Part 2
Mein beständiger Gefährte war ein großer englischer Hund. Weil ich mit ihm aufgewachsen war, so hatte ich seine Freundschaft in dem Grade, daß sich niemand unterstehen durfte, mich anzugreifen, wenn er nicht mit zerrissenem Rocke nach Hause gehen wollte. Balgte ich mich mit einem meiner Spielkameraden und lachte dazu, so blieb er ruhig, entfuhr mir aber ein Laut, der weinerlich klang; so nahm er meinen Gegner beym Rockzipfel, oder war er groß, bey der Wade, und zerrte ihn unter Brummen und Murren einige Schritte rückwärts. Bis in mein zwölftes Jahr ritt ich auf ihm, aber nach der Zeit wurde ich ihm zu schwer, und wenn ich ihm einen Ritt zumuthen wollte, legte er sich nieder, und schlug mit allen Vieren um sich, aber nicht grimmig, sondern mit freundlichen Manieren. Von dieser Zeit an ging ich zu Fuße.
Um mein Wissen stand es damals nicht sonderlich. Ich konnte ein bischen lateinisch decliniren, ein bischen rechnen und ein paar Worte französisch. Mit der Feder wußte ich noch am besten umzuspringen, und das war, nach dem, was ich oben gesagt habe, kein Wunder. Mit dem Katechismus stand es so so! Das Vaterunser und die gewöhnlichen Tischgebete, konnte ich, wenn ich nicht gerade recht hungrig war, ohne Anstoß; aber die fünf Hauptstücke und was dazu gehört, konnte ich nicht so gut. Mamsell Martha nahm sich zwar dann und wann die Mühe, mich darin zu examiniren, aber was half es, da es blos auf mich ankam, ob ich mich wollte examiniren lassen oder nicht.
Dicht an unser Guth stieß ein andres, das einem Edelmanne gehörte, der als Husaren-Oberster seinen Abschied genommen hatte. Er hatte drey Kinder, zwey Töchter und einen Sohn, für die er einen Hofmeister hielt. Weil er mich meiner Munterkeit wegen lieb gewonnen hatte, so erlaubte er mir, die Stunden zu besuchen, die der Hofmeister seinen Kindern gab, räumte mir auch sonst noch vielerley Freyheiten ein, die mir ein andrer schon darum, weil ich schlechtweg _Ernst_ hieß, nicht eingeräumt haben würde.
Der junge Herr, sein Sohn, war ein Pinsel, aber die beyden Fräulein waren desto munterer. Er war der ewige Gegenstand unsres Spottes und unsrer Neckereyen, lernte aber in einer Stunde mehr, als wir andre zusammen genommen, in acht Tagen. Dafür war er der Liebling unsres Hofmeisters: eine Ehre, um die wir nicht eine taube Nuß gaben. Sein Vater glaubte, daß meine natürliche Wildheit, seine Träumerseele ein wenig aufheitern sollte, und sah mir deshalb bey vielen Gelegenheiten durch die Finger; aber er blieb in seinem Seelenschlafe, und ging immer und ewig langsam, wenn wir andre uns ausser Athem liefen.
In den Stunden lernte ich, was ich wollte und konnte, und es war mir so wenig Ernst, als den beyden wilden Mädchen. Ich konnte sie nicht ohne Lachen ansehen, und sie mich nicht. Der Hofmeister durfte auch nicht viel sagen, denn die eine war das Schooßkind der Mama, die andre des Papa, und ich der Liebling beyder, und der Liebhaber von Malchen. So hing eins an dem andern wie Kletten, und der künftige Stammhalter der Familie durfte nicht mucksen.
So jung ich damals auch war, so viel Ehrgeitz hatte ich. Aber war es anders möglich? Papa und Martha trugen mich auf den Händen; Fräulein Malchen nannte mich beständig: _lieber Moriz!_ Fräulein Louischen: _Wildfang!_ Ihre Mama: _kleiner Flachskopf!_ Der Papa: _sappermentscher Springinsfeld_. Dieses, und der Umstand, daß die ganze junge Mannschaft in unsrer Gegend, Respekt vor mir hatte, spornte meinen Ehrgeitz, und machte mich dreist und ausgelassen.
Zudem hatte man mich öfter, als es gut war, hören lassen: ich sey ein hübscher Junge. Dies schmeichelte mir nicht wenig, hatte aber den Nachtheil, daß ich früher anfing, mich bemerkbar zu machen, als andre Kinder. Sonderbar genug waren zuweilen die Mittel, wodurch ich diesen Endzweck erreichte. Wenn Fremde bey meinem Papa oder auf dem Schlosse waren, und sie bemerkten mich nicht auf dem ersten Blick, so packte ich den ersten den besten vorübergehenden Jungen oder Hund an und suchte Händel mit ihm; oder ich sprang über breite Graben und fiel hinein; oder kletterte auf Bäume, und warf die darunter weggingen, mit Aepfeln oder Birnen -- wenn man mich nur bemerkte, das war mir genug.
Es war natürlich, daß ich über dem Ehrgeitz, bemerkt zu werden, selbst bemerkte. Daher kam es, daß der allgemeine, unverdringliche Trieb der Natur sich sehr früh in mir regte. Aber konnte dies ausbleiben, da ich so oft sehen mußte, daß Papa Marthen küßte; da mich die beyden wilden Fräulein täglich hundertmal beym Kopfe nahmen und abherzten, und da mir ihre Mama, statt der Hand, jedesmal den Mund reichte, wenn ich auf das Schloß kam?
Sechstes Kapitel.
_Die Geschichte geht zurück._
Ich war hoch erfreut, daß ich einer genauern Untersuchung über den Wein glücklich entgangen war, denn ich kam nicht auf die erlaubteste Art dazu. Martha hatte in ihrer Kammer ein Schränkchen, worein sie ihren Wein verschloß. Der Dunstkreis um dasselbe war unendlich süß, und auch einen größern und ältern würde die Neubegierde geplagt haben, zu wissen, was darin verborgen wäre. Ich besah es hinten und vorne, faßte es oben und unten an, rückte und schob, aber es war und blieb zu. Meine Neugier, oder genauer gesagt, mein Appetit auf den süßen Wein, ward mit jedem Hindernisse größer. Ich wußte, daß Martha ein Schlüsselchen dazu hatte, und daß sie es nicht immer bey sich trug, sondern es zu verstecken pflegte, wenn sie es gebraucht hatte. Ich rückte einen Stuhl herzu, suchte auf allen Gesimsen und Schränken, fand aber nichts. Trostlos, die Hände in einander geschlagen, den Hut auf einem Ohre, stellte ich mich mitten in die Stube und sah mit herzlicher Sehnsucht nach dem Schränkchen. Unter diesen Bewegungen blickte ich von ungefähr seitwärts, und auf einmal fiel mir einer von Marthens Unterröcken in die Augen. Ich springe hin, durchsuche die erste Tasche, finde nichts; rasch zur andern, hineingefahren, umgewandt, und siehe da! aus der einen Ecke fällt mir das Schlüsselchen entgegen. Ich sprang ellenhoch, nahm es, probirt' es, und es schloß den Schrank glücklich. Ohne mich zu bedenken, griff ich nach der ersten der besten Flasche -- gluck! gluck! ging es, in Ermangelung eines Glases.
Der Wein ward mit jedem Schlucke süßer, und ich hätte mich sicher zu Boden genippt, wenn mir nicht noch zu rechter Zeit eingefallen wäre, daß Martha ein paar erschreckliche Augen machen würde, wenn sie eine von ihren Flaschen leer fände.
Jeder Dummkopf ist ein Genie, wenn er Wein getrunken hat, und jedes Genie kann in eben dem Fall ein Dummkopf werden. Mir wenigstens ging es jetzt so. Ich war sonst nicht der dümmste Junge, aber diesmal betrug ich mich unbeschreiblich albern; denn ich fing von ganzem Herzen an zu weinen, als ich die Flasche gegen den Tag hielt und fand, daß sie fast zur Hälfte leer war. Eine Thräne jagte die andre. Ich machte mir sonst sehr wenig aus einem Verweise, und diesmal stand mir gewiß kein außerordentlicher bevor, aber der Umstand, daß ich dies Verbrechen so heimlich und so diebisch begangen hatte, schlug mich völlig darnieder.
In der Angst hatte ich einen Einfall, der mir in meiner damaligen Bestürzung sehr glücklich schien, aber im Grunde nicht der glücklichste war: ich füllte die halbleere Flasche aus den übrigen wieder an, setzte sie an Ort und Stelle, und war nun fest überzeugt, daß Martha, um den Abgang zu bemerken, ein wenig allwissend seyn müßte; denn ich hatte längst vergessen, daß ich die andern Flaschen, um die eine anzufüllen, bis auf die Hälfte ihrer Hälse ausgeleert hatte.
Wie ruhig ich den kleinen Schlüssel wieder in Marthens Tasche steckte! Wie unbesorgt ich die Kammer verließ, um frische Luft zu schöpfen! Mit welcher Zuversicht ich Marthen ins Gesicht sah, als sie aus der Stadt zurückkam! Unmöglich, unmöglich kann sie etwas merken! rief ich laut und fiel längelang auf eine Rasenbank, die vor unserm Hause angebracht war. Martha kam dazu, und wollte wissen, was mir fehlte? Ich bin müde! sagte ich. Sie nahm mich bey dem Arm und führte mich zu Papa's Bette.
Ich schlief bald ein, und erwachte gerade, als jene dunkle Unterredung, die mich betraf, zu Ende ging. Und nun wäre der Leser wieder an dem Orte, von wo ich ihn wegführte, um ihm drey Schildereyen zu zeigen.
Siebentes Kapitel.
_Die Geschichte rückt fort._
Mit drey Sprüngen war ich auf dem Schlosse. Ich suchte Fräulein Malchen, und fand sie im Garten, wo sie Blumen pflückte und Kränze flocht. Ich stahl mich ganz leise hinzu. Sie hatte sich ins Gras gesetzt, pflückte alles, so weit sie mit der Hand erreichen konnte, um sich weg, und war so ämsig damit beschäftigt, daß ich mich ihr bis auf ein paar Schritte unbemerkt nähern konnte. Anfangs war ich Willens, ihr von hinten die Augen zuzuhalten, und sie rathen zu lassen, wer es wäre, aber ich hörte, daß sie etwas für sich sprach, und das wollte ich gerne wissen. Ich horchte und vernahm folgendes:
»Es ist bald um drey und er kömmt nicht! Wenn es drey geschlagen hat, muß ich in die Schule, und dann können wir nicht noch vorher ein bischen spielen. Wenn er nur wüßte, daß ich allein hier bin, er käme gewiß. Er spielt doch lieber mit mir, als mit Louisen. Wenn er dummes Zeug macht, und ich sage: lieber Moriz, laß doch das bleiben! so läßt ers; aber wenn es Louise haben will, thut ers nicht!«
Mir fing das Herz an zu schlagen, und ich weiß nicht, wie es kam, ich wünschte weit weg zu seyn, um nichts zu hören, und doch blieb ich.
»Den großen Kranz soll er haben,« fuhr sie fort: »aber wenn er ihn gleich zerreißt, werde ich böse und flechte ihm in meinem Leben keinen wieder. Er wird ihn aber wohl nicht zerreißen. Wenn wir zum Magister müssen, so kann er ihn so lange hinlegen, bis die Stunden aus sind, dann kann er ihn auf den Kopf setzen, und mit zu Hause nehmen.«
Ich fing merklich an zu zittern, und setzte den Fuß zurück, um zu gehen, blieb aber doch.
»Aber -- -- Herr Gott!« fuhr sie fort und legte den Zeigefinger der rechten Hand auf den Mund: »Ich muß den Kranz lieber zerreißen! Wenn ich ihm 'was schenke, will er mir immer ein Mäulchen dafür geben, und Mama sagt, davon bekäme ich einen langen, schwarzen Bart! Aber es ist doch so hübsch! Mama kriegt ja auch keinen schwarzen Bart, wenn sie der Papa küßt, und Papa hat doch einen rechten scharfen, schwarzen Bart! Er reibt Louisen immer die Backen damit, wenn sie wild ist. Aber Moriz hat doch keinen scharfen Bart. Er hat mir auch schon oft ein Küßchen gegeben, wenn Mama nicht da war, und ich habe doch keinen gekriegt!«
Es war mir, als wenn ich lachen sollte, konnte aber vor Angst und Zittern nicht dazu kommen. Mein sehnlichster Wunsch war, unvermerkt fortzuschleichen, und doch machte ich keine Anstalt dazu.
»Eins -- zwey -- drey -- Viertel auf drey, und er kömmt nicht!« fuhr sie fort: »Das ist doch recht schlecht! Was wär' es denn mehr, wenn er einmal eine halbe Stunde früher vom Hause wegginge? Heute ist es gerade so hübsch! Louise ist nicht da, Fritze auch nicht, wir könnten recht hübsch mit einander spielen. Ach! (sie streute die Blumen umher) ich bin böse!«
Meine Angst stieg auf den höchsten Grad. Alle mein Leichtsinn, meine Dreistigkeit war fort. Ich stand da, wie ein armer Sünder. Und was hatte ich zu fürchten? Jetzt weiß ich wohl, weß Geistes Kind diese Erscheinung war, aber damals noch nicht. Wenn es Louise gewesen wäre, so wäre ich hervorgesprungen und hätte sie ausgelacht; aber bey Malchen fiel mir dies nicht ein. Jeden Augenblick fürchtete ich, daß sie aufspringen, mich sehen und erschrecken würde; aber es geschah nicht, sondern sie nahm ihre Blumen wieder zusammen und flocht an ihrem Kranze fleißig fort, indem sie zuweilen nickte, wenn sie eine Blume nach Wunsch angelegt hatte. Ich zog mich mit möglichster Behutsamkeit zurück, und als ich ungefähr hundert Schritte von ihr war, fing ich auf einmal an zu springen und zu jauchzen, und lief auf sie zu.
Achtes Kapitel.
_Schon Heuchlerin?_
Sie erschrack, sprang auf und kam mir entgegen. Ihre kleinen Wangen wurden über und über roth.
»Kömmst Du schon Moriz? Ist es denn schon um drey?«
Noch nicht, aber es wird bald schlagen!
»Hast Du nach der Uhr gesehen, oder hast Du es schlagen hören?«
Nein!
»Nun, woher weißt Du es denn?«
I, i, i, -- es muß wohl noch nicht geschlagen haben. -- Wir wollen noch ein bischen spielen, eh es drey schlägt. Nicht wahr, Malchen?
»Wir allein?«
Warum nicht?
»Wenn Louise, oder mein Bruder da wäre -- Aber so -- was wollen wir denn beyde allein anfangen?«
Ein bischen abjagen!
»Nein, ich habe heute keine rechte Lust zu laufen!«
Klettern!
»Vollends nicht! Weißt Du 'was, wir wollen uns hier ins Gras setzen und Blumen pflücken. Aber Du magst nicht gerne sitzen!«
Sehn Sie? (ich setzte mich rasch nieder)
»Au! (ich sprang eben so rasch wieder auf) O, weh!«
Was denn, was denn?
»Du hast Dich auf meinen Kranz gesetzt. Ich habe mir so viel Mühe damit gegeben! Nun hast Du ihn zu Schanden gedrückt!«
Liebes, liebes Malchen, ich hab' es nicht gerne gethan!
»Ja, man müßte Dich nicht kennen!« (sie sah böse aus)
Wahrhaftig nicht, liebes Malchen! Soll ich schwören? (sie wandte sich lächelnd um, ich nahm sie bey der Hand) Sind Sie noch böse?
»Ja!«
Aber Sie lachen doch!
»Wer? Ich? (sie stellte sich ernsthaft) Das Lachen ist mir nicht so nahe!«
Sie platzte auf einmal in ein helles Gelächter aus, und ich stimmte mit ein, und wälzte mich im Grase umher. Sie setzte sich.
»Louise würde sich recht über den Kranz gefreuet haben,« sagte sie, »wenn Du ihn nicht verdorben hättest. Nun darf ich ihn ihr nicht einmal anbieten. Sieh hier -- hier fehlt eine Blume -- da hat er eine zerknickt -- die hier, hängt nur noch -- Ach! ich will auch in meinem Leben nichts mehr machen, wenn ich weiß, daß Du nicht weit bist!«
Liebes, liebes Malchen, nicht mehr thun!
»Ja, dann denkt er, damit ists ausgemacht!«
Flechten Sie der Louise einen andern und geben --
Ich machte mit Augen und Händen eine Bewegung, daß sie ihn mir geben sollte.
»Ey, ja doch! Nein, nein!«
Bitte, bitte recht schön!
»Nichts!«
Ich fühlte eine kleine Regung von Unwillen in mir aufsteigen, denn ich hatte doch deutlich gehört, daß der Kranz für mich geflochten war.
Wollen Sie nicht?
»Nein!«
Nun, so lassen Sie's bleiben!
»Das will ich auch!«
Ich pflücke mir selbst Blumen und flechte mir einen.
»Du kannst es doch nicht so hübsch, wie ich!«
Spaß!
»Aber solche hübsche Blumen wie diese, wirst Du doch nicht finden!«
Hm! wo diese gestanden haben, stehen mehr!
Ich entfernte mich einige Schritte von ihr, setzte mich nieder und pflückte, was mir unter die Hände kam. Sie sah ein paarmal verstohlen nach mir her und besserte immerfort an dem zerdrückten Kranze. Nach einer kleinen Pause sagte sie zu mir:
»Steht nicht da bey Dir ein Tausendschönchen?«
So erbittert ich war, so rasch und willig drehete ich mich um, und sah nach einem Tausendschönchen. Ich fand eins, pflückt' es und bracht' es ihr, ohne eine Sylbe zu sagen.
»Ich danke Dir, Moriz! Siehst Du, hier fehlt es!«
So?
Ich ging stillschweigend fort und setzte mich wieder an meinen alten Platz. Sie machte sich sehr viel mit dem Kranze zu schaffen; im Grunde besserte sie aber nichts daran, konnte auch nichts daran bessern, denn er war nicht im mindesten beschädigt. Nach einer kleinen Weile fing sie wieder an:
»Ach, Morizchen, nur noch eins!«
Ich stand brummend auf, und pflückt' es. Das Morizchen that mir unendlich sanft, aber mein Verdruß ließ nicht zu, daß ich es mir eingestund.
Da ist es, Malchen.
In dem Augenblicke schlug es drey. Sie sprang auf, faßte mit ihrer Linken meine Rechte, und mit ihrer Rechten setzte sie mir in vollem Laufe, den Kranz auf den Kopf. So jagten wir völlig versöhnt auf das Schloß zu.
Neuntes Kapitel.
_Das Liebespfand._
Wir rauschten in die Stube hinein, wo wir den Magister Fink, den jungen Herrn, und Fräulein Louisen schon antrafen.
»Man gehe hübsch sachte auf ein andermal,« sagte der Magister, »man könnte fallen. Ueberhaupt aber schickt es sich nicht, wenn man in ein Zimmer gleichsam hereinbrauset, um so weniger, da ich diese Stunde unserer allerheiligsten Religion gewidmet habe. Man nehme die Katechismos!«
Wir setzten uns lachend zu den Andern und thaten, als wenn wir von der Strafpredigt nichts hörten.
»Monsieur Ernst, wo hat man seinen Katechismum?«
Ich hab' ihn vergessen!
»=Proh Deum=, über die unerhörte =negligentiam=!«
Ich kann ja mit in Malchens Buch sehen!
»Man mache sich keine Hoffnung! -- Aber -- was erblicke ich! -- einen Kranz? Man nehme hurtig den Kranz vom Kopfe, man würde nur die Andern in ihrem Fleiße stören!«
Bitte, Herr Magister!
»Man bitte hin und bitte her -- man wird nichts damit ausrichten. Man nehme hurtig den Kranz vom Kopfe!«
Ich will recht stille seyn, liebster Herr Magister!
»Nun ist man der liebste Herr Magister! Man mache sich keine Hoffnung, ihn mit Schmeicheleyen auf seine Seite zu bringen.«
Liebster, bester Herr Magister!
»Nun, wird es bald? Ich sehe wohl, man muß nicht anstehen, ihm den Kranz mit eignen Händen herunter zu reißen!«
Ich sprang auf und lief zur Thür.
»O, Herr Magister,« riefen Malchen und Louise zugleich, »lassen Sie ihm doch den Kranz!«
Man halte das Maul! sagte Fink zornig.
Malchen und Louise hielten sich mit beyden Händen den Mund zu.
Bey dem Lärmen kann man auch gar nichts lernen! brummte der junge Herr, machte sein Buch zu und schob es von sich. Als Fink sahe, daß sein Liebling böse wurde, stieg sein Zorn auf den äußersten Grad. Er lief auf mich zu, aber ich war in einem Sprunge zur Thür hinaus. Malchen that einen lauten Schrey, als er seine Hand ausstreckte, um mich zu packen.
»Verstockter Bösewicht!« rief er hinter mir her und machte die Thüre zu.
Mir war nicht am besten zu Muthe. Ganz fort zu gehen, und dem Magister für heute nicht wieder zu nahe zu kommen, dazu hatte ich nicht Herz genug. Meinen Kranz abzulegen, und dadurch dem ganzen Streit ein Ende zu machen, fiel mir nicht ein, denn er kam von einer Hand, für die ich durch Feuer und Wasser gelaufen wäre.
So stand ich eine Weile auf dem Saale, unschlüßig, ob ich umkehren sollte, oder nicht. Wenn die Geschichte mit Marthens Weinschränkchen nicht vorgefallen wäre, so würde ich den geradesten Weg nach Hause genommen haben; aber eine Untersuchung über die verstohlne Näscherey fürchtete ich eben so sehr, als den Zorn des Magisters.
Ich näherte mich der Thür einigemal und streckte die Hand aus, um sie aufzumachen, aber der fürchterliche Gedanke: Fink könne an derselben stehen, und mir, so wie ich den Kopf herein steckte, den Kranz herunter reißen -- jagte mich immer wieder zurück. Endlich wagt' ich es, aber mit Vorsicht. Ich nahm den Kranz herunter, hielt ihn in der linken Hand und mit der rechten machte ich die Thür auf. Als ich den Magister am Ende des Zimmers auf seinem Stuhle sitzen sah, kam ich dreist herein und zog mich hinten herum gerade zu Malchen. Der Kranz saß wie vorher auf dem Kopfe.
Des Magisters Hitze schien sich abgekühlt zu haben. Er examinirte Louischen im Katechismus, und that, als ob er mich nicht sähe. Aber einige gierige Blicke, die er von Zeit zu Zeit auf meinen Kranz schießen ließ, machten mich mißtrauisch. Bey der kleinsten Bewegung von seiner Seite, fuhr ich zusammen, und dabey legte ich meine rechte Hand jedesmal auf den Kopf, um den Kranz zu schützen, wenn er etwa einen Hauptsturm auf denselben wagen sollte. Blut und Leben hätte ich seiner Vertheidigung aufgeopfert, und Malchen hätte nicht einmal nöthig gehabt mir ins Ohr zu sagen: Laß ihn dir nicht nehmen!
Es vergingen wohl zehn Minuten, ohne daß von feindlicher Seite etwas unternommen wurde. Ich hielt mich am Ende schon für sicher, und gab deswegen nicht mehr so fleißig auf den Magister Achtung. Plötzlich sprang er auf, und fuhr mit seinem langen Arm nach meinem Kopfe; meine Hände fanden sich zur Vertheidigung ein; ich bog den Kopf weit zurück, aber doch nicht weit genug, als daß er den Kranz nicht hätte erreichen können. Ich schrie was ich konnte, aber er ließ sich nicht irre machen. Endlich riß ich mich los und er behielt ein Stück des Kranzes in Händen. Mit rasendem Grimme sprang ich zur Thür, machte sie weit auf, sah mich erst um, ob auch jemand in der Nähe wäre, der mich halten und dem Magister ausliefern könnte; als ich aber niemand bemerkte, stellte ich mich, roth wie ein Truthahn, in die Thür, und rief mit einer fürchterlichen Anstrengung: _Alter Schlingel!_ und nun über Hals, über Kopf die Treppe hinunter, und zum Hause hinaus.
Zehntes Kapitel.
_Furcht und Unruhe gebären einen sehr kecken Entschluß._
Als ich im Freyen war, und sich meine Hitze gelegt hatte, stieg eine peinvolle Besorgniß in mir auf. Ich konnte leicht vermuthen, daß der Magister »_den alten Schlingel_« nicht auf sich sitzen lassen, und daß er zum gnädigen Herrn und von da zu meinem Papa gehen und mich verklagen würde. Bey dem erstern würde es die Folge haben, daß er mir von stundan das Haus verböthe, unter dem Vorwande, daß ich seine Kinder mit meiner Gottlosigkeit ansteckte; und bey dem letztern die, daß ich nach Befinden wohl gar die Ruthe davon trüge. Es wäre mir nicht halb so bange gewesen, wenn ich an Marthen eine gnädige Schutzheilige gehabt hätte, aber bey ihr, besorgte ich, durch die Unternehmung auf das Weinschränkchen, alles verdorben zu haben, und dieser Gedanke machte mich muthlos. Ich warf mich, in einer Verzweiflung, die so stark war, als sie in jenen Jahren seyn kann, nicht weit vom Schlosse nieder, und wälzte mich voll einer Angst, die am Ende in helle Thränentropfen ausbrach, Kopf oben, Kopf unten im Grase herum.
Mein erster Gedanke war, in alle Welt zu gehen. Vom Schlosse gejagt zu werden und die Ruthe zu bekommen, waren ein paar Umstände, die mich in einem Zuge bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung würden gehetzt haben, und die um so heftiger auf mich wirkten, da es ganz ausser Zweifel war, daß sie Malchen zu Ohren kommen würden. Hätt' ich in meinem Leben wieder die Augen zu ihr aufschlagen können, wenn ich mich wie ein ABC-Schütz hätte hinlegen müssen, um mir den St** mit der Ruthe malen zu lassen?
Wenn die Angst erst den kleinen Finger hat, nimmt sie bald die ganze Hand.
Besorgnisse, die mich in meinem gewöhnlichen Zustande nicht angefochten haben würden, waren mir jetzt unsäglich quälend. Ich stellte mir unter allen argen Gerichten, die über mich ergehen würden, gerade das allerärgste vor, und wenn sich auch mein sonstiger Leichtsinn von Zeit zu Zeit einmal rührte, war er doch nicht fähig, die ängstlichen Grillen zu verjagen. Ruthe und Malchen, waren zwey Begriffe, die sich durchaus nicht vertrugen, und die allein schon fähig gewesen wären, meinen Entschluß, in alle Welt zu gehen, mit jeder Minute fester zu machen; aber es kam noch ein dritter hinzu, der mir vollends keinen andern Weg übrig ließ.