Part 3
Mein Papa hatte jährlich drey- oder viermal einen Besuch, auf welchen unser ganzes Haus, wie auf eine frohe Erscheinung vom Himmel, wartete. Ein Neffe des Präsidenten von Lemberg, der als Legationsrath in D** stand, kam jährlich einigemal zu seinem Onkel, und da er meinen Papa als einen alten vertrauten Freund in der Nähe hatte, so machte er ihm bey der Gelegenheit jedesmal seinen Besuch. Wenn er in die Stube trat, war ich der erste, der in seine Arme lief. Er umschloß mich dann mit allem Feuer einer väterlichen Zärtlichkeit, nannte mich seinen guten Moriz, oder auch (was mir unendlich süßer klang) seinen lieben Sohn. Er unterhielt sich mit meinem Papa nicht halb soviel, als mit mir. Ich mußte ihm erzählen, was ich seit seinem letzten Besuche gelernt, gethan und geschwärmt hatte, und ob ich artig oder unartig, folgsam oder ungehorsam gewesen? Bey diesem letztern Artikel wurden auch Papa und Martha vernommen, und sie verschwiegen ihm nichts. Manche Dinge, die für den Papa bis dahin ein Geheimniß geblieben waren, kamen dann an den Tag; denn Martha schien es sich zu einer strengen Regel gemacht zu haben, meinem Papa alles, aber dem Legationsrath nichts zu verbergen, was ich Böses oder Gutes die Zeit über vorgenommen hatte. Woher es kam, daß sie diesem Manne keine einzige meiner großen und kleinen Sünden verschwieg, konnte ich mir aus keinem andern Umstand erklären, als daß sie, so lange er bey uns war, (und das dauerte zuweilen vier bis fünf Tage) täglich eine oder zwey Stunden geheime Konferenz mit ihm hielt, und wenn er abreisete, jedesmal einen neuen Anzug oder ein paar Louisd'or, auch öfters beydes zugleich bekam. Durch dieses Mittel hatte er sie, wie es mir schien, so auf seine Seite gezogen, daß sie ihre ganze sonstige Nachsicht gegen mich vergaß und alles haarklein beichtete, was sie von mir wußte.
Eine Hauptregel, die er mir bey seiner Ankunft und Abreise jedesmal dringend ans Herz legte und anpries, war diese:
_Hab' Ehrfurcht und Gehorsam gegen deinen Vater und Lehrer, und mache dir niemand, auch den Geringsten nicht, zum Feinde._
Verstoßungen gegen diesen Grundsatz ahndete er sehr scharf, nicht mit harten Ausdrücken, sondern mit Ton und Worten einer zärtlichen Rührung, die lieber weinen als schelten möchte.
Nun denke man sich, was ein Blick auf diesen Mann und diesen Grundsatz für eine Zerstöhrung in meinem Herzen anrichten mußte. Papa hatte schon seit acht Tagen gesagt, daß der Legationsrath ehestens kommen würde. »Vielleicht ist er schon da!« sagte mein beklommenes Herz: »Wenn du nach Hause kömmst, läuft er dir mit offnen Armen entgegen, drückt dich an seine Brust, nennt dich seinen lieben Sohn, und mitten unter diesen Ergießungen der Zärtlichkeit, tritt der Magister in die Stube, und erzählt, wie gottlos du ihn behandelt hast!«
»Nein, du kannst nicht nach Hause gehen!« war der erste und nächste Gedanke, der aus jenem entsprang, und sich meiner mit solcher Gewalt bemächtigte, daß ich aufsprang und ein paar hundert Schritt in größ'ter Eile fortlief. Aber, so rüstig ich auch vorwärts jagte, holten mich doch zwey Gedanken ein, die mich anfangs fest, wie angenagelt hielten, und bald nachher mich auf das Schloß und von da auf unser Gut zurückschoben. Der eine war: willst du fortlaufen, ohne Malchen etwas davon zu sagen? und der andre: du mußt deinen guten Phylax mitnehmen, damit dir unterweges niemand etwas zu Leide thun kann.
Ich ging einigemal verstohlen um das Schloß herum, und hoffte Malchen zu sehen, aber vergebens. Ich ward zehnmal ungeduldig und wieder geduldig, eh' es mir einfiel, daß ich sie vor Endigung der Schule nicht würde zu sehen bekommen. Also entschloß ich mich, unterdessen meinen Phylax zu holen. Nicht ohne Furcht, der Martha in die Augen zu fallen, stahl ich mich auf unsern Hof, und fand meinen künftigen Reisegefährten in seiner Hütte schlafend. Ich nahm ihn beym Ohr und er riß die Augen und seinen großen Rachen gähnend auf. Als er sahe, daß ich es war, machte er beydes wieder zu, und steckte den Kopf unter, um wieder einzuschlafen. »Nein, nein, komm!« sagte ich voller Ungeduld und zupfte ihn beym Ohre. Nun stand er auf und ging mit.
Ich kam glücklich ohne bemerkt zu werden vom Hofe herunter. Es war mir unbeschreiblich weh um das Herz, als ich noch einmal nach dem Hause meines Papa zurücksah; aber diese aufsteigende Wehmuth änderte meinen Entschluß nicht. Ich ging gerade nach dem Schlosse und versteckte mich in dem Baumgarten, wo wir gewöhnlich zu spielen pflegten, wenn wir der Zucht des Magisters entgangen waren.
Eilftes Kapitel.
_Die Gewalt des Naturtriebes._
»Der arme Moriz!« sagte Malchen, als sie in den Garten trat: »Es wird ihm übel gehn! Aber ich bin an allem Schuld!« Sie nahm die Schürze vor die Augen.
Er wird sich schon durchbeißen! sagte Louischen.
»Ja, durchbeißen!« brummte der Junker: »Er wird seinen Theil schon kriegen! Der Herr Magister will es dem Papa sagen!«
Ach, der dumme Magister auch! sagte Malchen.
»Ey warte, das sag' ich ihm wieder!« unterbrach sie ihr Bruder.
Sags, sags, sags! riefen die beyden Mädchen, und fuhren auf ihn zu, eine nahm ihn bey der linken, die andre bey der rechten Hand, und so sprangen sie mit ihm zum Garten hinaus, und warfen ihm die Thür hinter dem Rücken zu.
Nun bekam ich Muth. Bis jetzt hatte ich mich nicht hervorgewagt, weil ich besorgte, der Junker möchte sich davon stehlen und den Magister rufen. Aber von den beyden Mädchen hatte ich nichts zu fürchten.
Als sie mich sahen, kamen sie gesprungen und nahmen mich bey der Hand.
»Du hast wieder 'was Schönes gemacht!« sagte Louise.
»Du armer Moriz,« sagte Malchen schluchzend: »wenn sie dir 'was thun wollen, so schieb die Schuld auf mich!«
Auf Sie? fiel ich hitzig ein. Warum?
»Ich habe dir doch den Kranz aufgesetzt!«
Der Magister wird's dem Papa sagen! fuhr Louise fort.
»Glaub' es nicht, Moriz,« unterbrach sie Malchen: »sie will dir nur bange machen. Er wird wohl nicht hingehen.«
Bey diesen Worten blinkte sie mit den Augen auf Louisen. Diese verstand den Wink und verschluckte die Betheurung, daß er ganz gewiß zum Papa gehen würde. Ich bemerkte dies und wurde um nichts ruhiger.
So fest ich mir vorgenommen hatte, Malchen nur mit zwey Worten zu sagen: ich will fort! so wenig fähig war ich dazu. Der Vorsatz lag mir centnerschwer auf dem Herzen! Alle Augenblicke wollt' ich ihn herabwälzen, aber, wenn es dazu kam, fehlten mir Worte und Muth.
Ich schlenderte stumm und unentschlossen neben den beyden Mädchen her, und je fester ich mir vornahm, mein Herz auszuschütten, desto schwerer ward es mir. Zuletzt glaubte ich, meine Unschlüßigkeit rühre von Louischens Gegenwart her; aber auch daran lag es nicht, denn sie entfernte sich bald nachher, um zu horchen, ob es Papa schon wüßte, und doch blieb ich so unruhig und unentschlossen, als vorher, wurde es sogar mit jeder Sekunde immer mehr und mehr. Ich bekümmerte mich wenig darum, ob Louischen eine freudige oder fürchterliche Nachricht zurückbringen würde, und Malchen, wie es schien, eben so wenig. Wir waren beyde gleichtief mit uns beschäftigt. _Sie_, mit ihrem mitleidigen Herzen und mit ihren Augen, die in Thränen schwammen, und ich zunächst mit dem Entschlusse, ihr meine Flucht zu entdecken.
Wir kamen unvermerkt aus dem Garten und gingen Hand in Hand auf ein kleines Gebüsche zu, das an denselben stieß. In der Mitte war ein Rasenplatz; hier setzte sich Malchen nieder und ich mich zu ihr. Sie schlug ihren rechten Arm fest um meinen Nacken, ich meinen linken eben so fest um den ihrigen.
Ich weiß nicht, was für eine wunderseltsame Empfindung sich meiner bemächtigte. Ich dachte weder an Magister, noch Papa, noch Marthen. Alles, was mir heute begegnet war, kam mir wie ein Traum vor, dessen Figuren mit jedem Blick auf Malchens rothe Wangen, sich weiter und weiter entfernten. Ich war meiner Zunge nicht mächtig, sie eben so wenig. Ich umschloß sie mit jedem Athemzuge inniger, sie mich, und so sanken wir in das blumigte Gras zurück. Ich sah nicht, und hörte nicht, und eine Thräne nach der andern lief mir über die Backen. Die Empfindungen, die mir dieselben erpreßten, waren nicht traurig, nicht bitter: sie waren so himmlisch, so unaussprechlich süß! Mein Mund begegnete dem ihrigen, Lippe heftete sich auf Lippe fest und innig: es war ein ewiger Kuß!
Malchens Herz pochte dem meinigen durch die Schnürbrust fühlbar entgegen, und ihre Augen fielen langsam zu. Die meinigen blieben halb offen, und ließen nur einen schwachen Schimmer herein. Vor meinen Ohren flüsterte ein leises Lispeln und Schwirren, wie wenn man im Begriff ist einzuschlummern. Manchmal war mirs, als wenn sich ein kältlicher Schauer auf meiner Scheitel entspönne; er floß hinab bis zum Herzen, von da schoß er brennend zurück zum Kopfe, und von da, wie ein Feuerstrom, durch die innersten meiner Nerven und Fibern. Ich zitterte, Malchen noch stärker. Dann und wann machte sie eine kleine Bewegung, sich aufzuraffen; aber während des Entschlusses erstarb die Hand, die mich sanft auf die Seite schieben sollte.
Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser Lage geblieben seyn würden. Ich ward ihrer nicht überdrüßig, und Malchen, wie es schien, eben so wenig. O! sie wurde mit jedem Augenblick entzückender! Ewig und ewig hätte ich so liegen bleiben mögen, aber --
Zwölftes Kapitel.
_Die Reise geht fort._
Urplötzlich rief eine bekannte Stimme: »Wollt ihr auseinander!« -- Wir erschracken heftig, sprangen aber nicht auf -- »Junge,« rief es von neuem: »willst du die Hand da weg thun!« und in eben demselben Augenblicke brannte eine kräftige Maulschelle auf meinem Backen.
Und wenn ich sterben soll, so weiß ich diese Stunde noch nicht, wo meine Hand gelegen hat. Ich war ausser mir in jenen Augenblicken; ich wußte nicht, daß ich Hände hatte, ich wußte nicht einmal, daß ich lebte.
Wir sprangen beyde mit gleichen Füßen auf, rieben uns die Augen, und vor uns stand -- Malchens Mama. Ich wollte ausreißen, aber sie erhaschte mich beym Fittig und zog mir über den andern Backen noch so eine Schelle.
»Gottloser Junge,« rief sie dabey, »auf ein andermal steck die Hand _da_ wieder hin!«
Ich stand mit offnen Munde da, und zitterte am ganzen Leibe. Malchen hatte keinen Athem und drehete an ihrer Schürze.
»Wo du dich wieder hier sehen lässest« -- rief ihre Mama und wollte von neuem auf mich los; aber mein Phylax stand neben mir und wies ihr seine großen Zähne.
Sie zog sich zurück, ergriff Malchen beym Arm und puffte sie zum Garten hinaus. »Du sollst deinen Lohn auch bekommen!« rief sie drohend zurück, und verschwand.
Ich stand wie versteinert. Das war für mich ein Tag der Angst und des Schreckens! Was für Verbrechen ich heute eins auf das andre häufte! Und da sollte ich Muth genug gehabt haben, nach Hause zurückzugehen?
Komm Phylax, sagte ich zu meinem Gefährten, und die Thränen liefen mir über die Backen: hieher kommen wir nicht wieder! -- Du armes Malchen! Nun hab' ich dirs doch nicht sagen können!
Ich drückte den Hut tief in die Augen und ging. Phylax watschelte hinter mir her.
Moriz.
Zweytes Buch.
Erstes Kapitel.
_Nachwehen._
Sobald ich drey oder vierhundert Schritt vom Schlosse entfernt war und glauben konnte, daß mich von daher niemand mehr beobachtete, setzte ich mich in Galopp. Dörfer und Menschen vermied ich mit vieler Behutsamkeit, weil ich in jedem Dorfe einen Spion vermuthete, der mir auflauren, und in jedem Menschen einen Nachsetzer sah, der mich einholen und zu meinem Papa zurückbringen würde. Selbst wenn ein Hund kam, um meinen Phylax anzuschnautzen, oder um ihm, wenn er von höflichern Manieren war, nach Hundesart sein Kompliment zu machen, hatte ich Angst, denn ich hielt ihn für einen Spürer; und wenn er dann zu seinem Herrn zurücklief, so war dies ein Bewegungsgrund für mich, noch ärger zu laufen als er, weil ich keinen Augenblick zweifelte, daß er nur darum zurückliefe, um seinem Herrn, auf seine Art zu verstehen zu geben, er habe den Flüchtling aufgespürt.
In dieser Angst und Eile vergaß ich, daß es Nacht werden, und eine Zeit kommen würde, wo mir Kraft, Athem und Muth ausgehen müßten. Nicht eher dachte ich an diese fürchterlichen Hindernisse meiner Flucht, als bis sie hereinbrachen. Auf einmal stutzt' ich, und kaum konnte ich vor Herzensbeklemmung und Mattigkeit den Fuß vorwärts setzen. Es schien, als wenn mich alle Schrecknisse, die mir bis jetzt nur immer noch im Rücken gewesen waren, nun auf einmal eingeholt hätten.
Leiden der Seele und des Körpers bemächtigten sich meiner, und ich weiß nicht, welche von beyden mich am grausamsten quälten. Ich setzte mich am Eingange eines Gebüsches nieder, und Phylax legte sich stöhnend an meine Seite, indem er seinen Kopf auf meinem Schenkel ruhen ließ.
»Was wird Malchen sagen, wenn sie hört, daß man nicht weiß, wo ich bin!« Dieser traurige Gedanke ergriff mich jetzt: »Und ach, ihre Mama war so böse, als sie uns überraschte! Sie wird es ihrem Papa sagen, und der nimmt die Hetzpeitsche und prügelt« --
Ein kalter Schauer lief mir bey diesem Gedanken durch alle Glieder. Ich wollte aufspringen und fiel wie ohnmächtig zurück.
»O, meine Füße, meine Füße!« winselte ich dann wieder: »Ach, was soll ich anfangen? Ich muß liegen bleiben! Ich kann nicht gehen, nicht stehen! Ach, wenn Papa und Martha wüßten, wie elend und krank ich hier liege, sie würden« --
Wieder ein unerträglicher Gedanke! Ich wollte von neuem aufspringen und fiel von neuem zurück.
»Wenn sie es wüßten, sie holten mich gewiß zurück -- und ich ginge auch gern« --
In dem Augenblick hörte ich das Gerassel eines Wagens. Ich sprang auf und wäre darauf gestorben, daß es Papa's Kutsche sey. Ob ich gleich keinen Blick zurück gewagt hatte, glaubte ich doch Marthen, den Papa und den Magister leibhaftig in derselben erblickt zu haben.
Jetzt fühlte ich keine Mattigkeit mehr. Ich brach über Hals über Kopf in das Gebüsche, fand einen Fußsteig, lief ihn eine gute halbe Stunde endlang und es dauerte keine kleine Zeit, ehe die Vernunft meiner Furcht bewies, daß eine Kutsche den schmalen Fußsteig, der von beyden Seiten mit Gebüsch überwachsen war, unmöglich befahren könne.
Ich ging noch eine Weile auf dem Wege fort, und er ward nach und nach immer lichter und geräumiger. Auf einmal hörte ich Trompeten und Pauken. Es war ein lustiger Klang, der meine Bekümmerniß zum Theil vertrieb. Unschlüßig, ob ich dem Schalle nachgehen, oder die Nacht im Gebüsche zubringen sollte, setzte ich mich nieder. Beyde Wege schienen mir gefährlich. Suchte ich den Ort auf, wo die Musik war, so konnte sich zum Unglück ein Bekannter daselbst finden und mich anhalten; und blieb ich im Gebüsche -- wer gab mir Brot, wenn mich hungerte? Wasser, wenn mich dürstete? Wer ein Obdach, wenn es regnete? -- Mein Magen meldete sich ungestüm und meine Zunge lechzte nach einem Trunke.
Zweytes Kapitel.
_Eine Erscheinung._
Ich saß unter einem Eichbaum, und ein Wiesenplan, hundert Schritt lang und breit, mit Bäumen und Gebüsch umkränzt, breitete sich vor mir aus. Mein Auge schwamm in Thränen. Es war alles still; nur ein kleiner leiser Abendwind, bewegte die äußersten Spitzen der Bäume und rauschte in den Blättern der Gebüsche. Der Mond lächelte rein und heiter herab und spiegelte sein sanftes Antlitz in Millionen Regentropfen, die von einem Spatregen an den Grashalmen zurückgeblieben waren und an den Spitzen derselben flimmernd zitterten. Die ganze Wiese war ein sanftwallender, bebender Silberstrom, auf welchem (so schien es meinem nassen, zitternden Blicke) ungeheure Gestalten, bald Riesen, bald Felsen, bald mächtige Thiere umherwandelten, so wie der Wind die umstehenden großen Eichen bewegte und ihren Schatten hin und her trieb.
Mir ward unbeschreiblich bange, und mein ganzes Wesen schmolz in eine beklemmende Wehmuth zusammen, die sich in großen Thränen über meine Backen ergoß. Endlich legte ich mich nieder und drückte die Augen fest zu. Mein rechter Arm diente mir zum Kopfküssen und der linke ruhete auf meinem Phylax, der sich dicht neben mir niedergelegt hatte.
Ich verlor mich bald. Alles, was mir heute begegnet war, schwamm ununterscheidbar und wie in Dämmerung meiner Seele vorüber. Nur dann und wann fuhr ein fürchterlicher Gedanke, schnell wie ein Blitzstrahl, durch mein Inneres, und es war mir dann immer, als wenn ich einen lebhaften Stich durch die linke Seite fühlte. Ich fuhr mit der Hand nach dem Orte, wo ich zu leiden wähnte, und darüber wiegte mich von neuem eine Art von betäubendem Schlummer in ruhige Vergessenheit ein.
Wau! Wau! schallte es auf einmal, und ich fuhr bebend aus meinen Träumereyen auf. Was mir zuerst in die Augen fiel, war die Gestalt eines Frauenzimmers, die einige Schritte von mir stand, und über das Bellen meines Hundes erschrocken schien. Ich wußte nicht, was ich zu dieser Erscheinung sagen, ob ich laufen oder bleiben sollte -- denn sie hatte Marthens Größe.
Als sie sah, daß ich nicht minder erschrocken war, als sie, und da mein Phylax näher kam, und mit dem Schwanze wedelte, (gegen Frauenzimmer, Kinder und kleine Hunde war er sehr höflich) faßte sie Herz und trat zu mir.
Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen, und doch hätt' es nur eines halben Blickes bedurft, um mich zu überzeugen, daß es nicht Martha war, die mich bey der Hand nahm.
»Wer bist du, Kleiner,« sagte sie, »wie kömmst Du in der späten Nacht hieher?«
Wenn es Martha wäre -- so schloß ich nun erst -- würde sie wohl nicht diese Frage an mich thun. Und nun drehete ich mich um und sah ihr ziemlich herzhaft ins Gesicht. Ihre sanfte Mine schloß mein ganzes Herz für sie auf, und schon schwebte ein pünktliches Bekenntniß auf meinen Lippen, als sie fortfuhr und mich fragte, ob ich mich verirrt hätte? Ja! sagte ich, und nun war an kein Geständniß mehr zu denken, da sie mir selbst den Mittelweg zwischen Wahrheit und Lügen eröfnet hatte. Ich betrachtete sie aufmerksam von der Seite -- und mit eins! glaubte ich Malchens Mama vor mir zu sehen, denn ihr Haar war mit einem Rosenbande umwunden, gerade so, wie ihn jene trug als sie uns im Gebüsche überraschte.
Mir ward wieder bange, und meine Blicke wurden schüchterner, als vorher.
Sie nahm mich von neuem bey der Hand, und zog mich halb wider meinen Willen mit fort. Ich faßte Muth und sah sie noch einigemal herzhaft von der Seite an, bis ich mich endlich fest überzeugte, es sey nicht Malchens Mama, sondern ein Frauenzimmer, die ich nicht kannte, so wenig, als sie mich.
Wir kamen der Musik, die ich vorhin gehört hatte, immer näher, und ich ward immer unschlüßiger, ob ich mich losreißen, und ins Gebüsche zurückkriechen, oder mit meiner Begleiterin nach Hause gehen sollte. Diese hatte an mir zu ziehen und zuzureden, daß ich mich nicht scheuen, sondern dreist mitgehen sollte: Essen, Trinken, Nachtlager, einen Bothen, der mich nach Hause brächte, alles sollt' ich haben. Die erstern Punkte gefielen mir ausserordentlich, aber nicht im mindesten der letztere.
Nach einigen Minuten standen wir vor einem Hause, dessen erster Stock um und um erleuchtet war. Es gab da Musik, Tanz und ein großes Getümmel von Zuschauern. Schon hatten wir den Fuß auf die Treppe gesetzt, als eine starke Stimme, wie im Zorn und Unmuth, herunter rief: _Kar'line! Kar'line! Wo hat dich denn_ --
Drittes Kapitel.
_Wie Moriz empfangen wird._
Hier, hier bin ich schon! rief meine Begleiterin ängstlich, und sprang hurtig die Treppe hinauf. Kaum nahm sie sich Zeit, mir in aller Hast zu sagen: ich sollte nur nachkommen und mich so lange an die Thür des Saales stellen, bis sie mich abholte.
»Nachtgespenst!« rief die rauhe Stimme droben: »Bist du schon wieder auf dem Hofe oder im Busche umhergespukt?«
Liebster Papa, sagte Karoline, ich wollte nur ein wenig frische Luft schöpfen.
So viel konnte ich nur von ihrer sanften Stimme hören. Ich hatte das gute Mädchen jetzt tausendmal mehr liebgewonnen, da sie so hart angefahren wurde.
»Landjägers Sohn,« fuhr ihr Vater fort: »hat schon vor einer Stunde mit dir tanzen wollen, und du -- aber, ich will dir noch das Buschkriechen abgewöhnen, oder nicht dein Vater heißen.«
Diese Unfreundlichkeit flößte mir wenig Vertrauen zu dem Vater, aber desto mehr zu der Tochter, ein. Ich stieg zitternd die übrigen Stufen hinan und stellte mich in die Thür des Saales.
Jetzt erst fühlte ich, was ich vorher so deutlich nicht bemerkt hatte: daß mich gewaltig hungerte. Auf einem Seitentische standen Braten, Butterschnitte, Wein und Gebackenes. Gegen Einen Blick, den ich auf meine sanfte Begleiterin warf, die am äußersten Ende des Saals tanzte, warf ich Zehn auf die Lebensmittel, die mir so nahe standen; und ich war mehr als einmal willens, den ersten den besten um ein paar Bissen anzusprechen. Aber Furchtsamkeit oder Stolz, oder beydes zusammen, drückte von Zeit zu Zeit meinen aufsteigenden Appetit nieder.
Mein Phylax war nicht so bettelstolz. Kaum witterte er Braten, so ging er der Spur nach. Er hatte nicht einmal nöthig, sich auf die Hinterfüße zu stellen, um eine ganze Schöpsenkeule mit einem Ruck vom Tische zu holen. Der Tisch krachte, die Gläser klirrten und die Weinflaschen stürzten eine über die andre und kollerten Schlag auf Schlag vom Tisch herunter, während eine Fluth von Wein den ganzen Saal überströmte.
Ich hatte einen tödtlichen Schreck, aber Phylax legte sich gelassen unter dem nächsten Tische nieder und schmauste still und dummdreist von seiner Keule.
Alles, was im Saale war, stürzte herzu.
»Hagel! Wer hat das gekonnt?« rief die Stimme, die ich schon dreymal mit Entsetzen gehört hatte. Ein kleines Mädchen, das bey mir stand, zeigte mit dem Finger auf meinen Phylax. Er nahm ein Licht, beleuchtete den Hund und rief mit schallendem Gelächter: »_Ey! prosit die Mahlzeit!_« -- Nerr--r--r -- machte Phylax, indem er ihn ansah und ihm die Zähne wies. -- »_Nu, nu!_« fuhr der Mann fort, »_nur nicht so böse! Ich will dir deine Keule nicht nehmen. -- Karline, Gottlob, Friedrich! Andern Braten, andern Wein her!_«
Mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen, aber bald drückte mich die Frage: wem in aller Welt gehört denn das Vieh? zehnmal schwerer.
Karoline war über dem Lärm auch herzugekommen und stand bey mir. Ihr Vater trat näher. »Der Hund gehört mir!« rief ich etwas zu vorlaut und zitterte am ganzen Leibe dabey. »So?« sagte der Vater und nahm mich dabey schärfer aufs Korn: »Ich kenne dich und deinen Hund nicht. Wer bist du? Wo kömmst du her?«
Karoline nahm für mich das Wort, und erzählte, wo und wie sie mich gefunden hätte. »Ich will wissen,« fuhr er sie an, »wie er heißt!« und mit den Worten nahm er mich beym Fittig und zog mich ans Licht -- »Ich heiße _Ernst, Ernst_!« rief ich ängstlich. -- »Ist das dein Vorname, oder heißt dein Vater so?« -- Mein Vater heißt so! -- »Bist du ein Sohn von dem dicken _Ernst_?« -- Ja! sagt' ich. -- »Da, Pursche!« rief er und schleuderte mich unfreundlich zur Thür hinaus: »Geh, wo du hergekommen bist!«
Karoline that einen lauten Schrey, aber ihr Vater -- brüllte, denn Phylax hatte ihn bey der Wade. Dieser hatte trotz seinem Appetit den Braten verlassen, um mir zu Hülfe zu kommen. Er schützte mich vor einer gewaltsamern Behandlung und ließ den groben Mann nicht eher los, bis ich die Treppe hinunter war.
Als dieser sahe, daß mich Phylax so kräftig in Schutz nahm, wagt' er es nicht, mich zu verfolgen, sondern blieb oben an der Treppe stehen, schimpfte auf meinen Papa und erzählte, was ihm dieser Alles zu Leide gethan hätte.
»Und der Bastart,« so schloß er: »Es weiß ja doch kein Mensch, wo der alte dicke Esel den Jungen her hat, er hat sich ja immer mit M** beholfen -- Das H**kind, kann hieher kommen, um mich in meiner Freude zu stöhren; kann seinen Hund über meinen Braten schicken, daß er alles um und um reißt, und mich selber am Ende bey der Wade packt -- Wart', Junge, nun will ich _dich_ hetzen!«
Auf einmal kam er die Treppe herunter gestürmt, pfiff auf dem Finger und schrie: _Spitz_, _Sultan_, _Diane_, faß, faß! Plötzlich stürzten drey Hunde herzu; aber Phylax warf einen hierhin, den andern dorthin, und deckte mir den Rücken. So kam ich unversehrt vom Hofe.
Viertes Kapitel.