Moriz: ein kleiner Roman

Part 4

Chapter 43,953 wordsPublic domain

_Findet er nun ein Obdach?_

Ich wußte nicht, ob ich weinen, oder mich erboßen sollte. Bald trocknete ich mir die Thränen ab, bald bückte ich mich, mit festaufeinandergebissenen Zähnen, und suchte Steine, um dem Barbaren die Fenster einzuwerfen. Aber allmählig legten sich Wehmuth und Ungestüm, und der Gedanke: was ich nun beginnen, wohin ich mich wenden, und wo ich Nachtlager und Brot hernehmen sollte? drückte eins wie das andre, völlig nieder.

Als ich einige Schritte in tiefen Gedanken fortgegangen war, begegnete mir ein Mann. Ich faßte Muth und bat ihn, mich mit nach Hause zu nehmen, ich wüßte nicht, wo ich über Nacht bleiben sollte; aber er entschuldigte sich damit, daß er selbst nur ein Knecht sey, nichts Eignes besitze, und selbst im Pferdestalle schlafen müsse. »Ich will ja auch gern im Pferdestall schlafen,« rief ich, und hängte mich ängstlich an seinen Arm, um seinen raschen Schritt aufzuhalten: »Nehm' Er mich nur mit!« -- Junge! erwiederte er halb unwillig: Ich kann Dich nicht mitnehmen! Wer weiß denn, was an Dir ist? Da (indem er auf ein dabeystehendes Haus zeigte) da ist die Schenke. Geh!

Ich ließ ihn langsam los und ging unter bittern Thränen auf das Haus zu. Ein Mann stand in der Thür und sah mich freundlich an; aber ich konnte vor Schluchzen mein Anliegen nicht herausbringen.

»Was weinst Du, Kind?« sagte der Mann, indem er sich zu mir herunter bückte und mir die Hand von den Augen nahm: »Wo kömmst Du her? Wem gehörst Du an?«

Ich konnte noch nicht reden. Er nahm mich bey der Hand und führte mich in die Stube.

»Nu, was bringt er da 'mal wieder geschleppt?« fing eine Weibsperson an, die in einer Ecke am Tische saß und bey einer düstern Lampe Strümpfe ausbesserte: »Und das große L** von Hund? Willst du 'naus!«

Frau, sagte der gütige Mann, der Hund gehört dem kleinen Jungen hier!

»Ey was! Ich will von dem Jungen und seinem Hunde nichts wissen! Fort aus dem Hause, alle beyde!«

Sag' mir nur, wo das arme Kind über Nacht bleiben soll? Denk' doch christlich!

»Christlich? Christlich? (Sie trat, beyde Arme in die Seite gestämmt, vor ihn, sprang darauf fort und suchte nach Knittel und Peitsche.) Ist das christlich, wenn ich mir selbst im Lichte steh, und solch Gesindel beherberge, wie der lumpigte Bediente vorhin, und füttre sie, und noch obendrein Hunde? Warte, großes L**, wenn ich nur erst die Peitsche habe, ich will dich und deinen« --

Sie fand einen Dornknittel und ging auf Phylaxen los. Als dieser sah, daß es ihr Ernst war, sprang er auf (er hatte sichs, so wie er herein kam, bequem gemacht, und mitten in der Stube alle Viere von sich gestreckt) und wies ihr mit schrecklichem Knurren die Zähne. Sie prallte erschrocken, und vor Zorn ausser Athem, zurück.

»Du E -- du E--sel, hab' ich dich darum aus dem Stall gezogen, gekleidet und geschuhet, daß du große Hunde auf mich hetzest, und liederliche Bengel herbringst, die ihren Eltern entlaufen sind.«

Frau, sagte der Mann gelassen und setzte sie sanft auf einen Schemmel: du bist ausser dir! Erhole dich! Laß uns nur erst hören, wie das Kind hieher kömmt und wem es angehört. Er ist nicht von schlechten Eltern. Sieh 'mal die weiße Haut --

»Ich mag nichts sehen!« rief sie und drehete das Gesicht rasch nach dem Ofen.

Während dieses Wortwechsels stand ich stumm und zitternd da und fing endlich an zu beichten. Daß ich dem Papa entlaufen sey, sagte ich nicht, daß mich aber der Mann, dessen Tochter Karoline hieße (so beschrieb ich ihm jenen unfreundlichen Mann) zur Thür hinausgeworfen, und mit Hunden vom Hofe gehetzt habe, das gestand ich, um sie zum Mitleid zu bewegen.

Aber kaum hörte das Weib diesen letzten Umstand, so sprang sie wüthender als vorher auf, warf alles um und um, und wollte ihrem Manne zu Leibe.

Wie ich hörte, so hatte sie die Schenke von Karolinens Vater in Pacht, und fürchtete, er möchte sie verjagen, wenn er erführe, daß sie mich beherbergt hätte. Sie rechnete ihrem Manne alles vor, was Jener für sie gethan hätte, und drang hiermit und mit wiederholten Drohungen, sich morgen des Tages von ihm scheiden zu lassen, so lange und nachdrücklich in ihn, bis er mich bey der Hand nahm und zum Hause hinaus führte.

»Sey nur still, Kleiner!« sagte er, als ich laut zu weinen anfing: »Du sollst doch über Nacht hier schlafen. Halt dich nur so lange in der Nähe auf, bis sie zu Bette ist, da will ich dich holen!«

Ich ging um das Haus herum und setzte mich unter bittern Thränen hinter einem Zaune nieder. Nach einer halben Stunde ungefähr kam er zurück, nahm mich bey der Hand und führte mich durch eine Hinterthür über den Hof auf seinen Heuboden. Hier verließ er mich, und brachte mir nicht lange nachher ein Butterbrot und ein Kopfküssen, doch mit dem Bescheid, daß ich mich morgen in aller Frühe, wenn seine Frau noch schliefe, auf den Weg machen müßte.

Fünftes Kapitel.

_Schrecken und Graus._

Unter Seufzen und Stöhnen fing ich an mein Butterbrot zu bearbeiten. Phylax bekam nichts davon, weil er Braten gegessen hatte. Je länger ich aß, desto weiter flohen von mir Besorgniß und Furcht, und als ich es rein aufgezehrt hatte (es war nicht klein) wickelte ich mich in mein Küssen, um einzuschlafen.

Auf einmal hörte ich nicht weit von mir ein starkes, zischendes Athemholen. Ich fuhr erschrocken zusammen, erholte mich aber bald wieder, weil ich wußte, daß die Eulen zur Nachtzeit auf Heuböden und in Scheunen auf Raub ausgehen, und öfters darüber einzuschlafen pflegen. Eben wollte ich mich fester in mein Küssen vergraben, und auf nichts mehr horchen und hören, als ich eine Stimme vernahm, halb laut, halb leise, halb ängstlich. Ich horchte, obgleich ich nicht horchen wollte.

_Halsabschneiden_ -- flüsterte diese schreckliche Stimme -- _Halsumdrehen!_ -- _Pack ihn! Pack ihn!_ fügte sie etwas stärker hinzu. _Messer her! Mein Messer her!_ rief sie laut und vernehmlich.

Ich fuhr auf, durch und durch in Todesschweiß gebadet. Angstvoll und bebend sah ich mich nach der Thür um, und als ich vor mir ein lichteres Fleckchen bemerkte, sprang ich auf und wollte dahin.

Indem ich forttappte, raschelte es vor mir im Heu, und Phylax stand neben mir und schnupperte. Ich wußte nicht, ob ich vorwärts gehen, oder umkehren sollte. Endlich faßte ich Muth und wollte zur Thür. Ich streckte meinen Fuß aus, trat behutsam zu und fühlte, daß ich nicht auf Heu träte. Die Angst ließ mich nicht untersuchen, was es war, und als ich fester auftrat, um den linken Fuß nachzuholen -- _Jesus! was ist das?_ schrye eine menschliche Stimme, und in dem Augenblick stolperte und fiel ich. Dabey stämmten sich zwey Hände gegen meine Brust und stießen mich gewaltsam von sich.

_Halsabschneiden_, _pack' ihn_ und _Messer her_! Diese drey fürchterlichen Ideen raubten mir Sinne und Bewußtseyn. Aber in eben dem Augenblicke rief die Stimme: _Gnade! Gnade!_ und ich kam wieder soweit zu mir selbst, daß ich bemerkte, wie sich Phylax mit dem vermeynten Mörder herumbalgte. Nun stellte sich ein nothgedrungener Muth bey mir ein, ich drückte die Augen fest zu und rief herzhaft: _Wer da?_ -- »_Gnade, Barmherzigkeit!_« rief die Stimme von neuem: »_Der Hund zerreißt mich!_« Ich lockte meinen Phylax, und er kam aufs Wort zu mir. Nun beschloß ich, den Mörder förmlich zu vernehmen, um zu sehen, ob gütlich mit ihm auszukommen sey, wo nicht, so war Phylax immer noch da!

Es kam etwas auf allen Vieren näher gekrochen und bat nur immer, den großen Hund nicht loszulassen. Nach und nach richtete es sich auf. Des Mörders demüthige Stimme machte mir Muth, und auch er erholte sich, als er hörte, daß ich Phylaxen von Zeit zu Zeit das Murren verboth.

Allmählig öfneten wir uns wechselsweise das Verständniß. Es war ein herrenloser Bedienter, der kurz vor mir auf den Heuboden gekrochen war, und sich niedergelegt hatte. Was er von _Halsabschneiden_ und _Messern_ gesprochen hatte, war nicht sein Ernst, sondern ein fürchterlicher Traum gewesen. Ich faßte ein großes Vertrauen zu ihm (welches er wohl hauptsächlich meiner Freude zuzuschreiben hatte, daß er kein Mörder war) und erzählte ihm meine Geschichte der Länge nach. Anfangs rieth er mir, zu meinem Papa umzukehren; als er aber meinen Widerwillen sah, schlug er mir vor, mit ihm zu gehen, ich sollte Brot und Unterkommen finden. Ich versprach es ihm, und darauf legten wir uns nieder und schliefen ein.

Sechstes Kapitel.

_Sie wandern._

Kaum war ich recht eingeschlafen, als ich die Stimme des gutherzigen Wirths hörte. Er rüttelte mich, und als ich die Hände auseinander schlug, um mich noch einmal von ganzem Herzen zu dehnen, steckte er mir in die rechte Hand ein dickes Butterbrot, und in die linke einen Kupferdreyer. »Nun komm, mein Sohn,« sagte er dabey: »ehe meine Frau aufsteht. Sag mir aber erst, wo du zu Hause bist, mein Junge soll dich hinbringen.« -- Ich gehe den Weg, unterbrach ihn der Bediente und ersparte mir dadurch ein Geständniß, das mir auf der Zunge schwebte: er hat mir gesagt, wo seine Eltern wohnen. Ich denke ein kleines Trinkgeld von ihnen zu erhalten.

Ich konnte es dem Wirth ansehen, daß er gerne gewußt hätte, wer meine Eltern wären; aber in dem Augenblick hörte er die Stimme seiner Frau, die mit Toben und Schelten die Mägde weckte. Er sagte uns nur noch in Eil, wir sollten durch den Garten gehn, und uns nicht sehen lassen, sonst hätte er in vierzehn Tagen keine ruhige Stunde.

Er stieg vom Boden hinunter, wir folgten ihm bald nachher und kamen unbemerkt ins freye Feld.

Darauf theilte ich mein Butterbrot in drey ziemlich gleiche Theile. Wir bissen alle drey mit gleichem Appetit hinein, und dies gab meinem Reisegefährten Anlaß, mich zu fragen: wovon ich denn so lange leben wollte, bis ich irgendwo Unterkommen fände? Ich sah ihn mit großen Augen an und verrieth dadurch, daß ich daran noch nicht gedacht hatte. »Von der Luft können wir nicht leben,« fuhr er fort, »und wenn du kein Geld hast, mußt du umkehren!«

Das fiel mir wie ein Stein aufs Herz. Ich stand still und hätte lieber geweint. Aber ich erinnerte mich an meinen Kupferdreyer! Ich hatte ihn in der flachen Hand liegen und je öfter und länger ich ihn ansah, desto lebhafter fühlte ich meinen Muth heranwachsen. Mein Gefährte beobachtete mein Mienenspiel und fieng an herzlich zu lachen.

»Ich merke schon,« sagte er, »du verläßest dich auf deinen Kupferdreyer; aber du mußt wissen, daß wir nur noch eine halbe Meile haben, so sind wir im Sächsischen, wo ihn die Leute nicht umsonst nehmen. (er faßte mich bey der rechten Schulter und schüttelte mich) Was meynst du dazu, Kundmann?«

Mir ward es trocken im Munde und beklommen ums Herz. Ich reichte ihm den Dreyer hin, und wollte ihm zu verstehen geben, er sollte etwas dafür einkaufen, damit wir im Sächsischen zu zehren hätten. Er nahm ihn, lief auf ein Haus zu, das am Eingange eines Dorfes stand, und stellte sich, während ich herzu kam, in die Thür, mit einem Gläschen in der Hand. »_Willst du?_« sagte er. Ich schauderte zusammen, als ich sah, daß es Brantwein war. -- »_Kannst du keinen trinken?_« -- Ich schüttelte betrübt den Kopf, und mit Einem Stoße warf er meinen Kupferdreyer mit allen den Hoffnungen, die ich auf ihn gebauet hatte, die Kehle hinunter.

Da stand ich!

Er gab dem Wirthe das Glas zurück, nahm mich bey der Hand und zog mich mit fort.

Die feurige Lobrede, die er hierauf dem Brantwein hielt, gefiel mir nicht im mindesten, denn mein Dreyer schwebte mir noch viel zu lebhaft im Gemüthe. Doch gab ich mich endlich zufrieden, weil ich nun Anspruch auf seinen Beutel zu haben glaubte, da ich ihm mein Letztes zum Besten gegeben hatte.

Es ward hoher Mittag und ich fühlte großen Hunger. Es konnte nicht fehlen, daß ich jetzt lebhaft an Papa's Tafel zurück dachte, und daß mit dieser Vorstellung eine lange Reihe andrer in mir rege wurden. Aber so unangenehm sie auch waren, brachten sie mir doch den Nutzen, daß ich, so lange sie lebhaft blieben, Hunger und Durst vergaß.

»Hier mußt du betteln!« sagte mein Gefährte am Eingang eines Dorfes zu mir, und riß mich dadurch aus meinen Betrachtungen. Ich sah ihn mit großen Augen an, aber er versicherte, es sey sein völliger Ernst.

»Dich wird so gut hungern als mich,« fuhr er fort: »und dir geben die Leute eher einen Zehrpfennig als mir. Faß' nur Muth, mein Söhnchen, und thu' mir den Gefallen, es soll dein Schade nicht seyn. Du darfst nur sagen: Dein Vater sey ein alter lahmer Soldat. Er liege vor dem Dorfe und habe nichts zu essen!«

Ein gutes Wort konnte mir den Rock vom Leibe ziehen.

Ich ging in das Dorf. Die kleinern Häuser ließ ich und sah mich nach den größern um. Ich trat in eins der letztern und bat einen Mann, der mir entgegen kam, um einen Zehrpfennig. Dabey erzählte ich den Roman von meinem Vater, dem lahmen Soldaten. Er sah mich an, schüttelte den Kopf, ging in die Stube und brachte eine Weibsperson mit heraus.

»Freylich ist ers,« sagte diese halblaut, »es trift alles ein, wie ihn der Mann beschrieb. Wir wollen ihn bey uns behalten.«

Mir lief es kalt durch alle Glieder, denn ich hatte genug gehört, um mich zu überzeugen, daß ein Nachsetzer in der Nähe sey. Ich dachte auch wohl ans Davonlaufen, aber die Leute standen mir zu nahe und ließen nicht ab, mich auszuforschen.

Unterdessen trat mein Phylax, der sich herabgelassen hatte, mit andern Hunden vor dem Hause zu spielen, in die Thüre.

»Siehst du,« sagte die Frau und stieß den Mann an: »da ist der Hund auch! Er ist es ganz gewiß. -- Willst du nicht ein bischen in die Stube kommen, Kleiner?« fuhr sie zu mir fort: »Du sollst 'was zu Essen haben. Wenn der Bothe zurückkömmt,« sagte sie leise zu ihrem Manne, »kann er ihn mitnehmen!«

Ich war in der tödtlichsten Unruhe und zitterte am ganzen Leibe. Als mich die Frau bey der Hand nahm, um mich in die Stube zu führen, riß ich mich los, und machte linksum, aber der Mann faßte mich beym Rockzipfel und hielt mich. Ich that einen lauten Schrey und -- war auf einmal erlöst, denn Phylax hatte den Wirth bey der Wade.

Und nun aus allen Kräften zum Dorfe hinaus! Phylax in kurzem Galopp hinterdrein.

Mein Gefährte stand vor dem Dorfe, und lief mir, als er mich so dahersprengen sah, eilig entgegen. Kaum hatte ich Athem genug, ihm gebrochen zu sagen, man hätte mich aufhalten und zu Hause bringen wollen. Er meynte, ich hätte nicht nöthig, so erschrecklich zu laufen, aber ich meynte, ich hätte es _höchst_ nöthig. Wollt' er also wohl oder übel, so mußte er mir, trotz seinem Hunger, nachrennen, so lange es meiner Angst beliebte.

Siebentes Kapitel.

_Moriz löset Fesseln._

Wir liefen auf lauter Abwegen. Mein Gefährte ward es am ersten überdrüßig. Er versicherte mich, indem er außer Athem neben mir her trabte, ich hätte nichts mehr zu fürchten: wir wären im Sächsischen, wo uns niemand etwas zu befehlen hätte, und wenn der Vater selbst käme, um seinen Sohn zu holen, und dieser wollte nicht, so könnte und würde ihn niemand zwingen. Als er mir diese Versicherung noch einigemal wiederholt hatte, legte sich meine Angst und ich ging langsamer.

Ich kann bis diese Stunde keinen befriedigenden Grund angeben, warum dieser Mensch so viel Geduld mit mir hatte. Er konnte mich ja nur laufen lassen und sich nicht weiter um mich bekümmern. Oder glaubte er, desto leichter einen Dienst zu bekommen, wenn er mich mitnahm, die Aufmerksamkeit eines Herrn auf mich zog, und mich nur mit dem Beding ihm überließ, wenn er selbst in Dienste genommen würde? Wenigstens sagte er immer unterweges: wenn wir in eine große Stadt kämen, und es fände sich eine Herrschaft für mich, so sollte ich nicht in ihre Dienste gehen, wenn sie nicht auch ihn haben wollte. Er steifte sich, wie es scheint, auf die Mode der Jokay's.

Sey es, wie es wolle, genug er ging in das erste Dorf, worauf wir stießen, bettelte Brot und andere Lebensmittel und muthete mir auch in der Folge nicht wieder zu, daß ich betteln sollte. Wie es schien, so fürchtete er eben so sehr, mich zu verlieren, als mir vor der Rückkehr zu meinem Papa bange war.

So waren wir vier Tage fortgewandert, als wir uns auf einem Berge befanden, von welchem wir eine Stadt, die ungefähr eine halbe Meile von uns lag, in ihrer ganzen Größe sehen konnten. Als ich meinen Begleiter fragte, wie sie hieße, war es D**. Ich erschrack und bat ihn, nicht hineinzugehen, und erzählte ihm, daß sich eben der Legationsrath daselbst befände, der meinen Papa immer besuchte, und daß er mich zurückschicken würde, wenn er mich zu sehen bekäme. Aber er benahm mir fast alle Furcht durch die Versicherung, D** sey so groß, daß sich die Leute, die auf Einer Straße, ja sogar, die in Einem Hause wohnten, öfters nicht kennten.

Darauf verließ er mich, um in einem Dorfe, das an der einen Seite des Berges lag, zu betteln. Meinen Phylax, der sich während unsrer Reise an ihn, als den Proviantmeister gewöhnt hatte, nahm er mit und sagte: wenn er seinen Umgang gehalten hätte, wollte er mich abholen.

Ich setzte mich nicht weit von dem Dorfe nieder und erwartete seine Zurückkunft. Er blieb länger aus, als gewöhnlich, und ich gerieth in Unruhe. Schon war ich eine Strecke auf das Dorf zugelaufen, als er mir entgegen kam und alle Taschen voll Lebensmittel hatte. Aber meinen Phylax sah ich nicht.

Wo ist mein Hund? rief ich ihm von weitem zu. Er schüttelte den Kopf. Wo ist mein Hund? fragte ich noch einmal ängstlicher.

Er stellte sich zornig und trostlos. Ich drang in ihn und erfuhr: mein armer Phylax sey von einem Jäger erschossen worden, weil er keinen Knittel am Halse getragen hätte. Diese Hiobspost machte mich stumm und sprachlos. Anfangs brach mein Schmerz in Thränen, aber bald darauf in Wuth aus. Ich steckte mir alle Taschen voll Steine, lief wie rasend in das Dorf, und es war ein Glück, daß mir kein grüngekleideter Mann in den Wurf kam, ich hätte ihm sonst alle meine Kiesel an den Kopf geschleudert.

Ich durchlief das ganze Dorf und fragte jeden, der mir begegnete, ob er nicht einen Jäger gesehen hätte? aber niemand konnte mir Nachricht geben. Langsam und mit hellen Thränentropfen auf den Backen, kehrte ich um. Auf einmal hörte ich ein Winseln, das mir bekannt vorkam. Ich ging dem Schalle nach, trat in einen Bauerhof und siehe da! meinen Phylax an der Kette. Ich sah und hörte nicht vor Freude, und Phylax sprang, so weit es ihm die Kette erlaubte, rund herum. Ich entschloß mich kurz, und wollte nichts Geringeres, als die Kette entzwey reißen. Schon dreymal hatte ich alle meine Kräfte vergebens angestrengt, als ich erst zu bemerken anfing, daß es geradehin unmöglich sey. Aber noch sank mein Muth nicht. Ich nahm einen von den Kieseln, die ich zu Mord und Todschlag zu mir gesteckt hatte, und pochte unter Thränen der Bosheit und Ungeduld an der Kette -- aber sie war von Eisen!

Junge, was machst du? hörte ich auf einmal eine Stimme hinter mir: Ich habe den Hund gekauft!

Wie David ehedem vor Goliath mag gestanden haben, so stand ich jetzt vor dem Bauer, in jeder Hand einen Stein, ohne einen Laut hervorbringen zu können. -- »Hitzige Blitzkröte!« rief der Bauer und schleuderte mich auf einen Düngerhaufen, der hinter mir lag.

Mir sank aller Muth. Ich hatte nicht Tollkühnheit genug, mich einem großen, breitschultrigen Manne zu widersetzen, der mich zu Brey gedrückt hätte, mithin war für mich kein andrer Weg als Güte. Ich weinte und bat ihn, mir meinen Hund wieder zu geben. Der Schlingel hat ihn mir gestohlen! Der Hund gehört mir! rief ich eines Rufens. -- »Wenn du mir mein Geld wiedergiebst,« sagte der Bauer lächelnd, »sonst nicht!« -- Lieber Gott! wo soll ichs denn hernehmen? erwiederte ich schluchzend, und bat von neuem, er möchte mir ihn so wiedergeben. Er ließ sich noch ein paarmal bitten, und machte sodann meinen Phylax los. Wie der sprang! Wie ich sprang! Ohne dem Bauer zu danken, sprengte ich vom Hofe hinunter und zum Dorfe hinaus, im bittersten Zorn auf meinen Gefährten. Dieser saß noch auf dem Flecke, wo ich ihn gelassen hatte und erwartete mich ganz ruhig. Als ich nicht weit mehr von ihm war, fing ich an zu schimpfen und ihn mit meinen Steinen zu ängstigen. Sie fielen so hageldicht, daß er seine ganze Gelenkigkeit zusammen nehmen mußte, um ihnen auszuweichen. Als ich mich verschossen hatte, lief er auf mich zu, und umklammerte mich so fest, daß ich mich nicht regen konnte.

Närrischer Junge! rief er und ließ mich plötzlich los, denn Phylax fuhr ihm schnarchend nach dem Rockschooße: Du hast ja den Hund wieder und wir haben obendrein noch auf drey Tage zu leben. Dabey zeigte er mir, was er für das Geld alles eingekauft hatte. Mein Hunger trug viel zu meiner gänzlichen Besänftigung bey. Wir versöhnten uns und gingen auf D** zu.

Achtes Kapitel.

_Moriz in Gefahr._

Wir gingen um die Stadt herum und traten eine halbe Stunde von derselben in einen Gasthof. Für etwas Großes schien uns der Wirth nicht zu halten, denn er fragte uns mit solcher Zudringlichkeit aus, daß er in wenig Minuten soviel von mir wußte, als mein Gefährte. Hierauf erkundigte er sich nach unsern Pässen und gab durch den Ton, womit er dies that, deutlich genug zu verstehen, daß er uns nicht aufnehmen würde, wenn wir nicht Schwarz auf Weiß darthun könnten, daß wir weder Diebe noch Landstreicher wären.

Mein Gefährte suchte in allen Taschen, und als er nichts fand, fing er an, auf seine Unachtsamkeit zu fluchen. Das Ende davon war, daß er keinen Paß hatte. »So geht, wo ihr hergekommen seyd,« sagte der Wirth zu ihm, »ich will mir eurentwegen keine Strafe zuziehen!« -- Mein Gefährte bat ihn nur um eine einzige Nacht, erhielt aber nichts, als Nachricht, wo er einen Logiszettel bekommen könnte, wenn er seine Umstände, Vorhaben und Handthierung anzeigte.

Unterdessen erwartete ich mit Furcht und Zittern meinen Bescheid. »Du kannst hier bleiben,« sagte er zu mir, »du bist weder Dieb noch Spitzbube, wenigstens siehst du nicht so aus.«

Mein Gefährte ging, und wenn er mir nicht den boshaften Streich mit meinem Phylax gespielt hätte, so wäre ich mit ihm gegangen. Wenigstens ließ er es an Bitten und Vorstellungen nicht fehlen, und trieb es so lange, bis ihm der Wirth (der sich meiner annehmen zu wollen schien) ernstlich die Thüre wies.

Als er fort war, nahm mich der Wirth noch einmal in die Presse. Ich hatte mich schon bey dem ersten Verhöre verlauten lassen, daß ich mit aus Furcht vor dem Legationsrath, meinem Papa entlaufen sey; jetzt erkundigte er sich noch einmal und genauer nach diesem Manne. Ich gab ihm so viel Umstände von ihm an, als ich konnte, und nicht lange darauf zog er sich an und ging fort.

Weil ich von der Reise ermüdet war, legte ich mich auf eine Bank nieder, die am Ofen stand. Ich war noch im Einschlummern, als der Wirth mit einem Menschen in die Stube trat, der eine Livree trug, die mir mehr als zu bekannt war. Der Bediente trat näher und sagte leise: _Ist er das?_ -- »Ja!« -- _Nun_, fuhr er fort, _mein Herr wird gleich nachkommen, und ihn abholen._

Meine Angst, als ich damals auf dem Heuboden meinen Gefährten von Halsabschneiden schwatzen hörte, kann nicht größer gewesen seyn, als die ich jetzt empfand. Bey jedem kleinen Geräusche fuhr ich zusammen und glaubte die Stimme des Legationsraths zu hören. Ich sah und fand keinen Ausweg, der mich diesmal aus der Klemme führen konnte. Entlaufen? war nicht möglich. Nicht mitgehen, wenn er käme, um mich abzuholen? eben so wenig. Ich war um ein Haar in dem Zustand eines zum Rade Verurtheilten, der im Troge daliegt, und dem Stoße, der ihm die Brust zerschmettern soll, nicht ausweichen kann, weil er an Hals und Fuß gebunden ist. Ich drückte die Augen fest zu, und konnte nichts thun, als den Ausgang erwarten.