Part 6
Unterdessen öfnete mein Vater eine Seitenthür und heraussprang -- Phylax. Ich riß mich von Marthen los und ihm entgegen. Er that ganz spröde, ging um mich herum, beschnupperte mich, und schien mich in meinem neuen Anzuge nicht zu kennen. Als ich ihn aber anredete, tanzte und hüpfte er, was er konnte, und trieb seine Höflichkeit so weit, daß er nach meinem Haarbeutel sprang und ihn um ein Haar zwischen seine großen Zähne genommen hätte.
Mein Vater verließ uns, vermuthlich, damit ich mich ein wenig erholen sollte, und weil es sich für Marthen am besten schickte, mir über das, was vorging, Auskunft zu geben. In weniger als fünf Minuten erfuhr ich nun: daß mein Vater und Mutter heute öffentlich Hochzeit machten, nachdem mein Großvater, der sich bis daher ihrer Verbindung widersetzt, gestorben sey, und meine Mutter als Meisterin ihres Willens zurückgelassen habe. Papa Ernst sey nur mein Pflegepapa gewesen, und sie (wie sie mir deutlich zu verstehen gab) meine Pflegemama. Der gnädige Herr (Malchens Papa) sey mit der ganzen Familie (Fink und den jungen Herrn ausgenommen, die den Tag vor der Abreise plötzlich krank geworden) und mit Papa und ihr in zwey Reisewagen abgeholt worden. Man sey mir schon am zweyten Tage meiner Flucht auf der Spur gewesen, habe mich aber nicht finden können, bis endlich der Gastwirth vor der Stadt meinem Vater die Nachricht gebracht hätte, daß ich mich in seinem Hause befände. Weil ich ihm und dem Bedienten aber unter den Händen entwischt sey, wäre man meinetwegen von neuem in Sorge gewesen, bis endlich mein Reisegefährte selbst gekommen wäre und meinen Aufenthalt angezeigt habe. Zur Strafe für meinen Leichtsinn, habe man mich so erschreckt, und so lange eingesperrt, u. s. w. Mein alter Wirth sey ein verrückter Kandidat der Theologie, der unter dem Namen Magister Stapps in D** bekannt sey. Mein Vater habe ihn neu gekleidet und ihm Geld gegeben, mit der Sicherung einer jährlichen Pension von funfzig Thalern. Den Bedienten, meinen Reisegefährten, habe er in seine Dienste genommen, und Phylax sey diesem aus dem Gasthofe hieher gefolgt.
Jetzt kam mein Vater und führte mich in den großen Saal zurück. Wie glücklich ich mich fühlte! Aber es dauerte lange, ehe ich mich völlig überzeugen konnte, daß diese ganze Begebenheit kein Traum sey.
Moriz.
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
_Moriz wird Page._
Ich hatte nicht lange das Glück, unter den Augen meiner Eltern erzogen zu werden. Mein Vater ging nach vier Jahren als Gesandter nach Frankreich und nahm meine Mutter mit. Mich ließen sie zurück.
Acht Tage vor ihrer Abreise kündigten sie mir an, wozu sie mich bestimmt hätten. »Du sollst ein paar Jahre Page bleiben,« sagte mein Vater, »und sodann Soldat werden. Jenes ist deiner Gemüthsart nicht ganz angemessen, das weiß ich, aber ich wünschte, deinen Hitzkopf eben dadurch zu bändigen. Nur bitte ich dich, lieber Sohn (bey diesen Worten umarmte er mich zärtlich) vertausche dein Feuer nicht mit Sklavensinn. Du wirst bald sehen, was ich damit sagen will, und dein eignes Gefühl, hoffe ich, soll dich davor bewahren. Mache mir die große Freude, dich als Mann wieder zu finden, wenn ich zurück komme!«
Was hätte ich nicht alles versprochen, an dem klopfenden Herzen eines Vaters und unter den zärtlichen Liebkosungen einer Mutter! Sie reiseten ab und ich sah der Kutsche mit herzlicher Wehmuth nach. Man gab mir Pagen-Uniform, und ich zog sie an, aber mit dem festen Entschluß, _mein Feuer nicht mit Sklavensinn zu vertauschen_. Ich hatte jetzt freylich noch keine deutliche Vorstellung von dem Verstande dieses Wortes; aber mein Vater hatte mir ja versichert, mein eigenes Gefühl würde es mir sagen, und diesen Zeitpunkt erwartete ich mit Verlangen.
Zweytes Kapitel.
_Sklavensinn._
Ich kam unter eine Gesellschaft von jungen Leuten, funfzehn an der Zahl. Wenn der Instruktor nicht zugegen war, sprangen sie auf Tische und Bänke. Jeder hatte, so lange die Lektion dauerte, seinen kleinen Plan zu irgend einem Schelmstück ausgebrütet, und so bald sie den Nacken frey hatten, ging es Kopf oben Kopf unten. Aus allen ihren Mienen und Gebährden sprach Verachtung unserer Aufseher, und doch zitterten sie, wenn einer von ihnen erschien, und Die vorher die meiste Geringschätzigkeit geäußert hatten, waren dann die geschmeidigsten und höflichsten.
Dies Betragen gefiel mir nicht. Ich machte manchen kleinen Schwärmer mit, fühlte aber nicht, daß ich meine Vorgesetzten, aus Furcht entdeckt und bestraft zu werden, verachtete. Dies hatte aber für mich die Folge, daß ich fast immer der letzte war, der sich zurückzog, wenn wir einen unbesonnenen Streich gemacht hatten, und daß man sich in solchen Fällen jedesmal an mich hielt und mich für das Volk büßen ließ.
»Auf meine Ehre!« sagten dann immer die Knaben, wenn ich die Strafe hätte leiden müssen: »Auf meine Ehre, ich erschösse den Kerl, wenn er es mir so machte!«
Für diesen Vorschlag hatte ich gar keinen Sinn, und ich begriff nicht, wie ich gegen einen Mann Tücke nähren könnte, der mich mit Fug und Recht bestraft hatte.
Es war natürlich, daß ich bey dieser Gesinnung der ganzen Gesellschaft junger, heimlicher Teufel, furchtbar werden mußte. Wenn mich einer beleidigte, so brannte im Nu die Strafe auf seinem Backen, statt daß die übrigen die Beleidigung in sich verschlossen und auf heimliche Rache dachten. Denn wenn sie sich auf der Stelle rächten, so mußten sie befürchten, daß der Geschlagene unsern Aufsehern seine Klagen vorbrächte; und dann hätten sie das große Unglück gehabt, Vorwürfe oder Strafe leiden müssen, oder wohl gar als unruhige Köpfe öffentlich entdeckt zu werden, da sie es doch heimlich seyn wollten. Lieber unterdrückten sie ihren Verdruß und bezahlten dem Beleidiger bey einer andern Gelegenheit durch die dritte Hand mit zehnfachem Wucher, und hätten Wochen und Monate darüber hingehen sollen.
Von dem allen that ich gerade das Gegentheil, aber dies hatte für mich den Schaden, daß ich bey unsern Vorgesetzten in den Ruf des unbändigsten, starrsinnigsten und streitsüchtigsten aller Pagen kam.
Diese Leute waren wenig besser, als ihre Untergebenen. Sie schienen gar nicht zu wissen, daß es Charaktere giebt, oder geben müsse, die offen und geradezu handeln; mithin hielten sie das an mir für störrische Bosheit, was helle, unversteckte Gutherzigkeit war.
Hatte einer von meinen Mitpagen einen boshaften Streich gemacht, der die schärfste Züchtigung verdiente, so hingen die übrigen an einander wie Kletten, wenn es zur Untersuchung kam. Fragte man mich aber, und ich wußte es, so gestand ich die Wahrheit, wurde aber auch der Martyrer derselben. Denn der, der von mir angegeben wurde, war unschuldig, wie die Sonne; aber _ich_ war der Thäter, _ich_ hatte ihn aus Bosheit angegeben, um die verdiente Strafe von mir auf ihn zu wälzen.
An meinen Lehrern lag es also nicht, wenn ich in kurzer Zeit nicht eben so verdorben ward, als die übrigen. Sie bothen mir, wie man sieht, hülfreiche Hände zu dieser Metamorphose.
Mein Vater hatte gesagt, ich würde fühlen, was er unter dem Worte _Sklavensinn_ verstanden hätte. Jetzt glaubte ich ihm auf der Fährte zu seyn, und dies hielt mich ab, die Gesinnung meiner Mitpagen anzunehmen.
Die tiefen Verbeugungen, die sie zu machen pflegten, gefielen mir eben so wenig. Der Tanzmeister hatte seine Noth mit mir. Er predigte und predigte, und reckte und dehnte mich, aber meine Verbeugungen hielten das Mittel, und er war in Verzweiflung, daß er keinen Anstand hineinbringen konnte. Einmal äusserte er die Vermuthung, mein Rücken müsse wohl von Eisen seyn. Sogleich setzte ich einen Stuhl mitten in den Saal, legte mich rücklings über denselben hin, und nahm in dieser Stellung ein Stück Geld mit dem Munde von der Erde auf. Als dies geschehen war, setzte ich den Stuhl stillschweigend weg und sah den bestürzten Tanzmeister an. Er zuckte die Achseln und sagte zu einem unsrer Aufseher: er hat unerhörte Geschmeidigkeit, aber will mir nicht den Gefallen thun, und sie zum Guten anwenden. Dies zog mir von neuem Vorwürfe und Drohungen zu; aber ich achtete sie nicht, weil ich meinem Vater die Freude machen wollte, mich als Mann wieder zu finden. Ich glaubte ihn nun völlig verstanden zu haben.
Drittes Kapitel.
_Moriz wird über die Achsel angesehen._
Als ich ungefähr ein halbes Jahr Page war, wurde eine neue Hofdame vorgestellt. Ich sah sie im Vorzimmer und sie würdigte mich einiger Blicke, die eine mir ganz fremde Wirkung auf mich thaten, und deren Wesen ich mir nicht erklären konnte. Sie starrte einigemal auf mich her, daß meine Blicke unwillkührlich zu Boden sanken. Ich fühlte eine Art von beklemmendem Zittern, und zugleich stieg es mir warm vom Herzen bis zur Scheitel herauf, und meine Haare krisselten auf derselben gerade so, als wenn man zu Winterszeiten den bloßen Kopf der Luft aussetzt.
Diese Empfindung war mir unerträglich. Ich wandte der Frau den Rücken zu und fühlte Verachtung gegen sie, ohne mir einen Grund davon angeben zu können.
So oft ich mich umsah, begegneten mir ihre Blicke und ich hatte jedesmal dieselbe Empfindung. Zwey andre Damen bemerkten die Aufmerksamkeit, womit sie mich ansah, und sagten ihr lachend etwas ins Ohr. »_O_,« erwiederte sie ganz laut: »_mir fällt nur seine blutrothe, bäurische Farbe auf und seine ausgestopfte Figur! Wie lange ist er Page?_«
Hu! wie mir das ans Herz schoß! Es konnte niemand gelten, als mir, denn ich war gerade der einzige Page im Vorzimmer. Aber hier konnte meine Wuth nicht ausbrechen. Nie erinnere ich mich, in so einem fürchterlichen und so völlig unerträglichen Zustande gewesen zu seyn.
Verachtung war mir von jeher die tödtlichste Beleidigung gewesen, und jetzt ward ich von einer Frau verachtet, die ich verachtete, die ich nie beleidigt hatte. Dabey sah ich keinen Weg vor mir, mich an ihr zu rächen, und mußte den Trost entbehren, der den andern Pagen bey einer solchen Gelegenheit nicht entgangen wäre. Diese hätten sich in Geduld gefaßt und ihren Verdruß mit süßen Aussichten auf eine schleichende, stille Rache niedergedrückt. Es fehlte wenig, so hätte ich ihnen diese Gemüthsart beneidet.
Man wollte die Dame gern ehren, und gab ihr einen Pagen zum Dienst. Wie froh war ich, daß es mich nicht traf!
Viertes Kapitel.
_Das Zucken in den Muskeln des rechten Armes._
Aber man denke sich meinen Unmuth, als mir der Hausmarschall den folgenden Tag ankündigte: ich sey zum Dienste der neuen Hofdame bestimmt, und müsse sogleich den Pagen Neuberg ablösen. Ich wäre lieber durch Feuer gelaufen, aber hier galt keine Widerrede. »Seyn Sie hübsch gelehrig!« sagte der Marschall zu mir, als er sich entfernte.
Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte und ging murrend auf meinen Posten. Der Page Neuberg kam mir entgegen und schien etwas gegen mich auf dem Herzen zu haben.
»Sie dreymal glücklicher Mensch!« hub er endlich mit sichtbarer Bosheit an: »Gräfin Waller hat _Sie_ ausdrücklich verlangt!«
Ich sah ihn ernsthaft an und sogleich sprang er auf einen andern Ton über.
»Ich habe den Korb, lieber Lemberg!« fuhr er fort: »Sie haben mich ausgestochen. Sie sagte zum Marschall: schicken Sie mir doch den Pagen mit den _runden_ -- ja, ich glaube, sie sagte mit den -- _runden_ Backen und dabey beschrieb sie ihm Ihre Person sehr genau -- ha, hum! -- der Marschall hatte Einwendungen und meynte -- -- Aber ich konnte nicht recht hören, was er sagte. »O,« erwiederte sie, »das hab' ich bemerkt. Er ist noch sehr -- hier entfiel mir wieder das Wort, daß sie brauchte -- aber eben darum will ich mir ein eigenes Verdienst daraus machen -- ihn -- ab -- ja, ja! ihn abzuhobeln! Seine Mutter ist meine Freundin.«
Als er das Wort _abhobeln_ aussprach, that er einen Satz, der ihn drey Schritte von mir entfernte. Es war der boshafteste, aber furchtsamste Gauch unter allen Pagen. Nun verstand ich, was der Marschall hatte sagen wollen, fühlte aber nicht, daß sich Empfindungen der Dankbarkeit gegen meine großmüthige Lehrerin in meinem Herzen regten.
»Ist der Page da?« rief die Gräfin zur Thür heraus, und ich trat mit einem kurzen: _Was befehlen Sie?_ ins Zimmer.
»Ach, der kleine Runde!«
Das Wort rund war mir unbeschreiblich verhaßt geworden, von dem Augenblicke an, wo es Neuberg mit einem bedeutenden Accent von meinen Backen brauchte.
»Sind Sie nicht ein Lemberg?«
Zu Befehl, gnädige Gräfin!
»Lange keine Briefe aus Frankreich?«
Vorgestern!
»O, Ihre Mama ist meine Herzensfreundin! Wie gefällt es ihr, wie lebt sie in Paris?«
Davon hat mein Vater nichts geschrieben!
In dem Moment sprang sie auf mich zu, nahm mich bey der Hand, zog mich rasch und ängstlich ans Fenster und rief: Lemberg, Sie sind ein Schläger, das werde ich Ihrer Mama schreiben!
Ich sah sie mit großen Augen an.
»Hier! (sie fuhr mit zwey Fingern sanft über meinen linken Backen) hier ist eine große Narbe! Mit wem haben Sie sich geschlagen?«
Narbe? Geschlagen?
»Ja, ja! Nur näher, junger Herr!«
Sie zog mich näher ans Fenster, blinzelte, strich mir noch einmal mit den zwey Fingern über den Backen, brach in ein erzwungenes Lachen aus und sagte am Ende: sie hätte einen Schatten auf meinem Backen für eine Narbe angesehen, und mich für einen Schläger -- beydes sey nicht wahr.
Wenn man sich erinnern will, was ihre Anmerkung im Vorzimmer von meinen _blutrothen, bäurischen Backen_ damals für eine Wirkung auf mich that, und wie sehr mein Verdruß durch Neubergs Aeusserung von _runden_ Backen vermehrt worden war; so wird man schließen können, mit was für einer Mine ich diese neue Bemerkung über meine Backen aufnahm. Ich hielt das alles für klaren, bittern Spott und mehr als einmal fühlte ich ein Zucken in den Muskeln des rechten Armes, das meine Hand unwillkührlich zu ballen pflegte, wenn ich meinen Beleidiger ansah. Sobald meine Mitpagen dieses Zucken bemerkten, hüteten sie sich wohl, mir zu nahe zu kommen, denn es folgte gewöhnlich ein kräftiger Faustschlag darauf.
Die Gräfin wußte dies nicht, und ein Glück für sie, daß in eben dem Augenblicke, wo ich die Fassung verlor, der Hausmarschall ins Zimmer trat.
Fünftes Kapitel.
_Ich will ihr Kammermädgen rufen!_
Ich entfernte mich und kaum war die Thür hinter mir zu, so hörte ich ein starkes Gelächter. Dies konnte vielleicht gar keinen Bezug auf mich haben, aber ich glaubte mit Händen zu greifen, daß es mir gölte. Es fuhr mir kalt durch alle Adern, das Athmen ward mir unendlich schwer, und meine Brust war wie mit starken Ketten zusammengeschnürt.
Nach einer halben Stunde entfernte sich der Marschall, und die Gräfin ließ mich rufen. Ich trat herein und fand sie nachläßig auf eine Ottomanne hingegossen. Ihre damalige Figur und Stellung werde ich nie vergessen, und ich glaube, daß mir der Anblick des Todesengels in den letzten Sekunden meines Lebens nicht widriger seyn wird.
Man denke sich eine Frau von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, von Thee, Punsch, Wein, Schocolate, von Liebe und Neid und langer Weile zusammen gedörrt; mit einer kurzen Taille und einem schmalen Körper, der in einen Reifrock eingerammelt schien; mit dünnen Armen und knöchernen Händen, die sich wie ausgesprützte Skelette ausnahmen; über Gesicht und Arme eine dünne, gelbliche Haut gezogen, unter welcher sich hier und da, matte, schlaffe Adern hervor drängten; und dazu endlich ein Gesicht, so spitzig, so eingefallen, daß man den leibhaften Tod vor sich zu sehen glaubte. Das einzige, was noch einige Funken Leben verrieth, war ihr Auge. Ein Feuer brannte darin, das ihre ganze Lebenskraft aufzusaugen und in ein paar kleine graue Sterne zusammen zu drängen schien.
Diese Figur lag auf der Ottomanne, als ich herein trat. Ich erschrack und stand wie verstürzt, als sie einen von jenen Blicken, die mir damals im Vorzimmer ein Grausen durch alle Glieder gejagt hatten, starr auf mich heftete.
Befehlen die gnädige Gräfin etwas? stotterte ich und sah auf den Boden.
»Muß man denn immer befehlen? Kommen Sie näher, Lemberg, erzählen Sie mir etwas von Ihrer Mutter.«
Ich weiß nichts!
»Nun, so erzählen Sie 'was anders. Setzen Sie sich hieher! Ihr jungen Herren habt doch sonst immer den Kopf voller Schwänke. Wie viel Mädchen haben Sie in Ihrer Schreibtafel? (sie nahm mich beym Rockschooße) Ich will sie sehen!«
Ich führe keine Schreibtafel!
»Ihre kurzen Antworten sind unausstehlich, Lemberg, ich will längere!«
Befehlen Sie sonst etwas, gnädige --
»Nichts, nichts befehle ich! Sie sollen mir 'was erzählen. Ich habe Langeweile!«
So will ich ihr Kammermädchen rufen --
Mit diesen Worten drehete ich mich schnell um und sprang zum Zimmer hinaus. Sie rief, aber ich hörte nicht, sondern sandte ihr das Kammermädchen. Es ward mir unendlich wohl ums Herz, als ich sie im Rücken hatte, aber was half die unbedeutende Frist? Wenn es ihr einfiel, mußte ich doch wiederkommen.
Sechstes Kapitel.
_Drey sonderbare Maulschellen._
Es war natürlich, daß mir mein Verdruß über diese unerträgliche Lage hundert Plane vorlegte, wie ich mich aus derselben ziehen sollte. Wäre ich dem ersten Ausbruche meines wilden Zorns gefolgt, so hätte ich die Gräfin erschossen und mich mit; oder ich hätte meinem rechten Arm den Willen gelassen, der armen Frau den Kopf eingeschlagen und mich auf flüchtigen Fuß gesetzt; oder ich hätte öffentlich erklärt, daß ich nicht länger Page bleiben wollte, wenn man mir nicht einen andern Posten gäbe.
Aber alle diese Wege hatten ihre Unbequemlichkeiten, und ich sah keinen andern vor mir, als mich eine Weile krank zu stellen, um dadurch zu bewirken, daß man der Gräfin einen andern Pagen gäbe. Aber das Betteliegen war mir lästig. Lange Weile und besonders Schaam vor mir selbst, machten mich nach drey Tagen wieder gesund. Die Gräfin hatte zwar einen andern Pagen bekommen, aber so bald es hieß, ich sey wieder hergestellt, forderte sie mich zurück. Ich ging im bittersten Unmuth zu ihr und fühlte, daß mein Abscheu die letzten drey Tage nicht abgenommen hatte.
Es war des Morgens gegen eilf Uhr, als sie mich rufen ließ. Sie lag fast in eben der Stellung auf der Ottomanne, als vor drey Tagen, und dies that eben die widrige Wirkung auf mich wie damals. Ihr platter Busen zeigte sich in seinem ganzen Lichte, und auf ihren Backenbeinen lag ein heller Karmin, der gegen ihre natürliche Farbe einen häßlichen Absatz machte.
»Sie können nicht sehr krank gewesen seyn,« hub sie an: »oder Sie haben einen guten Arzt gehabt.«
Beydes!
»Was wars denn eigentlich? Hatten Sie Kopfschmerz, Beklemmung, Unverdaulichkeit?«
Nichts von allem!
»Oder Herzbeklemmung?«
Nein!
»Hatten Sie sich nicht in Acht genommen? Viel Wein oder Punsch getrunken?«
Meines Wissens nicht!
Meine kurzen Antworten schienen sie aus aller Fassung zu bringen. Um sich dafür zu rächen, schob sie mit einer ganz gleichgültigen Bewegung und wie von ungefähr den Busenflor noch um zwey Finger breit zurück. Das machte mir wirklich Todesangst.
»Sie scheinen mir immer so mürrisch, Lemberg. Oder ist es Melancholie, Unzufriedenheit mit Ihrer Lage?«
Das letztre!
»O, sagen Sie mir, entdecken Sie sich mir! Was ich thun kann -- Ich bin es Ihrer Mutter schuldig, daß ich mich Ihrer annehme. Stehen Sie nicht so mißtrauisch von der Seite, kommen Sie her, setzen Sie sich, entdecken Sie sich mir, ich verspreche Ihnen meinen ganzen Einfluß.« --
Ich nahm ihr Anerbieten nicht an, und blieb verstockt stehen. Wenn ich minder wider sie eingenommen gewesen wäre, so hätte ich wohl sehen können, daß ihr Betragen nicht Spott war; aber sie hatte es sich selbst zuzuschreiben, daß mir ihre geringschätzige Aeusserung im Vorzimmer so gegenwärtig blieb. Genug, ihr ganzes Benehmen däuchte mir boshafter Spott, und in meinem Herzen kochte eine Wuth, die ich nicht länger zurückhalten konnte. Ich zitterte an allen Gliedern, und in meinem Gesichte brannte ein Feuer, das mir die Adern zu sprengen drohte.
Sie erklärte dieses Phänomen zu ihrem Vortheil, und jetzt sehe ich wohl, daß sie sich schwerlich so viel an ihrem Busen zu schaffen gemacht haben würde, wenn sie mir hätte ins Herz sehen können.
Plötzlich sprang sie mit einem Angstgeschrey auf und rief: eine Spinne, eine Spinne, Lemberg, ums Himmelswillen, hier! hier! Ich beschwöre Sie --
Ein schöner Anblick!
Ich will ihr Kammermädchen rufen! sagte ich mit Verdruß und Kälte, und wollte aus dem Zimmer, aber sie hielt mich.
»Nicht doch, Lemberg! Es war wohl nur Einbildung! Bleiben Sie! Sehn Sie nichts?«
Ein halber Blick auf die schreckliche Aussicht setzte mich in unbeschreibliche Verwirrung. Ich sah nicht hin, versicherte aber doch, es kröche keine Spinne an ihrem Halse.
»Aber hier -- hier kribbelts doch!«
Ich sehe nichts!
»Das ist kein Wunder, Sie sehen auf die Dielen. Gefühlloser Mensch, wie können Sie beym Schreck einer Dame so gleichgültig seyn? Kommen Sie her und bitten mirs ab, oder ich kneipe Sie in Ihre kleinen, runden Backen.«
Kaum hatte sie _Backen_ ausgesagt, so stürzte meine ganze kochende, so lange zurückgehaltene Wuth, in meinen rechten Arm, und der that seine Pflicht. Ich gab ihr eine Maulschelle, daß sie mit offenem Munde vor mir stand, und stumm und starr wie ein Pagode nickte. Aber sie hatte Geistesgegenwart -- sie gab mir zwey Schellen so rasch und hitzig zurück, daß ich die erste noch nicht fühlte, als mir die zweyte schon auf dem Backen brannte.
Da standen wir und stutzten uns an, wie zwey Hähne, die einander gewachsen sind.
Siebentes Kapitel.
_Weltklugheit und Menschenkenntniß._
So standen wir gegen einander über fünf Minuten. Alle ihre Glieder zitterten vor Bosheit und ihr Mund lachte.
»Wir sind quitt,« sagte sie endlich: »und ich bin noch mit Einer Schelle im Vortheil. Aber dafür bin ich auch nur ein armes schwaches Weib und Sie -- ein Halbgott!«
Auf einmal war nun mein Erstaunen so groß, als vorhin meine Wuth. Ich hatte vermuthet, daß sie Himmel und Hölle bewegen, die Beleidigung anzeigen und nicht eher ruhen würde, bis sie mir ewiges Gefängniß ausgewirkt hätte. Ueberraschend und unerklärbar war mir also ihr Benehmen.
»Wenn Sie zu dem ersten Schritte Mann genug waren« fuhr sie fort: »so sind Sie's auch zum zweyten -- Kein Mensch darf erfahren, was unter uns vorgefallen ist! Versprechen Sie mir das?«
Ich stand von der Seite und hatte kurzen Athem. Sie nahm mit Ungeduld meine Rechte und drückte sie mit beyden Händen.
»Versprechen Sie mir das?«
Ich machte immer noch dieselbe Pantomime. Sie schüttelte mich.
»Ob Sie mir das versprechen, Lemberg?«
Ich sah an die Decke. Meine Hitze war merklich verflogen.
Sie schlug beyde Hände vor die Brust, als wenn sie außer Athem wäre, und sank wie ohnmächtig auf den nächsten Stuhl. Ich machte Miene, aus dem Zimmer zu gehen -- plötzlich waren alle ihre Kräfte wieder da, und sie hielt mich mit einer Stärke, die ich einer Frau von ihrer Schwächlichkeit nicht zugetrauet hätte.
»Lemberg,« rief sie mit schwacher Stimme, die ihr aber große Anstrengung kostete: »Lemberg, seyn Sie nur halb so _großmüthig_ als ich!«
Dies Wort hielt mich und schlug mich beynahe zu Boden. Nur _halb_ so großmüthig, als dies -- _Weib_?
»Was wollen Sie von mir, gnädige Frau?«
Diese Frage heiterte alle ihre Mienen und Blicke auf, und sie schien alles Verdrusses, aller Unruhe zu vergessen.
Freylich muß mein Blick, nach den Bewegungen zu schließen, die ich bey den Worten, »nur halb so großmüthig« empfand, von jenem ganz verschieden gewesen seyn, mit welchem ich die rechte Hand wider sie aufhob. So weit ich mich kenne, mußte sie tiefe Beschämung und Demüthigung in demselben bemerkt haben.
Sie konnte auch von nun an mit mir machen, was sie wollte. Sie zog mich zu sich auf die Ottomane und ich blieb gelassen sitzen; sie drückte mir die Hand und ich ließ es geschehen, ohne sie wegzuziehen. Als sie mich so weit hatte, glaubte sie mich auch nach der Ursache meines wüthenden Betragens fragen zu können. Ich gestand, daß sie mich zuerst im Vorzimmer beleidigt habe; erzählte, was ich von dem Pagen Neuberg hatte hören müssen und beschrieb ihr Zug vor Zug alle die Grade, die mein innerer Verdruß durchstiegen war, um endlich zum Ausbruche zu stürzen -- und das alles mit einer feurigen Beredtsamkeit.