Chapter 5
Hoanghu. Was war Indiens Schlachtfeld anders, als dein blut'ger Opferherd? Warst du nicht in meinen Siegen stets das große Losungswort, das die Chöre der gefallnen Krieger wimmerten zu deinem Lob? Hat die blutbespritzte Fahne deinen Ruhm nicht stolz verkündet? Und die gift'gen Pfeile, die wir rauchend aus dem Leib der Feinde rissen, daß mit offnem Munde dich unheilbare Wunden priesen? Sieh, so habe ich gehandelt an dir, undankbarer Geist, hab' das mut'ge Sein bestohlen und den Schatz dir zugesendet; darum fordre ich ihr Leben als mein rechtlich Eigentum.
Alzinde. O wie liebt mich mein Gemahl.
Genius der Vergänglichkeit. Du hast nur dein Recht verteidigt, das gibt dir kein Recht an mich. Von dem Leben magst du fordern, Leben fordern darf nur ich.
Hoanghu. Nun, so will ich mit dir handeln, Wuchrer, der so bittre Zinsen nimmt. Schenke mir Alzindens Leben, und ich will von meinem dir gern die beßre Hälfte geben.
Alzinde. Ha, mein Hoanghu, was tust du?
Genius der Tugend. Götter, stärket sein Gemüt.
Hoanghu. Sieh, so groß ist meine Liebe, daß sie in den Staub mich zieht. So wardst du noch nicht geehret, daß ein König vor dir kniet. (Er kniet.) Meine Waffen leg' ich nieder, meine Hände heb' ich auf, (Er bittet mit aufgehobenen Händen.) Laß dich, guter Tod, erweichen, schließ den vorteilhaften Kauf. Was willst du mit ihrem Leben, das vor Alter bald zerfällt? Nimm dir meine rüst'ge Hälfte, trotzig steh' ich noch der Welt. Sieh die festgestählten Muskeln, sieh die hochgewölbte Stirn, Leicht ist der Gewinn zu rechnen, Kaufmann, frage dein Gehirn. Sei doch nicht so unerbittlich, sieh, mein Auge tränt vor Schmerz, Es sind meine ersten Tränen, und sie schänden nicht mein Herz. (Weint.)
Alzinde (vor Freude außer sich). Götter, Sonne, all ihr Welten, seht, Hoanghu weinet hier, Schaut herab von euren Wolken, seine Tränen fließen mir. Welche Gattin kann sich rühmen, daß ihr Gatte so sie liebt, Daß er Freude, Glück und Leben, daß er alles für sie gibt? Ha, wie alle Nerven beben, wie sein Anblick mich entzückt, (Edel ausgelassen.) Wie ich glücklich bin und lache, wie die Freude mich berückt; Perlen treten in mein Auge, doch ich weine nicht aus Schmerz, Freudentränen ist ihr Name, Freude sprenget mir das Herz.
(Augenblicklich fällt rauschender Chor ein, vollstimmig und hehr.)
Chor. Freudentränen, Freudentränen, Heißt das große Losungswort!
(Der Kerker verwandelt sich in Alzindens Reich. Die Dekoration der Eingangsszene. Alles Volk ist entsteinert, die Tugendgeister knien um den Tempel. Der Genius der Vergänglichkeit verschwindet. Alzinde hat sich in ihre vorige Gestalt verwandelt, doch im weißen einfachen Kleide. Alzinde und Hoanghu stürzen sich freudig in die Arme.)
Hoanghu. O Alzinde!
Alzinde. Mein Hoanghu! Ewig, ewig bist du mein!
Hoanghu. Nie soll uns der Tod mehr trennen!
Alzinde. Denn wir sterben im Verein!
Genius der Tugend. Heil der Tugend, die auf Erde Zählet solch' erhabnes Paar, Das ein edles Herz bewahrte In so schrecklicher Gefahr.
(Schrecklicher Donnerschlag. Donnerwolken ziehen über die Bühne, aus welchen Blitze zischen.)
Seht, schon zieht aus euren Landen Donnernd Moisasurs Geist. (Zum Volk.) Ihr seid frei von seinen Banden, Eure Königin hier preist! So läßt sich die Welt bezwingen, So wird Erdenneid versöhnt! Groß kann nur der Nachruhm klingen, Wenn er sich durch Tugend krönt.
(Alzinde und Hoanghu knien nieder, der Genius der Tugend steht in ihrer Mitte und blickt gegen Himmel, von oben schweben Genien herab mit einer Lilienkrone und bleiben in der Mitte der Bühne. Das Opferfeuer im Tugendtempel flammt hoch auf. Priester, Volk und Tugendgeister bilden eine Gruppe.)
(Der Vorhang fällt.)
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