Chapter 3
Karambuco (ruft noch in der Kulisse). Laß mich los, du entsetzliches Weib. (Tritt auf.) Was willst du denn von mir, du Drachenzahn, ich muß ja laufen, daß die Sohlen brennen.
Ossa (hält ihn fest). Du kommst mir von der Stelle nicht, bis du mir sagst, was du für ein Geheimnis mit dir trägst. Du bist ein falscher Mann, du entlaufst dem Heer und deinem Weib. Du hast etwas verbrochen. (Boshaft.) So sag' mir's doch.
Karambuco. O Götter, leiht mir einen Pfeil, daß ich ihre Sucht umbringe, mich zu halten. Sonne, brenn' ihr beide Arme ab! Ich muß ja fort, es ist ein Preis gesetzt, wer unserm König Nachricht bringt, ob seine Gattin lebt.
Ossa. Das lügst du, unverschämter Mann, da hab' ich nicht ein Wort davon gehört.
Karambuco. Weil du geschlafen hast.
Ossa. Ich schlafe nie.
Karambuco. Der Satan wacht in dir. Da komm' ich eh' von einer Riesenschlange los, als von dem Weib, ich muß mich gar aufs Bitten legen. (Kniet sich nieder, sie läßt das Kleid los und hält ihn an den Händen, sie knien einander gegenüber.)
Karambuco. Liebe Ossa, laß mich los.
Ossa. Ich kann nicht, lieber Karambuco.
Karambuco (springt erzürnt auf, sie mit ihm). Verwünschtes Weib, was willst du denn?
Ossa. Was du nicht willst, verwünschter Mann.
Karambuco. Geh!
Ossa. Steh!
Karambuco. Ich schlag' dich tot.
Ossa. Du kannst ja nicht, ich halt' dich ja.
Karambuco. Das ist ein Riesenweib, sie bricht mir die Hände entzwei. Erinnere dich an deine Pflicht.
Ossa. Des Weibes Pflicht ist, festzuhalten an dem Mann; ich halte fest.
Karambuco. Ich komm' nicht aus mit ihr, und nicht davon. Da bring' ich eher einen Elefanten durch ein Nadelöhr, als dieses Weib zu ihrer Pflicht. O meine Aussichten--was hätt' ich auf dem Turm für schönes Land gesehn; jetzt seh' ich nichts, als dieses häßliche Gesicht. Doch wart', du sollst mich kennen lernen; nimm dich zusammen, Karambuco! fort mit dir, du Drachenweib! (Er schleudert sie mit Gewalt von sich, so daß sie über den Grenzstein fliegt und in einer drohenden Stellung gegen ihn auf die Erde fällt. Sie wird in dieser Attitüde zu einem grauen Stein, als ausgehauene Figur.) Was ist das? bin ich versteinert, oder ist's mein Weib? Diesmal ist sie's. Götter, was habt ihr für Wunder getan! Dieses Weib zum Schweigen zu bringen, da gehört etwas dazu. (Springt vor Freude.) Götter, die Freud', mein Weib ist von Stein. Ha, jetzt hab' ich Mut, jetzt schmäl' ich sie recht. Du Hydra, du Drache, du indische Mumie! (Freude.) Sie kann nichts sagen, o glückliche Ehe! Jetzt freut's mich erst, daß ich verheiratet bin.--So rede, wenn du dich traust, schlag, wenn du kannst, beiß, beiß. (Springt.) Ihr Götter, ich dank' euch, sie kann nimmer beißen! O du steinerne Bosheit, wie bist du so gutmütig jetzt. Wenn doch mancher Mann die Macht besäße, der Beredsamkeit seiner Frau so ein versteinerndes Halt zuzurufen, da kämen oft herrliche Statuen heraus. Doch ich verplaudere die Zeit und soll sie verlaufen. Leuchte mir, Sonne! (Er stellt sich zum Laufen an.)
Stimme des Genius. Tritt nicht auf diesen Boden, er verwandelt dich in Stein.
Karambuco. Bitt' um Vergebung, da spiel' ich den Krebs. (Geht rückwärts.) Also der Boden versteinert? --Da scheid' ich von ihm. --Doch, was seh' ich, was fällt mir jetzt ein! Mein ganzes Vermögen, was ich erspart und gestohlen, alles ist hin, sie hat alles im Sack und im Bündel da drin. Alles ist Stein, Weib und Vermögen versteinert--ich hab' alles verloren, und bin doch ein steinreicher Mann.
Dreiundzwanzigste Szene. Indischer Marsch in schnellem Tempo. Hoanghu eilt an der Spitze seines Heeres herein. Karambuco kniet sich vor ihm nieder und hält ihn auf.
Karambuco. Großer König, bleib zurück.
Hoanghu. Aus dem Wege, Sklave, flieh! (Stößt ihn von sich.)
Karambuco (umklammert seinen Fuß). Bei der ew'gen Sonne, bleib zurück, ein einz'ger Schritt bringt Tod. Sieh hier mein marmorerblichenes Weib. Dieser Boden lithographiert. Wer ihn betritt, den zieht er als Steinabdruck heraus. Laß dein ganzes Heer einziehen, und du wirst jeden Krieger durch ein Monument verewigen.
Hoanghu. Zurück, du Mörder, der durch Warnung tötet, diese Grenze schließt Alzindens Unglück ein. Ohne sie kann ich nicht glücklich sein, und jedes Schicksal will ich mit ihr teilen. Nicht außer diesem Reiche steht mein Leben, es ist in ihm, in ihr; ich trag' es nicht hinüber, kann es nimmer retten, weil's mit ihr vergeht. Weg mit der Schale, wenn der Kern verloren ist. Ist Alzindens Herz versteinert, ist's doch meines nicht, und sucht ihr Grab. Mein ist dies Reich, und wenn's mit Unglück kämpft, so darf der König auch nicht fehlen. Folg', wer will. (Will über die Grenze.)
Vierundzwanzigste Szene. Genius der Tugend tritt ihm entgegen. Vorige.
Genius. Zurück, Hoanghu, ich befehl' es dir.
Hoanghu. Wer bist du, Lichtgestalt?
Genius. Ich bin die Tugend, deiner Gattin, deines Landes Schutzgeist. Deine Gattin hat in deinem Reich mir einen Tempel auferbaut, drum hat Moisasur sie verflucht, wie sie dein Traum gemalt, so lang, bis die Unmöglichkeit erfüllt, die zur Bedingung er gesetzt.
Hoanghu. Das heißt, die Ewigkeit mit anderem Namen nennen.
Genius. Alles kann die Gottheit wenden, und zum Werkzeug hat sie dich ersehen. Die höchste Probe hast du diesen Augenblick bestanden. Du kannst Reich und Gattin retten, weil du dein Leben unter deine Liebe stellst.
(Genius winkt: Die Gegend verwandelt sich in einen Wolkenhain. Die Statue der Tugend, vor ihr ein Opferaltar. Die Geister der Tugend in Gruppen, im Hintergrunde eine große diamantene Sonne.)
Genius. Schwöre hier, am Weihaltar der Tugend, auf ihrer Lilie heil'gen Kelch, daß du ihr jedes Opfer bringest, wenn sie es gebeut.
Hoanghu. Ich schwör's, und wenn ich breche meinen Eid, so soll die Quelle meinem Durst versiegen, der Baum die Früchte selbst verzehren; so will ich König sein in menschenleerer Wüste, will schlaflos mich im heißen Sande wälzen, und wenn mein Leib an solcher Glut vergeht, soll die Sonne meinen Geist aus ihrem Reich verbannen, und Moisasur ihn an seine Ferse heften.
(Hoanghu kniet, der Genius berührt sein Haupt mit der Lilie.)
Genius. So will ich dich durch dieser Lilie Kraft, Die alles Edle und Erhabne schafft, Zum Retter deiner Gattin weihn. In des Abends sanften Schein Wirst du wieder mich erblicken, Und auf leichter Wolken Rücken Schweb' ich mit dir eilig fort, Bis wir landen an dem Ort, Wo in unbekannter Ferne, Durch die Macht der bösen Sterne, Deiner Gattin Leiden weilen. Doch jetzt muß ich von dir eilen Und des Abgrunds Tiger wecken, Er muß seine Klauen strecken Nach der Tugend Lilienbrust; Bis wir sie mit Götterlust Allem Ungemach entrücken, Sie an unsern Busen drücken In beglückter stolzer Ruh'; Nun leb' wohl, mein Hoanghu.
(Genius fliegt ab.)
Ende des ersten Aufzuges.
Zweiter Aufzug.
Erste Szene In Alpenmarkt. Vorsaal im Landhause des Juwelenhändlers Rossi. Der Hausinspektor Hänfling tritt auf mit Hausbedienten; höchstens sechs.
Hänfling. He, ihr Leute, schnell zur Hand! Eure Pflicht ist euch bekannt, Seid geschäftig, übt sie aus, Denkt, die Herrschaft ist zu Haus. Chor. Wir sind willig, rüstig, flink, Und gehorchen Eurem Wink.
Hänfling. Der gnäd'ge Herr ist nicht auf einige Tage aus der Stadt herausgefahren, er wird diesmal drei Monate in seinem Landhaus hier verweilen; darum nehmt euch zusammen, stoßt eure Bequemlichkeit in die Rippen, seid flink, damit er sieht, daß ich auf Ordnung halte, als Inspektor. (beiseite.) Wenn er fort ist, kann ich euch manchmal durch die Finger sehen, doch so lang er hier ist, muß ich euch auf die Finger klopfen. (Laut.) Habt ihr mich verstanden?
Alle (schreien). Ja.
Hänfling. So schreit nicht so und packt euch fort an eure Arbeit. Und wenn der gnäd'ge Herr frägt, wie man im Hause hier mit meiner Anordnung zufrieden ist, so antwortet als treue Diener Wahrheit und sagt, was ich seit vierzehn Tagen jedem eingelernt: Unser Herr Inspektor ist ein Engel. Dies merket euch, geht eures Wegs und bleibt fein dabei stehen.
Ein Bedienter. Wir gehen unsres Wegs und bleiben dabei stehen. (Ab.)
Zweite Szene.
Hänfling (allein). Für mich gibt's nichts Bequemeres auf der Welt, als das Befehlen; fast jeder hat Talent dazu, der Mensch ist ein geborner Kommandant, am besten seh' ich das bei meiner Frau. Ich für meinen Teil, wenn ich nicht Inspektor wäre, ich würde mir wenigstens einen Jagdhund halten, damit ich zu ihm sagen könnte (es wird geklopft) Herein!
Dritte Szene. Voriger. Gluthahn. Alzinde.
Gluthahn (hat Alzinden an der Hand, geht zur Türe herein). Euer G'streng' verzeihen, ich möcht'--(zu Alzinden.) So geh herein, mein liebe Alte, laß dich nicht so ziehen, es nützt dich nichts. (Zieht Alzinden herein.)
Alzinde. Sklavin bin ich eines Sklaven.
Hänfling. Nun, was ist das für ein Auftritt? was will das Lumpenpack?
Gluthahn. Werden Euer G'streng' nur nicht gar so ungnädig, ich bin der alte Gluthahn von der Windalm hint', und möchte gern mit dem gnäd'gen Herrn vom Haus hier reden; er kennt mich schon, ich bin sein Holzlieferant, und wenn er unsre Alm besteigt, so bleibt er bei mir über Nacht.
Hänfling (für sich). Das ist eine Bettelei. (Laut.) Er ist nicht hier.
Gluthahn. Ei jawohl, ich hab' ihn ja am Fenster g'sehn.
Hänfling. Er ist doch nicht hier, und wenn Er ihn an allen Fenstern zugleich gesehen hätte.
Gluthahn. Ja so--(Heuchlerisch.) Bitt' gar schön, Euer G'streng', erlauben S' ihm's, daß er hier sein darf.
Hänfling. In solchem Anzug lass' ich niemand vor. Was hast du mit dem Weibe da, was drückst du ihr die Hände so zusammen?
Alzinde (welcher Gluthahn mit der linken Hand beide Hände zusammenklammert und sie so hält, spricht unruhig). O Fremdling, nimm dich meiner an.
Gluthahn (heimlich zu ihr). Wann's du was sagst zu ihm, ich bring' dich um.
Alzinde (reißt sich los von ihm und stürzt zu Hänflings Füßen). Laß mich--(zu Hänfling) Fremdling, höre mich.
Hänfling (stößt sie von sich). Was willst du, schmutz'ge Bettlerin?
Alzinde (steht plötzlich stolz auf). Nichts von dir, gar nichts, Freund. Ich habe dich verkannt. (Setzt sich in einen Stuhl und seufzt.) Ach! (verhüllt ihr Antlitz.)
Gluthahn (schadenfroh). Das ist dir recht g'sund.
Hänfling. Was will das Weib?
Gluthahn. Mit Ihrem gnäd'gen Herrn möcht' s' reden.
Hänfling. Das kann nicht sein, packt euch jetzt fort, er ist nicht hier.
Gluthahn. Er wird gleich kommen. Euer G'streng' haben ein kaltes Gemüt, ich seh's schon, ich werd' Euer G'streng' so sechs Stoß harts Holz hereinführen, das gibt eine rechte Glut, da taut der Mensch schon auf. (Fein.) Euer G'streng', mir scheint, ich hör' ihn reden drin, auf die Letzt ist er doch zu Haus.
Hänfling. Das ist nicht möglich. (Geht an die Tür und sieht hinein.) Meiner Seel, er ist zu Haus. Wie man sich irren kann. Ich will jetzt für Ihn sprechen; doch, daß Er sich nicht untersteht und schickt mir einen Splitter Holz, ich lass' mich nicht bestechen. Wenn Er es morgen bringen will, so lass' Er sich den Keller zeigen und leg' Er es hinein, ich will nichts davon wissen. (Abgehend.) Das ging mir ab, das wär' nicht schlecht. (Ab.)
Gluthahn. Ah, ist ein Ehrenmann, der Herr Inspektor, aber so sechs tüchtige Stöße, die bringen einen schon vorwärts bei ihm. Nun, was schaffst denn du, mein altes Kapital?--Wenn ich s' nur zum Weinen bringen könnt'.
Alzinde. Mensch, was hast du mit mir vor? Welch böser Geist bestimmt dich, so an mir zu handeln?
Gluthahn. So sei nur nicht so kindisch, liebe Alte, du verkennst mein Herz, ich mein's ja gut mit dir, du kriegst das schönste Leben. Sei still, der gnäd'ge Herr.
Vierte Szene. Vorige. Rossi.
Rossi. Ah, mein alter Gluthahn, was bringt Ihn zu mir?
Gluthahn (küßt ihm die Hand). Ich küss' die Hand, Euer Gnaden, vieltausendmal.
Rossi. Wie geht's zu Haus, was macht die Frau?
Gluthahn. I mein, allweil kränklich ist sie halt!
Rossi. Nu, da muß Er Geduld mit ihr haben.
Gluthahn. I du lieber Himmel, mein Herz, Euer Gnaden wissen's ja, wir leben, wie die Kinder, ich gib ja acht auf sie, wie auf mein' Augapfel. Was s' braucht, das hat s', ich opfre mich ganz auf für sie.
Rossi. Brav, das macht Seinem Herzen Ehre. Wer ist denn diese Alte da?
Gluthahn. Das ist ein ganz besondres Weib, Euer Gnaden, ein solches hat noch nie g'lebt. (Zu Alzinde mit falscher Freundlichkeit.) Geh, setz' dich nieder, liebe Alte. (Führt sie an einen Stuhl, dann heimlich zu Rossi.) Die möcht' ich gern an Euer Gnaden verkaufen.
Rossi. Das alte Weib? das wär' ein schöner Kauf.
Gluthahn. Die ist vernünftiger als eine Junge,--wenn eine Junge weint, so braucht sie etwas, und wenn die Alte weint, so bringt s' noch etwas. Das alte Weib weint Diamanten.
Rossi. Diamanten? Bist du ein Narr?
Gluthahn. Versteht sich, in mein' Sack; Euer Gnaden werden's gleich sehen, ich lasse s' jetzt Prob' weinen, augenblicklich. Euer Gnaden rechnen aus, was die ganze Weinerei wert sein kann, geben mir alle Jahr einen Teil davon, kein Mensch braucht was zu wissen, und der Handel ist geschlossen.
Alzinde (die gehorcht). Entsetzlich!
Rossi (beiseite). Der Kerl ist ein Betrüger. (Laut.) Wie kommst du zu dem Weibe?
Gluthahn. G'funden hab' ich sie drauß im Wald.
Alzinde (springt auf). Du lügst, der Bösewicht hat mich geraubt.
Rossi. Welch' jugendliche Stimme, welche Haltung?
Gluthahn (heftig). Bist still, du--(Faßt sich plötzlich.) Setz' dich nieder, liebe Alte. (Zu Rossi.) Mein, s' ist verrückt, sie weiß nicht, was sie redt; das macht Euer Gnaden nichts; wenn s' auch dumm redt, wenn s' nur vernünftig weint.
Rossi (beiseite). Ich muß klar sehen in der Sache. (Laut.) Gut, überzeuge mich von deinen Worten, wir wollen sehen, was zu machen ist.
Gluthahn. Euer Gnaden kaufen s' also? Hollah! jetzt geht's recht. Jetzt nimm dich zusammen, Alte, wein', was Zeug hält.
Rossi. Weint sie denn, so oft sie will?
Gluthahn. Nu, das will ich hoffen, das ist ihr schönste Unterhaltung. Nicht wahr, mein' liebe Alte, du weinst uns schon ein Stückl, kriegst hernach einen Zucker. Nicht wahr, Euer Gnaden, ein' Zucker. (heimlich zu Rossi.) Auf den Zucker geht s' wie ein Kanari.
Alzinde (steht auf). Gemeiner Sklav', auf den die Sonne mit Verachtung schaut, und dessen Anblick mein Gefühl empört, wie hoffest du ein Aug' zu finden in der Welt, das sich mit Tränen für dich füllt? Für dich darf keine Träne fließen, selbst an deinem Sarge nicht, denn die Götter sind gerecht.
Rossi. Welch eine edle Sprache führt dies Weib!
Gluthahn. Sie ist närrisch, Euer Gnaden; sie weint uns doch noch.
Alzinde. Ich habe dich gelabt, und du hast unbarmherzig mich gebunden und hierher geschleppt.
Gluthahn. Ist alles erlogen, Euer Gnaden, mein Herz laßt so was gar nicht zu.
Rossi (beiseite). Sonderbarer Vorfall.
Gluthahn. Jetzt frag' ich dich zum letztenmal, ob du weinen willst? (beiseite.) Wenn ich sie nur recht kranken könnt'. (Laut. ) Da schauen s' Euer Gnaden nur an, wie erbärmlich sie nur dasteht, diese miserable Figur. Die rote Nase und die hunderttausend Falten, als wenn s' für jede Sünd' ein Strichel hätt' im G'sicht. Und Augen hat s' als wie eine Katz'. Pfui Teuxel! (boshaft lachend.) Ha, ha, ha, ich tät' mich schämen. (Leise zu Rossi.) Helfen Euer Gnaden mit, machen wir sie marb', damit sie weint.
Rossi (empört beiseite). Das ist ein niederträchtiger Bube, kaum halt' ich mich zurück.
Alzinde (ergreift Gluthahns Hand und spricht mit Würde). Komm her, es lohnt die Müh', dich näher zu betrachten. Sag' mir, bist du denn wirklich ein Geschöpf, gebaut in seinem Innern, wie der edle Mensch? O Sonne, sende deinen Blitz und spalte diese Felsenbrust, damit mein Blick zu seinem Herzen kann gelangen, ob es die Form hat eines menschlichen?--Götter, stärket meinen Geist, damit ich mich an eurem Werke nicht versünd'ge und diese Menschen hier für redende Hyänen halte.
Rossi. Wenn so der Wahnsinn spricht, tausch' ich meinen Verstand dafür ein.
Gluthahn. Das ist ein schreckliches Weib, ich komm halt nicht zum Zweck! Wenn du mir jetzt nicht weinst, so nimm ich dich mit fort und sperr' dich ein, so lang du lebst. Sieh meinen Zorn, schau her, er brennt, Wasser brauch' ich, lösch', lösch', mit zwei Tropfen kannst dich retten. Nicht? so komm mit mir, in den tiefsten Keller wirf ich dich hinunter, kein' Sonn' soll auf dich scheinen mehr. (Er will sie fortziehen.)
Rossi (springt dazwischen). Laß sie los, du Schurke! (Packt ihn an der Brust und schleudert ihn von ihr, springt an den Glockenzug und reißt heftig an, man hört stark läuten, zwei Bediente springen augenblicklich herein. Rossi sagt einem heftig etwas ins Ohr, worauf der Bediente schnell abläuft.)
Rossi (stark). Augenblicklich, hörst du, schnell!
Alzinde (wie rasend, sinkt auf die Knie). Sonne, wenn in diesem Augenblick du deinen Donner schmettern willst auf dies verräterische Haupt, so rufe ihn zurück, und lasse meine Stimme dafür gelten, damit du sie auf deinem Throne hörst. Straf' nicht durch Tod, vielleicht ist er noch zu bekehren; durch Reichtum strafe seine Habgier; setz' ihn auf eine öde Insel hin, doch außer dieser Welt, damit sein Rufen nicht zu dir, nicht zu den Menschen dringt. Dort wohne er in einem silbern' Haus, mit einem Dach von Edelstein; schenk' ihm ein Kornfeld, das von goldnen Ähren strotzt, damit sein Geiz sich daran labe. Jede Blume, jedes Laub sei von Smaragd, die Früchte von Rubin, die Bäche von Kristall, damit ihn nichts erquicke, als ihr Anblick. Dann lasse wüt'gen Hunger in sein Eingeweide ziehn, den Durst von Fischen, die auf trocknem Land vergehn, bis er ermattet niedersinkt auf sein smaragdnes Grab, und seine Zunge lechzt nach einem Tropfen Tau; dann erst erfülle seinen jetz'gen Wunsch, und ström', statt milden Regens, diamantnen Hagel auf sein eigensinnig Haupt, damit er fühlt, wie unglücklich der Überfluß an Reichtum macht und von dem Wahn genest, der ihn zum Bösewicht geprägt. (Strebt die Arme gen Himmel.) Sonne, höre mein Gebet.
Rossi. Abscheulicher Auftritt!
Fünfte Szene. Vorige. Bediente. Vier Gerichtsdiener.
Bedienter. Die Wach' ist hier.
Rossi. Ergreift sie beide, diesen Bauer und dies Weib, vors Gericht mit ihnen, unterdessen geh' ich zum Justiziär. (Schnell ab. )
Gerichtsdiener (beide ergreifend). Fort mit euch!
Alzinde (freudig). Die Götter sind gerecht!
Gluthahn. So kommt man mit sein' guten Herzen an!
(Alle ab.)
Sechste Szene. (Das Reich der Vergänglichkeit.)
(Der Vordergrund ist eine finstere Säulenhalle aus schwarzem Marmor. Rechts von der Bühne das kolossale eherne Eingangstor zum Palaste des Genius der Vergänglichkeit. Im Hintergrunde wogt ein dunkelblaues Meer, magisch erleuchtet. An seinem Ufer steht auf einem dunklen Felsstücke ein grauer Schatten und schaufelt Lorbeerkränze, Kronen, Myrtenkränze, Perlen, Schmuck, Geldsäcke, Poesien usw., die auf einem Haufen liegen, langsam in das Meer. Quer über die Bühne begrenzen es als Hintergrund schwarze Zackenfelsen, und über diese leuchtet in der Ferne die Morgenröte der Ewigkeit hervor. Von diesem Punkte aus hört man leis ertönend einen Chor von Genien.)
Chor. Heil dem ew'gen Himmelslichte, Heil dem unnennbaren Geist, Heil, Heil, Heil!
(Der Genius der Tugend tritt mit dem Lilienstengel unter dem Schluß des Chores von der linken Seite ein.)
Genius. Niedersteig' ich zu Alzindens Rettung in dies lichtberaubte Reich, und begrüß' zum erstenmal das schaurige Gestade dieses unermessnen Meeres, Vergänglichkeit genannt. Sag' an, du fleißiger Geselle, was schaufelst du dort auf und senkst es in den Grund des Meeres?
Schatten (mit dumpfer Stimme). Lorbeern sind's und eitle Schätze, so die Welt für unvergänglich hält.
Genius der Tugend. Und wo haust der düstre Krösus dieser Gruft, der stolze Erbherr alles Seins?
Schatten. Er sitzt dort in jener Marmorhalle, sinnend auf den Untergang der Zeit.
(Der Schatten entfernt sich über den Fels in die Szene.)
Genius der Tugend. So will ich ihn aus diesem Traum erwecken, der verderbenbringend ist.
Siebente Szene. Dumpfe Musik. Eine Schar Geister, in graues faltiges Gewand gehüllt, mit Sensen, zieht über die Bühne, und spricht folgenden Chor:
Chor. Lustig vorwärts, muntre Brüder, Denn die Zeit steht nimmer still.
Genius der Tugend. Sag' an, wo eilst du hin, du nächtlich wildes Chor?
Erster Schatten. Wir sind ein lustig Schnittervolk Und ziehen nach der Welt. Fleißig sind wir Tag und Nacht, Mähen Jung und Alt.
Genius. Und seid ihr froh bei solchem Dienst?
Erster Schatten. Wir haben einen harten Herrn, der niemals freundlich blickt, doch sind wir fröhlich, herzensfroh. Lustig, Kinder, auf die Welt. Es leb' die Pest! Es leb' der Krieg!
(Sie ziehen ab, Raben fliegen hinten drein: Qua, qua!)
Genius der Tugend. Zieh hin, du grauser Bienenschwarm, bring' Lebenshonig heim, ich suche deinen Weisel auf. (Er schlägt dreimal mit der Lilie an das Tor, bei jedem Schlag ertönt es mächtig von innen.) Heraus aus deinem finstren Haus, du Schreckensfürst, der die Vernichtung in dem Wappen führt.
(Die Pforte springt donnernd auf, der Genius der Vergänglichkeit tritt heraus, ein finstrer stolzer Mann, trägt lange schwarze Tunika, er hat ein bleiches Antlitz, schwarzes Lockenhaar, keinen Bart, eine eherne Schlange um das Haupt.)
Achte Szene. Genius der Tugend und Genius der Vergänglichkeit.
Genius der Vergänglichkeit. Wer gab dir Macht, an diese Pforte anzuschlagen?
Genius der Tugend. Ich grüße dich, du Riesenengel, dem die Welt erbebt, und der sie einst mit ehrner Faust zerschlägt.
Genius der Vergänglichkeit. Was willst du hier? Warum erglänzt dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis?
Genius der Tugend. Siehst du über jenem Zackenfels, der dunkeln Grenze deines Moderreichs, die ew'ge Morgenröt' erglühn? Dort ist der Tugend Vaterland, der Thron des großen Geists, und ich ein Bürger seines Staats.
Aus dem hohen Wunderland Bin ich zu dir hergesandt; Du sollst von Moisasurs Bann Indiens Herrscherin befrein. Nur in deinen Armen kann Sich ihr Lebensglück erneun. Genius der Vergänglichkeit. Sprichst du irre, kannst du hoffen, Leben aus dem Tod zu ziehn? Stehn der Hölle Himmel offen? Macht Verwesung Blumen blühn? Genius der Tugend. Ich will heut ein Schauspiel geben, Dem sich keines noch verglich; Wo der Tod gewinnt das Leben, Diese Rolle lehr' ich dich. Genius der Vergänglichkeit. Willst du mich zum Gaukler dingen, Mich, den allgewalt'gen Tod? Genius der Tugend. Ich will dich zur Milde zwingen, Durch des Himmels Machtgebot. Genius der Vergänglichkeit. Wer sagt, daß ich schrecklich bin? Um sein Leben zu verbittern, Stellt der Mensch mit bangem Zittern Düstre Bilder von mir hin. Schrecklich bin ich nur den Bösen, Doch den Guten bin ich's nicht! Bin ein Wort von ernstem Wesen, Das Bestimmung zu ihm spricht. Doch wie kannst du's, Lichtwurm, wagen, Zu befehlen mir, dem Tod? Genius der Tugend. Dies wird dir dein Meister sagen, Der dort thront im Morgenrot. (Schrecklicher Donnerschlag. Eine Stimme ertönt von oben.) Gehorche, Sklav! Die Ewigkeit befiehlt. Leiser Chor der Genien. Heil! Heil! Heil! Genius der Vergänglichkeit. Sturmesworte hör' ich sausen, Widerstand ist mir geraubt, Und vor seines Donners Brausen Beug' ich mein gekröntes Haupt. (Kniet und beugt sein Haupt.) Genius der Tugend (seinen Blick erhebend). Laß mich deine Strahlen küssen, Sonne, die du es gefügt, Daß der Tod zu meinen Füßen, Wie ein Lamm geschmeidig, liegt. Genius der Vergänglichkeit (steht auf). Dein Befehlen zu vernehmen, Lad' ich, Seraph, dich ins Haus; Willst du dich dazu bequemen, Eil' ich deinem Schritt voraus. (Bleibt in erwartender Stellung.) Genius der Tugend. Komm, du Herrscher finstrer Geister, Führ' mich in dein nächtlich Haus, Dort verleugn' in dir den Meister, Zeichne dich als Schüler aus; Zeig' dem Laster, das der Jugend Leben stiehlt mit arger List, Daß die Kraft der edlen Tugend Über dich erhaben ist.
(Genius der Tugend geht voraus. Genius der Vergänglichkeit folgt.)