Moriz: ein kleiner Roman

Part 10

Chapter 103,847 wordsPublic domain

Aber kein Graf zu hören und zu sehen! Fräulein Louise sprang herzu, und sagte: er ist fort! »Warum,« schrie der Alte und griff nach ihrem Arm, »warum hast du ihn fort gelassen?« Das arme Mädchen zitterte und bebte und fiel mir halbohnmächtig entgegen. Ihr Vater ließ sie los, und blieb einige Augenblicke unbeweglich auf einem Flecke stehen. Auf einmal nahm er mich bey der Hand, schüttelte sie und sagte: bey den _Haaren_, hast du sie aus der Kammer geschleppt? -- Ja, sagte ich, und die Treppe hinunter geworfen! Es schien, als ob er sich nach dieser Frage und Antwort ein wenig beruhigte. Er sah Louisen, die sich mit dem Kopfe gegen einen Pfeiler gelehnt hatte, an, und nahm sie bey der Hand. »Komm nur mit herauf Louischen,« sagte er sanft zu ihr, »daß du selbst siehst, daß du selbst hörst« -- Er ward von neuem hitzig, aber nicht in dem Grade als vorher.

Wir gingen hinauf und fanden Malchen und ihre Mutter in Thränen. »Lies weiter!« sagte der Oberste und warf sich in einen Lehnstuhl, daß er laut krachte.

»alles erzählen!«

»Mein Gott, das hast du ja schon gelesen! sagte er zur Frau von Lehmniz und sie las weiter:

»Ihre Tochter wird mit einem Fähndrich, der seine gesunde fünf Sinne hat, besser fahren, als mit einem Grafen, der nicht richtig im Kopfe ist; deswegen erfolgt hierbey der Ehekontrakt zerrissen zurück und die Ehescheidung soll binnen hier und vier Wochen auf Ihrem Guthe seyn. Uebrigens würden Sie wohl thun, wenn Sie die ganze Sache schlafen ließen, und nicht durch einen unüberlegten Schritt uns alle, besonders aber Ihre arme Tochter, zum Gelächter machten. Ich habe mich deshalb entfernt, und Sie thun wohl, wenn Sie meinem Beyspiele folgen und sich nicht den Fingerzeigen der Welt aussetzen. Von meinem Neffen sage ich mich hiermit ein für allemal los, und Sie würden sehr ungerecht seyn, wenn Sie mich wollten büßen lassen, was er verbrochen hat. Wenn er Ihnen einmal in die Hände fallen sollte, (woran ich aber zweifle, denn er ist vor einer Stunde fort geritten und niemand weiß wohin) so werden Sie schon so mit ihm verfahren, (das traue ich Ihrem bekannten Gefühle für Ehre zu) daß er sich in Zukunft hüten wird, sich eine Gemahlin für einen Andern zu nehmen. Leben Sie wohl, und halten Sie die ganze Sache so geheim als möglich -- das verlangt Ihre eigne und Ihrer Tochter Ehre.«

»Den Kopf spalt' ich ihm!« rief der Oberste: »darauf kann er rechnen! Und wäre das Weib nicht ein Weib -- seht, Kinder! -- Aber was meynst du, Jettchen -- fuhr er zu seiner Gemahlin fort -- der Blitzjunge hat die beyden Kerls bey den Haaren zur Thür herausgeschleppt? Hättest du ihm das wohl angesehen?«

Ja, das hat er gethan! rief Malchen und ihre Augen funkelten vor Freude. Frau von Lehmniz und Louischen sahen mich verwundert an. In den Mienen und Bewegungen der letztern zeigte sich eine aufs höchste gespannte Neugier; aber zum Unglück waren wir alle zu sehr vertieft, als daß wir auch die kleinste ihrer Fragen hätten beantworten können.

Aber, was soll nun werden? sagte Frau von Lehmniz.

»O, ich wollte, daß du mit deinen Fragen« -- sagte der Alte: »Der Kopf ist mir ja so verrückt, daß ich noch nicht 'mal weiß, was geschehen ist, viel weniger, was geschehen soll. -- Beym T** du kannst mir ja doch eine Viertelstunde Bedenkzeit gönnen!«

Wir wollen den Papa allein lassen! sagte Fräulein Louise -- komm Malchen, du sollst mir erz--

»Durchaus nicht! Ihr sollt alle hier bleiben!« rief der Oberste. Louischen trat trostlos zurück.

»Noch eins, Jettchen« -- sagte er zu Frau von Lehmniz: »examinire 'mal die da (auf Malchen zeigend) ob nicht -- Henker! Du verstehst mich ja! Geh doch! Du weißt, als es noch kleine Krabben waren --«

Frau von Lehmniz nahm Malchen bey der Hand und führte sie zum Zimmer hinaus. Louischen wollte hinterdrein, aber die Thür ward ihr vor der Nase zugedrückt. Sie ging ans Fenster und die hellen Thränen schossen ihr über die Backen.

Mich nahm der Alte beyseite und sagte halblaut, halbleise: »Springinsfeld, hat der Teufel sein Spiel gehabt?«

Mir schoß mein ganzes Blut ins Gesicht und ich bebte ärger als ein Missethäter.

»Ja, Junge? Nicke nur, oder schüttle, wenn du es nicht sagen kannst!« Ich konnte weder nicken noch schütteln. Nicken _wollt'_ ich nicht, und schütteln _konnt'_ ich nicht, mithin stand mein Kopf wie eingerammelt.

Du sollst es ja nicht sagen! Nicke, oder schüttle doch nur! Du schüttelst nicht? Mithin ist es richtig! Nicht? -- Du schüttelst nicht? -- Es ist richtig, es ist richtig! rief er auf einmal und ließ mich los -- Jettchen, komm 'rein, es ist richtig!

Frau von Lehmniz erschien mit Malchen. Er nahm die Hand der letztern und legte sie in die meinige. »Sieh, Jettchen,« sagte er zu Frau von Lehmniz und ein paar große Thränen stiegen ihm aus den Augenwinkeln: »Sieh nur -- diese Kinder sollen sich heyrathen!«

»Heyrathen?« schrie Fräulein Louise und sprang mitten unter uns.

»Es ist ja richtig!« rief ihr Vater: »Kinder, es ist ja richtig! Was kann es anders werden? (er wandte sich zu seiner Gemahlin) Hast du's nicht auch richtig befunden?«

Malchen zerdrehete die Zipfel ihres Halstuches, ich sah an die Decke, und Fräulein Louise guckte andächtiglich durchs Fenster.

Achtes Kapitel.

_Aussichten zu Mord und Todschlag._

Nach einigen Minuten trat ein Offizier ins Zimmer, und foderte mich im Namen des Premier-Lieutenants Rahm auf Schuß oder Stich. Die drey Frauenzimmer erschraken von ganzem Herzen, aber der alte Husar hatte eine innerliche Freude. »Ich sekundire ihm,« rief er -- »Aber sagen Sie dem Herrn von Rahm zurück: brave Kerls schlügen sich auf den Hieb! Um Neun Uhr kann er ins *** kommen, da soll er uns finden; und wenn ihm _der_ (er zeigte auf mich) nicht genug giebt, so kriegt ers von mir -- denn sehen Sie (auf Malchen zeigend) das Mädchen ist meine Tochter! Sagen Sie ihm das wieder!«

Bey den letztern Worten fingen die drey Weiber laut an zu schreien.

»Hast du es vergessen,« sagte er zur Frau von Lehmniz: -- »Daß ich mich mit drey Oestreichern 'rumgehauen habe? -- Und du (zu Malchen) daß _der_ diese Nacht die beyden Kerls bey den Haaren zur Stube 'rausgeschleppt hat? -- Also! -- Und nun gebt mir keinen Laut von euch, daß ichs höre?«

Darauf schickte er seinen Jäger fort, der meine Uniform und Degen holen mußte. Während der Zeit nahm er mich beym Arm, und ging mit mir im Zimmer auf und ab. Zugleich horchte er, ob eine von den Damen wimmerte, und hörte er einen Seufzer, so drückte er jedesmal meinen Arm fest an sich, um mich aufmerksam darauf zu machen.

Als meine Uniform kam, half er sie mir anziehen. Seine Uhr legte er auf den Tisch, und wenn eine Viertelstunde vorbey war, sagte er es jedesmal. Endlich schlug es drey Viertel auf Neun, und es wurden zwey Pferde vorgeführt. Nun konnten die ernstlichsten Drohungen die Weiber nicht mehr zurückhalten. Sie hingen sich wechselsweise an mich und an den Vater, aber er sagte ihnen statt alles Trostes: Die Ehre ruft! Habt euch nicht so närrisch, Kinder! -- Für Malchen behielt er seinen kräftigsten Trostspruch bis zuletzt auf, denn erst unten an der Treppe sagte er zu ihr: er soll dir ein paar Finger mitbringen zum Brautgeschenk; freuest du dich nicht darauf, Töchterchen? -- Aber Töchterchen wurde ohnmächtig! Ohne sich weiter um sie zu bekümmern, nahm er mich bey der Hand und sagte: Närrchen, es war ja nicht mein Ernst!

Neuntes Kapitel.

_Nur zwey Finger! und die ganze Geschichte ist aus._

»Springinsfeld,« sagte er unterwegs zu mir: »es wäre doch so übel nicht, wenn Du ihm ein paar Finger kürzer machtest! Warum streckt er sie nach verbotener Frucht aus. Sieh (er zeigte mir mit seinem Hirschfänger eine Bewegung) wenn du, eh er sichs versieht, mit dem Degen von der Seite herumfährst, so sind die Finger, die am Griffe liegen bloß, und du kannst sie ihm mit einem Hieb abnehmen. Dann ist die ganze Geschichte aus, und ihr seyd wieder gute Freunde!«

Ich mußte dem alten wunderlichen Manne versprechen, mein Möglichstes zu thun, um ihm zwey Finger abzunehmen, und wir kamen in ** an. Rahm erschien mit seinem Sekundanten kurz nach uns.

Rahms Anblick brachte mich aus aller Fassung. Alle Ideen der vorigen Nacht wurden in meinem Kopfe von neuem rege, und ich griff eben so rasch nach meinem Degen, als ich vor einigen Stunden nach dem Pistol griff. Ich zog und legte mich in Positur.

Rahm ließ mich nicht lange warten. Sein Degen pfiff auf mich ein, und Schlag auf Schlag fiel hier und da!

»Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!« sagte der alte Husar, der mir zur Seite stand -- »das Brautgeschenk!«

Aber ich hatte es mit keinem Neulinge zu thun! Rahms Streiche fielen so rasch, so hageldicht, so gewaltig, daß solch ein frischer Arm dazu gehörte, als der meinige war, wenn er nicht am Degengriff erstarren sollte.

Keiner von uns gab einen Laut, aber der Alte machte bey jedem Ausfall ein Feldgeschrey mit seinem »Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!«

Wir thaten drey Gänge, und von beyden Seiten kein Tropfen Blut. »Brave Jungen, brave Jungen!« sagte der Alte während der Pause -- »Aber was ich dir gesagt habe!«

Zum viertenmal stürzten wir auf einander, und Rahm schien seine ganze Wuth und Stärke zusammenzunehmen. Hitziger als vorher drang er auf mich ein, und mit jedem Hiebe stieg seine Erbitterung. Seine Streiche wurden immer gewaltiger, aber seine Paraden immer sorgloser und unordentlicher, und als er endlich einen wüthenden Kopfhieb auf mich führte, that ich einen Seitenschritt, und hieb ihm über den Arm, daß sein Degen sank und ein Strom von Blut an demselben herunterschoß.

»Victoria!« schrie der alte Husar, und sprang zwischen uns -- »Alles gut, alles vergessen! Nun vertragt euch!«

Rahm reichte mir mit weggewandtem Gesichte seine linke Hand, und als mich der Alte zum Versöhnungskuß schob, drehete er den Kopf, und ließ mich sein Ohr küssen.

»Pfui« -- sagte der Oberste, indem er sein Schnupftuch herauszog, und es Rahmen fest um seine Wunde wickelte -- »Blut macht gut! Ihr sollt und müßt euch vertragen!« Darauf drehete er mir Rahms Mund entgegen. Rahm lächelte, und umschloß mich mit seiner linken recht herzlich. Der alte Lehmniz that einen Luftsprung. Wir halfen dem Lieutenant auf sein Pferd, und er war im Begriff mit seinem Sekundanten, ohne uns, davon zu reiten, aber der Oberste sprengte hinterdrein, und sagte: »Rahm, Ihr hättet eure Schuldigkeit nicht halb gethan, wenn Ihr nicht mit mir rittet, und euch nicht noch mit meiner Tochter vertrüget. Denn seht nur, das arme Mädchen habt Ihr am meisten beleidigt!«

Mir wurde warm bey diesen Worten.

»O, ersparen Sie mir diese Demüthigung,« erwiederte Rahm -- »zu allem andern steh ich zu Befehl!«

»Nun gut, bey einer andern Gelegenheit! Aber sagt mir nur, warum hat der Windbeutel nicht zu meiner Tochter ins Bette gewollt? Sie ist doch, beym T**! nicht häßlich!«

Schön wie ein Engel! sagte Rahm, und bey mir stieg eine Art von Verdruß auf, daß er sich unterfing, dies zu sagen: Aber heute verlangen Sie keine weitläuftige Erzählung von mir. Waller heyrathete nicht Ihre Tochter, sondern Ihr Geld. Sein Vermögen war durch die Lüfte, das hätten Sie bey der geringsten Nachforschung erfahren können. Seine Tante spürte Sie auf, bey einer Geschichte, die Lembergen betraf, und sie konnte nicht besser wählen, denn Sie sind der gutherzigste Mann von der Welt. Aber Waller hatte auf seiner Reise nach _Paris_ mit seinem Vermögen -- _Alles_ verloren. Ich sollte das ersetzen, und er wollte das Geld nehmen! Dies sey Ihnen für heute genug. Wenn ich geheilt bin, erlauben Sie mir wohl einen Besuch auf Ihrem Guth?

»O, Du kömmst mit zur Hochzeit!« -- erwiederte der Oberste: »Aber, das sag' ich dir: Hand von der Braut! Nun reit' in Gottes Namen, und laß dich verbinden!«

Er gab seinem Ungar die Spornen, und wir sprengten davon. Zu Hause empfingen sie uns mit lautem Freudengeschrey. Malchen musterte mich von oben bis unten, und eine sanfte Freude leuchtete aus ihren Augen, als sie mich so ganz unversehrt wiedersah. Unterdessen ließ ihr Vater anspannen, die Kutsche fuhr vor, und die ganze Familie stieg ein. Ich begleitete sie bis vor das ** Thor, wo mich der Oberste umkehren hieß. Malchen streckte mir ihr weißes Händchen aus der Kutsche her, und ihr Vater rief: »In vier Wochen, Springinsfeld! Sobald die alte Schlange in D** die Scheidung schickt, schreibe ichs dir: dann sitz' auf und komm!«

Moriz.

Fünftes Buch.

Erstes Kapitel.

_Liebe und Subordination._

Während der vier Wochen hatte Malchen fleißig an mich geschrieben, und ich eben so fleißig an sie. Dieser ganze Zeitraum war für mich eine unendliche Kette von Freuden, die nur glückliche Liebe, welche mit allem, was die Hoffnung Entzückendes hat, genährt wird, so rein und lauter, so abwechselnd und ewig neu über ein zärtliches Herz ausschütten kann. Ich brannte vor Ungeduld, Malchen zu sehen, ich zählte anfangs jeden Tag, dann jede Stunde und endlich jede Minute. Diese däuchten mir jetzt einzeln länger, als anfangs der ganze Zeitraum von vier Wochen.

Endlich kam der Brief, der mir Nachricht gab, daß die Ehescheidung ausgewirkt und schon auf dem Gute des Obersten sey.

»Nun komm, Moriz,« schrieb mir Malchen, »flieg in meine Arme. Meine Augen sollen die ersten seyn, die Dich sehen, meine Arme die ersten, die Dich umschließen, meine Lippen die ersten, die auf den deinigen haften. Dein Athem soll mich zuerst anwehen, Dein Herz zuerst an dem meinigen pochen. Darum steige nicht vor dem Schlosse ab, wenn Du kömmst, sondern an der Gartenthür; sie soll offen stehen, und ich bin an derselben. Hand in Hand fliegen wir dann auf das Zimmer meines Vaters, und dann zu meiner Mutter, und dann überall hin. Ich schlafe nicht, bis ich Dich sehe, und werde nicht schlafen können, wenn ich Dich gesehen habe. Uebermorgen zwischen vier und sechs Uhr mußt Du bey mir seyn, und bist Du es nicht, so bist Du todt, oder Du liebst mich nicht mehr.«

Diese Zeilen gossen Feuer in meine Adern. Zu Fuße hätte ich fortlaufen mögen, wenn ich bedachte, daß mein Pferd erst gesattelt werden müßte. Ohne Urlaub wäre ich davon gesprengt, wenn mich nicht meine Kameraden gehalten hätten. Ich muß halb von Sinnen gewesen seyn.

»Zwischen vier und sechs Uhr muß ich da seyn!« sagte ich zu meinem General, als ich ihn um Urlaub bat, und glaubte ihm dadurch den allerkräftigsten Bewegungsgrund zur Erfüllung meiner Bitte angegeben zu haben.

»Es wird wohl etwas später werden, mein lieber Lemberg!« sagte der alte Krieger lächelnd, denn er wußte, wo es mir fehlte.

»Nicht eine Minute später,« sagte ich, »sie hält mich sonst entweder für untreu oder für todt!«

»Recht soldatische Bewegungsgründe, haben Sie zu Ihrer Reise, mein lieber Lemberg!« erwiederte er: »sie leuchten mir ein, und deßhalb sollen Sie morgen früh um neun Uhr den Urlaub haben!«

Ich erstarrte. Morgen früh um neun Uhr! Da hätte ich in sieben Stunden sechszehn Meilen reiten müssen. Unmöglich! Kaum hatte ich dies ausgerechnet, so drehete ich mich um, mit dem festen Entschluß, ohne Erlaubniß davon zu jagen.

»Sprudelkopf,« rief er ernsthaft: »ich weiß, was du willst! -- Ein Soldat muß _lieben_ und _gehorchen_ können. Hier ist dein Urlaub auf sechs Monat, schon geschrieben, aber du bekömmst ihn nicht eher als morgen früh um sechs Uhr. Nun steht es bey dir, zu bleiben oder zu reiten.«

Ich ging stillschweigend nach der Thür.

»Sag' zu meinem Johann,« rief er mir nach: »daß er sogleich aufsitzt, und auf jeder Station Pferde in meinem Namen bestellt. Ihrer kannst du dich bedienen. Sorge nun, daß deine Liebe soviel von ihren Rechten nachläßt, als die Subordination von den ihrigen. Reise glücklich!«

Er ging. Ich sah ihm stumm und verstürzt nach, und das helle Wasser stand mir in den Augen.

Zweytes Kapitel.

_Er kömmt und -- sieht!_

Welch eine Nacht hatte ich zuzubringen! Meine Liebe kämpfte unabläßig mit meiner Pflicht, besiegte sie, und ward von ihr besiegt. Meine Freunde thaten alles, um mich aufzuheitern, aber ich ward erst froh, als es sechs Uhr war. Der Adjutant brachte mir den Urlaub, und ich sprang auf mein Pferd, das schon seit zwey Stunden gesattelt vor meinem Quartiere gestanden hatte.

Armer Rappe! riefen meine Kameraden, und ich sprengte davon. Der Boden zitterte unter mir, und meine Haare und die Mähne meines Rosses sausten. Mein Geist war bey Malchen, und mein Körper sechszehn Meilen von ihr. Mein armes Pferd mußt' es entgelten, wenn jener durch irgend einen Zufall auf einige Minuten zu diesem zurückgerufen wurde.

Auf jeder Station schrieb man sich meinen und des Generals Namen sorgfältig auf, und versprach, Nachricht zu geben, ob die Pferde, die ich geritten, mit dem Leben davon kommen würden. Auf der letzten mußte ich mir das Pferd geradezu kaufen, weil der Postmeister dasjenige, was mich zu ihm gebracht hatte, vor seinem Hause umfallen sah.

Es war drey Viertel auf vier, als ich den Schloßthurm von Lehmniz erblickte. Beynah hätte ich vergessen, was mir Malchen so dringend aufgegeben hatte: durch den Garten mich dem Schlosse zu nähern.

Ein paar tausend Schritte von der Gartenmauer erhob sich ein kleiner Hügel, von dem ich alles übersehen konnte. Ich glaubte auf einer Terrasse mitten im Garten ein Frauenzimmer zu erblicken. Sie schien eilig die Terrasse herabzusteigen, als sie mich dahersprengen sahe. »Wer kann es anders seyn als Malchen,« rief ich laut: »sie eilt von der Terrasse, und mir entgegen!«

In wenig Minuten war ich an der Gartenthür; ich sprang vom Pferde, und band es an den ersten den besten Baum. Ich trat in den Garten; kein Malchen war da. »Und sie wollte doch an der Gartenthür seyn!« murmelte ich. -- Ich ging die Allee hinan, die zur erwähnten Terrasse führte -- kein Malchen zu sehen! -- »Wenn sie auf der Terrasse war, konnte sie hundertmal herab zur Gartenthür und zurückgelaufen seyn, ehe ich den Garten erreichte« -- murmelte ich wieder, und ich fühlte auf einmal die Kopfschmerzen, die mir die Luft und das Stoßen des Pferdes verursacht hatten. Als ich Malchen noch an der Gartenthür zu finden hoffte, fühlte ich sie nicht. Ich näherte mich der Terrasse. An dem Fuße derselben war ein chinesisches Gartenhäuschen, durch ein Seitenfenster sah ich hinein, und o! was sahe ich!

Malchen saß -- mit einer Mannsperson in blauer Uniform auf einem Kanapee. Er hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen, sie ihren rechten um ihn. Sein Kopf ruhte an ihrer Brust, sie sahe schmachtend zu ihm hinab, er schmachtend zu ihr hinauf. Zuweilen schielten beyde, wie es mich dünkte, lächelnd nach dem Fenster, das vor ihnen war. Die Mannsperson kam mir sehr jung und sehr bekannt vor, aber ich hatte nicht Zeit, es zu untersuchen.

Die Bewegungen, die in dem unsäglich kurzen Momente, wo ich dies sah, gleichsam mörderisch mich ergriffen, mag keine Feder beschreiben, kein Pinsel malen, keine Zunge aussprechen. -- Meinen Degen ziehen, in das Haus stürzen, der Mannsperson, die mir lachend entgegen sprang, und dadurch meine Wuth vermehrte, den Degen in die Seite stoßen, Malchen, die sich mir schreiend um den Hals warf, weit von mir wegschleudern, aus dem Lusthause in den Garten, durch die Allee zur Gartenthür hinausrennen, auf mein Pferd springen, und in gestrecktem Laufe davon eilen -- alle diese gewaltsame Handlungen waren das Werk von zwey Minuten, deren schreckliche Qualen alles, was je ein menschliches Herz Grausames erduldet, was je die Einbildungskraft eines Menschenquälers Schmerzliches erdacht und erfunden hat, weit und weit übertrafen.

»Vier Pferde todt geritten,« sagte ich kalt und bitter: »um sie -- in den Armen eines Andern zu sehen!« --

Diese Worte wiederholte ich einmal über das andre, indem ich jedesmal den Kopf langsam dazu schüttelte. Endlich erlag meine Seele dem Schmerze, meine Zunge ward stumm, mein Ohr taub, und mein starres Auge sahe nichts mehr als den Kopf meines Pferdes, das mich, wohin es wollte, im Sprunge forttrug.

Drittes Kapitel.

_Ein Nachtstück._

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ehe meine Seele sich wieder so weit ermannte, daß sie einzelne Lichtstrahlen durch das Chaos von Empfindungen, die mein Herz zu sprengen drohten, zu werfen Gewalt genug hatte. Gewiß ist es, daß der Abend schon weit vorgerückt war, als mir die ersten Thränen, in die sich mein wilder Schmerz auflöste, über die Wangen herabrollten.

Ich wußte nicht, wohin mein Pferd mich getragen hatte, und dachte nicht eher daran, als bis mich ein gewaltiger Riß queer über das Gesicht, aufmerksam darauf machte. Ich befand mich in einem dicken Gebüsche, durch welches sich mein Pferd einen Weg bahnte, wahrscheinlich weil ich es von Zeit zu Zeit, ohne es zu wissen, gespornt hatte. Ich sprang ab. Jetzt fühlte ich erst, wie die körperlichen und geistigen Beschwerlichkeiten des Tages mich angegriffen hatten. Ich konnte mich nicht auf den Füßen erhalten, und meine Kniee sanken unwillkührlich unter mir zusammen. Mein Pferd blieb in einiger Entfernung von mir stehen, und stillte seinen Hunger mit den Blättern der umstehenden jungen Stauden.

Ich legte mich nieder. Auf meine Linke stemmte ich den Kopf, und mit der Rechten riß ich große Büschel Gras aus, und schleuderte sie weit von mir. Kein Seufzer, kein Laut kam über meine Lippen. Mein stummer Schmerz vergrub sich tief in mein Inneres, und da keine lindernde Tropfen über meine Wangen mehr flossen, mußte er in jenen ungestümen Bewegungen meiner rechten Hand sich ankündigen.

Malchen in den Armen eines Andern! Dieses Bild schwebte mir immerfort vor Augen, und peinigte mich am grausamsten. Zuweilen wurde es zwar von dem Bilde des Gestochenen verdrungen, aber dieses war mir bey weitem nicht so peinlich als jenes.

Unterdessen brach die Nacht ein. Mit ihr erhob sich ein Sturm, der in den Aesten und Wipfeln der umstehenden großen Eichen brauste, und sie bis auf die Wurzeln erschütterte. Um und neben mir rauschten und pfiffen die Blätter des Gebüsches, und große Regentropfen fielen mir einzeln auf Gesicht und Hände. Mein Pferd scharrte mit den Füßen, und wieherte vor Hunger und Kälte, während eine dicke Finsterniß alles was mich umgab in ihren schwarzen Schooß vergrub, und die ganze lebendige Schöpfung meiner Seele ähnlich zu machen schien.

Diese Empörung der Natur sagte der Empörung meines Herzens zu. Ich wickelte mich fest in meinen Oberrock, verbarg die Hände im Busen, das Gesicht unter meinem Schnupftuche, und dem Winde wandte ich gleichsam wie im Trotze den Rücken zu. So ganz in mich selbst versunken und verschlossen, sah ich den Bildern, die mir meine Einbildungskraft vorführte, mit Muth und Standhaftigkeit ins Gesicht, und endlich schien meine Seele ihrer gewohnt zu werden. Dies war Betäubung, aber eine sehr wohlthätige Betäubung, denn sie ließ Betrachtungen über die Zukunft in meiner Seele Raum.

Die Treulose je wiederzusehen, war ein Gedanke, vor dem ich zurückbebte, und doch schwebte sie immerfort vor mir. In meine Garnison zurückzukehren und mich von meinen Bekannten mit großen Augen ansehen, auch wohl aufziehen zu lassen, war ein zweyter, der mich um die Welt gejagt haben würde; und doch fühlte ich ein Verlangen, ihnen zu sagen, wie ich meinen Nebenbuhler bestraft hätte. Aber die Art, wie ich mich dabey benommen hatte, empörte mein Gefühl für Ehre, und machte mich schaamroth. Ich hatte ihn unversehens überfallen, und konnte fürchten, als Meuchelmörder verachtet und bestraft zu werden.

So vereinigten sich endlich Unwillen auf die Ungetreue, gekränkter Stolz, Furcht vor Verachtung, Schaam vor mir selbst, und endlich Angst des Mörders, um den Entschluß, nie wieder in meine Garnison zurückzukehren, in mir zur Reife zu bringen. Ich wollte bey einer andern Macht unter einem andern Namen Dienste nehmen, sollte es auch nur als Gemeiner seyn, um mich dadurch auf immer den Nachforschungen meiner Freunde zu entziehen.