Chapter 1
Moni der Geißbub
Erzählung
Johanna Spyri
1. Kapitel
Der Moni fühlt sich wohl
Um zu dem Badehaus Fideris zu gelangen, muß man steil und lang die Höhe hinaufsteigen, nachdem man die Straße verlassen hat, die sich durch das lange Tal des Prättigau nach oben schlängelt. So mühsam keuchen dann die Pferde den Berg hinauf, daß man lieber aussteigt und zu Fuß die grüne Höhe erreicht.
Nach einem längeren Anstieg kommt man erst zum Dorf Fideris, das auf der freundlichen, grünen Anhöhe liegt. Von da geht es weiter in die Berge hinein, bis das einsame Gebäude des Badeortes auftaucht, überall von felsigen Höhen umgeben. Dort oben wachsen nur noch Tannen, die die Höhen und Felsen ringsum bedecken. Es sähe alles ziemlich düster aus, wenn nicht überall aus dem niederen Weidegras die schönen Bergblümchen mit ihren glänzenden Farben hervorguckten.
An einem hellen Sommerabend traten zwei Damen aus dem Badehaus und gingen auf dem schmalen Fußweg dahin, der unweit des Hauses beginnt und bald sehr steil bis zu den hoch aufragenden Felsen hinaufsteigt. An dem ersten Vorsprung blieben sie stehen und schauten um sich, denn sie waren eben erst in dem Bad angekommen.
"Lustig ist's nicht hier oben, Tante", sagte jetzt die Jüngere, indem sie die Landschaft betrachtete. "Lauter Felsen und Tannenwälder und dann wieder ein Berg und noch einmal Tannen darauf. Wenn wir sechs Wochen hier bleiben sollen, dann wollte ich, es wäre hier und da auch noch etwas Lustigeres zu sehen."
"Lustig wird's jedenfalls nicht sein, wenn du hier oben dein Brillantenkreuz verlierst, Paula", entgegnete die Tante, während sie das rote Samtband zusammenknüpfte, an dem das funkelnde Kreuz hing. "Es ist das drittemal, daß ich das Band festmache, seit wir angekommen sind. Ich weiß nicht, wo es fehlt, ob an dir oder an dem Band, aber das weiß ich, daß du jammern wirst, wenn es verloren ist."
"Nein, nein", rief Paula lebhaft aus, "das Kreuz darf nicht verlorengehen, um keinen Preis, es ist noch von der Großmutter und ist mein größter Schatz!"
Paula ergriff selbst noch das Band und machte zwei, drei Knoten hinein, damit es festhalte. Plötzlich spitzte sie die Ohren. "Hör, hör, Tante, jetzt kommt aber wirklich etwas Lustiges."
Hoch oben erscholl ein fröhlicher Gesang. Zwischendurch kam ein langer, schallender Jodler, dann wurde wieder gesungen. Die Damen schauten aufwärts, konnten aber nichts Lebendiges entdecken. Der Fußweg ging in großen Serpentinen, oft zwischen hohem Gebüsch und wieder zwischen vorstehenden Bergabhängen durch, so daß man von unten immer nur kurze Stückchen davon erblicken konnte. Aber jetzt wurde es plötzlich lebendig auf dem Pfad, oben und unten, auf allen Stellen, wo der schmale Weg gesehen werden konnte, und immer lauter und näher tönte der Gesang.
"Sieh, sieh, Tante, dort! Hier! Sieh da! Sieh da!" rief Paula mit großem Vergnügen. Und ehe die Tante sich's versah, kamen drei, vier Geißen in Sprüngen daher und immer mehr, immer mehr, und jede hatte ein Glöcklein am Hals. Die läuteten von allen Seiten her, und mitten in einem Rudel kam der Geißbub herabgesprungen und sang eben noch sein Lied zu Ende:
"Und im Winter bleib ich fröhlich, Weil's Weinen nichts nützt, Und weil ihm sowieso der Frühling Auf den Fersen schon sitzt."
Dann ließ er einen ungeheuren Jodel erschallen. Und auf einmal stand er mit seinem Rudel dicht vor den Damen, denn mit seinen nackten Füßen sprang er genauso flink und leise wie seine Tierchen.
"Guten Abend wünsche ich", sagte er, indem er die beiden lustig anschaute, und wollte weiterziehen. Aber der Geißbub mit den fröhlichen Augen gefiel den Damen. "Wart ein wenig", sagte Paula, "bist du der Geißbub von Fideris? Hast du Geißen aus dem Dorf unten?"
"Ja natürlich", war die Antwort.
"Gehst du alle Tage mit ihnen da hinauf?"
"Ja freilich."
"So, so, und wie heißt du denn?"
"Moni heiße ich."
"Willst du mir auch das Lied einmal singen, das du eben gesungen hast? Wir haben erst einen Vers gehört."
"Das ist zu lang", erklärte Moni, "es wird zu spät für die Geißen, sie müssen heim." Er rückte sein altes Hütchen zurecht, schwang seine Rute in der Luft und rief den Geißen zu, die schon überall zu nagen angefangen hatten: "Heim! Heim!"
"So singst du mir's doch ein andermal, Moni, nicht wahr?" rief ihm Paula nach.
"Ja, das will ich und gute Nacht!" rief er zurück, setzte sich nun mit den Geißen in Trab, und in kurzer Zeit stand die ganze Herde unten, wenige Schritte vom Badehaus bei dem Hintergebäude still. Denn hier hatte Moni die Geißen, die zum Haus gehörten, die schöne weiße und die schwarze mit dem zierlichen Zicklein abzugeben. Moni behandelte letzteres mit größter Sorgfalt, denn es war ein zartes Tierchen, und er liebte es von allen am meisten. Es war auch so anhänglich, daß es ihm den ganzen Tag immer nachlief. Er zog es auch jetzt ganz zärtlich zu sich und stellte es in seinen Stall hinein. Dann sagte er: "So, Mäggerli, nun schlaf gut, du bist müde. Es ist sehr weit bis dort hinauf, und du bist noch so klein. Leg dich jetzt nur gleich hin, siehst du, so in das gute Stroh hinein."
Nachdem er so das Mäggerli zur Ruhe gebettet hatte, zog er eilig weiter mit seiner Schar, erst vor dem Badehaus den Hügel hinauf und dann die Straße hinunter dem Dorf zu. Hier nahm er sein Hörnchen vor den Mund und blies so gewaltig hinein, daß es dröhnte bis weit ins Tal hinab. Von allen verstreuten Höfen her kamen jetzt die Kinder gelaufen, jedes stürzte auf seine Geiß, die es aus der Ferne schon kannte. Und von den nahen Häusern her kam hier eine Frau und dort eine, faßte ihr Geißlein am Strick oder am Horn, und in kurzer Zeit war die ganze Herde auseinandergestoben, und jedes Tierlein kam an seinen Ort. Zuletzt stand der Moni noch allein mit der Braunen, seiner eigenen Geiß, und mit ihr ging er zu dem Häuschen am Bergabhang, wo schon die Großmutter ihn in der Tür erwartete.
"Ist alles gut gegangen, Moni?" fragte sie freundlich, führte dann die Braune in den Stall und fing gleich an, sie zu melken. Die Großmutter war noch eine rüstige Frau und besorgte alles selbst im Haus und im Stall und hielt überall Ordnung. Moni stand in der Stalltür und schaute der Großmutter zu. Als das Melken beendet war, trat sie ins Häuschen und sagte: "Komm, Moni, du wirst Hunger haben."
Sie hatte auch schon alles hergerichtet. Moni konnte sich sofort an den Tisch setzen. Sie nahm neben ihm Platz. Obwohl es nur eine Schüssel voll Maisbrei mit der Milch der Braunen gab, so ließ sich's Moni doch herrlich schmecken. Dabei erzählte er der Großmutter, was er den Tag über erlebt hatte, und sobald er sein Mahl beendet hatte, zog er sich auf sein Lager zurück, denn er mußte sich ja früh am Morgen wieder mit der Herde auf den Weg machen.
Auf diese Weise hatte Moni schon zwei Sommer verbracht, so lange schon war er Geißbub. Er war jetzt so an dieses Leben gewöhnt und mit seinen Tierchen verbunden, daß er sich's gar nicht anders denken konnte. Mit seiner Großmutter lebte Moni zusammen, solange er sich besinnen konnte. Seine Mutter war gestorben, als er noch ganz klein war. Sein Vater zog bald danach mit anderen zum Kriegsdienst nach Neapel, um etwas zu verdienen, denn er meinte, das gehe dort schneller.
Die Mutter seiner Frau war auch arm, aber sie nahm auf der Stelle das verlassene Büblein ihrer Tochter, den kleinen Salomon, zu sich und teilte mit ihm, was sie hatte. Es lag auch ein Segen auf ihrem Häuschen, und noch nie hatte sie Not leiden müssen.
Die brave, alte Elsbeth war auch im ganzen Dorf beliebt, und als vor zwei Jahren ein anderer Geißbub ausgewählt wurde, da fielen alle Stimmen einstimmig auf den Moni. Denn jeder gönnte es der arbeitsamen Elsbeth, daß nun Moni auch etwas verdienen konnte. Die fromme Großmutter hatte den Moni keinen Morgen weggehen lassen, ohne daß sie ihm sagte: "Moni, vergiß nicht, wie nah du dort oben dem lieben Gott bist und daß er alles sieht und hört. Du kannst vor seinen Augen nichts verbergen. Aber vergiß auch nicht, daß er in deiner Nähe ist, um dir zu helfen. Daher mußt du dich nie fürchten, und wenn du dort oben keine Menschen herbeirufen kannst, rufe du nur zum lieben Gott in der Not, er hört dich gleich und kommt dir zur Hilfe."
So zog Moni von Anfang an voller Zuversicht auf die einsamen Höhen und die höchsten Felsen und hatte nie die leiseste Furcht noch Schrecken, denn er dachte immer: Je höher hinauf, desto näher bin ich beim lieben Gott und desto sicherer in allem, was mir begegnen kann. So hatte Moni weder Sorge noch Kummer und konnte sich freuen an allem, was er erlebte vom Morgen bis zum Abend. Und es war kein Wunder, daß er immer pfiff und sang und jodelte, denn er mußte seiner großen Fröhlichkeit Luft machen.
2. Kapitel
Monis Leben auf dem Berg
Am folgenden Morgen erwachte Paula so früh wie sonst nie, ein lauter Gesang hatte sie aus dem Schlaf geweckt. "Da ist gewiß schon der Geißbub", sagte sie, sprang aus dem Bett und lief ans Fenster.
Richtig, mit frischen, roten Backen stand der Moni im Hof und hatte eben die alte Geiß und das Zicklein aus dem Stall geholt. Jetzt schwang er seine Rute in der Luft, die Geißen hüpften und sprangen um ihn herum, und nun ging's vorwärts mit der ganzen Schar. Und plötzlich erhob Moni seine Stimme wieder und sang, daß es von den Bergen widerhallte:
"Dort droben in den Tannen Singen die Vögel im Chor, Und hat's eine Weile geregnet, Kommt die Sonne wieder vor."
"Heute muß er mir einmal sein ganzes Lied singen", sagte Paula, denn jetzt war Moni verschwunden, und sie konnte seinen fernen Gesang nicht mehr verstehen.
Am Himmel zogen noch die roten Morgenwolken dahin, und ein frischer Bergwind rauschte dem Moni um die Ohren, als er berganstieg. Das war ihm gerade recht. Vor Wohlbehagen jodelte er vom ersten Bergvorsprung so gewaltig ins Tal hinab, daß mancher Schläfer unten im Badehaus erstaunt die Augen aufschlug. Er machte sie aber gleich wieder zu, denn er kannte den Ton und wußte, daß er nun noch ein Stündchen Schlaf zugeben konnte, denn der Geißbub kam immer so früh. Inzwischen kletterte Moni mit seinen Geißen eine Stunde lang weiter und weiter hinauf, bis hoch zu den Felsen.
Immer weiter und immer schöner war es um den Moni geworden, je höher er hinaufkam. Von Zeit zu Zeit guckte er um sich, dann schaute er zu dem hellen Himmel auf, der nun immer blauer wurde. Dann fing er aus vollem Hals zu singen an, immer lauter und immer fröhlicher, je höher er kam:
Dort droben in den Tannen Singen die Vögel im Chor, Und hat's eine Weile geregnet, Kommt die Sonne wieder vor.
Und die Sonne und die Sterne Und den Mond bei der Nacht, Die hat der liebe Gott uns Zur Freude gemacht.
Im Frühling gibt's Blumen, Die sind gelb und sind rot, Und so blau ist der Himmel, Und ich freu mich fast zu Tod.
Und im Sommer gibt's Beeren, Und geht's gut, so gibt's viel, Und die roten und die schwarzen, Eß ich alle vom Stiel.
Hat's im Hag wieder Nüsse, So weiß ich wie's tut, Wo die Geißen gern nagen, Sind die Kräutlein auch gut.
Und im Winter bin ich fröhlich, Weil's Weinen nichts nützt, Und weil ihm sowieso der Frühling, Auf den Fersen schon sitzt.
Jetzt war die Anhöhe erreicht, wo er gewöhnlich blieb und sich auch heute ausruhen wollte. Das war eine kleine, grüne Hochebene mit einem so weiten Vorsprung, daß man von dem freien Punkt ringsumher und weiter, weit ins Tal hinabsehen konnte. Dieser Vorsprung hieß die Felsenkanzel, und hier konnte Moni oft stundenlang verweilen und um sich schauen und vor sich hin pfeifen, während seine Tierlein ganz gemütlich ihre Kräuter suchten.
Sobald Moni angekommen war, nahm er seinen kleinen Proviantsack vom Rücken und legte ihn in eine kleine Höhle des Bodens, die er selbst dafür gegraben hatte. Dann trat er auf die Felsenkanzel hinaus und warf sich auf den Boden, um sich einmal so recht wohl sein zu lassen.
Der Himmel war jetzt dunkelblau geworden. Drüben waren die hohen Berge mit den in den Himmel ragenden Zacken und großen Eisfeldern zum Vorschein gekommen, und unten leuchtete weithin das grüne Tal im Morgenglanz. Moni lag da, schaute umher, sang und pfiff. Der Bergwind kühlte ihm das warme Gesicht, und hörte er einmal zu pfeifen auf, so pfiffen die Vögel über ihm noch viel lustiger und flogen in den blauen Himmel hinauf. Der Moni fühlte sich unbeschreiblich wohl. Von Zeit zu Zeit kam das Mäggerli zu ihm und strich ein wenig mit seinem Kopf über Monis Schulter, wie die Geiß es immer tat. Dann meckerte es ganz liebevoll, ging auf die andere Seite von Moni und strich wieder den Kopf über seine Schulter. Auch von den anderen Geißen kam bald diese, bald jene, um nach dem Hirten zu sehen, und jede hatte ihre eigene Weise, ihm ihre Zärtlichkeit zu zeigen.
Die Braune, seine eigene Geiß, kam zu ihm und schaute nach, ob auch alles mit ihm in Ordnung sei. Sie stand dann da und schaute ihn an, bis er sagte: "Ja, ja, Braunli, es ist schon recht, geh nur wieder zum Futter." Eine Geiß hieß die Schwalbe, weil sie so schmal und flink war und überall hineinschoß, wie die Schwalben in ihre Löcher. Sie sprang so ungestüm auf den Moni los, daß sie ihn wohl umgeworfen hätte, wäre er nicht schon auf dem Boden gelegen. Gleich darauf lief sie wieder davon.
Die glänzende Schwarze, die Geiß des Wirts im Badehaus, Mäggerlis Mutter, war ein wenig stolz. Sie kam nur auf ein paar Schritte Entfernung heran, schaute mit erhobenem Kopf zu dem Moni hin, als wollte sie sich nicht zu vertraulich zeigen und ging dann wieder ihrer Wege. Der große Sultan aber, der Bock, zeigte sich immer nur einmal und drückte dann alle weg, die er in Monis Nähe traf. Dann meckerte er einigemale so bedeutungsvoll, als habe er Mitteilungen abzugeben über den Zustand der Herde, als deren Anführer er sich fühlte.
Nur das kleine Mäggerli ließ sich niemals von seinem Beschützer verdrängen. Wenn der Bock kam und wollte es wegdrücken, so kroch es so tief unter Monis Arm oder Kopf, daß der große Sultan nicht wagte, näher zu kommen. Unter Monis Schutz fürchtete sich das Zicklein auch kein bißchen mehr vor dem Sultan, vor dem es sonst erzitterte, wenn es in seine Nähe kam.
So war der sonnige Morgen vergangen. Moni hatte schon sein Mittagessen verzehrt und stand nun nachdenklich auf seinen Stecken gestützt, den er hier oben öfters brauchte. Denn er war ihm beim Auf- und Abstieg eine große Hilfe. Er dachte nach, ob er eine neue Seite der Felsen besteigen wollte. Denn an diesem Nachmittag wollte er mit den Geißen höher hinauf, die Frage war nur, nach welcher Seite? Er entschied sich für die linke, denn dort ging es zu den drei Drachensteinen, um die herum so zartes Buschwerk wuchs, daß es ein wahres Festessen für die Geißen war.
Der Weg war steil, und oben waren gefährliche Stellen an der schroffen Felswand, aber er wußte einen sicheren Weg. Und die Geißen waren ja vernünftig und verliefen sich nicht so leicht. Er ging bergauf, und lustig kletterten ihm alle seine Geißen nach. Sie waren bald vor, bald hinter ihm, das kleine Mäggerli blieb immer ganz in seiner Nähe. Manchmal hielt er es fest und zog es mit sich, wenn eine steile Stelle kam. Es ging aber alles gut, und nun waren sie oben, und mit hohen Sprüngen rannten die Geißen zu den grünen Büschen hin, denn sie erkannten das gute Futter, das sie schon öfter hier oben abgenagt hatten.
"Nur zahm! Nur zahm!" mahnte Moni, "und stoßt einander nicht an den steilen Stellen, es könnte leicht eines abstürzen und hätte die Beine gebrochen. Schwalbe! Schwalbe! Was kommt denn dir in den Sinn?" rief er jetzt voller Aufregung. Denn die flinke Geiß war über die hohen Drachensteine hinaufgeklettert, stand jetzt auf dem äußersten Rand des einen Steins und guckte von da ganz vorwitzig auf ihn herunter. Er kletterte eilig hinauf, denn nur noch ein einziger Tritt, und die Schwalbe lag unten im Abgrund. Moni war sehr behend, in wenigen Minuten hatte er den Stein erklettert und mit einem schnellen Griff die Schwalbe am Bein erfaßt und zurückgezogen. "Komm du jetzt mit mir, du unvernünftiges Tierlein du", schalt Moni und zog die Schwalbe mit sich herunter zu den anderen. Er hielt sie noch ein Weilchen fest, bis sie nicht mehr ans Fortlaufen dachte.
"Wo ist das Mäggerli?" schrie Moni plötzlich auf, der die Schwarze erblickte, wie sie allein an einer steilen Stelle stand und nichts fraß, sondern ruhig umherschaute. Immer war das junge Geißlein neben Moni, oder es lief seiner Mutter nach.
"Wo hast du dein Zicklein, Schwarze?" rief er erschrocken und sprang auf die Geiß zu. Sie war ganz sonderbar, fraß nicht, blieb immer auf demselben Platz stehen und spitzte verdächtig die Ohren. Moni stellte sich dicht neben sie und schaute hinauf und hinab. Jetzt hörte er ein leises, jammerndes Meckern. Das war Mäggerlis Stimme, sie kam von unten herauf, so kläglich und hilfeflehend. Moni legte sich auf den Boden und beugte sich vor. Dort unten bewegte sich etwas. Jetzt sah er's deutlich, tief unten hing das Mäggerli an einem Ast, der aus dem Felsen herauskam, und winselte zum Erbarmen. Es mußte hinuntergefallen sein.
Glücklicherweise hatte der Ast es aufgehalten, sonst hätte es in den Abgrund stürzen müssen. Aber auch noch jetzt, wenn es sich nicht mehr an dem Ast festhalten konnte, mußte es auf der Stelle in die Tiefe stürzen und sich das Genick brechen. In höchster Angst rief er hinunter: "Halt fest, Mäggerli, halt fest am Ast! Sieh, ich komme schon und hole dich!" Aber wie sollte er dahin gelangen? Die Felswand war so steil hier, unmöglich konnte er da hinunterkommen, das sah Moni wohl ein. Aber das Geißlein mußte da unten etwa in der Höhe vom Regenfelsen sein, dem überhängenden Gestein, unter das man sich beim Regen so gut flüchten konnte. Dort brachten die Geißbuben schon immer ihre Tage bei schlechtem Wetter zu, darum hieß das Gestein schon von alter Zeit her der Regenfelsen. Von da aus, dachte Moni, konnte er quer über den Felsen klettern und so mit dem Zicklein zurückkommen.
Schnell pfiff er die Herde zusammen und stieg mit ihr hinunter, bis zu der Stelle, wo es zum Regenfelsen hineinging. Da ließ er sie weiden und ging dem Felsen zu. Hier sah er auch gleich, noch ein gutes Stück über sich, den Ast, an den sich das Geißlein klammerte. Er sah, daß es nicht leicht sei, da hinaufzuklettern und mit dem Mäggerli auf dem Rücken wieder hinunter. Aber anders war das Tierlein nicht zu retten. Er dachte auch, der liebe Gott würde ihm gewiß beistehen, dann könnte es ihm gelingen. Er faltete seine Hände, schaute zum Himmel auf und betete: "Ach lieber Gott, hilf mir doch, daß ich das Mäggerli erretten kann!" Jetzt war er voller Vertrauen, daß alles gutgehen werde, und eilig kletterte er den Felsen hinauf, bis er bei dem Ast oben angelangt war. Hier klammerte er sich fest an mit beiden Füßen, hob dann das zitternde, wimmernde Tierlein auf seine Schultern und kletterte nun mit großer Sorgfalt hinunter. Als er aber nun wieder den sicheren Grasboden unter den Füßen hatte und das erschrockene Geißlein gerettet sah, da war er so froh, daß er laut danken mußte und in den Himmel hinaufrief: "O lieber Gott, ich danke dir tausendmal, daß du uns so geholfen hast! O wie sind wir beide so froh darüber!" Dann setzte er sich noch ein wenig auf den Boden und streichelte das Zicklein, das immer noch an allen seinen zarten Gliedern zitterte, und tröstete es über die ausgestandene Angst.
Als wenig später Zeit zum Aufbruch war, setzte Moni das Zicklein noch einmal auf seine Schultern und sagte fürsorglich: "Komm, du armes Mäggerli, du zitterst ja immer noch. Heute kannst du nicht heimgehen, ich muß dich tragen." Und so trug er das Tierlein, das sich fest an ihn schmiegte, den ganzen Weg hinunter.
Paula stand jetzt auf der letzten Anhöhe vor dem Badehaus und erwartete den Geißbuben. Auch ihre Tante hatte sie begleitet. Als nun Moni mit seiner Last auf dem Rücken herankam, wollte Paula wissen, ob das Zicklein krank sei, und zeigte große Teilnahme. Als Moni das sah, setzte er sich gleich auf den Boden vor Paula hin und erzählte ihr sein heutiges Erlebnis mit dem Mäggerli.
Das Fräulein nahm sehr lebhaften Anteil an der Sache und streichelte das gerettete Tierlein. Jetzt lag es ruhig auf Monis Knien und sah sehr zierlich aus mit seinen weißen Füßen und dem schönen schwarzen Pelzchen über dem Rücken. Es ließ sich ganz gern ein wenig streicheln.
"Jetzt singst du mir auch noch dein Lied, wenn du schon einmal hier bist", sagte Paula. Moni war so fröhlich gestimmt, daß er gern aus voller Brust anstimmte und sein ganzes Lied bis zu Ende sang.
Das gefiel der Paula ausnehmend gut, und sie sagte, er müsse es ihr noch öfter singen. Dann zog die ganze Gesellschaft zusammen zum Badehaus hinunter. Hier wurde das Zicklein auf sein Lager gelegt, und Moni nahm Abschied. Paula ging in ihr Zimmer zurück, um hier der Tante noch lange von dem Geißbuben zu erzählen, auf dessen fröhlichen Morgengesang sie sich schon jetzt wieder freute.
3. Kapitel
Ein Besuch
So waren mehrere Tage vergangen, einer so sonnig und klar wie der andere, denn es war ein besonders schöner Sommer. Und der Himmel blieb blau und wolkenlos vom Morgen bis zum Abend.
Jeden Morgen in der Frühe war der Geißbub mit hellem Gesang am Badehaus vorbeigezogen, jeden Abend mit hellem Gesang wieder zurückgekehrt. Und alle Badegäste waren so an das fröhliche Singen gewöhnt, daß keiner es hätte missen mögen.
Vor allen aber freute sich Paula an Monis Fröhlichkeit und ging ihm fast jeden Abend entgegen, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen.
An einem sonnigen Morgen war Moni wieder oben bei der Felsenkanzel angelangt und wollte sich eben auf den Boden setzen, als er sich noch anders besann. "Nein, vorwärts! Ihr habt ja das letztemal die guten Blättlein alle stehenlassen müssen, weil wir dem Mäggerli helfen mußten, jetzt geht's noch einmal hinauf, da könnt ihr fertig nagen!" Und mit Freuden sprangen ihm die Geißen alle nach, denn sie merkten, daß es zu den schönen Büschen an den Drachensteinen hinauf ging. Diesmal hielt Moni aber sein kleines Mäggerli die ganze Zeit im Arm fest, riß ihm die guten Blättlein selber ab und ließ es aus seiner Hand fressen. Das gefiel dem Geißlein am allerbesten, es rieb ganz vergnügt von Zeit zu Zeit sein Köpfchen an Monis Schulter und meckerte fröhlich. So war der ganze Morgen vergangen und Moni merkte erst an seinem Hunger, daß es spät geworden war. Er hatte aber sein Essen unten bei der Felsenkanzel in der kleinen Höhle hegen lassen, da er mittags wieder hinunter kommen wollte.
"So, ihr habt nun schon viel Gutes bekommen, und ich habe noch gar nichts", sagte er zu seinen Geißen. "Jetzt muß ich auch etwas haben und unten findet ihr noch genug, kommt!" Dann pfiff er laut, und die ganze Schar zog auf und davon, die lebhaftesten immer voran und allen voraus die leichtfüßige Schwalbe, der heute etwas Unerwartetes begegnen sollte. Sie sprang hinunter von Stein zu Stein und über manche Felsspalte weg, aber auf einmal konnte sie nicht weiter.
Unmittelbar vor ihr stand ganz plötzlich eine Gemse und schaute ihr neugierig ins Gesicht. Das war der Schwalbe noch nicht vorgekommen. Sie stand da, schaute die Fremde fragend an und wartete, daß ihr diese aus dem Weg gehe. Denn sie wollte auf den Felsblock springen, der vor ihr aufragte. Aber die Gemse rührte sich nicht und schaute der Schwalbe frech ins Gesicht. So standen beide voreinander, immer hartnäckiger, und noch heute würden sie dort stehen, wenn nicht inzwischen der große Sultan herbeigekommen wäre. Sofort erkannte er die Sachlage und kletterte vorsichtig an der Schwalbe vorbei. Plötzlich stieß er die Gemse so weit und so gewaltig auf die Seite, daß sie einen kühnen Sprung machen mußte, um nicht über die Felsen hinabzurutschen.