Moisasurs Zauberfluch

Chapter 4

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Neunte Szene. (Gerichtssaal in Alpenmarkt.) Der Amtmann, ein Aktuar und Rossi treten ein.

Amtmann. Das ist ein ganz besondrer Vorfall. Den Gluthahn kenn' ich schon, das ist der abgefeimtste Schurke, den ich je gesehn, da muß man rasch verfahren.

Rossi. Die Zeugen kommen uns gerade recht, sie beschleunigen die Sache.

Amtmann. Wollen Sie sich nicht gefälligst setzen?

Rossi (setzt sich). Danke.

Amtmann (läutet, Gerichtsdiener erscheint). Den Steinbrecher und sein Weib. (Diener ab.) Das sind zwei herzensgute Leute, und so gewissenhaft, wie eine Wage; ihrer Aussage kann ich vollkommen glauben.

Zehnte Szene. Vorige. Hans und Mirzel treten furchtsam ein.

Amtmann. Jetzt kommt her, ihr guten Leute, und gebt genau und umständlich zu Protokoll, wie sich die ganze Sache zugetragen hat. (Zum Aktuar.) Setzen Sie Ihre Feder in Bewegung.

Hans. Sehr wohl, Euer Gnaden, Herr Amtmann! Sehen Euer Gnaden, Herr Amtmann; Mein liebs Weiberl da will nicht gern auf in der Früh', da hab' ich den Morgen zu ihr g'sagt; liebe Mirzel, steh doch auf, wir müssen dem Herrn Amtmann die Steuer nach Alpenmarkt tragen. Da sagt sie ja und kehrt sich nochmal um –

Amtmann. Ja, lieber Freund, das dauert mir zu lange.

Mirzel. Euer Gnaden, Herr Amtmann verzeihen, daß ich so mitten ins Protokoll hineinfall', aber was mein Mann zusammenredt, das begreift kein Mensch, viel weniger der Herr Amtmann, mit Respekt zu sagen.--Die Sach' war so: Wie wir gestern morgen dem Herrn Amtmann unsre Steuer bezahlt haben, sind wir auf unsre Alp' zurück, und haben dort das alte Weib bei unsrer Hütte liegen g'funden, ganz betrübt und scheu, weil s' der Gluthahn fortg'jagt hat; endlich haben wir s' getröstet und sie hat uns erzählt, sie wär' eine verwunschene Prinzessin aus--du, wie heißt das Land?

Hans. Aus Indien, hat sie g'sagt, dort hat s', glaub' ich, einen Gemahl und ein Volk. Drauf hat sie uns gebeten, wir möchten sie bei uns behalten und ernähren, sie will uns dafür etwas weinen, und wie mein Weib eine so schöne Schilderung von mir g'macht hat, so hat sie sich an ihren Herrn erinnert und hat in diamantne Tränen in mein' Hut hineing'weint.

Amtmann. Wo hat Er diese Tränen?

Hans. Ich hab' s' im Sack, Herr Amtmann.

Amtmann. Geb Er sie heraus. (Hans gibt sie her--zu Rossi.) Wollen Sie dieselben wohl besehen?

Rossi. Mit Vergnügen. (Besieht sie.) Das sind echte Diamanten.

Amtmann. Ist das möglich? Diamanten? Gleich ins Protokoll damit. Vorher nachgezählt, wie viel es sind.

Aktuar. Es sind sechzehn Stück.

Mirzel. D'rauf haben wir das alte Mütterl in unsre Hütten g'sperrt und sind in den Steinbruch hinaus, doch in einer halben Stund' kommt des Gluthahns Weib halbtot und lamentiert, daß ihr Mann mit einem alten Weibe auf dem Wagen über Stock und Stein davon g'fahren ist, und wir möchten nachlaufen und sehen, was er denn vorhätt'; denn ein Kohlenbauer wär' ihm auf der Alpenmarkt-Straßen begegnet – und wie sie so lamentiert, wird ihr nicht gut und sie fallt uns in d' Arm' und stirbt.

Aktuar (hat geendet). Punktum. Sand auf sie.

Hans. Dann haben wir sie zum Bader ins Dorf hinunter 'tragen, und der hat g'sagt, sie wär' am Schlag gestorben.

Mirzel. Dann sind wir nach Alpenmarkt herg'laufen, wo wir vor einem Haus dem Gluthahn sein Leiterwagen stehen g'sehn haben, und da haben wir einen Herrn g'fragt, der die Pferde g'halten hat, ob der Gluthahn bald kommt; so sagt der, er kommt gleich, er ist im Arrest. Darauf sind wir zum Herrn Amtmann gegangen, und das ist die ganze G'schicht'.

Amtmann. Könnt ihr darauf schwören?

Hans. Herr Amtmann, alle Tag'.

Mirzel. Und alle Stund', wenn's sein muß.

Amtmann. Tretet seitwärts unterdessen.

(Beide stellen sich auf die Seite.)

Amtmann (zum Gerichtsdiener). Den Bauer. (Diener ab.)

Rossi. Jetzt werden Sie den Heuchler sehen.

Amtmann. Ich kenn' ihn schon.

Elfte Szene. Vorige. Gluthahn.

Gluthahn (fällt auf die Knie). Euer Gnaden, Herr Amtmann, ich bin unschuldig.

Amtmann. Das wird sich zeigen. Steh auf. Warum bist du hier?

Gluthahn . Weil ich unschuldig bin, Euer Gnaden, Herr Amtmann.

Amtmann. Woher hast du das Weib, das du Herrn von Rossi verkaufen wolltest? Wenn du lügst, wirst du gezüchtiget.

Gluthahn. Der Himmel ist mein Zeug', ich hab' sie im Wald drauß' g'funden und hab' s' herflattiert.

Rossi. Das ist Unwahrheit, ich selbst bin Zeuge, wie das Weib mir sagte, du hättest sie geraubt, gebunden und zu mir geschleppt.

Gluthahn. Mein', mein', Euer Gnaden, wie man das nimmt, mit ein' jedem Weibsbild ist's eine Schlepperei, weil sie nicht so schnell kann gehn, als wie ein Mann, und das ganze Weib kann gegen mich nicht zeugen, die g'hört in' Narrenturm und nicht vors Gericht. Ja, so viel kenn' ich schon, Euer Gnaden, wenn ich auch kein Juri hab' und kein Just nicht.

Amtmann. Also im Walde hast du sie gefunden? Um welche Zeit?

Gluthahn. Um neun Uhr, Euer Gnaden.

Amtmann (zu Hans). Hervor!--Wann hast du das Weib in deiner Hütte verlassen?

Hans. Um neun Uhr, Euer Gnaden.

Amtmann (zu Gluthahn). Also hast du gelogen?--Gerichtsdiener, he!

Gluthahn (mit Angst). Nein, halten Euer Gnaden, ich hab' nicht g'logen, sie war in der Hütten, aber die Hütten steht ja im Wald, so hab' ich sie ja g'funden im Wald.

Amtmann. Wart', du abgefeimter Schurke.--Du hast sie also aus der Hütte geraubt, auf den Wagen gebunden und hierher geführt?

Gluthahn. Euer Gnaden, das brächet ja mein Herz, ich hab' s' nur auf den Wagen hinauf g'hoben, weil s' all's zu schwach war, das arme Weib, mir hat s' erbarmt; doch bunden hab' ich's nicht, ich werd' doch nicht ein solcher Unmensch sein. Da verdienet ich ja, daß mir Euer Gnaden einen hölzernen Haarzopfen anhängen ließen.

Rossi (zum Amtmann). Was meint er da?

Amtmann. Den Galgen meint er, den er lang verdient. (Läutet.) Den Kohlenbauer herein.

Zwölfte Szene. Vorige. Ein Kohlenbauer.

Amtmann. Hast du den Mann gesehen am Ausgange des Waldes, wie er das alte Weib vom Wagen losgebunden hat?

Kohlenbauer. Ja ja, der ist's, den hab' ich g'sehn, gestrenger Herr Amtmann, ich hab' ihm noch zug'rufen, was er da macht, da hat er g'sagt, wenn ich ihn verrat', so schlagt er mich tot. Darauf kann ich schwören.

Gluthahn. Aber Euer Gnaden, das ist a Verschwärzung, wie man s' nur von einem Kohlenbrenner erwarten kann. Losbunden hab' ich s', das ist wahr, doch bunden hab' ich s' nicht.

Amtmann. Wer hat sie denn gebunden?

Gluthahn. Sie hat sich selbst bunden, Euer Gnaden, damit sie nicht herunter fallt, das arme Weib, ich hab' ihr nur meine Halsbinden g'liehn dazu.

Amtmann. Aber du hast ihr doch hilfreiche Hand geleistet, denn selber konnte sie das nicht, das hast du doch getan, nicht wahr?

Gluthahn. Mein, Euer Gnaden, man unterstützt ja doch seinen Nebenmenschen, wenn er so was vorhat, und mein Herz, Euer Gnaden, sie hat mir so erbarmt, g'holfen hab' ich ihr, doch bunden hab' ich s' nicht, das sag' ich gleich im voraus, Euer Gnaden, das wär' gefehlt, das weiß ich schon.

Amtmann (zu Rossi laut). Es scheint doch, daß er unschuldig ist.

Gluthahn (für sich). Ich lüg' mich schon heraus.

Amtmann. Du hast sie dem Herrn von Rossi verkaufen wollen, billig, nicht wahr? Du sagst ja, das ließ' schon dein Herz gar nie zu.

Gluthahn. Ich hab' ein einzig Herz, ich hab' das Weib versorgen wollen, Euer Gnaden, drum hab' ich sie dem gnäd'gen Herrn bracht, und hab' ihn nur um ein Trinkgeld beten. Nicht wahr, mein lieber gnäd'ger Herr? (Leise zu Rossi.) Helfen mir Euer Gnaden, ich schenk' Ihnen meinen besten Acker dafür.

Rossi. Du wagst es, mir solch einen Antrag zu tun, du Schurke? Hast du die Alte nicht in meiner Gegenwart mißhandelt? nicht mit mir abgehandelt und mir ihren Schmerz verkauft? Dich soll man so lange hauen, bis dir Diamanten vor den Augen flimmern.

Gluthahn. So ist denn alles gegen mich verschworn? nun geh's, wie's will, jetzt sag' ich nimmer nein, ich sieh's, ein rechtschaffner Mann, wie ich bin, hat kein Glück.

Amtmann. Du bist ein Räuber, bist ein Schurke und wirst im Gefängnis büßen. Fort mit dir.

(Gerichtsdiener ergreifen ihn.)

Gluthahn. Hans, mein Weib soll auf meine Wirtschaft schaun.

Hans. Dein Weib ist tot. Heut früh ist s' g'storben.

Gluthahn. Das ist ein Leichtsinn ohnegleichen; stirbt das Weib und ist kein Mensch im Haus. Jetzt tragen sie mir das ganze Geld davon.

Amtmann. Das wird dir das Gericht bewahren. Fort mit ihm!

Gluthahn. Ein jeder Pfennig brennt auf ihrer Seel'. Ich unglücksel'ger Mensch, hätt' ich nur mit kein' alten Weib was ang'fangt.

(Wird abgeführt.)

Amtmann. Das ist ein schlechter Kerl, einen solchen gibt's nicht mehr. (Zum Kohlenbauer.) Du kannst jetzt gehn.

(Kohlenbauer ab.)

Amtmann (zum Gerichtsdiener). Die Alte bringt! (Diener ab.)

Amtmann (zu Rossi). Wenn Sie Geschäfte rufen –

Rossi. Nein, das ist mir äußerst merkwürdig.

Dreizehnte Szene. Vorige. Alzinde.

Hans. Sieh nur, Mirzel, unser fürstliches Mütterl.

Mirzel. Wenn ihr nur nichts g'schieht, mir ist recht bang um sie.

Amtmann. Du stehst hier vor dem Amtsgericht. Wie heißest du?

Alzinde. Alzinde heiß' ich.

Amtmann. Wo geboren?

Alzinde. Indien ist mein Vaterland.

Amtmann. Wie alt?

Alzinde. Zwanzig Jahre kaum vorüber.

Amtmann. Ha! Ha. (Zu Rossi.) Ich muß lachen.

Aktuar. Das sieht man ihr nicht an, für achtzehn hätt' ich sie gehalten.

Alzinde. O spotte nicht des Alters! Achtung jedem Menschen, der mit Ehren trägt den Orden hoher Jahre, womit die edle Zeit die Mäßigkeit belohnt.

Amtmann (verwundert). Das ist ein Wahnsinn von nobelster Gattung.

Rossi. Sie dauert mich!

Mirzel. Armes Mutterl!

Amtmann. Was treibst du für Geschäfte?

Alzinde. Wenn Jammer ein Geschäft ist, treib' ich das.

Amtmann. Bist du verheiratet?

Alzinde. Ich bin es, mein Gemahl ist Hoanghu, der König eines mächt'gen Reichs.

Amtmann (schüttelt den Kopf). Eigene Ideen. Wie kommst du ins Gebirg'?

Alzinde. Warum ersparst du dir die Frage nicht, wenn du der Antwort Unwert kennst? Warum besprichst du mit dem Wahnsinn dich? Wirst du mir glauben, wenn ich dir entdecke, daß mich ein böser Geist mit einem Zauber hat belegt, der mir mein Reich verschließt und unter euch mich elend macht?

Amtmann. Sie klagt sich selbst der Zauberei an, diese Hexe. Kennst du diese beiden? (Auf Hans und Mirzel.)

Alzinde (stürzt freudig auf sie zu). Meine Wohltäter! Ob ich sie kenne, fragst du mich? Mir ist, als wenn ich in Arabiens Wüste zwei fruchtbeladne Bäume fände, deren Schatten mich erquickend kühlt. Ihr guten Menschen, wüßtet ihr doch, was ich alles hab' gelitten, seit man mich von euch gerissen hat.

Mirzel. Du gute Alte.

Hans. Sei die Fürstin nicht so traurig.

Amtmann. Das ist ein sonderbares Weib. Hierher tritt! (Zeigt ihr die Diamanten, die auf einer Tasse liegen.) Sag', gehören diese Tränen deinen Augen, hast du sie geweint?

Alzinde. Wer gab euch diese Wundertränen? Nein, so war es nicht gemeint; euch sind sie nicht geweiht. Ihr Ärmsten, hat man euch entrissen, was die Dankbarkeit euch gab? O harter Mensch, gib sie zurück, ich bitte dich, denn du verkennest ihren Wert. Was soll die Träne dir, ach du verstehst dich nicht darauf, gib sie zurück, mach' mich nicht gar so arm und bring' dies Aug' nicht um sein schmerzlich Eigentum.

Amtmann. Zaubertränen sind's, ich brauche nur ein Ja von dir. Kannst du solche Tränen weinen?

Alzinde. Nein, dies wirst du nicht erleben, eh brenn' ich diese Augen aus mit glühndem Stahl. Rühren soll die Träne, dazu hat die Sonne sie bestimmt, und könnt' ich sie auf eure Herzen weinen, so fiele Stein auf Stein und bliebe wirkungslos.

Amtmann. Ich brauche deine Tränen nicht, ich will Geständnis, klar und deutlich: ob du sie geweint?

Alzinde. Du brauchst sie schon, du heuchelst nur. Wenn euer Geiz hier Tränen preßt aus des Bedrückten Auge, deren Wert nur in der Größe ihrer Wehmut liegt; wie unendlich muß die Wollust sein, mit der ihr diamantne fallen seht!

Amtmann. Vergiß die Achtung nicht, die du mir schuldig bist. (Sehr zornig, doch durchaus edel.) Sie ist wahnsinnig, der Satan spricht aus ihr. Zum letzen Mal, hast du die Tränen hier geweint? Wenn du nicht antwortest, so werd' ich dich anders behandeln.

Alzinde (fährt empor). Anders? (Stolz.) Vergiß dich nicht, du Sklave, denke, ich bin eine Königin! (Sinkt in einen Stuhl, an dem sie steht.) Ach--(matt) ich war eine Königin, du beweisest mir, daß ich es nicht mehr bin. Nicht länger will ich mich entweihn. (Mit Nachdruck.) Ja, ich habe sie geweint, ich schwör' es bei der ew'gen Sonne dir.

Amtmann. So beweisest du mir, daß du eine Hexe bist. Ins Gefängnis fort, das Landgericht wird bald dein Urteil fällen, und vielleicht ist schon die nächste Sonne, die dein Blick begrüßet, auch die letzte, die dir scheint. Verstehst du mich, verwegnes Weib?

Alzinde. Ha! seht den stolzen Pfau, wie er mit schönen Federn prahlet, und wie so häßlich seine Stimme tönt. Leb' wohl und glaube nicht, du hattest mich gerichtet; die Götter sind's,

und du ein Werkzeug ihres großen Plans. Darum vergeb' ich dir, du übtest deine Pflicht, du hast mich nur verkannt. Und nun erlaube mir, daß ich zu diesen sprechen darf, zu diesen, deren schlichtes Kleid ein Herz bedeckt, das sich die Tugend hat zum Heimatland erwählt. Wie soll ich euch, ihr Teuren, danken, daß ihr mich aufgenommen und getröstet habt, als mich die Grausamkeit von ihrer Schwelle stieß? O Sonne, deren Strahl beglücken kann--(tritt in ihre Mitte, nimmt sie beide an der Hand), wenn du vergelten willst, was ich erdulden muß, so vergilt an diesen hier. Schenke Frieden ihren Herzen und laß ihre Ehe glücklich sein, wie es die meine war. (Bricht plötzlich ab; mit Schmerz.) Lebt wohl, ich bin bewegt, (leise) ich will bewegt sein, muß es sein. O ihr Götter, laßt mich weinen! (Weint--leise.) Seht, es fließen meine Tränen, hascht sie heimlich auf, daß es jene nicht bemerken. (Hans hält den Hut, Mirzel die Schürze auf, alle drei sind im Vordergrunde, damit der Amtmann nichts bemerkt, doch vermeide man allen Anstrich des Komischen.) So, so, behaltet sie, verberget sie, und wenn ich nicht mehr bin, erinnert euch der unglücklichen Königin Alzinde. (Zu den Gerichtsdienern stolz.) Nun folg' ich ins Gefängnis euch.

(Mit zwei Gerichtsdienern ab.)

Amtmann (steht auf und sagt zum Aktuar). Schließen Sie,. und legen Sie es auf mein Pult. (Aktuar ab.)

Vierzehnte Szene. Amtmann. Rossi. Hans. Mirzel.

Rossi (der bewegt war unter dem Schluß der Szene). Was geschieht mit diesem Weib, Herr Amtmann?

Amtmann. Sie wird verbrannt, wie sie's verdient. (Zu Hans und Mirzel.) Geht jetzt nach Hause und nehmt euch ein Beispiel an diesen unglücklichen Menschen hier.

Hans. Der Gluthahn ist ein schlechter Mensch, das haben wir schon lang g'wußt; aber was das Weib betrifft, verzeihen Euer Gnaden, das Weib ist g'wiß eine gute Seel', und in mein' ganzen Leben werd' ich die gute Fürstin nicht vergessen.

Mirzel. Und wenn s' verbrennt wird, du lieber Gott, so laß nur regnen Tag und Nacht, und wenn's doch g'schehn soll, lieber Hans, so nehmen wir ihr' Aschen, und bauen s' in unserm Gartel an, da werden viel tausend schöne Blumen draus entstehn.

Rossi. Ihr wackern Leute, nehmt dies Gold, ich geb' es euch, weil es mich innig freut, daß ihr das alte Mütterchen bedauert, denn das muß ich auch.

Hans. Wir küssen d' Hand Euer Gnaden tausendmal, und küssen Euer Gnaden, Herrn Amtmanns Kleid. Komm, Mirzel, geh, heut ist ein trüber Tag.

Mirzel. Heut schmeckt mir g'wiß kein Bissen, lieber Hans.

(Beide ab.)

Rossi. Auch ich empfehle mich, Herr Amtmann.

Amtmann. Wollen Sie nicht eine Suppe bei mir essen?

Rossi. Ergebenen Dank, Herr Amtmann, heute bin ich zu bewegt, der Auftritt hat mich angegriffen; ich will die grüne Wiese suchen und den blauen Himmel, um ihn zu befragen, ob man, wie dieses Weib, so edel sein kann und so schuldig auch.

(Geht ab.)

Fünfzehnte Szene. Amtmann. Ein Diener.

Amtmann. Will er mir das Mahl verbittern? Hätt' ich denn nicht recht getan an diesem Weibe? Wenn ich darüber mein Bewußtsein frage, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters, noch des Menschen Pflicht, und hast den Platz behauptet, auf den Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle Menschen fragen! Hier steht ein altes Weib, mit tät'ger Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug' voll Glut, spricht wie ein Xenophon und gilt für wahnsinnig; ist eine Bettlerin und schwärmt von einer Krone; hat ein Gemüt wie Samt und Tränen hart wie Stein; beschwört die Sonne und verklagt die Hölle; und alles dies bestätigt durch vier unpartei'sche Zeugen; eigne Augen, eigne Ohren. Nun setz' ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht sprechen wird: Dies Weib ist eine Hexe.--Philipp, trag' Er auf. (Ab.)

Sechzehnte Szene. Kurzer Kerker. Nacht.

Alzinde, welche nach dem ersten Auftritt ihr Gesicht mit Falten bemalte, ohne eine Larve vielleicht zu nehmen, muß während des vorhergehenden Auftritts sich jugendlich schminken, welches man bei der Dunkelheit der Bühne jetzt nicht bemerkt. Sie wird von dem Kerkermeister hereingeführt und setzt sich ermattet auf einen Stein.

Kerkermeister. Hier kannst du bleiben, Hexe, bis dich die Flamme ruft. (Ab.)

Alzinde. Hier kerkert man mich ein und zur Gefährtin gibt man mir die Finsternis. Seid mir gegrüßt, ihr Unglücksmauern, aufgebaut, um Elend zu betrachten; du feuchter Boden, von den Reuezähren der Verbrecher naß, sei mir gegrüßt; du melanchol'scher Ort, ich weihe dich zu meinem Prunksaal ein. Hier will ich meinen Gram mit düstern Bildern säugen, hier will ich herrschen über kriechendes Gewürm; von meinen Tränen will ich eine Krone flechten und denken, ich sei des Schmerzes Königin. Ich leb' allein von allen meinen Lieben. Mein Volk ist tot, versteinert ist's, und mein Gemahl,--o mein Gemahl, der erste stets an deines Heeres Spitze, betratest du den mörderischen Boden deines Reiches? Ja, auch er ist tot, alles tot, alles! (Springt auf.) So ist's recht, Alzinde, so ist's recht, denn herunter muß das Leben, wenn der Geist sich schwingen soll. O wie stärkt ein rein Gewissen! Götter, fordert meinen Geist, jetzt bin ich dazu bereitet.

(Kurze klagende Musik.)

Siebzehnte Szene. Vorige. Der Genius der Vergänglichkeit tritt ein, als ein grauer Mann, mit grauem langen Kleide, etwas kahlköpfig und mit langem Bart, seine Miene ist sanft, und seine Sprache gemütlich und tröstlich.

Genius der Vergänglichkeit. Alzinde, ich bin hier.

Alzinde. Wer bist du, bleicher, ungeladner Gast? Was willst du von der Dunkelheit und mir?

Genius der Vergänglichkeit. Ein Vater will ich von deinen Leiden sein.

Alzinde. Ein Vater? ach, mein Vater ist dort oben.

Genius der Vergänglichkeit. So kehre heim zu ihm. Reich' mir deine Hand, Alzind'. Ich bin kein Jüngling, der die Ewigkeit zum Liebesschwur mißbraucht. Sieh, unsre Locken sind sich gramverwandt; darum schenke mir die teuren Reste des Vertrauens, die dein Unglück dir gelassen hat. Sieh hin!

(Die Mitte der Kerkerwand bildet einen Kerkerbogen. Diese Wand öffnet sich und man sieht durch den finstern Bogen eine kleine Insel, von einem See umgeben, auf welcher ein indisches Monument steht, mit dem Namen Alzinde, von Zypressen umgeben. Die Gegend ist vom Mondlicht hell bestrahlt. Der Kerker bleibt finster.)

Genius der Vergänglichkeit. Nach jenem Eiland führ' ich dich, das kein lebend'ger Schiffer noch geschaut, nichts wird dort deine süße Ruhe stören. Was immer dich aus dieser Welt betrübt, gekränkt; – Verfolgung, Neid und Undank bleiben fern von dir. Dort legt unter einsamen Zypressen der Ruhm beschämt die goldnen Kränze ab, der wutentbrannte Haß und alle Leidenschaften dieser Erde löschen ihre Fackel schweigend aus. Ird'sche Freuden werden dir nicht winken, doch milde Sterne werden dein verklärtes Haupt umglänzen, und der lichte Engel deiner reinen Tugend führet deinen Geist aus Himmelswolken zu dem Thron der ew'gen Wonne hin.

Alzinde. Ja, ich verstehe dich. Es sinket eine mächt'ge Stunde nieder und gebietet einer Königin. Du bist der Friedensengel, der den bösen Streit beendet, den der Mensch mit seinem Glück hier führt; du bist das große Ziel, zu dem uns alle Wege führen.

Genius der Vergänglichkeit. Ich bin der kräftige Magnet, der alles Leben an sich zieht. Wie du dich auszuweichen auch bemühst, es ist umsonst! Denn könntest du durch tausend Sonnen wandeln, du trittst auf einen Pfad, und eh du es noch ahnst, gelangst du in mein Reich.

Alzinde. So nimm mich mit dir, guter Vater, an jenen Ort, wo ew'ge Freude herrscht, ich werde meinen Hoanghu dort sehn und alle meine teuren Lieben, die meinem Leiden vorausgeeilet sind. Komm, ich folge dir. (Der Genius hält sie in seinem Arm und will sie fortführen, da ertönt Hoanghus Stimme, die hintere Wand schließt sich. Kerker wie vorher.)

Achtzehnte Szene. Vorige. Gleich darauf Hoanghu und der Genius der Tugend.

Hoanghu (von innen). Hier soll ich meine Gattin finden?

Alzinde. Götter, welche Stimme!

(Hoanghu und der Tugendgenius treten ein.)

Hoanghu. Fast erblinden meine Augen, da ich statt den goldnen Wolken, die ich erst mit dir durchsteuert, dieses Abgrunds Tiefe schaue. Und hier muß Alzinde schmachten?

Alzinde. Götter, das ist Hoanghu.

Hoanghu. Ja, dies ist ihr holder Ton. Zeig' dich, Brust, aus der er klinget, daß ich dich an meine drücke.

Genius der Tugend. Siehst du dort die zwei Gestalten? 's ist Alzinde und der Tod.

Hoanghu. Ist sie denn an ihn vermählt, daß sein Arm sie so umschließt?

Genius der Tugend. Er ist ihre eigene Wahl, weil sie dich verloren wähnte. Suche sie ihm zu entreißen, schnell, es ist die höchste Zeit.

Hoanghu. Sag' Alzinde, bist du's wirklich, denn ich kann dich nicht erkennen, sehe nur die Truggestalt, die mein Traum mir drohend wies.

Alzinde. Ja, ich bin's, mein Hoanghu; laß mich los, du grauer Riese, der sich jetzt dem Blick erst zeigt, laß mich hin in seine Arme, nur dem Gatten schlägt mein Herz. Warum hältst du mich umklammert, niemals werd' ich deine Braut.

Genius der Vergänglichkeit. Hast du mir dich nicht verlobet? Du bist mein, ich lass' dich nicht.

Alzinde. Nein, dies wendet den Vertrag. Du warst nur ein Rettungsmittel, doch ich hab' ihn hier gefunden, nun gehör' ich dieser Welt. Ha, wie sich der düstre Kerker jetzt mit holden Farben schmückt; wie das schaurige Gewölbe nun auf goldnen Säulen ruht; wie mir seine dunkle Kuppel hell erglänzt wie Chrysolith; und dies alles schafft Hoanghu, der wie eine zweite Sonne nur für mich die Welt bestrahlt. Und ich soll ein Leben lassen, erst geboren durch die Liebe, soll mit dir, du düstrer Alter, in dein ernstes Schattenreich? Gib mich auf, du läst'ger Freier, nimmer wird Alzinde dein.

Hoanghu. Laß sie los, du graue Schlange, oder ich zerhaue dich. (Will mit dem Schwert auf ihn dringen.)

Genius der Vergänglichkeit. Armer, sinnverlorner Kämpfer, mit dem Tod drohst du dem Tode? Durch mich selbst willst du mich morden? Senk' die Waffe, denn der leichtgewebten Luft kann sie keine Wunden schlagen.

Hoanghu. O du stolzgesinnter Prahler, du bist dennoch meinesgleichen, bist ein Feldherr, ausgesendet, um das Leben zu erobern; bist ein Held, der sein Panier hin auf Leichenhügel pflanzt und das grause Siegerhaupt sich mit Rosmarin bekränzt; und so willst du an mir handeln, du des Undanks echter Sohn, willst ihr Leben mir versagen, eines schwachen Weibes Leben, und ich habe so viel tausend kräft'ge Männer dir geweiht?

Genius der Vergänglichkeit (ironisch). Und wie hast du dies begonnen? Laß doch hören, tapfrer Junge.