Moriz: ein kleiner Roman

Part 13

Chapter 133,906 wordsPublic domain

Ich glaubte also im Grunde meines Herzens, daß mir die Gräfin durch jene Aeußerung ihrer Vertrauten einen Wink hätte geben wollen, in Zukunft nicht mehr so übertrieben scheu und furchtsam zu seyn; aber ich hatte doch nicht Muth genug, diese Ueberzeugung durch mein Betragen kundbar werden zu lassen. Indessen war ich fest entschlossen, bey der ersten Gelegenheit, wo die Gräfin von Belohnung sprechen würde, Herz zu fassen, und statt alles übrigen, einen Kuß von ihr zu verlangen. Wie selig mich dieser Vorsatz machte, den ich im Geiste schon ausgeführt sah, kann man sich ohne Mühe denken.

Gegen Abend bat mich die Kammerjungfer, ein wenig mit ihr auf ihr Zimmer zu kommen. Ich that es gern und willig, ob ich gleich sonst alle Einladungen dieser Art mit Hartnäckigkeit von mir gewiesen hatte. Aber was für eine Aussicht öffnete sich mir, wenn ich es _diesmal_ ihr nicht abschlug! Das Zimmer der Gräfin stieß an das ihrige -- wie leicht konnte sie ihr nicht irgend einen Auftrag zu machen haben -- sie mußte mich sehen, und gewiß mit mir sprechen -- ich hätte dann Gelegenheit, das von ihr zu fodern, was sie mir durch ihre Vertraute hatte -- anbieten lassen -- und vielleicht geschah diese Einladung wiederum auf ihr ausdrückliches Verlangen.

Diese Gedanken jagten mich gleichsam zu dem Zimmer der Kammerjungfer. Es mußte der Bübin sehr leicht werden, diese ungewöhnliche Bereitwilligkeit auszudeuten.

Kaum fünf Minuten vorbey, so ging die Thür auf, und in derselben stand die Gräfin. Ich sprang auf.

»Laßt euch nicht stören, Kinder!« sagte sie mit einer überaus _gnädigen_ Miene: »Ihr seyd überdies so still, daß man euch kaum hört! -- Wilhelmen ist heute wieder wohl?« fuhr sie zu mir fort.

Recht wohl! erwiederte ich, und in diesen Augenblicken fühlte ich mich auch wirklich recht wohl.

»O, es ist ihm ja nie weh gewesen!« schnatterte die Kammerjungfer dazwischen. Die Gräfin schien flüchtig zu erröthen, aber ich brannte über und über.

»Er verlangt auch nicht einmal ein kleines Schmerzengeld!« fuhr sie fort.

Ich war wie mit heissem Wasser begossen, und zitterte an Händen und Füßen.

»Ich habe ihm eins in Vorschlag gebracht,« fuhr sie fort und hustete auf eine schelmische Art, indem sie mich scharf ins Auge faßte und mich bey der Hand nahm --

»Soll ichs sagen, Wilhelm?«

Vorher dürstete ich nach einer Gelegenheit, der Gräfin mein Anliegen vorzutragen, und jetzt, als ich sie in Händen hatte, war ich halbtodt!

»Er will weiter nichts, als« -- sie führte mich zur Gräfin, und deutete mit dem Zeigefinger der linken Hand auf ihre Lippen und auf die meinigen --

»O,« rief die Gräfin wie aufgebracht: »_meine_ Einwilligung habt ihr! Wenn der Herr zurückkömmt, will ich es ihm vortragen. Wenn das alles ist, was Wilhelm verlangt, das soll ihm gewährt werden« --

Ich fuhr nach ihrer Hand, denn ich bildete mir ein, sie hätte die Pantomime der Kammerjungfer gerade so verstanden, wie ich --

»Ja, ja,« rief sie noch hitziger als vorher, und zog die Hand zurück: »ja, ja! Ihr sollt -- Mann und Frau werden, auf mein Ehrenwort.« -- Sie schlüpfte in ihr Zimmer, und ich wußte nicht, ob ich im Himmel oder auf Erden war. Die Kammerjungfer wollte sich halbtodt lachen.

»Mann und Frau!« rief ich, wie aus einem Traum erwachend: »Wir beyde Mann und Frau?«

Nicht anders, mein lieber Wilhelm! sagte sie lachend, und wollte mich bey der Hand nehmen. Ich schleuderte sie unsanft von mir.

»Ich bin nicht in Sie verliebt,« rief ich so laut, daß mich die Gräfin wohl hören konnte: »ich bin nicht in Sie verliebt! Ich mag Sie nicht heyrathen! Ich mag keine Frau! Das ist ein Mißverstand« --

Unter diesen Worten lief ich lärmend aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Aber kaum war ich unten, so fuhr mir der Irrthum der Gräfin von neuem wilder als vorher durch den Kopf; ich stürmte die Treppe hinan, rannte, schier ohne Bewußtseyn, durch das Zimmer der Kammerjungfer, machte das Zimmer der Gräfin weit auf, und rief hinein: _Nein, gnädige Gräfin, ich bin nicht in Lisetten verliebt!_ schlug die Thür zu, und stürzte wie vorher die Treppe hinunter.

Wie bitter war ich getäuscht! Ich glaubte eines Kusses von ihren Rosenlippen schon so gewiß zu seyn, und statt desselben soll ich bekommen -- eine Frau?

Fünftes Kapitel.

_Welch eine Heldenthat!_

Was wollte ich nicht alles thun, um der Gräfin zu beweisen, daß es mir nie eingefallen wäre, mich in ihr Kammermädchen zu verlieben, vielweniger sie von ihr zur Frau zu begehren. Halbverrückt machte mich dieses Mißverständniß. Aber ich bekam auch dadurch Muth, alles zu wagen. Meine Liebe und meine Ehre wirkten hier vereint, und diese ersteigen den Himmel, wenn sie wollen.

Am Abende dieses Tages, dem schönsten in der Natur, saß ich, trübsinnig und in Gedanken verloren, in dem kleinen Lustgehölze, das an den Garten stieß, unter Bäumen, deren Zweige, vom leisen Abendwinde bewegt, sanft über meinem Haupte zitterten. Vor mir wallte ein großer Teich, den der aufgehende Mond in fließendes Silber verwandelte, und neben mir rauschte ein kleiner Bach in gekräuselten Wellen dem Wasserbehälter zu. Bald sah ich mit starren Blicken in den spiegelhellen Teich, und beschäftigte mich mit den kleinen Wölkchen, die dem Monde vorüberschwebten; bald blickte ich in das Gewimmel der kleinen Krystallwellen, die sich rauschend in tausend Brillanten zerschlugen, über einander hüpften, von neuem sich sammleten, und von neuem auseinander rauschten.

Ich sah das alles, sah es aber nur. Eine süße Wehmuth bemächtigte sich meines Herzens, und meine Phantasie hing an dem Bilde der Gräfin, das sich mir immer noch in eben dem Lichte zeigte, worin es den ersten gewaltigen Eindruck auf mich gemacht hatte.

Was würde ich ihr nicht alles sagen, wenn ich sie jetzt sehen sollte! rief ich, und in dem Augenblick hörte ich ein kleines Geräusch hinter mir. Ich sah mich um, und vor mir stand -- die Gräfin. Fort war mein Muth, meine schönen Phantasien mit ihm!

Sie setzte den Fuß erschrocken zurück. Mit Zittern erwartete ich ihr erstes Wort. Ihre Verwirrung schien der meinigen nichts nachzugeben.

Ist Lisette hier? sagte sie endlich mit zitternder Stimme.

Was sollte _die_ hier? versetzte ich hastig.

Ich dachte! fuhr sie gleichgültig fort.

Jetzt Muth gefaßt, sagte ich bey mir selbst, oder nimmer.

»Die gnädige Gräfin glauben wohl immer noch, daß ich in Lisetten verliebt sey?«

Sie lächelte bey diesen Worten, die ich mit Mühe hervorbrachte.

»Nein,« sagte sie, »nach Ihrer heutigen lauten Erklärung glaub' ichs nicht mehr. Sie dachten gewiß, man wollte Sie zwingen. Sie waren außer sich!«

Kein Wunder, sagte ich, solch ein Mißverstand!

»Lisette hat mir aus dem Traum geholfen!« erwiederte sie. Sie wollte lachen, aber es schien ihr sauer zu werden. Auch kam es mir vor, als ob sie immer noch eben so sehr verlegen wäre, als ich selbst.

»Lisette hat _alles_ gesagt?« rief ich, und trat näher, und ergriff sie, als sie den Fuß fortsetzen wollte, bey der Hand. Sie wandte ihr Gesicht sorgsam auf die Seite, gleichsam als ob ich schon im Begriff wäre, mir das bewußte Schmerzengeld von ihren Lippen auszahlen zu lassen. Dies sehen, sie umfassen, und ihr den feurigsten Kuß mit Heftigkeit auf die Wange drücken, war das Werk eines Augenblicks, während dessen ich drey Himmel vor mir aufgethan zu sehen glaubte.

Sie entriß sich, der schönsten Verwirrung voll, meinen Armen, und rief mir, indem sie sich eilig entfernte, die Worte zu: ein Glück für Sie, daß Sie mir das Leben gerettet haben!

Welch eine Heldenthat! Triumphirend ging ich in meine Kammer, aber ich schlief diese Nacht nicht weniger unruhig, als die vorhergehenden.

Sechstes Kapitel.

_Der Graf kömmt zurück._

Ich konnte es nicht gewiß wissen, ob die Gräfin bey allen diesen Auftritten mit ihrer Vertrauten aus Einer Karte spielte oder nicht. Bey der vorletzten Scene, als die Gräfin mich so schmerzlich mißverstand, schien Lisette uns beyde zum Besten zu haben, aber die Begebenheit des vorigen Abends konnte ich nicht für bloßen Zufall halten: denn die Gräfin ging sonst, selbst bey hellem Tage, nicht allein im Garten spatzieren, noch weniger des Abends. Auch glaubt' ich aus gewissen kleinen geheimnißvollen Aeußerungen der Kammerjungfer schließen zu können, daß sie von meiner heldenmüthigen Unternehmung auf die Lippen der Gräfin etwas müsse gewußt haben. Auf jedem Fall benahmen sich beyde sehr meisterhaft: die Gräfin als eine Frau von Erziehung und Gefühl für Ehre und weibliche Würde; und ihre Vertraute, als ein Mädchen voll Schlauigkeit und Erfahrung, verbunden mit einer unumschränkten Ergebenheit für ihre Gebieterin.

Man glaube nicht, daß ich diese Bemerkung auf der Stelle habe machen können. Kopf und Herz standen mir ja damals in lichten Flammen.

Nach jedem Kampfe wuchs meine Liebe mächtiger heran. Ich suchte die Gräfin, und floh sie, wenn ich sie gefunden hatte; ich zitterte, wenn ich mit ihr sprechen sollte, und zitterte, wenn ich schweigen sollte. O, die Erfüllung des ersten Wunsches war die Mutter von Millionen andern geworden! Seit jenem Kuß brannte ein Feuer in meinen Adern, das meine ganze Lebenskraft aufzulösen und auszutrocknen drohete.

In diesem Zustande war ich, als der Graf zurückkam. Er trug mich fast auf den Händen, und bot mir Belohnungen an, deren Größe und Umfang mich beschämten. Aber was konnte er mir anbieten, das nicht schon tausendfach von der Belohnung überwogen ward, die ich mir selbst genommen hatte? Der alte Tobias sagte: ich könnte wenigstens _den Titel eines Leibjägers_ dafür verlangen.

Die Zurückkunft des Grafen machte, daß ich die Gräfin nicht mehr so oft sehen und sprechen konnte, als vorher. Sie war durch ihren Gemahl gebunden, und ich durch den alten Tobias. Wenn auch beyde oft ganze Tage auf der Jagd waren, so blieben doch immer die übrigen Bedienten im Hause. Meine Wunde ward auch zusehends besser, und meine Jägerspflicht wartete auf mich.

Aber das war noch nicht alles. Lisette sagte mir, daß eine Busenfreundin der Gräfin unterwegs sey, die den ganzen Sommer, und auch wohl -- _je nachdem es wäre_ -- setzte sie geheimnißvoll hinzu -- den Herbst bey ihr zubringen würde. Da sie sich sehr lange und immer als die besten Freundinnen in L* gekannt hätten, so würden sie wohl unzertrennlich seyn. Es hätte eine besondere Bewandniß mit dieser Dame -- fuhr sie erröthend fort -- die sie mir aber nicht sagen könnte. -- Es würde auch zu R** (der nächsten Stadt) ein Zimmer für sie gemiethet, weil es dort (sie that die Hand vor die Augen) einen geschickten -- Geburtshelfer gebe.

Ich hörte wenig auf alles, was sie mir sagte, weil ich mehr mit dem Hinderniß meiner Liebe selbst, als mit den Umständen beschäftigt war, die es veranlaßten. Von allen Seiten war also meine Leidenschaft eingeengt, und sie ward gewaltiger dadurch. Sie drohete Durchbruch, wie ein verhaltner Strom.

Seit drey Tagen, so lange der Graf zurück war, hatte ich sie nicht gesprochen. Was für Plane machte ich nicht während dieser drey Tage! Ich ging täglich hundertmal in den Garten, und machte mir, mit dem Grabscheit oder Gärtnermesser, unter ihrem Fenster etwas zu schaffen. Aber dadurch erhielt ich nichts, als daß ich sie zuweilen am Fenster sah. -- »Ehedem, als ich ihr noch nicht das Leben gerettet hatte,« sagte ich oft, in gewissen Anwandlungen von Unwillen, bey mir selbst: »sprach sie zuweilen aus dem Fenster zu mir, und jetzt kehrt sie mir den Rücken zu, wenn sie mich erblickt!« --

Ich glaube, daß ich damals diesen Umstand ganz falsch deutete.

Am Morgen des vierten Tages, als der Herr auf der Jagd war, und der alte Tobias den Vogelsteller machte, sah ich, daß Lisette das Frühstück der Gräfin in den Garten trug. Ich flugs hinterdrein, band einen Strauß von Blumen, um einen Vorwand zu haben, und erwartete sodann die Gräfin.

Sie erschien bald, und ich näherte mich der Laube, wo das Frühstück auf sie wartete. Lisette hüpfte mir entgegen, und sagte, sie wolle hinaus, dem alten Tobias entgegen, welcher der Gräfin eine Amsel zu bringen versprochen hätte.

Ich zeigte ihr den Strauß, und fragte sie, ob sie ihn der Gräfin einhändigen wollte. »Ich sollte es selbst thun!« sagte sie und flog davon. Ich wäre auch in Verzweiflung gewesen, wenn sie sich dazu erboten hätte.

Mit schwankenden Knieen trat ich in die Laube, die rund herum dicht überwachsen war. Sie saß im Hintergrunde derselben. Ich trat hinzu und überreichte ihr die Blumen, ohne einen Laut hervorbringen zu können.

Für mich, mein lieber Wilhelm? sagte sie.

»Für Sie, gnädigste Gräfin! Ich habe sie selbst gezogen!«

Sie müssen das ganze Beet geplündert haben, so viel sind es!

»Auch nicht eine einzige, die schön war, ist stehen geblieben!«

Es folgte eine Pause. Ich weiß nicht, wer von uns beyden in der größten Verlegenheit war. Um die ihrige zu verbergen, zog sie den Duft meiner Blumen ohne Aufhören in sich. Ich bestrebte mich zu sprechen, und über diesem Bestreben ward ich stummer und stummer.

»Sie pflegen immer viel, sehr viel zu geben, Wilhelm!« hub sie endlich, in Bezug meiner letzten Worte, wieder an.

O, immer zu wenig, rief ich, immer zu wenig! --

»Auch Todesgefahr nennen Sie wenig?«

Sie lächelte mit nassen Blicken auf mich her.

Auch Todesgefahr, rief ich, auch Todesgefahr, wenn ich ein Leben dadurch retten kann, das mehr werth ist, als Millionen andre!

»Guter, guter Wilhelm!« rief sie, und ich -- stürzte ihr zu Füßen. Mein Auge suchte das ihrige und fand es, meine Seele folgte meinen Blicken, und ich sog aus den ihrigen ihre Seele. Dies war der Augenblick, wo Herz und Herz einander entgegen flogen, wo innig und innig verschwistert und verschlungen, beyde dem Körper sich entschwangen; wo Auge und Lippe, wo Finger und Arm, wo jeder Nerve, jede Fiber und jeder Pulsschlag: _ich liebe dich! ich liebe dich!_ zu sagen sich bestrebte, und nur die Zunge allein schwieg. -- O Sprache, arme Sprache, woher nimmst du Worte für diesen Augenblick? der uns in ein Elysium hinüber zauberte, in welchem tausend neue Elysien mit ihren Freuden vor unserm verklärten Auge in himmlischer Schönheit sich entwickelten!

Plötzlich hörte ich einen lauten Seufzer, und in eben dem Nu flatterte ein Vogel zur Laube herein, der mit seinen Flügeln die Decke derselben rauschend schlug. Ich sprang auf, und sah den alten Tobias vor mir. Die Gräfin sank ohnmächtig zurück.

Siebentes Kapitel.

_Freundschaft und Pflicht._

Lieber Tobias, rief ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge.

Er drehete sich um, und sagte: »Ich bin dein lieber Tobias nicht mehr, und du bist mein lieber Wilhelm nicht mehr.« -- Ich wollte ihn halten, aber er riß sich von mir los.

»Sieh nur,« rief ich und zeigte auf die Gräfin, »hilf doch!«

Hilf Du selbst! sagte er unwillig, und ging mit schnellen Schritten aus der Laube.

Ich sprang, zwischen Schrecken und Angst und Liebe und Mitleid getheilt, zur Gräfin zurück, und schüttete ein ganzes Glas Wasser, das beym Schokolate stand, ihr über das Gesicht! Sie schlug die Augen auf!

»Gott, was soll aus mir werden!« rief sie: »Er sagt es dem Herrn!«

In dem Augenblick trat Lisette in die Laube.

»Hier! hier!« sagt' ich, indem ich auf die Gräfin zeigte, »Hülfe!« -- Es fehlte mir an Athem und Worten und das gewaltsame Klopfen meines Herzens drohete mir die Brust zu sprengen. Ich eilte dem alten Tobias nach. Er war todtenblaß, und die Augen standen ihm voll Wasser. Ich nahm ihn bey der Hand --

»O, wenn du doch ein Schurke wärst, Wilhelm,« sagte er, und die Thränen rollten ihm in den grauen Bart: »mit Freuden wollte ich meine Pflicht thun!«

Er stand still, faltete beyde Hände fest in einander, und sah mit starren Blicken zur Erde.

»Ja,« rief er nach einigen Augenblicken: »Ja, er muß es wissen, ich kann es nicht verschweigen!« --

»Tobias,« rief ich und umschloß ihn, und drückte ihn an mein Herz, »lieber Tobias!« --

Er machte sich sanft von mir los, und ein heftiges Schluchzen ließ ihn nicht zu Worten kommen.

»Und wenn du ein Wilddieb wärst,« sagte er endlich: »so wollte ich dir durch die Finger sehen.« --

Er schluchzte von neuem heftiger.

»Aber ein Ehrendieb,« fuhr er fort, »ein Ehrendieb meines Herrn, meines Grafen -- Nein, ich kann dich nicht mehr ansehen. Geh mir aus den Augen!«

»Lieber Tobias,« rief ich: »wenn du auch mich nicht schonen willst, so schone doch wenigstens die arme Gräfin!«

Er stutzte einen Augenblick. Ich benetzte seine rechte Hand mit meinen Thränen, während er mit der linken die seinigen abwischte.

»Ach Gott,« rief er, indem er den Kopf langsam und entkräftet auf die linke Schulter sinken ließ: »ich _kann_ es ja nicht verschweigen, ich _darf_ es ja nicht verschweigen!«

»Fodere was du willst,« rief ich, »von der Gräfin und von mir: du sollst es haben. Lege mir irgend etwas auf, das ich für dich thun soll, ich ruhe nicht, bis ich es gethan habe. Willst du dich glücklich machen, deine ganze Familie glücklich machen, so rede, ich bringe dir die ganze Schatulle der Gräfin!«

»Wie,« rief er, und der Zorn gab seinen Augen neues Leben: »du willst mir meine Pflicht abkaufen?«

Er schob mich unsanft von sich.

»Hättest du mir doch lieber ein Messer ins Herz gestoßen, Wilhelm, als das gesagt!« -- setzte er sanfter hinzu. --

Wir waren während der Zeit bis vor seine Kammer gekommen. Er trat hinein, und ich wollte ihm folgen, aber er drückte die Thür vor mir zu und schloß sie ab.

Achtes Kapitel.

_Moriz läuft Sturm._

Ich durfte nicht laut vor seiner Kammer seyn, um das übrige Gesinde nicht herbey zu ziehen. Mit stillem verhaltnen Schmerz lief ich in den Garten zurück. Ich traf die Gräfin und Lisetten noch in der Laube. Lisette lag vor der Gräfin auf den Knieen, als ich hineintrat, und ich hörte nur noch die Worte: »O Gott, warum mußte ich den alten Spürhund fehlgehen! Er geht _oben_ herein, während ich _unten_ Wache halte!« Sie sprang auf, als sie mich sah, und die Gräfin erröthete mitten unter der Angst.

»Er wird uns verrathen!« rief ich: »Es ist keine Rettung!«

Die Gräfin ward von neuem ohnmächtig. Ich ging mit großen Schritten in der Laube auf und ab. Schrecken, Angst und Verzweiflung uns rettungslos zu sehen, raubten mir Bewußtseyn und Verstand.

Mitten unter dieser Verwirrung, trat ein Wachtelhund, des Grafen Liebling, in den Eingang der Laube, witterte und rannte davon. Beweis genug, daß der Graf in der Nähe sey. Die Gräfin sprang auf und wußte nichts von Ohnmacht, Lisettens Thränenquell versiegte, und ich -- fühlte mich ganz leicht. Hier ward Schrecken von Schrecken übermeistert, und die Betäubung, die nun folgte, dauerte lange genug, um uns dem Grafen entkommen zu lassen, ohne daß wir ihm aufgefallen wären. Er sprach zwey Worte mit der Gräfin, und ließ sie gehen, und als er mich um meine Verrichtung in der Laube befragte, sagte ich frisch und rund: Tobias hätte eine Amsel fliegen lassen, die hätte ich wiederfangen wollen, aber sie wäre fort.

Er ging, und ließ mich stehen. Sogleich eilte ich zur Kammer des alten Tobias zurück. Weil niemand in der Nähe war, so sah ich durch das Schlüsselloch. Er ging, beyde Hände fest in einander geschlungen, jammernd auf und ab, und fuhr sich zuweilen mit der verwandten Hand über die Augen. Ich pochte leise an die Thür.

»Wer ist da?« rief er mit schwacher Stimme.

»Ich bins, lieber Tobias!« rief ich kläglich.

Er antwortete nicht, machte aber auch nicht auf. Ich pochte noch einmal und stärker, aber kein Gehör; ich nahm die Faust, die Thür blieb zu -- Und nun geh' es drunter und drüber! rief ich in rasender Wuth, und fing an, die Thür mit den Fäusten, mit den Knieen, mit den Schultern, und endlich gar mit dem Kopfe zu bearbeiten, daß sie donnerte und krachte.

In wenig Augenblicken stand das ganze Hausgesinde in einem halben Zirkel um mich herum, und Knecht und Magd, und Jungfer und Diener bezeigten mir ihr Staunen, und ihre Neugier, jedes nach seiner Art. -- Ich glaubte der Himmel fiele über mich zusammen.

Ich durchbrach das Getümmel, und suchte das Freye, aber der Haufen zog hinter mir her. Ich bat die Verständigsten darunter, kein Aufsehen zu machen, sie sollten alles erfahren: der Haufen folgte. Ich drohete, den ersten, der mir zu nahe käme, mit Gewalt zurückzuführen: der Zug blieb mir auf den Fersen. Ich stieß einige ziemlich unsanft zurück: diese blieben hinten, die hintersten drangen vor, und die Gesellschaft folgte mir in schönster Ordnung auf dem Fuße. Als ich mich so von allen Seiten umzingelt und umlagert sah, blieb mir nichts übrig, als mich durchzuschlagen, und dies gelang mir so gut, daß ich meine Kammer erreichte, und Zeit genug behielt, sie hinter mir abzuschließen. In eben dem Augenblick riefen ein paar Stimmen: _der Herr kömmt!_ Ich warf mich ohne Athem und aller Sinne beraubt auf mein Bette, drückte die Augen fest zu, und bestrebte mich, auch das letzte Fünkchen von Bewußtseyn, das noch in meinem Kopfe glimmte, in bitterer Verzweiflung zu ersticken.

Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Die Stimme des alten Tobias erweckte mich endlich. Ich öfnete ihm meine Kammer. Er nahm mich stillschweigend und mit abgewandtem Gesichte bey der Hand, führte mich über den Schloßhof, durch ein altes verfallenes Nebengebäude, schloß eine eiserne Thür auf, schob mich hinein und legte das Schloß wieder davor.

Neuntes Kapitel.

_Moriz schüttelt den alten Tobias._

Nun hatte ich Zeit und Gelegenheit genug, über das, was geschehen war und geschehen würde, reiflich nachzudenken. Es war gewiß, daß Tobias dem Herrn die ganze Begebenheit entdeckt hatte. Aber mein Schicksal lag mir nicht so schwer auf dem Herzen, als das Schicksal der Gräfin. Ich zitterte für sie, wenn ich an die hitzige Gemüthsart des Grafen dachte; doch ward ich wieder durch den Umstand getröstet, daß er sich gegen mich nichts weniger als jachzornig benommen hatte. Jeder andre wäre thätlich mit mir verfahren, aber er, läßt mich blos einsperren, und noch dazu durch einen Andern. Was auf diesen Verhaft folgen würde, wußte ich freylich noch nicht.

Ich befand mich in einem runden Thurme, der vor Alters eine Warte gewesen zu seyn schien, jetzt aber als ein Gefängniß für ungehorsame Bauern gebraucht wurde. Eine schmale Wendeltreppe führte hinab in ein finsteres Gewölbe, und eine andre hinauf in eine Art von Stube, die durch drey oder vier stark vergitterte Löcher ihr Licht erhielt. Ich saß eine Zeit lang auf der untersten Stuffe der Treppe, die hinan führte, und war in tiefen und traurigen Betrachtungen versunken. Die Finsterniß, die rund um mich herrschte, machte die Bilder, die meine Phantasie sich schuf, um so heller und heller; auch wurden sie um so mannichfaltiger und zahlreicher, je verwickelter und verwirrter mein Schicksal mich dünkte, und je weiter sich die Hoffnung eines guten Ausgangs von meinem Herzen entfernte. Man kann leicht denken, daß auch Malchen in diesen Augenblicken mir erschienen seyn müsse: mein Bestreben, dies Bild, das mir doppelt peinlich war, vor meinen Augen zu entfernen, ging jedesmal in eine förmliche Herzensangst über.

Endlich stieg ich die Treppe hinan. Ich fand in dem obern Behältnisse nichts, als eine steinerne Bank und einen steinernen Tisch. Dieser handfeste Hausrath erweckte in mir eine Besorgniß, die mich mit jeder Minute heftiger peinigte. -- »Wer wehrt es dem Grafen, rief ich trostlos aus, mich Zeitlebens in diesem undurchbrechlichen Kerker eingesperrt zu halten? Er ist Herr über sein Gesinde, und kann den Verbrecher nach Willkür strafen! -- Wenn ich auch rufe, wer hört mich? Wer es hört, kann mich nicht retten! Die großen Schlösser an der eisernen Thür widerstehen der Axt, und die dicken Quadern und starken Gitter dem Brecheisen!«

Während ich so sprach und dachte, hatte ich doch die Stärke meines Armes an den Gittern versucht.

Es war schon finster in meinem Kerker, als ich ein Gerassel an der eisernen Thür und die Stimme des alten Tobias hörte. Ich stieg hinab, und er reichte mir durch die Klappe, die in der Thür angebracht war, Brot und Wasser herein. Ich darf dir nichts besseres geben, sagte er gerührt, er hat es so befohlen!

»Aber was soll aus mir werden, Tobias?« rief ich, als ich meine karge Aetzung neben mir nieder gesetzt hatte.