der Graf, indem er von weitem seine Hände nach mir ausstreckte, und dann schnell auf Rahmen zusprang, um ihm den Degen zu entwinden.
Er ist geschliffen, ich beschwöre dich, Rahm! sagte er zu diesem, und ward von ihm ungestüm zurückgestoßen. Aber er stellte sich von neuem zwischen uns, den Rücken nach mir gekehrt, und beyde Hände gegen Rahmen ausgebreitet. Dieser sah mit blitzendem Auge und zuckender Lippe über Wallers rechte Schulter, und über die linke schoß die Spitze seines Degens auf mich her; aber ich streckte ihm mein Pistol über die rechte Schulter des Grafen entgegen.
Da standen wir! Er stach nicht zu, und konnte nicht zustechen, ich schoß nicht, obgleich ich schießen konnte. Hatten sie doch mein Malchen noch nicht berührt! Nur _darauf_ stand Tod und Verderben.