Moriz: ein kleiner Roman

Part 12

Chapter 123,801 wordsPublic domain

»Die Gräfin hätte heute einen Brief bekommen,« sagte sie: »von einer Freundin, mit welcher sie zu L* in Pension gewesen wäre.« --

Bey diesen Worten regten sich alle meine Haare auf der Scheitel.

»Die Gräfin hätte ihr zwar den Brief von Anfang bis zu Ende lesen lassen,« fuhr sie fort, »aber er wäre so lang gewesen, daß sie nicht alles hätte behalten können. Genug, ihre Freundin habe einen Herrn sehr lange und von ganzem Herzen geliebt, und habe geglaubt, auch von ihm geliebt zu seyn; aber ein paar Tage vorher, da die Hochzeit hätte vor sich gehen sollen, wär' er gekommen, habe sie unversehens überfallen, und ihre Schwester mit dem Degen gestochen, doch ohne ihr Schaden zu thun, wäre sodann davon geritten und niemand wisse, wohin!«

Ich bekam wieder Athem bey den Worten »_ihre Schwester gestochen_« denn ich wußte sehr genau, daß ich eine _Mannsperson_ gestochen hatte; aber ruhig machte mich dieser Gedanke nicht, weil die übrigen Umstände gar zuviel Aehnliches mit meiner Geschichte hatten. Die Freundin der Gräfin war zu L* in Pension gewesen -- das paßte auf Malchen -- ihr Liebhaber hatte sie kurz vor der Hochzeit überfallen -- das paßte auf mich -- war davon geritten und niemand wüßte wohin -- ich war auch davon geritten, und vermuthlich wußte niemand, wohin. Ich that noch hundert schüchterne Fragen nach dem Namen der Freundin, nach dem Orte, wo die Begebenheit vorgefallen, und wie der Liebhaber geheißen habe; aber sie wußte keine zu beantworten, und gestand endlich, vermuthlich weil sie sich vergaß, daß sie den Brief nicht selbst gelesen, sondern nur dazu gekommen wäre, als die Gräfin den Inhalt desselben der Gouvernante erzählt habe. Wenn mir aber daran gelegen wäre, so wollte sie die Gräfin befragen und ich sollte alles erfahren.

Was für Ursachen sich heute eine auf die andre häuften, um mich in die schrecklichste Unruhe zu versetzen! Bald war mir der erwähnte Brief so gewiß von Malchen, daß ich aufsprang, und noch diesen Abend davon wollte; bald dünkte es mich so unwahrscheinlich, daß ich laut über meine Aengstlichkeit lachte. So ward ich die ganze Nacht hindurch zwischen Ja und Nein hin und her geworfen, bis ich endlich, aber nicht eher, als da die Sonne aufging, mit festem Muth auf dem Nein beharrete. So lange es Nacht blieb, und ich nur mit den Augen der Phantasie sehen konnte, war es mir nicht möglich gewesen, mich von dem ängstlichen Ja loszuwinden.

Zehntes Kapitel.

_Der Graf verreiset._

Es geschah, daß der Graf in Familienangelegenheiten nach W* ging. Die Gräfin hätte diese Reise, wie ich hörte, gerne mit ihm gethan, aber er fürchtete, daß sie ihm in W* auf mancherley Art zur Last fallen möchte. Besuche geben und nehmen, sich anziehen, sich zur Schau stellen, war seine Sache nicht; und das wäre unvermeidlich gewesen, wenn er seine junge Gemahlin der Familie hätte aufführen wollen. Er ließ sie also zurück. Mich hätte er gerne mitgenommen, wenn es möglich gewesen wäre, den eisgrauen Schildknappen Tobias von seiner Seite zu entfernen.

Um mit Glanz in W* zu erscheinen, nahm er alle männliche Bediente mit, und niemand blieb im Hause, als die Gräfin, ihre Kammerjungfer, die Gouvernante, die beyden Fräulein und ich. Der Piarist blieb jetzt halbe Tage hindurch auf dem Schlosse, um, wie er sagte, den Frauenzimmern die Zeit zu vertreiben; und er war auch wirklich sehr wohl bey ihnen gelitten, denn er konnte -- krähen wie ein Hahn, bellen wie ein Hund, und miauen wie eine Katze.

Der alte Tobias sagte mir, als er mit dem Grafen abreiste, ich sollte ein wachsames Auge auf den Pfaffen und auf die Französin haben, er trauete beyden nur so weit als er sie sähe.

Sie selbst mochten es auch wohl wissen, daß sie an dem alten Tobias einen unbestechlichen Argus hatten. Beyde waren um so höflicher und gefälliger gegen ihn, je mehr sie sich vor ihm fürchteten. Sobald er also den Rücken gewandt hatte, glaubten sie freyes Feld zu haben. Sie gingen stundenlang im Garten spazieren, und waren immerfort in sehr geheimnißvollen und ernsthaften Gesprächen begriffen.

Drey Tage nach der Abreise des Grafen befand ich mich im Garten und verpflanzte unter der Aufsicht des Gärtners einige junge Bäume. Der Piarist erschien mit der Gouvernante und den beyden Fräulein, doch mußten letztere immer eine Strecke voraus gehen. Als sie nicht weit mehr von uns entfernt waren, zog der Piarist in der Hitze des Gesprächs das Schnupftuch heraus, und mit demselben etwas Glänzendes, das ich für einen Schlüssel hielt. Ich sprang hin und hob es auf, aber es war kein Schlüssel, sondern ein Dietrich. Ich lief ihm nach und reichte ihm das verdächtige Werkzeug. Die Gouvernante ward todtenblaß und sah den Pater an. »Er gehört nicht mir!« sagte er, und gab mir den Dietrich mit der gleichgültigsten Miene von der Welt zurück. »Ich hab' ihn aber mit dem Schnupftuche herausziehn sehen!« sagte ich. -- »Sie sind nicht gescheut, Wilhelm!« sagte die Gouvernante mit zuckenden Lippen, und zog den Piaristen fort. Ich dachte sehr lebhaft an den alten Tobias, und steckte den Dietrich ein.

Eilftes Kapitel.

_Moriz ist unruhig._

Während der Abwesenheit des Grafen suchte ich mich so gut zu beschäftigen und zu zerstreuen als ich konnte. Ich war zuweilen ganze Tage hindurch auf der Jagd; legte mich, wenn ich meine Pflicht als Jäger gethan hatte, auf die Oekonomie; fischte, und half unserm Gärtner bey seinen Arbeiten; las auch zuweilen französische Bücher, die mir die Gouvernante aus der kleinen Bibliothek der Gräfin verschaffte, nicht etwa verstohlnerweise, sondern mit der völligen Bewilligung der Gräfin, die oft gesagt hatte, mein Fleiß, mein Eifer, und meine stille Aufführung verdienten, daß man mich von dem übrigen Gesinde unterschiede; auch hätte ich so etwas in meinem Aeussern, wodurch es ihr unmöglich gemacht würde, mich, wie die übrigen Bedienten, mit _Er_ oder _Ihr_ anzureden.

Ueberhaupt schien die Gräfin nicht weniger als die Uebrigen neugierig zu seyn, was es wohl eigentlich für eine Bewandniß mit mir haben möchte. So oft sie mich sah, nahm sie mich scharf aufs Korn, und sagte entweder zu mir, oder zu jedem andern, der gerade bey ihr war: Es ist gewiß, daß ich den Jäger Wilhelm schon sonst irgendwo gesehen habe. Sie verließ mich dann jedesmal mit einer nachdenklichen Miene.

Man kann leicht glauben, daß ich bey solchen Aeußerungen nicht ruhig blieb. Mehr als einmal war ich fest entschlossen, die Dienste des Grafen zu verlassen. Aber heimlich wollt' ich es nicht, und öffentlich konnte ichs nicht, weil ich keinen Grund dazu anzugeben wußte.

O, ich hatte noch eine Ursache, warum ichs nicht that. Man wird sie errathen, und über mich lachen. Eben die Ursache, die mich in der einen Minute forttrieb, hielt mich in der andern. Ich zitterte, wenn mich die Gräfin so aufmerksam ansah, und glaubte doch, es müßte nicht wenig interessant seyn, von ihr erkannt zu werden. Ich suchte mich auf die schicklichste Art zu entfernen, wenn sie in den Garten kam, und mir und dem Gärtner zusah; und brannte vor Begierde, im Garten zu seyn, wenn ich wußte, daß sie darin war. Ich erschrak vor dem Gedanken, sie möchte mit Malchen in Briefwechsel stehen, und hätte dem feind werden können, der mich völlig überzeugt hätte, sie stände _gewiß nicht_ mit ihr in Briefwechsel. Ich Thor, ich unbegreiflicher Thor! -- Aber, werfe den ersten Stein auf mich, wer da will. Vor dem, der geliebt hat, und dem, der das menschliche Herz kennt, bin ich sehr sicher!

Zwölftes Kapitel.

_Hülfe! Hülfe! Hülfe!_

Am Abend des zehnten Tages nach der Abreise des Grafen, ließ mich meine Phantasie, die durch ein neues Examen von Seiten der Gräfin aufgeregt worden war, nicht einschlafen. Es war ein unfreundliches Wetter draussen. Sturm, Regen und Schlossen brausten und rasselten auf Dächern und an den Fenstern. Der Wetterhahn auf dem Schloßthurm schwirrte, und die Hunde heulten in ihren Zwingern. Ich verhüllte mich fest in meine Küssen, und wartete ängstlich auf den Schlaf, aber meine Einbildungskraft, die sich mit dem Brausen des Windes vereinigte, entfernte ihn immer weiter und weiter von mir.

Voll Ungeduld richtete ich mich endlich im Bette auf. Im Nu kam es mir vor, als ob ein Lichtstrahl plötzlich in meine Kammer fiele, und eben so plötzlich wieder verschwände. Meine Kammer war unten im Hause, gerade der Treppe gegenüber, die in den ersten Stock zur Wohnung der Herrschaft führte. Hinter mir war die Thüre, durch die man auf einigen Stufen in den Garten hinab kommen konnte. Diese Thür mußte offen seyn, denn ich glaubte deutlich zu hören, wie sie vom Winde hin und her geworfen wurde, und doch wußte ich sehr genau, daß ich sie, eh' ich mich niederlegte, fest zugemacht hatte.

Ich stand auf, um sie zuzumachen. Während ich meinen Oberrock umwarf, fiel abermals ein Lichtstrahl durch das Fenster, welches in meiner Kammerthür angebracht war. Ich sah hindurch und sah nichts. Voll Befremden darüber, doch ohne mir etwas Besonderes dabey zu denken, suche ich nach dem Drücker, finde ihn, drücke und drücke -- meine Thüre war und blieb fest zu. Ich erinnerte mich zwar nicht, sie abgeschlossen zu haben, nahm aber doch den Schlüssel um aufzuschließen. -- Meine Thür war nicht zugeschlossen gewesen, ging aber auch nicht auf.

Indem ich mich noch zermarterte, um sie zu öffnen, hörte ich auf einmal ein durchdringendes _Jesus Maria!_ -- Weinend vor Ungeduld, lehnte ich mich mit meiner ganzen vereinigten Kraft gegen die Thür, und krach! sprang sie aus den Angeln und stürzte mit großem Geräusch auf den Boden, der mit Steinen gepflastert war. Ich stürmte die Treppe hinan, und hörte die Stimme des Kammermädchens, die Hülfe! Hülfe! Hülfe! schrie. Ich eilte in das Zimmer der Gräfin, welches weit offen stand, und sah Lichtstrahlen aus ihrem Schlafzimmer in dieses größere fallen. Ein dumpfes Stöhnen kam mir aus jenem entgegen.

Ich sprang hinein, und erblickte eine Weibsperson, die sich über das Bette der Gräfin geworfen hatte und mit beyden Händen beschäftigt war, sie unter Küssen zu begraben; eine Mannsperson, die vor einem geöffneten Seitenschranke stand und mit beyden Händen im Gelde wühlte; auf dem Seitentisch eine kleine brennende Diebslaterne.

Ich ergriff die Weibsperson, um sie wegzuschleudern, sie schrie, und in dem Augenblick fühlte ich einen Stich durch die rechte Seite. Meine Arme erschlafften, und ich sank ohne Bewußtseyn zu Boden.

Moriz.

Sechstes Buch.

Erstes Kapitel.

_Neue Wunden._

Als ich zu mir selbst kam, sah ich mich noch im Schlafzimmer der Gräfin auf einem Kanape, das ihrem Bette gegenüber stand. Mir zur Seiten erblickte ich die beyden jungen Fräulein, welche Todesangst auf dem Gesichte trugen. Die eine hatte ein Wachslicht in der Hand, die andre ein Glas voll Wasser, womit sie mir das Gesicht besprengte. -- »Er lebt noch!« rief die letztre, als ich die Augen öffnete. Die Gräfin richtete sich im Bette auf.

Guter Wilhelm! rief sie mit schwacher Stimme, und streckte die rechte Hand nach mir aus. -- Ich wollte aufspringen, um sie zu ergreifen, und sank kraftlos zurück.

Ihr schönes Auge, welches fest an mir haftete, schwamm in Thränen. »O, kommen sie _noch_ nicht?« rief sie, voll Angst und Ungeduld, als sie einen Blick auf das Blut warf, womit das Kanape über und über bedeckt war. -- »Geh, lauf,« fuhr sie zum ältesten Fräulein fort: »sieh, ob sie kommen!«

Das Fräulein sah sie mit der allerhöchsten Angst im Blicke an, und wagte es nicht, den Fuß aus dem Zimmer zu setzen. »So geht beyde!« fuhr die Gräfin fort. Sie schlossen sich fest an einander, und gingen langsam in das Vorzimmer. Die eine zog Muth aus der Furchtsamkeit der andern. Sie nahmen das Licht mit, und das Schlafzimmer wurde nur noch von dem matten Schein der Nachtlampe, die nahe bey dem Bette der Gräfin stand, dürftig erleuchtet.

Immer noch war ihr Auge mit dem Ausdrucke des innigsten Mitleids auf mich gerichtet. Ihr Haupt hatte sie auf die linke Hand gestemmt, und die rechte, in welcher sie ein Schnupftuch hielt, ruhte auf dem Deckbette. Ihr blondes Haar floß in reizender Unordnung über Schultern und Brust herab, und überwebte gleichsam stellenweise den Umriß des vollen Busens, der, durch Schrecken, Todesfurcht und Nothwehr aus seinen Schranken gedrängt, langsam stieg und sank.

Verloren in dem Anschauen der Schönheit, die sich hier meinem Blicke so überraschend entschleyerte, fühlte ich keinen Schmerz, wußte ich von keiner Wunde, von keiner Entkräftung mehr. Meine ganze Seele lebte in meinem Auge, und in dem ihrigen flimmerten die hellen Perlen, in welche sich das Mitleid auflöst, wenn die Zunge dem gerührten Herzen nicht folgen kann. Immerfort begegneten sich unsre Blicke, und immerfort sanken sie zu Boden, als wenn wir wechselsweise vor einander erschräken.

»O, wenn sie mir doch noch einmal die Hand reichte!« Dieser Wunsch ward nach einigen Augenblicken der herrschende in meiner Seele. Ich hütete alle ihre Bewegungen, und als sie einmal die rechte Hand aufhob, glaubte ich ihn erfüllt, sprang auf und that einen raschen Schritt nach dem Bette. Sie fuhr erschrocken zusammen, zog den Arm unter die Decke, und hüllte sich völlig ein. Ich taumelte nach dem Kanape zurück, warf den Blick seitwärts, und -- dachte an meine Wunde, und fühlte meinen Schmerz und meine Entkräftung von neuem.

Die beyden Fräulein kamen zurück und brachten die Nachricht, daß sie eine Laterne von weitem gesehen hätten: es würde wohl der Gärtner mit der Jungfer und dem Chirurgus seyn. »Dem Himmel sey gedankt!« rief die Gräfin freudig: »Nun, wird sich der arme Wilhelm nicht verbluten!«

Mein ganzes Herz bewegte sich bey diesen Worten. Für jedes hätte ich willig einen _neuen_ Stich erdulden wollen. Ich bestrebte mich, ihr zu sagen, wie sehr mich ihre Theilnehmung rührte, aber die Zunge versagte mir ihren Dienst; ich sprach mit Blicken, und sie schien mich zu verstehen.

Bald nachher kamen der Gärtner, der Chirurgus und das Kammermädchen. Man führte mich in meine Kammer, untersuchte meine Wunde und verband sie. Der Chirurgus fand sie nicht gefährlich und nannte sie eine Kleinigkeit, was nicht alle Wundärzte in ähnlichen Fällen zu thun pflegen.

Zweytes Kapitel.

_Moriz in letzten Zügen._

Ich wollte den Gärtner, dem es von der Gräfin ausdrücklich aufgetragen war, bey mir zu wachen, mehr als einmal fortschicken, aber er ging nicht. Wie lästig war mir seine Sorgfalt und Theilnehmung! Ich fühlte ja keinen Schmerz, ich wußte ja von keiner Wunde, mir war so leicht und wohl, wie mir nie gewesen war! -- O, ich hatte aus den Augen der Gräfin eine Stärkung gesogen, welche die feinsten meiner Fibern innig durchdrang, und wie der Balsam der Unsterblichkeit, mein ganzes Wesen zu einem neuen Leben stärkte und auffrischte.

Immer noch saß ich ihrem Bette gegenüber auf dem Kanape; immer noch lispelte ihre melodische Stimme: _Armer Wilhelm!_ vor meinem Ohre; immer noch sah ich die runde Hand, auf die sich ihr Haupt, wie auf eine Säule von Elfenbein gesenkt hatte; immer noch die sanften Wogen des blühenden Busens, der, hie und da vom seidenen Haar überflossen, bey der schwachen Dämmerung des Nachtlichts, den Schneehügeln Nordens sich verglich, um deren Häupter feine, monderhellte Silberwölkchen leise weben und schimmern.

Und wenn mir auch Malchen getreu geblieben wäre, so hätte ich doch in diesen Augenblicken nicht an sie gedacht.

Je tiefer ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden jene Bilder, desto fruchtbarer ward meine _Phantasie_ (denn mein _Verstand_ feyerte) an abentheuerlichen Entwürfen, wodurch ich mir das Glück verschaffen wollte, der Gräfin -- noch einmal so gegenüber zu sitzen. Es ist sonderbar, aber sehr natürlich, daß die kühnsten meiner Wünsche gerade nur auf diesen Umstand sich einschränkten, der ihnen die Entstehung gegeben hatte.

Am andern Morgen erschien die Kammerjungfer der Gräfin, und erkundigte sich im Namen ihrer Gebieterin nach meinem Befinden. Ich stellte mich Wunder wie stark, und sagte mit einer Stimme, die nichts weniger als einen kränklichen Ton hatte: _mir ist wohl, mir fehlt nichts, ich werde sogleich aufstehen!_ Ich zitterte bey dem Gedanken, daß sie an meinem Wohlbefinden zweifeln möchte.

»Aber die Gräfin ist herzlich krank,« sagte sie, »und wird wohl unter drey Tagen das Bette nicht verlassen dürfen!«

Drey Tage? Drey Tage? rief ich erschrocken, denn ich hatte Rechnung darauf gemacht, sie _heute noch_ zu sehen; und deßhalb _befand ich mich vorhin so wohl_, deßhalb _fehlte mir nichts_, und deßhalb _wollte ich sogleich aufstehen_! Jetzt glaubte ich mich weit übler zu befinden, als zwey volle Minuten vorher, und ich sagte zu der Kammerjungfer, daß es auch bey mir leicht drey Tage dauern könnte, eh' ich meine Kräfte wieder erlangte.

»Und die Gräfin glaubt,« unterbrach sie mich mit nassen Augen: »daß Sie in drey Tagen nicht mehr leben werden.«

Was? rief ich, indem ich mich schnell im Bette aufrichtete -- Was? -- Nicht mehr leben? Bin ich nicht frisch und gesund?

Ich wollte aus dem Bette springen, aber der Gärtner hielt mich zurück.

»Ach,« fuhr sie fort, »wenn die Kranken nicht wissen, wie krank sie sind, so ist es ein Zeichen, daß sie in den letzten Zügen liegen!«

Sie weinte und schluchzte ganz erbärmlich, und ich -- ich hätte verzweifeln mögen über ihre Albernheit!

In dem Augenblicke trat der Wundarzt herein. Er untersuchte meinen Puls, prophezeiete, daß ein Wundfieber unterwegs sey, und rieth mir, _mich aller Gemüthsbewegungen zu enthalten_. Darauf ging er mit der Kammerjungfer zur Gräfin. Ich flüsterte ihm ins Ohr: er sollte der Gräfin sagen, ich wäre gesund wie ein Fisch, und bat ihn zugleich noch heimlicher und leiser, mir Nachricht zu bringen, was sie dazu gesagt hätte.

Drittes Kapitel.

_Er sieht sie._

Mit dem dritten Tage fand ich mich völlig gesund. Der Arzt mochte sagen, was er wollte, ich blieb nicht im Bette. Das Wetter ward gegen Mittag so schön, daß er mir erlauben mußte, einen Spatziergang im Garten zu machen. Es hieß, die Gräfin werde heute auch das erstemal wieder ihr Zimmer verlassen, und in den Garten kommen. In eben dem Augenblicke, wo ich diese Nachricht erhielt, griff mir der Arzt von ungefähr an den Puls, und versicherte, mein Blut wäre sehr in Wallung. Ich fühlte es wohl, versicherte ihm aber das Gegentheil.

Ich ging mit ihm in den Garten, und in weniger als zehn Minuten sahen wir die Gräfin mit der Kammerjungfer die große Allee herabkommen, uns entgegen. »Es schickt sich wohl nicht,« sagte mein ängstlicher Führer: »daß wir in eben der Allee spatzieren gehen, wo die gnädige Herrschaft geht, wir wollen umkehren.«

Er wälzte mir durch diesen Vorschlag einen Stein vom Herzen. Mir war gerade so zu Muthe, als damals, wo ich auf meinem großen Ritterzuge nach L** Malchen mit verschlossenen Augen am Fenster zu sehen glaubte. Wir kehrten um, gingen aber sehr langsam, woran jedoch mein Begleiter nicht schuld war.

In wenig Augenblicken hörte ich die Stimme der Gräfin nahe hinter mir. Sie sprach stärker, als gewöhnlich -- »Vermuthlich,« dachte ich bey mir selbst: »damit ichs hören soll!« -- Aber ich hatte nicht den Muth, mich umzusehen.

»Warum laufen Sie vor mir, mein lieber Doktor?« rief sie meinem Begleiter zu, und es that mir weh, daß sie nicht _mir_ zurief.

Wir standen still, und sie trat näher.

»Was macht Ihr Patient?«

Er antwortete, ich schwieg unzufrieden.

»Wird ihm die Bewegung nicht schaden?«

Ich hoffe nicht! sagte er.

Auch nicht eines Blickes würdigt sie mich! sagte ich bey mir selbst, und meine Unzufriedenheit stieg --

»Sehn Ihr' Gnaden wohl, wie blaß der arme Wilhelm aussieht?« sagte die Kammerjungfer.

Ich glühete über und über bey dieser Bemerkung, und die Gräfin, die mich nur mit einem halben Blicke von der Seite ansah, glühete wo möglich noch stärker.

»Ja,« sagte sie, »recht blaß, recht sehr blaß!« Sie drehete sich um, und that, als ob ihr ein Staubkörnchen ins Auge gefahren wäre.

»Hast du es ihm schon erzählt?« fuhr sie nach einer Pause zur Kammerjungfer fort.

Ich? sagte diese: Nein! Ihr' Gnaden wollten es ihm ja selbst erzählen.

Die Gräfin ward von neuem roth, wandte das Gesicht weg, und sagte stammelnd: es kann ein andermal geschehen! Ich habe jetzt -- er wird jetzt -- er darf wohl nicht lange in der freyen Luft seyn, Herr Doktor?

»So lange die gnädige Gräfin befehlen« -- rief ich eilig, weil ich glaubte, der Arzt würde mir mit einem bedenklichen Achselzucken zuvorkommen. Ich war nicht wenig mit mir zufrieden, daß ich diese Worte glücklich herausgebracht hatte.

»Also kurz,« nahm die Gräfin das Wort: »man hat die _Gouvernante_ und den _Pater Benedikt_ auf der Gränze ertappt, und beyde nach P** geliefert. Ich erwarte in einigen Tagen nähere Nachricht. Gewiß ist es, daß sie ihrer Strafe nun nicht entgehen werden. -- Aber,« fuhr sie mit weggewandtem Gesichte fort: »dadurch werden die Schmerzen des armen Wilhelms nicht gelindert!«

»Ich habe keine Schmerzen!« rief ich mit aufwallender Freude.

»Weinen möchte ich über solche Großmuth!« sagte sie zur Kammerjungfer, und legte die rechte Hand vor die Augen: »Gute Besserung, mein lieber Wilhelm,« rief sie nach einer Pause, indem sie den linken Fuß fortsetzte, und mit der rechten Hand auf mich winkte.

Ich sprang wie ausser mir hin, und ergriff diese Hand, und legte sie an mein Herz, und drückte sie, und küßte sie, und -- o, ich weiß nicht mehr, was ich in diesen Augenblicken alles that!

Auf ihren Wangen brannte Bestürzung und holde Schaam. Sie riß sich mit Mühe von mir los, und verschwand in eine Seitenallee. Ich sah ihr mit starren Blicken nach, und als ich sie aus den Augen verloren hatte, sagte ich zu meinem Begleiter, der mich seinerseits auch starr ansah: mir ist nicht wohl! -- Das glaub' ich gern! erwiederte er, und führte mich aus dem Garten.

Viertes Kapitel.

_Mißverständnisse._

Die Gräfin ließ sich fast stündlich nach meinem Befinden erkundigen, und das Kammermädchen versicherte mir, daß sie trostlos sey, wenn sie an die Schmerzen dächte, die ich ihrentwegen erdulden müßte; daß sie ihren ganzen Verstand beschäftigte, um eine Belohnung zu ersinnen, die dem Dienst entspräche, den ich ihr geleistet; daß ich selbst verlangen möchte, was ich nur wollte, so sollt' ich es haben, und wär' es ihr auch das liebste und theuerste auf der Welt: dieses ließ sie mir durch ihre Vertraute versichern, und wenn ich sie denn selbst sah, und eben dies von ihr selbst wiederholt zu hören vermuthete: so war eine kalte Frage nach meinem Befinden, die sie noch dazu nur immer mit weggewandtem Gesichte an mich that, das einzige, was sie meinem dürstenden Herzen darzubieten pflegte.

»Ich wüßte wohl, was ich mir von ihr zur Belohnung ausbitten wollte,« sagte das Kammermädchen bey einer Gelegenheit zu mir --

Ich verlange nichts! sagte ich.

»Einen Kuß, mein lieber Wilhelm, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!« -- Sie sah mich dabey mit einem bedeutenden Lächeln an, welches mir mein ganzes Blut ins Gesicht trieb. -- »Errathen?« fuhr sie fort, indem sie zur Thür hinaus ging: »Sie bekommen ihn gewiß, wenn Sie ihn verlangen!«

Ich muß ein höchst albernes Gesicht gemacht haben, denn es kam in diesen Augenblicken auf nichts Geringeres an, als die höchste Verlegenheit, die höchste Freude und die süßeste Hoffnung unter einer gleichgültigen Miene zu verbergen.

Was soll ich es läugnen! Meine Eigenliebe wollte, trotz dem kalten Betragen der Gräfin, irgend etwas in ihren Blicken gelesen haben, das nichts weniger als Kaltsinn wäre. Alle die kleinen Züge, Winke und Bewegungen; das ganze Spiel ihrer Augen, ihrer Lippen und selbst ihrer Finger; den Ton ihrer Stimme, bis auf den unmerklichsten Accent, den sie auf das kleinste ihrer Worte legte -- musterte und erklärte mir diese Zauberin, die das ganze menschliche Geschlecht mit sichtbaren oder unsichtbaren Fäden umspinnt, und es tanzen läßt, wie der Puppenspieler seine Puppen.