Part 5
Der Wirth und Bediente sprachen noch einige Worte heimlich und gingen zur Stube hinaus. Ich sprang auf und bemerkte durch ein Fenster, das auf den Hof ging, beyde auf demselben. Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich sprang zur Thür hinaus, durch das Haus auf die Straße, ging erst einige Schritte langsam und lief darauf im Sprunge davon! Vor mir sah ich Weinberge und ein Dickigt von kurzen Sandweiden, an welchen die Elbe hinströmte. Hier glaubte ich mich eine Zeitlang verkriechen zu können. Aber die Weinberge waren mit Mauern eingeschlossen, und der Boden des Sandhegers, worauf die Weiden standen, war schwammig und naß. In einen dicken Tannenwald, der mir zur Linken auf einer Anhöhe lag, wagte ich mich nicht, weil ich gehört hatte, daß es in Sachsen wilde Schweine gebe. Es blieb mir also nichts übrig, als ein schmaler Weg zwischen der Elbe und den Weinbergen. Ich verfolgte ihn, kam an ein Dorf, lief hindurch, fand eine Fähre an der Elbe, die eben im Begriff war, nach dem andern Ufer abzufahren, sprang hinein, fuhr mit hinüber, sprang wieder heraus, ohne mich um das Fährgeld zu bekümmern; von neuem ein Dorf, von neuem hindurch, und endlich sank ich hinter demselben unter einzelnen Tannen ohnmächtig nieder.
Neuntes Kapitel.
_Hypochondrie._
Ich hatte kaum fünf Minuten unter den Bäumen gesessen, als ich ein Geräusch neben mir hörte. Ich blickte auf, und vor mir stand ein Mann, der mich mit stieren Blicken unverwandt ansahe. Sein Kopf hing weit über den Rumpf heraus, und überhaupt beschrieb seine ganze Figur ein =S=. Ein kleines, dreyspitziges Hütchen deckte die halbe Scheitel und die ganze Stirn, und ruhete auf einer Nase, die über den Mund herüberhing. Sein Kinn saß sehr hoch und berührte die äusserste Spitze der Nase. Ein rundes Stutzperückchen stand eine gute Hand breit vom Nacken ab und rundherum sah ein dünnes greises Haar hervor. Ein gelbblasses eingefallenes Gesicht, auf welchem eine tiefe Falte an der andern lag, bewies, daß Alter und Krankheit seine Gesundheit untergraben hatten. Er trug einen kahlen schwarzen Rock, der ihm bis in die Kniekehlen reichte und von oben bis unten fest zugeknöpft war. Seine Kniescheiben schienen durch Gicht oder Abzehrung unbeweglich geworden zu seyn, denn Schenkel und Füße beschrieben so ziemlich einen Triangel.
»Wes Landes?« hub er an.
Ich wußte nicht, was ich antworten sollte.
»Aus Judäa, oder aus Samaria?« fuhr er fort.
Ich sah ihn mit großen Augen an und sein starrer Blick machte mir allmählig Angst. Auf einmal schien es, als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte. Seine Miene heiterte sich etwas auf; er nahm mich bey der Hand und fragte mich mit einer sanften Stimme: »Kind, du fürchtest dich vor mir? Ich bin ein armer elender Mann, ich thue dir nichts. Ach! ich kann dir nichts thun! Sieh hier diese dürre verwelkte Hand; sie kann kaum dies leichte Stöckchen heben. Befürchte nichts, Kind! Nein, du hast nichts zu befürchten!«
Mit diesen Worten setzte er sich zu mir und nahm mich von neuem sanft bey der Hand.
»Ich bin sehr lange krank gewesen, liebes Kind,« fuhr er fort, »heute bin ich zum erstenmal wieder ausgegangen. Ich habe an der Hypochondrie laborirt. Ein schreckliches Malum, mein Kind, ein sehr schreckliches Malum! Kennst du es?«
Ich sah ihn befremdet an, und schüttelte den Kopf.
»Du kennst es nicht? (fuhr er wie in Hitze fort) Wenn du still und trübsinnig, mit krummen Rücken und mit zur Erde geschlagenem Blick, über Stock und Stein, durch Sümpfe, Moore und Bäche, durch Sandpfützen und Wälder hinschleichst; mit jedem altem Weibe, das dir begegnet, zusammen läufst; wenn sie zur rechten ausweicht, rechts springst; wenn sie zur linken ausweicht, links springst; und wieder rechts und wieder links und dich abarbeitest, um ihr nicht vor den Kopf zu rennen; wenn mitten unter diesem Bestreben, von ihr loszukommen, dem alten Weibe plötzlich ein spitziger Schnabel ans Maul wächst, womit sie dir in die Brust pickt, die Haut abschält und endlich zwischen die obern Rippen hindurchfährt und dir am Herzen zu nagen anfängt; wenn dirs dann grün und gelb und feuerfarb und himmelblau und rabenschwarz vor Augen wird; wenn sich alle diese Farben zusammen mischen und in Kugeln, oder Schlangengewinden, oder Meereswogen vor deinem Auge umherrollen; wenn es dicke Nacht in allen deinen Sinnen wird; Gewitterwolken sich über dein Haupt zusammen ziehen und Sturm tobt, und tausend Donner brüllen, und Blitz auf Blitz dir zischend durch das Gehirn fährt; wenn mitten in diesem schrecklichen Gewirr eine eherne, glühende Pfanne aus dem Boden heraufsteigt, Teufelslarven, Schlangen, Löwen und Riesen um sie her tanzen, Feuer anlegen und es anschüren, daß die Lohe himmelan sprüht; wenn dich dann eine der schrecklichsten Gestalten beym linken Fuß packt, und dich in die glühende Pfanne schleudert, daß das siedende Oel rauschend, zischend und raschelnd über dich zusammen schlägt und aufschäumt; wenn du in dem Augenblicke, da du glaubst, daß sich Feuerströme in deine innersten Fibern hineinfressen werden, urplötzlich auf eine blühende Wiese entrückt wirst, wo Nachtigallen dein Ohr letzen; wo Wohlgerüche und kühlende Balsamdüfte eine herzerhebende Linderung durch dein ganzes Wesen gießen; wo Mädchen in Engelsgestalt, in weissem luftigen Gewande vor deinem trunknen Blick einher schweben; wenn du rasch aufspringst, voll Sehnsucht, eine dieser Huldgöttinnen zu umarmen; wenn sie flieht, du sie einholst, sie fest umschlossen hältst, deinen Mund fest auf den ihrigen drückst; wenn dein Herz an ihrem Busen pocht; wenn du mit matten, in Liebe schwimmendem Auge aufblickst, um das Mädchen zu sehen, das Himmel und Erde vor deinem Blicke schwinden machte -- und plötzlich eine ungeheure von Gift geschwollene schuppigte Schlange, statt ihrer, fest in die Arme schließest, die ihren schrecklichen Rachen aufreißt und Pesthauch auf dich her bläst -- wenn du solche Erscheinungen hast, dann bist du hypochondrisch!«
Er schwieg und holte Athem.
Es war eine schreckliche Schilderung, die das Feuer und der bald bebende, bald rauschende, bald ängstliche und weinerliche Ton und das lebhafte Gebährdenspiel, womit er sie hersagte, mir im äußersten Grade fürchterlich machte.
Jetzt bin ich von diesem Uebel befreyt, setzte er hinzu, und, wie ich hoffe, auf immer. Ich muß mir nur fleißig Bewegung machen, und oft in Gesellschaft gehen. Das ist das beste Mittel darwider!
Ich erholte mich nach und nach von meiner Aengstlichkeit und sprach einige Worte mit ihm. Er ließ auch am Ende sein Lieblingsthema, seine Krankheitsgeschichte fahren, fragte nach meinen Eltern, wie ich hiehergekommen etc. etc. und da ich Zurückhaltung bey ihm nicht nöthig zu haben glaubte, oder weil einem Offenherzigkeit in der Jugend so natürlich ist, so entdeckte ich ihm alles, und schloß mit dem Wunsche: wenn ich nur wüßte, wo ich diese Nacht bleiben sollte!
Du gehst mit mir! sagte er, und wollte aufstehen, fiel aber kraftlos zurück. Ich sprang auf und half ihm auf die Füße. Wir setzten uns in Bewegung, aber mir war immer, als ob ich etwas vergessen hätte. Ich sah mich um, und wie ward mir! mein Phylax war nicht da. Ohne meinem Begleiter ein Wort zu sagen, ohne selbst eine lebhafte Idee zu haben von dem, was ich thun oder lassen sollte, um meinen Hund zu finden, flog ich davon. Alle funfzig Schritte stand ich still und rief Phylax! und wenn er dann nicht erschien, so lief ich unter Geschrey der Ungeduld weiter. Endlich fiel mir ein, daß er im Gasthofe zurückgeblieben seyn müsse. Nun stutzte ich und ging bald vor- bald rückwärts, bis ich mich endlich, aber mit unsäglicher Mühe und Beklemmung entschloß, Phylaxen zu lassen, wo er wäre, und mich nicht der Gefahr einer Auslieferung auszusetzen. Ueberdies hatte ich das festeste Vertrauen auf seine Spürkunst, und überzeugte mich endlich, weil ich mußte und es wünschte, daß er mich ganz gewiß wiederfinden würde.
Der Alte erwartete mich und fragte nach der Ursach meines plötzlichen Entlaufens. Der besorgliche Mann hatte geglaubt, seine Gesichtsbildung sey mir auf einmal so fürchterlich geworden, und ob ich ihm gleich meinen Verlust sehr deutlich erklärte, fragte er mich in der Folge doch noch einigemal: ob er denn etwas fürchterliches im Gesichte habe?
Wir kamen an das Ufer der Elbe, und als wir ein paar hundert Schritt an demselben hingegangen waren, ward mein Begleiter auf einmal unruhig.
»Nicht wahr, Kind,« hub er an, und sah starr in den Strom: »man hat Beyspiele, daß reißende Ströme plötzlich angeschwollen sind, und Land und Leute verschlungen haben?«
Ich hatte nichts davon gehört.
»Ja, Kind,« fuhr er mit zunehmender Bangigkeit fort: »es ist dir sehr oft geschehen! Es kömmt von Wolkenbrüchen, mein Sohn, von starken Wolkenbrüchen! (er sah starr gen Himmel) Sieh einmal die Wolke, Kind! Eine dicke, schwarze Wolke, so schwer, so langsam zieht sie da herauf! Wenn nur nicht -- (er beschleunigte seine Schritte) Kind, siehst du nicht die schwarze, dicke Wolke da? -- Sie enthält lauter Wasser, lauter Wasser!«
Es war ein kleines, unbedeutendes Wölkchen, weder schwarz, noch schwer, noch dicke.
»Hörst du es nicht rauschen?« fuhr er fort, und sah sich angstvoll nach der Elbe um: »Sie tritt über -- sie bricht aus -- lauf, lauf, lauf!«
Und mit den Worten fing er an zu laufen, als ob ihm der Strom schon auf den Fersen wäre. Rette dich! rette dich! rief er eines Rufens, und lief dabey, nach seiner Art, vogelschnell feldein. Ich nahm mir mehr Zeit, denn die Elbe blieb, wo sie war. Ob er sich gleich nicht umsah, versicherte er mir doch immerfort, der Strom wäre uns sehr nahe. Ich sprach aus allen Kräften dagegen, aber er lief immer schneller, und als ich sah, daß mit Vorstellungen nichts auszurichten war, lief ich zur Gesellschaft mit.
Ich weiß nicht, wo der schwächliche Mann die Kräfte dazu hernahm. Er ließ nicht eher nach, als bis wir an die P** Vorstadt kamen. Hier setzte er sich ohnmächtig auf einen Eckstein nieder und sagte: wenn wir nicht so ausserordentlich gelaufen wären, hätte uns der reißende Strom verschlungen. Ich konnte nicht umhin, über den sonderbaren alten Mann zu lächeln.
Zehntes Kapitel.
_Trost des Evangeliums._
Er ging mit mir durch lauter entlegene Straßen, die fast immer an der Stadtmauer fortführten, und schien den Anblick der Menschen eben so sehr zu fliehen, als ich: und das war mir recht, denn ich war in großer Besorgniß, der Legationsrath möchte mir begegnen. Wir kamen endlich an ein gewölbtes finstres Thor, das auf eine Brücke führte. Ueber diese gingen wir und geriethen in eine schmale, dunkle Gasse; am Ende derselben stand ein altes, baufälliges Haus, in welches er mich führte. Es fuhr mir eine Art von Schauder durch alle Glieder, doch beruhigte mich der Gedanke etwas, daß hieher wohl schwerlich Nachsetzer kommen würden. Wir stiegen im Hofe eine verfallene Treppe hinan und krochen durch eine niedrige Thür, in eine enge räuchrige Stube, die an Möbeln nichts, als ein Pult, einen uralten Lehnstuhl und zwey kleinere Rohrstühle, die durchgesessen und wackligt waren, aufzuweisen hatte. Er setzte sich nieder und fing noch einmal von dem Wolkenbruche und dem dadurch verursachten Austreten der Elbe an. Mich ließ er wenig zu Worte kommen, als ich ihm noch einmal versichern wollte, sein Schrecken sey ungegründet gewesen.
Es fing an, mich sehr zu hungern, und doch sah ich nicht, daß er Anstalt machte, mir etwas anzubieten. Endlich sagt' ich ihm dreist heraus, woran ich litte. Sogleich griff er in seine Tasche und holte unter einer Menge Brodkrümchen zwey Dreyer heraus. »An dem Thore, wo wir hereingekommen sind,« sagte er, »wohnt ein Bäcker, geh und hole für dies Geld!«
Ich sprang fort, fand das Thor glücklich wieder und den Bäcker an demselben. Ich nahm Semmel für mein Geld, und war schon wieder auf dem Wege zu meinem alten Wirth, als mich jemand von hinten bey der Schulter faßte. Ich sah mich unter Schrecken und Zagen um, und erblickte -- meinen Reisegefährten. Er wunderte sich nicht weniger als ich, daß wir uns in diesem entlegenen Theile der Stadt wiederfanden. Ich erzählte ihm, daß mich der Legationsrath verfolgen ließe, daß ich aber ein sicheres Versteck bey einem alten wunderbaren Manne gefunden habe. Er war begierig, den Mann und seine Wohnung zu sehen, und ich nahm ihn mit. Unterwegs erzählte er mir, daß er bey dem Amtmann der F** Stadt gewesen, und sich einen Logiszettel geholt habe, damit wolle er zu dem Wirthshause zurückgehen, aus welchem ich entlaufen sey. Er kam nicht weiter, als an das Haus, wo mein Alter wohnte, und nahm plötzlich Abschied. »Es sey genug,« sagte er, »daß er wisse, wo ich mich befände, er würde eher wieder da seyn, als ichs vermuthete!« -- Ich band ihm noch meinen Phylax aufs Gewissen und bat ihn, mir denselben den folgenden Morgen zu bringen. Er versprach es, und ging mit einer bedenklichen Mine fort, die mir mehr hätte auffallen sollen.
Als ich zu meinem Alten in die Stube trat, reichte er mir die Bibel. »Lies mir dies Evangelium,« sagte er, »zu meiner Beruhigung und Trost!« Ich sah ihn befremdet an und biß in meine Semmel, um anzudeuten, daß mich hungere. Aber er verstand mich nicht, er nahm mir aus der einen Hand die Semmel und legte sie neben mir hin, und in die andre steckte er mir die Bibel. Ich las, indem ich von Zeit zu Zeit, wenn er weg sah, in die Semmel biß und sie behutsam wieder hinlegte: _Lasset die Kindlein zu mir kommen_ etc. etc. etc.
Alle Züge des alten Mannes wurden lebendig und heiter. Siehst du, Kind, rief er schluchzend, in dem Evangelio steckt ein Trost, auf welchen sichs besser schläft, als auf gewonnene Schlachten. Daß ich dich mitgenommen habe, daß ich dir Essen und Nachtlager gebe, diese uneigennützige Bereitwilligkeit, dir zu dienen, verschafft mir den süssen Trost, der in dem Evangelio allen denen versprochen wird, die Kinder lieb haben. Und nun schlaf wohl! Ich mag nicht essen, nicht trinken. Ich will die himmlischen Empfindungen, die mich jetzt beseelen, nicht unterbrechen. Schlaf wohl!
Bey diesen Worten öffnete er eine Seitenthür, die in eine finstre Kammer führte, warf sich in vollem Zeuge aufs Bette und schnarchte bald darauf von ganzem Herzen.
Nun war ich allein und meinen Betrachtungen überlassen. Diese peinigten mich nicht sehr, denn meine Semmel beschäftigte mich ziemlich lange; und sobald diese gegessen war, fand sich die Schläfrigkeit ein, welche die Verdauung ankündigt, und hielt alle traurige oder fürchterliche Vorstellungen so gut von mir ab, daß ich nach einigen Minuten auf dem Lehnstuhle meines Wirthes ruhig einschlief.
Eilftes Kapitel.
_Wie man nach der Bastille abgeholt wurde._
Plötzlich schreckte mich ein starkes Poltern auf, und in meiner Schlaftrunkenheit kam es mir vor, als ob das ganze Haus über mich zusammen stürzte. Die Finsterniß vermehrte mein Schrecken. Eben war ich im Begriffe, meinen alten Wirth zu rufen, als meine Angst in Todesfurcht überging: denn es traten drey Männer, in große blaue Mäntel verhüllt, deren einer eine Laterne trug, stillschweigend in die Stube und schritten auf mich zu; der eine nahm mich bey den Schultern, der andre bey den Füßen, und so schleppten sie mich die Treppe hinunter, alles, ohne einen Laut von sich zu geben. Ich wollte schreyen und konnte nicht. Erst unten auf dem Hofe bekam ich Kräfte, aus voller Kehle einen Schrey zu thun. Sogleich hörte ich des Alten Stimme. Ich bat ihn, mir zu helfen, mich zu retten, man wollte mich umbringen! Aber die drey furchtbaren Männer ließen sich durch mein Geschrey nicht irre machen. Sie trugen mich durch das Haus, und als Wirth und Wirthin erschienen, um zu sehen, was es gäbe, sagte ihnen der Mann mit der Laterne einige Worte, worauf sie sich beruhigten und in ihre Stube zurückgingen.
Man legte mich in eine Kutsche, die um und um zugemacht war. Die beyden großen Männer setzten sich, dicht in ihre Mäntel gehüllt, zu mir, und sagten zu dem mit der Laterne, wenn der Alte käme, sollt' er ihn zurückhalten. Und nun ging es fort!
Ich saß in stummer Betäubung zwischen ihnen, und wenn ich unter Zittern und Beben fragte: was ich begangen hätte? und, wohin sie mich denn brächten? riefen sie: _Halt's Maul!_ oder: _wie die Arbeit, so der Lohn!_
Alle Schrecken, die ich von dem Augenblick an, wo mir Malchens Mama die Schelle gab, bis zu den fürchterlichen Begebenheiten auf dem Heuboden und im Wirthshause, empfunden hatte, waren nichts gegen diesen. Ich erbebte durch alle Glieder und schnappte schluchsend nach Luft.
Endlich hielt der Wagen still und man trug mich heraus, wie man mich hinein getragen hatte. Eine alte Frau öfnete eine Seitenthür. Man legte mich auf ein Bette und einer der Blaumäntel sagte mit einer fürchterlichen Baßstimme zu mir: _Morgen siehst du mich wieder!_ Darauf verschlossen sie die Thür und ließen mich allein.
Bald wollte ich schreyen, daß die halbe Stadt mich hörte, bald aufspringen und mit Händen und Füßen an die Thüre donnern; aber zu beydem fehlte mir Kraft und Muth. Besorgniß und Angst nahmen ihre alte Stelle wieder ein und brachen sich in einen Thränenguß, der rund umher, wo mein Kopf lag, das Bette benetzte. Doch erlagen sie bald nachher einem Schlafe, der zwar von fürchterlichen Träumen unterbrochen ward, aber doch bis gegen Morgen dauerte.
Bald nach meinem Erwachen erschien der Blaumantel, setzte Thee und Semmel hin, ging wieder, ohne ein Wort zu reden, und schloß die Thür hinter sich zu. Ich hoffte jeden Augenblick, daß man die Fensterladen öffnen sollte; aber vergebens. Ich trank meinen Thee, und ließ große Thränen in die Schaale tröpfeln. Endlich ging meine Furcht in starre Hartherzigkeit über, die alles, sey es auch das Aergste, was man über mich verhängen würde, ausdauren wollte.
Nach ein paar Stunden erschien der Blaumantel wieder, und brachte noch einen Mann mit. Dieser sollte mir das Maas zu Rock, Weste und Beinkleider nehmen, meynte aber: bey der Finsterniß könne er nicht sehen. »Seht, wie Ihrs macht,« sagte der Blaumantel zu ihm, »so ein Bösewicht muß weder Tages- noch Talglicht sehen!« Sie lachten über dieses witzige Wortspiel von ganzem Herzen, aber mir war es nicht möglich. Doch weiß ich nicht, wie es kam, meine Bangigkeit nahm dadurch um einen großen Theil ab.
Der Schneider versicherte noch einmal, daß er im Finstern nicht sehen könne, und nun lief der Blaumantel und holte Licht. Jetzt riß sich wiederum ein großes Stück Furcht von meinem Herzen los, denn ich sah mich in einem Zimmer, das mit Tapeten ausgeschlagen, und mit großen Spiegeln und mit prächtig eingefaßten Gemälden geziert war. Nun that das gar keine Wirkung, was sie von der neuesten Mode im Zuchthause zu W** sprachen, und von dem harten Willkommen, der daselbst den Züchtlingen gegeben würde; denn ich konnte an den Fingern abzählen, daß man einen Züchtling nicht in ein so prächtiges Zimmer sperren und mit Thee und köstlicher Mundsemmel bewirthen würde.
Als der Schneider fertig war, ging er mit dem Kerkermeister fort und versprach in wenig Tagen des Züchtlings Kleider zu liefern, die eine Seite grau, die andere gelb, wie sie im Zuchthause zu W** Mode wären. Wenn mir diese letzte Aeusserung hätte Furcht machen können, so wäre sie fünf Minuten darauf völlig erstickt worden; denn der Blaumantel brachte mir ein Mittagsessen von solcher Schmackhaftigkeit, daß ich glaubte, es sey aus Marthens Küche gestohlen. Es war eines meiner Lieblingsgerichte.
Den Abend geschah ein Gleiches. Ich schlief viel ruhiger, als die vorige Nacht, und der Thee schmeckte mir den folgenden Morgen auch weit besser, als Tages vorher. Eben so das Mittag- und Abend-Essen. Ich vergaß, daß ich ein Gefangener war und in der Finsterniß leben mußte, und bemengte mich endlich auch nicht mehr mit überschrecklichen Vermuthungen über das, was mir bevorstand.
Am dritten Abend öfnete sich die Thür --
Zwölftes Kapitel.
_Aufklärung._
Und es trat herein der Schneider, im Gefolge des Blaumantels, der ein Licht trug. Jener warf sein Bündel auf den Tisch, nahm mich herzu, und zog mich bis aufs Hemde aus. Ich zitterte in banger Erwartung. Er probirte mir Rock, Weste und Beinkleider an, fand sie nach seinem Geschmacke, zierlich geschnitten und fein gearbeitet, wünschte mir Glück dazu und ging ab.
Ihm folgte ein Bedienter, der mich wieder auszog, mir einen Pudermantel überhing, frisirte und puderte, ein weißes Hemde, seidene Strümpfe, neue Schuhe (die ein wenig zu weit waren) mir anzog, einen Federhut aufsetzte, und das neue Kleid wieder anziehen half.
Ich staunte und stutzte mich an, aber er ließ mir nicht Zeit, meiner Verwunderung nachzuhängen, sondern nahm mich bey der Hand, führte mich eine Treppe hinan, hustete -- plötzlich flog eine Doppelthür auf, und ich stand in einem großen, prächtig erleuchtetem Saale, in dessen Hintergrunde ich ein Gewimmel von Herren und Damen sahe, die alle ihre Blicke auf mich richteten.
Ich stand wie versteinert. Es war mir als sähe ich in einen Guckkasten. Ich wußte nicht, ob ich stehen bleiben, oder vorrücken, ob ich lachen oder weinen sollte.
»Tritt näher, gottloser Schelm!« rief eine Stimme, und wer konnt' es anders seyn als Papa? Ich trat näher, und er kam mir entgegen. -- Bester Papa, rief ich schluchsend und nahm seine Hand -- »Ich bin dein Papa _gewesen_!« unterbrach er mich und führte mich zu einem Herrn, der mit einer Dame auf der Seite stand und mir den Rücken zukehrte. Er drehete sich um -- und es war der Legationsrath. -- »Mein Sohn!« rief er -- »Mein bester Sohn! komm an meine Brust!« -- Er schloß mich zärtlich in seine Arme. Ich weinte laut. -- »Moriz,« rief eine weibliche Stimme von der andern Seite: »Mein guter Sohn!« -- Die Dame umschloß mich, hob mich auf und drückte mich an ihre Brust. Papa Ernst gab sich alle Mühe, zu lachen, aber er konnte vor Thränen nicht dazu kommen. »Ich bin dein Papa gewesen,« sagte er: »hier (auf den Legationsrath zeigend) das ist dein Papa, und hier (er winkte auf die Dame) das ist deine Mama!« -- »Und ihr hast du es zu danken,« sagte mein Vater, »daß du drey Tage früher aus deinem Gefängniß bist erlös't worden!« -- Ich wollte ihr die Hand küssen, aber sie zog mich sanft zu sich und drückte mich an ihr Herz. »Moriz,« sagte Papa Ernst, und hob die rechte Hand auf, »einem solchen Vater und einer solchen Mutter hast du entlaufen wollen!«
Ich war ausser mir vor Angst und Freude. Die Umstehenden lächelten gerührt.
Erhole dich, Kind, sagte meine Mutter, und führte mich zu einer Seitenthür: wir wollen ein wenig abtreten, du sollst mir erzählen, wie es dir auf deiner Reise ergangen ist.
Sie öfnete die Thür.
»Da ist er, da ist er!« rief ein Mädchen und hüpfte mir entgegen. Ich sah sie an, und siehe da, Fräulein Louise! »Du reisender Handwerkspursche!« rief sie und riß mich in die Mitte des Zimmers. Ihre Eltern kamen herzu und umarmten mich. Der Oberste besonders drückte mich an seine Brust mit einer Kraft, daß mir der Rest von Athem hätte ausbleiben mögen, den ich bey allen den frohen und unerwarteten Erscheinungen noch übrig behalten hatte. Malchen stand von ferne am Fenster und malte auf den Scheiben. »Nun, Malchen,« rief ihr Vater, »willst du nicht näher?« -- Sie kam ganz langsam herbey, und als ich sie bey der Hand nahm, sah sie nach Osten und ich nach Westen. »Freut ihr euch nicht?« sagte der alte Lehmniz. Ich weinte mit Malchen in die Wette.
»Ach, habt euch nicht so närrisch, Kinder!« sagte der Oberste: »Pfui, Springinsfeld, wer wollte weinen! Das schickt sich nicht für einen Kerl, wie du bist!« Mit den Worten schob er uns in den großen Saal zurück. Mein Vater kam mir entgegen und sagte: du hast nun alle alte Bekannte gesehen, nun muß ich dir noch zwey vorstellen. Er führte mich in die Küche, und Martha trat mir entgegen. Sie konnte vor Schluchsen kaum reden, umarmte und küßte mich und stotterte die Versicherung dabey, dies sey der erste und letzte Kuß, den sie nach Absterben ihres ewiggeliebten letzten Bräutigams einer Mannsperson gegeben habe.