Moriz: ein kleiner Roman

Part 11

Chapter 113,982 wordsPublic domain

Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so sprang ich auf, um ihn auszuführen. -- Aber, wo war ich? Auf welchem Wege war ich in dieses Gebüsche gekommen? Wie sollte ich mich herausfinden? Ich nahm mein Pferd her, setzte den Fuß in den Steigbügel, um davon zu reiten, und setzte ihn wieder auf die Erde, um den Tag zu erwarten. Mitten unter diesen Bewegungen hörte ich einen Hund bellen, der, nach dem Schalle zu urtheilen, nicht weit von mir seyn konnte. Ich arbeitete mich nach der Seite, wo der Schall herzukommen schien, durch das Gebüsch und zog mein Pferd hinter mir her. Das Gebell des Hundes kam mir immer näher, und endlich gelangte ich auf einen lichten Platz, an dessen einem Ende ein dürftiges Licht durch Gebüsche schimmerte.

Wäre es mir auch nur von weitem wahrscheinlich gewesen, ohne fremde Hülfe aus dem Walde zu kommen, so hätte ich mich dem Lichte gewiß nicht genähert, weil ich mir einbildete, man würde alles, was mir begegnet war, auf meinem Gesichte lesen können; und wirklich ging ich auch nicht eher auf das Licht zu, als bis ich, nach verschiedenen Seiten hin, einen Weg aus dem Walde gesucht, aber nicht gefunden hatte.

Viertes Kapitel.

_Der alte Hans._

Ich pochte mit zitternder Hand an den Fensterladen. »Wer ist da?« rief eine männliche Stimme. »Ein Reisender, der sich verirrt hat!« antwortete ich. »Will gleich aufmachen!« rief der Mann, und ich konnte es hören, wie er aus dem Bette sprang. »Um Gottes willen! ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen: mache nicht auf, Mann, wer weiß, wer es ist; es können wohl mehr seyn als einer. Sie schlagen uns todt, noch ehe wir um Hülfe schreien können!«

Der Verdacht des Weibes machte, daß mir alle Glieder zitterten. Sie hielt mich für einen Mörder, das griff mir ans Herz. Hätte ich mich nicht für einen gehalten, würde ich nicht gezittert haben. Es fehlte wenig, so hätte ich mich von neuem in das Dickigt zurückbegeben.

Der Mann schien sich zu bedenken. Endlich sagte er: ich will meine Büchse nehmen, und in Gottes Namen aufmachen! »Und ich nehme die andere!« sagte die weibliche. -- »Und ich des Vaters Hirschfänger!« eine dritte Stimme, die ich einem Knaben zuschrieb.

Die Thüre ging auf, und ein langer Mann, der in der rechten Hand ein Gewehr und in der linken eine Leuchte hielt, trat heraus. Hinter ihm stand eine halbangezogene Frauensperson, welcher die Haare wild um den Kopf hingen, und neben ihr ein Knabe, der in der rechten Hand einen bloßen Hirschfänger hatte, und mit der linken sich fest an dem Vater hielt.

Der Mann wiederholte seine Frage, und ich trat näher und gab ihm die vorige Antwort. Mein Pferd, dessen Zaum ich in meiner linken Hand hielt, streckte seinen Kopf über meine rechte Schulter, und gab den Laut von sich, den die Pferde hören lassen, wenn man ihnen zu fressen bringt, oder wenn sie nach einer Tagereise eine bekannte Herberge vor sich sehen.

Der Mann machte einen langen Hals, und leuchtete das Pferd an. -- »Ey, alter Hans,« sagte er, und richtete, ohne sich um mich zu bekümmern, seine Worte an mein Pferd: »wie kömmst du hieher?« -- Dieses sagte er mit einer Freude, als wenn er einen alten Freund, den er lange für todt gehalten, unverhofft wiedergefunden hätte. »Ach, unser Hans, Mutter!« rief der Knabe, und sprang hervor. »Wer hätte das gedacht?« sagte die Mutter, und trat auch zu meinem Pferde hin. Ich mochte sagen und fragen, was ich wollte, man hörte mich nicht. Ihre Furcht vor Räubern und Mördern schien völlig verschwunden zu seyn: wie konnten sie auch etwas Böses von einem Menschen erwarten, der sich als den Besitzer ihres alten geliebten Hansen ankündigte?

Der alte Hans war immer das dritte Wort, während ich von einer brennenden Ungeduld gefoltert wurde. Endlich ließ ich dem Knaben den Zügel, und er führte das Pferd in das Haus. Die Mutter nahm dem Vater die Laterne aus der Hand und leuchtete dem Buben. Ich folgte dem Vater in die Stube.

»Ja,« sagte er, »wenn Sie meinen Hans nicht gehabt hätten, würden Sie nimmermehr nach meinem Hause gekommen seyn. Ich habe ihn erst vor acht Tagen an den Postmeister zu G* verkauft. -- Bleiben Sie nur diese Nacht bey mir, morgen in aller Frühe bringe ich Sie aus dem Walde!«

Ich ließ es mir nothgedrungen gefallen, und nachdem ich ihm über seinen Hans mit drey Worten Auskunft gegeben hatte, erfuhr ich, daß ich mich in dem A* Gebiethe ohnweit W*, mithin sechs Meilen von Lehmniz und sieben Meilen von L* befände.

Der Alte ward sehr gesprächig, aber ich hörte wenig von allem was er sagte. Wie konnte ich es auch bey dem Sturme von Empfindungen, der in meiner Brust tobte? Ich stämmte mein Haupt auf beyde Hände, sah starr vor mich hin, und antwortete ihm endlich gar nicht mehr.

»Der junge Herr ist verdrüßlich,« sagte er zu Frau und Sohn, als sie zurückkamen, und mir erzählen wollten, daß sie den alten Hans in den Stall geführt und ihm zu fressen gegeben hätten: »Laßt ihn in Ruhe! -- Doch setz' ihm zu Essen her,« fuhr er zur Frau fort, »wenn er etwa hungrig ist, und dann geh mit dem Jungen schlafen. Ich lege mich nicht mehr nieder, es ist bald zwey Uhr.«

Die Frau brachte Milch, Butter und Brod und entfernte sich mit dem Knaben. Der Alte näherte sich mir und sagte: »Junger Herr, hier ist zu essen, wenn Sie essen wollen, und dort mein Bette, wenn Sie schlafen wollen!« -- Ich sah ihn gerührt an und reichte ihm stillschweigend meine Hand. Aber ich hatte weder Eßlust noch Schlaflust.

Sobald der Tag anbrach, setzte ich mich in Bewegung. Meinen Wirth fand ich bey meinem Pferde. Er hatte ihm zu Fressen gegeben, und war im Begriff, es zu striegeln. Ohne ihm ein Wort zu sagen, nahm ich Sattel und Zaum. Er wand mir beydes aus den Händen und sagte: ich sollte ihm die Freude lassen, seinen alten Hans zum letztenmale zu satteln. Diese Freude ließ ich ihm gern. Voller Ungeduld ging ich auf den Hof, denn er fing von neuem an zu bitten, daß ich doch noch ein Stündchen länger warten möchte. Man weiß schon, um _wessentwillen_ er bat.

Endlich nach langem Zaudern führte er ihn aus dem Stall, und ich sprang in den Sattel, ohne zu bedenken, daß ich nicht durch die niedrige Hausthür würde reiten können. Ich mußte also wieder absteigen, und das Pferd durch das Haus führen. Vor der Thür sprang ich von neuem auf, und ritt davon. »He,« rief mir der Alte nach, »wissen Sie denn den Weg?« -- Er schüttelte bedenklich den Kopf, und schien gar nicht mit sich einig werden zu können, was er aus mir machen und wie er sich mein Betragen erklären sollte.

Welch eine Pein für mich, daß ich meinem Wegweiser zu gefallen langsam reiten, länger als eine Stunde langsam reiten mußte. Die hellen Tropfen standen mir vor der Stirn, und tausendmal fragte ich ihn: kann ich den Weg nun allein finden? Endlich sagte er ja, und schon hatte ich die Füße aufgehoben, um meinem Pferde die Spornen zu geben, als es mir erst einfiel, dem guten Alten zu danken. Ich griff in meinen Beutel und reichte ihm, was mir in die Hand fiel. _Er_ wollte nichts nehmen und ich brannte vor Eifer, es ihm zu geben, weil ich -- fort mußte. Als er mir endlich zu viel Umstände machte, warf ich eine ganze Hand voll Silbergeld hitzig über ihn her, und sprengte davon. Er rief mir nach: »da heißts wohl recht, es schneyet Geld!« -- Ich sah mich nicht nach ihm um -- -- »Adje Hans!« rief er noch stärker. -- _Mir_ hatte er keine glückliche Reise gewünscht.

Fünftes Kapitel.

_Funken unter der Asche._

Nach einer Stunde sah ich mich glücklich im Freyen. Ich erkundigte mich bey dem ersten Bauer, der mir begegnete, nach dem Wege, der nach W* führte. Ich erfuhr, daß ich die Landstraße nur verfolgen dürfe, um gerade auf die Stadt zu stoßen. Aber es war meine Absicht, um sie herum und nicht hinein zu reiten.

Mein Entschluß war nun gefaßt: ich wollte gerade nach B* und mich dort zu K* Diensten anwerben lassen. Es war mir gleich, wozu man mich machen wollte, zum Kavalleristen oder Infanteristen, zum Kaporal oder zum Gemeinen -- wenn ich nur meinen Bekannten und Freunden verborgen blieb.

Gegen Abend befand ich mich nicht weit von D*. Ich war fast in einem Zuge fortgeritten, und hatte mir kaum Zeit genommen, des Mittags mein Pferd füttern zu lassen und selbst einige Bissen zu mir zu nehmen. Ich war Willens, noch diese Nacht wenigstens bis zur B* Gränze zu reiten, aber ein unwiderstehlicher Schlaf überfiel mich, während ich in einer Dorfschenke am Tische saß und meinen Gedanken nachhing. Als ich am andern Morgen erwachte, fand ich mich noch in eben der Stellung, in welcher ich den Abend vorher eingeschlafen war. Es herrschte eine Stille in meiner Seele, die mich überzeugte, ich sey ganz ruhig und habe von den gewaltsamen Empfindungen, die mich bisher Tag und Nacht umhertrieben, nun nichts mehr zu fürchten.

Ich setzte meine Reise fort, und in einer halben Stunde hatte ich D* vor mir. Auf lauter Abwegen, über Sand und Wiesen und Aecker, ritt' ich um diese Stadt, und ließ mich an eben der Stelle, und vielleicht noch auf eben derselben Fähre über die Elbe setzen, die mich als Knabe überfuhr, nachdem ich dem Bedienten meines Vaters aus dem Wirthshause unter den Händen entlaufen war.

Binnen drey Stunden war ich an der B* Gränze. Jetzt fiel es mir erst ein, daß ich in meinem Anzuge wohl nicht in B* hineingelassen werden dürfte. Unter meinem grünen Oberrocke trug ich die ganze S* Uniform, an meinem Degen das S* Porte-Epee und um meinen Hut S* Kordons. Alles mußte ich ablegen, weil ich mich durch keinen Paß verwahren konnte.

Ich ritt in den Wald, der vor mir lag, und stieg in einem dicken Gebüsche vom Pferde. Zuerst schnitt ich die Kordons von meinem Hute, sodann zog ich meine Uniform aus und legte endlich meinen Degen ab. Mein Herz war unbeschreiblich beklemmt, und wenn ich die vor mir liegenden Kleidungsstücke ansah, stiegen mir unwillkürlich die Thränen in die Augen. Ich trug endlich das Ganze zu einer Fuchshöhle, die in der Nähe war, steckt' es hinein und vergrub es unter Reisern, Sand und Steinen. Mit gefalteten Händen, den nassen Blick auf die Stelle geheftet, wo ich meinen vorigen Stand begraben hatte, stand ich da, und brach endlich schluchzend in die Worte aus: so ist denn alle Hoffnung zur Rückkehr verschwunden? --

Ich erschrak vor mir selbst. Ich weinte, daß ich nicht mehr zurückkehren konnte, und schnitt mir selbst alle Hoffnung zur Rückkehr ab. Ich war Tag und Nacht geritten, um ihrem Bilde zu entfliehen, und nie war es mir näher, als jetzt. Ich verabscheuete sie, als ich sie sah, und liebte sie, als ich dreyßig Meilen von ihr war!

O Liebe, du bist der Phönix, der sich selbst verbrennt, um auf neuen Fittigen emporzuschweben. Du bist der Vogel, von dem man sagt, daß er seine Jungen mit eignem Blute nähre. Du bist das Bild der Natur, die ewig sich selbst entblättert und ewig neue Knospen treibt. Dein Schmerz ist Wollust, deine Wollust ist Schmerz. Du siehest mit verschloßnen Augen, und mit offnen bist du blind. Du bist nur selten Du selbst; unter tausend Gestalten quälst oder beglückest du das Herz, in welchem du wohnest; du bist Hoffnung und Verzweiflung; du bist Honig und Wermuth, Ruhe und Unruhe, Leben und Tod; du bist das alles auf einmal, und vereinigest das alles, sobald du willst, in einem Blick, in einem Seufzer, oder in einer Thräne.

Sechstes Kapitel.

_Moriz wird Jäger._

Alle die gewaltsamen Empfindungen, die von dem Augenblick an, wo ich Malchen in eines Andern Armen gesehen hatte, in meiner Seele stürmten, bekamen jetzt neue Nahrung, und durchliefen, wie damals, alle die Grade von Eifersucht, Wuth, Unwillen und Schmerz, bis sie endlich, wie damals und durch eben dieselben Gegengründe verdrängt, in den festen Entschluß zusammen flossen: die Treulose nie wieder zu sehen, und deßhalb nie in jene Gegenden zurückzukehren.

Ich sprang auf mein Pferd und ritt weiter, aber doch langsamer als ich seit zwey Tagen zu reiten gewohnt war.

»Reiten wir Einen Weg?« hörte ich eine Stimme hinter mir.

Ich sah mich um, und erblickte einen Herrn auf einem stolzen Engländer. Ihm folgte ein Reitknecht zu Pferde, dem zwey Büchsen über der Schulter hingen.

Vielleicht! erwiederte ich: Ich reite nach B*.

»Der Herr ist schon d'rin!« sagte er lächelnd. Ich muß über und über roth geworden seyn.

»Der Herr ist ein Jäger?«

Ja, sagte ich in aller Eil, um seinen Fragen auszuweichen.

»Und sucht Dienste?« fuhr er fort.

Ja! sagte ich noch einmal eben so eilig, und der Gedanke, mich für einen Jäger auszugeben, gefiel mir. Mein grüner Oberrock hatte ihn wohl zunächst auf diese Frage gebracht.

»Aber wie kömmt der Herr hieher?«

Ich weiß nicht genau, was ich ihm in der ersten Angst erzählte, aber das weiß ich, daß kein Zug aus meiner wahren Geschichte darin war. Ich machte mich zu einem Land-Jägers Sohn aus dem P*. Ich wäre ausgetreten, sagte ich, um der Muskete zu entgehen, womit man mir gedrohet habe. Da meine Flucht heimlich geschehen, hätte ich mich weder mit Pässen noch mit Attestaten zu meinem künftigen Fortkommen versehen können, also würde mir doch wohl am Ende nichts übrig bleiben, als die Muskete.

Die Angst ist eine vortrefliche Lügnerin. Zu jeder andern Zeit hätte ich stundenlang auf einen solchen Roman sinnen können, und doch wohl nicht soviel Wahrscheinlichkeit hineingebracht. Mir ward es ganz leicht ums Herz, als ich ihn glücklich verwickelt und entwickelt hatte.

Der Herr nahm mich einigemal scharf aufs Korn. Mein Gesicht und überhaupt mein ganzes Aeussere schien ihm zu gefallen. Er ritt eine Weile stillschweigend neben mir und sagte endlich: Mein Sohn, es wäre schade um dich, wenn du wider Willen Soldat werden solltest. Willst du bey mir als Jäger bleiben?

»Aber ich bin erst zwey Jahre bey der Jägerey gewesen!« sagte ich mit derjenigen bewundernswürdigen Geistesgegenwart, die ich nun schon seit fünf Minuten an mir gewohnt war.

Daran liegt nichts, erwiederte er, mein alter Tobias wird dir alles sagen und zeigen, was du noch nicht weißt. Versprichst du treu und fleißig zu seyn?

Ja, sagte ich und reichte ihm meine Hand. Er lächelte, und ich fühlte mein Gesicht glühen, darüber, daß ich meine Rolle vergessen hatte. Ich, ein angenommener Jäger, reiche meinem Gebieter die Hand! Ich glühete noch stärker, als er zu mir sagte: _Nun, so reite hinter mir_, und glühete am allerstärksten, als mich der Reitknecht, mit dem Titel: _Herr Kamerad_, beehrte, und mir die Hand reichte.

Ein Glück für mich, daß mein Herr in diesen Augenblicken weiter keine Fragen, meine Geschichte betreffend, an mich that, ich würde sonst alles schlecht gemacht haben, was ich vorhin gut gemacht hatte. In weniger als einer Stunde kamen wir auf dem Schlosse des Grafen an. Daß er ein Graf sey, sagte mir mein -- Kamerad.

Siebentes Kapitel.

_Morizens Lage._

Ich war einsam, in mir selbst verschlossen und stumm. Der Graf fragte mich täglich, ob ich von Natur so wäre, und ich bejahete es. Die übrige männliche und weibliche Dienerschaft sah mich mit großen Augen an und steckte den Kopf über mich zusammen. Alle ihre Blicke waren unaufhörlich beschäftigt, um den Wunderjäger zu ergründen, der bey höchstens achtzehn Jahren nicht spielte, nicht trank, fast gar nicht sprach, sich weder auf dem Schlosse noch in dem nahgelegenen Dorfe ein Mädchen suchte; von dem der alte Tobias (des gnädigen Herrn rechte Hand) sagte: er sey ein braver Pursch; den der Graf immer als Muster der Treue und des Fleißes den Uebrigen vorstellte; an dem die gnädige Frau eine feine Haut und edle Miene bemerkt haben wollte; von dem die Gouvernante gesagt hatte, er schiene sogar »=monde=« zu besitzen; von dem endlich die Vertraute der gnädigen Frau, ihre Kammerjungfer, die noch keine Mannsperson hatte leiden können, sich nicht undeutlich verlauten ließ, daß er ihr nicht übel gefiele, und daß sie, wenn sie sich je entschließen könnte, zu heyrathen, allenfalls seine Frau zu heißen sich nicht schämen würde.

Dieses gab mir eine Ueberlegenheit im Hause, die mir bey meinem Hange zur Einsamkeit lästig ward. Alles drängte sich zu mir, um mich zu unterhalten, und mich, wie man sagte, aufzuheitern; alles fragte mich bey seinen kleinen Angelegenheiten um Rath; die Gouvernante selbst ließ sich herab, mit mir Französisch zu sprechen, als ich es bey einer gewissen Gelegenheit verrathen hatte, daß ich diese Sprache verstände; und die Kammerjungfer sogar, wirbelte sich, wenn sie ein neues Kleidungsstück angezogen hatte, so lange vor meinen Augen herum, bis sie geradezu oder durch Umschweife von mir herausgebracht hatte, daß sie gut und mit Geschmack gewählt habe. Alle diese Erscheinungen stiegen dem alten Jäger Tobias, der ein großer Denker war, zu Kopfe, und er pflegte immer zu mir zu sagen: _Wilhelm, wenn du nicht ein Jägerssohn bist, so mußt du wenigstens ein Fürstenkind seyn._

Ich lächelte zu solchen Aeußerungen und schwieg.

Achtes Kapitel.

_Der Graf und sein Haus._

Der Graf war ein Mann von ungefähr funfzig Jahren: ein wilder Jäger, was er aus einem wilden Soldaten geworden war; hitzig, aber immer bereit, was er in der Hitze gethan hatte, wieder gut zu machen; ohne modische Bildung und Lektüre, aber reich an praktischen Regeln des Lebens, wie er sie für die individuelle Lage seiner physischen und moralischen Umstände brauchte; rechthaberisch bis zur Unziemlichkeit in Sachen, die er zu verstehen sich einbildete, und fast auf eine kindische Art gelehrig, wenn man ihm etwas vortrug, daß er noch nicht wußte, und was er brauchen zu können glaubte; im eigentlichsten Verstande Herr in seinem Hause, und bis zur unleidlichsten Hartnäckigkeit eigensinnig in dem System der häuslichen Angelegenheiten. Seine Gemahlin hatte er geheyrathet, um den Familienstamm aufrecht zu halten, und weiter bekümmerte er sich nicht um ihre Beschäftigungen und ihren Zeitvertreib.

Die Gräfin war noch sehr jung, und, als ich in das Haus kam, erst zwey Monate mit dem Grafen verheyrathet. Dieses ungleiche Alter, noch mehr aber die Art des Grafen, mußten nothwendig eine seltsame Gattung von Ehe hervorbringen. Er schwärmte ganze Tage auf Feldern und in Wäldern umher; sie saß ganze Tage in ihrem Zimmer, und vertrieb sich die Zeit, so gut sie konnte, mit weiblichen Arbeiten, mit Büchern, und mit zwey Fräulein aus der Verwandschaft des Grafen. Zuweilen, aber doch nur höchstens einmal die Woche, hatte sie Besuche von Frauenzimmern, die sich aber immer entfernten, so bald der Graf in seine Mauern einzog. Selten machte sie Gegenbesuche, weil es der Graf nicht gerne sah, daß sie abwesend war. »Aber wie kann solch eine junge Dame das einförmige Leben aushalten?« fragte ich einmal den alten Tobias -- -- »Das macht,« erwiederte er, »weil sie der Herr aus einer Pension zu L* geradezu weggeheyrathet und sie zur Gräfin gemacht hat, weil er ihr giebt, was sie wünscht, weil er kein anderes Frauenzimmer ansieht, und weil er regelmäßig alle Abende mit ihr zu Bette geht.«

Der alte Tobias war, wie man sieht, ein alter Schalk.

Die beyden erwähnten Fräulein waren noch jung, und standen unter dem Scepter einer Gouvernante, die in ihren besten Jahren war, und wiederum von einem Piaristen geleitet und geführt wurde. Dieser unterrichtete die beyden Fräulein im Christenthum und die Gouvernante in der deutschen Sprache. Der alte Tobias nahm vor dem Mönch den Hut nicht ab, und räusperte sich immer, wenn er die Gouvernante sahe. Ich fragte ihn nach der Ursach dieses Betragens, und er gab mir zu verstehen, daß er einmal in der großen Laube dazu gekommen wäre, als der Pater der Gouvernante -- _keine_ Kollegia über die deutsche Sprache gelesen hätte. Es wäre gerade in der Brunstzeit gewesen -- setzte er in aller Unschuld hinzu.

Er wüßte wohl noch mehr von diesen beyden Leuten, fuhr er fort, aber er wartete nur auf eine Gelegenheit, wo er ihnen noch näher auf die Fährte kommen könnte. Sodann sollte der Herr alles erfahren.

Uebrigens zerfiel das ganze gräfliche Haus in zwey Hauptparteyen. An der Spitze der einen stand der Graf mit der ganzen männlichen, und an der Spitze der andern, die Gräfin mit der ganzen weiblichen Dienerschaft. Der Mönch wußte es mit beyden sehr geschickt zu halten.

Neuntes Kapitel.

_Rückfälle._

Als ich ungefähr vierzehn Tage in dem Hause des Grafen gewesen war, kam der Briefbote aus der nächsten Stadt mit einem Brief an die Gräfin. Da er meiner zuerst ansichtig ward, so überreicht' er ihn mir, daß ich ihn der Gräfin aushändigen sollte.

Ich blickte von ungefähr auf die Adresse -- und o! wie ward mir! Ich glaubte Malchens Hand in derselben zu erkennen. Wie ein Wirbelwind plötzlich einen stillen See empört, und seine Gewässer zu hohen schäumenden Wellen aufregt -- so drang diese Vorstellung in mein Herz, das ich seit einigen Tagen, vielleicht aus bloßer Eigenliebe, für ganz beruhigt gehalten. Der Funke, der tief im Innersten versteckt gelegen hatte, schlug in helle Flammen auf.

Ich zitterte, und ließ den Brief dreymal fallen, und hob ihn eben so oft wieder auf. Ich las die Aufschrift, und las sie immer wieder, zergliederte jeden Strich, jeden Buchstaben, jeden Federzug, und zermarterte meine Augen so lange, bis der ganze Brief in eine schwärzlichgraue Masse zusammenfloß, die mich keinen Buchstaben mehr erkennen ließ.

Der Briefbote, der vermuthlich nicht ohne Befremdung mein seltsames Betragen angesehen haben mochte, brachte mich dadurch ein wenig zu mir selbst, daß er in mich drang, den Brief abzugeben, er habe nicht Zeit zu warten.

Ich erinnerte mich, daß ich die Gräfin vor einigen Minuten im Garten gesehen hatte. Wie ausser mir lief ich hinein, fand sie, überreichte ihr den Brief und sagte: Hier ist ein Brief von Ma--

Ich erschrack tödtlich, während ich noch im Begriff war, die andere Hälfte des Wortes Malchen auszusprechen.

Von _wem_? sagte die Gräfin. Sie sah mich zum Glück nicht an, sondern las die Aufschrift.

Von der nächsten Stadt! stammelte ich, und drehete mich eilig um. Als ich einige Schritte von ihr war, rief sie mich zurück. Ich stand zitternd von der Seite.

»Wilhelm,« sagte sie: »ich muß Sie schon sonst irgendwo gesehn haben, eh' Sie in unser Haus gekommen sind.«

Mir lief es kalt über den Rücken.

»Ich wüßte nicht wo!« stotterte ich, und wollte fort.

Etwa in L*? sagte sie.

»Nein, nein,« rief ich, »nein, nein!« und lief beynah im Sprunge davon, indem ich die Bewegung mit der linken Hand machte, die man zu machen pflegt, wenn man etwas verneint, das man bejahen sollte. Ich glaubte ihr dadurch recht geschickt bewiesen zu haben, daß ich nie in L* gewesen wäre.

Alles vereinigte sich, um mich in die tödtlichste Unruhe zu setzen. Zwey volle Stunden hatte ich zu kämpfen, eh' ich mich bereden konnte, meine Phantasie habe mir mit der Adresse einen Streich gespielt, und die Gräfin müsse irgend einen andern für mich angesehn haben. Aber, daß sie mich gerade in L* gesehn haben wollte! Diesen Einwurf widerlegte ich damit, daß ich mich nicht erinnerte, _sie_ in L* gesehn zu haben. Man bewundere die unumstößliche Beweiskraft dieses Arguments. Daß der Brief nicht von Malchen gewesen, bewies ich mir damit, daß ich ihr Wappen sogleich müßte gekannt haben. Ich hatte es längst vergessen, daß ich während der Hitze und Anstrengung, womit ich die Buchstaben der Aufschrift untersuchte, gar nicht daran gedacht, das Siegel zu untersuchen.

Am Abende dieses Tages saß ich mit dem alten Tobias auf dem Schloßhofe unter der Linde. Er sprach nicht viel, und ich noch weniger. Eh' ich mirs versah, stand das Kammermädchen der Gräfin vor uns, und suchte uns Rede anzugewinnen. Der alte Tobias duldete sie, weil sie ein kluges Mädchen war, weil sie ihm immer den grauen Bart krauete, und weil er sahe, daß ich mir ihr Geschwätz zuweilen hatte gefallen lassen. Sie brüstete sich nicht wenig, wenn sie bey mir saß, weil sie die einzige vom weiblichen Gesinde war, die ich nicht zurückschreckte. Alle ihre Gespräche liefen am Ende auf Liebe und Heyrathen hinaus, und zwar blos darum, weil sie sich, nach ihrem Geständniß, weder zum Lieben noch zum Heyrathen versucht fühlte.

Diesen Abend unterhielt sie mich über das Kapitel der Untreue und der Unerklärbarkeit der Männer, und führte ein Beyspiel davon an, welches das Maaß meiner Unruhe voll machte.